Befreit von der Wahrheit & frei?

Wie sie allen in Washington und Davos den Diktatoren und Wirtschaftsschändern vorn und hinten hineinkriechen, mit den hier fehlplatzierten Worten „Pragmatismus“, „Realpolitik“, „Verhandlungsbereitschaft“ usw. Als ob gerade Putin bis vor 10 Jahren den Westen, incl. Merkel, nicht gelehrt hätte, wie unsinnig die Flötentöne des Rattenfängers eigentlich waren. Und seltsam ist, dass man jahrelang NICHTS zur eigenen Verteidigung getan hatte, aber jetzt plötzlich die Verhandlungskompetenz ohne Macht und Retourkutschen geradezu gepachtet hat. Da sage ich lieber nichts dazu, eine abschüssige ungesicherte Bahn wird nicht einfacher, wenn man den Kopf schief hält.

Gebt euch einige Zeit Nachdenken, anstatt im Luxus von Davos klug die Umwelt weiter zu zerstören und das Wachstum der Reichen zu befördern und dann auch noch von Demokratie sprechen. Man sagt ja nichts, man redet nur. Ich wende mich ab, um wirklich nachzudenken, und da kann man sich nicht zugleich äußern, meistens. Es bleibt genügend Erdoberfläche zu betrachten, zu kritisieren und manchmal zu beschönigen.

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Welch ein Glück, in Marienbad, Potsdam und anderswo „bei uns“ sind die Straßenränder mit abgelegten Weihnachtsbäumen belegt. Klar, Lametta befreit, werden sie weiter ökologisch verarbeitet, im schlimmsten Fall beheizen sie irgend jemanden oder etwas. Kein wirkliches Thema. Man wartet, wie in den Alpen, Lichtmess nicht ab, um sich vom Baum zu trennen, das Jahr ist ohnedies durcheinandergeraten. Ganz dumme Menschen meinen, dass es gar keine Erderwärmung geben kann, wenn sie, nur sie, hier frieren. Weniger dumme denken nicht mehr über das Klima nach, weil seine Rettung ohnedies fast vorbei ist. Und ich erwähne das auch nur, damit der Klimadiskurs nicht ganz vergessen wird. Zurück zum Weihnachtsbaum. graue Gassen machen die abgelegten Bäume schöner, enge Gassen werden noch enger, Hunden gefällt das. Und für viele bedeuten die Müllbaumvorräte ein seliges Zurückdenken an die Feiertage, nicht nur Christen und Geschäftsleute, Alle möglichen Kulturintegrierten. Daran habe ich nichts auszusetzen, gehört zur Kultur wie so vieles andere. Bäume am Straßenrand sind auch Symbole der Vergänglichkeit. Kürzlich bin ich durch eingezäunte Schonungen gegangen, wo schon die Christbäume dieses und des nächsten Jahres wachsen. Egal, obs der Wirtschaft oder dem Glauben dient, der Nadelholz-Kreislauf hat doch etwas dynamisches…das Gute an diesem Thema ist, dass man so wenig dazu zu sagen hat, ich komme nach Hause und habe den Christbaumkorso vergessen.

Das gehört nämlich dazu, wenn man sich vom Terror der Aktualität abwendet (siehe viele frühere Blogs mit diesem Begriff von Amèry): da redet man über etwas und hat dazu nichts zu sagen. Sagt mir jemand: dann schreib doch über Trump und Netanjahu und Kickl…siehe oben: nein, jetzt nicht.

Natürlich sind Weihnachtsbäume KEIN Thema. Es gibt genug andere. Aber ich denke, dass man sich die Reihenfolge und Wichtigkeit der kommunizierten Inhalte nicht einfach einfallen lassen kann, man muss sie von der Kehrseite der nichtbehandelten Autokraten und Faschisten abholen. Wie gehts den Opfern und Demokraten, und was kann man da machen? zB. vom Man zum Ich und Wir. Das Man hat auf die Ideologen großen Einfluss, denn wenn man Teil des Man ist, bleibt „man“ für nichts verantwortlich. Irgendwo sollten wir bei den Personen landen, die die Strukturen bilden, und nicht dauernd umgekehrt. Nicht so einfach, da gibt es Wechselwirkungen

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Statt der Tannenbäume.

Was geben wir denen, von denen wir wissen, dass sie auch zum Sozialsystem keinen oder kaum Zugang haben? Da zählt nicht, dass wir wenig oder keine Sympathie haben. Darüber nachzudenken und zureden, das wäre m.E. ein guter Öffentlicher Anfang auf der Kehrseite des trumpophilen Ramschblattes.

Oder die Schwächen des deutschen und des österreichischen Bildungs-und Schulsystems, die wir kennen, aussprechen UND die Alternative so markant fordern wie die Kultur das selbstbewusst, wenigstens in Teilen Österreichs, tut.

Darüber kann ich befreiter und besser nachdenken und reden als darauf zu reagieren, was man in den Verein des kleptokratischen und autoritären Gesindels hineininterpretiert – schon seit 4000 Jahren wissen wir, dass die Teufel alles Schlechte verkörpern, aber niemals dumm waren. Wer das Umgekehrte behauptet, hat Trump und Putin nicht verstanden

Ein 20. … egal oder nicht?

Es gibt Tage, die sich in das Gedächtnis der Menschen, oder einer Gesellschaft einschreiben. Weil immer wieder an diesen Tagen etwas geschieht, das sich scheinbar wiederholt oder ein Gegenteil bewirkt. Der 9. November, zum Beispiel.

Ein anderes Beispiel, aus meiner Jugend. am 20. April, wusste ganz Österreich, war Führers Geburtstag. Dass am gleichen Tag Bundespräsident Adolf Schärf Geburtstag hatte, im demokratischen Österreich, wussten nicht alle.

Die letzten Tage hatte ich viel darüber nachgedacht, wie nahe mir der heutige Tag rückt. Ich verdränge den Tag, Israel, USA, Italien, Österreich, „die Welt“. Warum soll ich einer Generation angehören, die den Faschismus nicht er“lebt“. Ich weiss viel davon, nicht alles, es reicht. Wir halten durch in der Nanosekunde menschlicher Existenz in der Geschichte der Welt, der sie sich nur in dieser Nanosekunde bewusst ist. Es gibt keine Geschichte der Welt außer in unserem Bewusstsein, ansonsten „ist“ die Welt. Das macht es traurig, im Nicht zu enden, aber es tröstet. Im Nicht sind alle gleich, was erlebt wurde, versäumt, erlitten—egal. Nicht mehr. Nur dass man diesen Trost nicht wahrnimmt, ist die unangenehme Wahrheit.

Egal. Das Wort drängt sich mir auf. Natürlich ist mir der Faschismus so wenig gleichgültig wie andere autoritäre und diktatorische Systeme. Natürlich kann man die USA von anderen autoritären Staaten unterscheiden, aber auch die Position als einer der drei atombewaffneten Weltmächte darf heute so wenig übersehen werden, wie sie sich schon angekündigt hatte und jetzt wirken wird. Ob Trump eine Wende wie Hugo Banzer (Bolivien) machen wird und ein guter zweitmaliger Präsident wird? Nach dem, wie er sich jetzt aufführt, wohl nicht, und seine Stiefellecker werden heute mit anständigeren Politikern bei der Inauguration der bruchhaften Demokratie dabei sein. Nicht mein Problem, heute: egal.

Brüchige Demokratien können geheilt, rekonvalesziert werden. Dazu bedarf es, wie schon gesagt, der besseren Bildung und Ausbildung, es bedarf der realistischen Sorge und Fürsorge durch die Familien, die es wirklich gibt und nicht die historisierten Strukturen für die Retroreligion und -sozialpolitik. Es bedarf in jeder Hinsicht der Aufklärung und das bedeutet auch mit deren Schattenseite; das bedarf der Wissenschaft und der Kultur, und damit einer wenn nicht aggressiven, so doch nachhaltigen Abwehr von Fake News, von Pseudowissen, von einer Abwehr des intellektuellen Vordenkens durch das „Volk“ (typisch: Weidel, Kickl) (Vgl. Volkskanzler.at). Also Kultur. Was mich da umtreibt, ist die wichtige Erkenntnis, dass man die Wurzeln der Kultur gehen muss und nicht nur an ihre Ergebnisse (z.B. nachfragen, wie die Probleme der Geschlechter, der ethnischen Herkunft, der eingebürgerten Ausgrenzungen entstanden sind und weiterwirken. In Österreich macht das Marlene Streeruwitz sehr nachhaltig, und überhaupt gibt es mehr Kulturschaffende als die bräsigen PolitikerInnen ertragen…).

Zurück zum 20. Meine Kindheitserinnerung ist ja nicht zufällig. Die Engramme, die unsere bewusste Lebenszeit kennzeichnen, haben viel mit dem Lebensstil der Nanosekunde zu tun. Nicht durch Faschismus, Kommunismus, Diktatur eingeschränkt zu werden, dehnt die Sekunde. Meine Sekunde, unsere Sekunde. Innerhalb derer ist nichts egal.

Alles zugleich – und nichts zusammen

Der Himmel strahlt unpolitisches ROT, herrlich, das Wetter schlägt um. Kein neuer Schnee, es wird nicht mehr so kalt, das Wasser gefriert auf den Straßen und Wegen. Solche Wahrnehmung taugt nicht als Metaphern für die politische Wirklichkeit, man muss diese parallel denken oder ausklammern. Keine Finger Gottes kommt aus den Wolken, keine Sphinx sagt uns die nächsten Attentate voraus. Die Ordnung der Dinge hat alles säuberlich getrennt, und die Einseitigen fühlen sich getröstet.

Das geht mir durch den Kopf beim Wetterumschwung, der kurzfristig meine Umgebung verändert. Es gibt keinen Politikumschwung, eher bewegt sich alles immer schneller auf die Katastrophen zu, die jeweils nur das Ende ankündigen, aber selbst nicht darstellen.

Wo der Weg im noch verschneiten Wald doch so schön ist, möchte man abschalten. Ja, schon, aber was? Die Wahrnehmung, das Bewusstsein der kreiselnden Ausweglosigkeit, oder, fast kitschig, das Abschalten der Schönheit und Ruhe des winterlichen Waldes, der einem so etwas wie Zukunft einfach durch seine Schönheit und Sinnlichkeit verspricht. Halt: auch von diesem Wald weiß ich, nicht nur ahne ich, nein ich weiß, wie krank, wie gebrechlich die Bäume sind, und die Wirkung des Waldes auf meine Psyche ist eben bedingt. Nichts neues also, ihr wisst schon, was alles zugleich ins Bewusstsein und in die Gefühlswelt eindringen kann.

Mich beschäftigt das im Augenblick, weil die Versuchung groß ist, sich einfach treiben zu lassen, manche sagen: Abwarten, andere sagen: Es kann auch anders kommen. Woher die das haben?

Ich bin gerade  auf Kurzkurlaub, in einer sehr schönen  Landschaft unter sehr angenehmen Umständen. Man kann von seinen Bedenken und Sorgen Abstand nehmen, meinen die Hobbypsychos. Kann man natürlich nicht, aber was gut oder schön ist, bleibt es trotz der Bedenken. Das übersehen die modernen Apokalyptiker, aber vor allem die, die das Schreckliche dadurch bannen wollen, dass sie sich selbst schreckliches zufügen. Alles noch schlimmer machen, als es ist. Das geht mit der Politischen Relativitätstheorie nicht. Wenn die Erde unter drei tyrannischen Atommächten aufgeteilt wird, kann man  einfach eine vierte hinzudenken. aber nicht hinzufügen, die zweite Reihe ist nicht die erste. Die Nachrichten der letzten Tage haben deutlich gemacht, dass im Augenblick an den Konstellationen wenig zu verändern ist, „man“, also aktive Politik, kann bestenfalls Tempo beschleunigen oder verlangsamen, Nebelkerzen werfen oder durch Aktionen die einen oder anderen Gegner ablenken. Und trotzdem ist es sehr schön hier in der Landschaft, und trotzdem kann ich parallel mich wie eine gesunde Zelle im kranken Körper freuen, ohne die Krankheit wegzudenken…Die Metapher ist absichtlich gewählt, um die Spannweite des Umgangs mit der Situation anzudeuten.

Hat es, frage ich Sie, werte Leserin, werter Leser, jemals ein Zeit gegeben, in der das anders war, lokal, weltpolitisch? Natürlich gab es Perioden oder Momente, wo es anders war, mit mehr alternativen Optionen, mit Aussichten, die Tyrannen zu stutzen und die Demokratien zu stärken. Frage: war es damals jeweils Naivität, Selbstbetrug oder gar strategische Taktik?

Auf diese Fragen bringt mich eine Bestsellerautorin der ersten Reihe: Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten, Siedler 2024. Der Untertitel sagt viel: „Wie Diktatoren sich gegen seitig an der Macht halten“. Viele, genaue Fakten, wenige starke Hypothesen, und ein Ausblick, der meine optimistischeren Aspekte der Gleichzeitigkeit und des Nebeneinander rational deutlich macht. Was nicht ihr Stil ist, aber deutlich wird: die Gewalt von Kleptokratie, angemaßter Übernahme der Deutungshoheit und die Verunglimpfung von Demokraten (drei von mehreren Kapitelüberschriften) ist schon sehr weit fortgeschritten, sie hat uns geschwächt und schwächt uns weiter. Wenn wir jetzt nicht doch gleich ins (Er)lösungskapitel weitergehen, wenn wir diese Wirklichkeit weiter begreifen wollen, dann sind wir dort, wo ich eingestiegen bin. Applebaum geht im letzten Kapitel auf Konjunktive, Optative, Möglichkeiten ein, die über politische Programme und Vernunft wirklich werden könnten, mehr nicht. Aber was sie an Realität globaler Demokratiezerstörung mit dauerhafter Wirkung beschreibt, ist eine undramatische, maßvoll geschriebene Darstellung der letzten Regungen vor dem unumkehrbaren Ende. Dem zweiten Ende, neben der Umwelt und den 3°-4°, das die Wirtschaft, der Pöbel, aber auch die Kleptokraten selbst verursachen, wird kaum mehr ein Kommentar gewidmet. Auch wenn man dem Ende zugeht, im Wortsinn, kann man Ausschau halten, was einem auf dem Weg begegnet, da sind wir privilegiert. Anders als Geflüchtete, Hungernde und Obdachlose. Dieses Privilegium hat nun leider keinen direkten Einfluss auf die Politik, mit der man das Steuer herumreißen könnte – aber es kann uns stärken.

Wenn wir uns über Maßnahmen austauschen, was wir ja auch tun, dann nicht hier im Blog. Nicht alles muss öffentlich zur Verfügung stehen der Netzeigentümer, also auch der Kleptokraten, der alternativen Fakten-Verwender, damit nicht nur der Autokraten und ihrer Influencer, ihrer menschlichen Drohnen. Aber damit wir uns austauschen können, sollten wir resilient sein, empathisch und hellwach. Dazu trägt der rote Himmel bei, bevor der Nebel wieder alles zudeckt.

Blaupause Untergang

Sogar getröstet habe ich mich und euch, Verhaltensstabilität propagiert, und den Blick von allem Schrecken abgewandt. Die sogenannten Realpolitiker stellen sich auf gezielte Unterwerfung unter Trump ein, hoffen ihn zu überleben, und wie defekt die Welt in 4 Jahren ist, egal. Sie werden das an sich unbedeutende teuto- x austrofaschistische Österreich überleben, die linksfaschistische BSW wird durch sich selbst enttarnt, die Elon Tusk Hymnen auf die Weidel und umgekehrt beschwichtigen die kritischen Geister, und solange Melonis Außenpolitik hält, ist es uns doch egal, wie schlecht es den Italienern geht. Umwelt gibts nicht und die Armen sind selber schuld, dass sie nur Schulden bedeuten für die Lindners dieser Welt. Nerin, ich jammere jetzt nicht, ich habe ja gegenGifte entwickelt. Erinnert euch.

Ich stelle mir jetzt die sozialen Kommunikationen beim Weltuntergang vor. Parteien, die ohnedies nicht mehr gewählt werden, bedauern ihre Fehlentscheidungen, jetzt ist es zu spät für Taurus und Aktivitäten, die temporären Wahlsieger richten sich auf feierlichen Abschied vom guten Leben ein, es hilft nichts für die Position im Jenseits, nachdenkliche Randständige haben es immer schon gewusst, und Kluge im Zentrum glauben noch immer, dass sich DAS RETTENDE AUCH noch zeigt.

Wenn die 3° überschritten sind UND die drei Atommächte einander bekämpfen, und ihre diktatorischen Unterläufer noch ihre eigenen Interessen verfolgen und sich bei normalen Menschen der Wohlstand verflüchtigt, der bei den Subnormalen nie angekommen war, und dieses alles von einander unabhängige Variable sind, wenn das alles so ist und man sich nicht auf Trost in einem beliebigen „Jenseits“ einstellt, was dann?

Das Besondere am Weltuntergang ist, dass Widerstand zwecklos und praktisch unmöglich ist, und dass Unterwerfung unter die offenkundig Mitschuldigen wie unter höhere Mächte zu spät kommt. Apokalypse now.

Warum habe ich dann so oft in letzter Zeit vom Ausweg geschrieben? Weil wir gerade noch Zeit haben, die Kurve zu kriegen, wenn etwas das „Rettende“ ist, dann wir selbst. es kommt nicht von außen. Das heißt nicht, dass wir gerettet sind, aber es ist möglich, dass wir es werden. Möglich. Das setzt keine vage Meinung voraus, sondern Politik, Gegnerschaft hier, und Kooperation da, und dass wir es mit der Wirklichkeit Ernst meinen.

Dafür dürfen wir von jedem Glauben abfallen.

Auf dem Weg zur Ausweglosigkeit versuchen die Hoffnungslosen in der Politik, uns noch einmal zu betrügen, auch wenn es zu spät ist. Das wäre wirklich zu spät, das aber bedeutet Politik Jetzt.

Ausflucht und Gleichzeitigkeit

Wenn man grad unterwegs ist, lockern sich die psychischen Rückhaltemechanismen, die Assoziationen sind weniger gebremst und Einblicke tun sich auf, die man sonst lieber vermeidet, um nicht verstört oder deprimiert zu werden. Mit einem Wort: Urlaub. Aber was sich da einem aufdrängt, ist beachtlich – der Zug fährt ganz schnell, aber man sieht doch die Ballungen von Einfamilienhäusern, ungenutzten Fabrikanlagen, schauerlichen Verkehrskreuzungen, und man fühlt sich beim Durchqueren der Natur erleichtert. Das ist keine Regression, das sind Eindrücke bei der Fahrt durch ein etwas abgelegenes Gebiet, genauer: Grenzgebiet. Das ist bei uns zuhause, vor allem zwischen Stadtrand und dem nächsten Ort, nicht viel anders, aber hier erfreut man sich doch größerer intakter Natur- und Landwirtschaftsgebiete ohne die Verknotungen von Landschaft. Mit anderen Assoziationen.

Ein alter Mann, aus der Gegend, aber früher als Fahrer herumgekommen, erklärt ungefragt den Niedergang der in dieser Gegend früher dominierenden mittleren Industrie. Keine rechtslastige Retro. sondern eher eine Aufzählung aller Elemente, die zusammenwirken, bis ein lokaler Industriezweig verschwindet. Ich zähl das jetzt nicht auf, habe es aber glaubwürdiger gefunden als die von oben betrachteten pauschalen Vorwürfe gegen die deutsche Wirtschaft. Nicht jeder denkt in kapitalismuskritischer Theorie oder Kapitalismusförderung als Gesellschaftsziel, wenn er schlechte Entwicklungen bewertet. Der ältere, eher linke Erzähler des wirtschaftlichen Niedergangs hat, zusammen mit den Ortsrändern, eine länger dauernde Trübung selbstgewählter Gedanken bewirkt, ich musste mich mit den Einfamilienhaus- und Kreuzungsmiseren befassen, obwohl ich es nicht wollte.

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So, jetzt kommt keine Kritik der Wirtschaftspolitik, sondern die Rückkehr zu den erfreulichen Strecken unverschandelter Landschaften, in denen man auch einmal gern wandern möchte, den mäandernden Bächen entlang oder auch über ein noch recht intaktes Moor. Was ganz andere Ketten von Assoziationen weckt, was man schon kennt, wo man wieder sein möchte, und was man wo wieder erleben möchte, wenigstens erinnern. Kaum ist man über der Grenze (keine Kontrollen), geht das so weiter, und heute abend, nach dem mächtigen, sehr lokalen Abendessen, fragen wir uns eher aufrichtig, warum es analoge Wirtshäuser vielfach, aber nicht bei uns in Potsdam gibt. Wie gesagt, die Kontrollen der psychischen Wegweiser sind abgeschwächt.

Bevor ich mich ans Reise- und Urlaubstagebuch setze, eine andere Beobachtung der Wirklichkeit mit verminderter Bewusstseinskontrolle: was mich an Informationen erreicht, und was ich dann kritisch verallgemeinere und analysiere. Die Dauer der Aufmerksamkeit an politischen Ereignissen und Entwicklungen ist von sehr vielen Faktoren abhängig, nicht nur vom Engagement des eigenen Landes in einem Konflikt und der eigenen Position dazu. Ich beobachte mit Ärger, wie stark die Aufmerksamkeit für Afghanistan abgenommen hat, seit den Höhepunkten 2015 und 2020, wobei die Niederlage der Deutschen an der Seite der USA als solche schon kaum mehr wahrgenommen wurde. Weniger Ärger als Erstaunen ist die kaum profilierte Aufmerksamkeit gegenüber den Konflikten im Sudan und im Kongo. Kein Erstaunen erweckte die Aufmerksamkeit gegenüber den Ereignissen und Nachwirkungen des 7. Oktober 2023, aber merkwürdig, wie verwaschen die Empathie mit den Israelis nach dem Anschlag der Hamas und wie konstant und einseitig die antisemitische Sympathie für die Palästinenser ist.

Ich kann alle Empathieschwankungen politisch und teilweise psychologisch erklären, nicht aber die Hartnäckigkeit des aufrecht erhaltenen Interesses und vor allem nicht die unterschiedlich kurze Dauer des allgemeinen, öffentlichen Interesses an je einem Konflikt. Es ist, als ob die Mehrheit der Bevölkerung nach einer Zeit der Sympathiekundgebungen und des aktiven Interesses an der Wirklichkeit des Konflikts ermüdet. (Und ich merke, dass das ähnlich mit den deutschen Kompressoren geschieht, kaum wird das Bewusstsein durch Reise und Freiheit abgelenkt. Aber diese Gedanken sind ja gerade im Urlaub niedergeschrieben). Nun bin ich nicht die „Masse“ und auch nicht von den Medien abgeschnitten. Aber es verdichtet sich eine Hypothese, die ich wissenschaftlich so einfach nicht belegen kann: wenn ein Konflikt die Menschen erreicht, sind ihre empathischen, sympathischen, moralischen Kundgebungen zugunsten meist einer Menschengruppe umso heftiger, je mehr diese Menschen hoffen, dass die Politik die Empathie aufgreift, handelt, in den Konflikt eingreift. Je weniger oder erfolgloser das geschieht, desto stärker kühlt das Engagement ab. Die gebildeten Einwände gegen die Hypothese kenne ich auch. Ja, es gibt so viele Konflikte, dass viele ohne großes moralisches Zögern ihre Unterstützung auch verschieben können. Aber das Problem hat auch mit Kenntnis, Wissen, Vorstellungen der jeweiligen Konflikte zu tun. Und die haben sehr unterschiedliche Quellen, keinesfalls nur die Medien oder die aktuellen Aussagen der Politik. Und das ist auch die Verbindung der beiden Bereiche in dieser Überlegung: mit der Lockerung der psychischen Schranken tritt auch die belastend-dauerhafte Beschäftigung mit den innenpolitischen, kulturellen, ökonomischen und auch personalen Konflikten des absoluten Präsens – gestern, heute, nicht vorgestern, nicht morgen – ein Stück, ein Stück weit, nicht ganz – in den Hintergrund, und siehe da: vieles nur zweit Wichtige verblasst, und nur was wirklich schmerzt und aufregt bleibt. Dem aber ist es egal wo ich gerade bin, wenn es angreift.

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Dann kann ich meine Empathieverteilung absondern von den wenigen politischen und moralischen Einsichten, die mir absolut noch keine stabile Handlungsbasis bringen. Aber die Analysen zum Faschismus, zu den näherkommenden Diktaturen, zur Willfährigkeit von Teilen des lokalen heimischen, europäischen, globalen sind – ja, das ist erfreulich – vom aktuellen Wust dessen allen was noch sich ereignet etwas entlastet, und das fördert die Parallelität. Darum, werte Leserin und werter Leser, geht es mir: dass man die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, nicht hierarchisch anordnen muss, dass das wichtigste Wort „ZUGLEICH“ heißt, gegen die Vertikale der Macht anderer und unseres folgsamen Bewusstseins. Zugleich nichts vergessen, und Verdrängtes wieder er wach werden lassen. Zum Beispiel Afghanistan, zum Beispiel Sudan, aber auch zum Beispiel wirkungsvollen Widerstand.

Kurz vor dem Ende

Noch bevor in elf Tagen die zweite Amtszeit beginnt, wird mit schockierender Klarheit deutlich, dass Trump II seine Fesseln weitgehend abgelegt hat und seinen zerstörerischen Wahnsinn nicht auf die USA beschränken wird. Donald Trump möchte sich nicht nur huldigen lassen, bescheinen lassen von der Sonne der Macht. Nein, dieser Mann folgt einem zerstörerischen Antrieb, der alle zu Gegenwehr mobilisieren muss, die an das Recht als höchste Instanz demokratischer Legitimität glauben„. (Stefan Kornelius, SZ 9.1.2025)

Trump ist nicht nur ein Symbol für eine verrückte Weltzerstörung durch die drei Großen Atommächte. Er selbst, seine miese Regierungsbande und der AfD Freund Elon Musk zeigen deutlich, wie das eherne Zeitalter sich begründet. Das Privatleben mag in den USA, außer für die Armen und Widerständler, noch angenehmer sein als in China oder Russland. Aber die Trias hat sich geschlossen. Und unterhalb der drei Atomdiktaturen machen sich die Menschenfeinde breit. Ich zähle die nicht-demokratischen Länder nicht auf, und die weniger Widerstandsorte auch nicht, weil es darauf nicht so sehr ankommt, als auf die Formen des Widerstands, auf die es ankommt. Umwelt, Klima, Nahrung, Wohnung, Überleben. Kornelius hat Recht: die Legitimität gibt nicht nur Unterstützung, sie ermöglicht überhaupt Widerstand aufzubauen und durchzuhalten.

Natürlich werde ich meine persönlichen Vorstellungen von Widerstand, seinen Risiken und Gefahren, seinen Möglichkeiten nicht hier ausbreiten. Natürlich, weil es so ja nicht vor sich geht. Das ist unsere Chance. Ich nehme eine Metapher: wenn ich Texte nicht mehr verschlüsseln kann, weil IT alles aufklärt, muss ich mit Ironie arbeiten, die nur die verstehen, die es angeht. Das bedeutet, umgekehrt, auch Einschränkungen im unbedingten meinungsfreien Austausch aller Vorstellungen mit allen. Damit wird auch die Politik anders.

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Der zerstörerische Wahnsinn, von dem Kornelius spricht, ist keine Metapher, er ist Wirklichkeit. Das ist bei Diktatoren nicht außergewöhnlich, aber bei atombewaffneten, unendlich reichen und mächtigen, die sich in der Anbetung durch Millionen geistarmer, unerzogener Kleinbürger befinden, schon. Und vergessen wir nicht: diese faschistischen und faschistoiden Selbstherrscher sind für sich keine besonderen Menschen, sie sind das Produkt des undemokratischen Durchschnitts.

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Was sich auf uns aus den USA ergießt, ist anderswo schon Beginn der abstoßenden Wirklichkeit. Aber vielleicht kann der Widerstand der denkenden Menschen in Österreich, der jetzt beginnt, einen Weg zeigen, der bei den Alpen nicht haltmacht. Das alles wird nicht ohne Risiko vor sich gehen, es birgt Gefahren, es kann uns Angst machen – aber keine Verzagtheit.

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Tags darauf. Meldungen von Demonstrationen in Wien. Prima, noch mehr davon. Meldungen von Musk & Weidel . Der Faschismus zeigt wenig Maske. Er verbreitet sich, weil seine Grundlagen im Pöbel längst die Klassengrenzen überschritten haben.

Es wird kalt. die Parteiprogramme der Rechten wärmen nur die eingepackten Wohlhabenden. Lass die Armen hungern, war lange ein Programm, oder sie sollen auswandern. Das geht heute nicht mehr. Sich auf die Kargheit vorbereiten, ist ekine Epistel, sondern vielleicht nur klug?

Eurofasch, Austrofasch, kein Fasching

Fasching ist die mit Abstand die bessere Variante zum sog. Karneval. Meine Rekonstruktion von Heimat beinhaltet auch den Fetzenzug im Fasching von Ebensee.

Kann sein, dass ich mit dem Rücken zu euch stehe. Was wenige Karnevalisten wissen: nur lustig ist der Fasching nicht, und wer beim Fetzenzug eine übergebraten bekommt, muss sich mit den Tätern fragen: warum? Aber leider rückt der an sich gute Fasching auch in Österreich in eine jenseitige Galaxie.

Würdevoll wird der sogenannte amerikanische Präsident – ein krimineller Hochstapler allemal, umgeben von einer despotischen Horde, – in seine zweite Amtszeit befördert, nichts ist vor vier Jahren geschehen, schon trommeln die Faschisten an die Gitterstäbe. Und natürlich kriechen die europäischen Rechten in die multiplen ideologischen Öffnungen des despotischen politischen Körpers. Grönland und Kanada sind Symbole, aber ernstgemeint.

Ohne Würde geht die Verhandlung zwischen dem Faschisten Kickl und dem austrofaschistisch-nahen Nehammer, vertreten durch Stocker, in eine nicht zu vermeidende Runde. ÖVP, SPÖ, NEOS haben dem Austrofaschismus eine gewisse Dynamik hinzugefügt. DIE SICH NICHT WIRD EINFACH RÜCKGÄNGIG MACHEN LASSEN, wenn es nicht schnell und hinreichend Opposition gibt. Die sehe ich noch nicht.

(Einige, wenige meiner Bekannten in Österreich finden meine Wortwahl zu harsch, alles sei in Österreich ja doch anders als in den andern europäischen Staaten. Hat man in Ungarn auch so gesagt, in der Slowakei. Und was sagt man zu Meloni und Italien? Wacht endlich auf).

In Deutschlasnd ist Trump das Vorbild für FPÖ-Lindner, und Söder personifiziert sich schon jetzt mit der Wiederholung einer Bewegung, die von Bayern ihren Ausgang genommen hatte. Diesmal als Farce.

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Werte Leserinnen und Leser, machen wir einen Wettbewerb, der bessere Begriffe statt des einhüllenden Faschismus vorstellen soll. Kritik geht nur mit Begriffsvarianten. Aber, wenn es darauf ankommt, was geschieht und wer es macht. Europa, die EU, könnte ein demokratisches Gegengewicht gegen die Entwicklung der USA sein, stattdessen wird hier eine partielle Selbstbesänftigung betrieben, wird schon nicht so schlimm werden. Das gilt anfangs für die Wählermehrheiten in den USA, für viele der Rechtsradikalen in Europa… ich rede von Faschisten, nicht von Nazis. ANFANGS, bis es zu spät ist.

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Mir nahestehende Menschen fragen sich und andere wohin man/wir im Ernstfall sich retten können. Sich vor dem Faschismus retten hat interessante und spannende, sehr vielseitige europäische und andere Vorgänger und ihre Geschichten. Diese Menschen haben u.a. verstanden, dass man sein Wissen um die Gegenwart festigen und erweitern sollte. Der Vorgang dieses Weiterlernens ist politisch. Die Faschisten sind weder dumm noch einseitig – das gilt für alle machtbesessenen und regierenden Gruppen, und zu den linken oder demokratischen Fehlern gehört sie zu unterschätzen. Das schmerzt viele, ist aber wichtig: denn „unterschätzte“ Systemkritiker gewinnen mit ihrer Ideologie, für das Volk gegen die Eliten zu agieren, Das ist widerlegbarer Unsinn, wirkt aber, wenn man beweisen kann, dass man nicht so dumm ist, wie die etablierten „Systemakteure“ behaupten.

Das ist in den USA oder in Österreich ein erfolgreiches Mittel, die weniger gebildeten, um ihren Besitz und Wohlstand Fürchtende von der Demokratie sich abzuwenden. Die Rolle der Medien und der Podcasts müsste hier noch genauer untersucht werden – aber wir wissen schon viel.

Es wird kein gutes Jahr. Es ist keine gute Zeit, weil wir die Ausgänge und Alternativen nur ahnen, aber nicht wirklich und nachhaltig vertreten. Trump, Meloni, Nehammer, Kickl, Söder, ….die Liste ist viel länger. Wenn wir einzelne herauslösten, würden ihre Köpfe nachwachsen wie bei der lernäischen Hydra. https://www.storyboardthat.com/de/mythology/hydra

Mir ist WICHTIG, dass kein Eindruck einer apathischen, deprimierten Reaktion entsteht. Im Gegenteil, man kann viele Phasen des Faschismus widerständig überstehen, ohne selbst zu schnell zu viel zu opfern. Aber man muss sich der Grenzen der Widerständigkeit bewusst sein, und vorsorgen.

Aufstieg der Absteiger

Das kann man den Bergsteigerinnen und Alpinisten zubilligen, lieber hinauf als hinunter zu wandern oder zu klettern.

Man kann es beruflich verwenden. Man kann es realistisch und metaphorisch hinstellen. „Man kann“ haben alle diese Optionen gemeinsam. Man kann damit Politik beschreiben, die P-er und P-erinnen als Personifizierung des Auf und Ab. Man kann, sollte es aber sparsam anwenden, schließlich sind wir nicht die Springer-Presse oder der Springer-Verlag. Wenn man lange genug Aufsteiger prügelt, beginnen sie oft zu erodieren und bauen ab. Wenn Lindner, Kubicki, Söder auf den Grünen herumtrampeln, dann schadet denen das, ohne dass es für das Verhalten der Demokratieverlierer wirklich Gründe gäbe – außer ihrer Nähe zu prekären Medien und ihre Angst vor Wahlverlusten. Dafür opfern viele ihre Wahrheiten.

Politisch sind die drei Genannten und viele ihrer Parteihäuptlinge im Abstieg. Öffentlich und lautstark sind sie es nicht, weil sie nicht ohne Hintergedanken gefördert werden.

Lindner (FDP): „Elon, ich habe eine politische Debatte initiiert, die von deinen und Mileis Ideen inspiriert ist“, schrieb Lindner auf Englisch angesichts der libertären Ansichten Elon Musks und des argentinischen Präsidenten Javier Milei. Lindner hatte kürzlich gesagt, man sollte „in Deutschland ein kleines bisschen mehr Milei und Musk wagen“.(https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_100557380/elon-musk-unterstuetzt-die-afd-christian-lindner-laedt-ihn-ein.html). Neoliberale können sich unschwer dauernd von sich selbst distanzieren, weil sie ja nicht Selbst sind, sondern ein Instrument derer, die sie beherrschen (ich weiß, das ist doppeldeutig, soll es auch sein).

So, wie Jeff Bezos in den USA sich an Trump und Musk heranwanzt, so wanzen sich auch in Europa und in manchen Parteien einige an die beiden heran, während andere cooles Desinteresse vorgeben und einige scharf kritisieren, was sie hinter der amerikanischen „Politik“ vermuten. Aber Europa ist der Absteiger, weil es nicht mehr beschützt wird. Schon jetzt wird der Ukraine nicht geliefert, was geliefert werden kann, schon jetzt spielt die rechte Mehrheit in der EU die Tatsache herunter, dass eine soziale Beschädigung der Innenpolitik die Außenpolitik noch schwächer macht – egal, wie „stark“ das Militär ist. Und die Maulwürfe der Innenpolitik ranzen sich an die neue Macht der Macht heran…natürlich begreifen Lindner oder Söder nicht, wie die USA nun zur dritten Macht im globalen „1984“ umgestaltet werden. Da nützt es nicht, sich auf ohnedies brüchige demokratische Traditionen zu berufen, es zählt, was ist, nicht was WAR.

Aufsteiger sind oft nicht wirklich zu bewundern, wenn sie nach dem Gipfel doch nicht heil herunter kommen. Absteiger können ihren Gipfel oft nicht beweisen, nur sie wissen die Wahrheit. Und wer kommt schon an die Gipfelbücher heran, wo ihre Eintragungen alles verifizieren können…schiefe Metapher, ich weiß. Absichtlich. Denn was jetzt an Prognosen, Analysen, Wachträumen und Senfpflastern verteilt wird, kann, muss nicht, total falsch sein oder anders als die Wirklichkeit. Nur eines steht fest: es stimmt nicht wirklich.

Politik mit Gefühlen: Israel und die Welt

Dass Politik Emotionen hervorruft, dass sie von Gefühlen mitgesteuert wird, wenn Rationalität nicht genügend greift, wissen wir. Wenn aber Gefühle auf der selben Ebene wie Vernunft Politik herstellen, steuern und gegen die Gesellschaft, manchmal auch mit ihr, in Stellung bringen, bedarf das der Erklärung.

Und dass Israel heute, Israel nach dem 7. Oktober 2023, stärker noch als Israel nach 1948, als Palästina nach 1917, als Beispiel für eine Theorie genommen wird, die global anwendbar sein kann, gebraucht wird, ist besonders.

Ich hatte schon früher auf die Autorin und Wissenschaftlerin Eva Illouz hingewiesen (*1961, Israel und Frankreich, Originaltexte oft Englisch), sie arbeitet multidisziplinär und nachdrücklich verständlich. Jetzt geht es mir um das Buch „Undemokratische Emotionen“ (2023) und die Verbindung einer wichtigen Theorie mit dem Beispiel Israel, v.a. nach dem 7. Oktober. Gleichzeitig kritisiert sie die antisemitische Haltung derer, die Israel immer als erstes, aber negatives Beispiel internationaler Konflikte nehmen.

Angst, Abscheu, Ressentiment und Liebe – das sind die vier Qualitäten der nationalistischen Politik Israels (durchgängig analysiert, erstmals genauer S.22ff.). Sie führt diese Qualitäten auf drei soziale Erfahrungen zurück, wobei die kollektiven Traumata der Jüdinnen und Juden in Angst vor dem Feind umgesetzt wurden, der umstrittene Nationalismus nach der Landnahme von 1967 ist die zweite Erfahrung. Beide kennen wir ziemlich genau. Aber ich bin positiv erfreut, wie wichtig Illouz den Konflikt mit den Mizrachim, also „jener Jüdinnen und Juden, die oder deren Vorfahren aus arabischen Ländern stammen“ (alle drei Punkte S. 21).

Aus diesen kurzen einleitenden Absätzen entsteht ein faszinierendes Buch, das den jetzigen Zustand der israelischen Auseinandersetzung nicht nur mit der Hamas im Gaza, sondern im weiteren Umfeld beschreibt.

Angst, Abscheu, Ressentiment – die drei Qualitäten der Emotionalität kann man relativ schnell analysieren. Aber „Liebe“ zur Nation (27ff)? Ich habe mich schon mehrfach, auch hier in den Blogs, mit der Doppeldeutigkeit der amor patriae, der Liebes DES Vaterlands und der Liebe ZUM Vaterlande, auseinandergesetzt. Das wird in dem Buch nicht abstrakt, sondern detailgenau empirisch abgehandelt: rationales Herangehen an Gefühle, mit scharfer Kritik am emotionalen Ausblenden der Vernunft, u.a. durch singulare Identität. „Geliebt und gefürchtet zu werden sei die beste Methode, um Macht auszuüben“, bezieht sich Illouz auf Macchiavelli, und auf den Vorrang des Gefürchtetwerdens (32).

Ab hier kann und soll man die Ausformungen, Schnittmengen und Schlussfolgerungen der Methodik genau verfolgen, weil Israel in der Tat die Blaupause für die Zerstörung von Demokratie durch eine fatale Aneignung und Praktizierung der vier emotionalen Bestandteile ist. Der Faschismusvorwurf gegen Netanjahu und Teile seiner Regierung – ad personam und partei-bezogen – wird genau belegt. (Wer Netanjahus Geschichte metaphorisch nachvollziehen möchte, sollte auch das lesen: Joshua Cohen: The Netanyahus – An Account of a Minor and Ultimately Even Negligible Episode in the History of a Very Famous Family, NYRB 2023). Auch der Hinweis, dass der Pöbel nicht von vornherein faschistisch ist, aber für diese Entwicklung prädestiniert wirkt, sollte beachtet werden – es geht eben nicht nur um die prekären Einzelpersonen, die brauchen schon massenhafte Unterstützung.

Unbedingt aber sollte man das Abschlusskapitel lesen. Es ist durchaus parallel zu den wichtigsten Interpreten und Kritikern der gegenwärtigen Politik zu lesen, Omri Boehm, Delphine Horvilleur, Grossmann usw. Aber auch die Herkunft soziologischer Gedanken, v.a. Simmel 1908, fällt auf, wenn es um den Fremden geht: Illouz fokussiert auf Brüderlichkeit im Kontext von Universalismus. „Als Emotion, die typischerweise von Fremden hervorgerufen wird, schließt Brüderlichkeit Mitgefühl ein, geht aber darüber hinaus“ (223). In der Diskussion um Empathie sollte man immer an die Gefahren denken, wie sie zB. Breithaupt (2016) darstellt – und wie sie Netanjahu massenwirksam missbraucht. Illouz` Verbindungt zum Universalismus ist wichtig, geradezu aktuell: “ In einer universalistischen Gemeinschaft sollte die Zugehörigkeit zu einer religiösen Minderheit den eigenen politischen Status nicht beeinflussen. Das mag einer der Gründe dafür sein, warum Juden ein überproportional starkes kommunistisches oder sozialistisches Engagement an den Tag legten“. (225). Das ist schwierig nachzuvollziehen, aber einen Aspekt nennt Illouz sofort, dass „Juden vorbildliche Bürger in Frankreich und den USA waren“. Das Imperfekt stimmt leider, heute sind sie vor allem gegen Trump tief gespalten. Der Abschluss ist nur damit verständlich, weil Illouz vor allem die Religion mit der liberalen Demokratie verbindet, wenn der Universalismus greift – wenn nicht, haben wir die heutige Situation und das, was in dem Buch ausführlich analysiert wird. Den „nichtjüdischen Minderheiten die vollen Menschenrechte zugestehen“ wäre der „wahre und einzige Geist des Zionismus und jener Zivilreligion, die er im Landes Israel zu verwirklichen versucht hat. Ob es ihm gelingt, bleibt eine tragisch offene Frage“. (227)

Für mich traurig, aber wahr. Der letzte Satz wird im Augenblick von den Faschisten negativ beantwortet, und wo der Zionismus und nicht nur sein Geist ist, wäre fraglich. Aber Illouz muss die Frage offen halten.

Ohne Vorsatz?

Endlich keine Liste guter Vorsätze. Das neue Jahr nicht anders beginnen, als man das alte beenden musste. Wir sind ja nicht die Herrn über den Kalender. Wer Vorsätze ausplaudert, riskiert schon das schäbige Grinsen derer, die ohnedies nicht an das Durchhalten der Pläne glaubt. Und wer nichts sagt, sondern sich nur im Durchhalten der eigenen Verbesserungen übt, hat noch den Nachteil, dass ihm niemand anders als er oder sie selbst Mut zu dieser Aktion macht…nicht rauchen, nicht trinken, keine Süssigkeiten, jeden Tag laufen, ….abstrakter: jeden Tag eine gute Tat. Da stockt der Plan, was ist denn eine gute Tat.

Seltsame Schatten meiner Kindheit und Jugend tauchen auf, die gute Tat, mit den Pfadfindern und ohne sie. (Damals wussten wir noch nicht, dass man das Problem mit der Kant*schen Ethik beleuchten könnte…). Kein Witz, wenn es diskutiert wurde, ob zwei gute Taten an einem Tag einem erlaubte, am nächsten Tag keine gute Tat zu tun.

Das alles hat mit meiner Sozialisation zu tun und wird meistens an diesem ersten Jänner, im Norden Januar, aus dem Halbbewussten hochgefahren, um dann wieder zu versacken. Aber zurück: was ist denn wirklich eine gute Tat? Das wissen wir natürlich alle, aber das Besondere ist, dass eine herausgehoben wird, und eine besondere Aufgabe hat, uns besser zu machen als wir mit allen andern guten Taten (ohnedies) wären. Ich erinnere mich daran, diese Frage tatsächlich gestellt zu haben und Unverständnis geerntet zu haben. Es geht doch um eine gute Tat, die du eigentlich nicht tun wolltest, die dir zuwider ist, die anstrengend usw. sein kann, oder dir fern liegt. Und wie ist das mit allen anderen guten Taten? Na, es gilt ja für alle, und die eine, die du heraussuchst, wird in das System der einen täglichen guten Tat eingebaut. Nach einiger Zeit, einem Monat, einem Jahr, schaut dich diese Liste an. Was? Das sollen gute Taten gewesen sein? oder: toll, nein, ich hätte das nicht so gut machen können. So werden Helden und Versager gemacht.

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Werte Leserinnen und Leser meines Blogs. Mit besten Neujahrsgrüßen zeige ich ihnen, wie fragil die Sicherungen der eigenen Geschichtsbewertung sind, gerade an Tagen, wo man sich, mit gutem Grund, der Litanei guter Vorsätze verweigert. Oi, sagt ihr, wie langweilig. Stimmt, das ist ja eben – schon die Erinnerung an die hinterhältige Vorsatzrhetorik hat einen grindigen Geschmack. Und ich habe das Thema gewählt, weil es mich heute wieder einmal nervt. Zum mehr als siebzigsten Mal.

Statt dessen sind wir bei hellblauem Himmel, noch bevor der starke Wind kam, durch die Fluren gelaufen, die Hunde freier als sonst, auch weil vor Mittag so gut wie keine anderen Menschen da herumgingen, später wurden es ein paar mehr. Ein Falke begleitet uns. Auf einer Wiese stehen drei Hochstände, als wollten die Jäger entweder miteinander reden, wenn es keine Rehe gab, oder konkurrieren, aus welchem Winkel man vielleicht am besten trifft. Das geht natürlich an den Wochenenden genauso, aber am Neujahrstag, wird zusätzlich geboten, was man gerne macht. Und, glaubt mir, Neujahr und das gestrige Silvester waren kein Thema während der Wanderung.

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Der heutige Tag lässt Glückwünsche und Hoffnungen für 2025 durchaus zu, aber keine neuen Erwartungen. Der Kalender ändert nichts, Musk war gestern genauso schräg wie heute, und die Kommentare dazu natürlich auch. Aber es hilft sich vorzustellen, dass manches, was man schon als gesichert erwartet, dann doch nicht eintrifft, und sich anderes ereignet, womit man eigentlich nicht rechnen sollte. Die private und persönliche Wahrsagerei feiert zum Jahreswechsel laienhaften Glanz, die Horoskoptiere schaffen es professionell in seriöse Journale. Mir gibt schon zu denken, warum sich plötzlich Dinge ereignen sollten, die wir nicht erwarten oder die wir nicht auf dem Schirm haben. Die Fesseln des Unbewussten sind gelockert, und ans Licht tritt, was man unbewusst, heimlich, schon vorbereitet haben. Und das ist kein triviales Denken, wenn man, gut verkleidet, rauslässt, was man politisch, kulturell sich erhofft, nicht nur aber auch persönlich, aber vor allem dort weltweit, wo man nicht gefragt wurde und gefragt wird, wo man als Laie ohnedies nur am Cafétisch zu Haus drüber redet, weil es niemand von einem wissen will, während es viele wissen wollen, nur nicht von mir, von uns. Und dann kann man sich natürlich vornehmen, die eigene Meinung zu politisieren, rauszulassen, aktiv zu werden, wo man bislang nur nachgedacht hatte. Also doch ein Vorsatz?

Mit diesen Gedanken lese ich die Pläne meiner grünen Partei und überlege, wo ich was vor- und einbringen kann. Sage ich hier im Blog nicht. Mal schauen, was davon wie ankommt.