Keine Rücksicht auf die Wirklichkeit

Es gibt Debatten, die bezeichnen sich als politisch, sind aber Meinungsgefechte oder ideologische Kellergedanken. Zu allen möglichen Themen, die uns angeblich oder wirklich betreffen. Hauptsache, man äußert sich und wird dabei zwar erkannt – ach, der, oh, die… – aber nicht haftbar gemacht für die Folgen des Wortausbruchs (kleiner Sprachvulkan mit begrenzt Laberfeldern). Dem gehe ich immer öfter aus dem Weg und werde dafür gerügt, als unpolitisch oder mit einer wohl inakzeptablen Meinung. Kann ich ertragen. Warum dann darüber reden? Weil ich etwas zu sagen habe (mein Freund Bodenheimer filterte immer das Gesagte aus dem Gerede, wenn er Bedeutung oder Wirkung vermutete.

Es gibt nicht viele Menschen in der Politik, die wirklich etwas zu sagen haben. Die meisten guten PolitikerInnen sind gut, wenn sie richtige Entscheidungen umsetzen, und schlecht, wenn sie nichts entscheiden, oder mehr Meinungen als Praxis repräsentieren. Wann haben sie etwas zu sagen? Wenn es um Beteiligung an Krisen, Kriegen oder Machtdemonstrationen geht, oder im Inneren, wenn Befriedungspolitik der Justiz ihre Möglichkeiten und Grenzen aufzeigt (beides bitter nötig). In der Demokratie erfahren wir BürgerInnen davon und können sozusagen mitmischen. Meistens, manchmal. Warum ich das Fass aufmache? weil zu viel entschieden oder liegen gelassen wird, woran wir schon deshalb nicht beteiligt sind, weil wir nichts davon wissen. Der Pöbel und die Faschisten gleichermaßen bedienen sich der Ahnungen im Volk, wo das Wissen fehlt. Das ist natürlich deshalb besonders gefährlich, weil Ahnungen ja eine wichtige und durchaus positive Funktion in unserer Erkenntnis haben und nur, wenn sie als wahr oder als notwendig dargestellt und in Stellung gebracht werden, zu einer Widerstandskraft werden (Vgl. Thomas Palzer | 11.02.2018: https://www.deutschlandfunk.de/gefuehlte-wahrheiten-ueber-ahnungen-vermutungen-und-gespuer-100.html ; es gibt da noch mehr Philosophisches und Psychologisches) ABER: mir geht es darum, dass die Schwurbler, Faschisten und Teile des Pöbels Ahnungen benutzen, um Wissen zu diskreditieren. Im Übrigen auch Teile der digitalen IT Politik.

Das Gefährliche ist ein zunächst fremder Doppelklick: zuerst wird Wahrheit über die Wirklichkeit gestellt, und dann wird die Wahrheit durch die anders orientierten Ahnungen und Vermutungen in Frage gestellt und ihre Verbindung zur Wirklichkeit dort abgebrochen, wo die Ahnung zum politischen Programm der politischen Gegner wird. (Trump war ein frühes Beispiel mit der alternativen Wahrheit).

Was machen wir jetzt daraus? Jede und jeder, der oder die das liest, kann die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Wirklichkeit selbst erproben. Und erfahren, nachprüfen, wieviele Wahrheiten auf eine Wirklichkeit zutreffen können (nicht müssen).

Das ist nicht philosophisch, es gehört zu unserem Alltag. Nur, weil jemand etwas sagt oder schreibt, ist es doch nicht automatisch wahr. Und wenn die Wagenknecht jetzt ihre linksfaschistischen Dogmen loslässt, ist es nicht schwierig, ihre politische Geschichte nachzuvollziehen und ihre taktischen Lügen zu erkennen. Natürlich nicht nur Wagenknecht. Dass die AfD lügt, wissen wir auch. Aber ungefährlich sind die kleineren Ahnungen und Unwahrheiten auch der weniger faschistischen Lautsprecher auch nicht. Das Zerlegen der Ahnungen kann so gar das Denken fördern – gar nicht schlecht in der Demokratie.

Achtung! Glück droht uns.

Hört und sieht man die Nachrichten, fühlt man sich in eine Welt des Unglücks versetzt, gemalt von Hieronymus Bosch oder beschrieben von Erich Kästner. Das Problem ist, wenn man sich diesem Gefühl ohnmächtiger Endzeit hingibt, stolpert man von Existenzangst in eine kitschige Fallgrube unglaublicher Nickeligkeiten, und DAS kann ja nicht das Ende der Welt sein, oder?

Scholz und Lindner passen ja in kein Zwergentheater und auch nicht zum Aschenbrödel. Die russischen Erpressungen mit ihren Tiergartenmördern passen nicht zu einem künftigen Weltreich. Musks Klagen gegen abtrünnige Kunden passen nicht zum Kapitalismus. Die britischen Faschisten passen nicht zum Image der noblen und gut erzogenen Inselgesellschaft. ABER alle diese Mickrigkeiten kann man historisch begründen und empirisch belegen. Und da sollen wir in die Zukunft schauen? Und wie?

Entweder wir geben uns der endgültigen Endzeitphantasie hin, die durch die Wirklichkeit immer überboten wird, aber wenigstens genügend Angst macht, dass man nicht gerne daran denkt, wie man in 20 Jahren im Altersheim ungepflegt verhungert (was ja die Zukunft der ausländerfeindlichen AfD Deutschen ist). Das wird noch nicht das Ende der Welt sein, aber vielleicht wird es einer Multikultur in Deutschland einen klaren Blick in die wirkliche, wenn auch unerfreuliche Zukunft geben. Modell Orwell „1984“ droht wirklich zu werden, mit mehr als drei, aber weniger als 10 Diktaturen.

Oder man denkt an das wirkliche Ende der Menschen auf der Erde, die ja gottseidank weiter bestehen wird, wenn auch human für einige Zeit verwundet. Das wirkliche Ende, zB. bei Jacqueline Harpman (Die Frau, die die Männer nicht kannte, 1998), ist nicht tröstlich, aber es macht keine Angst vor dem Leben jenseits des Sterbens. Da können die Muskoiden noch so viele Ausweichraketen ins Weltall planen, weg sind auch sie, für immer.

Mein Ausweg daraus heute: ich gehe in den noch nicht glühend heißen Park, lese, treffe mich mit Familie und Freunden, und distanziere mich von den Terrariums-Figuren der sogenannten Sommerpolitik bei uns und anderswo. Ich weiß, dass es sie gibt, das reicht, macht satt.

*

Das ist der Widerstand gegen die Akteure, die den Klimawandel versemmeln und Weltpolitik am Urlaubstisch diskutieren, ohne sich die Mundwinkel von Marmelade abzuwischen. Warum Widerstand?

Ich wappne mich gegen diese Art des Kleinredens und -tuns einer Wirklichkeit, die Zukunft und Politik braucht, auch noch mit meiner Generation, aber vor allem mit den Jüngeren und Jungen, und wenn es kracht, möchte ich wenigstens nicht müde sein. Dazu gehört auch, das Glück in den Spalten des allgemeinen Schraubstocks wahrzunehmen, auf der Bank zu sitzen, zu lesen, nachzudenken.

Wer noch einen Grund braucht dazu, ernsthaftixt, dem sollte doch klar sein, dass euch für die Urlaubszeit die Zwerge ohnedies nicht aufmerksam zuhören. Sie haben sich eine Beule auf der Sirn bei der heftigen Schuldenbremse geholt und sind jetzt benommen. Aber nicht von uns.

Faschismus real und als Begriff. Weltweit. Heute II

Selten verwende ich den gleichen Titel zweimal. Aber nach den vielen Rückmeldungen gestern möchte ich meine Argumente erweitern, vor allem GEGEN die Selbstinszenierung von angeblichen Elitemitgliedern, die sich zum Volk, den einfachen Leuten, herunterbeugen und dort Verständnis anpflanzen.

Der in vieler Hinsicht wichtige Zygmunt Bauman hat in seinen „letzten Erinnerungen“ von 1987, überarbeitet 2026, ein Jahr vor seinem Tod, eine heftige Kritik am „Kontinuum Regierung-Volk“ in Polen geübt, u.a an der wechselseitigen Gleichgültigkeit. „Die Entkopplung ist reziprok. Für die Regierung ist die Nation lästig…und in diesem Fall stützt die Tatsache, dass die Regierung das Interesse am Volk verloren hat, sicherlich die eigenen Interessen des Volkes“ (S. 238). Das geht natürlich gegen PiS, aber vieles lässt sich übertragen, auch die Kritik an der religionisierten Politik (das umgekehrte ist ja eine alte politisierte Beobachtung). Aber für die heutige Erweiterung meines Titels war eine weitere Beobachtung wichtig. Bauman zitiert Adam Michnik. der kritisiert „die Unterwürfigkeit der Intellektuellen gegenüber den mit dem Volk im Konflikt befindlichen Autoritäten…“ (S. 243). Scheinbar das Gegenteil meiner Kritik, aber genau hinschauen: es sind eben nicht die Intellektuellen, die nicht dem Volk aufs Maul schauen, aber den „Herrschenden“, sondern die anti-intellektuellen Eliten, die sich mit dem Volk durch Unterwürfigkeit verbinden wollen, um…ja, um was zu korrigieren? Das Regieren. Die legitime Ausübung demokratisch übertragener Macht.

Anti-intellektuelle Eliten? Aber ja, Scholz, Lindner, Giffey usw. es gibt genug von denen. Diese Politik des dem Volk aufs Maul schauen verwechselt Interessen des Volks mit Meinungen, Haltungen, und Wegducken vor der Wirklichkeit. Dazu aber hat man diese Herunterbeugenden nicht gewählt, und das wiederum verstärkt den antidemokratischen Duktus der neuen Rechten.

Faschismus real und als Begriff. Weltweit. Heute

Dass mich manche meiner LeserInnen wegen des von mir häufig gebrauchten F-Vorwurfs (Faschismus) kritisieren, bedrückt mich weniger als dass darunter auch Bekannte sind, die ich wegen ihrer politischen Haltung schätze. Dass der Faschismus sich den eindeutigeren systemischen Religionen und Ideologien durch eine breite Varianz seiner Ausprägungen entzieht, unterstützt paradoxerweise seine Verbreitung.

Gerader nach meinen letzten Blogs überlegte ich, wie ich den kritischen Gebrauch des F-Begriffs gegenüber denen legitimiere, die meinen, unsere verhärteten Systeme seien noch nicht „so weit“ und man solle den F nicht herbeireden, wo es noch hinreichend Widerstand gibt. Da kommt mir zu Hilfe, was ich scharf gar nicht erwartet hätte:

Der frühere stv. Nationale Sicherheitsberater und Autor Ben Rhodes (Ben Rhodes – Wikipedia)(5.8.2024) ist ein erfahrener jüngerer Politikberater mit einem beachtlichen wissenschaftlichen Hintergrund. Dass er im NYRB schreibt, ist außergewöhnlich, und seine Rezension zweier wichtiger neuer Werke zum globalen F für uns alle ebenso bedeutsam, wie es mich unterstützt. Dabei ist seine Besprechung so wichtig wie die beiden Bücher selbst: (Rhodes 2024). „American Descent“ ist ein vieldeutig gewählter Titel (Descent = Abstieg, Talfahrt, Einfahrt, Sinkflug, Landeanflug, Absprung), und er passt. Bevor er zu den besprochenen Texten kommt, erläutert er die globale F-Entwicklung und verbindet Namen mit politischen Entwicklungen: Putin, Orban, Sheikh Hasina, Nayib Bukele, Netanjahu, Trump…es können noch mehr sein, und viele sind demokratisch gewählt, um danach das Wahlsystem und die Demokratie zu untergraben. Frankreich und die USA haben z.B. noch demokratische Barrieren gegen den F, die andere Länder längst abgebaut haben oder sich – anders als die Nazis und Stalin – nur formal hinter Parlamenten verstecken. Rhodes beendet seine Rezension mit einem ergreifenden Bericht über seine Dialoge mit Nawalny, dessen Reise in den Tod durch Putin auch den Zweck hatte, „offering his life as a warning to the rest of us about where wannabe fascism can lead“ (S. 29).

Wannabe – Möchtegern, auch ernsthaft – ist der Titel eines der beiden rezensierten Bücher, beide aus prominenter Feder:

Federico Finchelstein: The Wannabe Fascists: A Guide to Understanding the Greatest Threat to Democracy: U California Press.

Jacob Heilbrunn: America Last: The Right’s Century-Long Romance with Foreign Dictators: Liveright.

Finchelstein hilft, F und Populismus zu unterscheiden, auch wenn sich beide auf das „Volk“ berufen. Zur Zeit wird die dünne Trennlinie zwischen beiden getestet (Ich finde das in Deutschland zwischen AfD und Sarah Wagenknecht). Noch haben die USA, anders als Russland, Ungarn und andere, die Demarkationslinie nicht überschritten, aber sie porös geworden und teilweise wird Demokratie in ihren Ländern unterminiert, ich nenne das „aufgerollt“, Flüchtlinge, Ausländerfeindlichkeit, Grenzidolisierung. Das Wannabe im Titel von Finchelstein bedeutet, dass zB. bei Orban und Modi Überreste von Gewaltenteilung und auch Reste der Zivilgesellschaft vorhanden sind (ich denke, dass war auch unter Mussolini der Fall, nie aber unter Hitler). Rhodes zählt dann die Gefahren und Drohungen auf, die von Trump ausgehen, und die weniger willkürlich als systemisch sind. Heilbrunn ist wichtig für die Entstehungsgeschichte des US-Faschismus nicht nur aus der Vorgeschichte (Mencken, Calvin Coolidge, Ford, Lindbergh etc.), sondern auch aus den rechten konservativen Absetzbewegungen unter Reagan.

Dass sich die USA seit Generationen immer wieder auch mit faschistischen System verbinden, um entweder den Kommunismus zu bekämpfen oder die eigene Lagerstellung zu festigen, gehört zu dieser Geschichte. Mich erinnert dieser Aspekt daran, wie ihn Zygmunt Bauman nach der Unabhängigkeit von den Sowjets und in der Entwicklung der Republik beobachtet (Bauman 2024). Und es ist mir wichtig, als Unterstützer Israels, die Kritik an Netanjahu als Faschisten so deutlich begründet auch zu lesen – was bei uns in Deutschland ja gewisse Barrieren hat.

Ben Rhodes bitte lesen.

Bauman, Z. (2024). Fragmente meines Lebens. Berlin, Jüdischer Verlag.

                Zusammengestellt aus verschiedenen Zeitrahmen, sehr präzise, oft narzisstisch

Rhodes, B. (2024). „American Descent.“ NYRB LXXI(13).

                Globaler F mit USA mittendrin

Verstehen kann billig sein, aber es heißt nicht billigen

Die demokratischen Parteien und PolitikerInnen sind zunehmend nervös, weil scheinbar alles, was sie tun, nur den faschistischen, faschistoiden oder pöbelhaften und insgesamt destruktiven Parteien hilft. Fast alle Vorsitzenden und SprecherInnen der demokratischen Parteien haben Probleme mit ihren Aussagen, weil sie befürchten, dass alles, was sie öffentlich sagen, den faschistischen, populistischen und jedenfalls demokratiefeindlichen Parteien nütze. Das führt zu einer um sich greifenden Attitüde, man müsse die Distanz zwischen der „Allgemeinheit“, dem so genannten Volk, den einfachen Menschen, und der Politik = den PolitikerInnen verringern, indem man dem Volk etc. genauer zuhört, ihren Problemen nahekommt und sich auf die Bedürfnisse der Menschen einlässt. „Dem Volk aufs Maul schauen“, wie das so idiomatisch, um nicht zu sagen idiotisch, heißt.

Wie immer, ist da ein Körnchen Wahrheit drin, das wird missbraucht, um ziemlich großen Schaden anzurichten, der den Unsinn der Diskursfigur weit übersteigt. Natürlich nützen die faschistischen und demokratiefeindlichen Kräfte Probleme der Kommunikation aus (konkret meine ich hier AfD und BSW), das haben die Faschisten immer so gemacht, nur beherrschen sie die Medien und Podcasts und anderen Multiplikatoren oft besser als die Etablierten. Das ist ein weiteres, echtes Problem der Demokratie, dass viele demokratischen Kräfte eine gewisse zögerliche, fast abwehrende Haltung gegenüber einer Kommunikation einnehmen, die sie gar nicht beherrschen. (So wie in den USA Fox die CNN dominiert, so ähnlich ist es bei uns auch, und die Gefahr besteht, dass man diesen Medien nicht entkommt, gerade auch wenn und weil man sie ablehnt).

Hinter dem Diskurs der Politik gegenüber den einfachen Menschen stehen zwei falsche und gefährliche Figuren. Implizit halten sich die PolitikerInnen, die so denken und handeln, für Bestandteile der Elite; zugleich befestigen Sie das etwas zu einfache Bild, dass der Pöbel nach rechts ausbricht, anderswo auch nach links, wenn die Herrschenden, die Elite, nicht mehr wahrnimmt, was das Volk wirklich will, was es fordert, wie es denkt, wie es verstanden werden will, was seine Prioritäten sind. Etwas sarkastisch meine ich zum ersten Argument, dass Eliten nicht einfach das sind, was man als MinisterIn, PolitikerIn, InfluencerIn etc. aufgrund der Position und zugesprochenen Macht zu sein scheint. Es ist die Masse, die die Abtrennung der Elite dann behauptet, wenn sie Gründe sucht, warum sie sich mit ihren Bedürfnissen und Gründen nicht durchsetzt, ob diese nun gerechtfertigt sind oder nicht. Aber darauf würde es im politischen Diskurs ja ankommen. Nicht, dass ich jetzt die Eliten verteidige oder gar rechtfertige[1]. Es ist mir immer darum gegangen, Eliten zu kritisieren, wenn sie nicht als Avantgarden politisch praktisch wurden. Aber im derzeitigen Diskurs wäre das ziemlich übertrieben. Geht es doch eher darum, dass die etwas unsicheren, und ver-unsicherten, Demokraten den Anschluss an ihre Wirkungsfelder wieder finden wollen, weil sie diese angeblich verloren haben. Die Feinde der Demokratie konstruieren Eliten dort, wo sie die eigenen Unterstützer ins Feld führen können, durch fake-news und politische Trugbilder, die umso wirksamer sind, je weniger die angegriffenen Demokraten sich von der Elite-Ummantelung befreien können.

Damit sage ich nicht, dass sich viele PolitikerInnen nicht elitär verhalten, vor allem, wo sie inhaltlich schwach sind. Aber wenn der Vorwurf lautet, dass sie an den Bedürfnissen und Lebenswelten der Massen „vorbei“ regieren, dann ist dieser Vorwurf doch von unten so konstruiert, dass er niemals widerlegt werden kann, weil Politik ja immer agiert, um Dinge zu entwickeln, die sich nicht aus der bloßen Kommunikation der Massen richtig fügen…

*

Viele schlechte Politik hat sich schon immer so entwickelt, dass Entscheidungen entweder mit dem Willen des Volkes gerechtfertigt werden, wenn sie der eigenen Logik von Einsicht oder Herrschaft widersprechen (Man kann auch hochtrabend sagen, wenn Partikularinteressen zum Volkswillen erhoben werden – oder eben verworfen werden, wenn es diesen Interessen nicht passt: ein kleines Beispiel ist die Autobahn- und Sportwagenpolitik der FDP).

Was mich an dieser Unterwerfung gegenüber dem ja gar nicht „wirklichen“, sondern „imaginierten“ Volkswillen so ärgert, wenn sie von DemokratInnen kommt, ist das Versäumnis, die eigene Demokratie weiter zu entwickeln, was immer auch eine Verbesserung der Verständigung und Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgerinnen mit beinhaltet. Auf Bedürfnisse eingehen oder sie mit Gründen zu verwerfen, ist Aufgabe einer Politik, die nicht meint, diese seien an sich berechtigter oder besser gerechtfertigt als die Entscheidungen der Politik. Auch auf Kritik und alternative Vorschläge einzugehen. Aber das heißt doch nicht, sich demütig dem Volk hinunterzubeugen um endlich zu hören und zu verstehen, was „es“ will…das wissen die besseren PolitikerInnen so gut wie wir, die das beobachten und kommentieren, das wissen die besseren Medien, und manchmal auch die Gerichte. Von dort entsteht „Basisdemokratie“ wirkungsvoller als durch das Hinunterbeugen und die Hand an das Ohr zu legen, um zu hören, was die Gegner der Demokratie für forderungswürdig halten. Forderung, nicht Förderung.


[1] Ich habe mich schon früh mit dem Problem auseinandergesetzt, z.B. Mittelmaß tut nicht gut! – Randglossen zur Elitediskussion. In: Fossler u.a. (Hrsg.): Bildung, Welt, Verantwortung. Focus (Giessen) 1998, S.79-94 . Eliten, Gemeinschaften, Aggressionen. In: Vorgaenge 1/2000. S.11-18 (dies besonders zum akademischen Bereich in den USA).

Regenglück und Psychomedien

Till Eulenspiegel freut sich bei steilem Aufwärtsbewegung, weil es irgendwann abwärts gehen wird. Bergab ist er bedrückt, weil es ja irgendwann wieder anstrengend bergauf gehen wird. Kein Vorbild, aber realistisch.

Mich freut der Regen, obwohl mein Alltag inmitten von Parks und Wäldern bei Sonne durchaus schön ist.  Aus anderen Gründen. Die Trockenheit der letzten Jahre haben die Potsdamer Gärten arg beschädigt, und man kann gar nicht allen herunterfallenden Ästen entgehen – wenn es einen trifft, wird man in den seltensten Fällen in die Literatur eingehen (Ödön von Horvath wurde von einem Dachziegel erschlagen, 1938,  aber unsereins geht nur in die Statistik ein). Regen ist aber „an sich“ auch etwas angenehmes, jedenfalls in meiner Erfahrung und Lebensweise. Im Regen laufen kann befreiend und spannend sein, nicht nur hier, in der Stadt, auch im jährlichen Bergurlaub…natürlich freut man sich auf und über freundliches sonnige Wetter, aber der Regen belehrt, dass es kein Rückzugswetter geben soll. Das reicht als momentane subjektive Assoziation.

Die bildet eine Brücke zu einer anderen Assoziationen. Meine Tagesstimmung, durchaus 24 Stunden aufnahme- oder abgabefähig, erhält ihre Tonart schon um 7 Uhr bei den ersten Morgennachrichten im DLF. In letzter Zeit neige ich dazu, mir die nachfolgenden politischen Erweiterungen der Nachrichten zu ersparen. Details wird man noch früh genug erfahren. Diese selbstbezogene Assoziation geht eigentlich nur mich selbst etwas an, eigentlich. Aber ich will auf etwas anderes hinaus: die öffentliche politische und kulturelle Reaktion auf das, was sich in der Welt abspielt, konkret in Krieg, Gewalt, Absurdität, wird selbst zu einer Nachricht, die tief eindringt in die Sichtweise, dessen was uns tatsächlich angeht, wenn wir politisch denken und im weiteren Sinn handeln wollen, und nicht auf der spießigen Ebene verharren: „Da muss sich etwas ändern…da kann man doch eh nichts machen.“. Natürlich klingt das wienerisch authentischer, aber es stimmt auch deutsch.

Horvaths Geschichten aus dem Wienerwald, auch andere seiner Texte, lassen einen in eine Gesellschaft hineinschauen, die auf den ersten Blick so real wie normal erscheint, und in auswegloser Resignation münden muss, mündet, vor allem ohne Hoffnung. Wenn ich morgens die Nachrichten höre, dann drängen sich in diesen Tagen mehrere Assoziationen auf: warum fordern manche subtile Gesellschaftskenner häufig in letzter Zeit auch Nachrichten, die das Gute, das Angenehme, die die Verbesserung in der Wirklichkeit in den Vordergrund stellen. Oder die Medien in Bezug auf sich selbst aufnehmen. Vgl. dazu https://www.deutschlandfunk.de/studie-zum-vertrauen-in-medien-eine-starke-polarisierung-100.html; Bei den Meldungen in den Medien steht im Vordergrund, dass die Reaktion von Jugendlichen und Erwachsenen das Ergebnis von unzureichender oder vernachlässigter Medienerziehung und Bildung ist…Das führt zur Politik, nicht zum subjektiven Empfinden der Einzelnen. Hier etwas zu verändern, schnell zu reformieren, wäre politisch geboten.

Und nicht wenn man eingebildet ist, ob spießig, arrogant, querdenkerisch oder identitär, sondern wenn man so gebildet ist, dass man das Eulenspiegelgleichnis nicht auf die Gesellschaft, nicht auf Krieg und Frieden, auf Nachrichten über Krieg und Frieden überträgt, nur dann erträgt man die schlechten Botschaften und kann sie neben bessere stellen. Was nicht heißt, dass man die beiden verrechnet, um eine weniger miserable Endbilanz zu ziehen. Aber aus den guten Nachrichten kann ich Kraft gewinnen, gegen die schlechte Wirklichkeit anzugehen. Von der Politik hält uns nichts ab als wir selbst. 

Zurück zum Regen. Hinausgehen aus dem Trockenen fällt oft nicht leicht. Ist man draußen, wird es anders. Zum Glück.

Heilige Verlogenheit

Wenn die frommen Bayern auf den armen Deutschen herumhacken, wenn die gläubigen Gesamtdeutschen hinter jedem Andersbetenden einen Terroristen vermuten, wenn es zwar hunderttausende unbesetzter Lehrstellen gibt, unsere Politik aber Ausländer schon an der Grenze vertreibt…dann regt sich neben allen Varianten des Widerstands auch das Gefühl der Ohnmacht: hat sich wirklich so wenig geändert, dass Religion und/oder Verlogenheit die Denkraster der Menschen verkleben.

Und natürlich haben die Profiteure dieser Politik an diesen Verklebungen noch mehr Interesse als an einzelnen Handlungen. Ich sage „natürlich“, denn die Evolution ist ja noch nicht zu Ende, und der homo sapiens bremst seine eigene Entwicklung gehörig aus.

Es sind ja nicht nur die Neoliberalen – Beton, PS, Profite – die sich herausnehmen, ihre Freiheiten als die Freiheiten der Gesellschaft darzustellen. Fast in allen bürgerlichen Parteien ist das zu spüren, und die rechten und linken Neonazis (AfD und BSW) machen das ja sowieso. Nur denken die alle natürlich nicht an Evolution, ja, noch nicht einmal zwei Generationen voraus, sie wollen die Gegenwart bis zu ihrem Verblassen noch ausschöpfen, und das verklebte Gesellschaftshirn scheint es nicht einmal zu merken.

*

Wir werden die Fortschritte der Evolution, wenn überhaupt, nicht mehr erleben, wenn die Gattung überlebt, wonach es ohnedies nicht aussieht – Erderwärmung, Krieg und so weiter… habt Ihr ja immer wieder gelesen. Aber ich wende mich dem zu, was man schwer fassen kann. JETZT, schon vorbei. Jedes Jetzt. Die Politiker und ihre Untertanen sind im Urlaub. Mit Untertanen meine ich nicht euch, die Bürgerinnen und Bürger, sondern die Propagandisten der Gegenwart, die das Jetzt in eine schlechte Unendlichkeit ausdehnen. Nur nicht handeln, nur nicht anstrengen, nur keinen Widerstand provozieren oder ihm gar entgegentreten. Das ist nicht abstrakt. Das ist eher so zwischen CSU und religiöser Moral.

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Und dann schaue ich in den dunklen Himmel, der mir den Sonnenuntergang erspart, ich warte auf den Regen, der nicht kommt, und verdränge die Zeitraffer der umfänglichen Krisen, die immer sagen, was sie JETZT NICHT können, aber wenn das vorbei ist, können werden, oder auch einmal gekonnt haben und wieder herstellen wollen. Ich schaue in die Wolken, die sich trocken heranschieben, und habe keine politischen Assoziationen oder moralischen Auswüchse. Wer weiß, wie lange so ein ausgedehnter Sommertag noch dauert, bevor die Wirklichkeit wieder eintritt? Hat bis Morgen Zeit, aber nicht länger.

Mehr als ein Gegner?

Es gibt eine christliche Religionsfigur, dass die Guten gegen die Bösen in einem Zweikampf lange verbunden sind, und die Guten siegen müssen. (Katharer zum Beispiel, auch andere….)

Wenn es um Israel geht, funktioniert diese binäre Figur noch weniger als anderswo. Wer gegen die Hamas ist, kann nicht notwendig für Netanjahu sein. Wer die religionsextremen faschistischen Parteien und Regierungsmitglieder verurteilt, kann nicht die Augen vor den ebenso faschistischen Hamas u.a. Bewegungen der Israelfeinde verschließen. Die Welt, also die Politik, ist nicht binär nach einem 0&1 Modus. Wer aber diese Binarität heraufbeschwört, läuft Gefahr, noch mehr endlose Gewalt zu provozieren und zu inszenieren.

Bitte zuerst nachlesen: https://www.deutschlandfunk.de/1995-in-tel-aviv-vor-25-jahren-wurde-jitzchak-rabin-ermordet-100.html und auch die Anmerkungen verfolgen. Und die letzten Sätze des Berichts ernst nehmen:

Die Folgen des Attentats, so der Historiker Rabinowich:

„Es war ein Wendepunkt: die Schleusen waren offen, die Rechten haben die Offensive übernommen und sind jetzt an der Macht. Menschen, die an der Hetze beteiligt waren, sind jetzt in der Regierung, was für viele von uns inakzeptabel ist.“

Ohne es direkt auszusprechen, richtet sich diese Kritik auch gegen den derzeitigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Als Oppositionsführer stand er 1995 an der Spitze jener Bewegung, die Rabin als Verräter brandmarkte.

Für viele in Israel ist das nicht akzeptabel, viele sind ausgewandert, viele sind verstummt, viele sind Opfer, nicht nur mit den Geiseln verbunden. Für die Mehrheit offenbar (noch) nicht oder nicht schon wieder.

Mein Hauptpunkt ist zunächst logisch, wir haben hier keinen zweipoligen Konflikt. Wenn man sich a verpflichtet fühlt, bedeutet das nicht automatisch Feindschaft zu b, man kann auch beide ablehnen, oder unterschiedliche Gewichte und Argumente anwenden, und es gibt auch noch c,d,e….Politisch gehört es zum Repertoire sowohl der Religionsextremisten als auch anderer Radikaler, dass sie fast immer mit der Zweipoligkeit argumentieren.

Das spielt gewichtigen Diktatoren wie Erdögan oder Khamenei in die Hände, ganz zu schweigen von den dominierenden Diktatoren. Ruhigreden lässt sich da nichts.

Mein zweiter Punkt ist, dass man auf die ultraorthodoxen Extremisten nicht mehr Rücksicht nehmen darf als auf die Siedler und andere säkulare Extremisten, nur weil sie vorgeben „Religion“ zu repräsentieren. Die ultrareligiösen im Kabinett und in Israel allgemein sind keine zu vernachlässigende Minderheit, sondern nutzen ihre Bildungsfeindschaft und Reproduktionsheftigkeit gegen Demokratie und Menschlichkeit. Ihnen ist es egal, wenn Israel aufhört, der einzige demokratische Staat zu sein, Hauptsache, im Namen eines maskulinen verqueren „Gottes“ zu regieren – Muslimfeindlichkeit als Zugabe ihres eingeschränkten Selbstverständnisses. (Das hat es bei Christen und Muslimen bis heute auch immer wieder gegeben, bei den Juden ist die Wurzel ein wenig anders gelagert, aber im Effekt dasselbe sektiererische voraufgeklärte Retro.

Und mein dritter, eine argumentative Ausnahmestellung Deutschlands in allen Reaktionen auf Israel und den Nahen Osten einzufordern, ist unehrlich bis blasphemisch.

Es wäre schrecklich, wenn Israel an diesem Konflikt zerbräche, also de facto von der Landkarte verschwände. Es wäre nicht viel besser, wenn es von der Landkarte der Demokratien verschwände, bliebe es Land erhalten.

*

Ich werde auch weiterhin die einzelnen Ereignisse nicht kommentieren, auch wenn ich es teilweise kann. Ich lese Ha’aretz und die Nachrichten – BBC, Al Jazeera, DLF – aber wenig deutsche Presse. Was mich auch verstummen lässt, ist das Schicksal meiner Freunde in Israel. Was soll man hier dazu sagen, Hier und Dazu sind zwei Welten.

Normal ist nicht normal

Man kommt aus einem kurzen Urlaub zurück, der länger schien als er war, man schaut auf die kommenden Tage der Normalität. Urlaub ist die Ausnahme – vom Arbeitsleben, von den Übergängen der Tätigkeit als Rentner in die Immobilität des Pflegebedürftigen, von der Zukunftsplanung zur beständigen Retrospektive, die dauernd alles umgruppiert, was im eigenen Leben und anderer, die wir ständig im Lebensblick haben, wohl wirklich gewesen war.

Ich komme von einem kurzen Urlaub zurück, ich sage „ich“ und nicht „wir“, weil es zunächst eine Reflexion des eigenen Zustands ist, später werden wir es bereden – oder es kommt von sich aus.

Die freie Zeit, „Freizeit“ ist ein trügerischer Begriff, weil sie gegen die Arbeitszeit in Stellung gebracht wird, obwohl man vielfach im Urlaub mehr Gedankenarbeit, ästhetische und moralische Tätigkeiten, Arbeit an sich selbst und oder min der Natur, den Begleiterinnen und Begleitern, auch dem Hund macht, und während der Arbeitszeit eine Menge Dinge macht, die mit Arbeit wenig zu tun haben. Auch rede ich nicht vom altmodischen Begriff der Lohnarbeit, die zerfällt ja zunehmend. Es ist richtig, man kann sich von anstrengenden Zeiten – wie und warum auch immer sie anstrengend waren – erholen. Oder man muss sich vom Urlaub erholen….den kleinbürgerlichen Zustand bespreche ich mir jetzt nicht.

Ich will nur darauf hinaus, dass die Normalität des Alltags im Urlaub besser nicht mit der des Arbeits- oder Rentneralltags verglichen wird. Unter anderem, weil man sonst an seine normale Unfreiheit, an die Gefangenschaft in einer Normalität erinnert wird, die man gerne nicht als normal empfinden würde. Das gilt nicht nur nur für einen Zustand, merkt ihrs? Auch Urlaubsnormalität kann ein Eingespanntsein in eine Routine der Pflichterfüllung oder des Abarbeitens von dem, was ohnehin schon darauf gewartet hatte, sein.

Wie ich jetzt, einen Tag nach unserer Rückkehr von der Nordsee, darauf komme? Ja, erholt, ja, zufrieden, ja, aber in einem Zustand, den man auch während der Nichturlaubszeit herstellen kann, wenn man man das will. Ausnahmsweise einmal nicht unbedingt an den sozialen Status gebunden, an Reisen von hier nach dort, nach Reflexion des Andersseins dort… Mich beschäftigt eine etwas genauere Betrachtung dieses Andersseins. Stundenlang durch den Sande und die Dünen gehen, ohne Menschen zu begegnen, das hat mir gefallen, prima vista verständlich, aber was hat mir daran gefallen? Das überlege ich nicht nur im Nachhinein. Vor Ort, im Sand, war eine seltsame, körperliche Freiheit, ich kann latschen, wie es sich geht, ich schaue anders, höre anders, assoziiere anders, und, wichtig, frage NICHT dauern, warum dieses anders gerade jetzt stattfindet. Darin ist schon eine Antwort, eine Teilantwort. Ein Teil des Regelwerks für Verhalten, also auferlegte Normalität, ist ausgeklinkt. Mit dem Effekt, dass die Sicherungsmechanismen im Halb- und Unbewussten gelockert sind, und einiges zum Vorschein kommt, was mit meiner Wirklichkeit mehr zu tun hat als mein Verhalten in der Wirklichkeit des normalen Alltags. z.B. dass man nach zwei Kilometer barfuß im Sand seine Muskeln und Gelenke spürt, nicht nur anders, sondern überhaupt, und schon assoziiert man anderes als vorher…da muss man jetzt nicht grübeln. Farben, Geräusche, Gerüche sind anders, wiewohl nicht „neu“. Man macht sich seinen eigenen Impressionismus am Strand.

Einer meiner Eindrücke – ich war das erste Mal an diesem Ort, auf dieser Insel, – war eben dieser Abbau von Reserven gegen die Logik, mit der man, ich, „Urlaub“ analysiert und zwischen objektiven und subjektiven Merkmalen unterscheidet. Aber damit kommt man unweigerlich zur m.E. falschen Trennlinie zwischen Urlaub und dem Rest, den ich oben aufgezählt habe. Das hat schon psychische Folgen.

Um auch deutlich zu sein: ich jedenfalls habe auch viel Zeit mit Lesen verbracht, David Grossmann und Zygmunt Bauman, dazwischen noch einen Roman eines viel älteren Freundes. Soviel Zeit könnte ich mir – kann „man“ sich im Alltag aber auch nehmen, viel Zeit war nicht soviel, wie man im Arbeitsalltag sic h „nach der Arbeit“, vor dem Schlafen nehmen kannsollwill.

Die Rekonstruktion der fünf Tage auf der Insel ist fast eine Verlängerung des Aufenthalts, weil die Zuwächse an Freiheiten in das normale Leben hier herübergebracht wurden. Das halte ich für ganz wichtig, die Rekonstruktion der Gegenwart durch die Erinnerung, und wäre das normal, wäre es besser?!

*

Heimgekehrt, wird man natürlich auch von den Nachrichten und Informationen überfallen bzw. beschäftigt. Was man jetzt nicht alles über die Lebensgeschichte der Harris erfährt, das hatte man vorher nur von anderen, von Trump und Biden, erfahren. Gehört das eigentlich zur Bildung eines politischen Bewusstseins, Standpunkts, bezüglich dieser Menschen. Einen Standpunkt aus einer Biographie ableiten? Keine triviale Frage. Hat auch in Deutschland eine Rolle gespielt, zB. bei der anfänglichen Abwertung von Willy Brandt durch die Reaktionäre. Der Clou dieser Tage: die Erfahrung der letzten Woche ist wie ein Filter, das diese Trivialitäten abbremst, ausdünnt. Die Normalität kommt noch früh genug, heute Abend, morgen.

welches Glück?

Wenn jemand Glück hat, freuen sich die einen, spotten oder fluchen die anderen. Glück, was ist das, Zufall, Vorbestimmung, oder bloß eine Interpretation dessen, den es trifft und derer, die es beobachten? Das ist nichts für den Blog oder für mich, aber keinesfalls am Rand dessen, was sich breit und tief den Menschen aufdrängt.

Nein, ich schreibe nicht über Trump, und dass der Glück gehabt hat mit der Ohrstreifkugel. Und wenn, wessen Glück war noch mit im Spiel. Ich schreibe über das Glück, das ich hier auf der Insel beobachten kann.

Um 8 gehen wir los, queren mit dem Hund eine weite Sandfläche, ein paar Dünen und dann noch einmal Sand. Glück? niemand begegnet uns um dieser Zeit (Warum Glück, wenn man allein ist, und was wäre unglücklich, begegnete man anderen Strandläufern?); Luft und Wasser sind ungefähr gleich warm (Glück für uns nicht für die Klimakrise); es gibt noch mehr Deutungen, aber wozu brauchen wir diesen Begriff – Glück? Naja, man ist schon glücklich, wenn man keine überfüllten Strände und Uferstreifen durchqueren muss, bevor man nass wird. Glücklichsein hat Glück nicht so viel zu tun. Beim Heimweg, 9.30 begegnen uns die ersten Menschne, Paare, Jogger, Schulklassen auf Ferien…alles in Ordnung, Ferien sind eben später.

Fünf Stunden später. Im nördlichen Teil der Insel, bei den wohlhabenderen Siedlungen: Parkplätze voll, Fahrradständer überlastet, sehr viele Menschen bei den Strandbuden, in den Strandkörben, in den Kneipen auf dem Weg zum Strand. Die, die bei uns nicht waren, sind jetzt hier, 12 km weiter nördlich, alles ok? Zum Glück, ja, doch. Wir würden im Strandgeschwurbel nicht lange aushalten, was anderen Freude macht. Sind die glücklich? Offenbar…oder? Man sollte nicht so genau hinschauen oder hinhören, es geht einen ja nichts an. Und überhaupt, man sollte sich ja um seine eigenen Bewegungen, Beobachtungen, befreiten Gedanken kümmern, was in den Dünen und am endlosen Strand, wo noch keine Menschenmassen sind, einfach auf einen zukommt. Man kann ja die Strandmassen wieder verlassen…auf dem Weg zum Bus erst durch den Wald, dann an den schöneren Ortsrandhäusern, den teureren, vorbei. Dann, im Ort, einer einzigen gedrängten Fußgängerzone, wieder das Gefühl, dass man hier zum Glück nicht Urlaub macht, bekannte Gründe, hier nicht wiederholt. Zum Glück…aber wir machen ja hier Urlaub, nur nicht da, wo wir gerade sind.

Das ist mein Punkt, dass wir uns die glückliche Seite aussuchen können, andere nicht. Dass das nicht nur an Urlaubsorten so ist, sondern fast überall in der Gesellschaft. Was einen hier glücklich macht, bewirkt das anderswo nicht, und andere macht es hier nicht glücklich, wo anders auch nicht. Trivial? Liebe LeserInnen, ja und nein, wie leicht kommt das Wort über die Lippen. Und wie gerne würde man, hätte man überhaupt Urlaub und Freizeit, im Urlaub mehr Glück empfinden (nicht „haben“). Diesen Gedanken kann ich nicht entkommen, im Bus nach Hause.

Ginge es mir um Alltagsphilosophie, würdet ihr mir mit Recht, die Schreibe abdrehen. Mir gehts aber um viel weniger. Das Wort, manchmal der Begriff Glück, gehört zu den inflationären Beschreibungen von Situationen, in denen man sich selbst befindet. Und andere sich befinden. Glück gehabt…

Bei den langen Wanderungen der letzten drei Tage habe ich Glück empfunden, kein Druck hat mich von der umgebenden Natur, meinen Assoziationen und meinen Gefühlen abgelenkt, Freizeit nennt man das. Selbst wenn man über die Arbeit, über Probleme etc. redet oder sie als Gedanken wälzt, die Freiheit der Umstände hilft schon, wenn man sie hat, die Freiheit. Diese Empfindung ist nachhaltig. Auch wenn der Urlaub vorbei ist. Das ist so einfach, dass es nicht in Philosophie oder Alltagsweisheit passt. Aber es unterstützt die Resilienz und andere Kräfte, die nicht einfach der Wirklichkeit ausweichen können.

Warum ich das nachvollziehe und nicht gleich sage, wie und ob ich hier glücklich bin? Heute morgen hat eine langjährige Kollegin meine lobenden Blogs der letzten beiden Tage mit den umweltgefährdeten und -zerstörenden Tatsachen konfrontiert, die auch für die Insel oder gerade für sie gelten. manche wusste ich, manche neu für mich. Das mindert mein Glück hier nicht, es mindert es ganz allgemein , wo ich auch immer bin. Das Allgemeine gewinnt über die momentanen Freuden des Inselurlaubs. Aber es gewinnt nicht ununterbrochen, und es wäre nicht einfacher zu bekämpfen, wenn ich es auf der Tagesordnung hätte, während ich durch die Dünen stapfe. Zum Glück