Wellenreiter und Wogenglätter

In dieser Woche gehen viele PolitikerInnen in den Urlaub, nicht ohne im Abschiedsschwurbel darauf aufmerksam zu machen, dass ohnehin nichts wichtiges geschieht, bevor sie zurücksind und sie außerdem im Ernstfall jederzeit erreichbar sind (vor allem im Ausland, wo das Internet besser funktioniert). Ich habe euch ja geschrieben, dass ich mich von dieser Kommunikation abmelde und stattdessen im Küstensand meine Fußabdrücke hinterlasse. Befreit geht das vor allem, wenn man sich die Frühmeldungen spart und nicht wissen möchte, was im Vorfeld von Olympia in Paris geschieht (Korruption) und wie die psychischen Profile von Trump und Harris der Kosmischen Strahlung ausgesetzt sind.

Ebbe ist eine gute Zeit um zu sehen, wie sauber oder unrein die Ufer strände sind, und wie klug, besondere Gebiete für Naturschutz und Artenschonung auszuweisen. Wenn es sehr früh ist, dann ist die Ebbe besonders eindrücklich. Und man sieht schon viele Vögel, die keine Möwen sind und auch anders singen. Der Weg zum Strand ist weit, man geht lange durch den Sand, oft gibt es Süßwasserlacken (nach dem heftigen Nachtregen? oder überhaupt?) die dem Hund gefallen. Und dann ist man im Wasser. Ist die Nordsee wirklich so warm, oder ist das ein Beitrag des Klimawandels? egal, ein paar Algen, keine Steine, ein makelloser Strand und viel ruhe im Morgenlicht.

Dieser Teil meines Berichts hat den Vorteil, dass er zu kurz ist, um wirklich zu interessieren und ich zeige auch nicht immer dieselben Fotos. So weit so gut.

Nur lässt sich das Hintergrundflimmern des Bewusstseins natürlich nicht abstellen, und es ist eben nicht Trump oder Scholz, der einen stört, überhaupt nicht die „Politik“. Ich setze die „“, weil sie auch zum Problem gehören. In Zeiten abnehmender Zukunftshoffnung setzt man nicht mehr so leichtfertig auf Politik, wenn es um das Lösen von Problemen geht. Wenn ich hier durch den Strandsand gehe, dann wird mir unfroh, denke ich bloß an die Umweltbedrohung ein paar hundert Meter weiter, im hässlichen Teil der Insel, der von hier nicht zu sehen ist. Zum Beispiel, dass tausende Autos hier mit der Fähre ankommen, nicht um die lächerlichen zehn Kilometer zu fahren, sondern weil man dann seine Koffer und Decken gleich aus dem Kofferraum in die Sommerwohnung bringen kann. Ein ärgerliches Detail, das mir den Tag angesichts größerer Details nicht verdirbt, der aber sofort – siehe oben – die Hintergrund-Denke anwirft, germanoanthropologisch fragt, warum soviele Deutsche mit ihren Autos die Insel beparken und wie dieses Verhalten entsteht? Stellt euch vor, bis auf ein paar Rettungswagen, Feuerwehrautos und Lieferfahrzeuge wäre die Insel autofrei. Der Unterschied zur gegenwärtigen Parklandschaft wäre strukturell enorm, fürs Auge gar nicht so groß, denn die Autos können ohnedies nicht in die Dünen und ans Meer fahren.

Das ist noch nicht einmal eine grüne Überlegung. Aber die Frage geht tiefer, weil sie ja nicht die Mehrzahl der Menschen trifft, die hier mit Fahrrad oder barfuss oder per Bus unterwegs sind und der PKW Hauptstraße ohnedies entfliehen. Und wenn man die Orte hinter sich lässt, ist ja wirklich alles schön. Also quängelt der soziologische Oktopus, sollte man sich den Ursdachen und nicht den Phänomenen widmen. Und es wird nicht wirklich abgemildert, wenn man die deutsche Autogeschichte auf diesen Punkt konzentriert, das kann ich auch in Potsdam am Schreibtisch.

Läuft man lange genug barfuß durch den Sand, ändert sich die Haltung und steigt die Freude, dass man wirklich auf nichts drauftritt, das einen verletzen könnte oder anekelt. Das wäre eine gute touristische Werbebeobachtung. Die sich empirisch weitestgehend bestätigen lässt.

Nach einem solchen Tag, wenn ich jetzt z.B. diesen Blog schreibe, bin ich diesen Eindrücken dankbar, es hängen keine Überreste an mir, die mich noch ärgern. Kommt jetzt die Politik? Nein, sie kommt nicht direkt, aber „Politik“ kommt zu „Umwelt“, weil unvermeidlich ist, sich zu befragen welchen Anteil Bürgerinnen und Bürger an der Umweltpolitik tatsächlich haben und welchen sie haben könnten. Dass die Grünen zur Zeit ins Abseits gleiten, hat nur wenig mit der angeblichen Ferne den wirklichen Bedürfnissen der einfachen Menschen, der Plebs?, zu tun. Sondern damit, dass man sich, auch bei den Grünen, wie bei anderen Parteien auch, immer auf die Demokratie, den Umweltschutz, die sozialen System beruft, die als bedroht erkannt sind, anstatt deren Weiterentwicklung zum Programm und damit zur Änderung des menschlichen Verhaltens in der Gesellschaft als Anlass und Begründung von Politik zu machen. Von Politik, nicht von „Politik“.

*

In einem etwas anderen Zusammenhang hat sich Rainer Forst („Die falsche Sicherheit“ ZEIT #31, S. 6). dieses Themas angenommen. Ich greife nur einen Aspekt heraus. Ein Resümee beginnt mit den folgenden Feststellungen: „Progressive Politik muss…die fatale, faschistoide Verbindung zwischen kulturellem und ökonomischen Ressentiment abschneiden“ – den Satz kann man auf die wahrnehmbare Wirklichkeit schon auch hier an- und aufnehmen. Und dann konzentriert sich auf Gerechtigkeit und Wirklichkeit, wie ich in meinen letzten Aussagen auch immer, und – zu meiner Freude – wird dies nicht dauernd der herbeigebeten singulären Wahrheit untergeordnet. Lest seinen kurzen Essay, bitte, und bedenkt, dass der Rückzug aufs Programm nicht erklärt, warum ich diese Überlegung beim Durchqueren der Parkplätze im schäbigen Teil der Insel plötzlich so hautnah spüre.

P.S. Rainer Forst nähert sich der Gerechtigkeit ganz anders als der hier öfter zitierte Omri Boehm, aber der Hinweis auf die fundamentale Bedeutung der Gerechtigkeit führt die Argumente zusammen.

Die Sonne steht noch hoch, starker Wind bläst über den Sand, die Flut kommt herein.

Bös wirkt stärker, Gut verblasst

Seit Jahrtausenden ist der Kampf zwischen gut und böse eine einzige heuchlerische Gladiatorenschlacht. klar, dass im Virtuellen das Gute im Endkampf siegt, egal, wie erfolgreich das Böse anscheinend war oder ist oder bleibt. Ebenso klar: nur wer an das Jenseits glaubt, kann mit diesem Kampf etwas anfangen.

Als Biden zurücktrat und Harris sich aufbäumte, schien für einen Augenblick die Gerechtigkeit wieder Einzug in die Welt gehalten zu haben, ausatmen, zurücklehnen, und sich auf das Ergebnis freuen…Plötzlich ist Trump alt, verwirrt und unfähig zu regieren?

Schön wärs. Wenn es ein Endkampf der Weltgeschichte wäre, der in die letzte Runde geht, dann kann man sich so freuen. Aber wir sind noch nicht in der 12. Runde. Der Wahlkampf geht weiter, und so wenig Trump durch die Kugel am Ohr besser geworden ist, so wenig sind die Besseren gleich einmal gut und siegessicher geworden.

(Kein Vertun, Leserinnen und Leser, natürlich möchte ich, dass Harris Präsidentin wird, aber auf dieses Wunschbild kommt esd jetzt nicht an).

Wenn es wirklich um Gut und Böse geht, bleibe ich dabei, dass wir die Konstellation von 1984 wahrscheinlich erleben werden, so oder so, und unsere Kinder und Enkel mehr darunter leiden als wir selbst, beschränkter Lebenszeit Hüter. Aber natürlich kann man das beschleunigen oder herauszögern, das macht schon einen Unterschied. Und zwar in der Praxis, in dem was wir und andere tun, nicht was wir erhoffen, zumal die Erwartungen auf wackligen empirischen Füßen stehen.

*

Mit diesen Gedanken ziehen wir durch die Dünen und Strandwälder der Insel Amrum. Natürlich stehen diese Überlegungen nicht im Vordergrund, ganz im Gegenteil, sie sind bestenfalls eine Kulisse. Wir sehen sehr viel von dem wir hoffen, dass es nicht so schnell untergeht im Endkampf.

Das ist nicht einfach Urlaub, es ist Erholung. Es bedeutet sich nicht sofort darüber aufzuregen, was man hier noch weniger als anderswo nicht wahrhaben möchte, endlose Parkplätze, Immobilienblasen, Bausünden etc., nicht Kritik anbringen, wenn ohnedies niemand zuhört…Zurück in die Dünen und Strandwälder und sich daran freuen, wie Krötentümpel renaturiert werden und die Heide erneuert wird und die Leute weniger Unrat blind deponieren. Ist doch besser so, nicht?

Was hier besonders erfreut ist die Wahrnehmung, wieviel gesellschaftliche Aktion für die Renaturierung auf einfachster Ebene nötig ist (vieles davon wird in Schautafeln auch beschrieben). Und was mich jetzt, für diesen Blog, bewegt, ist die Frage, warum es mich erfreut und wie das Mit Trump und Harris zusammenhängt, wenn überhaupt, und ob?

Es geht hier um das regenerative Ausblenden. Die Morgennachrichten bestimmen, was ich in dne ersten Absätzen angedeutet habe. Man hört und sieht sie sich an, und blockiert die analytische Weiterverarbeitung. Ich will rausgehen, wenn der Regen vorbei ist, vielleicht schwimmen, durchatmen, bewegen, als ob die Welt und also der Ort „in Ordnung“ wäre, und wir deutlichen machen, was für uns in Ordnung ist. So einfach ist das? Nur scheinbar. Denn wenn man sich den Freiheiten hingibt, die die Natur uns reichlich anbietet, das tut sie schon, dann lockern sich auch die psychischen Einhegungen und Begrenzungen und Tabus, die uns zusammenhalten. Dann wird freier, was sonst eher verdrängt wird, meist sind die Assoziationen weniger kontrolliert und wenn man genau hineinschaut, sieht man ein Spiegelbild, das man sonst nicht so gern wahrnimmt. Dann geht es nicht um Trump und Harris, dann geht es um einen selbst, der sich im Sand aufwärts bewegt oder den Horizont absucht, als ob es wichtig wäre, dort ein Schiff zu sehen oder eben keines.

Das ist ein Plädoyer für die Auszeit, ihr merkt das, aber nicht für eine therapeutische oder eine besänftigende. Seltsamerweise sieht man in dieser Freiheit vom Aktuellen sehr klar, was man immer schon hätte sehen können. Für mich verstärkt es das Bedürfnis, die Weltpolitik und auch die deutsche Politik und auch, was vor Ort gerade geschieht, NICHT wahrzunehmen ohne wegschauen zu müssen. Es ist als ob die Kritik auch auf Sommerurlaub wäre…

Ihr könnt das alles für ein scheinbar philosophisches Intermezzo halten, aber es ist keines, das mangels konkreter Themen mein Nachdenken euch anträgt. Es ist Plädoyer für eine Pause. Für das Schaffen von Abstand zu dem, was mich täglich zu soviel – nötigen und unnötigen – Äußerungen drängt. Man kann auch sagen, zum Nichtstun gehört auch eine andere Form der Aufmerksamkeit. Was drängt sich denn in den Vordergrund, wenn man es nicht im Stundenplan hat?

Die Möwen schreien und endlich brüllt die Sonne wieder herunter. Man kann einen Tag des Gehens und Schauens beenden, ohne seine Umwelt sofort abzuwerten, weil so viel hier ja wirklich schauerlich ist: umgekehrt, geh zehn Minuten hinaus aus dem Schlammassel, und es drängt sich etwas wichtigeres an dich heran.

Warum dann der Titel? Darum gehts auch. Nicht nur, wenn man moralisiert oder politisch bewertet. Wenn das Böse in unserem Bewusstsein, unserer Erinnerung länger lebt als das, was wir als (so) gut empfinden, empfunden haben, dann kann man ja einmal fragen, ob das die richtige Metapher für unseren Ferienalltag ist.

Gott mit Trump, aber wir sind Menschen

Zu den widerlichsten Verhaltensformen gehört das Ranranzen an den vermeintlichen Herrscher, bevor er seine Macht zur Gänze ausübt. Hätte es das Ohrabattentat auf Trump nicht gegeben, wären die opportunistischen Pol8itiklautsprecher vorsichtiger gewesen, so wird zugleich mit dem Mitgefühl auch der Charakter des Trump gereinigt. Er selbst dankt Gott, der auf seiner Seite steht. Amen.

Man kann sich ja diplomatisch darauf einstellen, dass er Präsident wird. Aber dann sollte man nicht die Verhandlungsmasse für die Zusammenarbeit jetzt schon durch Unterwürfigkeit aus der Hand geben: oder man stellt sich besser darauf ein, dass Biden sich zurückzieht und eine gute Demokratin antritt – Gründe gäbe es genug.

Wir haben vieles in der Hand. Inclusive der europäischen Politik gegen DREI Atommächte. Siehe letzten Blog. Natürlich verlangt uns das etwas ab. Natürlich werden viele Probleme uns auch Änderungen im Lebensstandard, im Verhalten und in der Freizügigkeit abverlangen, das hat aber nichts mit Trump zu tun oder mit anderen regierenden Gaunern.

Und in einem von Faschismus durchwachsenen Europa sollte man mit Kommentaren zur amerikanischen Binnenwelt vorsichtig und zurückhaltend sein. Nur bei uns in Bagdad….da kann man alles sagen.

(wer „Bagdad“ nicht kennt: der ORF Ort aus den 50er und 60er Jahren war die Satire, wenn man Wien nicht nennen durfte…)

1984. wieso? so oder so.

Besonders langweilige oder vorsichtige Kommentatoren warnen vor Vergleichen. Hitler mit Stalin, Stalin mit Putin, Trump mit Putin, Xi mit Trump….die Liste ist unendlich lang, und jedes Ablehnen von Vergleichen ist eine politisch gefährliche Einschränkung.

Vergleiche müssen sein, sonst kann man die Unterschiede nicht erkennen. Manche Vergleiche sind dumm, andere passen gar nicht, aber keinen sollte man verbieten, bevor er zugänglich ist…nebbich.

Vor 40 Jahren ging 1984 zu Ende. Vor 80 Jahren geschrieben https://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman).

Das Buch gehört zur Allgemeinbildung. Die Verteidiger der USA werden die Unterschiede des Landes zu China und Russland hervorheben, die Analytiker werden genauer hinschauen, und unsereins wird eher nach Amerika fliehen, wenn die Russen kommen als nach China fliehen, wenn die Amis kommen, oder?

*

Die Drei-Mächte-Darstellung von Orwell ist ziemlich wasserfest. Sagen wir einmal, die drei Atommächte teilen sich die Erde. Das hat mich weniger interessiert als das innenpolitische Gefügigmachen der Menschen. Ja, auch in der Diktatur gibt es noch Menschen, die denken und fühlen. Es gibt sozusagen Pausen, in denen die Unterdrückung nicht so drastisch gespürt wird. Scheinbare Freiräume, oder, wie am siegreichen Ende der Diktatur, die ungefährlichen Inseln der intern Abgeschobenen, an denen die Macht schon verübt worden war.

Stehen wir vor einer globalen Dreistaaten-Diktatur, bei der es immer 2:1 steht, bis sich die Fronten zu einem neuen 2:1 verschieben, von einem Tag zum andern? Damals war das eine Metapher, heute ist es vielleicht komplexer, mit mehr intervenierenden Mächten und Variablen, aber so anders ist es auch nicht. Fahrt nur zu Trumps Parteitag und stellt euch auf die Dreireichelehre ein…

*

Ach was, sagt der Politiker in Deutschland, wir überstehen auch Trump (vom senilen Biden ist seit drei Tagen nicht mehr die Rede). Ja wir überstehen Trump ein paar Jahre bis zur Klimakatastrophe. Wir überstehen auch die Vernichtung oder Neudiktatur Israels. Wir überstehen alles bis zum Sterben, und den Tod thematisieren wir oberhalb unseres Alltags, außer die Kugel streift uns und es tut weh.

*

Mich ärgert die Resignation. Die Dreireichevision ist angesichts des brüchigen Bildungswesens eine leider rapid sich ausbreitende Begleiterscheinung der globalen Rechtsentwicklung. Auch den Faschismus werden wir überstehen. Opfer gibt es immer. In guten Diktaturen gibt es immer Ventile, zB. für das Kabarett oder die Lyrik oder die Musik, da kann man immunisierte Opposition üben, und es bedarf keiner evidenten Gewalt. schon in den Demokratien steigt die Zensur an, auch bei uns, aber das kennen wir, es ist schon eine alte Methode, die man unterlaufen kann. Kann. Selbst in 1984 wird das beschrieben, scheinbar gibt es noch Inseln, Auswege, Verstecke. Über den Schein kann man bei Hegel lesen oder bei Stephen King. Man kann ihn einüben. Aber erst, wenn man auf die Probe gestellt wird, erweist sich, ob die Übung wirkt. Wer gefoltert wird, sagt die Wahrheit. Wer Angst vor der Folter hat, sagt sie vorher. Wer Angst vor der Wahrheit hat, lügt sie herbei und wird enttarnt.

*

Kein Ausweg?

Doch, viele Auswege. Alle mühsam, aber begehbar. Oft befestigt man die bessere, zB. demokratische Wirklichkeit, indem man nicht die Verbrecher und Diktatoren dauernd zum Maßstab seiner Kommentare macht, sondern in der Praxis etwas tut, für die Gerechtigkeit, die Umwelt, meinetwegen allgemein den Humanismus. Das unterscheidet dann die Demokraten von denen, die jetzt schon, im Unterbewussten, die Unterwerfung und Anpassung proben.

*

Von nichts kommt nichts.

O nein, was anderes!

Innerhalb kürzester Zeit wird das abgeschossene Ohr des Trump zum Thema geheuchelten universalen Humanismus und der merkwürdigsten Kommentare zum Ereignis. Lasst mal.

Kühle Herbstluft weht in den Juli, wir sollen unter der Erderwärmung noch nicht so leiden, wir nicht, wir nordhalbkugelige Klimabewusste. Für einen Augenblick sind die Rasenmäher stumm, keiner bohrt noch mehr Löcher in die Wand, Kleinkinder sind still und Autos fahren auch gerade nicht vorbei. Es ist geradezu idyllisch, Sonntagsruh, wie der Urlaubsort der Stadtbewohner auch heißt. Natürlich habe ich jetzt die Nachrichtensender abgestellt und lese auch nicht das Neueste, zweitwichtigste, alles ist still.

Dann beginnt es im Bewusstsein zu raspeln: Wegschauen gilt nicht, bleib am Ball. Auch auf dich kommt es an, auf uns alle…Hä, wobei? na, bei der weltweiten Positionierung. Ach ja, jetzt wählen ohnedies viele nicht rechts, sondern links. Wo hin schaut man, wenn wegschauen nicht gilt?

Erinnerungen an Sommer vor 60 Jahren, ja, da gab es auch welche. Ich weiß noch, wie unendlich lang die Tage waren, und die Touristen an den Seen in meiner Umgebung, wenn sie mit Sonnenbrand unsere Sonnencremes plünderten, wie sie bis zum Abendlicht eine Art naturnaher Langeweile überbrückten, um dann endlich im Gastgarten doch anzufangen, über Politik zu reden. Ich hörte da oft zu und verstand, was sich an die Nachrichten im Morgenradio und die Tageszeitung anschloss, oder nicht. Nicht: z.B. Namen, die ich nicht kannte, die auch in Nachrichten nicht vorkamen, weil sie auch in Deutschland dritte Reihe vor Ort waren, und wir waren ja in Österreich. Aber das Hinhören war nicht umsonst, Urlaubspolitisieren war eine Lektion im Habitus nicht der Touristen, sondern der Ausländer, und das waren die Deutschen für uns, die Zeit der Einheit war vorbei, außer….natürlich….da gab es schon mehr oder weniger bierfeuchte Erinnerungen, wenn die alten Väter und die Großväter sich ausbreiteten, aber das verstanden wir Jungen oft nicht. Oft. Sprache hat uns quergelegen. Warum hieß der Gemeindetreffpunkt Gefolgschaftshaus? Was war eine Gefolgschaft? Oder man fragte mich auf der Straße, wo der KZ-Friedhof war, und meine Frage, was sie denn dort wollten, wurde mit „nur so“ beantwortet. Dann ging es wieder an den See und die sonnenheißen Wiesen. Politisiert wurde da wie dort in Gesprächen, aber es ging nicht um Politik.

es gibt in diesen Tagen oft Gründe für eine Flucht in die Erinnerung, um sich der Flucht in die nahe Zukunft zu entziehen. Gar nicht daran denken, dass die AfD in drei Ländern und vielen Gemeinde stärkste Kraft wird, dass Trump seinen Wahlsieg befestigt, dass sich der Wahlsieg der Antirechtsbündnisse nicht umsetzen lässt, dass die Kultur zum Verkümmern aufgerufen wird….gar nicht daran denken, ist eine Art Urlaub. Nicht Widerstand.

Ich muss viel fragen oder nachschlagen um zu wissen, wie das heute die Fünfzehnjährigen erleben, Politik, Zeitgeschehen, rund um sich. Die Erinnerung erlaubt wenig Anschlusspunkte, und selbst die Erziehungsergebnisse von Damals sind mit den heutigen wenig zu vergleichen. Und wenn ichs erfahre, dann sind die Analogien frappierend. So langsam ist die Evolution, nur die Namen ändern sich. Aber der Sommer ist bald vorbei.

*

Das Ausblenden der Wirklichkeit kann in vielen Fällen politische Taktik sein, vor allem bei den politisch Mächtigen und Aktiven. Die dürfen, weil sie es können, fake news und alternative Realitäten vermarkten. Aber wie reagieren die Empfänger, wenn sie keine Ferien haben?

Ich war schon etwas älter, als ich einmal auf einer hochgelegenen Berghütte zu Mittag dem Radio hinhörte. am 16. Juli 1989 wurde der Tod Herbert von Karajans in den Nachrichten mitgeteilt, und ich sagte, zu laut, freudig „endlich“. Man hat mich nicht gleich erschlagen, aber es musste eine längere Diskussion folgen, nicht mit den Jungen, sondern mit den mittelalten und älteren Bergsteigern, die meine Reaktion verfluchten. Mir wurde schnell klar, dass es nicht um „meine“ Geschichte von Erinnerung und Urteil ging, sondern um „die“ Geschichte im Bewusstsein der Meisten. Und da spielte ein anderer Karajan eine Rolle.

Wo wird man wie über den gestrigen Tag von Trump sprechen und wer legt die Rollen fest?

Ich bin weiter auf die Berge gestiegen, ein wenig verstimmt. Aber es war ein schöner Sommertag und noch gab es Gletscher in der Nähe und herrliche Aussicht. Das Gezänke in der Berghütte hatte sich aber eingegraben in meine Erinnerung, die Gletscher sind längst geschmolzen.

Globales Off-Theater, auch lokal

Der Titel sagt schon alles, ich schreib trotzdem darüber. Man wäre versucht, die Unfähigkeit Deutschlands und Österreichs zur Geheimdienstkontrolle, zur Besteuerung der Suppenreichen, zur Entbürokratisierung, zur Schulreform, zur Einhaltung von Umweltregeln u.v.m als nationale Singularität zu betrachten. Negativer Nationalstolz ? Gleichgültigkeit gegenüber Reform, die Anderen verachten uns sowieso.

Falsch.

Bei den Anderen ist es auch nicht gut. Anders schlecht, könnte man sagen. Und in der Tat sind fast alle Kritikfelder global vernetzt. Das heißt natürlich nicht, dass alles überall gleich ist. Diese Ungleichheiten sind ein Anlass zur Politik.

Die Politik ist dann schwach, sie schwächelt, wenn sie die negativen Ungleichheiten aus ihrem Programm ausspart und sich auf das, was gerade läuft, zurückzieht. Die neoliberalen Hindenburgdamm-Fuzzies zum Beispiel schützen die Superreichen, lassen die Kinder weiter verarmen und verhindern mit der Schuldenbremse, dass das Land sich wirtschaftlich erholt. Geflüchtete bekommen durch Lindner weniger Sprachkurse, weniger Integration. Das ist fremdenfeindliche Absicht nicht nur des Nationalliberalen Lagers. Nun, diese kinderarmen Betuchten regieren mit. Aber auch die anderen demokratischen Parteien haben diese Unwucht, sei es außen- oder innenpolitisch. Sie nationalisieren die Grenzen weiter, noch mehr Grenzbeamte müssen das weitmaschige Netz für Ausländer bewachen (obwohl kluge Eindringlinge nicht über Straßengrenzen eindringen).

Es ist schon sichtbar, dass die Errungenschaften demokratischer Entwicklung national ungleichmäßig eingeschränkt und abgebaut werden, durch Gerichte, Parlamente, Regierungen. Das gilt für alle Länder, überall. In Demokratien weniger als in autoritären Staaten und Diktaturen. Aber auch in Demokratien. Im Kapitalismus ist es logisch, in Diktaturen praktisch.

Die Theorie der Glokalisierung ist nicht ganz neu (Zygmund Bauman hat jahrelang dazu geschrieben,, https://de.wikipedia.org/wiki/Zygmunt_Bauman. kurz: Identity in the globalising world 2001 u.v.a., Glocalism. Journal of culture, politics and innovation. Mailand: Globus et Locus.), aber gerade jetzt nicht im Zentrum der Diskurse.

*

Mir geht es um etwas anderes, ganz aktuell: wenn über die mangelnde Einsichtsfähigkeit in die Politik gesprochen wird, dann bedeutet das auch, dass man sich nicht kritisch gegen den Unsinn der machtvoll durchgedrückten Politiken äußern kann, dass der Widerstand oft keine Begriffe findet, und dass man „ohnmächtig“ zurückbleibt – viele driften dann in das Unverständnis ab (rechts) oder in die abstrakte Unverständlichkeit (links), oder beides. Mich ärgert das, weil vieles, sehr vieles rational und zielführend erörtert und politisiert werden kann, also real könnte. Und nicht wird. Dann ziehen sich die Leute entweder auf Ohnmacht zurück, in die AfD, SWS oder die schweigende Mitgliedschaft in der Demokratie. Letztlich ist das auch eine Frage der Bildung und der politischen Einmischung von Jugend an.

Man kann auch sagen, dass uns nichts, was in der Welt geschieht, nichts angeht, auch wenn wir uns nicht zu allem äußern können oder müssen. Aber es ist wichtig, aus der Lokalität auf die Welt hinauszuschauen, sonst bleibt alles kleinklein deutsch und lokal und deshalb scheinbar überlebbar und global unwichtig.

das ist einer der Gründe, warum zur Zeit Umwelt aus der öffentlichen Debatte zurückweicht und andere, eher marginale Themen, nach vorne rücken. Sich politisieren heißt, das genau zu vermeiden: Rückzug von den glokalen Themen, weil „man“ ohnedies „nichts machen“ kann.

Damit begründen die Antidemokraten das Führerprinzip und lehnen die demokratischen Diskurse ab.

Oida, bist du alt oder älter?

Es häufen sich Artikel, Werbung, Diskussion über das richtige Verhalten im Alter, die Zukunft des Alterns und die Bedeutung des Alters für Gesellschaft, Politik, Kultur und Ökonomie. Nichts Neues also?

In Wien sagen 17jährige „oida“ (Alter) zueinander, das ist nicht nur höfliche Anerkennung. In einem Projekt zum intergenerationellen Wohnen bemüht sich unser Team, das Alter nicht mit dem Ruhestand, der Pension oder einer Geburtszahl beginnen zu lassen. Und die Bücherregale sind voll von Altersdiskursen.

Das Thema ist hochpolitisch. Biden, Xi, Trump sind „sehr alt“. Adenauer war sehr alt. Über die Bewertung des Älteren entscheidet nicht sein Alter, sondern Auftreten und Verhalten. Überwiegend Männer…Maggy Thatcher war nicht so alt, als sie regierte…Alter wird ein Diskriminierungsmittel zum Guten wie zum Schlechten. Es geht natürlich beim Verhalten auch, auch! darum, was ein Politiker tut, aber vor allem um sein Verhalten. Weil man („mann“) sich selbst altern sieht. Weil man sein Verhalten vergleicht mit dem, was vielleicht noch kommt.

Neoliberale Deppen lassen ältere AutofahrerInnen ihr Leben früher beenden und das jüngerer Menschen gefährden. Sie zu testen oder gar zu begrenzen, hat für diese Sportwagengeneration keinen Sinn und ihre alten Parteimitglieder sind ohnedies nicht gefragt. Das Beispiel lässt sich unschwer auf andere Gebiete übertragen. In der Politik ist es aber besonders aufgeladen. Erinnert euch an die Diskussionen über den Rücktritt eines unjungen Papstes zugunsten eines Nachfolgers.

Biden und Trump sind zwei Seiten derselben Medaille. Das Alter verbindet zwei unvereinbare Charaktere, aber möglicherweise keine Fehlhandlungen des einen wie des anderen.

Das liegt u.a. daran, dass das Alter normalerweise nicht thematisiert wird, man ist in der Blüte seiner und ihrer Jahre, und danach älter. Wie das mit der Denk-, Hirn-, Sex-, Sprech- und Verhaltensleistung verbunden wird, entscheidet der einzelne Mensch nicht, sondern „man“, und zwar auch über Macht, Geld, Attraktion, Wirkung vermittelt.

Diese Einsicht hilft uns bei Trump und Biden nicht (mehr). Oder doch?

*

Ein ganz anderes Thema wäre zu fragen, warum Altsein gut und Älter-Werden problematisch ist, bzw. schlecht oder lebensschön usw. Das hat etwas mit Gesellschaftsgeschichte und dem Bewusstsein der Mächtigen, über den Altersdiskurs Menschen gut steuern zu können. Dagegen können sich Menschen auflehnen, tun es aber nicht immer, und heute wohl häufiger als früher. Das aber werde ich ein andermal diskutieren.

Keine Beruhigung. In diesen Tagen.

Das Aufatmen nach der Wahl in Frankreich ist allgemein, aber verdächtig. Man entkommt der Skylla und fällt der Charybdis zum Opfer (Entschuldigung für die bildungsbürgerliche Ironie, aber manchmal sind die politischen Kommentare auch wirklichkeitsfremd).

In diesen schrecklichen Tagen, wo man den Wolfsgruß in Deutschland verharmlost und duldet, wo Orban die EU in Russland und China verrät, wo der Massenmörder Putin die Ukraine weiter schändet, in diesen Tagen, wo John Biden nicht mehr weiß, wer er ist, und eine faschistische Regierung in Israel das Judentum destruiert. In diesen Tagen mit noch weit mehr Schrecken weltweit und der kaum mehr abzuwehrenden Klimakrise, müssen wir dem Endzeitdenken entkommen, auch wenn es schon Endzeit IST.

Wir können uns nicht beruhigen, nur weil wir nicht mehr wissen, welchen Schrecken wir zuerst aus dem Papierkorb fischen, um ihn zu bearbeiten. Auch wenn die Psychologie und Psychiatrie gut erklären kann, warum so viele Menschen sich von der Wirklichkeit abwenden und in ihren unverständigen mentalen Schrebergärten sich ein letztes Wochenende bereiten – oder den hysterischen Alarmisten auf den Leim gehen, die die schreckliche Situation der Zeit ausnutzen, um von der Demokratie abzulenken und den neuen Führerkulten huldigen. Oi weh, was soll man tun, wenn die Stimme vom Klagen heiser geworden ist?

Wir haben keine breiten Handlungsplätze, vielmehr muss sich der Widerstand in den engen Gassen der Unzugänglichkeit für die Gewaltherrschaft bilden; im Wortsinn „bilden“, wissen, worum es jetzt geht, und organisieren, herausbilden. Amerikaner als volatile Demokratie, Russen, Chinesen und andere autoritäre Staaten haben jeweils versagt, wenn sie mit Macht gegen die befreiende Guerilla angekämpft haben – was im übrigen diese Guerilla nicht gleich zum Modell künftiger Freiheit gemacht hatte.

Sagt mein Freund: spinnst du? jetzt Guerilla fordern, wie denn gegenüber den Trotzburgen empathieloser wieder aufgerüsteter Herrschaften? Nein, ich spinne nicht, denn das Gute an der Guerilla ist, dass man vorher und während ihres Aufbaus natürlich nicht sagen muss, was wir machen und wie. Ob wir den Kulturtext auswendig lernen, wie in Fahrenheit 451 oder ob wir den Lebensstil so verändern, dass er ökologisch tragfähiger wird, allein oder in Gruppen, ob wir…da gibt es genug Pläne und Strategien zur Auswahl. Wir wissen das oder wir können es denen vermitteln, die es nicht wissen. (Es ist die Umkehrung des menschenfeindlichen religiösen Siegeszugs der radikalen Fundamentalisten und Evangelikalen).

Das Schwierige an diesen Argumenten ist nicht, ihnen im Prinzip zuzustimmen, sondern etwas zu tun, das diesen Forderungen entgegenkommt, sie sozusagen in der Alltagspolitik abholt.

Diese Schwierigkeit bedeutet für mich immer in einer gewissen Oppositionshaltung im „eigenen Lager“ zu beharren. So paradox es klingt, es ist der Widerstand gegen die machtvolle Belehrung und die Unterwerfung unter das Lernen von Wirklichkeit.

Dafür gibt es Beispiele genug, auch ich habe etliche, aber zunächst geht es darum zu akzeptieren, dass man die globale Zerstörung nicht allein dadurch aufhalten kann, indem man sie kritisiert. Nicht allein. Etwas tun ohne durchzudrehen, also politisch und praktisch zu handeln. Die „Projektarbeit“ nennt man natürlich nicht Guerilla. Sehr viel mehr können wir zur Zeit nicht, aber wir wollen mehr.

Keine Fluchten. Flüche? Auch nicht.

Nicht nur um der AfD zu schaden, werden im Bundestag die Strafen für unziemliches Verhalten erhöht. Wir wollen ordentlich untergehen.

Die Kommentare weltweit überschlagen sich, die Bidenpleite wird schon wieder überwuchert von der Macronpleite, Orban darf die EU anführen, die Faschisten in Holland beginnen zu regieren und Ronaldo verschießt einen Elfmeter. Endzeiten allenthalben.

Der Spott über das Vogelstraussverhalten ist uralt, aber es endet nicht damit: man muss das alles nicht wahrnehmen, es gäbe ja noch viel mehr Ärgernisse auf der Erdoberfläche. Was aber, wenn man sich eine Alternative einfallen ließe, nicht im virtuellen Raum, sondern real. Verhaltenswiderstand, es wird nicht gegrüßt, geantwortet, kommuniziert. Salzsäulenverhalten…nur, wen grenzen wir nicht aus? Weil natürlich die misstrauische Lebensführung vom Verrat der Nächsten getragen wird, Parteifreunde wie Ehepartner sind da nicht ausgenommen, alles lügt, – ja, man selbst auch.

Gemessen an unserer kurzen Lebensdauer und sehr beschränkten Zukunft wäre ja ein drogengeführtes Leben ohne die Möglichkeiten, die Folgen von irgendetwas zu bedenken und auf sich zu beziehen, ein Ausweg, von dem ich annehme, dass viele ihn ohnedies beschreiten. Ernsthafte philosophische und religiöse Einwände dagegen gibt es nicht, allenfalls praktische, wenn nicht mehr produziert wird, womit wir leben wollen und können. Ich hatte eine Droge früher genannt, Empathielosigkeit, die offenbar Politiker und Mitglieder der wohlhabenden Elite genauso süchtig macht wie die Menschen, die ich Pöbel genannt habe, wofür ich kritisiert wurde, weil es ja un-menschlich ist, zum Pöbel und nicht zur Gesellschaft zu gehören. Okay, dann sind am Rand der Gesellschaft die Empathielosen quer durch alle Klassen und Reviere die schon halb der Zukunft entzogenen, betäubten Zeitgenossen, Vogel Strauß als Crack, Fentanyl und Bocksbier.

Das ist alles eine verwirrende Umschreibung eines Allgemeinplatzes, der nur halb richtig wirkt: Augen auf! Aber was man sieht, hört, wahrnimmt muss nicht Empathie, Solidarität, Aktivität auslösen, – das nehmen wir ja immer wahr. Ob es zunimmt? Ich weiß nicht.

Was gehts mich an? Die Antwort darauf lenkt die offenen Augen oft auch darauf, was auf uns zurückwirkt, gerade wenn es uns scheinbar nichts angeht. Darunter leiden die meisten, die offenen Auges die absteigende Wirklichkeit wahrnehmen, und wenn sie als Reaktion diese Wahrnehmung ablegen, dann kommen nicht nur Orban oder Putin zum Vorschein. Den Vergleich habt ihr nicht erwartet?! Klar, wenn die Empathielosen nicht dauernd bestärkt und gewählt würden, wenn man nicht auswiche dem nächsten Handgriff…mit oder ohne Begründung. Im Wienerischen: Es muaß wos gschehn … kannst eh nix machen.

Handeln, aktiv bleiben angesichts der unbewältigten Vielzahl der Probleme, das gibt es seit Anbeginn unserer Zivilisation, wir haben es bei Ovid, bei Camus, und bei vielen Frauen und Männern bis in die Schulbücher hinein gelernt, aber wenn man eh nichts machen kann, dann lassen wir es halt. Das wird schon in den nächsten Generationen zu ganz anderen Zweifeln an der Wirklichkeit führen als wir begünstigte Generation Europas kennen.

Werte Leserinnen und Leser: wie komme ich zu einer solchen Überlegung, gerade heute? Die Antwort: einmal die Nachrichten bis zum Ende genau anhören. Ich habs heute ausgehalten und mir gedacht, dass man neoliberale Wohlstandsforderungen und den Schrecken der weltweiten Destruktion und Kriege und die Abkehr vom schlechten Benehmen nicht alle in einer Tonart präsentieren darf, wenn man … ja was? wenn man handeln möchte oder wenn man etwas tut?

Seit längerem verfolge ich zwei Prinzipien: das der Gleichzeitigkeit und das der Resilienz gegen bloß reagierende Aufforderungen zur Politik. Es ist das alles gleichzeitig und das schließt meine, unsere Resilienz und unsere Ruhepausen und Aktivitäten ein, und nichts wird beim Aufwachen weniger. Was kein schlechtes Argument gegen die Droge der Empathielosigkeit ist, weil die Wirklichkeit nach jedem Wegschauen ein Stück gewachsen ist und um die Ecke schaut.

Wahrheiten sind nicht einfach

„Es ist in Wahrheit würdig und recht…“, so beginnt ein katholisches Messgebet, lateinisch viel schöner „vere dignum et justum est…“, seit dem dritten Jahrhundert dankt man so dem angebeteten Gott (Präfation – Wikipedia). In Wahrheit also, und nicht anders.

Die Heiligung der Wahrheit hat säkular abgenommen, wird philosophisch zerlegt, ist geradezu abstrus bei Verbrechern wie Trump oder Putin oder faschistischen Gaunern wie Netanjahu und in allen Medien der Tyrannei sowieso…und im Kleinen ist wahr sagen so etwas moralisches wie nicht lügen. Manchmal sagen die Terroristen die Wahrheit, indem sie sie aus dem Kontext reißen, und dann gewinnen sie Gefolgschaft anstatt Kritik.

Mich beschäftigt diese Wahr-Sagerei schon lange, nicht erst seit der Heiligung der fake-news und der post-rationalen Philosophie. Aber jetzt ganz aktuell. Sagt die israelische Regierung die Wahrheit, sagen die Palästinenser im Gaza und Westjordanland die Wahrheit, wenn sie jeweils ihre Politik darstellen und Verteidigen? Die israelische Regierung, ethnisch sind das Juden, ist de facto nicht „jüdisch“; die Hamas, de facto nicht „palästinensisch“, ethnisch auch semitisch, wie die Juden. Können diese partikularen Herrschenden überhaupt die Wahrheit sagen, wenn ihre Wahrheiten aus dem Kontext gerissen vorgetragen werden: historisch, kulturell, militärisch, alltäglich? Wenn ich jetzt sage, sie können es nicht, dann ist das kompliziert zu begründen, es geht aber. Eine Prämisse lasse ich einmal so stehen: Religion steht immer gegen den Wahrheitsanspruch.

Gegen die Glorifizierung oder Mystifikation von Wahrheit hat die Philosophie mehr Mittel als der Alltagsverstand. Ich hatte schon mehrfach auf Omri Boehms Priorisierung von Gerechtigkeit vor den inkompatiblen Wahrheiten hingewiesen (Boehm 2023). Beide Begriffe sind ohne ihre Kontexte nicht verwendbar, aber die Brücke zwischen Gerechtigkeit und Praxis ist stabiler und praktischer als die Abwägung der Wahrheiten gegeneinander.

Natürlich geht’s mir hier um die Wahrheiten des jüdischen Israel und der Palästinenser, nicht nur. Aber der Plural der Wahrheiten ist etwas anderes als die Heiligung der Fake News durch Trump und Konsorten. Da unser Leben nicht aus einer einheitlichen Ganzheitlichkeit besteht, weder zu Lebzeiten noch gar im nicht zutreffenden Jenseits, kann und muss es auch inkompatible Wahrheiten geben. Das ist nicht schlimm, sofern wir den Kontext lernen und erkennen können. Unwahrheiten spalten die Gesellschaft und stören, zerstören Solidarität. Wahrheiten jedoch verbinden nicht immer. (Mein bissiger Zusatz: geoffenbarte Wahrheiten erst recht nicht). Aber die Interpretation der biblischen Geschichte Abrahams, wonach aus ethischem Ungehorsam erst die „wahre Bedeutung seines Glaubens“ kommt (S.141), hat schon eine Bedeutung, die über die Geschichte in die Gegenwart nachwirkt. Bodenheimer verurteilt Gott deutlich, als er über den Mord an Rabin urteilt (Bodenheimer 1996). Er hat sich ausführlicher der Opferung des Widders angenommen, der statt des Sohnes von Abraham zur Hand war (Bodenheimer 1985). In knapper Form (27-31) wird die Differenz zwischen dem christlichen Lamm und dem jüdischen Widder so dargestellt, dass der Ungehorsam gegen Gott geradezu notwendig erscheint. In einem Interview 1997 hat Bodenheimer sehr deutliche Worte gesprochen:

„Denn jene, die die Schuldlosen verteidigen, schauen dann besonders darauf, wo sich die Schuldlosen selbst schuldig machen. Das sieht man jetzt an der Reaktion der Weltöffentlichkeit auf Juden, die sich in Israel schuldig machen. Aber es stimmt eben nicht, dass jene, denen gegenüber man schuldig geworden ist, die besseren Menschen sind. Das gilt nicht nur für die Juden, es gilt für die Palästinenser, es gilt rundum…(Frage nach der Alternative zu Schuldkenntnissen, MD)…Eine redliche, unpolemische Verständigung über die wesenhafte Verschiedenheit zwischen Judentum und Christentum!…Solange es nur eine Wahrheit geben darf, wird sich das (die Konkurrenz MD) nie bessern“ (Zurkinden 1997)

Das war 50 Jahre nach der Staatsgründung und ist heute noch aktuell. Die Freigabe der Wahrheiten als ethische, politische Praxis, als Bestandteil von Kommunikation unter Gleichen ist eine Form der Gerechtigkeit. Das schließt an Omri Boehm an.

* In diesen Tagen kann und will man nicht die Abstufungen von Wahrheit und Unwahrheit ethnisch zuordnen, ohne sich falscher Parteilichkeit schuldig zu machen. Es muss etwas geben, das die Wahrheiten im Konflikt so überbrückt, dass keine Seite mit Fakes arbeiten kann, dass also Vertrauen und Solidarität sich jenseits von Wahrheit entfalten können.