anti-ANTI II

Drei Kommentare in einer ausführlichen Kritik von Felix Klein an dem Scheinjuden Fabian Wolff:

„Die israelische Botschaft in Berlin sagte über den Vorgang: »Wir müssen alle darüber nachdenken, ob die Tatsache, dass er sich als Jude ausgegeben hat, für manchen eine gute Ausrede war, seine Dämonisierung gegenüber dem Staat Israel zu legitimieren.« Wolff hatte in einem viel beachteten Text ausführlich Kritik an einer Israel-Boykott-Kampagne zurückgewiesen.

Auch der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, sieht in dem Vorgang einen Beleg für ein Muster: »Es zeigt sich ein grundsätzliches Problem dieser Gesellschaft und ihrer Medien: Man hört so gern etwas Israelkritisches und gern auch etwas gegen den Zentralrat der Juden. Und man will es freilich gern von einer jüdischen Stimme hören.«

Dabei übersteige die Nachfrage in der Gesellschaft eindeutig das Angebot: »Wer das Gewünschte liefert, kann sich vor Angeboten gar nicht retten.«“

(Fall Fabian Wolff: Antisemitismusbeauftragter kritisiert Autor (msn.com) 5.8.2023

Die Kommentare äußern, ohne es zu wollen, eine Einengung des Antisemitismus auf die tatsächliche und die behauptete Israelkritik. Nichts einfacher, als Fabian Wolff zu kritisieren, das Scheinjudenar4gument ist vor allem für Deutschland ein gelungenes Werkzeug, die eigen Rolle der geläuterten und nunmehr juden- und israelfreundlichen Gesellschaft zu dokumentieren. Kann man machen, aber –

Der Antisemitismus ist älter und differenzierter als seine Ableitung oder primäre Zuschreibung zur Shoah. Religiös und ethnisch begründete Antisemitismen kausal dem Holocaust zuzuschreiben oder von ihm abzuleiten, greift zu kurz und ist oft einfach historisch falsch.

Das ist im übrigen ein wesentliches Argument für das vom BMBF und dem Fritz Bauer Institut geförderten Projekt AIES „Antisemitismus im europäischen Schulunterricht“ (Vgl.  FBI Jahresbericht 2022, S. 161, Antisemitismus als Gegenstand des Schulunterrichts | Antisemitismus | bpb.de; (2006!); Antisemitismus im europäischen Schulunterricht (AIES) – Institut für Germanistik – Europa-Universität Flensburg (EUF) (uni-flensburg.de); (2021). Juliane Wetzel von der bpb sagt zutreffend:

Holocaust-Erziehung kann Jugendliche zwar sensibel machen für die Gefahren des Antisemitismus, aber nicht immunisieren. Die Maßnahmen der Aufklärung müssen umfassender sein.

Ein weiterer Aspekt ist kompliziert: gerade das letzte Jahr hat gezeigt, wie oft die Frage nach legitimer und illegitimer Israelkritik sich darauf reduziert, dass die Israelkritik antisemitisch sei (was durchaus in vielen Fällen so ist, und ebenso vielen Fällen nicht zutrifft). Aus der Kritik an der Israelkritik aber eine praktikable Position gegen Antisemitismus zu gewinnen, ist mehr als oberflächlich.

Mein dritter Einwand gegen die Ableitung des Antisemitismus auf einen Ursprung ist auch nicht einfach, wenn ich mutmaße, dass es eine deutsche Position ist, die das alles in dieser Form hochspielt. Auch in anderen Gesellschaften gibt es Antisemitismus, oft mehr als bei uns, manchmal weniger, aber seine Analyse beruht dort selten auf einem Wiedergutmachungs-Selbstbezug, der sich angeblich selbst erklärt. Das müsste dem Schulunterricht auch kritisch zugefügt werden. Und damit der Lehramtsausbildung.

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Eine Position gegen Antisemitismus einzunehmen und vor allem auszusprechen, ist so einfach wie wenige politisch-ethische Aussagen. Aber ich frage, ausdrücklich auch als jüdischer Mensch: na und? Wen erreichts? Was bewirkt es?

Seit Jahrzehnten, eigentlich seit 1945, dem Weltkriegsende, also vor der Gründung Israels, ist der Antisemitismus präsent. Das ist einfach zu erklären. Weniger einfach die seit vielen Jahrzehnten behauptete These vom Anstieg des Antisemitismus. Wenn er auch nur seit dem 1950er Jahren ständig angestiegen wäre, müsste er heute beherrschend sein, was er nun wirklich nicht ist, und zugleich könnte man bewerten, messen und kritisieren, wieviel welche Aussagen und Maßnahmen gegen den Antisemitismus bewirkt haben. Wer kann, soll, darf, will das tun?

Kein Missverständnis: ich habe seit meiner Kindheit in Österreich und erwachsen in Deutschland unter Antisemitismen gelitten, oder ab sie für mich weniger relevant empfunden als die Antwort auf die Frage: wer und was ist jüdisch in Deutschland? Die Antwort ist so kompliziert, weil sie nicht aus der Nachkriegsgeschichte, wie das manche gerne wollen, herleitbar ist, und sie ist widersprüchlich, man möchte sagen multipolar, ethnisch, religiös, identitär, sozial integriert oder desintegriert…

Und da sind die oben zitierten Aussagen, incl. Des Hinweises auf den Zentralrat im Kontext der Israelkritik, einfach daneben.

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Felix Klein hat noch etwas gesagt, an anderer Stelle: „Antisemitismusbeauftragter Felix Klein: – „Die AfD ist eine Gefahr für jüdisches Leben“ (msn.com)“ (5.8.2023), darin kritisiert er die AfD zu Recht als Gefahr für das Judentum in Deutschland. (Das wäre, ist es diesmal aber be8i ihm nicht, ein wichtiger Punkt, wie eine Millionenpartei neonazistischen Zuschnitts mit einer Gruppe von 200.000 jüdischen Menschen verfährt). Was mich wundert, ist ausgerechnet der Hinweis auf die jüdischen Speisegesetze, die von der AfD unterlaufen werden. Stimmt, aber das in den Vordergrund zu rücken, halte ich für problematisch. Ich kenne  aus meinen jüdischen Umgebungen eine Menge streng koscherer, wenig koscherer, gar nicht koscher und eine Menge dazu unwissender jüdischer Menschen. Und etliche nichtjüdische Sympathisanten, die aus anderen guten Gründen koscher essen und kochen.

Zu Felix Klein, den ich sympathisch finde und der gewiss eine schwere, fast unlösbare Aufgabe hat: Er repräsentiert eine Auffassung von Judentum, die einen Teil der jüdischen Menschen in Deutschland betrifft. Es wäre schön, wenn er nach den anderen Teilen sich ausdehnte, erst einmal mehr fragen als schon beantworten, wie wir nicht einfach den Antisemitismus bekämpfen, sondern unsere jüdischen Selbstverständigungen neidlos und differenziert ausleben und ausdiskutieren können.

68. Wichtiger als Vietnam?

Viele denken bei 1968 an die Studentenbewegung, an Vietnam oder die Demonstrationen. Ich auch. Aber meine Erinnerung ist überbaut von Prag. Nach 1956 der zweiten Station meines politischen Bewusstseins, ob das nun wirklich politisch war, bleibt offen:

Das Gedächtnis schlägt die Erinnerung und ihre Asservaten im Tagebuch. Sonst schreibe ich viel genauer, aber damals im Aust 1968 kaum. 2.8. Die Fahrt nach Prag mit Hans Meissner, meinem Englischlehrer, einem lebenslangen älteren Freund (+ 2012). Erstmals in der noch unrenovierten Stadt, spannend mit ihrer Geschichte und der Vibration des Prager Frühlings. Ein Spitzel führt uns in eine Reihe unbekannter Museen – ich erinnere viel Glas.

Ich erinnere an die Reden von Dubcek und Smrkovsky am Altstädter Ring, als sie von Cierna nad Tisu und dem Treffen mit Breschnew zurückgekommen waren. Reden für die Demokratie, Menschen bis an den Rand der großen Straßen und Plätze. Die Rede des gedemütigten und misshandelten Dubcek erfolgte am 26.8. und damit war das Ende des Frühlings besiegelt.

Wir bekommen eine Warnung das Land umgehend zu verlassen. Also am nächsten Morgen.

In der Erinnerung schiebt sich die nächste Zeit zusammen, als ob der wirkliche Einmarsch vom 20.8. gleich am nächsten Tag gewesen wäre, als ob die polizeiliche Vorladung in Salzburg wegen der Briefe an die Botschaften für die Freiheit der CSSR gleich darauf erfolgte, und dann die Demo in Wien, wo auch ich am Maria Theresien Denkmal gesprochen habe und danach zur Polizei musste. Das war aber drei Wochen und ein paar Tage dazu später. Dazwischen: das andere normale Leben im Sommer, nur die kurzzeitige Erinnerung. Am 28.8. die erste politische Reflexion im Tagebuch, und die Aktionen der Studentengruppe und die Politik in Wien gingen noch ein paar Tage später los.

So war es, nur gingen die Uhren und Kalenderdaten in anderem Rhythmus. Erinnert sich, ausgelöst durch eine andere Erinnerung eines damals 16 Jährigen an den Einmarsch und die Tage davor. (Jan Faktor: „Heute weiß ich, wie illusorisch das alles war“ (ZEIT #33. 3.8.2023, S.14f.). Wir hatten sehr unterschiedliche Illusionen.

Diese biographische Notiz ist mir wichtig, weil ich im Anschluss an diese Ereignisse, weit mehr noch als vor dem August 1968, in NEUEN FORVM Wien, bei Günther Nenning, viele der geflüchteten Prager Demokraten und Intellektuellen kennengelernt und gesprochen habe, kein geringer Beitrag zur prinzipiellen und nicht taktischen Gegnerschaft zum stalinistischen und post-stalinistischen Kommunismus der UdSSR. Und immer noch Misstrauen gegen die Russophilie gegen die umgebenden Staaten und Gesellschaften.

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Nun kann man diese Einleitung in zwei Richtungen ausweiten und ausdeuten:

  1. Russlands Rolle vor und nach Gorbatschow in Europa und der Welt, für uns und andere, – und wer wie an Russland warum hängt;
  2. Das Problem von Gedächtnis, Erinnerung und die Auswirkungen auf die derzeitige Praxis mit Blick auf die Zukunft;

Mich beschäftigt das Zweite, aber ich frage mich, wen das interessiert und wie der Sprung in die Politik und Entwicklung geschehen kann, wenn man sich, das heißt: die individuelle Sicht, hinter sich lässt. Wer ist fähig und berufen wie zu handeln, wenn es um…(Sie dürfen reihen: Umwelt, Frieden, Wohlstand, Kultur, etc.) …geht.

Zu Beginn eines langen und inhaltsreichen Interviews sagt Marlene Streeruwitz:

Es werden Metaschicksale dekretiert, die unsere Kleinrealitäten außer Kraft setzen. Die Macht über uns wird offenkundig. Das Metaschicksal setzt unsere Rechte und auch die Pflichten aus und lässt uns den Stress des Ausgeliefertseins als Beschäftigung. Es sind psychotische Welten, in die wir da verfrachtet werden, und es wäre der richtige Zeitpunkt, sich gemeinsam diesem Ausgeliefertsein zu entziehen. Zum Beispiel in einer Durchsetzung von Klimapolitik, die die Welt nicht als Besitz von Eliten betrachtet, sondern sich den demokratisch aufgefassten Grundrechten aller widmet. Das wiederum hieße, das Leben darin ernst zu nehmen, dass die natürlichen Ressourcen nicht dem kapitalistischen Prinzip der Profitmaximierung unterworfen werden können. Unsere Rede muss dann „grün-grüner-grün“ heißen. Der Superlativ muss aus dem Spiel genommen werden.

(Streeruwitz: „Krisen offenbaren unseren Selbstbetrug“ – news.ORF.at)

Dass das alles nicht einfach ist, versteht sich. Dass es übersetzt in Alltag und Politik auch die eigenen Ansprüche an die Zukunft betrifft und den Abschied von dem, was als Bedingung unserer gesellschaftlichen Integration als „selbstverständlich“ dekretiert wird, verstehe ich auch.

Im NEUEN FORVM haben wir so gedacht, und viel wieder verloren, bevor wir es gewonnen hatten. In diesen Tagen, des rundum verbreiteten großen Schreckens, ist es nicht falsch, den Superlativ aus dem Spiel zu nehmen.

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Vor kurzem wieder in Prag, hat sich das Damals der neuen, „künstlichen Kulisse“ (Jan Faktor, oben) entzogen, und ich war wieder Anfang August 1968. Als ich es in dieser neuen Wirklichkeit der Kulisse meiner Frau erzählte, wurde mir klar, wie wichtig die genaue Erinnerung ist, die sich nicht vom Gedächtnis täuschen lassen darf.

anti-ANTI

Vor vielen Jahren, als ich noch eine Uni leitete, gabs eine Studierendengruppe, die nannte sich schlicht ANTI. Da konnte man nach Belieben gegen etwas bestimmtes oder eben gegen alles sein. Wofür die Gruppe war, weiß ich nicht mehr. Zeitgleich gab es auch einen Ableger der ANTI-Deutschen.

„Weitere antideutsche Positionen sind Solidarität mit Israel sowie Gegnerschaft zu AntizionismusAntiamerikanismusIslamismus, bestimmten („regressiven“) Formen des Antikapitalismus und Antiimperialismus. Diese führten und führen zu Kontroversen innerhalb der linken Szene.“ Soviel Anti in einer Definition (https://de.wikipedia.org/wiki/Antideutsche).

Lassen wir die Sprachgeschichte und einige spannende Antis wie Antigone, Antilope, Antizipation usw. Aber nicht ganz: Schon Adorno verwendete lieber „ante“ als „anti“, denn das Wörterbu8ch sagt mit Recht, dass „ante/i“ als Adverb vorn, vorwärts vorher bedeutet, und als Präposition vor, voran, voraus….Das ist nicht trivial, denn wir verwenden es ja gerne als „dagegen“, Gegen-, Nicht. So kann es auch richtig verwendet werden, Opposition anzeigend. Nur sollte man bei manchen Begriffen aufpassen, unabhängig von der Endung e oder a.

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Gestern war der Tag des ANTIZIGANISMUS, als der Tag gegen die Verleumdung und Verfolgung von Sini und Roma, also eigentlich der Tag gegen den Antiziganismus. Aber klugerweise sagte niemand offiziel, es sei der Tag des PRO-Ziganismus, weil das ja etwas anderes bedeutet, oder?

Dauernd gibt es Unbehagen und Kritik am ANTISEMITISMUS. Zu Recht, nur was folgt daraus? Eine Einleitung:

„Ein Antifaschist, der nichts ist als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist.“

Da muss ich genau sein, kann es auf die Semiten nicht einfach übertragen, dann das Gegenteil eines Antisemiten ist nicht der Semit, sondern in unserer Sprache ein Philosemit. Antisemit meint also einen ethnischen, kulturell Zusammenhang. Christliche Intellektuelle haben u.a. differenziert zwischen Antijudaisten (religiös) und Antisemiten (ethnisch).

Viele Menschen, die zum Judentum konvertiert sind, konzentrieren sich auf die Abwehr des Antisemitismus, weil der ihre Konversion bedroht.

Viele Menschen, die sich für Israel einsetzen (Statt und(oder Gesellschaft und(oder Erfahrung im Land) sehen in der Israelkritik Antisemitismus.

Für viele Menschen sind Judenwitze antisemitisch per se.

Alle drei Gruppen und noch mehr mögen Gründe haben, so zu argumentieren, die können gut oder schlecht oder banal sein. Aber nur „antisemitisch“ zu sagen, reicht nicht.

Drei Narrative zunächst:

Nach 1945 wurde, wenn Antisemitismus thematisiert wurde, ein Ansteigen dieser Haltung festgestellt und die Gesellschaft, der Staat, jede(r) Einzelne aufgefordert, dagegen vorzugehen. Zugleich wurde seit damals bis heute, 2023, ein dauerndes Ansteigen des Antisemitismus kommentiert.

Dazu: Michael Daxner: Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg 2005 (Merus)

Was bedeutet Philosemitismus? Wenn ich alle Menschen als Menschen liebe, dann bedeutet die Judenliebe eine Hervorhebung, jüdische Menschen „mag ich besonders.“ Ist aber komplizierter, weil es als Begriff den Antisemistmus bereits voraussetzte.

Dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Philosemitismus#Begriff

Die anscheinende oder scheinbare (zwei Varianten!) von Solidarisierung bzw. Integration mit jüdischen Menschen und die damit verbundene Hineinnahme von Israel in diese Diskurse ist so komplex, dass sie Wissen und eine sich selbst bewusste Einstellung zum Thema und Begriff braucht, also nicht einfach auf common sense beruhen sollte.

Zu diesem letzten Punkt ein weiterer Exkurs:

Ich behaupte, dass dieses Thema und seine Worte, die nicht immer gleich Begriffe im strengen Sinn sind, besonders in Deutschland (und teilweise in Österreich) problematischer sind als anderswo, außer vielleicht in Israel selbst. Deutschland sieht sich seit 1945 auf der richtigen Seite der Beziehung zu „den Juden“, zu Israel, zur jüdischen Kultur etc. Der Einwand kommt sofort: redest du von Westdeutschland? Ja, in der DDR wurde viel von dem einer bestimmten Variante des Antifaschismus zugeschrieben (siehe oben) , während im Westen die kollektive, staatliche, gesellschaftliche, zivilgesellschaftliche etc. Gesinnungsänderung zur Staatsräson wurde. Nach 1989 vermischt sich das. Aber schaut mal genau: man durfte nicht Antisemit sein, aber schon antizionistisch eingestellt. Man musste darauf achten, wer Israel wie kritisierte und von wem die Kritik kam, das sei oder sei nicht antisemitisch. Man musste mit „Außenseitern“, die als jüdisch bekannt waren oder so gezeichnet wurden, anders umgehen als mit vergleichbaren nicht jüdischen Personen. Man musste mit jüdischen Organisationen anders, nicht schlechter oder besser, aber anders umgehen als mit anderen ethnischen und religiösen Organisation, weil…WEIL, ja weil wir doch die Zeit vor 1945 als Begründung für die Haltungs- und Verhaltensänderung mit uns tragen.

Das alles ist ja nicht falsch oder verwerflich. Nur, damit sind wir wieder bei den einfachen Worten: damit NATISEMITISMUS ein BEGRIFF WIRD; mit dem man Kommunikation, Kritik und Politik, Kultur und Selbstverständnis machen kann, sollten doch diese besonderen deutschen Probleme als solche bearbeitet werden, sollte uns doch klar sein, was in den wirklichen Beziehungen z.B. zu Israel tatsächlich vor sich geht und nicht was uns von Politik und Gruppen als korrekt oder angemessen vorgegeben wird.

Drastisch: Israel ist kein Judenstaat, sondern ein jüdischer Staat. Israel ist ein demokratischer Staat und kein Kirchenstaat. Gerade wenn uns die erfolgreiche militärische Befestigung der Staatsgründung 1948 und wenn uns die Kriege danach die Befestigung Israels als demokratischem Staat in seiner Umgebung als richtig und sinnvoll erscheinen, gerade dann müssen wir dieses System und seine Umgebung auch richtig einschätzen können, und zur Umgebung gehören auch die nicht-jüdischen Israelis, das sind mehr Gruppen als die meisten wissen. Das ist deshalb nicht trivial, weil man dann Dinge wie die Zwei/Ein-Staatenlösung, die Wasserpolitik am Jordan, die Anmaßung religiöser Gruppen aller Ethnien etc. so weit wissen muss, dass man reinen Gewissens urteilen darf und kann, auch wie man auf die Hamasraketen reagieren muss, auch wie man die Gefährdung des Staates von außen abwenden helfen kann (und welche Rolle Deutschland dabei spielen kann – bitte nicht mit der Geschichte argumentieren). Und natürlich haben auch Kritik an den Parteifreunden von Netanjahu mit Antisemitismus nichts zu tun, sondern mit Menschenrechten und zivilen Minimalstandards.

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Dies gesagt habend, zurück zum Begriff. Antisemitismus ist ein Keulenwort deutscher Selbstverständigung geworden, mit dem Man zugleich kritische Diskussionen verhindern und abwehren kann. Dass der Antisemitismus oft schlimmer Rassismus ist, oft primitiver als taktische Abwehr der Feinde meiner Feinde, oder gar die Vorstellung, dass jüdische Menschen nicht auch antisemitisch argumentieren können, wie alle anderen Menschen, das lehrt – wenn nicht die Erfahrung, übrigens auch meine – so doch das Studium der Wirklichkeit.

Judemokratie

Ich hatte mir vorgenommen, zum Konflikt der israelischen Regierung mit den Menschen im Land nicht auch noch etwas zu sagen. Ich sage auch jetzt nicht viel dazu, und die Begründung sagt schon einiges. Wir kennen einige Fälle, wo die Mehrheit von WählerInnen bei weitgehend demokratischen Wahlen die Abschaffung oder Zerstörung von Demokratie mit Mehrheit betrieben haben, Ungarn und die Türkei prominent. Ein Feld für Theoretiker: darf man sich selbst der Freiheit berauben, darf man dem Staat Verfassungen geben, die die Demokratie beschädigen oder abbauen? Das ist nicht mein Spezialgebiet, darum also zurückhaltende Kommentierung. ABER. Die besondere Rolle Deutschlands im Kommentieren, aber auch im politischen Handeln gegenüber Israel provoziert mich, der ich Israel sehr schätze (man „liebt“ kein Land), der ich die jetzige Regierung für schlimmer halte als jede zuvor, und es gab da auch schlimme, und der ich viele der in Deutschland aktiven und wahrgenommenen KommentaristInnen persönlich kenne. Befreundete befinden sich auf beiden Seiten der Demarkationslinie.

Weg von Israel, für einen Augenblick: ich gehöre nicht zu den Freunden des Zentralrats, ich halte ihn für ein politisches Organ einer langsam verschwindenden Generation von – ohnedies wenigen – jüdischen Menschen in Deutschland, das war schon einmal anders und ist nicht prinzipiell, sondern realitätsbezogen. Sehr kurz, ich bin da eher auf der Seite von Eva Menasse, die eine ähnliche Entwicklung zum ZR beobachtet und wie ich Bubis konkret lobt ((zu Rostock-Lichtenhagen). Eine freundliche und umfängliche Entgegnung des mir ebenfalls gut bekannten Dmitrij Belkin nimmt eine Gegenposition pro ZR ein, und völlig berechtigt spricht er über und für die jüdischen Einwanderer aus der Sowjetunion bzw. Russland. Er erweitert das Spektrum, das ist aktuell. Und verteidigt die Klientel, von der Eva Menasse als Objekt des Partikularismus des ZR schreibt. „Die Klientel, um dein Wort aufzugreifen, das bin ich, das sind wir, die deutschen Juden – oder die Juden in Deutschland, wie man’s nimmt“. Ich könnte hier eine dritte Position aus den beiden entwickeln, ich kann es aber nicht. „Deutsche Juden“, das geht gar nicht. Ich hatte jahrelang dafür geworben, in diesem Kontext immer von „jüdischen Deutschen“ zu sprechen, wie man islamischen, christlichen, agnostischen Deutschen spricht, wenn es um Religion geht, von jüdischen Deutschen auch dann und besonders, wenn es um multiethnische Menschen in der deutschen Gesellschaft geht. Und „Juden in Deutschland“, das ist zweifelhaft, sind sie Asylbewerber, geduldete Gäste, gerade mal da….? oder sind sie der dauerhafte Fremdkörper in der sog. deutschen Gesellschaft, der hier bleibt als „Juden“ inmitten von Deutschen? Keine Wortklaubereien, ich weiß was er meint und will es gar nicht zuspitzen, aber die Differenz ist eine um sehr vieles. So wie die historische Differenz zwischen dem angepeilten Judenstaat Herzls und dem Jüdischen Staat Israel. Um die Verbindung gehts mir. Israel wird zerrissen, weil eine Wahlmehrheit nach mehreren Anläufen Netanjahu und seine religiös-faschistischen Partner und seine säkular-faschistischen Siedler demokratisch an die Mehrheit gebracht hat, – aber nicht an die legitime Herrschaft über Demokratie und Bürgerrechte.

Nun weiß ich – vielleicht besser als viele in Deutschland – warum sich diese israelische Mehrheit seit Begin, oder vielleicht früher, herausgebildet hatte und von Netanjahu und seinen Bündnispartnern erbarmungslos instrumentalisiert wird. Aber, das ist wichtig, wüsste ich das nicht oder irrte ich, wäre die Kritik an der demokratisch legitimierten Abschaffung der Demokratie genauso, nicht nur Israel. Aber Israels Existenz ist nach wie vor bedroht, und wenn die Gesellschaft von innen zerstört wird, wie das Netanjahu betreibt, dann wird es noch schwieriger sein, die Bedrohung von außen abzuwehren.

Zur Politik kann man noch viel mehr sagen. Aber was sich einschreibt in das jüdische Selbstverständnis dessen, was sich in Israel ereignet, sind die Tausenden, die unermüdet gegen die Herrschaft Netanjahus, der selbst nur mehr von den Ultras getrieben ist, protestieren. Aber ich wollte und will ja zum Komplex des Diskurses hier, bei uns in Deutschland, nachdenken. Wenn sich die deutsche Politik mit Israel solidarisiert, gut so, dann nicht mit „den Juden“, sondern mit „den Israelis“. Darüber muss man auch nachdenken, bevor es zu Aussagen kommt. Dass Israel ein jüdischer Staat auf weitgehend säkularer, demokratischer Basis ist, wissen alle, aber dass es uns nicht „die“ Juden dort geht – mit welchen Ausnahmen, bitte? – sollte uns schon bewusst sein.

Dass es mehr als eine partikulare Sträming gibt, die Kritik an Israel IMMER oder NIE mit Antisemitismus verbindet, ist eine weitere Dimension der Auseinandersetzung, bei der wir vielleicht noch dazulernen können, jenseits der Staatsräson und jenseits von Religion und Herkunft.

Bitte lesen:

Menasse, Eva: Keine Regierung für alle. Die ZEIT #31, S.43

Belkin, Dmitrij: „Die Klientel, das bin ich, das sind wir, die deutschen Juden oder die Juden in Deutschland“. Die ZEIT #32, S. 40

SZ 29.7.2023: Ester Chajut. Profil

Funke, Hajo: https://hajofunke.wordpress.com/2023/07/11/tag-der-storung-in-israel-gegen-justizreform-gestartet/

Shimon Stein u.a.: https://www.zdf.de/phoenix/phoenix-tagesgespraech/phoenix-shimon-stein-zur-justizreform-in-israel-100.html

Es gibt natürlich viel mehr auch aktuelles zu lesen. Ich empfehle es dringend mit der laufenden und teilweise contrafaktischen Debatte um Antisemitismus in Deutschland (und überall auf der Welt) zu verbinden, um ein Bewusstsein von der Bedeutung des Komplexes zu bekommen.

Nazis geschützt? Von wem und für wen?

Nazis übernehmen. Aber nicht sich.

Aus dem Prozess gegen eine „Reichbürger“- Funktionärin:

„Reichsbürger“-Prozess: Ungebremster Antisemitismus

Die 75-Jährige war früher einmal Religionslehrerin in Mainz, hat angehende Lehrkräfte ausgebildet, war für ihre Bildungsforschung durchaus anerkannt. Jetzt steht sie in Koblenz vor dem Oberlandesgericht und muss sich zusammen mit vier Männern wegen Hochverrats und Terrorismus verantworten: Sie soll politische Vordenkerin und treibende Kraft einer Gruppe rechter „Reichsbürger“ gewesen sein, die die Verfassung des deutschen Kaiserreichs von 1871 wieder in Kraft setzen wollten – und die dafür unter anderem Sprengstoffanschläge auf die Strominfrastruktur des Landes sowie eine Entführung von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geplant haben sollen.

Elisabeth R. doziert. Und doziert. Und doziert. Seit nunmehr fünf Verhandlungstagen macht die mutmaßliche Chefideologin der „Vereinten Patrioten“ den Sitzungssaal zu ihrem persönlichen Vorlesungssaal. Wie zuvor schon den Mitangeklagten Sven B. aus Brandenburg, der tagelang sein Weltbild ausbreiten und die Umsturzpläne in größter Selbstzufriedenheit rechtfertigen durfte, lässt der Staatsschutzsenat auch Elisabeth R. völlig ungebremst reden. Eine rechte Verschwörungspredigerin als Herrin des Gerichtssaals. … (FRJoachim F. Tornau, 28.7.2023).

Dass deutsche Gerichte bisweilen die Plattform extremistischer oder absurder Öffentlichkeitsarbeit waren und bis heute sind – unbestreitbar. Die Ausbildung und die Schlagseiten der Justizpolitik haben eine lange Geschichte. (Ich verallgemeinere hier nicht, aber diese Vorkommnisse sind keine Einzelfälle).

Dass immer wieder die Religion hineinspielt, wenn es um Judenhass, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit geht, ist auch nicht zu bestreiten, und die Privilegierung von Religionsgemeinschaften in unserer Gesellschaft ist keine Ausnahme. Der veröffentlichte Gott steht immer auf der Seite der herrschenden Gewalt.

Nun kann man sagen: wenigstens steht Elisabeth R. vor Gericht.

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Bei der Reichstagswahl 1930 bekam die NSDAP 18% (2. Rang nach der SPD mit 24%). (Reichstagswahl 1930 – Wikipedia). Man muss die Nazis mit der AFD vergleichen, die Änderungen der Umstände und die mediale Politik mitbedacht.

Lieber Leserin, lieber Leser: ich kann schon die Faschisten im Allgemeinen und die Nazis im Besonderen unterscheiden. HIER ist das nicht wo wichtig wie in anderen Überlegungen und Blogs, die Begriffe sind vergangenheitsbewusst und aktualitätsbezogen gesetzt.

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Neben der Kritik an Teilen der Justiz und der religiösen Spitzenämter will ich auch die Medien kritisieren, wenn sie jedes Zucken und Murmeln der AfD prominent und in extenso bringen, nur weil die Partei nicht verboten ist und nur weil man juristische Auseinandersetzungen fürchtet. (Beispiel: die Berichterstattung zum Parteitag, heute 29.7. ab 7.00 im DLF…). Muss man die Täter gleich berechtigt mit den Opfern präsentieren? Ausgewogenheit ist an dieser Stelle unsinnig.

Die Analyse, warum das so gekommen ist, wird in Deutschland besonders eng eingehegt in das Nachkriegs-Selbstverständnis: jetzt, wo wir die Besseren sind, dürfen wir uns bestimmte Fehler oder Positionen nicht, oft: nie mehr!, erlauben. Lest dazu auch den letzten Blog, zu Lessenich. Notwendig ist hier die Öffnung zur Wirklichkeit, und manche alten Wahrheiten müssen wir hinter uns lassen. Auch müssen wir uns den Analogien und den Unvergleichbarkeiten zur Weimarer Republik in ihrer Endphase stellen, und zwar nicht mit der NSDAP und der AFD im Fokus, sondern mit allen Beteiligten. Die Frage hingegen, wohin das alles führt, wird ja u.a. in der CDUCSU mit Andacht und Vehemenz geführt, und die Ironie ist bei den anderen demokratischen Parteien längst der Befürchtung gewichen, man könnte in einer Ecke des Spiegels auch ein Stück von sich selbst sehen, gut für mich: am wenigsten bei den Grünen.

Die Gewöhnung an den Faschismus ist weltweit, nicht auf Europa beschränkt, und sie ist nicht einfach aus Schwächen der Demokratien zu erklären. In der Tat ist die Skala der intervenierenden Gründe für faschistische (Teil)anerkennungen sehr weit, sie beginnt bei einfach anthropologischen und ethischen Verhaltensmustern und geht bis zu unerfüllbaren Erwartungen an Herrschaft und Staat, dem Individuum die Sorgen abzunehmen, nur das Geld und den Wohlstand zu lassen. Die großen, atomgestützten Verbrecher sind hier vielleicht sogar Ausnahmen, weil die These vom „Exceptionalism“ den unangreifbar Mächtigen auch gesellschaftliche Freiräume gewährt. Typisch sind die Orbans, Melonis, Erdögans oder die ÖVP-FPÖ Koalition in manchen österreichischen Bundesländern, das Hineinwachsen der lokalen und mittleren Faschismen ins demokratische Gewebe, wo es anscheinend pragmatisch wenig schadet, und die mühseligen Prozesse der demokratischen Willensbildung abgeschnitten werden.

Im etwas gehobeneren Diskurs gibt es zwei Gruppen: die einen verbitten sich jede Zuordnung zu Faschismus oder gar Nationalsozialismus, weil man diese vergangenen Tyranneien dann verkleinern, gar verharmlosen würde – was eine negative Überhöhung des Begriffs bedeutet. Die andern schleifen die Begriffe durch Anwendung auf alles und jedes ab – und nehmen den Begriffen die Inhalte, machen sie zu dogmatischen Alltagsfloskeln. Beides ist gefährlicher Unfug. Warum sollen Faschismen und Nazismus im Mai 1945 aufgehört haben, so wenig wie der Stalinismus 1953 verschwunden ist, und weil die drei zusammengehören (à Hannah Arendt), soll man sie nicht je für sich versäulen, sondern anhand der Wirklichkeit anwenden. Um sich zu orientieren.

Ein faschistisches Zeitalter in der multipolaren Welt. Das ist ein Rahmen, in dem man Staat, Politik, Gesellschaft, aber auch menschliche Kultur- und Kommunikationsentwicklung angesichts der finalen Klimaentwicklung bewerten, diskutieren, abändern kann. Nicht bevor es zu spät ist, sondern weil es zu spät ist.

PS. Unbedingt lesen: den Artikel über den wirklich guten Ausnahmepolitiker der CDU Ruprecht Polenz in der Sz vom 28.7.: Holger Gentz: Passt bloß auf!

Westentasche stopfen!

Ich fühle mich gut, wenn ein wirklich guter Soziologie knapp zusammenfasst, was ich seit Jahren auch sage: So einfach ist es nicht, sich zum WESTEN gehörig zu erklären. Der wirklich gute Soziologe ist Stephan Lessenich (https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Lessenich), und knapp und höflich demontiert er eine nicht nur, aber vor allem deutsche Selbstzurechnung zum Westen. „Ein Totgeglaubter ist wieder da“ (Le Monde diplomatique, April 2023, S. 3). Seine gut abgeleitete Zusammenfassung, zugleich eine Kritik an Winkler und Rödder, lautet: „Seiner (des Westens, MD) wirklichkeitswidrigen Selbstinszenierung als lernendes System aber begegnet man, wo nicht mit offener Verachtung, mit zunehmender Distanz. <Once upon a Time in the West>, Sergio Lenes Filmklassiker war der letzte Abgesang auf einen Mythos. In der deutschen Fassung hierß er <Spiel mir das Lied vom Tod>.

Nun ist es wichtig, aus dieser Kritik politische Konsequenzen zu ziehen. Bei manchen, führt das zur Dummheit, einen Gegenpol, einen „Osten“ zu konstruieren, um ihn dann zu zerstören oder zu verzwergen. Das dümmste Argument derer, die den Westen kritisieren, weil sie ihm nicht zugehören wollen, ist, dass sie eben viel mehr Kritisches über den Westen wüssten als über den Osten, mag der nun böse oder anders sein. Wenn wir diesen unsinnigen Antiamerikanismus, Antiwestismus, beiseite schieben, uns ein Glacis für wirkliche Kritik freischaufeln, dann wird es spannend. Den Osten hat es so eh nie gegeben, jetzt räumen wir den Westen einmal sinnvoll ab, und dann entstehen zwischen den Polen einer multipolaren Welt, immerhin auf einer Weltkugel, Leerstellen, in denen sich die schwindende Anzahl von Demokratien nicht auf den klassischen „Westen“ beruft, und die steigende Anzahl undemokratischer Gesellschaften mitsamt ihren Staaten, auf keine Himmelsrichtung sich festlegt. Dieser unerfreulichen Wirklichkeit stehen die selbstbezogenen Wahrheiten der identitären Vereinnahmung von Menschen bizarr entgegen.

Da kann und muss man etwas tun, ohne sich auf die Zugehörigkeit zu einem übergeordneten System zu berufen. Vernünftige Menschen gehören keiner dogmatischen Religion, keinem symbolischen Staatenverband und keiner nur durch Selbstzuschreibung geformten Tugend an. Aber dass sie vernünftig sind, müssen sie, müssen wir, anders beweisen, als dass sie und wir westlich sind, und die andern weniger gut.

Keine Nachrichten

Morgens, um 6.30, im feuchten Gras des Parks. der Hund freut sich, es ist kühl, sie kann sich wälzen und es riecht an jeder Ecke nach der Löwin – nein, nach dem Wildschwein, oder nur nach dem Reh, oder gar nur dem Waschbären, vielleicht nach dem Dachs. So geht man, trifft so gut wie keine Menschen, nur ein paar Jogger. Aber selbst die bellt mein Hund heute nicht an. Abseits der Spazierwege gibt es unbearbeitete Pflanzeninseln, leicht sumpfig, Brennnesseln und Bodenefeu, keine Spuren von Raubtieren oder wilden Campern. Mitten in der Stadt, man muss nicht mit dem verspäteten Zug rausfahren oder sich chauffieren lassen, man steht also in keinem Stau. Ein schöner Sonntagmorgen. Mittlerweile ist es 7 Uhr, noch immer kaum Vogelstimmen, keine Stechmücken oder Gelsen, ein Schmetterling. Triumph der Glyphosatverbrecher, darf man sagen, auch wenn es Bayer und die Großchemie sind, auch wenn die EU es für gesund hält. Die Löwin würde ja nicht hierher gehören, aber die Insekten schon. Das Wildschwein ist ohnedies hier, zeigt sich aber nicht. Renaturierung, sagen manche. Das ist kein Plan, das erzählt man Kindern, so wie man ihnen früher Sagen und Märchen erzählt hat. Da war am ganzen Körper zerstochen. Da mussten wir aufpassen, weil im Gras doch einige Schlangen waren. Da hat mein Freund seine Vogelkunde praktisch werden lassen und erkannte mehr als fünf Arten an ihrem Gesang. Der Hund zieht mich ins Unterholz. Für sie riecht es meistens nach Fuchs. Die vermehren sich wie die Sperlinge wie die Krähen. Sagt ein Idiot: siehst du, die Natur stirbt ohnedies nicht, sie verändert sich nur.

Zu früh wieder zuhause, deshalb die Achtuhrnachrichten gehört. Schade. Kaum ist die Löwin weg, gehts wieder um die Wirklichkeit. Merz betet die AfD an, mit einem blasphemischen Gebet, das andere gar nicht brauchen. Sich mit Nazis beschäftigen, um ja nicht sich selbst auf den Prüfstand zu stellen. Jetzt aber bekomme ich widerspruch: Merz und alle andern, die zu Wort kommen, beten doch nicht die Nazis an, sie distanzieren sich. Ob ich das Wort nicht kenne? Liebe Leserin, lieber Leser: sie kennen doch die Worte Lebensgefahr und Todesgefahr. Sie bedeuten das Selbe, und wenn man sich mit Augumenten der AfD von der AfD distanziert, ist das so ähnlich.

Noch bevor heute Nacht Spanien auch faschistisch wird, sagt schnell, wo in Europa Faschisten nicht mitregieren oder an der schwelle zur Macht stehen. Das muss man nicht herbeibeten, sondern zunächst einmal nur zur Kenntnis nehmen. Die seit den 1920er Jahren ungebrochene faschistische Tradition haben einige Kluge, wirklich Kluge, auch darauf zurückgeführt, dass es keine ordentlichen und gescheiten Konservativen gibt. Das ist zu wichtig, als dass man Minderbemittelte und Gauner wieder ins schiefe Licht der Gegnerschaft rückt. (Lindner, Wissing, Linnemann, Aiwanger etc.), die wären noch fast bis 1933 nur reaktionär gewesen, und danach…Aber nehmt Merz ernst, gerade wenn man ihm NICHT folgt. Demokratie bedeutet, gewählte Neonazis in ihren Funktionen und Positionen nach den Regeln der Demokratie schalten und walten zu lassen. Auch Erdögan ist gewählt, auch Orban ist gewählt. Was in den deutschen Dörfern geschieht und nicht nur in einigen Bundesländern, nein, überall, setzt die Frage, wie eng man Demokratie sehen darf, auf die Tagesordnung. Nur wenn die Demokratie wächst, das heißt: mehr und genauere Ziele und deren Verwirklichung erreicht, muss sie sich davor drücken, AfD Repräsentanten NICHT agieren zu lassen. Und dabei kommt es nicht nur auf die Gerichte an. Da kommt es auf die Zivilgesellschaft, auf uns an, – jetzt sagen die Rechten, nicht nur in CSU und CDU, man will aber doch dem Volk in der Mitte Gehör verschaffen, endlich „Man“, das sind die Mitglieder der elitären Blasen, die erkennen, dass sie ohne die Unterstützung des Pöbels vielleicht nicht mehr lange in ihren Position sein würden, sondern durch die Originale ersetzt würden.

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Ich drehe die Nachrichten aus. An meinen Schuhen kleben noch Erd- und Pflanzenreste. den Hund muss ich auch bürsten.

Ihr kennt alle das Lied von der Moldau, von Brecht. In der Mitte heißt es

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Wie man den Halt der Mächtigen bewirkt, ist nicht trivial. Dazu braucht man die Ruhe des Nachdenkens, des Körpers und wenigstens die Erinnerung an die Natur.

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Wenn wir die machen lassen, die die Nacht immer mehr verlängern wollen, dann wird der Tag auf sich warten lassen. In der Demokratie darf jeder reden. Aber wer nichts zu sagen hat, muss still sein.

Nachsatz:

Merz schließt Kooperation mit AfD auf kommunaler Ebene nicht aus

SZ 23. Juli 2023, 17:53 Uhr

Lesezeit: 3 min

Konfusion ist keine Religion

Wenn der Koran verbrannt wird, protestieren überall auf der Welt Gruppen von Muslimen.

Die hebräische Bibel, das Neue Testament werden seltener öffentlich geschändet, das war einmal anders.

Andere religiöse Schriften und Symbole werden oft beleidigt, aber weniger kommentiert.

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Warum Religion mehr und anders, oft besser geschützt wird als jede andere Form der institutionellen Freiheit, hat eine Geschichte, die sehr früh beginnt. Man hütet sich, den jeweiligen Gott beleidigen zu lassen, den Gott, von dem man sich Schutz und Erlösung erhofft, oder gar ein Jenseits. Die Geschichte lassen wir einmal beiseite, weil ja hinreichend viele Menschen die Religionsgemeinschaften verlassen oder aber wissen, dass sich die Götter um ihre irdischen Medien ohnedies nicht sichtbar und spürbar scheren. Natürlich, die Kleriker schon, die brauchen ja eine göttliche Begründung für ihren Machtanspruch. Darum hängt sich der – vor allem bei den Monotheismen – gerne an die staatliche Macht und Gewalt, weil dann der Schutz der Privilegien nicht mehr begründet werden muss. Ich sagte Monotheismen, am meisten hassen sich die, die uns glauben machen wollen, es gäbe nur einen Gott. Da treten die Monos gegeneinander an…

Was sich da abspielt, z.B. bei den schwedischen Koranbränden und den jeweiligen Reaktionen in islamischen Ländern, ist so verstörend wie die Politik religiös-faschistischer und nichtreligiöser Faschisten an der Seite von Netanjahu in Israel; auch das verstört, nur anders. Wie gesagt, analoges gibts bei den Christen auch, und gabs früher noch viel mehr, bei uns treten die Menschen scharenweise aus den Kirchen aus, anderswo unterwerfen sie sich – noch.

Das alles ist nicht mein Punkt, sondern nur der Rahmen. Die Vereinnahmung der Gotteskonstruktion durch gewalttätige Diktaturen ist ein Moment der Festigung und des Fortbestands illegitimer Gewalt, immer schon gewesen und auch weiterhin. Auch sind die Gewalttaten, die sich nicht auf eine Gottheit berufen, um nichts besser oder schlechter als von der Gottheit gesegnete. Beides sind nur Varianten der gleichen Unmenschlichkeit.

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Religion ist meist ein Rückzugsort, wo man weniger angreifbar ist als in der säkularen Welt – Man kann in einem Kloster besser als anderswo meditieren, die Altarbilder sind oft schöner als Schlachtengemälde und Religionen helfen der karitativen Praxis im Krankenhaus und in der Schule oft besser als andere…Und da sollen wir abwägen? Und nicht alles so lassen, wie es gerade ist?

Der Machtanspruch der Religionen paart sich gern mit der Herrschaft der Mächtigen, und wenn sich dagegen stemmt, dann oft aus einer Position demonstrativer Ohnmacht. Daran halten sich die Heuchler und die Taktiker gern, die abwarten, ob und wie sich die Religion an den erneuerten Machtgefügen festhalten kann – oder abstürzt.

Mit der Lächerlichkeit der Koranverbrennung ist es wie mit den Straßenklebern. Beides sind untaugliche Mittel, die Menschen wachzurütteln und gar die Politik zu verbessern. ABER. Die Reaktionen auf beides, so unterschiedlich sie sein mögen, sind schlimmer als die Taten selbst. Das ist ziemlich misslich, weil es offenbart, was sich so knapp unter der spießigen Oberfläche der Gesellschaft längst zusammengeballt hat.

Da reicht es nicht, „miteinander zu reden“, es gibt da keine Kompromisse. Die falsche Aktion mindert nicht die Gefahr, die von der falschen Reaktion ausgeht, sie ist sozusagen nur der Bote. Wir wissen nicht, ob irgendein Gott die Verbrennung eines Buches überhaupt wahrnimmt. Aber wir wissen, dass einen Zusammenhang zwischen erbosten Autofahrern und Klimaklebern auf der morgendlichen Straße zur Arbeit gibt. Und den Zusammenhang auflösen, das nenne ich Politik, nicht den Kopf schütteln und sich wundern, dass es wieder ein Punktgewinn für die AfD und andere Faschisten ist. Wie man das auflöst? Zunächst einmal darüber nachdenken, warum sich die Menschen durch die Klimakleber so viel mehr gestört fühlen als durch die Abwesenheit von Tieren, Pflanzen, gesunder Luft und schönem Wetter. Das „So viel mehr“ zeigt UNSERE Gesellschaft, nicht irgendein Prinzip oder gar eine Wahrheit. Die Wirklichkeit holt uns ein.

Schlechte Laune hilft dem Feind

Man kann sich natürlich ärgern. Aber das ist nicht förderlich der Kritik, die sich besser nicht auf Gefühle stützt. Wenn man den Irrsinn von Rütte, von der Leyen und Ben Ali in Tunesien gegen Zentralafrikanische Flüchtlinge wahrnimmt, dann sind Emotionen vielleicht eine Abschwächung dieses Irrsinns: mit unserem europäischen Geld die Misshandlung von Flüchtlingen fördern, nur damit sie nicht zu uns kommen…das födert nur die Ablehnung der EU durch die AfD und es fördert die Politikverdrossenheit der Kleinbürger, die nicht über den Tellerrand ihrer Vorurteile hinausschauen. „Ruhig Blut!“ reicht natürlich nicht, aber die Ärgerkaskaden sind für politische Aktionen auch nicht hilfreich. Man muss eben nicht nur ein Beispiel als Anlass für Ärger erkennen, sondern wissen, dass es sehr viele gibt, und das eigene Nervennetzwerk da gar nicht mitkommt.

Reg dich nicht auf! Natürlich regen wir uns auf, aber die Übung in zurückhaltender Kommunikation kann schon hilfreich sein. Wenn, ja wenn man etwas zu sagen hat und nicht nur daherredet. Zu sagen hat man etwas, wenn dahinter Macht steht oder vielleicht ein Verhandlungsangebot oder vielleicht eine Überzeugung, die andere mitreißt. Das ist die richtige Taktik nicht nur der Fridays for Future, sondern auch von Annalena Baerbock. Deren Außenpolitik zeigt auch dort Wirkung, wo sie nicht unmittelbaren Effekt hat, zB. im UN Sicherheitsrat. Soweit können mir wahrscheinlich viele folgen. Aber ich gehe einen Schritt weiter. Ich würde mich nicht an die Straße oder an Bilderrahmen kleben, aber ich täte mir nicht leicht mit der Begründung, warum ich diesen Protest nicht mit mache. Denn die Reaktionen darauf rechtfertigen, was man an sich nicht mitmachen würde. Darüber können Ethiker, Philosophen und Journalisten monatelang diskutieren. Aber wir können das abkürzen: was sich in den Attacken des Pöbels auf die Klimakleber und im Inhalt seiner Beschimpfungen offenbart, geht nicht nur in die AfD hinein, sondern oft über sie hinaus. Klar, dass die Aktionen für viele, auch anscheinend unschuldige Menschen unangenehm, gar hinderlich sind. Ich sage „anscheinend“, denn als Mitglieder dieser Gesellschaft sind wir alle, ausnahmslos, selbst bei fortschrittlich-kritischen Positionen, in der Wirklichkeit des Klimasterbens mitgefangen. Nur können wir, anders als die Kleber, politisch dagegen halten, wir können, nicht wir tun es alle.

Ich habe Annalena Baerbock da eingefügt, es geht ja nicht nur um Klima, es geht auch um Krieg und Konflikt, es geht um Hunger, es geht um Freiheit. Aus ihren Worten hörte man zurecht ZORN, aber nicht Ärger. Natürlich muss man zornig sein, wenn man die Diktatoren und Menschenschänder nicht fortwünschen und wegdenken kann. Darum geht es, sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen und weg von Eigentlichkeit. Eigentlich ist die EU demokratisch und menschenrechtlich vorbildhaft, eigentlich ist friedliche Kooperation besser als Konfrontation, eigentlich … Aber wenn es keine durchsetzbaren Wahrheiten gibt und man mit den Henkern sogar verhandeln muss, um selbst handeln zu können, dann kann man vielleicht sogar den Zorn zeigen, aber nicht den Ärger, denn der bietet eine Angriffsfläche.

Die Übung besteht darin, die morgendlichen DLF Nachrichten anzuhören und sich nicht so zu ärgern, dass man sie gleich wieder abdreht. Genauso: man kann bestimmte Politiker durchaus und mit recht verachten, aber das kann man ihnen nur zeigen, indem man sich gerade nicht über sie ärgert, so wichtig sind sie ja nicht, wenn man sie verachten kann.

SchadenFREUDEN

Angeblich ist Schadenfreude besonders schäbig, unmoralisch und hässlich. Finde ich im persönlichen Bereich meistens auch, im politischen gar nicht. Im Augenblick freue ich mich, dass viele Stimmen verstummt sind und viele Texte am liebsten nicht geschrieben worden wären.

Unsere Ober-, Oberst- und Generalgescheiten haben die Vor- und Rückzüge von Prigoschin und Putin mit einer Intensität und Häme kommentiert, als verstünden sie etwas von der Situation in Russland, als könnten sie zwischen dem Tyrannen Putin und dem Verbrecher Prigoschin abwägen, als wären sie geborene Kriegsberichterstatter. Auch sind die Kommentatoren zu Russlands Krieg gegen die Ukraine, zur NATO und zu uns in all dem plötzlich so zahlreich wie die Schiedsrichter nach einem Länderspiel (ich weiß, den Vergleich hatte ich schon einmal). Und nach all dem, das in den letzten drei Wochen geschehen ist, haben natürlich alle zu jedem Zeitpunkt Recht gehabt. Und sie wundern sich, dass ihre Autorität nicht nicht noch stärker bewundert wird….

Wenns nicht so traurig wäre, man könnte mehrere Kabarettabende so gestalten. Zum NATO Gipfel geht es ähnlich zu, die mittlere Tragweite der Kommentare ähnelt der Tragweite der Beschlüsse dort.

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Die Selbstdemontage der Spontanexperten ist natürlich ambivalent, weil wir alle, jede(r) von uns, bisweilen in die Gefahr der Autoexpertomanie fallen, mit mit weniger weitreichenden Folgen und also weniger tiefem Absturz in die Wirklichkeit. Also zeigt man ironisch auch auf sich selbst. Aber das ist asymmetrisch. Die Kriegsrandgescheiteln sind schon fatal, weil das Genre des politischen Kommentars unsinnig entwerten. Wie das mit uns so ist, was es bedeutet, dass wir im Krieg SIND und wie der sich für und mit uns entwickelt, wird spätestens dann die Kommentare abschwächen und verstummen lassen, bis wir subjektiv und individuell betroffen sind (zB. durch Waffengewalt oder einen Drohneneinschlag) oder uns betroffen fühlen, bedroht, hilflos, angegriffen im Wortsinn.

Wir sollten und können schon Stellung beziehen, wir müssen vielleicht leidenschaftlich darüber streiten was wir und was unsere Politik tun SOLLEN, aber dazu reicht es nicht, die Meinung auszubreiten, die uns nahegelegt wird. Diese Politisierung, die ja ständig bedroht ist und immer wieder verloren geht, ist wertvoll und soll es bleiben bzw. weiter sich entfalten. Aber es erscheint als paradox, wenn viele diese Politisierung von ihrem Lebensstil, von ihrem Habitus abtrennen und weiter als sorgenarme Beobachter in relativ gutem Umfeld den Krieg und die Politik so betrachten, wie sie die Seiten eines Buches umblättern, bis ihnen die Augenzufallen und sie müde sind. .

Die machen uns nicht schadenfroh. Aber den Schaden haben wir alle. Und dann sollten wir darauf achten, woran wir weiterhin Freude haben können und müssen. Krieg und Umwelt erzwingen geradezu einen Lebensstil, der sich nicht in selbstgeschaffener Depression und Aussichtslosigkeit vergräbt, als wäre man schon begraben. Den Blick von den kommentierenden Glaubenssätzen und Wahrheiten abwenden und die Wirklichkeit wahr nehmen, für wahr nehmen. Ich weiß, das klingt abstrakt, fast philosophisch. Ist es aber nicht. Der Krieg, die Kriege haben keine Wahrheiten, die wir kennen könnten, bevor sie uns treffen, nicht spekulieren bitte. Aus der Wirklichkeit die Konsequenzen ziehen, dann weiß man wenigstens, worüber zu verhandeln sein wird.