Gesicht

Der großartige und von mir seit langem verehrte Prantl hat in der Süddeutschen ein Meisterwerk verfasst, die Trump- und Musk Idolatrie zerlegt, mit einem feinen Degen, nicht mit Kanonen. Der ganze Text ist lesenswert, aber die unscheinbare Einleitung des Arguments hat es in sich:

„Etliche Machthabende säkularisieren Gott auch als angebliche Triebfeder ihres Handelns: Bei Putin tritt Gott als „die Geschichte“ Großrusslands auf, Pmurt bemüht die nahezu göttliche „Einzigartigkeit Amerikas“. Unter denen, die sich als besondere Diener Gottes verstehen, finden sich auch stets genügend, die ihren Gott mit dem Politiker, der Gott gebrauchen will, in Einklang bringen“ (24,1,2025, Deutscher Alltag). Man sollte schon das Ganze lesen, nicht nur die Bloßstellung der evangelikalen Gotteslästerung zugunsten von Trump, also invert PMURT.

Dies habe ich gelesen, da war schon mein Ärger über die Trump-Visage bei SPIEGEL und ZEIT ziemlich groß geworden, nicht einmal zeigt man die Fresse, sondern immer wieder. Diese Art der Schwerpunktbildung hat nichts mit Aktualität zu tun, man kann auch eine Karikatur des verurteilten US Präsidenten anders einpacken als mit seinem Portrait. (Mich erinnert das an die Österreichische Geschichte, Hitlers Geburtstag aktuell zu erinnern (20.4.1889), den gleichen Anlass, für Adolf Schärf (20.4.1890) aber verdrängt zu haben).

Weit hergeholt, was? Wer war Schärf? Kennt ihr nicht mehr?

Das peinlich Ranranzen an die Diktatoren, nicht nur Nole Ksum oder Jeff Bezos oder… nein, auch bei uns, ist, angesichts des sich ausbreitenden globalen und lokalen Faschismus, keine bloß taktisches Verhalten von Milliardären und vielen Medien, aber vor allem von Politikern. Wie werdet ihr mit denen umgehen, wenn sie regieren? Schaut nach Italien, schaut in die österreichischen Bundesländern, in denen die faschistische FPÖ mitregiert, schaut in die Anträge des auch mit Sozialdemokraten regierenden BSW. Die Immunität gegen die Faschisten ist nicht kausal mit der eigenen Position zur Demokratie verbunden, das ist etwas komplizierter…außerdem wird noch jede Immunität geknackt, wenn es die r9ichtigen Instrumente gibt. Beispiel: der Europarechtsbrecher Merz und die Verachtung von Flüchtlingen. Dem Merz wünsche ich von Herzen, dass er auch nur ein halbes Jahr lang um Visa herumläuft, damit er sein Leben in Freiheit retten kann. Aber, wie mehrfach gesagt, Faschisten und ihre Helfer kommen nicht an die Macht, wenn sie nicht vom Volk gewählt, ja auserkoren sind.

Demokratische Regierung als Vorsichtsmaßnahme gegen ein aus dem Ruder laufendes Volk? Kein ganz neuer Gedanke. (Vgl. 24.1.2025 NZZ: Oliver Zimmer: Wenn Politiker Angst haben vor dem Volk: warum die deutsche Elite von direkter Demokratie nichts wissen will – das ist ein sehr konservativer Aspekt, aber immerhin. Älter: Christian Forberg 3.11.2011: Wenn Politiker Angst haben vor dem Volk: warum die deutsche Elite von direkter Demokratie nichts wissen will). Bei diesen und vielen anderen Analysen ist ein Fehler augenscheinlich: es werden politische Eliten in Stellung gegen das oder über dem Volk gebracht. Es bedarf nicht der Eliten gegen das Volk und oft bringt des Volk auch Eliten an die Macht, andere eben…

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Eliten gibt es in fast jedem politischen Zusammenhang, und ihre Definition erfolgt auch dort die, die Macht dazu haben, oder diese Macht wollen. Sehr verkürzt, hatte ich immer die Avantgarden gegen die Eliten ins Spiel gebracht, weil sie ja, wenn sie erfolgreich sind, wieder „zurück“ ins Volk kehren, den Fortschritt, den sie gebracht haben, abzusichern. Aber das ist Wissenschaft von meinem Gestern. (Erstmals Mittelmaß tut nicht gut! – Randglossen zur Elitediskussion. In: Fossler u.a. (Hrsg.): Bildung, Welt, Verantwortung. Focus (Giessen) 1998, S.79-94). Wissenschaft und Politik sind gleichermaßen in den Zeiten von alternativen Wahrheiten, von kurzfristigen Posts, und von der Machtübernahme demokratiefeindlicher, oft faschistischer Herrschaft von dieser Diskurs Avantgarde gegen Elite entfernt.

Nun habe ich ja versucht, mich gegen die Verkürzung von Wahrheit durch die Macht der Bilder, in diesem Fall der Visage von Herrschern ohne Gesicht zu wehren. Wie wäre es, nicht nur für SPIGEL und ZEIT, einem expliziten Opfer dieser Herrscher das Bild zu widmen, das einprägsam sein muss…

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Ich weiß schon, die meisten Politiker reagieren auf diese Argumente damit, dass sie gar keine Wahl hätten als mit den mächtigen Despoten wenigstens realpolitisch zu kommunizieren.

Bert Brecht macht das komplizierter – manches lehne ich bei ihm ab, aber anderes bleibt wichtig, z.B.: „Der Agent setzte sich in
einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur
Wand vor dem Einschlafen: „Wirst du mir dienen?“
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und
wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat,
eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre
herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen,
starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem
Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.““ (Eine Keunergeschichte von Herrn Egge).

Ein Wort zu sagen, das ist mein Gedanke hier. Wir können reden, wir sprechen. Aber nicht auch noch den Pmurt und Ksum oder auch den Weidels und Kickls etwas sagen.

Befreit von der Wahrheit & frei?

Wie sie allen in Washington und Davos den Diktatoren und Wirtschaftsschändern vorn und hinten hineinkriechen, mit den hier fehlplatzierten Worten „Pragmatismus“, „Realpolitik“, „Verhandlungsbereitschaft“ usw. Als ob gerade Putin bis vor 10 Jahren den Westen, incl. Merkel, nicht gelehrt hätte, wie unsinnig die Flötentöne des Rattenfängers eigentlich waren. Und seltsam ist, dass man jahrelang NICHTS zur eigenen Verteidigung getan hatte, aber jetzt plötzlich die Verhandlungskompetenz ohne Macht und Retourkutschen geradezu gepachtet hat. Da sage ich lieber nichts dazu, eine abschüssige ungesicherte Bahn wird nicht einfacher, wenn man den Kopf schief hält.

Gebt euch einige Zeit Nachdenken, anstatt im Luxus von Davos klug die Umwelt weiter zu zerstören und das Wachstum der Reichen zu befördern und dann auch noch von Demokratie sprechen. Man sagt ja nichts, man redet nur. Ich wende mich ab, um wirklich nachzudenken, und da kann man sich nicht zugleich äußern, meistens. Es bleibt genügend Erdoberfläche zu betrachten, zu kritisieren und manchmal zu beschönigen.

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Welch ein Glück, in Marienbad, Potsdam und anderswo „bei uns“ sind die Straßenränder mit abgelegten Weihnachtsbäumen belegt. Klar, Lametta befreit, werden sie weiter ökologisch verarbeitet, im schlimmsten Fall beheizen sie irgend jemanden oder etwas. Kein wirkliches Thema. Man wartet, wie in den Alpen, Lichtmess nicht ab, um sich vom Baum zu trennen, das Jahr ist ohnedies durcheinandergeraten. Ganz dumme Menschen meinen, dass es gar keine Erderwärmung geben kann, wenn sie, nur sie, hier frieren. Weniger dumme denken nicht mehr über das Klima nach, weil seine Rettung ohnedies fast vorbei ist. Und ich erwähne das auch nur, damit der Klimadiskurs nicht ganz vergessen wird. Zurück zum Weihnachtsbaum. graue Gassen machen die abgelegten Bäume schöner, enge Gassen werden noch enger, Hunden gefällt das. Und für viele bedeuten die Müllbaumvorräte ein seliges Zurückdenken an die Feiertage, nicht nur Christen und Geschäftsleute, Alle möglichen Kulturintegrierten. Daran habe ich nichts auszusetzen, gehört zur Kultur wie so vieles andere. Bäume am Straßenrand sind auch Symbole der Vergänglichkeit. Kürzlich bin ich durch eingezäunte Schonungen gegangen, wo schon die Christbäume dieses und des nächsten Jahres wachsen. Egal, obs der Wirtschaft oder dem Glauben dient, der Nadelholz-Kreislauf hat doch etwas dynamisches…das Gute an diesem Thema ist, dass man so wenig dazu zu sagen hat, ich komme nach Hause und habe den Christbaumkorso vergessen.

Das gehört nämlich dazu, wenn man sich vom Terror der Aktualität abwendet (siehe viele frühere Blogs mit diesem Begriff von Amèry): da redet man über etwas und hat dazu nichts zu sagen. Sagt mir jemand: dann schreib doch über Trump und Netanjahu und Kickl…siehe oben: nein, jetzt nicht.

Natürlich sind Weihnachtsbäume KEIN Thema. Es gibt genug andere. Aber ich denke, dass man sich die Reihenfolge und Wichtigkeit der kommunizierten Inhalte nicht einfach einfallen lassen kann, man muss sie von der Kehrseite der nichtbehandelten Autokraten und Faschisten abholen. Wie gehts den Opfern und Demokraten, und was kann man da machen? zB. vom Man zum Ich und Wir. Das Man hat auf die Ideologen großen Einfluss, denn wenn man Teil des Man ist, bleibt „man“ für nichts verantwortlich. Irgendwo sollten wir bei den Personen landen, die die Strukturen bilden, und nicht dauernd umgekehrt. Nicht so einfach, da gibt es Wechselwirkungen

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Statt der Tannenbäume.

Was geben wir denen, von denen wir wissen, dass sie auch zum Sozialsystem keinen oder kaum Zugang haben? Da zählt nicht, dass wir wenig oder keine Sympathie haben. Darüber nachzudenken und zureden, das wäre m.E. ein guter Öffentlicher Anfang auf der Kehrseite des trumpophilen Ramschblattes.

Oder die Schwächen des deutschen und des österreichischen Bildungs-und Schulsystems, die wir kennen, aussprechen UND die Alternative so markant fordern wie die Kultur das selbstbewusst, wenigstens in Teilen Österreichs, tut.

Darüber kann ich befreiter und besser nachdenken und reden als darauf zu reagieren, was man in den Verein des kleptokratischen und autoritären Gesindels hineininterpretiert – schon seit 4000 Jahren wissen wir, dass die Teufel alles Schlechte verkörpern, aber niemals dumm waren. Wer das Umgekehrte behauptet, hat Trump und Putin nicht verstanden

Blaupause Untergang

Sogar getröstet habe ich mich und euch, Verhaltensstabilität propagiert, und den Blick von allem Schrecken abgewandt. Die sogenannten Realpolitiker stellen sich auf gezielte Unterwerfung unter Trump ein, hoffen ihn zu überleben, und wie defekt die Welt in 4 Jahren ist, egal. Sie werden das an sich unbedeutende teuto- x austrofaschistische Österreich überleben, die linksfaschistische BSW wird durch sich selbst enttarnt, die Elon Tusk Hymnen auf die Weidel und umgekehrt beschwichtigen die kritischen Geister, und solange Melonis Außenpolitik hält, ist es uns doch egal, wie schlecht es den Italienern geht. Umwelt gibts nicht und die Armen sind selber schuld, dass sie nur Schulden bedeuten für die Lindners dieser Welt. Nerin, ich jammere jetzt nicht, ich habe ja gegenGifte entwickelt. Erinnert euch.

Ich stelle mir jetzt die sozialen Kommunikationen beim Weltuntergang vor. Parteien, die ohnedies nicht mehr gewählt werden, bedauern ihre Fehlentscheidungen, jetzt ist es zu spät für Taurus und Aktivitäten, die temporären Wahlsieger richten sich auf feierlichen Abschied vom guten Leben ein, es hilft nichts für die Position im Jenseits, nachdenkliche Randständige haben es immer schon gewusst, und Kluge im Zentrum glauben noch immer, dass sich DAS RETTENDE AUCH noch zeigt.

Wenn die 3° überschritten sind UND die drei Atommächte einander bekämpfen, und ihre diktatorischen Unterläufer noch ihre eigenen Interessen verfolgen und sich bei normalen Menschen der Wohlstand verflüchtigt, der bei den Subnormalen nie angekommen war, und dieses alles von einander unabhängige Variable sind, wenn das alles so ist und man sich nicht auf Trost in einem beliebigen „Jenseits“ einstellt, was dann?

Das Besondere am Weltuntergang ist, dass Widerstand zwecklos und praktisch unmöglich ist, und dass Unterwerfung unter die offenkundig Mitschuldigen wie unter höhere Mächte zu spät kommt. Apokalypse now.

Warum habe ich dann so oft in letzter Zeit vom Ausweg geschrieben? Weil wir gerade noch Zeit haben, die Kurve zu kriegen, wenn etwas das „Rettende“ ist, dann wir selbst. es kommt nicht von außen. Das heißt nicht, dass wir gerettet sind, aber es ist möglich, dass wir es werden. Möglich. Das setzt keine vage Meinung voraus, sondern Politik, Gegnerschaft hier, und Kooperation da, und dass wir es mit der Wirklichkeit Ernst meinen.

Dafür dürfen wir von jedem Glauben abfallen.

Auf dem Weg zur Ausweglosigkeit versuchen die Hoffnungslosen in der Politik, uns noch einmal zu betrügen, auch wenn es zu spät ist. Das wäre wirklich zu spät, das aber bedeutet Politik Jetzt.

Kurz vor dem Ende

Noch bevor in elf Tagen die zweite Amtszeit beginnt, wird mit schockierender Klarheit deutlich, dass Trump II seine Fesseln weitgehend abgelegt hat und seinen zerstörerischen Wahnsinn nicht auf die USA beschränken wird. Donald Trump möchte sich nicht nur huldigen lassen, bescheinen lassen von der Sonne der Macht. Nein, dieser Mann folgt einem zerstörerischen Antrieb, der alle zu Gegenwehr mobilisieren muss, die an das Recht als höchste Instanz demokratischer Legitimität glauben„. (Stefan Kornelius, SZ 9.1.2025)

Trump ist nicht nur ein Symbol für eine verrückte Weltzerstörung durch die drei Großen Atommächte. Er selbst, seine miese Regierungsbande und der AfD Freund Elon Musk zeigen deutlich, wie das eherne Zeitalter sich begründet. Das Privatleben mag in den USA, außer für die Armen und Widerständler, noch angenehmer sein als in China oder Russland. Aber die Trias hat sich geschlossen. Und unterhalb der drei Atomdiktaturen machen sich die Menschenfeinde breit. Ich zähle die nicht-demokratischen Länder nicht auf, und die weniger Widerstandsorte auch nicht, weil es darauf nicht so sehr ankommt, als auf die Formen des Widerstands, auf die es ankommt. Umwelt, Klima, Nahrung, Wohnung, Überleben. Kornelius hat Recht: die Legitimität gibt nicht nur Unterstützung, sie ermöglicht überhaupt Widerstand aufzubauen und durchzuhalten.

Natürlich werde ich meine persönlichen Vorstellungen von Widerstand, seinen Risiken und Gefahren, seinen Möglichkeiten nicht hier ausbreiten. Natürlich, weil es so ja nicht vor sich geht. Das ist unsere Chance. Ich nehme eine Metapher: wenn ich Texte nicht mehr verschlüsseln kann, weil IT alles aufklärt, muss ich mit Ironie arbeiten, die nur die verstehen, die es angeht. Das bedeutet, umgekehrt, auch Einschränkungen im unbedingten meinungsfreien Austausch aller Vorstellungen mit allen. Damit wird auch die Politik anders.

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Der zerstörerische Wahnsinn, von dem Kornelius spricht, ist keine Metapher, er ist Wirklichkeit. Das ist bei Diktatoren nicht außergewöhnlich, aber bei atombewaffneten, unendlich reichen und mächtigen, die sich in der Anbetung durch Millionen geistarmer, unerzogener Kleinbürger befinden, schon. Und vergessen wir nicht: diese faschistischen und faschistoiden Selbstherrscher sind für sich keine besonderen Menschen, sie sind das Produkt des undemokratischen Durchschnitts.

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Was sich auf uns aus den USA ergießt, ist anderswo schon Beginn der abstoßenden Wirklichkeit. Aber vielleicht kann der Widerstand der denkenden Menschen in Österreich, der jetzt beginnt, einen Weg zeigen, der bei den Alpen nicht haltmacht. Das alles wird nicht ohne Risiko vor sich gehen, es birgt Gefahren, es kann uns Angst machen – aber keine Verzagtheit.

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Tags darauf. Meldungen von Demonstrationen in Wien. Prima, noch mehr davon. Meldungen von Musk & Weidel . Der Faschismus zeigt wenig Maske. Er verbreitet sich, weil seine Grundlagen im Pöbel längst die Klassengrenzen überschritten haben.

Es wird kalt. die Parteiprogramme der Rechten wärmen nur die eingepackten Wohlhabenden. Lass die Armen hungern, war lange ein Programm, oder sie sollen auswandern. Das geht heute nicht mehr. Sich auf die Kargheit vorbereiten, ist ekine Epistel, sondern vielleicht nur klug?

Eurofasch, Austrofasch, kein Fasching

Fasching ist die mit Abstand die bessere Variante zum sog. Karneval. Meine Rekonstruktion von Heimat beinhaltet auch den Fetzenzug im Fasching von Ebensee.

Kann sein, dass ich mit dem Rücken zu euch stehe. Was wenige Karnevalisten wissen: nur lustig ist der Fasching nicht, und wer beim Fetzenzug eine übergebraten bekommt, muss sich mit den Tätern fragen: warum? Aber leider rückt der an sich gute Fasching auch in Österreich in eine jenseitige Galaxie.

Würdevoll wird der sogenannte amerikanische Präsident – ein krimineller Hochstapler allemal, umgeben von einer despotischen Horde, – in seine zweite Amtszeit befördert, nichts ist vor vier Jahren geschehen, schon trommeln die Faschisten an die Gitterstäbe. Und natürlich kriechen die europäischen Rechten in die multiplen ideologischen Öffnungen des despotischen politischen Körpers. Grönland und Kanada sind Symbole, aber ernstgemeint.

Ohne Würde geht die Verhandlung zwischen dem Faschisten Kickl und dem austrofaschistisch-nahen Nehammer, vertreten durch Stocker, in eine nicht zu vermeidende Runde. ÖVP, SPÖ, NEOS haben dem Austrofaschismus eine gewisse Dynamik hinzugefügt. DIE SICH NICHT WIRD EINFACH RÜCKGÄNGIG MACHEN LASSEN, wenn es nicht schnell und hinreichend Opposition gibt. Die sehe ich noch nicht.

(Einige, wenige meiner Bekannten in Österreich finden meine Wortwahl zu harsch, alles sei in Österreich ja doch anders als in den andern europäischen Staaten. Hat man in Ungarn auch so gesagt, in der Slowakei. Und was sagt man zu Meloni und Italien? Wacht endlich auf).

In Deutschlasnd ist Trump das Vorbild für FPÖ-Lindner, und Söder personifiziert sich schon jetzt mit der Wiederholung einer Bewegung, die von Bayern ihren Ausgang genommen hatte. Diesmal als Farce.

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Werte Leserinnen und Leser, machen wir einen Wettbewerb, der bessere Begriffe statt des einhüllenden Faschismus vorstellen soll. Kritik geht nur mit Begriffsvarianten. Aber, wenn es darauf ankommt, was geschieht und wer es macht. Europa, die EU, könnte ein demokratisches Gegengewicht gegen die Entwicklung der USA sein, stattdessen wird hier eine partielle Selbstbesänftigung betrieben, wird schon nicht so schlimm werden. Das gilt anfangs für die Wählermehrheiten in den USA, für viele der Rechtsradikalen in Europa… ich rede von Faschisten, nicht von Nazis. ANFANGS, bis es zu spät ist.

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Mir nahestehende Menschen fragen sich und andere wohin man/wir im Ernstfall sich retten können. Sich vor dem Faschismus retten hat interessante und spannende, sehr vielseitige europäische und andere Vorgänger und ihre Geschichten. Diese Menschen haben u.a. verstanden, dass man sein Wissen um die Gegenwart festigen und erweitern sollte. Der Vorgang dieses Weiterlernens ist politisch. Die Faschisten sind weder dumm noch einseitig – das gilt für alle machtbesessenen und regierenden Gruppen, und zu den linken oder demokratischen Fehlern gehört sie zu unterschätzen. Das schmerzt viele, ist aber wichtig: denn „unterschätzte“ Systemkritiker gewinnen mit ihrer Ideologie, für das Volk gegen die Eliten zu agieren, Das ist widerlegbarer Unsinn, wirkt aber, wenn man beweisen kann, dass man nicht so dumm ist, wie die etablierten „Systemakteure“ behaupten.

Das ist in den USA oder in Österreich ein erfolgreiches Mittel, die weniger gebildeten, um ihren Besitz und Wohlstand Fürchtende von der Demokratie sich abzuwenden. Die Rolle der Medien und der Podcasts müsste hier noch genauer untersucht werden – aber wir wissen schon viel.

Es wird kein gutes Jahr. Es ist keine gute Zeit, weil wir die Ausgänge und Alternativen nur ahnen, aber nicht wirklich und nachhaltig vertreten. Trump, Meloni, Nehammer, Kickl, Söder, ….die Liste ist viel länger. Wenn wir einzelne herauslösten, würden ihre Köpfe nachwachsen wie bei der lernäischen Hydra. https://www.storyboardthat.com/de/mythology/hydra

Mir ist WICHTIG, dass kein Eindruck einer apathischen, deprimierten Reaktion entsteht. Im Gegenteil, man kann viele Phasen des Faschismus widerständig überstehen, ohne selbst zu schnell zu viel zu opfern. Aber man muss sich der Grenzen der Widerständigkeit bewusst sein, und vorsorgen.

Aufstieg der Absteiger

Das kann man den Bergsteigerinnen und Alpinisten zubilligen, lieber hinauf als hinunter zu wandern oder zu klettern.

Man kann es beruflich verwenden. Man kann es realistisch und metaphorisch hinstellen. „Man kann“ haben alle diese Optionen gemeinsam. Man kann damit Politik beschreiben, die P-er und P-erinnen als Personifizierung des Auf und Ab. Man kann, sollte es aber sparsam anwenden, schließlich sind wir nicht die Springer-Presse oder der Springer-Verlag. Wenn man lange genug Aufsteiger prügelt, beginnen sie oft zu erodieren und bauen ab. Wenn Lindner, Kubicki, Söder auf den Grünen herumtrampeln, dann schadet denen das, ohne dass es für das Verhalten der Demokratieverlierer wirklich Gründe gäbe – außer ihrer Nähe zu prekären Medien und ihre Angst vor Wahlverlusten. Dafür opfern viele ihre Wahrheiten.

Politisch sind die drei Genannten und viele ihrer Parteihäuptlinge im Abstieg. Öffentlich und lautstark sind sie es nicht, weil sie nicht ohne Hintergedanken gefördert werden.

Lindner (FDP): „Elon, ich habe eine politische Debatte initiiert, die von deinen und Mileis Ideen inspiriert ist“, schrieb Lindner auf Englisch angesichts der libertären Ansichten Elon Musks und des argentinischen Präsidenten Javier Milei. Lindner hatte kürzlich gesagt, man sollte „in Deutschland ein kleines bisschen mehr Milei und Musk wagen“.(https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_100557380/elon-musk-unterstuetzt-die-afd-christian-lindner-laedt-ihn-ein.html). Neoliberale können sich unschwer dauernd von sich selbst distanzieren, weil sie ja nicht Selbst sind, sondern ein Instrument derer, die sie beherrschen (ich weiß, das ist doppeldeutig, soll es auch sein).

So, wie Jeff Bezos in den USA sich an Trump und Musk heranwanzt, so wanzen sich auch in Europa und in manchen Parteien einige an die beiden heran, während andere cooles Desinteresse vorgeben und einige scharf kritisieren, was sie hinter der amerikanischen „Politik“ vermuten. Aber Europa ist der Absteiger, weil es nicht mehr beschützt wird. Schon jetzt wird der Ukraine nicht geliefert, was geliefert werden kann, schon jetzt spielt die rechte Mehrheit in der EU die Tatsache herunter, dass eine soziale Beschädigung der Innenpolitik die Außenpolitik noch schwächer macht – egal, wie „stark“ das Militär ist. Und die Maulwürfe der Innenpolitik ranzen sich an die neue Macht der Macht heran…natürlich begreifen Lindner oder Söder nicht, wie die USA nun zur dritten Macht im globalen „1984“ umgestaltet werden. Da nützt es nicht, sich auf ohnedies brüchige demokratische Traditionen zu berufen, es zählt, was ist, nicht was WAR.

Aufsteiger sind oft nicht wirklich zu bewundern, wenn sie nach dem Gipfel doch nicht heil herunter kommen. Absteiger können ihren Gipfel oft nicht beweisen, nur sie wissen die Wahrheit. Und wer kommt schon an die Gipfelbücher heran, wo ihre Eintragungen alles verifizieren können…schiefe Metapher, ich weiß. Absichtlich. Denn was jetzt an Prognosen, Analysen, Wachträumen und Senfpflastern verteilt wird, kann, muss nicht, total falsch sein oder anders als die Wirklichkeit. Nur eines steht fest: es stimmt nicht wirklich.

Politik mit Gefühlen: Israel und die Welt

Dass Politik Emotionen hervorruft, dass sie von Gefühlen mitgesteuert wird, wenn Rationalität nicht genügend greift, wissen wir. Wenn aber Gefühle auf der selben Ebene wie Vernunft Politik herstellen, steuern und gegen die Gesellschaft, manchmal auch mit ihr, in Stellung bringen, bedarf das der Erklärung.

Und dass Israel heute, Israel nach dem 7. Oktober 2023, stärker noch als Israel nach 1948, als Palästina nach 1917, als Beispiel für eine Theorie genommen wird, die global anwendbar sein kann, gebraucht wird, ist besonders.

Ich hatte schon früher auf die Autorin und Wissenschaftlerin Eva Illouz hingewiesen (*1961, Israel und Frankreich, Originaltexte oft Englisch), sie arbeitet multidisziplinär und nachdrücklich verständlich. Jetzt geht es mir um das Buch „Undemokratische Emotionen“ (2023) und die Verbindung einer wichtigen Theorie mit dem Beispiel Israel, v.a. nach dem 7. Oktober. Gleichzeitig kritisiert sie die antisemitische Haltung derer, die Israel immer als erstes, aber negatives Beispiel internationaler Konflikte nehmen.

Angst, Abscheu, Ressentiment und Liebe – das sind die vier Qualitäten der nationalistischen Politik Israels (durchgängig analysiert, erstmals genauer S.22ff.). Sie führt diese Qualitäten auf drei soziale Erfahrungen zurück, wobei die kollektiven Traumata der Jüdinnen und Juden in Angst vor dem Feind umgesetzt wurden, der umstrittene Nationalismus nach der Landnahme von 1967 ist die zweite Erfahrung. Beide kennen wir ziemlich genau. Aber ich bin positiv erfreut, wie wichtig Illouz den Konflikt mit den Mizrachim, also „jener Jüdinnen und Juden, die oder deren Vorfahren aus arabischen Ländern stammen“ (alle drei Punkte S. 21).

Aus diesen kurzen einleitenden Absätzen entsteht ein faszinierendes Buch, das den jetzigen Zustand der israelischen Auseinandersetzung nicht nur mit der Hamas im Gaza, sondern im weiteren Umfeld beschreibt.

Angst, Abscheu, Ressentiment – die drei Qualitäten der Emotionalität kann man relativ schnell analysieren. Aber „Liebe“ zur Nation (27ff)? Ich habe mich schon mehrfach, auch hier in den Blogs, mit der Doppeldeutigkeit der amor patriae, der Liebes DES Vaterlands und der Liebe ZUM Vaterlande, auseinandergesetzt. Das wird in dem Buch nicht abstrakt, sondern detailgenau empirisch abgehandelt: rationales Herangehen an Gefühle, mit scharfer Kritik am emotionalen Ausblenden der Vernunft, u.a. durch singulare Identität. „Geliebt und gefürchtet zu werden sei die beste Methode, um Macht auszuüben“, bezieht sich Illouz auf Macchiavelli, und auf den Vorrang des Gefürchtetwerdens (32).

Ab hier kann und soll man die Ausformungen, Schnittmengen und Schlussfolgerungen der Methodik genau verfolgen, weil Israel in der Tat die Blaupause für die Zerstörung von Demokratie durch eine fatale Aneignung und Praktizierung der vier emotionalen Bestandteile ist. Der Faschismusvorwurf gegen Netanjahu und Teile seiner Regierung – ad personam und partei-bezogen – wird genau belegt. (Wer Netanjahus Geschichte metaphorisch nachvollziehen möchte, sollte auch das lesen: Joshua Cohen: The Netanyahus – An Account of a Minor and Ultimately Even Negligible Episode in the History of a Very Famous Family, NYRB 2023). Auch der Hinweis, dass der Pöbel nicht von vornherein faschistisch ist, aber für diese Entwicklung prädestiniert wirkt, sollte beachtet werden – es geht eben nicht nur um die prekären Einzelpersonen, die brauchen schon massenhafte Unterstützung.

Unbedingt aber sollte man das Abschlusskapitel lesen. Es ist durchaus parallel zu den wichtigsten Interpreten und Kritikern der gegenwärtigen Politik zu lesen, Omri Boehm, Delphine Horvilleur, Grossmann usw. Aber auch die Herkunft soziologischer Gedanken, v.a. Simmel 1908, fällt auf, wenn es um den Fremden geht: Illouz fokussiert auf Brüderlichkeit im Kontext von Universalismus. „Als Emotion, die typischerweise von Fremden hervorgerufen wird, schließt Brüderlichkeit Mitgefühl ein, geht aber darüber hinaus“ (223). In der Diskussion um Empathie sollte man immer an die Gefahren denken, wie sie zB. Breithaupt (2016) darstellt – und wie sie Netanjahu massenwirksam missbraucht. Illouz` Verbindungt zum Universalismus ist wichtig, geradezu aktuell: “ In einer universalistischen Gemeinschaft sollte die Zugehörigkeit zu einer religiösen Minderheit den eigenen politischen Status nicht beeinflussen. Das mag einer der Gründe dafür sein, warum Juden ein überproportional starkes kommunistisches oder sozialistisches Engagement an den Tag legten“. (225). Das ist schwierig nachzuvollziehen, aber einen Aspekt nennt Illouz sofort, dass „Juden vorbildliche Bürger in Frankreich und den USA waren“. Das Imperfekt stimmt leider, heute sind sie vor allem gegen Trump tief gespalten. Der Abschluss ist nur damit verständlich, weil Illouz vor allem die Religion mit der liberalen Demokratie verbindet, wenn der Universalismus greift – wenn nicht, haben wir die heutige Situation und das, was in dem Buch ausführlich analysiert wird. Den „nichtjüdischen Minderheiten die vollen Menschenrechte zugestehen“ wäre der „wahre und einzige Geist des Zionismus und jener Zivilreligion, die er im Landes Israel zu verwirklichen versucht hat. Ob es ihm gelingt, bleibt eine tragisch offene Frage“. (227)

Für mich traurig, aber wahr. Der letzte Satz wird im Augenblick von den Faschisten negativ beantwortet, und wo der Zionismus und nicht nur sein Geist ist, wäre fraglich. Aber Illouz muss die Frage offen halten.

Ohne Vorsatz?

Endlich keine Liste guter Vorsätze. Das neue Jahr nicht anders beginnen, als man das alte beenden musste. Wir sind ja nicht die Herrn über den Kalender. Wer Vorsätze ausplaudert, riskiert schon das schäbige Grinsen derer, die ohnedies nicht an das Durchhalten der Pläne glaubt. Und wer nichts sagt, sondern sich nur im Durchhalten der eigenen Verbesserungen übt, hat noch den Nachteil, dass ihm niemand anders als er oder sie selbst Mut zu dieser Aktion macht…nicht rauchen, nicht trinken, keine Süssigkeiten, jeden Tag laufen, ….abstrakter: jeden Tag eine gute Tat. Da stockt der Plan, was ist denn eine gute Tat.

Seltsame Schatten meiner Kindheit und Jugend tauchen auf, die gute Tat, mit den Pfadfindern und ohne sie. (Damals wussten wir noch nicht, dass man das Problem mit der Kant*schen Ethik beleuchten könnte…). Kein Witz, wenn es diskutiert wurde, ob zwei gute Taten an einem Tag einem erlaubte, am nächsten Tag keine gute Tat zu tun.

Das alles hat mit meiner Sozialisation zu tun und wird meistens an diesem ersten Jänner, im Norden Januar, aus dem Halbbewussten hochgefahren, um dann wieder zu versacken. Aber zurück: was ist denn wirklich eine gute Tat? Das wissen wir natürlich alle, aber das Besondere ist, dass eine herausgehoben wird, und eine besondere Aufgabe hat, uns besser zu machen als wir mit allen andern guten Taten (ohnedies) wären. Ich erinnere mich daran, diese Frage tatsächlich gestellt zu haben und Unverständnis geerntet zu haben. Es geht doch um eine gute Tat, die du eigentlich nicht tun wolltest, die dir zuwider ist, die anstrengend usw. sein kann, oder dir fern liegt. Und wie ist das mit allen anderen guten Taten? Na, es gilt ja für alle, und die eine, die du heraussuchst, wird in das System der einen täglichen guten Tat eingebaut. Nach einiger Zeit, einem Monat, einem Jahr, schaut dich diese Liste an. Was? Das sollen gute Taten gewesen sein? oder: toll, nein, ich hätte das nicht so gut machen können. So werden Helden und Versager gemacht.

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Werte Leserinnen und Leser meines Blogs. Mit besten Neujahrsgrüßen zeige ich ihnen, wie fragil die Sicherungen der eigenen Geschichtsbewertung sind, gerade an Tagen, wo man sich, mit gutem Grund, der Litanei guter Vorsätze verweigert. Oi, sagt ihr, wie langweilig. Stimmt, das ist ja eben – schon die Erinnerung an die hinterhältige Vorsatzrhetorik hat einen grindigen Geschmack. Und ich habe das Thema gewählt, weil es mich heute wieder einmal nervt. Zum mehr als siebzigsten Mal.

Statt dessen sind wir bei hellblauem Himmel, noch bevor der starke Wind kam, durch die Fluren gelaufen, die Hunde freier als sonst, auch weil vor Mittag so gut wie keine anderen Menschen da herumgingen, später wurden es ein paar mehr. Ein Falke begleitet uns. Auf einer Wiese stehen drei Hochstände, als wollten die Jäger entweder miteinander reden, wenn es keine Rehe gab, oder konkurrieren, aus welchem Winkel man vielleicht am besten trifft. Das geht natürlich an den Wochenenden genauso, aber am Neujahrstag, wird zusätzlich geboten, was man gerne macht. Und, glaubt mir, Neujahr und das gestrige Silvester waren kein Thema während der Wanderung.

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Der heutige Tag lässt Glückwünsche und Hoffnungen für 2025 durchaus zu, aber keine neuen Erwartungen. Der Kalender ändert nichts, Musk war gestern genauso schräg wie heute, und die Kommentare dazu natürlich auch. Aber es hilft sich vorzustellen, dass manches, was man schon als gesichert erwartet, dann doch nicht eintrifft, und sich anderes ereignet, womit man eigentlich nicht rechnen sollte. Die private und persönliche Wahrsagerei feiert zum Jahreswechsel laienhaften Glanz, die Horoskoptiere schaffen es professionell in seriöse Journale. Mir gibt schon zu denken, warum sich plötzlich Dinge ereignen sollten, die wir nicht erwarten oder die wir nicht auf dem Schirm haben. Die Fesseln des Unbewussten sind gelockert, und ans Licht tritt, was man unbewusst, heimlich, schon vorbereitet haben. Und das ist kein triviales Denken, wenn man, gut verkleidet, rauslässt, was man politisch, kulturell sich erhofft, nicht nur aber auch persönlich, aber vor allem dort weltweit, wo man nicht gefragt wurde und gefragt wird, wo man als Laie ohnedies nur am Cafétisch zu Haus drüber redet, weil es niemand von einem wissen will, während es viele wissen wollen, nur nicht von mir, von uns. Und dann kann man sich natürlich vornehmen, die eigene Meinung zu politisieren, rauszulassen, aktiv zu werden, wo man bislang nur nachgedacht hatte. Also doch ein Vorsatz?

Mit diesen Gedanken lese ich die Pläne meiner grünen Partei und überlege, wo ich was vor- und einbringen kann. Sage ich hier im Blog nicht. Mal schauen, was davon wie ankommt.

Durchdrehen im alten Jahr

Der Wahlkampf steht an der Schwelle zum Neuen Jahr. Fast alle Parteien, die rechtsradikalen sowieso, aber auch die Demokraten, überbieten sich mit fremdenfeindlichen, abschiebesüchtigen Forderungen, die populär und meist unsinnig bis gefährlich sind. Es geht NICHT UM DIE KRIMINELLEN, das sind ganz wenige, und deren Rückführung hat mit ABSCHIEBUNGEN nichts zu tun.

Deutschland hat keine Außengrenzen der EU. Die meisten umgebenden Länder haben ähnliche Probleme. Erst nimmt man Geflüchtete auf – aus empathischen, karitativen, asylrecht-bezogenen Normen, dann versorgt man sie, danach beginnen die Randgruppen der deutschen Kernbevölkerung auf die Nerven zu gehen, und von da ab versucht man sie loszuwerden und keine neuen AsylantInnen dazuzubekommen.

Was am internationalen Asylrecht zu verbessern wäre, ist eine Sache. Was am Prinzip, der humanitären Politik gegenüber den Geflüchteten und Schutzsuchenden, weiterhin zu gelten hat, muss auf die eigene Sozio-Ökonomie nicht so verrechnet werden, dass wir bei den humanitären Akten nicht unseren Wohlstand usw. teilweise verringern müssen und – können.

Die Syrer zurückschicken – das möchte den sogenannten Christen von CDU und CSU so gefallen. Die, die es können und wollen, die gehen ohnedies, keine Sorge.

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Mir geht es um etwas anderes. Wer erinnert sich an die Schutzbegehren der vor den Nazis geflohenen Menschen, nicht nur jüdischen. Kaum jemand, aber die Quellen sind überreichlich und traurig, dokumentiert und in der Literatur.

Wer erinnert sich um die Aufnahme von afghanischen Geflüchteten. Schaut nach:

Weltweit: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942830/umfrage/anzahl-der-fluechtlinge-aus-afghanistan-weltweit/ , aber ganz anders in Deutschland: https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/afghanische-fluechtlinge . Wie und warum sie in Deutschland seit langem leben wollen, seit wenigen Jahren leben müssen, und seit kurzem bleiben müssen – das sind Fragen an die Ethik und an die Politik. Wir können sie innerhalb kurzer Zeit beantworten und längerfristige Strategien dazu vorschlagen – was wir aber nicht können ist, das Vergessen von Afghanistan und den afghanischen Geflüchteten umzukehren.

Nach Afghanistan Syrien, nach Syrien die Ukraine, nach der Ukraine Gaza, nach Gaza wieder Syrien, dazu Kongo, Sudan etc.

Die Aufmerksamkeit und das persönliche wie das kollektive Engagement nimmt entlang einer linearen Zeitentwicklung erst zu, dann stagniert es, kehrt sich um, und wird vom nächsten Zyklus überlagert.

Zugleich wissen wir, wie stark wir von eingewanderten und VON UNS ausgebildeten und beschützten Immigrantinnen und Immigranten – Asyl und nichtasyliert – abhängig sind, dass unsere älteren und hungrigen 7und pflegebedürftigen Menschen versorgt werden. Wir wissen das, aber die faschistischen Parteien AfD und BSW und viele andere Gruppen können sich gar nicht vorstellen, nur von Inländern humanitär und gesundheitsorientiert und überlebensklug unterstützt zu werden – trotzdem gewinnt der Pöbel mit ausländerfeindlichen Parolen die Wahlen. Warum wohl?

Solange die Herkunft und nicht die auf die Zukunft gerichtete Lebenspraxis ideologisch im Vordergrund einer „Heimat“-Ideologie bleibt, wird die Kluft in der Bevölkerung immer größer. (Wo kommen denn die her, die sich jetzt so „deutsch“ gerieren?). Und wie geht es weiter?

Bildung, Ausbildung, Fürsorge – wissen wir, wird aber wahltaktisch und auch aus deutsch-identitärer Überzeugung (von vielen, NICHT allen) nicht richtig gefördert. Aber alle diese Reformen, die viel weniger kosten als Bundeswehr, Sozialhilfe und IT, all diese Reformen verfehlen ihr Ziel ohne empathische Politik für Ankommende, wie auch immer Ankommende, die bleiben. Wollen und Sollen, oft Müssen.

Gehen wir 120 Jahre zurück. Georg Simmel, wohl der beste deutsche Soziologe dieser Zeit, schreibt in seiner Soziologie (1908, hier Frankfurt 1992, Suhrkamp) einen Exkurs über den Fremden (S. 764-771). Dieser Exkurs, neben zwei weiteren über die soziale Begrenzung und die Soziologie der Sinne, kommt spät, im 9. Kapitel über den Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft. Manches darin könnte heute aktuell sein, so die Objektivität des Fremden (766f.), und eine nicht banale Feststellung: „Der Fremde ist uns nah, insoferne wir die Gleichheiten nationaler und sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden. In diesem Sinne kommt leicht auch in die engsten Verhältnisse ein Zug von Fremdheit“ (769).

Liest man den ganzen Exkurs, dann sieht man auch was man hätte über Jahrzehnte und aus vielen Erfahrungen hätte besser lernen können, bzw. was manche wirklich gelernt haben. Es gibt ja die vielen NGOs und Einzelpersonen und -gruppen, die mit den Fremden (konkret hier: den Asylsuchenden) menschlich umgehen und nicht die Andersartigkeit, „Fremdheit“ konstruieren, um sie auf Abstand zu halten oder zu entfernen. Implizit bedeutet das übrigens auch eine Entsprechung im Bewusstsein und der Wahrnehmung der Fremden, was „uns“ betrifft. Wo stoßen die Fremden auf eine Gesellschaft und nicht auf lauter Einzelpersonen?

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Ich mache hier keinen Übergang in eine Soziologie-Seminar. Aber wenn man liest, wie früh sich Vergesellschaftung als Zielpunkt gesellschaftlicher Analyse herausgestellt hat, dann fragt man sich schon, wie es zu den unterkritischen Diskursen um Ausländer und Geflüchtete kommen konnte und kann, gerade bei denen, die menschliche Hilfe jetzt schon brauchen und brauchen werden, und von sog. „Deutschen“ gar nicht bekommen können.

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Habt einen guten letzten Tag im Jahr. Jede(r) ist für andere fremd oder nicht.

Antisemitismus nachgelegt

Ihr wisst, dass ich seit Jahren den Antisemitismus, den offenen und den verdeckten, angreife, bloßlege, kritisiere. Und dass das gerade nicht entlang der offiziellen und wahrnehmbaren Konfrontationslinien erfolgt, weil die verschiedenen Positionen sich zu sehr verabsolutieren.

Dass die Auseinandersetzung zwischen Israel und Hamas zu den absurdesten, teilweise den Konflikt antreibenden Realitäten zählt, habe ich schon beschrieben. Und dass es bei der Kritik an Netanjahu (Regierung) nicht um eine Kritik an der Existenz des Staates Israel (Nation) geht, ist ein Teil meiner Überzeugung und der intensiven Forschung zur Geschichte des Staates Israel. Zu der zählt auch das Hereinholen der wichtigsten Verbündeten gegen die einseitige Verteidigung Netanjahus, zB. Grossmann, Oz, Leshem und deren Hintergrund (Vgl. den Blog „Israel, Palästina.“ 27.12.2024 mit ausführlichen Literaturangaben). Auch verweise ich immer häufiger auf die neuesten Untersuchungen und Kommentare von Delphine Horvilleur und, im Kontext, von Eva Illouz. Besonders deren 2023 geschriebenes und erschienenes Buch „Undemokratische Emotionen“, mit Avital Sieron (Suhrkamp). Und jetzt, zum Jahreswechsel den kurzen Essay „Völkermord? Im Ernst?„, SZ 29.12.2024. Hier werden mit atemberaubender Genauigkeit der Unsinn des Völkermord-Vorwurfs durch Südafrika und andere, sowie die teilweise langfristigen Vorgehensweisen der UN und des internationalen Gerichtshofs beschrieben, die es durchaus erschweren, Kritik an Kriegsverbrechen Israels und an der teilweise kritikwürdigen Reaktion auf den Angriff der Hamas vom 7.10.2023 zu üben und auszuführen.

Wenn ich sage, der kurze Essay wirkt befreiend auf mich, soll das kein Missverständnis hervorrufen. Aber in einer zutiefst zerfurchten, mehr als gespaltenen jüdischen Diskussion, hier (Deutschland) wie dort (Israel, USA vor allem) und der oft schwer erträglichen Metadiskussion aus der nicht-jüdischen Politik und Reflexion, ist der kurze, klare Essay von Illouz eine echte Stütze. Man liest, was man weiß, in der vielleicht klarsten Variation.

Dass und wie man Israel aus der Wirklichkeit vieler Völkermorde zu Unrecht herausisoliert, ist bekannt und belegt. Es führt aber doch auch dazu, dass wir die UN, die internationale Justiz und das komplexe Gebilde der globalen Diskurserneuerung des Völkermords ebenso kritisch und mit Priorität behandeln sollten wie unsere Kommentierung der Vorgeschichte, des Faktums und der Wirkung des 7. Oktober 2023.