10. November, dazwischen.

zum 9.11. schreiben sie alle, reden sie alle, und jeder findet sein Datum. Sinds nicht die Nazis, ist es die DDR, und es gibt noch mehr. Alle Daten sind irgendwann Gedenkdaten, weil die Menschheit noch alt geworden ist. der 9. November – hat mich früh fasziniert, wie sich Daten wiederholen und eine eigene Wirkung entfalten (Vgl. M.D.: „Schicksalstage in der Geschichte werden gemacht“ Der 9. November. In: Günther-Arndt/Hoffmann/Zwölfer (Hrsg.): Geschichtsbuch Oberstufe, Berlin, 1995, S. 354 – 357). 2. Juli, 7. Oktober, 1. Mai etc.

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Am 9.11., gestern, beherrschen die KZ Gedenkfeiern, die Feiern zum Abgesang der DDR, die antisemitischen Ausfälle in Amsterdam die Schlagzeilen, dahinter lauert Trump, aus den Ecken blinzelt der Zerfall der deutschen Demokratie und die Unterstützung von MigrantInnen und der Ukraine in der EU. Ganz schön viel für einen kalten Herbsttag.

Am 11.11., morgen, beherrschen die Narren die Öffentlichkeit, ist nur nicht mehr so lustig, wenn es das je war, gar viel nationale Politik und Kultur (https://de.wikipedia.org/wiki/11._November), und natürlich die fünfte Dimension https://www.wissen.de/warum-beginnt-die-karnevalssaison-am-1111 (Als Freund des alpinen Faschings habe ich den Karneval nie leiden können, aber das bin eben nur ich.)

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Aber heute ist der 10.11. – Dazwischen, die wichtigste Ortbestimmung der Philosophie und des Menschenverstandes. Außerhalb, ob Himmel, Hölle oder Ewigkeit, ist immer falsch. Dazwischen ist wenn nicht gut, so richtig.

Hört und sieht man, was wer gestern von sich gegeben hat, dann überwiegt das Ritual vor der Betroffenheit. Der Aufruf, nicht zu vergessen, bedeutet ja auch, von sich aus in die Zukunft zu rufen. Woran also jetzt am 9.11. erinnern? wie kann man das Rückdenken an die Pogromnacht und das Rückdenken an das Ende der DDR verbinden, muss man es? Gut wäre es, jeweils die Vorgeschichten zu kennen und sie zu erinnern; das hilft, die Geschichtserzählung vom 9.11.1938 zu verstehen. Die Nazis haben auf den allgemeinen Faschismus der Dreißigerjahre etwas draufgelegt, das mehr ausgedeutet werden muss als die Faschismen allgemein – das ist auch eine Warnung für uns heute, nicht von den Nazi-Erinnerungen aus die sich verbreitenden Faschismen zu bewerten, sondern zu erklären, warum der deutsche Faschismus so schnell und rigoros in den Nationalsozialismus sich entwickelte. Und das ist nicht nur Geschichtsschreibung…Es gibt unendlich viel Forschung und Dokumentation zum Faschismus allgemein und zu NS im besonderen. Aber es gibt wenig, zu wenig, Reflexion, Wiederspiegelung in unsere Gegenwartsbewertung – angefangen bei AfD und BSW bis zu den dauernd aufgedeckten Nazi-Neugründungsgruppen, vor allem in Sachsen, aber auch anderswo. Wobei man beide Parteien verbieten sollte und nicht aus Angst vor Fußnoten des Verfassungsgerichts gleich die ganze Justiz außen vor lassen sollte. Koalitionen mit diesen Rechten machen oder wollen nur unpolitische, undemokratische Landes-Schwurbler. Weil man den Faschisten, auch damals den Nazis, und heute? eben nicht Kompromisse beim Programm abringen kann, wenn es um Machtausübung geht. Lernt doch von der Niederlage der Demokratie gegen den Donald Trump. den ich nicht charakterisiere, weil ich mich von seinem Stil absetze: und wer die Wahrheit sagt, bei dem bleiben oft die Begriffe hängen, die man kritisiert oder nicht mag.

Gestern war ein anderer Zugang zum 9.11. interessant: die Reaktion des Bundespräsidenten auf die Rede von Marko Martin zum Mauerfall. https://www.tagesspiegel.de/politik/kritische-rede-im-schloss-bellevue-schriftsteller-martin-wirft-steinmeier-wutausbruch-vor-12676247.html, Die Rede ist wichtig: https://www.welt.de/kultur/article254426424/Marko-Martins-Mauerfall-Rede-Sehr-geehrter-Herr-Bundespraesident-und-bei-allem-Respekt.html . Es geht hier um die Verbindung von Struktur und Personen (u.a. Egon Bahr und Frank Walter Steinmeier) und nicht einfach um die Werbung für Zustimmung oder Übereinstimmung. Wir haben in der aktuellen Gegenwart ja das Problem, dass die demokratischen Welt- und PolitikbewegerInnen von 1989 vielfach geehrt und analysiert werden, aber die vielen, die hinter Vorhängen in ihrer Geschichte gar nicht verstanden werden (sollen, gewollt werden), aber aus der Geschichte bzw. dem Geschichtsbewusstsein ausgegrenzt sind. Im Übrigen sage ich als Österreicher mit Überzeugung, dass die Fixierung auf Ost-West eine seltsame Verzerrung und Übertreibung ist.

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Datums-Fetischismus kann erfolgreich sein (Weihnachten) oder über kurz oder lang in Vergessenheit geraten. 9/11 (11. September, nicht schon wieder ein 9. November) bleibt wohl hängen. Was war am 7.10.2023 historisch: 50 Jahre seit dem letzten Krieg, Putins Geburtstag? 10.9. Afghanistan… Und so kann man viele Tage aufzählen und aus den Schubladen sowohl ideologischer als eigener Zeitgestaltung herausholen. Literarisch war natürlich der 29. Februar unschlagbar, aber ohne Bedeutung…

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Was wird wann gefeiert, betrauert, vergessen, erinnert, wieder erinnert, wieder und anders erinnert?

Das ist alles sowohl privat, subjektiv, als auch politisch. Das Ereignis, mehr als das Datum, zählt. Wenn es umgekehrt ist, dann kann man in sich gehen und nachprüfen, was man eigentlich feiert oder betrauert. Morgen, am 11.11. werden manche, viel? die sorgenvolle Erinnerungskultur unterbrechen. Was muss geschehen, um die Ball und Karnevalssaison abzublasen? das kann man wiederum der Erinnerung übergeben. coronabedingte Absagen 2020, 2021, 2022 – die Wirtschaft hat gelitten, und das Volk? In der NS Zeit wurde der Karneval ideologisiert und 1940 bis 1945 abgeblasen (https://www.xn--klner-karneval-vpb.de/historie-koelner-karneval/nationalsozialismus). Auch die Absage von Bällen, wie in Wien, wird streng chronologisch vermerkt.

Gedenktage insgesamt sind sehr bedeutsam für die veröffentlichte Kultur eines Landes. Und sie werden gesteuert, gecancelt, neu eingeführt, mischen sich mit kirchlichen Feiertagen oder setzen sich von diesen ab usw. nicht wirklich „mein Thema“, aber heute, zwischen 9. und 11. November dann doch….es ist wunderbar still auf den Straßen und man kann sich auf den Herbst der Natur besser konzentrieren als auf den Herbst der Politik.

Schöne Welt im Schatten

Stellt euch vor, wie herrlich die Landschaft auf der Rückseite des Mondes ist. Schöner als Mar a Lago, schöner als das Matterhorn, noch schöner als Venedig. Solange das alles im Schatten der Rückseite des Mondes liegt, können wir uns kaum eine schönere Landschaft vorstellen. Kaum fällt Licht drauf…plopp! Wüste, Geröll und trockene Krater. Da wählt man doch lieber den Schatten.

Das geht mir durch den Kopf, wenn ich jetzt im Herbst spät abends mit meinem Hund durch die Gassen gehe oder mit ihm am Nachmittag im Wald durch das dicke Eichen- und Buchenlaub stapfe. Dann denkt man, wie gut es ist, dass es noch kalt und feucht ist, dass die Laubbäume bis jetzt noch überlebt haben, und wenn keine Sonne drauf scheint, trocknen sie nicht so schnell aus. Das ist natürlich poetisch, es ist Blödsinn, Wetter und Klima und… jaja wir, wissen, was wir auseinanderhalten müssen. Und wie schlimm die Entwicklung ist, wird uns ja auch von seriösen Medien oft genug gesagt. Deshalb keine Vorlesung über Klimapolitik, auch in der Angst, dass die Regierungen und Wirtschaftsverbände und viele Privatleute genug vom Klimadiskurs haben und sich darin überbieten, jetzt in der Gegenwart sich wohlfühlen zu lassen.

Ich laufe da durch Alleen oder den Wald, hüte mich vor der Sentimentalität des drohenden Abschieds und genieße die Rückseite des Mondes, es ist kalt und eben dunkel. Aber natürlich steckt da schon Abschied drin, keine Mücken, keine Falter, – Sie, es ist ja Herbst! ach ja…. – und nur Krähen und Raben habe ich auseinanderhalten gelernt anhand ihrer Schreie, wenn ich sie schon nicht sehe. Was mich allerdings beschäftigt ist, wie die Erinnerung mich überspringt und in die Zukunft klappt. Wir wissen, dass es niemals so werden wird wie es einmal war. Das stimmt für früher, und für heute erst recht. Aber was mir nur Erinnerung verschafft, ist für meine Enkelinnen so real wie die Erzählung von den Dinosauriern: was es alles nicht mehr geben wird. Was übrig geblieben ist kann man, kann ich nur erzählen, beschreiben, nicht wieder herstellen.

So sieht es heute aus. Und ein anderes Beispiel: wisst ihr noch, wieviele Fenster ein Fliegengitter hatten, damit man Lüften konnte, ohne dass Insekten ins Zimmer flogen. Insekten wurden und werden ausgerottet. Nicht zuletzt durch die verantwortungslose Eigenaktion für Glyphosat des CSU Herrn Christian Schmidt, der später mit diplomatischen Aufgaben belohnt wurde. (https://www.tagesschau.de/inland/glyphosat-zulassung-schmidt-101.html). Er ist da natürlich nicht allein. Und schaut auf die Chemielobby beim Biodiversitätsgipfel…es gibt tausende Fallen. Aber mir geht es auch darum, was wir unseren Enkeln und Urenkeln berichten von einer Umwelt, die wir politisch hätten besser bewahren können… war das nicht immer so, fragen die konservativen Historiker. Ja, teilweise, aber nie so rigoros und unumkehrbar.

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Nie konnte man von Natur „natürlich“ erzählen. Es war immer eine gesellschaftliche Basis nötig, um Natur zu verstehen und mitzuteilen. Ihre romantische Verzerrung in Werbung und Propaganda schafft so wenig neue Natur, wie Naturschutzgebiete die Realität verändern. Wir sind entweder auf der dunklen Seite des Mondes oder es ist so hoffnungslos, wie es ist.

Um das zu ändern, bedarf es der Politik und nicht nur der Poesie. Aber die Politik kann sich doch eine Menge ihrer Metaphern aus der Kunst holen. Und sei es, wie bei meinem Gletscherfoto, den Rückblick zu aktualisieren.

Rückschritt und Fortschritt, aus dem Takt

Manche verbringen zur Zeit ihre Lebenszeit am TV und Radio, um sich zu vergewissern, dass sie noch mithalten können mit der Betrachtung der Weltpolitik, von Washington bis Dresden. Wenn sich die schlammigen Turbulenzen setzen, in kurzer Zeit, wird man auf die Wirklichkeit ohne Emotionen schauen können, und dann überlegen, welche Wirkung die eigene Beurteilung auf die Welt und die eigene, engere Umgebung hat.

Manche überbrücken die Zeit bis dahin mit der Wahrnehmung der restlichen Welt, wie ich gestern schrieb, auch nicht besser, aber vielleicht besser verständlich. Wenn alles sich zurückzieht vom Fortschritt, wenn im Retro getänzelt wird, dann entdeckt man plötzlich, wie lange man diese Strukturen schon hat wachsen lassen und überhaupt gesehen hat.

Manche minus manche ist Null. Wir machen ohnedies immer beides. Deshalb ein Blick um die Ecke, ins Revier.

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Je unverständlicher das Große Ganze erscheint – was ist das denn wirklich? – desto mehr meinen einige, in die überschaubare Welt ihrer Lebensabläufe sich einschließen zu sollen, und aus Position „von unten“ die Welt und ihre Politik anschauen zu sollen und zu können.

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Worüber ich jetzt nachdenke, ist schwierig, für mich und für euch, LeserInnen: die These ist, dass die Unmittelbarkeit der „großen“ politischen Ereignisse die Wahrnehmung und das Handeln in lokalen, „mikrosozialen“ Zusammenhängen erschwert. Das ist im Übrigen Teil des taktischen Kalküls der großen politischen Akteure, ihre Themen als wichtig und lebensnotwendig gegenüber den Alltagserfahrungen der gewöhnlichen Menschen hervorzuheben.

Nun sind die Zusammenhänge zwischen Alltags(er)leben aller einzelnen Menschen und der gesellschaftlichen Struktur politischer Führung aber doch ganz anders vermittelt, sonst gäbe es diesen Abstand nicht. In den sich ausbreitenden Faschismen wird die Verantwortung nach oben, an die Führer, delegiert, dafür bekommt „man“ von oben serviert, was angeblich allen an der Basis nützt. Dass das nicht stimmt, merken die Menschen an der Basis erst, wenn sie keine Rechte mehr haben, etwas an ihren Bedürfnissen bzw. ihrer Befriedigung zu ändern. Fallbeispiel: Ungarn. In der Demokratie ist das alles vie4l schwieriger, aber jedenfalls gilt, dass die Politik ihre Entscheidungen und Handlungen an die Basis, „nach unten“ rückbinden muss, gerade wenn sie gegen vorgebrachte Forderungen handelt. Das sagt sich leicht, ist aber im Alltag und in besonderen Situationen erst recht schwierig.

Nun besteht unser aller Alltag ja nicht aus großer Politik, sondern aus einer Fülle von teils immer wiederkehrenden, teils immer neuen kleinteiligen Handlungen, die oft reflektiert und ebenso oft routiniert getan werden müssen, damit wir diesen Alltag bewältigen und einen Tag nach dem andern gestalten (können). Wenn die große Politik über unser Bewusstsein – sie tut es ja nicht real, wirklich – in unseren Lebensablauf eingreift, vernebelt sie die Klarheit unserer Handlungsabläufe UND – das ist jetzt wichtig – verschiebt unseren Blick dorthin, wo wir auch und genau die große Politik, die wichtigen Ereignisse usw. über unseren Alltag selbst stülpen wollen.

Klar? Das ist eine schwierige Sache, da müssen Psychologie, Soziologie und vieles mehr koordiniert arbeiten, um es verständlich zu machen. Aber zwei Beispiele mögen euch sagen, warum das wichtig mir scheint: Wenn man rund um die Uhr an Trump und den Zerfall der Koalition denkt, mag einen das Bilden und kritisch aufbauen, aber über diesem Denken sollte man den Alltag und seine Verrichtungen nicht beiseite legen, sonst hungert man oder erledigt seine Arbeiten nicht ordentlich. Das zweite Beispiel: eine Naturkatastrophe, die andere, nicht uns selbst trifft, kann auch nicht die Verrichtung des Alltags so überdecken, dass da nichts mehr erfolgreich bearbeitet wird.

Jetzt sagt jemand von euch nebbich, ist doch eh klar. So?

Wäre es so, dann würde dieses dauernde Einhüllen in die Aktualität, ich rede jetzt gar nicht vom „Terror der Aktualität“, nicht uns davon ablenken, dass wir vielleicht darüber nachdenken sollten, was die „großen“ Ereignisse unterwelchen Umständen wann mit unserer Gesellschaft und in weiteren Abstufungen mit uns machen, wenn und wie sie uns erreichen.

Was bedeutet das konkret? Wie grätscht die große Politik in meinen Alltag hinein? Ich kann das leicht auflösen: die Forderung nach Gleichzeitigkeit ist logisch einfach, man muss sie nur einüben und praktizieren. Ich habe viele Beispiele, die ich hier nicht gebe, weil sie trivial klingen, wenn man sie gerade nicht selbst erlebt. Diese Gleichzeitigkeit ist aber gerade das Vehikel der Politisierung von unten, im Alltag, und man muss nicht nach oben schauen, um es politisch zu begreifen.

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Die Beispiele in unserem Alltagsleben können sehr vielfältig zum Politikverständnis beitragen, deshalb werden wir noch lange keine PolitikerInnen, oder? Aber wir erleben täglich, dauernd die Auswirkungen von Politik, die unser Alltagsleben nicht wirklich kennt. Das nutzen die rechten Politiker aus und wollen eine „Gefolgschaft“ von unten begründen, die dann die „richtigen“ Bedürfnisse zu Forderungen macht, die dann von den Führergestalten eingelöst werden. Übrigens nicht nur die rechten Politiker…Was ist falsch? Die Preisfrage.

Nur mit der Gleichzeitigkeit des gesellschaftlichen Denkens kann ich meine Alltagsverrichtungen mit der großen Politik verbinden, muss ich, und dann kann ich gedankliche Brücken schlagen und selbst entscheiden, ob ich und wie ich mich politisch einbringen kann, und wo? Das übe ich im übrigen täglich beim Abendspziergang mit meinem Hund, wenn ich alle möglichen Details sehe, die mit der Weltpolitik aber gar nichts zu tun haben – und doch ist Frage, wo etwas herkommt, schon ein gutes Brückengeländert zum Anhalten.

Stumm und fahl, nicht real

Schon vor der Krönung des Lügners und Gauners arrangieren sich die Realpolitiker, auch Ökonomen, Kriegswirtschaftler mit dem neuen sogenannten Präsidenten der USA. Die Kommentare der letzten Tage lesen sich wie Beschwörungen, des Gegenteils, wie im Märchen, man nennt den Feind und hofft auf das Engelchen. Alles Quatsch. Ich kanns ruhig so sagen, ich habe immer Trump vorausgesagt, und ich habe mich vor der Wahl den Kommentaren ebenso verweigert, wie ich es jetzt tue.

Der globale Faschismus, den ja manche so nicht nennen, aber viele auch nicht wahr haben wollen, hat ein Etappenziel erreich. Wie sich die DREI Supermächte bewegen, liest man am besten bei Orwell in „1984“. Und jeder der drei hat eine tiefgestaffelte Gefolgschaft, die scheinbare Differenzierungen im Faschismus zulässt, um die Gegner der Demokratie zu täuschen. Erneut: die beiden österreichischen Faschismen nach 1933 sind ein Bei9sopiel, wie unterschiedlich die Gegner der Demokratie auftreten können, mal mit der Kirche, mal ohne, mal mit ein paar Kulturfuzzis, mal ohne, DAS ist ohnehin so wenig der Kern des Faschismus wie der soziale Wohnbau, die Autobahn und das Winterhilfswerk oder die Theaterregie.

Also: von mir gibt es so wenig Kommentare zu Trump wie zu Netanjahu, zum BHSW in Brandenburg bis zu Nehammer in Österreich. Manchmal muss ich sie erwähnen, aber nur am Rande.

UND WAS SCHREIBST DU DANN IN DEINEN BLOG? na, die weitere Wirklichkeit.

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Dazu gehört (natürlich auch) die Wahrnehmung, dass die menschliche Zukunft (allgemein) und nicht nur unsere Generation (im Konkreten) durch Abdrängen der Umwelt, der Artenvielfalt, und der Gerechtigkeit, noch schneller verschwindet als ohne die Faschisten. Uns kann es egal sein, für unsere Kinder und Enkel aber nicht, deshalb müssen wir trotzdem Politik machen, selbst resilient bleiben, aber die Gauner dort angreifen, wo sie verwundbar sind. Jeder Siegfried hat sein Lindenblatt.

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Die frühe Dunkelheit gemahnt uns, dass die Regierungen der EU nicht einmal in der Lage sind, Sommer- und Winterzeit zu vereinheitlichen. Als ob es nichts wichtigeres gäbe? Naja, vielleicht führt die dadurch bewirkte Schlaflosigkeit zu mehr müder Neigung zum Faschismus als zur Demokratie. Das ist z.B. eine These, die mancher Schwurbler dankbar aufgreift, wenn ihm sein Repertoire versiegt. Jetzt ist es draußen dunkel, es ist kalt (Erderwärmung, doch bei uns nicht) und man stolpert leicht auf dem Weg zum verbliebenen Wirtshaus, geschlossen wegen Fachkräftemangel, als ob nicht ein echter Mensch servieren und abräumen könnte (Schwurbler, hört hin, besser Bier einschenken als wirklich Kranke versorgen oder Bedürftige mit einem Dach und Wärme versorgen). Aufschauen zu den Tyrannen, keine Abtreibung, kein grünes Durchatmen, aber vor allem keine Bildung, die zu Nachdenken führt, also auch keine Ironie, keine Satire, nur das Pathos der Diktatoren. Gegen die Todesstrafe dieser – sagen wir 32 – Hauptdiktatoren sind wir ja nur deshalb, weil für jeden, den wir enthaupten, neun Köpfe nachwachsen, die lauern schon. Meine Fresse, 9 Putins, 9 Trumps, 9 Xis, und dann in der Nachbarschaft 9 Orbans, 9….Vorsicht, die gehen auch Koalitionen mit Sozialdemokraten, Christdemokraten und anderen, die ihren Namen verkehrt haben: sozialistische Demokraten, christliche Demokraten wären uns natürlich lieber (Schwurbler, da könnte man Sprachwitze machen, wären die nicht auf der Liste von Staatsanwälten…). Wie überhaupt: der Staat verbietet Kultur, indem er sie in erlaubte und verbotene einteilt, und da gehts nicht um Artikel 4 Grundgesetz, sondern um Meinungen, als ob die überhaupt zu regulieren wären. Das ist kompliziert, deshalb politisch erlaubt, weil es ohnedies niemand versteht. Überhaupt: der Ersatz von Bildung und Kritik durch ungezügelte Meinungsfreiheit ist die billigste Methode, Menschen von der Demokratie abzuwerben und den jeweiligen Führern/Führerinnen gefügig zu machen.

Andererseits sind, nach glaubwürdigen Aussagen, faschistische Diktaturen darauf angewiesen, ständig zu wachsen. Je mehr sie also beherrschen, desto schwieriger wird jeder Zuwachs sich gegen die verbleibende Opposition entwickeln können, also mehr Gewalkt brauchen, und damit vielleicht mehr Widerstand entwickeln, allerdings von immer weniger Opposition – darauf setzen nicht nur die großen, auch die kleinen Diktatoren und das macht sie selbst dort gefährlich, wo sie nur an der Regierungstüre kratzen und nicht schon auf dem Thron sitzen.

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Gut, wir wenden uns der Wirklichkeit zu. Ein wenig heißt das, sich vom Terror der Aktualität abzuwenden, siehe die letzten Blogs und den Hinweis auf Jean Améry, es bedeutet auch, sehr aufmerksam die eigene Umgebung auch im Hinblick auf erfüllbare Bedürfnisse und Wünsche anzuschauen, und nicht nur ihre Fallen und Widerstände anzuprangern. Womit kann man leben, wenn man damit leben soll? Eine seltsame Frage, gelle. Mit anderen Worten: es gibt nicht viele direkt nachvollziehbare Schlussfolgerungen politischer Analysen für die eigene Lebenspraxis, sondern die meisten sind vielschichtig indirekt und nicht immer erkennbar „konsekutiv“. Das ist eine Konsequenz der Tatsache, dass sich die Auswirkungen einer Wahl – nicht nur dieser – auf mein Leben ja in vielfacher, verkleideter Form zu nicht vorhergesehenen Zeitpunkten sehr wohl ereignen werden, aber eben nicht in der konkreten Vorausschau (anders als bei großen politischen Ereignissen, Kriegserklärungen, Waffenlieferungen, Umkehr von Feinderklärungen etc. –> das ist schon in „1984“ recht gut auseinandergehalten). Damit sage ich nur, dass es außerhalb der politischen Zeitenwenden Verhaltens- und Denkbereiche, auch Kritikfelder gibt, die nicht aus dem abgeleitet werden, was mich und uns global gerade am meisten beschäftigt. Nicht zu den Ereignissen, aber zur eigenen Reaktion Abstand halten, denke ich, ist oft sinnvoll, bevor man sofort reagiert auf etwas, das man (noch) nicht benennen kann.

Demokratien knicken ein

Über morgen wird Trump gewählt ….wie, wieso wissen SIE das? ich weiß es nicht, aber überall wird nur mehr über die mangelhafte Vorbereitung auf seinen Sieg geschrieben, so also ob Kamela Harris keine Chance hätte. Hat sie auch nicht, wenn sich weltweit nicht nur die Autokraten und Faschisten, sondern auch Repräsentanten der Demokratien auf den Wahlsieg des Verbrechers Trump einstellen. Auch bei uns, in den meisten Medien, nicht nur im Trash. Wenn man sich das einseitig konservative Wahlsystem der USA ansieht, die zunehmende Rechtsneigung der Justiz, die Neigung der Pressevielzahl und lokale Politik, dann ist ein Sieg von Trump nicht unwahrscheinlich, ebenso wie ein Sieg von Harris auf die funktionierende Vernunft vieler demokratischer AmerikanerInnen hinweist…

Und es sind ja nicht nur die USA. Vor ein paar Tagen, als es um Furcht vs. Angst ging, habe ich geschrieben:

Ich fürchte, Trump gewinnt die Wahl, egal, ob real knapp, gefälscht oder als Produkt amerikanischer Vorliebe für weiße Männer.

Ich fürchte, Netanjahu und seine faschistischen Koalitionspartner zerstören Israel, bevor es eine demokratische Zweistaatenlösung oder eine Föderation mit Palästina gibt.

Ich fürchte, Russland besiegt die Ukraine, weil der sog. Westen nicht Widerstand leistet, und die Russen stehen an der Grenze der EU, unterstützt von faschistoiden EU Mitgliedern wie Ungarn.

Ich fürchte...

Ich bleibe dabei. Obwohl – Harris kann die Wahl gewinnen, die demokratischen Gruppen in Israel können Netanjahu und seine Truppen vertreiben, und Russland geht vor der Demokratie in die Knie. Aber dazu müssen die Demokratien schon beitragen.

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Dass sich bei uns, im demokratischen Deutschland, auch unsinnige Anti-Demokratismen breit machen, desgleichen in Österreich, beunruhigt mich hinreichend, ich muss mich der Weltpresse Richtung USA gar nicht widmen. Unser Land, die Ukraine, Moldova, reicht das nicht. Dass in Brandenburg der Ego-Shooter Dietmar Woidke zuerst die demokratischen Parteien aus dem Landtag wirft bzw. schwächt (ER will der Erste sein, nicht sicher koalieren), und jetzt mit den Linksfaschisten vom BSW sich verbündet, ist lokal die Analogie zur globalen Abwendung vom vernünftigen Frieden. Die Ignoranz gegenüber der Umwelt (neoliberaler Sportwagenöhi Lindner) und dem Artenschutz (Konferenz in Cali) zeigen aber auch, dass es den wichtigtuerischen Politikgranden ohnehin schon wieder gleichgültig ist, wie schnell sich die Erde menschenfrei macht. Hauptsache: Machtvoll in der Gegenwart List oder Gewalt anwenden, oder einfach wegschauen.

Warum entwickelt sich das so? die beste Antwort ist sicher, in die Evolution hineinzuschauen und die Bereiche zu entdecken, in denen sich die Menschen am schlechtesten entwickeln, auch wenn sie produktiv und innovativ sind. Das ist, ich weiß es, anscheinend konservativ. Aber nur dann, wenn sich die Innovation auf die Lebenswirklichkeit der Mehrzahl auswirkt und so anerkannt wird. Eine andere Antwort liegt im Missverständnis der Religionen, die die Bindung von Menschen noch immer mit dem Jenseits verbinden (Unsinn!). Und wem das auch nicht passt, der kann einfach weiterblättern: noch, NOCH, ist es ja nicht so weit. Wie weit? Wann haben Sie die letzten Insektenschwärme gesehen – und wohin sollen die Eisbären fliehen? Egal. Gelle?

7. Oktober III

Martenstein rezensiert Ron Leshems Buch Feuer. Um dieses Buch geht es mir jetzt nicht. Es geht Martenstein aber in erster Linie um eine Wahrheit, die man den Relativierern des Kriegs in Nahost nicht oft genug sagen kann. Martenstein schließt seine Rubrik mit den Worten: „Der erste Krieg aber, den Israel verliert, bedeutet sein Ende. Keine Waffen mehr? Bilder, die man am 7. Oktober tausendfach gesehen hat, wird die Welt dann millionenfach sehen. Haben alle Juden den Tod verdient, zur Strafe für Netanjahu? Das kann nicht euer Ernst sein?“ Für sich ist dieser Absatz schon schwer gewichtig. Aber er kommt dazu mit einer Beschreibung, die noch schwerer wiegt und nicht hintergehbar ist, dazu später mehr. „Ich glaube, es ist unmöglich, sich zu diesem Krieg eine Meinung zu bilden, ohne ein paar Details zu kennen, auch wenn sie schwer auszuhalten sind. In Israel kennt sie jeder. Man kann sehen, dass die Mörder Frauen vor den Augen ihrer Kinder wieder und wieder vergewaltigen, bevor alle erschossen wurden, man weiß, dass Opfern bei lebendigem Leib die Brüste abgeschnitten wurden. Sie zwangen Familien, dabei zuzusehen, wie dem gefesselten Vater die Augen ausgestochen wurden oder das Genital abgeschnitten wurde…Es ging darum…dass niemand, der damit zu tun hatte, je in der Lage sein würde, zu vergessen und zu vergeben. Das Kriegsziel hieß: unendlicher Hass. Es wurde erreicht“. Das ist keine wilde Phantasie, keine Übersteigerung der Wirklichkeit, es ist zunächst eine Beschreibung dieser Wirklichkeit, die als Reaktion meines Erachtens Empathie vor Politik setzt, Mitleiden vor Analyse und Reaktion. Empathie in dem Sinn, dass wir den Opfern, Geiseln, Mitbetroffenen dieser Wirklichkeit mehr als nur Mitleid oder Parteinahme zuwenden, sondern wenigstens am Rande unserer Vorstellungskraft nachvollziehen, was dort tatsächlich geschehen ist.

Man kann, in Grenzen, unterschiedlicher Meinung sein, wie „es“ dazu gekommen ist. Man kann das, was am 7. Oktober 2023 geschehen ist, nicht an diesen Grenzen relativieren.

Ich wiederhole meine Frage von letzthin: wenn es nicht Netanjahu und seine rechte Regierung gewesen wäre, sondern eine demokratische, humanitäre Regierung: wie hätte sie auf den 7. Oktober reagieren können und sollen? Das widerspricht nicht meiner Auffassung, dass Kriegsführung und Diplomatie anders hätten sein können und heute sein sollen. Hier geht es um die Reaktion auf das, was wirklich vor aller Wahrnehmung geschehen ist.

Ein seltsamer Gedanke schleicht sich ein: wenn wir dieses Geschehen auch in die Herkunft und Geschichte der Wirklichkeit des 7. Oktober „einpacken“, dann wird es dadurch bereits relativiert, aber noch lange nicht behandelbar und verhandelbar? Andererseits ist die Geschichte nicht abzustreifen wie eine un-denkbare, un-bedenkbare Vergangenheit, aber was sie bestenfalls erklärt, hat mit dem 7. Oktober wenig zu tun, und mit seiner Verkleinerung durch Israelgegner und Antisemiten schon gar nicht. Hier setzt zu Recht die Kritik an den anti-israelischen, pro-palästinensischen Demonstrationen an: Was wird da demonstriert, gezeigt, hochgehalten?

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Mich lässt das Geschehen nicht in Ruhe. Der 7. Oktober hätte Freunde treffen können, er hat tausende Menschen und ihre Angehörigen wirklich getroffen, und die Wellen breiten sich so aus wie der Stein, ins Wasser geworfen, sie ausbreitet. Lest die Rezension: Buchkritik: „Feuer. Israel und der 7. Oktober“ von Ron Leshem (7.6.2024 Hueck, DLF) und dann das Buch. Man kann auch viel mehr und anderes dazu erfahren, Nichts wissen gilt nicht.

Ich arbeite zur Zeit an der Geschichte Israels bis zum 6. Oktober 2023. Diese Geschichte wird von vielen, den Meisten, nur bruchstückhaft wahrgenommen, gewusst oder (un)bewusst verdrängt. Es geht um jüdische Menschen, aber nicht nur um sie. Das ist nur scheinbar trivial, aber es hilft erklären, warum es keinen Judenstaat, sondern einen jüdischen geben sollte. Ich habe bewusst die Ereignisse des 7.10.2023 so gut wie nicht kommentiert, werde es auch nur in ganz engen Maßen tun. Das hat auch etwas mit dem Vorrang von Mitgefühl vor der Politik zu tun.

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Der Nachsatz klingt banal: ausgerechnet eine Kolumne in der ZEIT ist hier der Anlass zu diesem Post. Martenstein hat eine Tür geöffnet, die ohnedies nicht verschlossen ist.  Ich habe also doch zum 7. Oktober geschrieben.

Furcht, keine Angst. Politik

Ich fürchte, Trump gewinnt die Wahl, egal, ob real knapp, gefälscht oder als Produkt amerikanischer Vorliebe für weiße Männer.

Ich fürchte, Netanjahu und seine faschistischen Koalitionspartner zerstören Israel, bevor es eine demokratische Zweistaatenlösung oder eine Föderation mit Palästina gibt.

Ich fürchte, Russland besiegt die Ukraine, weil der sog. Westen nicht Widerstand leistet, und die Russen stehen an der Grenze der EU, unterstützt von faschistoiden EU Mitgliedern wie Ungarn.

Ich fürchte...

Es gibt noch viel mehr, das ich fürchte. Aufgrund von Nachdenken, Analysen, Gesprächen, Vergleichen.

Aber ich habe keine Angst.

Wie denn auch. Ich bin persönlich nicht direkt in die Konflikte, und man kann sie umfangreich vermehren, einbezogen. Ich kämpfe nicht, man verfolgt mich nicht, politische Schmähung oder gar Gegnerschaft hält sich in Grenzen. WENN etwas davon Wirklichkeit würde, bekäme ich Angst. Dann würde ich mich nicht nur vor dem, was wirklich geschieht, fürchten, sondern vor dem was mir geschieht. Und das müsste ich ausweiten, auf Kinder Verwandte Freunde Kollegen Partner etc., auch – innen natürlich.

Für die Literatur gilt: Schreine, als wäre man unter der Folter, auch wenn man weiß, dass man es ist nicht ist (ich finde gerade die Stelle bei Peter Weiss nicht, aber er sagt das, immer wieder). Und über viele Jahre, nach 1945 bis zu seinem Freitod 1978 hat Jean Améry immer wieder seine Geschichte, seine eigene Geschichte des Weiterlebens nach dem Leben unter der Folter dargestellt, um die Unumkehrbarkeit solchen Schicksals deutlich zu machen (U.a. im letzten Kapitel von „Jenseits von Schuld und Sühne“, 1966, später Klett-Cotta 1977). Dass einem selbst dies geschieht, davor darf und kann man mit Gründen Angst haben, aber es in eine allgemeine Furcht einzupacken, das geht nicht. Schon gar nicht, wenn es nicht um Literatur geht, sondern um unser alltägliches Leben.

Wenn man aufwacht, und die Mörder, die Folterknechte, oder schlicht „die Verbrecher“ sind da, dann werden alle Bekenntnisse zu Mut und Furchtlosigkeit hinfällig. Andererseits: selbst die realistische Vorstellung, wie das wäre, wenn…hat mit der Wirklichkeit solchen Geschehens nur bedingt zu tun.

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Vervollständigen wir die Liste am Anfang dieses Abschnitts, wir kommen damit zu keinem Ende, aber wir verwirren die Ereignisse, deren Eintritt wir fürchten, zu einem globalen Knoten. Das nützen sie aus, die Faschisten, der Pöbel, die Wunderheiler, auch viele Religionsgurus und Esoteriker. Flucht vor der Furcht. Nur keine Angst, sagen sie dann, nur keine Angst….Aber Angst ist eben so unkonkret, dass sie Objekte der Furcht – Trumpsieg, Russeneinmarsch – nicht konkret so benennt, dass man sie behandeln kann, dass wir damit umgehen. Wenn ich jetzt sage, dass es zu jeder Furcht eine konkrete Politik gibt, die sie entweder ausschaltet oder bearbeitbar macht, dann macht das nur Sinn, wenn ich darüber nachdenke, was ich oder was wer (konkret) wirklich tun muss und kann um die Objekte der Furcht abzuwehren.

Dieses Nachdenken hat über Jahrtausende zu unserer Zivilisation, zu unserer Bildung beigetragen und tut es weiterhin, aber dann muss ich soweit in der Politik sein, dass ich die Objekte der Furcht auch anordnen kann, sie sozusagen der Politik konkret zugänglich machen, was nicht nur Vor- und Nachdenken erforderlich macht, sondern Handeln. Darum fängt vieles mit der Umweltpolitik an, die im Augenblick von denen verdrängt wird, die auf den Knoten der politischen globalen Gewaltpunkte starren.

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Das, werte Leserinnen und Leser, sind keine hohen Ziele, wie sie an Neujahr geäußert und tags darauf vergessen werden. Das ist Alltag. Um den gehts mir immer mehr, je weniger Zeit zum Leben ich vor mir habe: denn was immer ich als furcht-erregend wahrnehme, es hat seine Geschichte, seine Entstehung. Und in ihrer Aufdeckung sind viele Problemlösungsansätze wahrnehmbar. Nur Hinschauen und dann den Kopf abwenden, gelangweilt oder aus Furcht, reicht dazu nicht.

Herbstschatten

Ich hatte mehrfach den Hinweis auf den den Terror der Aktualität (Améry) gegeben. Ein wichtiges großes Beispiel: wer das Verhalten Israels aus der Geschichte ausblendet und nur wahrnimmt, wie der kleinkriminelle Ministerpräsident Netanjahu heute handelt, blendet die Geschichte, wie es dazu gekommen ist, aus. Hier mein Ratschlag: bevor ihr entweder Milde walten lasst oder noch grimmiger vorzugehen ratet, denkt euch ein Experiment: ab dem 7. Oktober 23 regieren demokratische Parteien und die diplomatischen Beziehungen nicht nur zu den USA, auch zur EU und zur UNO sind intakt, d.h. auch dort agieren tadellose demokratische Kräfte. WIE ANDERS hätte die israelische Regierung auf den terroristischen Angriff der Hamas reagieren können, müssen, sollen? Die Antwort kann nicht mit einer Reaktion auf die aktuelle Lage heute sinnvoll gegeben werden.

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Ein kleines Beispiel: in Brandenburg möchte der Ministerpräsident Woidke mit dem linksfaschistischen BSW Koalitionsgespräche führen. Vgl. https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/brandenburg-spd-und-bsw-billigen-koalitionsverhandlungen/ar-AA1t39Ji?ocid=msedgntp&pc=U531&cvid=ba2c70b7350e4077b1e77d1a4562fa60&ei=14 und https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/erste-pl%C3%A4ne-vorgestellt-spd-und-bsw-wollen-in-brandenburg-gemeinsam-regieren/ar-AA1t3vaO?cid=msedgntp&pc=U531&cvid=6bad4398fe3c4c8ba820a6f404620236&ei=66. Das kann man nur erklären, wenn man die jüngste Geschichte, also die Wahlvergangenheit in diesem Land Brandenburg und Woidkes Verhalten gegenüber Grünen und CDU wieder aufruft und – vor allem – versteht. Da wollte einer Nr. 1 werden, oder abtreten. Und wie er Nr. 1 wurde, hat er sich in Abhängigkeit vom BSW begeben. Ohne die Vorgeschichte ist das nicht zu verstehen, also verdrängt die letzten Monate nicht.

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Wendet euch für einen Augenblick vom dauernden Räsonnieren, und Kommentieren, und Kritisieren der permanenten Kriegs- und Wirtschaftskrisen ab. Für einen Augenblick, nicht dauernd. Bedenkt nur, wer euch beim Nachdenken zum Dialog verhilft, wer euch zusieht oder zuhört. Es sind nicht nur Selbstgespräche, ich weiß, „man denkt“ ja nach, aber es scheint, dass man sich oft in der endlosen Schleife des Reiters in der Prärie am Jacinto befindet (Charles Sealsfield 1905). Je öfter man in der eigenen Spur reitet, desto breiter und richtiger erscheint einem die Hauptstraße – nur führt sie an kein Ziel als ihre eigene Wiederholung. Es lohnt wirklich, den eigenen „Ort“ des Nachdenkens über Politik und tatsächliches Geschehen einmal zu reflektieren, auch wenn das sich wie seltsame Philosophie liest. Aber der Test ist einfach: warum interessiert mich der Krieg der Russen gegen die Ukraine, warum beunruhigt mich der Nahostkonflikt, wie kann man den afghanischen Frauen wirklich helfen? Alles richtige Fragen, aber: die Antworten setzen nicht nur auf Lernen, Wissenserweiterung usw., sondern auf bestimmte Formen des Dialogs, der Auseinandersetzung und nicht nur auf die eigene Selbstvergewisserung (ich erkenne meine eigene Spur, wenn ich zum x-ten Mal in ihr reite….). Und deshalb meine Aufforderung: wendet euch einen Augenblick davon ab, in dieser Endlosschleife euch zu vervollkommnen oder zu resignieren, weil man so natürlich nichts tun kann. Also: was tun? Ich habe ja keine Ratschläge wie: geht spazieren, lüftet euren Kopf aus, lest etwas lustiges oder kocht eine gute Suppe. Das meine ich ja nicht. Sondern: schaut einmal wirklich auf die Antworten zu den obigen Fragen.

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Die Antworten sind euch eingeschrieben, und sie verweisen auf etwas wichtiges: alle Kriege, Ungerechtigkeiten, internationalen Spannungen etc. gehen zu Lasten der Umwelt, und wenn die nicht das wirkliche Ziel ist, bleiben viele Meinungen zur Politik, was sie sind, Meinungen.

Das ist realistisch, nicht philosophisch (schon wieder muss ich mich verteidigen, aber es geht mir auch um Begriffsstrenge). Da gibt es ja noch eine Frage: warum haben die Faschisten überall so viel Erfolg? weil sie keine Zukunft kennen, an ihre jeweiligen Führer gebunden sind und sich keine Gedanken darüber machen, was nach ihnen kommt. Können sie nicht und wollen sie nicht. Jetzt herrschen, jetzt Macht ausüben, und noch kann man atmen.

Faschismus allerorten. Schaut hin, bevor ihr ihn leugnet

Da wählen die Österreicher einen FPÖ-Mann, Herrn Rosenkranz, zum Präsidenten des Parlaments (Nationalrat). Lest in der SZ von heute 26.10. Cathrin Kahlweit zu Walter Rosenkranz, der in einer extrem faschistischen Studentenverbindung den Ton angibt und ansonsten eben ein gebildeter Rechtsradikaler ist, kein Randalierer. Die Vorstellung, Nazis und Faschisten seien in Staatsämtern leichter zu ertragen, wenn sie sich normal benehmen, ist eine bereits fortgeschrittene Infektion.

Europa ist in meisten und wichtigsten Ländern von faschistischen Parteien regiert oder mitgesteuert, nicht nur die EU. Und dass es engere Beziehungen europäischer Faschisten zu Putin, und von Putin zu Trump starke Verbindungen europäischer Konservativer mit faschistischen Parteiangehörigen sowohl in der Kommission als auch im Parlament gibt, kann man täglich und gut belegt lesen oder hören, also wissen.

MONITOR vom 23.05.2024: Europas extreme Rechte: Partner für die Union? CDU stimmt mit AfD für Grenzzäune: Fällt jetzt die „Brandmauer“ im EU-Parlament? BZ 24.10.2024 Werte LeserInnen… sucht selbst Belege. Es gibt sie, vielfach.
*Und es gibt sie, diese Belege, weil die Wirklichkeit sich nicht von den Irrlichtern fehlgedeuteter Wahrheiten irritieren lässt. Dazu habe ich hier schon einiges geschrieben und – ich sage es auch öffentlich, und die Reaktionen fallen eher desinteressiert aus als ablehnend. So ein wenig: ach, nicht schon wiiiiieder.

Weil der Faschismus schon längst wieder Fuß gefasst, er ist oft keine Mehrheit, manchmal aber schon, und wie Hitler gezeigt hat, braucht man, um machtvoll einzusteigen keine 50%.

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Die Demokraten selbst machen die Grenzen zu Diktatoren oder rechtsradikalen Partnern transparent, Wirtschaft, Arbeitskräfte, Flüchtlingsabsonderung etc. dominieren pragmatisch, wozu sich demokratische Politiker wie Scholz in Ankara oder Delhi gar nicht ideologiekritisch äußern müssen. Auch ist wahrscheinlich, dass Trump die Wahl doch gewinnt (wie geht man in Deutschland mit den Autos und Fabriken von Elon Musk um, vorher und nachher?)

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Aber nach der großen Theorie ist mir nicht zumute, und nicht in diesem Format. Ihr wisst ja, was heute ist? der 26. Oktober. Lest https://www.stadt-wien.at/politik/nationalfeiertag-in-oesterreich-26-oktober.html , was sich da alles tut. Die Intention, kurz und knapp:

„Schließlich und endlich war der 26. Oktober 1955 der erste Tag, an dem keine fremden Truppen mehr auf österreichischem Hoheitsgebiet standen.

Am 26. Oktober 1955 beschloss der österreichische Nationalrat in Form eines Verfassungsgesetzes die immerwährende Neutralität.“

Wie wir diesen Tag begangen haben und weiterhin feiern, lohnt mehr als einen Text. Hinschauen und Nachdenken von Anfang an. Immerhin hat das Fest schon viel früher begonnen als der 3. Oktober in Deutschland, und war auch anders begründet. Ö ist nicht D. Zehn Jahre lang hieß dieser Tag „Tag der Fahne“…

Österreich ist eines der wenigen Länder, die zwei Faschismen hintereinander durchmachten, und damit war auch die Bandbreite zwischen Austrofaschismus und Nazismus ab 1938 markiert. Dazu jetzt nichts historisches, aber gegenwärtig verbindet die FP?Ö beide Faschismen, die sich eigentlich nicht vertragen, und die ÖVP unter dem derzeitigen Kanzler ist eher auf dem austrofaschistischen Gegenwartsflügel als in der konservativen Demokratiebewegung.

Davon habe ich als Kind am Tag der Fahne wenig geahnt. Meine politische Erinnerung hat etwas früher begonnen, beim Staatsbesuch des äthiopischen Kaisers 1954 (https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Staatsbesuch_von_Kaiser_Haile_Selassie_von_%C3%84thiopien) und wurde sehr schnell aktiviert durch den Ungarnaufstand 1956 https://de.wikipedia.org/wiki/Ungarischer_Volksaufstand , mit dem mehr als nur die politische Erinnerung sich mir einschrieb. Aber zum Tag der Fahne, zum ex-Faschisten Drimmel, zur Innenpolitik des neutralen Landes und zur Neutralität konnte ich als Kind natürlich nichts sagen. Aber in Nebentönen habe ich damals schon gehört, dass zum Beispiel der Drimmel gebildeter war als die andern Politiker.

Die Nachwirkungen des Doppelfaschismus sind erheblich, bis heute. Der Widerstand dagegen zeigt sich nicht nur hauptsächlich in der Kultur – deutlicher und prägnanter als in Deutschland, – sondern auch in erfahrungsbezogenen Abwägungen zwischen beiden Faschismen, besonders deutlich beim großen Kanzler Kreisky. Und solche Widerstände gegen Anmutungen zum Faschismus wie der österreichische Präsident van der Bellen sind beispielhaft.

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Wenn sich heute in Europa Faschismen wieder breit machen, sollte man ihre Struktur genauer durchdenken. Meloni ist das beste Beispiel, vor allem innen- und kulturpolitisch, und in Österreich kann man die Unterschiede zwischen Wien und den Bundesländern als Studienobjekt einbringen. In Deutschland ist die teilweise, im Osten noch besser erklärbare, Hinwendung zur linksfaschistischen Variante BSW ein ganz aktuelles Problem, – man meint, es genüge, gegen die AfD zu sein – und weltpolitisch ist die Achse Putin-Trump ja keine Chimäre.

Ich schreibe das nicht aufgeregt, eher deprimiert über das kurzfristige politische Gedächtnis nicht nur des Pöbels. Der Hinweis auf den Geschichtsunterricht ist notwendig, und auf die politische Facette der Kultur, die sich nicht juristisch zur Gesinnungslosigkieit eindämmen lässt.

Und was uns allen eigentlich klar sein müsste: jeder Mensch kann sich faschistisch entwickeln. Und jeder Mensch kann sich antifaschistisch entwickeln. Aber natürlich reicht Antifaschismus nicht zur demokratischen Entwicklung…das haben wir doch schon gelesen.

Schuldig? Böse? Trotz und Rotz.

Manchmal kann man in und an Deutschland (ver)zweifeln. Wäre man anderswo, würde man dort verzweifeln, aber jetzt bin ich hier.

Wenn ein Migrant ein Verbrechen begeht, ist das böse, er ist schuldig. Wenn ein Deutscher das Gleiche tut, ist das auch böse, und er ist auch schuldig – nachdem alle entlastenden sozialen und psychischen Probleme geprüft wurden.

Wenn ein Migrant ein Verbrechen begeht, stärkt das die nicht-empathischen ausländerfeindlichen Deutschen. Denen kann ich zunächst nur wünschen, dass sie nicht mehr von Nichtdeutschen ärztlich behandelt, ernährt, betreut werden. Warum sollen Migranten keine Verbrechen begehen? sind sie bessere Menschen als die Deutschen? sind sie klüger? sind sie darauf angewiesen, gut zu sein?

Wir haben alle Antworten auf diese Fragen. Die Faschisten in AfD und BSW haben andere Antworten, aber dass die Demokraten drauf reinfallen und die Kluft zwischen Deutschen und migrierenden Menschen erweitern ist böse und wird weitere Folgen haben – weniger Zuwanderung, weniger Arbeitskräfte, weniger Betreuung, dafür werden die Deutschen noch deutscher – und gottseidank weniger.

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Ersetzt das Wort Migrant durch das Wort Jude.

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Warum sollen Juden klüger sein als alle anderen Menschen, warum sollen sie besser sein, warum sollen sie bestimmte Dinge nicht sagen, tun, denken und wahrnehmen dürfen? Das hat schon speziell mit der deutschen Geschichte, nicht nur 1933-45 zu tun, aber nicht nur. Um dieses Nichtnur geht es mir.

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Ich schreibe gerade ein Buch, in dem es unter anderem um die Differenz zwischen dem ethnologischen Begriff Jude und dem sozialen Begriff jüdisch geht. Das ist langwierig und komplex und hat viel damit zu tun, wann sich wer und wie mit „den“ Juden befasst hat und die sich mit ihm. Aber dieses große Thema hat wenig mit meiner alltäglichen und genervten Kritik zu tun, dass man es sich mit der Umkehrung der Verallgemeinerung von Migranten und Juden aufgrund besonderer Wahrnehmung zu einfach macht und damit radikalisiert.

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Ich habe in diesem kurzen Statement nur männliche Formen und keine „“Anführungszeichen bei Juden und jüdisch verwendet. Überlegt, warum? und jetzt ein Labyrinth. Seit vielen Jahren erkläre ich, warum man nicht von deutschen Juden sprechen soll, sondern von jüdischen Deutschen. Warum die Juden nicht automatisch begrifflich erklären was jüdisch und was nicht jüdisch ist. Das kann man auch auf die Migranten übertragen.

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Was ich hier schreibe, gilt mit kleinen Variationen auch für Österreich. Und: wenn ich mich für Migranten einsetze, bedeutet das nicht, dass ich sie nicht kritisieren darf und kann. Wenn ich bestimmte Juden kritisiere, bedeutet das nicht, das ich antisemitisch bin. Wenn ich jüdisch argumentiere, steckt dahinter Kultur und Moral. Wenn ich mich für Flüchtlinge einsetze, oder Migranten, steckt dahinter Empathie, nicht das Verlangen, dass sie sich besser verhalten sollen und können, als die Deutschen. Es gibt eben nicht „Die Deutschen“. „“ „“ „“ !