7. Oktober III

Martenstein rezensiert Ron Leshems Buch Feuer. Um dieses Buch geht es mir jetzt nicht. Es geht Martenstein aber in erster Linie um eine Wahrheit, die man den Relativierern des Kriegs in Nahost nicht oft genug sagen kann. Martenstein schließt seine Rubrik mit den Worten: „Der erste Krieg aber, den Israel verliert, bedeutet sein Ende. Keine Waffen mehr? Bilder, die man am 7. Oktober tausendfach gesehen hat, wird die Welt dann millionenfach sehen. Haben alle Juden den Tod verdient, zur Strafe für Netanjahu? Das kann nicht euer Ernst sein?“ Für sich ist dieser Absatz schon schwer gewichtig. Aber er kommt dazu mit einer Beschreibung, die noch schwerer wiegt und nicht hintergehbar ist, dazu später mehr. „Ich glaube, es ist unmöglich, sich zu diesem Krieg eine Meinung zu bilden, ohne ein paar Details zu kennen, auch wenn sie schwer auszuhalten sind. In Israel kennt sie jeder. Man kann sehen, dass die Mörder Frauen vor den Augen ihrer Kinder wieder und wieder vergewaltigen, bevor alle erschossen wurden, man weiß, dass Opfern bei lebendigem Leib die Brüste abgeschnitten wurden. Sie zwangen Familien, dabei zuzusehen, wie dem gefesselten Vater die Augen ausgestochen wurden oder das Genital abgeschnitten wurde…Es ging darum…dass niemand, der damit zu tun hatte, je in der Lage sein würde, zu vergessen und zu vergeben. Das Kriegsziel hieß: unendlicher Hass. Es wurde erreicht“. Das ist keine wilde Phantasie, keine Übersteigerung der Wirklichkeit, es ist zunächst eine Beschreibung dieser Wirklichkeit, die als Reaktion meines Erachtens Empathie vor Politik setzt, Mitleiden vor Analyse und Reaktion. Empathie in dem Sinn, dass wir den Opfern, Geiseln, Mitbetroffenen dieser Wirklichkeit mehr als nur Mitleid oder Parteinahme zuwenden, sondern wenigstens am Rande unserer Vorstellungskraft nachvollziehen, was dort tatsächlich geschehen ist.

Man kann, in Grenzen, unterschiedlicher Meinung sein, wie „es“ dazu gekommen ist. Man kann das, was am 7. Oktober 2023 geschehen ist, nicht an diesen Grenzen relativieren.

Ich wiederhole meine Frage von letzthin: wenn es nicht Netanjahu und seine rechte Regierung gewesen wäre, sondern eine demokratische, humanitäre Regierung: wie hätte sie auf den 7. Oktober reagieren können und sollen? Das widerspricht nicht meiner Auffassung, dass Kriegsführung und Diplomatie anders hätten sein können und heute sein sollen. Hier geht es um die Reaktion auf das, was wirklich vor aller Wahrnehmung geschehen ist.

Ein seltsamer Gedanke schleicht sich ein: wenn wir dieses Geschehen auch in die Herkunft und Geschichte der Wirklichkeit des 7. Oktober „einpacken“, dann wird es dadurch bereits relativiert, aber noch lange nicht behandelbar und verhandelbar? Andererseits ist die Geschichte nicht abzustreifen wie eine un-denkbare, un-bedenkbare Vergangenheit, aber was sie bestenfalls erklärt, hat mit dem 7. Oktober wenig zu tun, und mit seiner Verkleinerung durch Israelgegner und Antisemiten schon gar nicht. Hier setzt zu Recht die Kritik an den anti-israelischen, pro-palästinensischen Demonstrationen an: Was wird da demonstriert, gezeigt, hochgehalten?

*

Mich lässt das Geschehen nicht in Ruhe. Der 7. Oktober hätte Freunde treffen können, er hat tausende Menschen und ihre Angehörigen wirklich getroffen, und die Wellen breiten sich so aus wie der Stein, ins Wasser geworfen, sie ausbreitet. Lest die Rezension: Buchkritik: „Feuer. Israel und der 7. Oktober“ von Ron Leshem (7.6.2024 Hueck, DLF) und dann das Buch. Man kann auch viel mehr und anderes dazu erfahren, Nichts wissen gilt nicht.

Ich arbeite zur Zeit an der Geschichte Israels bis zum 6. Oktober 2023. Diese Geschichte wird von vielen, den Meisten, nur bruchstückhaft wahrgenommen, gewusst oder (un)bewusst verdrängt. Es geht um jüdische Menschen, aber nicht nur um sie. Das ist nur scheinbar trivial, aber es hilft erklären, warum es keinen Judenstaat, sondern einen jüdischen geben sollte. Ich habe bewusst die Ereignisse des 7.10.2023 so gut wie nicht kommentiert, werde es auch nur in ganz engen Maßen tun. Das hat auch etwas mit dem Vorrang von Mitgefühl vor der Politik zu tun.

*

Der Nachsatz klingt banal: ausgerechnet eine Kolumne in der ZEIT ist hier der Anlass zu diesem Post. Martenstein hat eine Tür geöffnet, die ohnedies nicht verschlossen ist.  Ich habe also doch zum 7. Oktober geschrieben.

Schuldig? Böse? Trotz und Rotz.

Manchmal kann man in und an Deutschland (ver)zweifeln. Wäre man anderswo, würde man dort verzweifeln, aber jetzt bin ich hier.

Wenn ein Migrant ein Verbrechen begeht, ist das böse, er ist schuldig. Wenn ein Deutscher das Gleiche tut, ist das auch böse, und er ist auch schuldig – nachdem alle entlastenden sozialen und psychischen Probleme geprüft wurden.

Wenn ein Migrant ein Verbrechen begeht, stärkt das die nicht-empathischen ausländerfeindlichen Deutschen. Denen kann ich zunächst nur wünschen, dass sie nicht mehr von Nichtdeutschen ärztlich behandelt, ernährt, betreut werden. Warum sollen Migranten keine Verbrechen begehen? sind sie bessere Menschen als die Deutschen? sind sie klüger? sind sie darauf angewiesen, gut zu sein?

Wir haben alle Antworten auf diese Fragen. Die Faschisten in AfD und BSW haben andere Antworten, aber dass die Demokraten drauf reinfallen und die Kluft zwischen Deutschen und migrierenden Menschen erweitern ist böse und wird weitere Folgen haben – weniger Zuwanderung, weniger Arbeitskräfte, weniger Betreuung, dafür werden die Deutschen noch deutscher – und gottseidank weniger.

*

Ersetzt das Wort Migrant durch das Wort Jude.

*

Warum sollen Juden klüger sein als alle anderen Menschen, warum sollen sie besser sein, warum sollen sie bestimmte Dinge nicht sagen, tun, denken und wahrnehmen dürfen? Das hat schon speziell mit der deutschen Geschichte, nicht nur 1933-45 zu tun, aber nicht nur. Um dieses Nichtnur geht es mir.

*

Ich schreibe gerade ein Buch, in dem es unter anderem um die Differenz zwischen dem ethnologischen Begriff Jude und dem sozialen Begriff jüdisch geht. Das ist langwierig und komplex und hat viel damit zu tun, wann sich wer und wie mit „den“ Juden befasst hat und die sich mit ihm. Aber dieses große Thema hat wenig mit meiner alltäglichen und genervten Kritik zu tun, dass man es sich mit der Umkehrung der Verallgemeinerung von Migranten und Juden aufgrund besonderer Wahrnehmung zu einfach macht und damit radikalisiert.

*

Ich habe in diesem kurzen Statement nur männliche Formen und keine „“Anführungszeichen bei Juden und jüdisch verwendet. Überlegt, warum? und jetzt ein Labyrinth. Seit vielen Jahren erkläre ich, warum man nicht von deutschen Juden sprechen soll, sondern von jüdischen Deutschen. Warum die Juden nicht automatisch begrifflich erklären was jüdisch und was nicht jüdisch ist. Das kann man auch auf die Migranten übertragen.

*

Was ich hier schreibe, gilt mit kleinen Variationen auch für Österreich. Und: wenn ich mich für Migranten einsetze, bedeutet das nicht, dass ich sie nicht kritisieren darf und kann. Wenn ich bestimmte Juden kritisiere, bedeutet das nicht, das ich antisemitisch bin. Wenn ich jüdisch argumentiere, steckt dahinter Kultur und Moral. Wenn ich mich für Flüchtlinge einsetze, oder Migranten, steckt dahinter Empathie, nicht das Verlangen, dass sie sich besser verhalten sollen und können, als die Deutschen. Es gibt eben nicht „Die Deutschen“. „“ „“ „“ !

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

Schaut erstmal nach, mit religiösen oder ganz säkularen Gefühlen, immerhin: DER Feiertag. Nachdenktag.

Jom Kippur – Wikipedia; Jüdisches Lexikon Bd. III, Frankfurt/M. 1987, S. 310ff: Jom kippur;

Entscheidend in der Geschichte dieses Tages ist, dass ein Schulderlass durch Gott erst auf die Versöhnung der Menschen miteinander folgen kann und darf. In vielen Variationen.

Der Jom kippur-Krieg (6.-25.10.1973) begann am Feiertag. Auch hier kann man anfangen nachzudenken, was dieser Tag auf sich hat. Wer an diesem >Tag angreift, kämpft, sich verweigert.

Der 7. Oktober 2023 hat eine tiefe Kerbe gegraben. Zum Jom kippur bewegen sich auch andere mit aufklärenden Ideen, z.B. (New Israel Fund: Zu Yom Kippur: Rückblick auf den Jahrestag des 7.10. & Einladung zu zwei Veranstaltungen)  und viele andere.

Aber das muss ich euch und Ihnen ja nicht erklären. Nur: heute kann man nicht darüber hinwegsehen, ohne an diesen Tag zu denken, wenn man schon an ihn gedacht hat.

*

Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen des konkreten Feiertags gehört, ordentlich und kritisch zu unterscheiden: Judentum, Staat Israel, israelische Gesellschaft, Regierung, Zionismus, Palästina…Begriffe sind nicht einfach wegweisende Aufschriften. Wenn man hier nicht genau ist, versteht man den 7. Oktober nicht. Das Verbrechen der Hamas wird durch Einsicht in die Wirklichkeit nicht geringer. Auch die Vorgeschichte, die mehrere Schuldige kennt, entschuldigt nichts. Aber sie lässt uns verstehen, wie und warum es zu diesem Verbrechen gekommen ist, und Verstehen ist immer an Kritik und Selbstkritik gebunden.

(Hier gibt es eine Linie zu Jom kippur: wenn ich mich in der Familie, meinem persönlichen und sozialen Umfeld ent-schuldigen soll, dann fragt sich schon, wofür).

*

Netanjahu, die Geschichte des Likud, die Zusammensetzung der israelischen antizionistischen Politik seit 1978, die faschistischen und ultrareligiösen Politiken der Siedler und Ultraorthodoxen gehören zusammen und sind nicht als weißer Elefant im Laden zu verkleinern. Sie sind teilweise, aber eben nicht kausal und dominant für die Verbrechen und Aktionen der Israelfeinde mit verantwortlich. Das ist auch Politik, und solange man es nicht weiß, kann man es nicht verstehen. Man muss es aber verstehen, um die Politik Netanjahus zu begreifen, der ja als kleiner Rechtsbrecher nicht einfach Weltpolitik machen konnte, auch wenn er das wollte.

Die Vorgeschichte und Erklärung des Handelns der Hamas, der Muslime in Israel und im Westjordanland, in den umgebenden Staaten, vor allem in Syrien, im Iran, auch das Handeln der Hisbollah wird, fatal und zu Unrecht, der Israelkritik eingeschrieben, weltweit, oft bei den UN, oft aus Halbwissen. Schon die Verlegung des Staates Israel und der Terrororganisation Hamas auf eine diskursive Ebene ist grauenvoll und teilweise wirklich ein Schutzschild für den Antisemitismus.

(Jom kippur: schau genau, wer woran wirklich schuld ist, und dort verhandle, bevor du die Überzeugungen verfestigst, wenn du dich in Schuldfrage plötzlich selbst siehst, als Einzelner, als Staatsbürger, Religionsmitglied, Überzeugungstäter usw. Das ist schmerzhaft).

*

Ich schreibe das heute. Mit der aktuellen Geschichte und Politik Israels setze ich mich seit Jahrzehnten auseinander, seit einem Jahr ist das noch schwieriger geworden als es immer war, und jetzt geht es um noch mehr als je zuvor: nämlich die Existenz Israels und die jüdische Unversehrtheit. Warum es mich interessiert und betrifft, ist heute nebensächlich, aber ich arbeite schon länger daran. Das ist der eine Fokus, der andere ist die Empathie für alle betroffenen Menschen, da tritt das Jude/Jüdin-Sein hinter die Menschlichkeit. Die und Empathie müssen eine Waffe gegen den Antisemitismus sein.

(Jom kippur: Buße und Versöhnung. Beides hat wenig mit Glauben zu tun und wird von der Religion nur so gefasst, wie eben die Gemeinschaftsbildung es möglich macht, mit Grenzen zu sektiererischen Extremen. Entscheidend ist die Praxis und nicht die Hoffnung auf eigene Rettung durch den richtigen Glauben).

*

Heute wie an kaum einem anderen Tag wiederhole ich: Das teuflisch falsche Quadrat pro-Israel, anti-Israel, pro-Palästinenser, anti-Palästinenser kann sich nicht einen Moment lang begründen.  Allein die intervenierenden Akteure (=Variable!) verzerren jeden Blickpunkt von einem Standpunkt aus. Aber auch für uns ist das alles nicht eindimensional: wenn Israel das letzte Rückzugsland auf Erden bleiben soll, dann darf es nicht vernichtet werden. In meinen Augen sollte das weniger eine nicht mehr realisierbare Zweistaatenlösung ergeben, sondern eine Föderation (wie das z.Zt. Omri Boehm vorschlägt, oder wie sich das Tony Judt vor Jahrzehnten gedacht hatte). Dafür kann darf soll man sich einsetzen, öffentlich und laut und vor allem präzise. Und wenn Israel erhalten bleibt, dann muss es eine Demokratie und eine friedliche Nation (wieder) werden, sonst vernichtet es sich selbst.

*

לשנה טובה תכתבו ותחתמו das kann man so UND so wünschen für ein gutes Leben, über das Jahr hinaus.

7. Oktober

Der 7. Oktober ist niemals vorbei. Er hat schon früh begonnen und er wird immer wiederkehren.

Am 7.10.1571 hat die Heilige Liga die Osmanen in der Schlacht von Lepanto besiegt. Schon der Begriff, und dann seine mehrfache Wiederholung, ist seltsam – und 1571 von Bedeutung (Heilige Liga (1571) – Wikipedia). Die Vorherrschaft der Osmanen ist erstmals beschädigt und wird sich weiter reduzieren, über die Jahrhunderte hinweg. Aber diese Schlacht hat nicht nur für die europäischen Reiche, Fürstentümer, Ökonomen eine große Bedeutung, auch für das Judentum – die Inquisition ist noch auf der Höhe ihrer Wirksamkeit – auch für einzelne jüdische Familien. Hier einmal das Beispiel einer reichen Familie, die von Beatriz de Luna (1510-1569) und ihrem Mann Francisco Mendes (1485-1535) und ihren Nachkommen handelt, „Kryptojuden“ oder Marranen. Ihre Lebensstationen sind Spanien, Portugal, die Niederlande, Venedig, Ferrara, Saloniki, Istanbul. Sie kaufen ihr Überleben den Herrschenden ab, sind von den Päpsten, der Inquisition und geldgierigen Fürsten abhängig, und reich genug, um dennoch Menschen zu retten und sozial Gutes zu tun. Mir geht es um die Fluchtpunkte der Juden. In der Globalgeschichte der frühen Neuzeit spielt diese jüdische Geschichte eine besondere Rolle (Behringer 2023). Immerhin von S. 336 bis 349 wird die Geschichte dieser jüdischen Familie genau beschrieben. Religion, Politik, Geld.

Warum ich das mit dem 7. Oktober verbinde: viele jüdische Menschen, in Israel und weltweit, müssen in diesen Tagen befürchten, dass Israel doch nicht der entscheidende Fluchtpunkt, das Ziel, eine letzte Heimat zu finden bleiben kann – wenn seine Feinde den Mehrfrontenkrieg gewinnen; oder dass es ein Land wird, das nicht als jüdische Heimstatt ohne weiteres erstrebenswert bleibt, unter Netanjahu und seinen faschistischen Koalitionspartnern. Aber natürlich: Israel kann und soll erhalten bleiben und seine Demokratie absichern, auch mit der nötigen Distanz zur religiösen Herrschaftsideologie. Dass das möglich ist, zeigen nicht nur die Demonstrationen.

Wenn normale religiöse Jüdinnen und Juden ihre Identität in Deutschland verbergen, zB. wenn Männer keine Kippa tragen, weil sie angegriffen werden, so ist das schlimm – moralisch, politisch, alltäglich. Wenn einzelne Gruppen – es gibt ja nicht viele Jüdinnen und Juden im Land, gerade einmal 0,2% – versuchen, entweder eine Einheitslinie, man möchte fast sagen: Einheitsgemeinde, zu schaffen, so wie die antisemitischen und antiisraelischen Gruppen sind homogenisieren wollen, dann spricht das gegen die Entwicklung der Demokratie in unserem demokratischen Land. Dass die antisemitischen Gruppen zahlenmäßig die Anzahl der Jüdinnen und Juden bei weitem übertreffen, sei schon angemerkt – es wird in den Nachrichten oft übergangen.

Man darf nicht zurückweichen von den Forderungen, die alle mit einem Waffenstillstand beginnen müssen, der aber in weiter Ferne scheint: die Geiseln müssen befreit werden, die Zweistaatenlösung oder die Alternative einer Einstaatenunion müssen politisch gewollt und vom Ausland unterstützt und beschützt werden (Interview mit Rula Hardal und Omri Boehm: „Die Zwei-Staaten-Lösung wäre ein Desaster“ – Kultur – SZ.de (sueddeutsche.de) 7.10.2024; schon früher: Binationale Föderation – Ein alter, neuer Lösungsansatz für den Nahost-Konflikt (deutschlandfunk.de) 28.1.2021; und noch früher die Gedanken meines Freundes Tony Judt (Tony Judt – Wikipedia), ab 2003 und stark umstritten.

*

Ich komme immer wieder auf Omri Boehm zurück. Der ist ein politisch versierter Philosoph, kein Politiker. Seine schon schwierige Ableitung, dass es jenseits der Wahrheiten etwas Wichtigeres, Gerechtigkeit, geben müsse, kann man umsetzen in Praxis, man muss es nicht diskutierend zerfasern (Boehm 2023). Boehm fasst zusammen: „Das Problem…besteht nicht darin, dass Israel nur eine unvollkommene westliche liberale Demokratie ist, sondern darin, dass es so ist, wie westliche liberale Demokratien nun einmal sind: Sie sind für immer auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (152). Und darauf folgt unmittelbar die Kritik des Identitätsdogmas, die dem Stärkeren immer auch Macht über die Schwächeren gibt.

Ich habe seit langem schon meine Kritik an der einen Identitätskonstruktion oder an einer vertikalen Hierarchie von Identitäten entwickelt. Das ist keine philosophische Spielerei, sondern heute wirklicher Ernst, wenn man die entsetzlichen Aussagen der Kontrahenten in den Nahostkriegen zur Kenntnis nimmt. Aber um gegen die Identitätspolitik zu kämpfen, reicht es nicht sie zu kritisieren. Man muss die Schwächen der „westlichen liberalen Demokratien“ aufgreifen, um sie zu stärken, z.B. indem man die scheinbar liberale, de facto aber neoliberale ökonomische Machstruktur ebenso angreift wie die Vorstellung, dass autoritäre Bindungen an Religion und andere Ideologien den Weg zur Stabilisierung abkürzen.

*

Uns stehen Wanderungen, Fluchten, Abschiebungen ebenso bevor wie Ankommen, Lagerungen und starres Ausharren dort, wo wir sind. Nicht nur uns jüdischen Menschen, uns Menschen.

Behringer, W. (2023). Der grosse Aufbruch. München, Beck.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Der jüdische Wald

Gerade zurück aus den Alpen: erneuert schon durch Anblicke und Perspektiven. Im Urgestein zieht sich der Wald hoch hinauf, bevor die Felsenbeginnen, auch die Almen sind hoch und es scheint fast zu schön um wahr zu sein. Es ist nicht wahr. Schaut man genauer auf die großen Wälder, sieht man größere Flächen abgestorbener, entnadelter Fichten; man sieht, wie sich die steilen Hänge nach den wilden Stürmen vor 8 Jahren wieder bepflanzen, das werden aber keinen Nadelwälder, und irgendwie ändert sich vieles mehr, Erdrutsche, Trockenheit, Überschwemmungen, das Detail verändert das Ganze, aber die Perspektive bleibt.

*

Schaut man aufs Judentum, so ist da etwas ähnliches: der Blick auf die jüdische Geschichte ist wie ein Panorama, das man sich sattsehen kann…wie? fragt der Skeptiker: Jüdische Geschichte, das ist Verfolgung, Demütigung, Shoah…da kann man nur sagen: das auch, leider und immer wieder, ABER eben nicht die ganze jüdische Geschichte. Die darf auch heute weder mit der Shoah noch mit dem 7. Oktober 2023 noch mit der Regierung Netanjahus noch mit dem Auftritt unsäglicher jüdischer Aktivisten religiöser oder auch faschistischer Struktur festgeschrieben werden. Die jüdische Geschichte wird aus den Situationen, in denen sie jetzt scheinbar stecken geblieben ist, wieder ausbrechen, in eine Zukunft, von der wir nicht alles wissen oder genau vorhersagen können – z.B. wie entwickelt sich die Geiselopposition in Israel, oder wie formieren sich die kleinen Minderheiten wie in Deutschland zu größeren humanistischen Koalitionen, oder wie emanzipieren sich jüdischen US WählerInnen vom Trumpismus etc. Wenn es nicht um „Juden“ ginge, wären solche Fragen bei jeder anderen Ethnie politisch, kulturell, „ethnologisch“ ganz alltäglich, normal?!

Aber die Juden. Was sich zur Zeit im Nahen Osten abspielt, nicht nur in Israel, ist ohne die Geschichte des Staates Israel, seine Vorgeschichte, seine Etablierung, seine Verteidigung, seine Diplomatie, seine Wirtschaft, seine widerspruchsvolle Einwanderung etc. nicht verständlich. Wir können da vor langer Zeit zB. religionsgeschichtlich anfangen, um die ultrareligiösen Politiker richtig kritisieren zu können; wir können aber auch ins 20. Jahrhundert gehen und sehen, wie der Zionismus der Staatsgründung umgeschlagen hat in eine ethnisch und politisch ganz andere politische Richtung, die nicht nur die Siedler und die Landnahme, sondern auch das Verhältnis zu den Palästinensern stark beeinflusst, und diese Menschengruppe müssen wir, was Israel betrifft, natürlich auch verstehen, historisch, politisch, religionskritisch, was ist denn der Unt5erschied von PLO und Hamas etc.?

Glauben denn die arroganten Israelkritiker wirklich, einen Staat, dessen Gründung in einem Krieg begann, nach 75 Jahren bewerten zu können? Schaut euch die Deutschen an: seit 1871 angeblich EIN Staat, aber die Leute bezeichnen sich weitgehend heute noch als Bayern, Sachsen und Hamburger. Jaja, ich weiß schon, der Vergleich hat dünne Stellen, aber gerade die muss man füllen, mit der wirklichen Geschichte Israel und nicht den vielfältigen Narrativen der politischen und kulturellen Akteursgruppen.

Eine Konsequenz ist, dass es geradezu moralisch und ethisch verboten ist, ein dogmatisches Quadrat zu praktizieren: Pro-Israel, Pro-Palästinensisch, Kontra-Israel, Kontra-Palästinenser. Das geht nicht, und wird es trotzdem gemacht, ist es ein Anlass zu weiteren Kämpfen. Auch die Zuordnung des Antisemitismus zu den Positionen ist meist fatal, weil Israelkritik und Antisemitismus so wenig deckungsgleich sind wie das komplizierte Gegenbild auf muslimischer oder palästinensischer Seite (Vorsicht, das ist nicht analog, und noch komplizierter…).

UND WAS HAT DAS MIT DEM WALD ZU TUN?

Die Analogie ist einfach: die Perspektive, das Panorama der jüdischen (Welt?)geschichte ist schon beachtlich. Aber es ist auch wichtig, genau hinzusehen, die Verwerfungen, die durch Religion und ethnisch Antagonismen hervorgerufen wurden, nicht zu ignorieren, und – in der Gegenwart – nicht ideologisch Politik und Ethnie unrecht zu vermischen. Darum übrigens schreibe ich gerade an einem Buch, in dem ich „die Juden“ (Ethnie( und „jüdisch“ strengt unterscheide.

Umgekehrt, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, kann man keine Politik der Erhaltung und Zukunft machen.

Dazu kommt noch einiges, aber keine Analyse des gegenwärtigen Kriegs. Erstmals, ganz aktuell: Meron Mendel https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/meron-mendel-wir-juden-brauchen-nicht-den-holocaust-um-in-deutschland-solidarit%C3%A4t-zu-fordern/ar-AA1rLF5N?ocid=msedgdhp&pc=U531&cvid=d218c936e58147499a1c691932366098&ei=28