Diktaturen und Kulturen im Herbst

Man kann gar nicht anders, von allen Seiten prasseln die Informationen und Warnungen auf einen zu. In der ZEIT Nr. 48, vom 11.11., wird unter „Ich, die Macht“ eine beachtliche Auswahl von 10 Diktatoren des 21. Jahrhunderts mit Amtszeiten von 11 bis 46 Jahren vorgelegt und 5 auf dem „Weg zum Autokraten“, von Erdögan (23 Jahre) bis Trump (1 Jahr). 10 weitere „Historische Gewaltherrscher“ sollen unser Wissen vervollständigen. Natürlich fehlen einige in der Gegenwart, man kann die Liste vervollständigen, und man kann den Autokraten und Diktatoren noch viele Zuschreibungen anfügen, und vielleicht gar eine Hierarchie herstellen, die etwas zu unserem Bildungsbewusstsein beiträgt – wie reden wir denn über die jeweiligen Gewaltherrscher, wenn wir schon über sie reden. (Wenn wir ihnen weitgehend untergeben sind, werden wir milder und fürchten Strafen – aber wir denken grüber über sie . Es lohnt sich, zwischen Gegnern und Feinden zu unterscheiden, und zwischen uns machtvoll Beherrschenden und denen, die das untergraben wollen, etwa zwischen Trump und Putin). Ähnliches habe ich mehrfach und anderswo gehört und gelesen, es gehört zu unserer Allgemeinbildung. In der gleichen ZEIT ist auch eine Darstellung vom massiven Influencer der US-Autokratie, Peter Thiel, mit einigem ideologiekritischen Hintergrund: Nicolas Killian : Seine Gedanken beherrschen die USA (S.20f.). Yuval N. Harari beschreibt diese Diktaturen ähnlich, auch heikle Namen, wie Netanjahu sind dabei und Trump wird schon härter verbucht, und vor mit stapeln sich weitere Analysen in diese Richtung, Anne Applebaum, Fritz B. Simon und Giuliano Da Empoli…alles aktuell. Nun, „neu“ ist das nicht, aber wenn man die Zögerlichkeit der deutschen Zwergenregierung wahrnimmt, die noch immer keine wirkliche Vorbedreitungspflicht auf eine globale, europäische, stattliche Abwehrentwicklung sieht, fragt man sich, warum und wie. Und da die Umwelt beiseite gelegt wird, kann die globale Kriegswirklichkeit deren Untergang nur vorwegnehmenm, sicher nicht reduzieren. Dazu werden wir mehr und besser denken müssen, und handeln.

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ABER da gibt es die Hoffnung der Gegenwart: die Kultur – sie ist immer für die Zukunft da. Manche würden sich fragen, was das bedeutet. Aber Kultur verändert die menschliche Gesellschaft dort, wo die Evolution noch nicht oder nicht mehr angekommen ist (Hier kann man mit Thiel vergleichen, für den die Apokalypse überwunden werden muss (!) – für die Elite und um jeden Preis…da gibt es übrigens eine peinliche Analogie, wegen seiner deutschen Herkunft). Kultur muss nicht in „richtige“ Richtung wirken, aber sie kann, und da kommen WIR ins Spiel. Nur zuschauen und zuhören reicht nicht. Teil der Kultur ist jene Verbesserung der Zivilisation, die uns den Vorsprung vor IT und Medienherrschaft und Führerprinzip gleichermaßen auferlegt wie möglich machen sollte, wollen wir nicht in der Vergangenheit versinken. Denken, schreiben, hören, fühlen, und sich nicht dem Wissen der Macht überlassen, sozusagen die Perle in der Muschel sein. Das sind wir nicht.

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Das wird nicht einfach. Unsere Zwergenregierung steuert uns auf das dritte, das letzte Karthago zu, wie ganz Europa. Hohe Löhne, niedrige Renten, schlechte Bildung, teure Reisen, und keine wirklichen Innovationen, das ist weder Zufall noch einfach umsteuerbar ohne unseren persönlichen Aufwand, und das wollen die meist älteren Abdanker nicht. Dann lieber noch einmal Ökonomie vor Ökologie – da geht es wenigstens farbenfroh in den Sonnenuntergang – glauben die. Aber, das denke ich, der Widerstand gibt nicht nur mehr Kraft und Resilienz als die pöbelhaften Vereinfachungen der rechten und anderen Populisten. Aber Überleben ist nicht einfach.

Frühlingsdiktaturen blühen auf

Im Prater blühn wieder die Bäume…der Frühling ist wieder in Wien.

Dem Imperator blühn wieder die Bäume, der Frühling zieht sich dahin…

So einen schlechten Vers mache ich absichtlich, nicht um euch zu ärgern, sondern um meinen Ärger einzugrenzen. Wir – das Volk, die Leute – brauchen ja nicht auf alles zu reagieren, was den Alltag und die nahe Zukunft gefährdet, wir wollen das gar nicht, aber mal ehrlich: hält man das aus? Erdögan blüht auf – Europa ist von ihm abhängig, also schweigt man. Die faschistoide Dilettantentruppe unter Trump macht uns verächtlich, also regt sich in unserer Regierung niemand wirklich auf. Die meisten Regierungschefs schmeicheln Trump, aber sie haben nichts in der Hand, ihm zu drohen. Er ist eben nicht ganz so arg wie Putin, und letztlich noch im Westen…

Schaut in den Frühling hinaus, lasst die Politik, die ohnedies keine ist, sondern nur politischer Diskurs und Rhetorik. Die Märzenbecher kommen schon und die ersten Leberblümchen und Veilchen. Wenn man die Hügel im Wald bei Berlin besteigt, sieht man das Grün aus den Zweigen sprießen, und Grün ist bekanntlich besser als Braun, sagt nicht nur die Politik. Man geht durch den Frühlingswald, und die wirkliche Welt, mit ihrer Politik und Unpolitik, scheint nicht einfach weit weg zu sein, sondern gar nicht. Man hat das Gefühl, dass viele schon länger in diesem Zustand sind, weil ja der Abstieg vom goldenen zum silbernen, vom bronzenen zum steinernen Zeitalter keinen Weg zurück nach oben erlaubt. Da geht man lieber in den Wald, die Gegenwart ist (wie) ein Rückblick: so schön hätte es sein können. Unsinn, ist es. Der Schrecken hat es nicht nötig, seine Umgebung einzufärben, einzustimmen. Es bleibt alles ganz schön schön, ganz erfreulich. Da die meisten diese Periode nicht überleben, ist es egal, ob es im nächsten Jahr, in den nächsten Jahrzehnten auch noch „so schön“ ist. Man geht weiter, schaut sich die Blumen an und das frische Grün zwischen den alten Blättern, und mag nicht zu glauben, was man weiß. Der Clou: Das war schon immer so.

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Auch unter schrecklichen Umständen, bei denen es um Überleben, körperliche und geistige Sicherheit und Unversehrtheit geht, aber auch unter geringeren Verzerrungen der gewünschten Lebenspraxis, hat es immer Formen von Widerstand gegeben, die nicht gleich in Kampf und Martyrium mündeten. Das war nicht privater „Rückzug“ oder Sich-Verbergen. Für fast alle waren es individuelle Entscheidungen, die Resilienz und das Überstehen der schlechten Zeit zu betreiben – nicht aus übergeordneter Ethik oder Religion, sondern einfach um weiter zu leben, zu überleben, – jeder Mensch lebt ja nur einmal.

Was hat das mit den ersten Absätzen zu tun, die ich hier geschrieben habe? Ich denke doch: einiges. Denn wenn wir, gerade wenn wir den Schrecken der Wirklichkeit, der nur oben Trumputinxi heißt und weit ins wirkliche Leben hinunter wurzelt, überstehen wollen, sollten wir uns auch auf die Umstände im Vordergrund der Weltbühne konzentrieren, denn sie zeigen ja einen Zweck des Überlebens, zu leben. Nicht Ausweichratschlägen folgen, schon wahrnehmen, was wirklich ist, aber eben – das ist eine Einsicht – nicht nur. Dazu gehört der Alltag in einer Situation, in der man nicht sagen soll, das Schreckliche sei noch nicht eingetreten. „Nicht“ reicht, um dagegen anzugehen, anzuleben.

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Ich bin wieder im Frühling. Der hellgrüne Schleier über dem alten Braun, heute im Nebel, macht Hoffnung auf eine gute Periode erneuten Blühens und Wachsens, auch wenn wir die Angriffe auf die Natur kennen und wahrnehmen. Es ist kein Paradox, in Zeiten um sich greifender Kriege und Faschismen gerade auch der Ökologie einen Vorrang vor der Ökonomie einzuräumen (das ist meist immer auch praktisch), und das bringt uns die Politik richtig in das private Leben. (Leider ein pathetischer Satz, pardon: Aber diese Lebensart macht kräftiger im Widerstand gegen die sich ausbreitende Gewalt.

Nach dem goldenen und dem silbernen Zeitalter verbindet Ovid das eherne und das eiserne Zeitalter, wie oft dritte und vierte Sätze bei Symphonien zusammenkleben.

…es entflohen die Scham und Treue und Wahrheit, / Einzug hielten statt dessen Betrug und tückische Falschheit,/ Hinterlist auch und Gewalttätigkeit und verruchte Besitzgier… (Metamorphosen, (129-131)

Ach ja. Eine Umkehrung der Zeitalter gibt es nur in der Hoffnung, die Politik ändern zu können, dann muss man sie aber ändern wollen. Überlegt einmal unpathetisch ob „Überleben“ ausreicht, wenn man noch wirklich weiter leben möchte. Dazu aber muss man vielen Menschen helfen, zu überleben. Das ist Politik, nicht Glauben oder Meinung.

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Mir fällt auf, dass es am Rand der Aufmerksamkeit eine gewisse Abgestumpftheit gegenüber den dauernden Tagesereignissen, der „schlechten Unendlichkeit“ a la Hegel, gibt. Das ist ein Hinweis auf die Nähe und Gefährlichkeit dieser Zusammenballung von Ereignissen. Auch ein Hinweis, wovon wir uns lossagen sollten, bevor wir in den Strudel gerissen werden. Wenn ich durch Wald gehe, halte ich schon lange keine Monologansprachen in einem politischen Umfeld, das ich mir ausdenke. Schade, eigentlich. Statt dessen schaue ich mir die verschwindende Natur genauer an als früher, will mich später besser erinnern. Manches ist verschwunden: Insekten, Schmetterlinge usw. Sind die vielen Wildschweine ein gerechter Ersatz? Oder die amerikanische Wildkirsche, die im Park alle anderen jungen Bäume erstickt? Das geht zeitgleich mit der Politik, so gut sind wir noch…

Alltag jetzt, nicht erst in der Diktatur

Wer hat je gesagt, dass es in Zukunft besser würde als…wann und wie? Naja, viele haben es gesagt, um ihre Ratgeber zu vermarkten, oder sie haben auf privilegierten Inseln ihr Leben weitergebracht. Der Kampf der Optimisten gegen die Pessimisten, der Kampf beider gegen die Realisten und ähnliches ist interessant für Philosophie – und schein-politische Abendgespräche.

Zukunft ist kaum wirklich denkbar, wenn man die Umkehrung von Umweltpolitik und die Kriegswirklichkeit – angekündigt auch in verschiedenen Appeasements gegenüber den Diktaturen in Russland, USA und China – genau ansieht, dann ist ja das die Gegenwart. Also können wir unser Leben jetzt und in Zukunft auch unaufgeregt bedenken, oder?

Wir müssen uns auf eine Zukunft einstellen, die für unsere Kinder, Enkel, vielleicht noch für ein paar Generationen mehr, aber nur vielleicht, mehr oder weniger lebenswert sein wird. Lebenswert…kein Luxuswort der Wohlhabenden in ihrer Blase, sondern wirklich Wert, dass man noch lebt und noch nicht tot ist. Aber für uns ist es JETZT. Da ist keine Zukunft drin, nur eine nicht so wirklich ent-schuldete Vergangenheit. Das ist wichtig für Politik, aber auch für unser persönliches Leben, für das ich ungern das Wort „privat“ verwende. Was ist schon privat, wenn die Welt um uns sich zerlegt?

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Umso wichtiger, jenseits und unterhalb der unmenschlichen Herrschaft, und angesichts der Umweltbedrohung nicht darauf hineinzufallen, dass alles nur bei den Einzelnen, bei dir und bei mir bleibt. Nein, es geht um Strukturen und es geht um Politik. Das bedeutet aber auch, dass es unterhalb und neben der Politik ein anderes Leben gibt, in dem wir atmen, essen, kommunizieren usw., und zwar nicht das Wort GLEICH NOCH ZUM BEGRIFF ERHEBEN: LEBEN: also leben wir und stellen uns darauf ein, was (noch) nicht wirklich für uns schon wirkt. Vielleicht für andere. Die Diktatur wählt ihre Untergebenen nicht erwartungsgerecht aus. Aber wir kommen auch dran, wahrscheinlich. Dazu kann man einen Roman schreiben oder sich auf den Untergrund vorbereiten, aber zunächst einmal, jetzt also, muss man „einfach“ weiterleben, was nur heißt, dass man sich jetzt noch nicht als Opfer oder als Zeuge oder gar an der Seite der Täter darstellen muss, WIR sind ja keine Musks, Bezos, oder Oligarchen.

Deshalb können wir einen aktiven erfüllten Alltag haben, und da hat die Politik ihren Denkplatz, ihre Diskussionen, aber sie ist nicht der alles bestimmende Ort. Mit anderen Worten: wir setzen der „Normalisierung“ das normale Leben entgegen und sind uns dessen, also unser selbst, bewusst.

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Tagesabläufe, Arbeit und Freizeit, Kulturereignisse und Naturerlebnisse, Besuche und Alleinsein…für jeden von uns gibt es hier einen breiten Korridor von Entscheidungen, die nicht durch Bedrohungen oder Ängste schon vorgeformt werden (sollen, dürfen). Diese triviale Feststellung ist wichtig, wenn es darum geht sich nicht schon zu unterwerfen, bevor die Autoritären, die Diktatoren und ihre Exekutive uns Regeln diktieren wollen. Das klingt so einfach, aber wir lassen uns doch im Alltag ohnedies nicht in bestimmte Verhaltensformen und Handlungen pressen…ODER? Reicht schon: wenn die Gewalt und der Feind drohen, dann ist die Lebenswirklichkeit bis zu seinen Aktionen umso wichtiger. Und da hilft die Wirklichkeit schon zum Herstellen nicht nur von Resilienz, sondern auch zum Selbstbewusstsein, welchem Diktat wir uns nicht beugen wollen und sollen. Dazu müssen die Diktatoren noch gar nicht an die Macht kommen.

P.S. Liebe Leserinnen und Leser, diese etwas dunkel gefärbte kleine Aufsatz sagt ja nur, dass vieles in unserem Alltagsleben sich auch ohne drohende Diktatur bewusster einrichten lassen kann, und erst recht, wenn die angsteinflößenden Akteure herumwirbeln und Angst verbreiten.