Winterspiele

Ich habe schon lange keine Freude mehr an sogenannten OLYMPISCHEN WINTERSPIELEN: ich begrtünde das nicht, schaue einfach selten hin und zu. Die POLITISCHEN WINTERSPIELE sind auch Wettkämpfe, und zu denen braucht man keine Freude haben, auch keine Gefühle. Aber mal ehrlich: wer von uns hätte das alles so sehr vorausgesehen? Ich hatte ja, oft kritisiert, den dritten Weltkrieg vorhergesagt, und begründet, wie anders er sich von den beiden vorigen unterscheidet, und bin bis vor kurzem ziemlich allein damit geblieben; und ich hatte eher unterschätzt, wie schnell und erfolgreich die drei Nukleardiktaturen kleinere Tyranneien zerstören oder unterwerfen können oder sich diese Diktaturen hilfreich untergeben machen. Das führt nicht zur Melancholie, sondern zur polit-depressiven Realität. Die Reaktion aber sollte nicht depri sein, sondern wir müssen im Bewusstsein den Widerstand aufbauen, bevor wir darüber reden, welche Hypermacht wir wie ablehnen und nicht de facto unterstützen. Und dazu schreibe ich jetzt nicht. Bedenke es, und ziehe bald Schlüsse, aber nicht sofort … Israel, Gaza, Grönland, Ukraine…dazu sind spontane Urteile vielleicht zu leichtgewichtig.

NEIN: WINTER, DAS IST MEHR ALS GEFRORENE VERNUNFT. Es ist kalt, man kann nur vorsichtig gehen, die Kliniken sind vollgestopft mit Glatteisopfern, selbst- und fremdverschuldet. Dabei ist dieser Wintertag schön wie lange nicht. Straßen und Gehwege sind weiß, nicht nur die Bäume. Es wie eine Erinnerung an unsere Winter. Denn natürlich hindern diese Tage nicht die Welt oder nur unseren Kontinent, wärmer denn je zu werden. Aber dieses früher war nicht nur wintriger im Winter, es hat unser Gefühl für Jahreszeiten anders geprägt als die heutige Klimaentwicklung. Schuberts Winterreise war eben keine Sommerreise, und Rilkes Herbstgedichte passen nicht in die Osterzeit. Nebbich? Die scharfkantige Erinnerung ist so ein Element des geänderten Zeitbewußtseins. Der Meteorologe im Fernsehen ist geradezu lyrisch bei der Ausnahmeprognose auf das Wetter in den nächsten Tagen. Und wenn ich mich nicht mit dem Wetter befasse, sondern es genieße, ungestört lesen und hören zu können, dann will ich mich nicht grämen, bestimmte „Arbeiten“ nicht zu machen, sie aufzuschieben…damit meine ich konkret, die spontanen politischen Urteile vielleicht etwas zu untermauern, sie zu stärken und nicht lächerlich jeden Tag Ergänzungen oder Widerruf hinzufügen zu müssen . Schaut man n-tv, dann erfährt man wie todkrank Trump ist und zwei Meldungen weiter wie fanatisch die US Diktatoren zuschlagen, man erfährt jeden Tag, wie Putin abgesetzt wird und zugleich, welche kriegerischen Aktionen er macht. Solche Faktenfakes zerstören das politische wie das kulturelle Denken.

Leider lebe ich ja in der norddeutschen Tiefebene, aber selbst hier reichen die kleinsten Hügelchen, dass mit Rodeln Kinderfreude ausgelöst wird, und zwar massenhaft, und das erfreut das Gedächtnis: eine Sache, die noch nicht ganz ausgestorben ist. So etwas ist wichtig, um weiterberichtet werden zu können, an Kinder und Enkel. Denn vieles, das wir kennen, gesehen, gehört, gefühlt haben, können wir nur mehr berichten, aber nicht mehr gegenwärtig zeigen…Tiere, Landschaften, Blickwinkel in die Stadt und auf das Feld, und Kleidung. Für ein paar Tage ist Winterbekleidung en vogue, wer weiss, zum vorletzten oder letzten Mal? Egal, Nebensache. Ich hab schon berichtet, dass die Feiertage, Silvester, Neujahr etc. nicht so befeiert werden wie in den letzten Jahren, Politik hin oder her. Langsam dringt die Wirklichkeit in die Gefühle und ins Bewusstsein. Schluss mit der Verlagerung des Grauens auf die fernen Kontinente. Deshalb schauen wir uns jetzt einmal bei uns um, damit wir Kraft gewinnen für die wirklich wichtigen Umstände.

Davon lass ich mich nicht abbringen, wenn man schaut, wie sich Europa seinen Abstieg auch noch durch die Machtlosigkeit gegenüber Trump und Putin mitbeschreiben muss, um endlich politisches Bewusstsein für die Realität zu bekommen. Das wird eines meiner Themen der nächsten Zeit sein. Und natürlich: Winterkultur statt allzugrelles Tageslicht. Schaun wir einmal.

Diktaturen und Kulturen im Herbst

Man kann gar nicht anders, von allen Seiten prasseln die Informationen und Warnungen auf einen zu. In der ZEIT Nr. 48, vom 11.11., wird unter „Ich, die Macht“ eine beachtliche Auswahl von 10 Diktatoren des 21. Jahrhunderts mit Amtszeiten von 11 bis 46 Jahren vorgelegt und 5 auf dem „Weg zum Autokraten“, von Erdögan (23 Jahre) bis Trump (1 Jahr). 10 weitere „Historische Gewaltherrscher“ sollen unser Wissen vervollständigen. Natürlich fehlen einige in der Gegenwart, man kann die Liste vervollständigen, und man kann den Autokraten und Diktatoren noch viele Zuschreibungen anfügen, und vielleicht gar eine Hierarchie herstellen, die etwas zu unserem Bildungsbewusstsein beiträgt – wie reden wir denn über die jeweiligen Gewaltherrscher, wenn wir schon über sie reden. (Wenn wir ihnen weitgehend untergeben sind, werden wir milder und fürchten Strafen – aber wir denken grüber über sie . Es lohnt sich, zwischen Gegnern und Feinden zu unterscheiden, und zwischen uns machtvoll Beherrschenden und denen, die das untergraben wollen, etwa zwischen Trump und Putin). Ähnliches habe ich mehrfach und anderswo gehört und gelesen, es gehört zu unserer Allgemeinbildung. In der gleichen ZEIT ist auch eine Darstellung vom massiven Influencer der US-Autokratie, Peter Thiel, mit einigem ideologiekritischen Hintergrund: Nicolas Killian : Seine Gedanken beherrschen die USA (S.20f.). Yuval N. Harari beschreibt diese Diktaturen ähnlich, auch heikle Namen, wie Netanjahu sind dabei und Trump wird schon härter verbucht, und vor mit stapeln sich weitere Analysen in diese Richtung, Anne Applebaum, Fritz B. Simon und Giuliano Da Empoli…alles aktuell. Nun, „neu“ ist das nicht, aber wenn man die Zögerlichkeit der deutschen Zwergenregierung wahrnimmt, die noch immer keine wirkliche Vorbedreitungspflicht auf eine globale, europäische, stattliche Abwehrentwicklung sieht, fragt man sich, warum und wie. Und da die Umwelt beiseite gelegt wird, kann die globale Kriegswirklichkeit deren Untergang nur vorwegnehmenm, sicher nicht reduzieren. Dazu werden wir mehr und besser denken müssen, und handeln.

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ABER da gibt es die Hoffnung der Gegenwart: die Kultur – sie ist immer für die Zukunft da. Manche würden sich fragen, was das bedeutet. Aber Kultur verändert die menschliche Gesellschaft dort, wo die Evolution noch nicht oder nicht mehr angekommen ist (Hier kann man mit Thiel vergleichen, für den die Apokalypse überwunden werden muss (!) – für die Elite und um jeden Preis…da gibt es übrigens eine peinliche Analogie, wegen seiner deutschen Herkunft). Kultur muss nicht in „richtige“ Richtung wirken, aber sie kann, und da kommen WIR ins Spiel. Nur zuschauen und zuhören reicht nicht. Teil der Kultur ist jene Verbesserung der Zivilisation, die uns den Vorsprung vor IT und Medienherrschaft und Führerprinzip gleichermaßen auferlegt wie möglich machen sollte, wollen wir nicht in der Vergangenheit versinken. Denken, schreiben, hören, fühlen, und sich nicht dem Wissen der Macht überlassen, sozusagen die Perle in der Muschel sein. Das sind wir nicht.

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Das wird nicht einfach. Unsere Zwergenregierung steuert uns auf das dritte, das letzte Karthago zu, wie ganz Europa. Hohe Löhne, niedrige Renten, schlechte Bildung, teure Reisen, und keine wirklichen Innovationen, das ist weder Zufall noch einfach umsteuerbar ohne unseren persönlichen Aufwand, und das wollen die meist älteren Abdanker nicht. Dann lieber noch einmal Ökonomie vor Ökologie – da geht es wenigstens farbenfroh in den Sonnenuntergang – glauben die. Aber, das denke ich, der Widerstand gibt nicht nur mehr Kraft und Resilienz als die pöbelhaften Vereinfachungen der rechten und anderen Populisten. Aber Überleben ist nicht einfach.

Eine Reise

Vor einigen Jahren war ich mit meinem besten Freund in einer Stadt, die sofort an Wien erinnerte, an frühe Einblicke in die Stadtstruktur, das Klima, die Schönheit und die absurden urbanen Einblicke. Obwohl, auf den ersten Blick, ist hier alles anders als in Wien – flach, das Zentrum direkt am Fluss, der Fluss kurz vor der Mündung ins Meer. Und trotzdem…nicht wegen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte und Verbindung nach Wien, aber mit ihr, und dann natürlich die Atmosphäre. Nicht unbedingt der lokale Speiseplan, aber was in Wien die Krapfen sind und die Punschkrapfen, sind hier die Waffeln und die Fritten.

Ich hatte noch zehn alte Postkarten vom letzten Besuch bei mir, als ich jetzt mit meiner Frau Birgit einen Besuch wiederholte, der für sie eine Premiere war. Auch diesmal war es nicht leicht, einen Briefkasten zu finden, hier schreiben ohnedies nur Touristen. Sonst ist man modest und modern, e-text, handy, post und was noch, aber dennoch normal. Zum Beispiel die massenhafte überzählige Verkehrsstruktur mit Fahrrädern, e-Bikes, und e-Rollern. Fußgänger werden gefördert, Autos weniger, und wo es so viele gute Radwege gibt, ist man gerne urban.

Also kommen wir pünktlich aus Brüssel an, der Personenzug hat uns über Mecheln durch viele Dörfer befördert. Die sind meist unattraktive Einfamilienhäuser wie in Niederösterreich, im Emsland oder überall. Und große, übergroße Wohnbauten und etwas mehr Industrie entlang der Bahn. Viele Gleise, überhaupt ein dichtes Bahnnetz. Also kommt man gut an, der Bahnhof ist eine eigene Geschichte wert, sein kulturgeschütztes Hauptgebäude hieß früher die Kathedrale, „Man“ kam an und wurde willkommen geheißen. Heute kommen die Züge auf jeweils vier Gleisen im ersten Oberstock und in zwei Unterstockwerken an, die wichtigsten Installationen sind auf der Eingangsebene. Für uns der Waffel- und Cafékiosk, aber auch das Infobüro der Stadt. Da erfuhr ich am letzten Tag, wo sich die Briefkästen finden; was in der Stadt vorbildlich ist, sind die sauberen WCs, hier, in den Museen, in den meisten Kneipen. Alle Tickets kauft man am Automaten, überhaupt ist die Karte unvermeidlich, nur im Chinesenviertel zahlt man mit Geld. Die Waffeln hingegen muss man mit der Karte zahlen. Fünfzig Meter vom Bahnhof unser Hotel, an einigen Diamantengeschäften vorbei, wir sind an der Außenfront des Diamantendreiecks, hunderte Geschäfte, meist sind dahinter Schleifereien, und angesichts der überquellenden Produktion sicher für den breiten Markt – und, überraschend, überall waren Touristen unter Tags in den Geschäften. Die haben von bis 18 Uhr offen, wie fast alles hier: spät auf, früh zu, auch in den Einkaufsvierteln. Einen Abstecher von der Hauptstraße machen wir in den Stadtsalon, eine große ornamentierte Halle mit Boutiquen und einem sündhaften ökologischen Getränkeausschank für gesunde Menschen. Weil wir am Schabbat ankommen, gehen wir jetzt gar nicht da ins Viertel, sondern die Paradeeinkaufsstraße hinunter in Geschäftszentrum, das ist so international wie die Menschen hier polyethnisch, viel mehr als bei uns, wobei im Kern des Zentrums zwischen Ökonomie und Fluss weniger Schwarze sind, aber sonst sind alle überall und man hat den Eindruck, dass die Jugend  der nahöstlichen und afrikanischen Herkunft stärker als alle anderen heranwächst. Ohne ein wenig Sozioökonomie versteht man hier wenig, und die muss leider auch bis in die Kolonialzeit unter Leopold zurückgehen. Aber das studiert sich leichter, weil es viel kritische Aufklärung zu diesem Thema gibt. Und vieles erklärt sich auch kulturell besser.

Was der Krieg nicht zerstört hat, hat schon eine nach Außen hin üppige und formale Struktur, aber im Großen wie im Kleinen geht hier alles Architektonische, vor allem die äußere Gestaltung, durcheinander – ob wirklich ungeregelt oder bewusst individualisiert, muss man herausfinden. Jedenfalls angenehm. An der Hauptstraße kennt man natürlich die Namen aller Innenstadtgeschäfte aus allen westlichen Großstädten, aber es gibt hier wie in den Nebenstraßen doch eine angenehme Vielfalt von Geschäften, auch multiethnischer Bespielung, man kennt es, und kennt es doch nicht. Am ersten Abend essen wir in einem Hotelgasthaus, wo typisch, dass das, was man sich auf der Karte aussucht, nicht da ist, dafür etwas anderes. Auch wenn in Bahnhofsnähe besonders die ethnische Vielfalt sehr groß ist, erkennt man bald die abgegrenzten ethnischen Wohnviertel dort, wo die ursprüngliche Wohnbevölkerung nicht ihre generationenübergreifenden Wohnsitze hat, urbane obere Mittelschicht und untere Oberschicht. Im Zentrum ist das alles anders, durchwachsen und sehr offen. Aber nicht eingeebnet. Auf der einen Seite des Geschäftsviertels geht es zu Mode, Kunst und Kultur, auf der anderen Seite ins Bildungs- und akademische Viertel, aber nicht scharf abgegrenzt. Auch hier gibt es einige sehenswerte Kirchen, v.a. wegen der Gemälde des hier ansässigen bedeutenden Malers und seiner Schule, aber an sich keine Kirchenstadt. Trotz der gewaltigen fünfschiffigen Kathedrale, die das Gegengewicht zum großen Markt bildet und gegenüber dem Rathaus aus der Jahrhundertwende steht. Die Innungshäuser aus der Renaissance erinnern an Ffm, aber insgesamt ist das Touristenviertel ambivalent. Lokal sind die Preise erstaunlich gleichmäßig hoch, aber hier im Zentrum eher absurd. Ansonsten ein wenig teurer als bei uns.

Wir haben alle fünf Tage so ein Glück mit dem warmen Herbstwetter gehabt, das war natürlich ein Zusatzbonus. Überraschend viele Joggerinnen und Jogger, nicht nur in den Parks, leicht bekleidet, und alle anderen von dicht bis frühwarm. Wir lassen uns die Stadt mit einem Hopon und e-Hopoff zeigen, der kommt kaum voran, soviel Verkehr und der Vorrang von Bikes und e-Rollern. Umso besser. Wir steigen nach Stadtquerfahrt am Ziel # 1, unserem ersten Ziel, dem MAS. Ein grandioses gesellschaftliches Museum mit Kunst, Kultur, Geschichte, Analyse, für Erwachsene und Kinder, anthropologisch, Besucher-nächst, – gibt’s bei uns kaum, das gibt es in Frankreich eher (Musée de Confluence, Lyon, Wiener Stadtmuseum, und frühere Völkerkundemuseen, die jetzt Weltmuseen werden wollen). So etwas gibt es bei uns so gut wie nicht. Und hier auch die Aussicht über den Fluss, die Stadt und die Wirklichkeit. Wir sehen diesmal die hunderten Friseur-Fotos, die Transportgeschichte der Nahrung der Stadt, eine dezentrale Wohnsystematik, eine kleinteilige südamerikanische Kulturausstellung, … es gibt noch etwas, Kriegsgeschichte, diesmal nicht. Ein gutes Café. Nach drei Stunden wandern wir ein langes Hafenbecken entlang, das einen neuen Stadtteil mit starker Freizeitkomponente. Man kann  leider nicht zum Fluss durchwandern, eine Brücke ist defekt, aber man sieht ein anderes Museum mit einem absurd schönen Riesenaufbau auf einem Gebäude des 19. Jahrhunderts nahe genug. Gegenüber am Kanal zehnstöckige Wohnhäuser, man wüsste gerne die Sozialstruktur. Weiter mit dem Hoponhopoff zum Großen Markt, wir schauen kurz in die Kathedrale, die fast immer keinen Zugang hat, und begehen diesen Touristenschmelztiegel. Man kann hier schon essen und trinken, man muss nicht. Die letzte Etappe bringt uns zum Hauptbahnhof zurück, über eine Stunde im Labyrinth, angenehm: wir sehen, wie im Alltag gewohnt wird, und alles strömt den Verkehrszentren zu, die Meisten wohnen ja nicht hier. Das haben wir noch nicht erfahren. Wir essen erstmal im Ostasienquartier, eine Straße, zwanzig+ Lokale, chinesisch, malayisch, thai, tibetisch. Letzteres probieren wir als erstes, wohl das beste Abendessen vor Ort in den vier Tagen. In die umliegenden Nahostlokale gehen wir schon nicht wegen der Glücksspielausstattung. Unter uns das Bah hofsviertel, nicht zu laut. Und das Riesenrad, farbenfroh, war früher am Flusshafen, teuer und platzgreifend, wir fahren nicht – der Rundblick vom Museum war weiter.

Am Sonntag ist der Schabbat vorbei. Wir sind ja im jüdischen Diamantendreioeck, das langsam von den Indern unterwandert wird. Erinnern wir den Film „Rough Diamonds“, (Rotem Shahir, Cecilia van Heyden) die Drehorte deutlich zu erkennen, und der Niedergang der sephardischen Geschäfte. Noch ist genug davon da, aber depri. Daneben das jüdische Wohn-Viertel, orthodox, politisch konservativ, Sepharden, viel schwarzkappige Kinder, Scheitlfrauen, große und kleine Bethäuser, ein super Delikatessladen Hoffys und – meine – Lieblingsbäckerei. Man möchte hierbleiben, jeden Tag die herrlichen Stücke essen. Wir tun das gleich um die Ecke im Stadtpark. Dann gehen wir ins Modemueum. Überraschend aktiv und interessant. Großartige Ausstellung über junge und pubertierende Mädchen in allen Variationen, – Man weiß, lernt und freut sich. Und dann die großartige spanische Frauendarstellung, u.a. Almodovar, ebenfalls ergreifend. Auch ein Modeklassenarchiv. Und ein gutes Café. Ein schöner Nachmittag am Deich schließt sich an, der Strom ist ziemlich leer, aber am Ufer flaniert ein gesellschaftlicher Querschnitt in der Sonne, spannend. Ein griechisches Kalorienintermezzo, dann Altstadt – vieles ganz spannend, aber was möchte man dann wirklich kaufen, für sich oder zum Verschenken?

Fang`s Hapje war der chinesische Versuch. Ganz gutes Essen. Lustig am Nebentisch zwei Bekiffte, die fünf verschiedene Gerichte zugleich eingeworfen hatten und auch den Koch amüsierten. Das Bier ist hier jeden Abend gut. Am letzten Tag in derselben Straße in Wintan Kitchen malayisch, auch ganz gut. Gar nicht so viele Touristen, eher Unileute und Lokale in Chinatown.

Kommt der Montag. Auch die Massen erst gegen 9 bis 10…wir wandern vom Stadtpark nach dem jüdischen Frühstück durch die bürgerlichen Viertel nach Westen. Erst zum Botanischen „Sanctuarium“, wohl eine historische Besonderheit, schön. Dann ziemlich geruhsam weiter zum Museum, gewaltig groß und jetzt fertig modernisiert, vor Jahren war es noch unterwegs. Ein Jahrhundertwendebau, erinnert auch Wien, nicht sooo groß wie das KHM und NHM, aber schon. Ensor durchquert, und dann Rubens als Zentrum einer guten Ausbreitung. Viel gelernt bei einer Darstellung öffentlicher Restaurierung mit Röntgen und allen anderen Techniken, die Wissenschaftler waren hier aktiv bei der Sache. Immer wurden thematisch zeitgenössische KünstlerInnen neben die alten Meister gestellt, und so lernt man Kunstgeschichte. In der Moderne viel von Rik Wouters, dem Belgier, naja. Langsam an den Strand, in das turmartige Gebäude der Dreißiger und die hölzernen Rolltreppen hinein, also hinunter, und dann ein paar hundert Meter neben e-Bikes und Fußgängern ans Linke Ufer. Überraschend. Nach der schönen Uferbepflanzung öffnet sich der Blick auf eine weitläufige Siedlung, wie in Wien Nordost, fast alle Wohngebäude drei oder vier Stockwerke. Ein endloses Verkehrsnetz, hier wohnen viele der EinwohnerInnen, weshalb die Fähre und die U-Bahn ständig in beide Richtungen voll sind. Nicht nur einfach Arbeiterviertel, auch nicht Unterschicht. Das müsste man genauer untersuchen, ob es hier überhaupt Kultur, wenn ja, welche, gibt. Wir fahren mit der U9, dann mit der U5 ins nördliche Arbeiterviertel, dort, nahe der Autobahnzufahrt, multikulturell, mit allem, was wir so kennen, was wird aus den Halbwüchsigen? Zurück zur Oper, von dort mit der Straßenbahn bis zum MAS, wir wollten weiter zum Hafen, aber die Brücke ist ja kaputt. Am Flussufer ein hypermodernes langgezogenes Bürogebäude, wir von hier in die Innenstadt, Univiertel, Kunsthochschule…wir sind 15km gelaufen, müde zum Chinesen, siehe oben.

Heute morgen in die jüdische Bäckerei, auf der Fahrt werden die Vorräte schon weniger. Noch einen Blick in den Zoo, schön und schön teuer. Der Zug fährt pünktlich, wir steigen in wenigen Minuten nach einer ebensolchen Fahrt in den Zug nach Deutschland um. Und das war es.

Wo waren wir? Richtig, in Antwerpen.

Bilder kommen noch.

Unehrlich ins Desaster

Nach dem lächerlichen Ineinanderkriechen zweier Diktatoren, Pmurt und Nitup, in Alaska, sind die Kommentare der meisten unserer Politiker so peinlich, dass man Pmurt in seiner Egozentrik und Nitup in seinem Stalinismus ja recht geben muss: vor Europa müssen beide nicht spontane Befürchtungen haben. Natürlich geben viele Kommentatoren uns vor, sich Pmurt zu fügen, er ist der nukleare Herrscher Nr.1 und zugleich endlich mit Nitup zu sprechen und zu verhandeln, er bedroht ja Europa und Pmurt wird uns nicht schützen. Gleich aufgeben? Aber ja, Untergebene haben ihre eigenen kleinen Spielräume, wenn sie nur unterwürfig sind…

Einige wenige Politiker und Politikerinnen sagen nicht nur die Wahrheit, sondern raten auch zum Widerstand. Der ist nicht so kompliziert: In Europa sich für die Ukraine auch praktisch, d.h. ggf. militärisch einsetzen, und für die Rüstung und Kampfbereitschaft selbst zahlen. Haben wir ja bisher nicht wirklich gemacht. Rüstung ist sehr viel mehr als Militär, Kampfbereitschaft ebenso, beide sind auch gesellschaftlich, sozial, kulturell – und das wird kosten, das wird so teuer, dass unser Wohlstand auch darunter leidet. Wir werden nicht verarmen, aber unsere Lebensstandards werden nicht steigen, sondern stagnieren oder sinken. Wer soll denn unsere Rüstung gegen die Russen und ohne die USA bezahlen? Und dass wir Waffen eher in den USA kaufen als sie selbst herzustellen, ist sekundär in diesem Kontext.

Alternativen? Sagt doch, wie man Frieden aushandelt, wenn man nichts anzubieten hat als Geld und Unterwürfigkeit. Und das Geld…ach ja, da gibt es mehr als eine Geschichte nach 1945.

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Nein, ich nehme keine Kriegspartei an, sowenig wie flachen Pazifismus. Ich habe sogar Vorbilder in meiner Meinungsbildung, vor allem -aussage. Karl Kraus, Thomas Bernhard. Und was den Frieden angeht, sind sie alle Israelis: Oz, Shalev, Yehoshua, Horvilleur, Boehm, und andere und gegenwärtig vor allem David Grossman. „Frieden ist die einzige Option“, Hanser 2024. Nicht zitieren, lesen. Warum die Friedensdiskurse um Israel für mich so wichtig sind, hat mehrere Gründe, dass ich ein jüdischer Jude, bin ist nur einer davon. Wichtiger aber ist die Entwicklung bzw. das Auseinanderdriften der möglichen Kompromisspartner, die so aber die Voraussetzung für vertrauensvolle Friedensverhandlungen wären. Und da waren sie alle negativ von außen beteiligt, um von innen Unfrieden zu stabilisieren, die Westmächte, die USA, Russland, auch Deutschland….Wenn man Grossman liest, versteht man, wie sorgfältig nicht die scharfkantigen Abgrenzungen zu verhärten sind, sondern wo man die Übergänge findet, wenn es keine Realpolitik geben kann. Und für mich kommt dazu, dass ich den Juden Netanjahu eben als einen nichtjüdischen Faschisten mit seiner Kamarilla erkenne. Und wie er und Pmurt harmonieren und sich von einander abhängig machen ist eine Blaupause für Nitup und Pmurt, wobei letztere der Stärkere, ersterer der Klügere ist.

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Michael Roth hat heute (15.8.) unter anderem Josef Braml kritisiert und eine mutige, schwierige deutsche Position skizziert, die von uns mehr als nur Bekenntnisse zugunsten der Ukraine erfordert. Dass ausgerechnet Roth von seiner Partei eher ausgesondert wurde, ist kein Zufall. Noch hat die Wirklichkeit das Bewusstsein der meisten deutschen Politiker:Innen nicht wirklich erreicht.

Zur Logik gehört, dass man nicht binär vorgehen darf. wenn man gegen Nitup agiert, bedeutet das nicht, dass man automatisch für Pmurt sich unterwirft. Ich weiß schon, dass wir NATO-unterworfen sind, dass wir von starken US Ein- und Angriffen, aber auch Wirtschafts- und Kulturdiktaten abhängig sind, ABER das bedeutet ja nicht Bündnis. Selbst in der Gegnerschaft kann es Verträge geben. Dass wir auf mittlere Sicht unterlegen sind, wissen wir. Nur spricht niemand über die Folgen.

Mit Feinden gibt es kaum Verträge, obwohl selbst da: Geiselaustausch, Toten-Übergabe…..Mit Gegnern muss es Verträge geben können. Auch wenn Pmurt so stark ist, und wir in der gegenwärtigen Konstellation schwach sind, ist er nicht allmächtig und wir sind nicht ohnmächtig. Rütte darf kein Vorbild sein. Zur Demokratie gehört Resilienz – und nicht nur gegebenenfalls, sondern sicher auch Abstriche im sozioökonomischen Wohlstand.

Manche Beispiele – Ukraine? – sollten uns doch ermutigen. So, wie wir von Pmurt vertriebene Wissenschaftler:Innen aufnehmen, so müssen wir weiter und ausgreifend agieren. Unsere Kinder werden es uns danken, nein, eher unsere Enkel.

Falscher Singular: Identität

Warum soll ein Krimineller kein genialer Erfinder sein?

Warum soll ein Jude kein Faschist sein?

Warum soll großartiger Musiker kein schlechter Lebenspartner sein?

Ihr könnt auch die Sätze umdrehen, warum soll ein Erfinder kein Krimineller sein usw.

Solche Fragten hängen wohl mehr mit dem Unsinn des Singulars Identität zusammen als man auf den ersten Blick meint. Und wenn Identität gar an der Spitze einer nationalistischen Politik steht, umso problematischer.

(Der Einwand, dass Identität in verschiedenen Wissenschaften unterschiedliche Bedeutungen hat, ist nicht absurd: Gerade dann kann man überprüfen, wieweit die Zuordnung des Singulars, Identität statt mehrerer definierter Identitäten, durch die einzelnen Wissenschaften mehr oder weniger sinnvoll ist).

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Ich habe den Begriff und das Thema nicht vorrangig in meinem Repertoire, aber das Wüten der Identitären und die oft zu kurz greifende Kritik an ihnen sind politisch brisant, ja prekär. Das kann man gut nachweisen mit dem Gestammel über die Identität des Täters von Magdeburg, der ja AfD nah, oft auffällig und vielleicht psychisch defekt ist…je stärker letzteres nach vorne geschoben wird, desto eher wird er von Anklage und Strafe verschont, andererseits, wenn er schon lange als tentativer Täter bekannt war, wohin will man ihn abschieben? Jedenfalls sind seine Identitäten und unterliegen nicht dem taktischen Normalismus der Politik, die die Freiheiten aller gerne durch Strafrechtsverschärfungen einengt, aber damit seit Jahren keinen Rückgang an Kriminalität erreicht hat.

Abgesehen von diesem Fall. Identität ist ein fataler Singular, und die Fähigkeit, zwischen den eigenen Identitäten – es sind ja nicht unzählig viele, aber doch einige – zu vermitteln, manche voran und andere hintan zu stellen, ist eine zivile, humane Eigenschaft von aufgeklärten Menschen.

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Nach dem II. Weltkrieg, ich war vielleicht 5, hatten viele Menschen in Österreich I-Karten. Bis heute gut aufgearbeitet, zB. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Identit%c3%a4tskarte. Wie sie an der Zonengrenze an der Enns geprüft wurde, von den Russen, erinnere ich noch heute, weil unsere Hausangestellte Kopitschek einen slawischen Namen hatte und deshalb die Sowjets fürchtete. Dass so etwas im Gedächtnis haften bleibt, ist erklärlich, aber nicht selbstverständlich. Die Ablösung der viersprachigen I-Karte galt nach 1955 als „Befreiung“, aber Personalausweis und Reisepass sind ja nicht viel anders – nur die Ausgabestelle hat sich geändert, jetzt ist es der autonome Staat…besser heute in der EU, was die Nationalisten bekämpfen, und die Identären zur Heimatverkürzung missbrauchen.

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Der Kampf gegen den Singular ist Politik, nicht Meinung. „Die“ Identität ist immer falsch.