Kampf um das „Jüdische“ bei Juden und Nichtjuden

Nur ein Nachschlag. Mir geht es nahe, wenn jüdische Stimmen, nein, die Stimmen von Juden und Jüdinnen, nicht wirklich jüdisch, sich jetzt an die Seite des Faschistenführers Netanjahu und seinem rechtsradikalen Kabinett stellen, wenn sie meinen, dass Kritik an Israel automatisch der Hamas und anderen Verbrechern hilft, als könnte man nur einen Gegner haben.

Ruth Beckermann, Jüdin und eine starke intellektuelle Stimme in Österreich fasst etwas zusammen: https://www.derstandard.at/story/3000000271150/gazakrieg-wenn-der-hass-zu-gross-ist Davon ein Absatz mit den wichtigsten Begriffen, die ich hervorhebe.

Nicht, weil mir viele Juden meine Interviews kurz nach dem 7. Oktober vorwarfen, in denen ich trotz allem Entsetzen versuchte, das Massaker in einen historischen Kontext zu stellen. Seither ruft das Wort „Kontext“ immer wieder einen Aufschrei hervor, so als würde man den Opfern die Schuld geben, wenn man das Massaker in eine Geschichte der Besatzung einschreibt. So verständlich, wenn auch schrecklich, die Haltung eines Großteils der israelischen Bevölkerung ist, die von zensurierten Medien mit einseitigen Nachrichten gefüttert wird und so gut wie keine Bilder und Filmaufnahmen aus Gaza zu Gesicht bekommt, so unverständlich scheint mir die Haltung eines Teils der Juden in der Diaspora, die doch zu Analyse und Kontextualisierung fähig sein sollten. Und zu Kritik an einer faschistischen Regierung, die in unser aller – aller Juden – Namen zu handeln vorgibt. Die uns für ihr Morden und ihre Eroberungspläne vereinnahmt.

Um etwas besonders konkret zu machen: es geht nicht „nur“ um die Geschichte der Besatzung, es geht um Netanjahus Unterstützung der Hamas gegen die zivilen palästinensischen Bemühungen um Zweistaatenlösung (Dass die Hamas dem israelischen Premier entglitten ist stimmt. Und dass dem Massaker vom 7. Oktober nichts an Ablehnung zu ersparen ist, einschließlich der Folgen für die mehr als 1000 Toten und die hunderten Geiseln, braucht niemand in Zweifel ziehen).

Das könnt ihr alle wissen, und im Detail.

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Mir (jüdisch, deutsch, österreichisch) geht es um etwas anderes: wenn innerhalb des diasporalen Judentums – und den rechtsextremen Regierungsunterstützern in Israel – ein Konflikt um die „richtige“ Position der Juden und Jüdinnen weltweit, also auch in Deutschland, entstanden ist, so ist das weder Zufall, noch besonders neuartig. Seit Theodor Herzl geht der Konflikt, und viele haben den Schritt vom Judenstaat zum jüdischen Staat bis heute nicht verstanden. Der reaktionäre Rückschritt zum Judenstaat (das sind nicht nur Katz und Ben Gvir, das sind viele, vor allem Siedler und Ultrareligiöse) ist am besten zu verstehen, wenn man die Bindung dieser Menschen an Diktatoren wie Orban oder Trump analysiert – Ultrareligiös widerspricht der jüdischen Religion, und die Siedler sind überwiegend eroberungssüchtige Faschisten. Als Jude verwende ich diesen Begriff ungern, aber das Juden Menschen wie alle anderen sind, können sie auch faschistisch sein.

Lest aber wirklich die Geschichte des Judenstaats, lest Oz, Grossmann, Segev, Kepel, Neyer u.v.a., auch Ruth Beckermann, denen manche Juden das Jüdischsein absprechen, klingelt da nicht etwas?

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Wenn ihr deas gemacht habt, dann bitte ich um eure Aufmerksamkeit für eine These: nicht alle Juden sind jüdisch. Dabei beziehe ich mich bei Juden (d.h. Juden und Jüdinnen im weitesten Sinn) auf die anthropologische und ethnologische Geschichte, könnt ihr gut ab Abraham verfolgen, aber dort gibt es schon die Spaltung…Und da alle Juden Menschen sind, können sie alles repräsentieren, was eben Menschen repräsentieren.

„jüdisch“ ist ein Adjektiv oder Adverb, das sich auf eine bestimmte Qualität bezieht. Und bei dieser Qualität behaupte ich, dass sich ein Begriff herausentwickelt hat, der ethische, moralische, kulturelle und soziale Dimensionen hat, die nicht zuletzt aus dem Widerstand und der Überwindung von Diskriminierung, Verfolgen, Vertreibung und Lebensbedrohung erwachsen ist. Kein Privileg, kein Makel am Judentum, sondern eine ihrer Entwicklung entsprechende Konsequenz, hochdifferenziert, und für viele in eine Perspektive von Freiheit(en) eingemündet. Für viele, d.h. zu einem Zeitpunkt, aber für viele vor 130 Jahren.

Wenn sich Netanjahu und sein Kabinett und seine Hilfstruppen den ethischen Dimensionen, den moralischen, sozialen, kulturellen entziehen und faschistische und unterdrückende Politik betreiben, dann sind sie nicht jüdisch im Sinne der historischen Entwicklung, auch wenn sie Juden bleiben. Darum muss man sie dort kritisieren, wo sie unmoralisch handeln, wo sie sich mit Faschisten einlassen, kein Wunder, und von Demokraten abwenden, und das alles innerhalb des Judentums und von außen.

Kritik am Selbst-Bewusstsein

An zwei, ziemlich unverbundenen Bereichen, ziemlich?nicht ganz!, zeige ich die Grenzen vorschneller Kommentare und Schlussfolgerungen: a) in der Israel Ansicht der Deutschen und b) in der vorschnellen und fehlplatzierten Kritik an der Regierung Vormerz – ich habe mich gegen vorausschauende Kritik an der schwatzrotzen Koalition gewandt, die sollen erst Beleg für die Kritik liefern, nicht einfach „ahnen“ lassen.

Die Israel Ansicht der Deutschen. Wer weiß noch, dass nicht nur Adenauer an seinen ex-Nazi Kooperationen festhielt – https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren . aber da war ja auch ein belastetes Regierungsmitglied Globke NSDAP –> CSU (https://www.mdr.de/geschichte/ns-zeit/zweiter-weltkrieg/nachkriegszeit/hans-maria-globke-staatssekretaer-adenauer-100.html) . und die Rechtfertigung solcher Integration war in beiden deutschen Staaten ja nicht einhellig. Nun, das wussten die Israelis auch, die mit Adenauer verhandelten. Und dass sie Globke erduldeten, gehört auch zur deutsch-israelischen Geschichte, sozusagen Staatsräson-quer, und das muss heute in dieser Debatte auch zur Sprache kommen. Ebenso wie die Frage, ob man Netanjahu, der ja auch die Hamas gefördert hatte, bevor sie ihm völlig entglitt, in das pro-israelische Grundkonzept deutscher Anschauung, also politisch-ethisch-kulturell-wirtschaftlich-militärisch, unkritisch integrieren darf und soll. Kritisch aber heißt, nicht nur Hamas und Gaza real und analytisch, und nicht nur abstrakt, in den Diskurs und die Handlungen einzubeziehen. Und das geht es auch um Personen, die sich unterschiedlich anstellen, wenn sie Haltung jeweils rechtfertigen sollen. Und wie hängt das alles zusammen? Da kann man den Streit in Deutschland schon ernst nehmen, ja nicht unter den Teppich kehren, zB. gestern: „Innerhalb der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) gibt es Streit über den Umgang mit der Gaza-Offensive von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Der frühere DIG-Präsident Reinhold Robbe (SPD) sagte dem Tagesspiegel, der amtierende DIG-Präsident Volker Beck (Grüne) sei „inzwischen zum Sprachrohr der rechtsextremistischen israelischen Regierung geworden“.“ (Danielo Sturm, Tagesspiegel 29.5.25).

Wer von Euch, oder den Kommentatoren kennt z.B. die Geschichte von Gaza? Hat Israel nicht recht? Oder ganz und gar nicht? https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/wie-entstand-der-gazastreifen-als-politisches-gebilde-108.html z.B. Wer von den Kommentatoren kann Zionisten von revisionistischen Zionisten mit welchen Folgen unterscheiden? lest https://de.wikipedia.org/ wiki/Revisionistischer_Zionismus , aber auch Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis (Dt. 2008 Suhrkamp). usw.

Ich weiß auch nicht alles und ich habe sicher ergänzenswerte Anschauungen. Aber ich halte mich auch zurück mit Thesen, die ich nicht mehr einfangen kann (so, wie Netanjahu die Hamas nicht mehr einfangen konnte, was auch immer seine Anfangsmotive waren…)

b) Hängt damit so gut wie nicht zusammen: Kommentar zur Regierung Merz. Was haben sich die Kritiker, nicht nur Blaue und Gelbe und Blasse, und auch Sozialdemokraten aller Schattierungen und etliche CDUCSUler überboten, die neue Regierung Merz zu verzwergen, ihr alles mögliche zu unterstellen, bevor es sie noch gab. Ich hatte immer ein mulmiges Gefühl, denn genau konnte man nicht absehen, WAS eigentlich an der neuen, konservativ geführten Koalition sich wie entwickeln würde, wie schwach, wie unglaubwürdig, wie schädlich für Deutschland oder wie nützlich, wie trumpig oder putinesk etc.

Jetzt, nach ein paar Tagen zeichnet sich einiges ab. JETZT darf soll muss man kritisieren. Da hört man wenig außer von den Wirtschaftsfachleuten und Sozialpolitikern aber Ihr kennt meine These: nur wen man ernst nimmt, darf man kritisieren. Wen man verachtet, den kann man nicht kritisieren. Denkt diese These weiter, erklärt euch, warum es nicht einfach ist, die einzelnen ersten Entscheidungen der Regierung ernsthaft zu kritisieren, außer dass sie eine konservativ-rechte Kehrtwende insgesamt macht, die Umwelt abschreibt und kein Gespür für die soziale Spaltung hat: DAS aber wusste man schon im Wahlkampf und mit dem Ansturm der AfD auf CDUCSU und SPD.

Jetzt kann man kommentieren, kritisieren und vor allem Alternativen aussagen – kommt fast nichts, außer von den WirtschaftspolitikerInnen,

Vorwort. Drei kurze Definitionen

Dies ist das erste Kapitel des angekündigten Essays. Liebe Leserinnen und Leser, beteiligt euch in der Eingangshalle zu den politischen und kulturellen Thesen. Ich schreibe hier nur einige Festlegungen, die ich dann nicht in jedem Kapitel immer wiederholen möchte.

  1. Diktatoren. Das sind Menschen, die Macht ausüben können und tatsächlich herrschen. Nicht demokratisch legitimiert, aber bisweilen so bekleidet und durchaus an der Macht, weil das Wahlvolk sie gewählt hat – oder auch nicht. Ein Nebenwiderspruch. Es gibt drei Superdiktatoren, die nicht nur über Macht verfügen, sondern deren Herrschaft durch große einsatzfähige Atomwaffenarsenale gestützt wird, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass sie die Arsenale einsetzen. Vielmehr können sie Atomwaffen ihrer untergebenen Diktaturen einsetzen lassen, während sie selbst weiterhin drohen und erpressen. USA, Russland, China. Es sind die drei, die ich meine. Dass wir mit Trump rhetorisch und ideologisch besser umgehen als mit Putin oder XI, liegt daran, dass wir ihn unmittelbarer fürchten bzw. ihn noch als relativen Protektor gegen die beiden anderen darstellen – was ich de facto ausdrücklich in Frage stelle. Andere Atommächte, Indien, Pakistan, England, Frankreich, und noch ein paar fragwürdig Nuklearisierte sind zugleich eine Gefahr für alle Nichtnuklearen und/oder eine jeweilige Macht im Gefolge eines der drei Großen.
  2. Diese drei Diktatoren, wie einige andere auch, bekommen von mir keine adjektivischen Eigenschaften – grausam, berechnend, wohlmeinend, … – weil zur Diktatur gehört, dass sie ihre Eigenschaften beliebig festlegt und ständig verändern kann. Das unterscheidet Diktaturen von autoritären, faschistischen und illiberalen Herrschaften. Das hat mit ihren objektiven Kräften und ihrer Herrschaft wenig zu tun, aber viel mit den Diskursen ihrer Unterworfenen bzw. unserer Diskurse zu ihrer Herrschaft.
  3. Meine These von der weltweiten Ausbreitung des Faschismus wird oft abgelehnt, aber nicht mit alternativen Begriffen gekontert, bestenfalls mit anderen Definitionen (Begriffe sind schon etwas anderes als einfach Bezeichnungen).  Meine Grundauffassung ist bei Eco formuliert: „Der ewige Faschismus“ (Eco 2020), ich könnte auch Adorno, Levi, und viele andere heranziehen, und dazu gehört: dass Faschismen innerhalb ihrer grundsätzlich antidemokratischen Position durchaus unterschiedlich agieren und nicht selten gegeneinander.

Warum ich diese Definition hier anbringen? Weil es mir wichtig ist zu hinterfragen, warum Trump ideologisch besser behandelt wird als die anderen Diktatoren (realpolitisch oder aus Sicherheitsüberlegungen von Privatpersonen kann man das viele Graduierungen plausibel, aber noch lange nicht wahr machen), zweitens aber auch, weil sich immer die relativ relativierenden Menschen gegen das Attribut „faschistisch“ wehren, das sie sonst bereitwillig streuen (z.B. bei Netanjahu oder bei Erdögan. Vor den Ungarn haben sie weniger Angst, oder bei Fico, die können ruhig faschistisch sein). Und drittens, nicht unwichtig: es ist verkürzt, „F“ auf die rechte Seite der Politik allein zu schieben, natürlich gibt es auch linken Faschismus, und nicht jede extreme Position ist faschistisch (Es gibt genügend Rechtsradikale bei uns, die nicht faschistisch sind und der jetzigen Regierung nahestehen, und es hat links auch solche gegeben, die z.B. gegen Regierungen sich stellen: z.B. Ole Nymoen „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, 2025)). Viertens und abschließend: die drei Atomweltmächte sind an politisch-theoretischen und kritischen Bewertungen nicht interessiert. Deshalb auch sind sie nicht faschistisch, weil dann der demokratische Angriff sie ideologisch und vielleicht politisch schwächen könnte. Sie sind machtbesessene unkontrollierte Herrschaften. Ob wir uns näher an den USA wähnen als an Russland, erklärt sich natürlich, und vielleicht benutzen uns die Trumpisten mehr als die Putinisten. Ja, schon, aber die Begründungen liegen nicht bei uns.

  • Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus. München, Hanser.             

Oz, Berest, vorgestern und heute

Autobio Biofiction Biojüdisch

Zwei Bücher haben mich animiert, biographische und jüdisch-israelische Themen zu verbinden. Keine Rezension, allerdings, sondern Wirkungsgeschichte und ihre Folgen.

(Oz 2016, Berest 2023) :Amos Oz: Eine Geschichte lon Liebe und Finsternis, Ffm 2016, Suhrkamp; Anne Berest: Die Postkarte. Berlin 2023, Berlin Verlag

Oz`Buch erscheint 2002, da ist er 53 Jahre alt, und der Schwerpunkt des Buches ist seine Familiengeschichte und seine Kindheit und Jugend. Da ich viele Bücher von ihm kenne und gelesen habe, ist sowohl die Retrospektive (alle Großeltern und ihre Geschichte, die Verwandtschaft) ebenso wichtig für mich wie der Einblick in die wirkliche Geschichte Israels vor und nach der Unabhängigkeit. Und die Tatsache, dass viele Textstellen heute zugerechnet werden können.

Anne Berest ist 1979 in Paris geboren, ihr Buch ist einer der autofiktionalen Romane, die die Biographie verdichten und auf die wirkliche Geschichte hin verdichten. Hier liegt eine Beziehung zu Oz`Kultur, und für den Leser ist es wichtig, auf beiden Ebenen beider Texte zugleich zu sein: einer jüdischen Familiengeschichte, incl. der Frage, was ist jüdisch?, und die Frage, was mich/jemanden an der Gesellschaftsgeschichte interessiert, warum und vor allem wie.

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Oz schreibt sein Buch mit 52, seine Lebensorte waren Jerusalem, Kibbuz Hulda und Arad, und er geht von seiner Kindheit aus, um die Geschichte seiner Großeltern und des Rests der Familie und näheren Bekannten zu rekonstruieren, oft mit genauen Details, aber nicht als Dokumentation, sondern es hat immer etwas zu tun mit seiner Lebensgeschichte und ihrer (ersten?) Revision, eingebettet in die Geschichte Israels, dessen Staatsanfänge er ja als Kind miterlebt. Er ist klug, frühreif, und agiert als Kind, mit und zwischen Vater und Mutter nicht nur wie Kinder agieren, sondern wie er selbst mehr als 30 Jahre später dies im Kontext von Familie, Gesellschaft bewertet. Von hier versteht man den Titel, und „Liebe und Finsternis“ sind keine übertriebenen oder pathetischen Worte, wobei die Finsternis tiefe Schatten auf die Liebe wirft, sie aber nicht auslöscht; umgekehrt kann die Liebe die Finsternis nicht aus dem wirklichen Leben vertreiben, wenn Oz genial die Beziehungen der Familienmitglieder und anderer Konstellationen beschreibt, aber nicht glättet. (Zur Geschichte des berühmten Onkel Joseph Klausners müsste ein eigener kritischer Artikel geschrieben werden, da bin ich noch nicht). Nicht parallel, sondern verbunden damit ist die Entstehung des Staates Israel, seinen Vorgeschichte in vielen Fächern der Familie, aber auch deren Vorgeschichte in einer Welt, von der wir heute keine Vorstellung mehr haben, und die Oz 2001 auch nur rekonstruieren kann.

Oz erklärt, als wäre es heute. Seine Abwendung von den revisionistischen Zionisten und Menachem Begin ist beeindruckend gegenwärtig. Aber auch: es gibt natürlich keine eindimensionale Geschichte des Zionismus, und rechtslinks ist die zweifelhafte Dimension, ebenso wie Religion und Abstammung, Sepharden vs. Ashkenasim. Und das alles vor 25 Jahren, seine Geschichte geht also mehr als 50 Jahre zurück. Und er bleibt Zionist, und da kann die gegenwärtige Diskussion viel lernen, aber auch die Übernahme der Geschichte in all ihren Dimensionen, und nicht nur in den glättenden, opportunen (Vgl. Amos Oz – Wikipedia , die kurze Biographie lohnt wirklich).

So berühmt, vielfach geehrt und rezipiert, bedarf es keiner Metarezension. Sondern vielleicht einer Wahrnehmung, die sich an die Regel hält, sich als Leser mit dem Text und nicht mit dem Autor zu verbinden. (Oz S. 54ff.) Was mir unter anderem auffällt, sind viele Analogien der Verwandtschaft (inclusive der seltsam genauen Übereinstimmung von familiären Geburtsdaten der Großeltern und nahen Verwandten: S. 288: Familiendaten der Mutter Fania. Analog zu meiner Familie), aber keine der Biographie selbst, jedoch wiederum etliche der Reflexion auf diese Biographie, Jahrzehnte später. Die nachholende Festlegung von Wirklichkeit, die man nachträglich ohnedies nicht ändern kann, ist beeindruckend, wenn es um wirklich tragische persönliche Ereignisse geht, aber auch positive Zustände in einer komplexen Situation. Mich fasziniert auch die Erzählung der Familiengeschichte in zweiter und dritter Dimension, etwa von seiner Tante Sonja, der Schwester seiner Mutter. Die Verbindung zur Politik wird früh sichtbar, als gäbe es keine nichtpolitische Herkunftsgeschichte, und das wird später aufgegriffen: (z.B. 314 f. Nationalismus der Jugendlichen damals. Wichtig „Das hatte sehr, sehr viel Ähnlichkeit mit dem, was man heute hier bei den Palästinensern erlebt, nur ohne das Blutvergießen, das sie anrichten. Bei den Juden sieht man heute kaum noch solches Nationalbewusstsein“. (Erzählt Tante Sonja über Rowno, ihre Herkunft – 20er 30er Jahre)). Aber all das ist von einem überragenden Autor komponiert, so dass man unterhalb der bewussten Ereignisse Einblick in die Existenz der Betroffenen hat, die immer beides ist: persönlich und gesellschaftlich).

Hier kann ich eine Brücke auch zur Lektüre von Berest einrichten, für die es ja Hier kann ich eine Brücke auch zur Lektüre von Berest einrichten, für die es ja weitgehend um einige Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geht, als rekonstruierter Rückblick, und vielfach hat ihre Mutter die Rolle von Oz‘ Tante Sonja. Für mich als Leser ist einer Unterschiede, dass ich bei Berest keine Vergleiche mit meiner Biographie anstellen kann (außer in der Frage, was eigentlich ist, wenn man „Jude ist“), während die Differenz zu Oz‘ Biographie sich ja wie ein alternative Text, wie eine andere Melodie liest und man schon seine Interessen an seiner Geschichte bei sich überprüfen muss. Und eine wichtige Frage: was wissen WIR von Israel, auch was wissen WIR von Frankreich, wirklich? Und wieweit glätten wir, was wir wissen, um unserer Anschauung willen, um der Wahrheit, nicht der Wirklichkeit willen?

Sein Buch ist natürlich nicht nur die Geschichte der Kindheit und Jugend, vom 50jährigen erzählt und reflektiert und nach weiteren 25 Jahren gelesen und kommentiert. Aber diese Geschichte muss sein. Ergänzt durch Berest, aber Oz nimmt mich retro auf, in Arad, dann sprechen wir über die Kindheit und ihre Politik und dass es nicht möglich ist, irgendetwas aus dem Kontext „wieder gut zu machen“, so gut wie nichts.

Am Freitag 23.5.2025 äußerte sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Gegenüber der „Kronen Zeitung“ sagte er, dass zwischen einer „unverrückbaren Haltung zum Staat Israel“ und der Kritik an der aktuellen Regierung des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu „speziell im Fall Gaza“ unterschieden werden müsse. (ORF 23.5.2025). Es ist erstaunlich, wieviel Oz vorhergesehen hatte, und wie er manche seiner Positionen im Lauf seines Lebens und seiner Reflexionen änderte oder korrigierte, aber immer seiner politischen Ethik und Kritik treu blieb. Vielleicht ist es das, was mich zum zweiten Mal und ausführlich diesem Buch von Oz zugetrieben hatte. Ich habe gelernt und korrigiert. Zum Beispiel die Lektüre von Samuel Agnon. Und da treffe ich mich mit der jugendlichen Selbstdarstellung des Oz: die kann man als Erwachsener zurücknehmen…

Und zur heutigen Debatte über das Verhältnis Israels zu Deutschland, zum Reparationsabkommen zwischen Adenauer und Ben Gurion. Es wird zwar dauernd zitiert, aber es fehlt etwas – dass Israel die Zusammensetzung der deutschen Regierung, Justiz unter den Umständen deutscher Reparationen akzeptiert. Das sagt in Deutschland heute niemand in der Politik, obwohl wir alles wissen könne, zu Globke (Adenauers rechte Hand), und vgl. Stein/Zimmermann, ZEIT 8.5.2025). Dazu S. 807f. bei Oz.

Und wir können nicht anders als die Beziehung zu Israel, die Wertung des Kabinetts Netanjahu und seiner rechtsradikalen, zT. faschistischen und rechtsreligiösen Kabinettsmitglieder und Gefolgschaft auch mit den Kriterien zu messen, die Oz ein Leben lang in einem Korridor von Wertungen entwickelt und vertreten hat. (Nur Zyniker können dem vorwerfen, man würde Palästinenser bewusst ausklammern und verkleinern im Vergleich zur Kritik an Israels Regierung. Immer die Geschichte der Hamas zeitgleich mit der Geschichte Israels im richtigen Kontext bemessen(.

Ich empfehle beide, Oz und Berest.

Für meine Freunde in Israel

Fast alles, sofort und überall

Die Medienhypes überschlagen sich. Papstwahl – ist ja spannend (mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass viele sich freuen, endlich etwas anderes, neues kommentieren zu können, für ein paar Tage), Regierungsbildung – ist ja spannend für die Beteiligten. Das Volk schaut erstmal zu, wer zu früh kommentiert, wird durch den zweiten Wahlgang ernüchtert, und auch hier ist Zurückrudern angesagt. Trumpzölle – seid mal ehrlich, kommt ihr noch mit? Zölle, Gegenzölle, Zollaufschub, Zollrevanche, Abbau und Überzollung…Wir spüren oder werden spüren: die Wirkungen, aber was sich jetzt abspielt ist ein Marionettentheater.

Die Kriege, Gaza, Westbank, Libanon, Kongo, Sudan, und natürlich UKRAINE, alles wird verpackt in kurzfristige Ereignisse, von denen aus man auf die politische Wirklichkeit schaut, z.B. Papstwahl, Regierungsbildung. Man merkt, dass die wirkliche Multipolarität nicht schon deshalb eine Landkarte entwirft, in der man sich zurechtfindet. Gerade höre ich im Rundfunk die Aufnahme und Kritik von Aufnahme und Kritik des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – was stört die Hörerinnen und Hörer an der Wirklichkeit, Kontrovers: zu viel Krieg – zu wenig Krieg in allen Variationen.

Ich rede gar nicht von mir. Ich beobachte die Reaktionen auf Ereignisse und die Kritik an den Medien. Wenig Diskussionen darüber, woher man weiß, was man in den Medien so oder nicht so oder überhaupt erfahren möchte. Das wäre für mich der Zugang zu einer spannenden Auseinandersetzung. Zur Zeit schaut es so aus, als würde man überwiegend die Boten angreifen, nicht die Botschaften…

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Ich bin nicht plötzlich konservativ und zurückhaltend geworden, dann bräuchtet ihr meine Blogs nicht mehr zu lesen. Aber ich bin dabei, die unglaublich verwirrte weltpolitische wie deutsche, lokale Situation für mich, zunächst, und dann für das Angebot im Blog zu ordnen. Und dazu ist es wichtig, die Wirklichkeit immer bloßzulegen – was geschieht wirklich, wer hat was in welchem KONTEXT WIRKLICH GESAGT; WAS FOLGT DARAUS? Sonst müsste man keine Blogs schreiben oder die Medien so ausweiten. Und das bedeutet, vorschnelle Meinungen und Ergebnisse wegzuräumen, wenn sie den Blick auf die Wirklichkeit verschatten oder ablenken.

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Mein Beispiel wird euch nicht überraschen. Ich habe viel und und genau über Faschismus und seine derzeitige Ausbreitung geforscht und gelernt. Ich werde dazu auch weiter arbeiten. Und mir ist wichtig, dass das alte R-L Rechts Links Schema nicht einfach passt, es gibt auch Linksfaschismus, aber natürlich ist seine Mehrheit rechts. Was wissen wir dazu, historisch und aktuell?

Und dann eine heikle Frage: wieweit gibt es hier Überlappungen und Überschneidung zur neuen rechtsorientierten deutschen Regierung? Um es klar zusagen: die Politik gegenüber Migrantinnen und Migranten ist rechtslastig, sie ist in Deutschland vielen EU Ländern unterschiedlich empathielos und ausländerfeindlich. Sie ist also politisch rechts, aber nicht notwendig faschistisch. Genauso wenig, wie bestimmte faschistische Politiken, z.B. Melonis Außenpolitik, rechts sind. Das nun ist keineswegs trivial, es kann politisch enorm einflussreich und kontrovers sein. Ich sag jetzt nicht gleich, Faschismus studieren und die RechtsLinks-Bewegung analysieren. Aber wissen sollte man dazu einiges.

Hinweise für diesen Lernauftrag kann ich natürlich geben, faschismusdidaktisch ist dieser Blog nicht. Und eben auch nicht an Extremen orientiert, die die Auseinandersetzung entweder trivial oder zerstörerisch gestalten. Deshalb auch mein Misstrauen gegen vorschnelle Kommentare zu den Kommentaren. Beobachten hilft dem Hirn auch. Und wenn niemand im Raum ist, dem man seine Beobachtungen sofort mitteilt, dann muss man sie nicht umgehend hinschreiben, man kann sie etwas durchdenken. Abstand ist manchmal nicht nur ein Gebot der Klugheit, manchmal ist Abstand auch hilfreich, um zu Ergebnissen zu kommen.

Osterinsel Westerplatte Norderstedt Südbahn

Keine Witze, werte LeserInnen, keine Kalauer. Die Himmelsrichtungen aus der vorglobalen Zeit haben schon Botschaften an die aufnehmenden BeobachterInnen, LeserInnen, HörerInnen gebracht. Und natürlich: von wo aus ist etwas Norden oder Osten? Das ist die heute noch wichtigere Frage. Manche erforschen die Geschichte dieser Koordinaten (Wolfgang Behringer: Der große Aufbruch 2023) , manche packen sie in Ästhetik (Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages) u.v.m. Wir (alle) assoziieren mit Namen, die die Windrichtungen enthalten, immer etwas, Krieg, Exotik, Reisen oder Geschichte. Nichts besonderes für unser Bewusstsein?!. Ost und West in der europäischen Geschichte spielt schon eine Rolle…Wenn wir vom Western sprechen, gibt es schon eine vielstufige Erklärung,und da gibts eine Menge laienhafter Kulturerklärungen. Aber es gibt auch das Schwergewicht der jetzigen Kriege. Russlasnd macht sich wieder zu einem Osten, zu einem reaktionäre, kirchengestützten, nationalistischen Osten, gemessen daran, dass wir der Westen sind. Aber sind wir das, gemessen an unserem Konflikt mit dem Diktator Trump und seinem Westen – für ihn gehört Europa nicht zum Westen, und für wen gehört Meloni mal zu unserem Süden, mal überhaupt nicht, weil zu uns, mal überhaupt nicht, weil faschistisch, mal zu Trumps Westen…?

Genug von den Details. Geographie und vor allem Ortsbezeichnungen haben nicht nur aktuelle, sondern oft geschichtsträchtige Bedeutung, ihre bloße Nennung kann politisch oder ideologisch zum Bumerang oder zur Attacke werden. Das alles gehört zum dauernden Neuschreiben der Geschichte, was die Diktatoren in den drei großen Atommächten ja eifrig betreiben, immer unterstützt von abgebogenen Wissenschaftlern und Medienhampeln. Das gilt im übrigen auch für die kritische Opposition zu den Diktatoren, die natürlich auch ihre historischen Trittsteine heraushebt. Aber eben nicht ganz, wenn sie recht hätte. Und eigentlich sind alle nationalen HistorikerInnen mit Varianten und Abweichungen befasst, eherne Geschichte gibts nur in den Mythen – wer will schon an der Genesis etwas ändern, außer die wissenschaftlichen Kritiker. Und all das wird in der Komprimierung der Zeit durch Blogs und IT unübersichtlicher, und Korrekturen und gar Widerrufe kommen oft zu spät. In der NYRB vom 10.4. gibt es gerade jetzt Mythen, die nichts mit Ostern zu tun haben? https://mail.yahoo.com/b/folders/1/messages/ALZmdGEMg6-baAO1CQUJEP6xKYA?.src=ym&folderType=INBOX&offset=0&unblockNow=false .Im Internet gehen die Hinweise zu Ostergeschichte(n) ins Volle, mal schauen, wieviel davon übermorgen weg sind. Dabei fallen mir die „hinterhältigen“ Ostergeschichten auf: Nicht schon wieder Ostern!: Hinterhältige Ostergeschichten von Erich Kästner, Patricia Highsmith, Ingrid Noll, Martin Suter und anderen: 23745 – Softcover. Dass sich wirklich zurecht berühmte AutorInnen des Themas annehmen und nicht nur Laienhafte, das gibt zu denken. Wie sonst nur bei Weihnachten greifen sie in die Reallegende ein, nur ist die nicht so friedlich wie Bethlehem. Es gibt auch Ostergeschichten zum Nachdenken, für Erwachsene (erotisch? gewalttätig? geheimnisvoll?), und „schöne“ (das soll beruhigen).

Alternative: wir wandern, rodeln, slalomisieren, schwimmen oder schlafen die vier freien Tage, wenn wir nicht gerade in einem Gottesdienst sind. Ich erinnere mich, wie vor mehr als 50 Jahren auf dem Berg Athos zu Ostern war, und die Widersprüche zwischen der religiösen Decke und dem wirklichen Boden unter den Füßen wahrgenommen habe. Manches habe ich nicht vergessen: ein frommer Einsiedler, bedürftig der touristischen Zuwendungen, sagte mir, in wenigen Wochen würde er nach Paris fahren und dort das Erbe eines großen Mietshauses in einem guten Bezirk antreten. In einem Kloster um die Ecke wurde mir aus der Mischung von rohen Zwiebeln und Weihrauch fast schlecht, vor allem, weil 5 Stunden lang gesungen wurde, aber immerhin – O*!

Seltsam, wie sehr die Menschen in diesem Jahr des tyrannischen Frühlingserwachsens Ostern etwas verkleinern. Selbst die Ostermärscher wissen nicht genau, was sie wollen sollen. Vielleicht sollte man einen Pfingstmarsch mit aufhellender Vernunft anstreben?

Aber, wie gesagt, kein Spott, keine Ironie. Die Ostereier liegen uns schwer im Magen, wenn wir sie nicht zu erhöhten Preisen in den mittleren Westen exportieren. Lasst es euch gut bekommen, die eine oder andere Osteria hat schon offen.

NICHT ist nicht NICHTS

Da schaut ihr aber, was? Oder auch nicht.

Es ist ganz einfach: solange wir leben, können wir die Unterscheidung von Nichts und Etwas treffen. Das machen wir schon immer so. Aber wenn wir nicht mehr leben, dann sind wir im Nicht, d.h. es gibt nur nichts, und alles, was war, was wir waren, was uns ein Rückblick auf unser Leben erlauben würde, ist nicht mehr. und wird nicht mehr. Darum ist NICHT der richtige Ausdruck dafür.

WARUM SCHREIBE ICH DAS?

Ich will da nicht herumphilosophieren, es ist einfacher. Viele Menschen, zu viele!, gehen vor ihrer Zeit ins NICHT, sie sterben im russischen Krieg, sie verhungern, sie werden getötet oder gehen auf der Flucht zugrunde. Die Toten an sich kann man nicht bedauern oder bedenken, sie sind im Nicht. Aber wir pflegen die Erinnerung, und die kann eminent wichtig sein, und sie kann uns, solange WIR leben mit freudigen oder schmerzhaften Erinnerungen teilweise formen.

Ich schreibe das, weil ich die politischen, scheinbar „realpolitischen“ Sprechblasen der empathiearmen politischen Leitwölfe für beschämend und ärgerlich halte. Finanzielle und ökonomische Bedenken, die ja den Weg angeben, werden als Ziele ausgegeben, die man durch Kompromiss erreicht. Die Ziele sind doch nicht die Ökonomie, dazu brauche ich weder Karl Marx noch die Parteiprogramme…Ich denke da nicht nur an die Koalitionsverhandlungen, nicht nur an die EU Kommission, nicht nur…aber macht einmal eine Liste, wo Ziel und Methode umgekehrt werden und ihr versteht sofort, warum Diktatoren, Trump, Putin und weitere, sich so verhalten. Sie sind noch nicht in ihrem Nicht angekommen, deshalb lassen sie den menschlichen Menschen nichts…kein Sprachspiel.

*

Jetzt einmal zum Nichts, denn zum Nicht kann man nichts sagen. Dieser dauernde Krampf „Das geht dich/Sie nichts an“ gehört irgendwie aus unserer Alltagssprache gestrichen. Ich komme drauf, weil ich die erfreuliche Serie CUM-EX (ZDF) angeschaut habe, und dort die Schwierigkeiten des „Aufdeckens“ von Wahrheiten oder ganz einfach Wirklichkeiten komödiantisch nahe an dem dargestellt wurden, was tatsächlich geschehen ist. Ob mich oder jemandem „etwas“ angeht oder ich mich dafür nicht interessieren soll, kann entschieden werden, aber erst, wenn ich weiß, worum es geht. DAS ist es. Und das muss man nicht theoretisch und philosophisch ausbreiten, das kann jede)r) nachdenkend verstehen. Und irgendwie macht mich das fröhlich, unterhalb der Politik eine Art der Kommunikation zum Gesellschaftsverständnis noch immer wahrzunehmen, die selbst Politik aufbaut. Das können wir alles, und es ist nicht das lügenhafte „von unten“, das die Antidemokraten so gern aufbauen. Unter anderem, weil wir nicht unten sind, auch das ist mir wichtig. Die Vertikale passt nicht zur Demokratie, auch im Alltag.

Fetzenzug, Fastnacht,

Als müsste das Bildungsniveau der Deutschen noch steigen, wird in diesen Tagen die Geschichte des Karnevals auf vielen Sendern verbreitet.

Natürlich sind die Bandbreiten von Humor so unterschiedlich wie die einzelnen Gesellschaften und ihre Geschichte und Gegenwart, und irgendwo müssen wir ja unsere Vorurteile auch noch bunkern dürfen, in weniger politischen Nischen.

In diesen Tagen geht vieles, niemals „alles“, schief oder den Bach runter, der Westen, die Überlebenschance der Ukraine, die deutsche Politik (ein unerfahrener Kanzler, eine mäßig brauchbare Koalition, aber auch die müssen wir stützen, eine selbstblockierte Wirtschaft und eine wenig empathische Generation aller Altersklassen von work&life Balance…). Aber um politisch zu sein: WIR, unsere senile Generation hat viel von dem verschuldet, wir haben uns Wohlstands-Friedens-Macht-Bilder einprägen lassen, die am jetzigen Zustand ja beteiligt sind. Und jetzt ist Karneval.

Klar, die Religion redet hier immer hinein, aber manches ist schon alt un beständig: dass es Versöhnung mit Gott nicht gibt, bevor sich die Menschen untereinander versöhnt haben. Das reicht zu einer Verbindung mit dem nichtreligiösen Frühlingsanfang allemal, und die Verknäuelung ist schon beachtlich.

Aber die Wirklichkeit findet ihr hier: https://www.unesco.at/kultur/immaterielles-kulturerbe/oesterreichisches- verzeichnis/detail/article/ebenseer-fetzenzug/ Schaut euch die Bilder an https://www.bing.com/images/search?q=Ebenseer+Fetzenzug&form=IARSLK&first=1

Und dahinter ist ein letztes Aufbäumen des freien (? des sündigen?) Lebens, bevor am Aschermittwoch wieder Buße und Fasten und Frömmigkeit beginnt – haha, nichts beginnt, aber symbolisch muss ja das freie Leben eine Grenze haben, wenn es auf dieser Erde statthat und nicht in den sogenannten Himmel post mortem versetzt wird. Es gibt ein Gasthaus „Himmel“ in Ebensee.

Ich erinnere mich, dass ich als Halbwüchsiger während des Fetzenzugs, wo ja alle verkleidet waren, ziemlich viel erfahren habe von Ehebruch, häuslicher Gewalt, Nachbarfeindschaft und auch positiven neuen Beziehungen, und manche hat man unter der Maske erkannt, andere nicht. Man wird sich an diese Tage auch anders erinnern, wenn Trump und Musk längst verrotten, dass die sogenannte Weltordnung verändert wurde. Das heißt, wenn noch jemand da ist, sich zu erinnern. Das treibt mich schon um, dass ich noch so verkleidet nicht erleben werde, was jetzt gerade entsteht. Es stimmt eben nicht, dass man alles einreissen muss um es neu aufzubauen, und es stimmt auch nicht, dass man Trump und Putin und ihr faschistisches Gefolge mit der Rationalität bewerten kann, mit der wir den Fasching dekonstruieren…

Das ist schade. Aber um diese Stunde beginnt die Formierung des Fetzenzugs, der wird bald losziehen und den Betrachtern die Wirklichkeit vorführen, entlassen von Wahrheit und Verkündigung. Jetzt gehts rund.

Merzenbecher

Rechtschreibung braucht es nicht, wenn man schon keine Regierungserfahrung hat. Freudig stecken sich die Extremisten der Politik – Welt und Lokal – die Blüten des demnächst ernennten deutschen Kanzlers in die Vasen auf den Beistelltischen. Egal, Merz wird internationale Beziehungen, Gerichtshöfe, Politik beschädigen, aber ER wird sie nicht ruinieren. Dazu ist der März zu kurz. Deshalb:

Frühlingsgedanken statt Winterstarre.

Man stellt sich auf einen warmen Frühling, einen heißen Sommer, einen traubenreichen Herbst ein. Man übersieht wohl wissend die wenigen Insekten, dafür wird man nicht mehr gestochen und gezwickt, und die ausbleibenden Vögel hindern nicht den Mittagsschlaf. Carne, vale! Das Jahr geht in den Karneval, obwohl vom Fleisch real und symbolisch schon weitgehend Abschied genommen wurde. Die Buchhandlungen haben noch offen, und nur wenige Beleidigte klagen gegen veröffentlichte Bücher, ist doch egal, sagen die LeserInnen, wer gemeint sein könnte. Alles nur alternative Wahrheiten. Nur ein paar hinterhältige verschratete Richter verurteilen noch ironische Comedians, weil auch die sagen können, was sie wollen.

Erstaunlich, wie schnell wir die bereits reduzierte Natur als ganze wahrnehmen, sie bisweilen gansheitlich betrachten und beim Anblick z.B. von hohen Bergen, nicht in D aber Ö, an die Gletscher vor 50 Jahren denken und sie uns vorstellen, was jetzt im Geröll unsere Phantasie durchaus erregt.

Überhaupt: Natur. Trump zerstört auch die Naturschutzgebiete und Naturparks. Das zeigt, wie ernst er es meint, mit Putin zu verschmelzen. In meiner Sprache Pmurt wird Nitup und umgekehrt. Wer denkt an so etwas, wenn die ersten weißen, blauen und paar gelbe Blüten sichtbar werden, die Gebildeten haben die Wahl, je zwei für vatikanisch, ukrainisch oder, nein, die FDP gibts nicht mehr, sich vor Augen zu halten und weiter zu wandern, wer weiß wie lange die Baumriesen noch stehen. Besser sitzt man am umgefallenen Stamm, das ist auch metaphorisch. Das schreibe ich nicht, um von der Gesellschaft abzulenken, nein, im Gegenteil, wenn die uns einverleiben wollen, dann entgeistern wir uns doch lieber.

Im Volksmund heißt der Stadtteil Södermalm nur Söder, in Stockholm. Den darf nicht rechts liegen lassen, wenn man an den vorübergehenden Merz denkt, jetzt im Frühjahr, denn Söder sorgt im Südosten des Landes für einen feuchtfröhlichen Lenz, er hindert seine Baiern und Franken in demokratische Länder auszuwandern, manche sind im Grenzstau schon verhungert.

`Meine eigenen Sprachspiele sind mir zu blöd, aber ich passe mich den politischen Jahreszeiten der Entwicklung überall an, und erkenne oft die Blödheit eher bei mir als bei den ständig angegriffenen Politikern. Die kritisiert man nur, wenn man sie nicht verachtet. Wen man verachtet, den kann man nicht kritisieren. Nur sei auch gesagt: das sagt nichts über den IQ der meisten dieser Nichtkritisierten aus, denn wenn sie noch so böse, schweinisch oder mafiös sind, gescheiter als der Pöbel und gescheiter als wir ablehnenden Marginalisten sind sie allemal. Das sage ich, und gehe weiter in die schönen Baumpflanzungen, die mich vom Theoretisieren abhalten und nur meine Sinne auflockern. Man muss im Park ja nicht dauernd vor sich hinbrabbeln.

Frühling, Frühling allerorten

Schluss mit der Politik, mit der Theorie, mit dem Zweifel. Weiter im Park, wo er langsam in den Wald übergeht. Trocken, seit langem, nur oberflächlich nach dem Regen befeuchtet. Ab und an ein Reh, aber und anner Wildschweine, und bisweilen die Ansitze von Jägern. Die Gedanken brechen aus, immer wieder hofft man auf einen Wolf, aber hier sind wenige, und wo sie sind, kommt man so schnell nicht hin. Aber in einigen ehemaligen Manövergebieten der DDR gibt es schon die neuen, guten Rudel – wiederum gefährdet, weil die konservative Wende auch wiederum die Wolfsjagd schafköpfig forciert. Aber wenn man weitergeht, erfreut man sich schon der erstaunlichen Bewucherung, vor allem dort, wo die amerikanische Wildkirsche noch nicht alle anderen Jungbäume verhindert hat. Stundenlang kann man in der Umgebung der Stadt, am besten mit dem Hund, sich an einer Natur erfreuen, die a) die politischen Selbstgespräche bald versickern lässt, und b) einem genügend viele Gedanken über ihre Widerstände und Resignation gegenüber den Park- und Forstbesitzern aufdrängt. Wie lange die Buchen dem Klimawandel wohl standhalten werden? Ich gehe in diese Wälder auch so gerne, weil sie wenigstens nicht ganz flach sind, und einige Hügel sogar Menschenhöhe übersteigen. Auch gibt es ruinöse Manöverruinen aus dem Dritten Reich und von noch früher, die jetzt efeuig zugewachsen sind und einem die Wirklichkeit der Gegend vor Augen führen, kein Disneyland. Ich wünsche mir eine Schlange, wenigstens ein, hier habe ich keine gesehen. Aber immerhin Frösche, Raben, Krähen und Hunde, deren Besitzer sich doch rasch zeigen, wenn zuviel gebellt wird. Jetzt laufe ich hier schon eine Stunde und frage mich, wie die an den Wald anschließenden Einfamilienhäusler und Schrebergärtner ihre Naturerlebnise biografieren, und wie stachelbedrahteten Polizeiadepten den Wald und den Waldrand wertschätzen (wenn sie mit Hund und Gürtelwaffen den Zaun entlang pilgern, frage ich mich, wie sie den Wald wahrnehmen). Alles in allem kein Gebiet, von dem man Natur oder Besiedlung oder irgendwas dazwischen sagen kann, man erfindet je nach Standpunkt Gedanken zu dem, was man wahrnimmt, und meist beiseite legt. Oder doch nicht, irgendwann kommt man nach Hause und dreht den Fernseher oder das Radio NICHT an. Noch kein Merz oder Putin oder Musk, das Glacis zwischen Natur und Politik gewährt einen Aufschub.

Fast täglich ergehe ich mich in diesem psychischen Schutzgebiet, meist mit dem Hund, oft zu zweit oder vermehrt. Lacht nicht: DAS HIER ist kein Übungsgebiet für Vorlesungen oder Analysen, hier denke ich nicht darüber nach, wie mich die drohende Herrschaft einschränken wird wollen, können….das geschieht an anderen Orten. Denen schreibe ich nicht von meinen Orten der Resilienz, denen schreibe ich nur zu, ob Kritik angebracht ist. Wenn nicht, also wenn ich sie verachte, auch keine Kritik. Aber das ist schwieriger als man denkt.

Faschismus: den Gegner lernen! nicht wegschauen.

Die Ausbreitung und die Wirkung faschistischer Regierungen, Justiz und Exekutive ist unübersehbar. Dabei ist es nicht wichtig, ob der Begriff in der Kritik verwendet oder umschrieben wird, aber er sollte oft viel genauer und begriffs-sicher gebraucht werden. Faschismus ist nicht einfach ein rechtes Konterfei des Kommunismus, Faschismus ist auch nicht auf der alltäglichen Rechts-Links-Achse zu verorten.

Der amerikanische „Präsident“ und seine Bandes repräsentieren teilweise einen klassischen Faschismus, der sich (noch?) auf weite Bevölkerungskreise nicht direkt auswirkt, aber international für Verwüstungen sorgt. Die Diktaturen in Russland und China sind schlimmer und nur teilweise mit „Faschismus“ zu kennzeichnen. Viele auch europäische Staaten aber sind proto- oder neo-faschistisch, nicht nur im postsowjetischen Bereich, auch im Westen.

Das Herumreden um diese Tatsachen beruhigt die politischen Auseinandersetzungen, ist aber unehrlich. Nicht die Tatsache, aber das Herumreden um Merz und die AfD ist das Problem. Nicht die Abhängigkeit von amerikanischen Waffen, sondern das Augenverschließen vor den unmenschlichen Edikten des neuen „Präsidenten“ ist ein weiteres Problem. Nur, weil die USA noch nicht die für uns Europäer gefährliche individuelle Gefahr darstellen, macht sie nicht menschlicher – und relativiert die anderen Diktaturen, große und kleine keineswegs.

Das muss man wieder in der Politik dazu lernen: es gibt nicht eine Freundesgruppe und eine Feindesgruppe, sondern ein Netz kontroverser und ungleich gefährlicher Länder, und natürlich sind Reaktionen ebenso differenziert.

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Für alle meine demokratischen LeserInnen brauche ich das alles nicht zu schreiben, und es gibt ja die Stimmen, die sich zunehmend dem wirklichen Faschismus als unübersehbarem Gegner zuwenden. Aber die grauenvolle Heuchelei, von einem doppelbödigen Auschwitzgedenken bis zur Auseinandersetzung um CDU/CSU und AfD, bis zum vorausblickenden Einknicken vor den US-Nichtdemokraten….macht Sorgen für uns (weniger), für unsere Kinder und Enkel (mehr) und für die unmittelbare Zukunft z.B. des europäischen Friedens, der sicher nicht so einfach friedlich durch Bekenntnisse gesichert wird.

Antifaschismus – bitte niemals den DDR-Begriff verwenden, leider bleibt es dabei: Antifaschismus ist nicht ohne subjektive und objektive Überprüfung von Wohlstand, Verteidigung und Politik zu verstehen und zu behandeln. Aber vor allem: unsere KULTUR und unsere MORAL muss aufstehen, gegen die Lügner und die alternativen Fakten der Realpolitik. Das kann Einbußen mit sich bringen, auch soziale, aber besser für uns als für unsere Kinder und Enkel.