Fenster auf, frische Gedanken – keine vorschnellen Antworten

Hören Sie erstmal das Gespräch von Ronen Steinke mit dem konservativen und klugen Verfassungsrechtler Di Fabio: SZ 4.3.2026 über „Verfeindlichung“. So etwas ist wichtig, um den „Abriss der Verständigung“ als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu verstehen, nicht sich daraus zurückzuziehen. 🎧 SZ-Podcast: “Ist das gerecht?” – SZ.de . Man kann lernen und sich selbst beobachten. Solche Gespräche sind wichtig, damit man nicht selbst an den Rand hinflippt. Für mich wichtig ist der Begriff der Verfeindlichungstendenz, heute, vor dreißig Jahren wäre die Verfreundlichung weltrepublikanisch besser gewesen, heute „stehen die Demokratien“ am Ende des freundlichen Zeitalters“. Ein Abdanken unserer Freiheit…sagt er, und das Wiederauferstehen von Carl Schmitt. Immerhin in unseren Medien…“Heute agonale Konstellation“. Nicht schlecht…

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Ich äußere mich zum Krieg der USA und Israels gegen den Iran, begründet mit dem Krieg der Iraner gegen die eigene Gesellschaft und der Steuerung von Angriffen auf Israel. Schon dieser Satz ist unvollkommen und begrenzt, und die historischen Zusammenhänge der Diktaturen im Iran sind ebenso wichtig wie die jüngsten Aktionen der beteiligten Nationen, zB. die Vertragskündigung mit dem Iran durch Trump oder die wirksamen Positionen des Iran in der Nahostauseinandersetzung. Aber bleiben wir beim ersten Satz: die Verkürzung der globalen Realität sollte eigentlich die vorschnellen Kommentare zu den Ereignissen im Iran und gegen den Iran etwas abbremsen. Die Begründungen für den Konflikt sind natürlich stärker ideologisch als realistisch…

Versuchen Sie die Bezeichnungen zu kritisieren und ggf. zu ver- oder entschärfen. „Diktatur Trump“ (groß, stark, größer nuklear) und „Diktatur Netanjahu“ (mittelgroß, mäßíg stark, kleiner nuklear), „Diktatur Iran“ (groß, geschwächt, vornuklear) und arabische, anti-israelische Diktaturen. Die anderen großen Diktaturen, Putin, Xi, und ihre kleineren Mitwirkenden…so wie Trump natürlich auf Mitwirkende hat, nicht nur in der EU, aber auch hier in Deutschland.

Ha`aretz in Israel ist hier deutlich „With these developments, the war brought Europe to a turning point, pressuring it to define its position at the edge of a new world order. The principles long seen as restoring stability after World War II – democracy, solidarity, human dignity, the rule of law, and diplomacy‑driven foreign policy – now seem to have lost much of their power and appeal in the shadow of Trump’s strongman moves.“ (3.3.2026)

Dies ist ein Grund, warum ich als politischer Laie, wenn auch beobachtend, nicht gleich Schlussfolgerungen hinaustrompete, vor allem aber, weil ich mir über die Reaktionen der Empfänger nicht im Klaren bin. Viele meiner bekannteren Kommentatoren schreiben und erklären im Augenblick für sich und nicht für jemanden Konkreten, dessen Verhalten sie mit ihrer Meinung beeinflussen könnten, und sei es eine NGO, eine GO, ein Parteikollegium…Gerade die sind entweder vorsichtig (gut) oder erkennbar unterwürfig (zB. unter Trump). Die besonders schwierige Diskurssituation in Deutschland gegenüber Israel sollte aufgebrochen und kritisch diskutiert werden, nicht weiter so unscheinbar eingeebnet bleiben. Damit meine ich auch, dass es nicht direkt, sondern über politische Gelenke in der Politik Israels gegen den Iran geht, und das lässt sich nicht einfach auf „Juden“ projizieren.  

Eines meiner Probleme ist, dass viele, nicht alle, Analysen zugleich die realen Ereignisse relativieren. Das ist aber nicht der Fall, Erklärung und Bewertung sind auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Konkret wird die Unmenschlichkeit des 7. Oktober durch die Hamas nicht durch die Vorgeschichte von Netanjahu und der Hamas relativiert und konkret werden die israelischen Angriffe auf die Siedler nicht durch die Abkehr von der langjährigen zionistischen Politik relativiert. Aber, das ist mir wichtig, man sollte diese ernsthafter studieren, um sich realistische Urteile bilden zu können. Im Fall Israels berührt mich das als jüdischen Menschen und als politischen Experten zum Thema gleichermaßen. Im Fall Trump und der USA mehr noch als politischen Laien, aber global natürlich betroffen. Im Fall Putin vielleicht doch im Vorfeld eines nuklearen Angriffs, vielleicht auch nur europäischer Disruption. Dass die UN leiden, zeigt noch zu wenig Wirkung im europäischen Bewusstsein.

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Ich weiß nicht, welche Ausblicke die wirksamen und richtigen Diskurse befördern, das versuchen andere, teils besser, vielfach schlecht. Aber wir sollten, wir müssten, diese Diskurse weiter entwickeln, nicht beschränkt auf die politischen Blasen, in denen wir uns ohnedies zuhaus fühlen…Das klingt seltsam, wie? Es ist seltsam. Viele scheinen schon das Ende zu wissen, bevor sie es bedenken. Da spielt verdeckte Angst eine Rolle, und auch die absurde Hoffnung, selbst nichts drangeben zu nüssen, um z.B. für sozialen und kulturellen Frieden zu kämpfen (ja, kämpfen, nicht nur am Abendtisch diskutieren), das bedeutet, auf die hinzuweisen, die nicht unserer Meinung sind zu den großen Fragen, die ja groß bleiben, wenn sie nur hier lokal auch beantwortet werden. Zwei Vorschläge:

  1. Studiert die Vorschläge zu religiösen Feiertagen (gerade heute im Rundfunk für Berlin veröffentlicht) und diskutiert die Frage, was einzelne Religionsgemeinschaften mit gesellschaftlichen Frieden bzw. Unfrieden zu tun haben.
  2. Was deutsch-israelische Geschichte betrifft, die ja nicht identisch mit der jüdisch-deutschen Geschihte ist, so informiert euch über die Grundtatbestände ab 1948. Material dazu gibt es sehr viel.

Das ist alles nicht global. Aber unser Bewusstsein kann es sein, sollte es sein. Wir sind nicht das Zentrum der Welt. Komisch? Naja, wenn man die Passivität der Nachkriegszeit ab 1945 in vielen Fragen betrachtet, dann vielleicht doch.

Juden, Jüdisch, und.

Ich habe mehrfach beschrieben wie man die anthropologische, ethnische Bezeichnung „Jude“ (incl. Jüdin“) vom Adjektiv bzw. Adverb „jüdisch“ trennen kann, manchmal muss. Eine These war, dass viele Juden nicht jüdisch sind. Diese Feststellung beruht darauf, dass es zu den jüdischen Erscheinungs- und Haltungsformen ethische, kulturelle etc. Entwicklungen des Bewusstseins gegeben hat, während man ja an seiner ethnischen Abstammung individuell so gut wie nichts ändern kann.

Diese Überlegungen haben zu Beginn des Zionismus schon eine Rolle gespielt, sie sind immer schon kontrovers im ethnischen, im religiösen, im kulturellen, im sozialen…also im politischen Sinn. Darüber lohnt es, nicht nur zu beobachten und zu kritisieren, sondern auch Schlüsse auf die eigene Haltung zu ziehen. Wie man da einsteigen kann? Von überall her: Ashkenasen versus Sepharden, in Israel, weltweit; politische Ausrichtung, je nach Situation in der eigenen Gesellsch; aft und der Position innerhalb des soziopolitischen und soziokulturellen Netzes etc. Ich beziehe mich soziologisch stark auf Bourdieu, und jüdisch historisch…naja, da kann ich ja meine Literatur- und Diskursliste endlos aufblättern, aber es lohnt sich hier einzulassen.

Ich schreibe das, weil mich zum einen der Singular ärgert: „der Jude“ ist, handelt, denkt, verhält sich, erscheint … Wenn es also um Moral, Kultur, Politik geht, ist der Plural, die Jüdinnen und Juden, notwendig. „Also“ bedeutet, dass ich denke, worum es in erster Linie geht, also nicht gleich um Religion, die kann auch dazutreten.

Zum anderen gibt es, nicht nur in und aus Israel, jüdische Stimmen, die Verallgemeinerungen zum Judentum in der Gegenwart, vor allem in Politik und Kultur, sich anmaßen, und damit für nichtjüdische und manche jüdischen Beobachter eine allgemeine Richtigkeit anstatt einer differenzierbaren und kritisierbaren Meinung ausdrücken. Sich dabei auf Pressefreiheit, aber auch auf Überzeugungen berufen, die von den nichtjüdischen Leserinnen und Lesern spontan schwer zu analysieren sind )obwohl das schon möglich ist). Zur Zeit geht es natürlich darum, dass solche Stimmen zum Beispiel meinen, wer Netanjahu kritisiert, stehe auf der Seite von Hamas (grausiges Beispiel ist Korenzechers „Jüdische Rundschau“ (Monatszeitung); subtiler, aber auch einseitig etwa der Botschafter Ron Prosor, der sich schon von seinen Vorgängern unterscheidet usw. Mein Problem ist, dass diese Linien es nicht zulassen, wenn wir beide Seiten, Hamas und Komplizen und Netanjahu und Komplizen kritisieren, und auch die Verbindungen der beiden in naher Vergangenheit deutlich benennen. Wenn ich als jüdischer Jude den israelischen Premier als Chef eines teilweise faschistischen Kabinetts bezeichne, kann ich doch mit gleichem Vokabular die Hamas als faschistisch bezeichnen? Oder? Meinetwegen in umgekehrter Reihenfolge. Aber mir geht es darum, dass Israel zur Zeit, hoffentlich nicht mehr lange, eine peinliche und teilweise rassistische Untergebenenrolle bei Trump und in außenpolitischen Aktionen wie in antijüdischer Siedlerpolitik spielt – und dass die Hamas, die lange Zeit von vielen offen oder verdeckt gefördert wurde, zur Zeit weniger anerkannte Sponsoren und Hilfsherren hat, aber natürlich auch weiter gefährlich ist. Nicht nur für uns jüdische Menschen.

Das ist schlecht für jüdische Menschen in Israel, im Nahen Osten, weltweit, also auch für uns. Und es besch#digt beides: Bild und Kritikfähigkeit von Juden und der Qualität von „jüdisch“. Intern und nach außen.

Verzieht nicht euer Gesicht, wenn ich einen Ratschlag gebe: studiert einmal die Geschichte der jüdischen Siedlung seit 1906. Und vor und nach 1948, und während der britischen Besatzung und mit und nach der Staatsgründung Israels. Es geht hier nicht (nur) um Kriege. Es geht auch darum, wie wir im Kontext weiter hier und dort jüdisch sein können, also auch kritisch und selbstkritisch, und eben jüdisch, und nicht als der Jude uns den falsch-Autoritären unterwerfen dürfen.

Der Plural, Jüdinnen und Juden hat schon seine Bedeutung. Im übrigen: Eco, Horvilleur, … das geht schon.

POSTSCRIPTUM – wichtig:

Bitte lest „Transitionen und Transition“ von Monika Wohlrab-Saar in SOZIOLOGIE 2026, # 1, v.a. S. 10-14 über den Umgang mit Irsael und den Palästinensern, v.a. mit den Folgen für Wissenschaft und Kultur, also für Menschen, die sich der Realität wissenschaftlich annehmen. Ich zitiere hier nichts, weil der Text sehr dicht und kontextreich ist, aber ich empfehle ihn, nicht nur für die Wissenschaft. Doch, eines muss ich erwähnen: Ich schätze Eva Illouz (israelisch-französische Wissenschaftlerin) sehr und kenne viele ihrer Werke aus den letzten Jahrzehnten. Hier steht, „…sie wurde wegen ihres Protests gegen die Behandlung von Palästinensern in der Westbank der Israel-Preis verweigert“ (S.13). Das schmerzt, pars pro toto. Zum Abschluss schreibt die Autorin: „Wie müssen vom „ja, aber“, das das „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält“ (S.14). Ja.

Es lacht sich

Wenn man sich zu viel ärgert, verflachen alle Gründe und Anlässe, man bleibt ein missgelaunter Zeisel, und niemand nimmt einen ernst oder auch nur wahr, wenn die Texte und Ansprachen des ständig grummelnden Kommentators überhaupt noch aufgenommen werden.

Wenn man sich zu viel amüsiert, kann auch niemand mehr lachen, weil die Anlässe oft zu doppelbödig, altbekannt oder komisch, aber nicht lustig sind.

Ärgern, sich amüsieren etc. sind oft Reaktionen, die neben der Wirklichkeit auf den Boden fallen und dort Lacken bilden, in die man dann auch noch reintritt, und sich wieder ärgert.

So geht es mir in den letzten Tagen, wenn ich über die Akteure und Situationen in Gaza, Israel, Nahost, D.C., bei uns lese. Wer sich über Trump wagt zu ärgern, ist herzlos zu den Geiseln, wer sich über ihn lustig macht, verkennt seine Friedensmacht, wer sich zu weit aus dem allgemeinen Brei herauswagt, wird verurteilt, bevor die Folgen seiner Aussagen auch nur abgeschätzt werden.

Ganz wenige Analysen zur Situation beruhen auf der Wirklichkeit, viele sind so gebildet, dass man seine Erwartungen mit dem, was gerade eintritt, vergleicht. Na und? Und wenn man dann bemerkt, dass man falsch lag, ärgert man sich wieder > siehe oben.

Mich beunruhigt das. Kann man nicht einem Diktator auch einmal eine richtige Handlung zugestehen – wie man ja einem Demokraten immer gern einen Irrtum erlaubt. Wenn der nicht zu langfristig wirksam ist. Der Diktator bleibt Diktator, auch mit dem Denkmal des Verdienstes. Der Demokrat stürzt vielleicht ab…

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Ich wollte aber über ÄRGER schreiben, der oft anstelle von Kritik oder Unverständnis öffentlich wird und dann die eigene Position irrelevant oder lächerlich macht. Ärgert mich der Diktator, weil ich ihn in Wirklichkeit fürchte? Weil ich nichts gegen ihn tun kann und er mich vielleicht noch, oder schon, unterwirft? Die Unschärfe des Begriffs Ärger ist ärgerlich. Denn was spontan ja noch verständlich ist, ich ärgere mich über die Zugverspätung, mit Recht, kann ich nicht aufrechterhalten im jahrelangen Verspätungsgehabe der DB, ich muss mich drauf einstellen. Die Analogie gilt für politischen und anderen Ärger.

Das bringt mir Améry nahe, der immer kritisch zum Jetzt, der sogenannten Gegenwart war. Mein aktuelles Beispiel: ist Ärger eigentlich für den 7. Oktober angemessen? Schrecken, Furcht, Entsetzen, auch Unverständnis sind da besser als Ärger, einschließlich der Frage: über wen? Ärger über die Hamas ist irgendwie verflachend –> siehe oben.

Seit Wochen und Monaten gehe ich diesem Thema nach, dem nicht-jüdischen Gehabe von Netanjahu und seiner faschistischen Truppe und dem terroristischen Gehabe der Hamas. Mittlerweile haben sich Namen, Ereignisse, Konstellationen und Zufälle bei mir eingegraben, und die Kritik und die Ohnmacht haben den Ärger längst verdrängt, wenn er je dominiert hätte. Hat er nicht, auch nicht am entsetzlichen Tag des 7. Oktober. Aber je genauer ich nachforsche, desto schwieriger wird es , auf dem Feld der Geschichte, des wirklichen Geschehens, die Schuldigen, die Inaktiven, die Profiteure und die Unterlegenen dieser Ereignisse in bloße zwei Gruppen, die Guten und die Bösen, zu teilen, sozusagen als Maßstab für die Kommentare von heute –> s.oben.

Das ist keine postmoderne Relativierung, natürlich gibt es Schuldige und Opfer, aber eben nicht schwarz/weiß. Und darum entziehe ich mich dem Hierundjetzt, packe meine Zuneigung zu Israel und meinen Freunden dort in den gleichen Korb mit Kritik am Zionismus wie am Antizionismus, mit Kritik am Konflikt zwischen Sepharden und Ashkenasen, zwischen Arabern, Beduinen, Palästinensern, zwischen Muslimen und Juden und Christen und Drusen, und mit den Beziehungen fast aller wichtigen politischen Staaten seit langer Zeit. Mit anderen Worten, es gibt in der Gegenwart einen Common sense, aber kein Wissen und keine Erkenntnis, die nicht auf die Zeit und den Kontext angewiesen sind. Das verdirbt mir einiges, aber es macht keinen Ärger.

Gedenken, Bedenken und Heucheln. Heute.

Überall in Demokratien gedenkt man der Opfer des Hamas Überfalls vom 7. Oktober 2023.

Das ist richtig so – und hinterlässt doch mehr als nur ein unruhiges Gefühl. Wie ist es zu diesem grausamen, kaum je erlebten Massaker gekommen?

Ich frage mich selbst, warum mich die Vorgeschichte des 7. Oktober so wenig verlässt wie mein eigener, wirklicher Schrecken. Warum diese Geschichte auch nur andenken, wenn Netanjahu die Macht über Gaza und die Hamas entglitten war?

Lest erst einmal: https://en.wikipedia.org/wiki/Israeli_support_for_Hamas (7.10.2025). Unschärfe und Details möglich, die Hauptlinie stimmt. Aber dann muss man auch untersuchen, warum und wozu viele konservative, nationalistische und ultra-religiöse israelische Strömungen den Likud (Partei) und andere Entwicklungen schon lange vorher betrieben haben. Lest auch die Geschichte der Gaza Verhandlungen 1948f. (Ich gehe nicht in die Vorkriegszeit zurück, aber meine Kritik am britischen Kolonialismus bleibt bestehen). Wiederum: es muss nicht alles im Detail mitgetragen werden, aber man muss das Zwischenkapitel: „Das Gaza-Plan-Zwischenspiel“ im 10. Kapitel „Lösung des Flüchtlingsproblems…“ bei Benny Morris genau lesen, um etwas von der Vorgeschichte zu verstehen (Benny Morris: Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems, Hentrich&Hentrich 2024, original 2004, überarbeitet). Und dazu gehört natürlich eine Vorgeschichte seit der letzten Jahrhundertwende und vor allem ab 1936, und dazu gehört die Selbstständigkeit des Staates Israel und der freimachende Krieg 1948, und dazu gehört die Vorgeschichte der jüdischen Gegner des Zionismus und der britische Kolonialismus, und dazu gehört….

Wenig davon erklärt oder gar begründet die unmenschliche Grausamkeit der Hamas am 7. Oktober 2023 und die Vorbereitung darauf.

Die fatale Täter-Opfer-Rotation der Kritik an Hamas und an der israelischen Reaktion darauf verkürzt nicht nur Wissen und Bewusstsein, sondern auch die moralischen und ethischen Positionen, die nicht mit einer Wahrheit umgehen dürfen, ohne Gerechtigkeit – für alle Situationen und nicht linear – an die Begründung der eigenen Position und Interessen zu stellen. Dazu reicht Benny Morris natürlich nicht aus, da muss man schon tiefer in die Geschichte des Zionismus in allen Spielarten, der Gegner des Zionismus etc. graben – und die Geschichte der Palästinenser genauso genau verfolgen, wenn man es aufgrund der zugänglichen Quellen so genau kann.

Wiederum: Wenig davon erklärt oder gar begründet die unmenschliche Grausamkeit der Hamas am 7. Oktober 2023 und die Vorbereitung darauf.

eine Überschrift bedeutet keine Leerstelle: Gedenken hat nur Sinn, wenn es wirkliche Menschen und die Ursache und Folgen ihres Leidens und Sterbens betrifft. Strukturelles Gedenken ist eine gängige, oft folgenlose politische Entmenschlichung. Die Bedenken sind zahlreich, etwa die Kritik an oder Erlaubnis zu Demonstrationen der propalästinensischen Aufmärsche, die sich auch antisemitisch ausbreiten, und mit dem antisemitischen, genauer, judenfeindlichen Substrat der Geschichte zusammengehen. Auch die ambivalente, doppeldeutige, manchmal -züngige jüdische Position zur Situation des Kriegs von Netanjahu (cum et sine Trump) und seiner teils faschistischen, rechtsradikalen Regierung kann man nicht geglättet als Reaktion auf den 7. Oktober einfach hinnehmen. als jüdischer Mensch kann ich das nicht, als Jude bleibt mir nichts anderes übrig?! Diese Differenz bestimmt zur Zeit viel an meinem Denken, Fühlen und also Leben.

Und so würde ich mir heute wünschen, dass die Menschen bevor sie öffentlich werden, nochmal Amos Oz, David Grossmann, Zeruya Shalev, aber auch Omri Boehm, Tom Segev, Ron Leshem, Joseph Croitoru, und auch Herzl und seine Tagungen lesen (ich weiß schon, das geht nicht an einem Tag, aber doch?!). Zu manchem Leid kann man nur Schweigen. Und darf nicht heucheln. Das gilt auch für jeden von uns selbst, gar nicht so einfach.

Kein Frieden und andere Kriege…

Machen wir uns nichts vor. Friedliebende Kommentare sind keine Wirklichkeit, sondern gestalten unter anderem Überzeugungen und Selbstbetrug. Wenn Merz und andere sagen, es sei kein („richtiger“) Friede und irgendwie schon noch irgendwie kein („richtiger“) Krieg – von Russland gegen Europa, ist das mehr als ein sprachliches Beispiel. Und so schrecklich die Umstände des Gazakriegs sind, die trumpoiden Verhandlungen sind auch „irgendwo“ zwischen Friedensplänen und Kriegspotenzialen, keine Wahrheitsstrategie, sondern Anpassung an eine Israel-Trump-angelehnte Rahmenrealität. Wie ich immer schreibe, dass die Wirklichkeit die Wahrheiten dominiert. Deshalb sind die Kommentare der besseren Medien ungewollte Konjunktive, die Grammatik diktieren andere…das gilt auch für die Ukraine, für Sudan, für Kongo. Natürlich gilt es besonders für die neueste, nicht gefestigte Weltdiktatur USA und ein wenig macht sich diese demokratiefeindliche Realität auch bei uns breit – wie denn auch nicht? Das Einzige, das stimmt, sind die Abbildungen der Wirklichkeit leidender, hungernder verletzter, sterbender Menschen, die gerettet werden sollen, müssen, können, nicht immer dürfen, bevor wir wieder und wieder die Täter anklagen oder mit Preisen und Lecken überhäufen.

Das ist der Grund, warum ich viele Daten und Eindrücke sammle, Zu Israel und Gaza vor allem, zur Ukraine, und zu unserer so genannten Regierung, aber gerade da wenig kommentiere. Denn es ist schon wichtig, dass diese Nachrichten auch empfangen werden und man sich nicht dauernd in sich selbst spiegelt.

Was bleibt, das Weiterleben unter den realen Wolken des beschleunigten Welt- und Politikzerfalls, ist nicht wenig. Das ist keine beruhigende Philosophie und schon gar nicht Ablenkung von der Politik. Aber es kommt auch, auch, nicht nur! darauf an, dass wir unsere Widerstandskraft stärken, lebendig bleiben bezieht sich immer auch auf Umwelt und Sozialisation, und natürlich auf Kultur, also die Bereiche, wo die Dummen und die Gefährlichen gleichermaßen sparen wollen. Das dürfen aber nicht nur rhetorische oder demoinstrative Bekenntnisse sein, wir müssen etwas tun. Wenn wir etwas tun, dann muss nicht jeder sofort erfahren, dass wir aktiv uns für das Richtige so und so einsetzen, aber öffentlich muss sein, was die Konfrontation bewirkt, z.B. die Kritik an den Brosius-Kritikern der CSU (das sind rechtsradikale so genannte Christen aus Söders Gehege), z.B. das Niveau der Wehrdienstdebatte (da kann ich nur raten, von den Finnen zu lernen), und vielleicht mit dem Lob an Trump im Nahen Osten etwas zu warten: auch Diktatoren können manches richtig entscheiden, das entlastet sie aber nicht…

Zurück zum Anfang. Wenn sich der Krieg weiter entwickelt, wird er anders sein als unsere verbreitete Kriegsgeschichte, und er wird keinen von uns ganz in die Freiheit des Friedens entlassen – wohin wollt ihr fliehen? Aber es kommt darauf an, was geht vorzubereiten, und dem, was kommt, zu begegnen (siehe oben). Dass wir dabei nicht gewinnen, ist klar. Aber es gibt wichtigeres in unserem täglichen Leben.

Demokratie, jüdisch und soziologisch

Sozio-Demokratie / Instabil

Vorwort

Ich lese regelmäßig mein Berufsblatt „Soziologie“, und meist geht die Diskussion an mir vorüber, aus vielen Gründen. Aber die HerausgeberInnen bemühen sich zunehmend erfolgreich, unsere Wissenschaft mit der Gesellschaft in eine verständliche und kritikfähige Verbindung zu bekommen, und dabei auch die Leerstellen innerhalb der Soziologie zu verzeichnen. Dazu muss ich nicht mehr aktiv in der Uni sein, die Überlegungen helfen schon, bisweilen.

Eine junge Kollegin, Professorin an der Universität der Bundeswehr München (Prof. Dr. Jenni Brichzin (Vertretung) — Institut) schreibt einen langen und komplizierten Aufsatz in der Soziologie: „Die Demokratie der Soziologie – Versuch über eine empfindliche Leerstelle der Disziplin“ (4/2025, 413-447). Sie versucht, das Nachhinken unserer Disziplin in Sachen Demokratie zu erklären und der Kritik auch eine Neubearbeitung folgen zu lassen. Schwierig zu lesen, aber umfassend und m.E. gut so. Warum ich aber damit hier anfange, in meinen Blogs: Brichzin analysiert sehr genau Tocqueville in ihrem Abschnitt „Massendemokratie am Start: Die sozialen Bedingungen der demokratischen Revolution in den USA“ (429-432). Zum Ende des Kapitels und zu Beginn des nächsten fasziniert mich die Genauigkeit, mit der die Volatilität der Demokratie in ihrem „Ensemblecharakter“ beschrieben wird. Ich zitiere jetzt ausführlich, weil hier ein scharfer Blick in eine Gegenwart getan wird, in der demokratische Systeme in kürzester Zeit umgeformt werden, nicht nur die USA, die Türkei, Israel oder Ungarn – im Kern kann das auch bei uns in Bayern oder Sachsen-Anhalt geschehen, darauf kommt es mir aber jetzt nicht an. Unter Bezug auf Tocqueville schreibt Brichzin:

„Und selten wird so deutlich wie hier, dass genau die Mechanismen, die Demokratie doch eigentlich begründen sollen, die gegenteilige Wirkung entfaltenkönnen, ist erst einmal das Zusammenspiel des Ensembles gestört oder ins Ungleichgewicht geraten. Auch die „demokratische“ Ordnung ihrer Zeit kann folglich ins Autoritäre kippen. Als größte Gefahr identifiziert Tocqueville dabei bekanntermaßen die „Tyrannei der Mehrheit“ (T 289). Der unbedingte Glaube der US-Amerikaner:innen an das Mehrheitsprinzip statte die politische Mehrheit mit einer „Allmacht“ aus (T 290), die den „Keim der Tyrannei“ bilde (T 291). Eine spezielle Form der sozialen Schließung ist die Folge, eine Schließung nach Maßgabe der Mehrheit…“ (Brichzin 432, T=Tocqueville). Das kann man natürlich sofort mit Varianten anwenden, nicht nur auf die USA, Israel, die Türkei, Ungarn etc., und auf viele Stimmen in der Demokratie, die nicht von einem Ensemble komplexer Verbindungen ausgehen, sondern von einer, v.a. durch Wahlen bestimmten Form. Mehrheit allein reicht nicht, und nicht nur Brichzin, auch ich denke, dass die Struktur einer Gesellschaft offen gehalten werden muss, immer, und nicht geschlossen werden darf.

Der Artikel insgesamt bleibt interessant, aber ich will mich darauf konzentrieren, wie demokratische Gesellschaften in dieser Zeit eher schnell in autoritäre oder diktatorische und strukturell in faschistische sich wandeln lassen.

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Für mich ist es wichtig zu hinterfragen, zu diskutieren, zu beobachten, was zur Demokratie „noch alles“ gehört, und der Leitfaden des Artikels bringt einem die nötige knappe Systematik bei. So, und jetzt weg von der Soziologie, ich bin ja längst kein aktiver Hochschullehrer mehr, und zur beobachteten Politik.

Dass neben anderen Trump und Netanjahu Demokratie erfolgreich zerstört haben, wird globale Folgen haben. Die USA, als dritte Nukleardiktatur mit einer nicht nur spontanen, ungebildeten, unkritischen Demokratiefeindlichkeit, hat vor allem auf die Menschen negative Auswirkungen, die ja von den USA in der NATO und im westlichen Welthandel sich abhängig wissen. Nicht gerade kolonial, aber kapitalabhängig. Also wir. Und in Israel zerstört Netanjahu endgültig den Zionismus in all seinen Varianten, er und seine Faschisten zerstören die soziale Aufbaustruktur und so viel JÜDISCHES, dass nur mehr die JUDEN bleiben, aber die jüdische Ethik und Kultur zerstört wird, wohl auch die innovative Wirtschaft, wenn er der trumpoide Herrscher bleibt. Also wir jüdischen Menschen müssen eine zukünftige Geschichtsrevision uns antun.

Mit der Auffassung bin ich nicht allein. Ich kann auch die Hamas initial kritisieren, obwohl sie ja von Netanjahu gefördert worden war, aber sie ist ihm entglitten und eine Macht der Barbarei geworden, so wie Netanjahu mit seinem Blick auf eine iranische Monarchie auch nicht gerade demokratisch denkt und agitiert.

Ich lese Oz, Grossmann, Illouz, Neyer, Shalev und viele andere, und ich lese sie anders die Historien der Palästinenser, Araber und Muslime. In diesem „Anders“ steckt mehr Potential an Kritik, an mehreren Seiten – es sind ja nicht nur zwei – als man vermuten kann: wenn man das Ende des bisherigen Jüdischseins in Israel ernst nimmt und das künftige fürchtet – jüdisch wird man weiterhin weltweit sein müssen und können.

Judenstaat? Jüdisch? Fragen

In letzter Zeit steigen die die Auswanderungszahlen von jüdischen Israelis. Hier zunächst keine Begründungen.

Die Zahl der Israelis, die ihr Land verlassen, nimmt zu. Im Jahr 2023 waren es 24.900, im Vorjahr waren es 17.520. Dem entgegen kehrten im Jahr 2023 nur 11.300 Israelis zurück. (https://www.israelnetz.com/israelis-wandern-vermehrt-aus/ . Interessante Begründungen: Nicht der Krieg, sondern der Premierminister…

Andere Statistiken gehen bis auf 35.000 in 2023 und über 50.000 in 2024 hoch

Egal. Es geht nicht um Quantität, sondern darum, dass viele Menschen in Israel den jüdischen Staat in einen Judenstaat zurückdrehen wollen, und das ist keine Entwicklung.

Man muss aber die Entwicklung vom Judenstaat zum jüdischen Staat kennen, um zu wissen, wie sehr die jetzige, teilweise faschistische Regierung diese Entwicklung umkehrt, vor allem mit den meisten Siedlern, den meisten ultra-orthodoxen Religiösen, den meisten Gefolgschaften für Netanjahu.

Und man hat offiziell vergessen, dass Netanjahu die Hamas im Gaza gefördert hatte, damit die zivile Regierung in den palästinensischen Gebieten geschwächt wurde. „Laut der rechtskonservativen Website Mida hat Netanjahu seiner Likud-Partei 2019 erklärt, man müsse zulassen, dass die Hamas finanzielle Unterstützung aus Katar bekomme – das sei ein Schlüsselfaktor dafür, einen palästinensischen Staat zu verhindern. „Das ist Teil unserer Strategie: Eine Trennung zwischen den Palästinensern in Gaza und im Westjordanland herbeizuführen“, sagte er.“ Man kann das zurück und weiterverfolgen, der 7.10. schafft eine weitere Wende nach einer insgesamt negativen Entwicklung (Netanjahu wollte Palästinenser spalten – und spaltete Israel: Felix Tamsut, 21.01.2024, und in DW mehrfach).

Ich werde jetzt und an dieser Stelle nicht die Entwicklung seit der Entstehung des Zionismus und seit dem wichtigen Wechsel vom Judentstaat zum jüdischen Staat nachzeichnen. Aber dies ist der Auftakt zur Rekonstruktion einer Entwicklung, in der viele jüdischen Menschen in Zukunft den Judenstaat des Trumpnetanjahu weniger als ein jüdisches Leben außerhalb Israels bevorzugen werden.

Fortsetzung folgt.

Postkolonial? Begriff & Morast

Der Titel soll euch nur aufmerksam machen. Es geht um sehr viel, nicht nur mir. Israel und Gaza. Das ist kein Pünktchen auf der Weltkarte. Es geht um Antisemitismus, Antiislamismus, Islamismus, ja, und um Geschichte, auch unsere – Unsere Geschichte, das ist eine nationale, manchmal auch jüdische Geschichte. Zuviel um einfach zu sein.

Mein Fachblatt SOZIOLOGIE, Jg. 54, Hefte 2 und 3, befasst sich mit der Wissenschaft Soziologie und dem Antisemitismus, und dabei gibt es von einem Symposion mehr oder weniger klarstellende Artikel. Am letzten habe ich mich festgehakt: Jens Kastner: Widerstand gegen Weiße: Zur Thematisierung von Israel/Palästina in der dekolonialistischen Theorie 314-319. Ein deutlicher, nicht aggressiver Artikel gegen die Kolonialansicht von Israel durch propalästinensiche Wissenschaft, konkret Vergues 2024 und Grosfoguel 2009. Propalästinensisch ist „mein“ vager Begriff, denn oft wird eine Ideologie auch bloß als muslimisch, bloß als arabisch, bloß als „palästinensisch“ verwendet. Kastner ist glaubwürdig und vielseitig (https://de.wikipedia.org/wiki/Jens_Kastner). Worum es mir geht, da ich ja in letzter Zeit so viele Blogs und einige Vorträge zum Thema gehalten habe? Das Unwissen über Israel, auf das auch Kastner anspielt, ist eine Waffe, nicht nur des Antisemitismus.

Ich denke, man muss hier weiter ausholen. Weil und wenn die jüdische Besiedlung Palästinas zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht kolonial war, so hatte sie doch viele Merkmale der Nationalitätsgründung vieler anderer Länder. Und alle, ausnahmslos, haben das Problem gehabt, Verdrängung und Integration handhaben zu müssen. Dabei spielte in Palästina eine Rolle, dass es bis 1918 unter Türkischer, danach aber unter Britischer Herrschaft stand, und die Engländer eine erhebliche, heute beiseite geschobene Kolonial- und Besatzungspolitik ausgeübt hatten, teilweise in Bürgerkriegen, mit und ohne Intervention weiterer Mächte. Aber die jüdischen Einwanderer und -innen waren jedenfalls nicht kolonial, und nach Gründung des Staates Israel 1948 muss man die Geschichte von Gaza genau verfolgen, damit man bei diesem Votum bleiben kann. Nun zu einem schmalen Detail: Wer waren und sind die Palästinenser? Die Antwort darauf ist kompliziert und widersprüchlich, aber ohne die Frage zu stellen, ist der Kolonialvorwurf an jüdische Israelis nicht nur falsch, sondern auch pervers.

Ich gebe hier bewusst keinerlei Literaturhinweise, weil diese so vielfältig sein müssten, um Kastner zu ergänzen und zu erweitern. Aber ich rate, auch den Wissenschaftler:Innen und Interessierten, die ganze Geschichte zu erkunden und sich eine Zusatzfrage zu stellen: ob der Antisemitismus, welchen Alters auch immer, nicht vorrangig durch den Israelbezug erklärt werden kann. Für Diskussionen und Hinweise dazu stehe ich zur Verfügung. Für die Soziologie als Wissenschaft und institutionell ist das ein wichtiges Thema, für das man danken kann, weil es sich öffentlich darstellen lässt.

Juden, jüdisch – Klug und dumm?

Vorspiel: Dummheit und Faschismus

„Der Faschismus entsteht immer aus einem Geist der Provinz, einem Mangel an Kenntnis der wahren Probleme und der Ablehnung der Menschen, sei es aus Faulheit, Vorurteilen, Habgier oder Ignoranz, um ihrem Leben eine tiefere Bedeutung zu verleihen. Schlimmer noch, sie prahlen mit ihrer Ignoranz und suchen Erfolg für sich selbst oder ihre Gruppe durch Anmaßung, unbegründete Behauptungen und falsche Darstellung guter Eigenschaften, statt an echte Fähigkeiten, Erfahrung oder kulturelle Reflexion zu appellieren

Faschismus kann nicht bekämpft werden, wenn wir nicht erkennen, dass er einfach die dumme, erbärmliche und frustrierte Seite von uns selbst ist, für die wir uns schämen müssen. “
(Federico Fellini: Im Gespräch mit Natalia Ginzburg., dankbar von Edith Pedevilla am 7.7.25 übermittelt).

Es geht um die Verbindung von Faschismus und Dummheit. Ergänzt meine Blogs der Vergangenen Tage. Und erweitert den Hinweis auf DUMMHEIT in einem besonders peinlichen Fall, ja, Syndrom.

  1. Akt: Dummheit entfaltet

Der von mir seit Jahrzehnten unverändert verehrte und gelesene Robert Musil (Törless, Der Mann ohne Eigenschaften u.v.m.) hat im März 1937 zweimal auf Einladung des österreichischen Werkbunds einen Vortrag über die Dummheit gehalten (Österreichischer Werkbund – Wien Geschichte Wiki). Zweimal, das kann also schon beim ersten Mal gewirkt haben, schwierig zu lesen, die Ironie muss wienerisch und nicht norddeutsch verstanden werden – und sehr aufschlussreich, wie die Dummheit über alle Gebiete und Sphären aufgegliedert und verstanden wird, und keineswegs der Klugheit oder Intelligenz im Weg steht. (Musil, R.: Über die Dummheit. Hamburg 2022, Nikol). Ich habe mich eher durchgebissen als den Essay überflogen, nichts geht ohne die Dummheit, die Weisheit schon gar nicht. Warum ist das wichtig? Weil viel in dem, was wir andenken oder anvisieren, widersprüchlich ist, und deshalb braucht es dieser Dialektik, um überhaupt zu verstehen.

  • Akt: Juden müssen nicht jüdisch sein

So, wie Kluge oder Gescheite auch dumm sein können, so wenig sind alle Juden jüdisch. Ihre ethnische Herkunft kann man nicht ändern, aber ihre soziale Qualität und ihr Verhalten, also jüdisch zu sein, zu leben, sich jüdisch zu verhalten, ist nicht festgelegt. Und je dogmatischer sie vorgeblich dargestellt wird, desto mehr sollten wir zweifeln.

Die meisten antisemitischen Vorurteile gelten formal den „Juden“, beziehen sich aber auf das, was den Judenfeinden am Jüdischen nicht gefällt oder nicht passt. Das heißt natürlich, dass ich das Jüdische verteidige, gegen Antisemiten und gegen den Missbrauch des Jüdischen durch bestimmte Juden. „Bestimmte“? Ja, nicht alle, und schon gar nicht „Die Juden“ an sich. Mit anderen Worten: es kommt darauf an,  „Jüdisch„ zu definieren, für sich in Anspruch zu nehmen und den Begriff nicht einfach allen anderen zu überlassen, vor allem nicht denen, die damit das Judentum herunterwirtschaften, geistig und materiell. Die sind meistens antisemitisch, manchmal aber auch Juden.

  • Akt: Wie komme ich jetzt dazu?

Wir befinden uns in einer ziemlich schrecklichen Situation, weltweit. Mit einem aggressiven Kern, neben anderen, von unauflösbarer Gewalt im Nahen Osten, sagen wir in Israel und Palästina. Dazu habe ich seit langem viel geschrieben, gesagt, nicht nur Richtiges und Kluges, aber doch meist glaubhaft. Und viele äußern sich dazu, und man kann gut nachweisen, dass es ein begriffliches Dreieck gibt: „Israel-Juden-Antisemitismus“ – jetzt kommt es darauf, wer welchen der drei Begriffe wie, positiv oder negativ, verwendet und wie die drei verknüpft sind. Wer immer einen direkten Bezug zum Antisemitismus aufgrund der Juden in Israel vornimmt, aufgrund bestimmter Juden, wohlgemerkt, verwechselt die ethnische Herkunft mit dem Verhalten. Und wenn das verabsolutiert wird, dann meint es genau das Jüdische, das seit ewigen Zeiten für den Antisemitismus steht. Und wie komme ich jüdischer Mensch dazu, mich darüber auszulassen? Wieder einmal?

  • Akt: Dummheit antisemitisch, schwer aufzulösen

Alle möglichen Gründe für die israelische, die palästinensische, die arabische, die globale Nahostpolitik werden dauernd herausgebracht, und sie werden mit jeder Drehung antisemitischer (so als würde man immer auf den eigenen Spuren im Kreis reiten und meinen, man käme dem Ziel näher). Welchem Ziel? Frieden? Völkerrecht? Überleben der Palästinenser? Auslöschung der Hamas? Zweistaatenlösung? Machtzuwachs für Netanjahu, damit er nicht vor Gericht muss? Vernichtung Israels von der Wüste bis zum Meer? Ein floridierender Strand für Trump? Ich habe noch mehr ???

Warum antisemitischer? Weil man die Vorurteile gegen die Juden, also antijüdische, als Ausgangspunkt der Analysen und politischen Meinungen (Gemeinplätze) verwendet und so tut, als könnte mit diesem Fixpunkt die Realität erklärt werden. Das ist dumm.

  • Akt: Der Fixpunkt ist falsch. Das Judentum entwickelt sich weiter

Es kann sein, dass Netanjahu für einige Zeit die Oberhand behält. Dass viele kritische, intelligente, religiöse Jüdinnen und Juden das Land Israel verlassen, dass nicht nur der Zionismus gescheitert ist, sondern Israel als letzter Zufluchtsort für alle Juden. Was dann bliebe, ein gewalttätiges Land von Siedlern und Ultrareligiösen, die sich mit anderen, z.B. arabischen Ultras in der Umgebung irgendwie einigen oder auch nicht, aber jedenfalls ein weiterhin ungesichertes Ziel von jüdischen Menschen abgebaut wird. Wer weiß, für wie lange, wer weiß, mit welchen Folgen für jüdische Menschen an anderen Orten der Erde, in einer zunehmenden Rückkehr nicht nur des Antisemitismus. Auch Israel würde dann nicht mehr das Land sein, in das man sich gerne begeben würde, sei es aus Wertschätzung oder aus Fluchtgründen. Wenn das zuträfe, dann wäre Israel nicht mehr „jüdisch“, und die Juden, die dort lebten, wären es auch nicht zur Gänze.

Und wir, die das Jüdisch sein weiter und immer weiter entwickeln, müssten schon überlegen, wann und wie wir nach Israel, mit Israel weiterleben, und viele von uns IN ISRAEL.

Ist das so unwahrscheinlich angesichts der Realität, nicht der Ideologie? Und den Hinweis auf Dummheit habe ich unter anderem gebraucht, damit wir Juden nicht abwechselnd als klug und dumm zugleich missachtet werden – und weil Musil schon Recht hatte.

Hannah Arendt & Dorothy L. Sayers – In Potsdam

am 3. Juli fand im Rahmen des Literaturfestivals Potsdam ein Doppelabend statt: Zunächst

Anpassung oder Autonomie? Thomas Meyer: Hannah Arendt: Die Biografie, Über Palästina von Hannah Arendt Natan Sznaider: Die jüdische Wunde. Lesung und Gespräch Moderation: Miryam Schellbach

Nach einer Pause: Dietmar Bär liest Dorothy L. Sayers Moderation: Denis Scheck​.

Da ich kein Literaturkritiker bin und nicht in der Lage, die Kritik der kritischen Kritik zu AutorInnen und ihren Interpreten anzubringen, wozu schreibe ich dann dazu? DAS IST ES, spannend, wie man so einen Doppelabend verarbeitet, ich sage nicht verdaut. Hannah Arendt beschäftigt mich seit Jahrzehnten, und schon deshalb hatte mich der Dialog zweier Autoren interessiert. Die Bücher:

Thomas Meyer: Hannah Arendt: Die Biographie. Piper 2023

Natan Sznaider: Die jüdische Wunde. Hanser 2024

Beide Autoren sind gut besprochen, in den entsprechenden intellektuellen Blasen. Meyers Buch überrascht mich, denn es gibt viel Biographisches zu Hannah Arendt, und da ist der Titel schon anmaßend. Beide Bücher sind interessant. Und die Diskussion? Darüber habe ich während und danach schon nachgedacht, was einem an Form und Inhalt des Dialogs (gut moderiert) wie interessiert hat. Ich bin kein Arendt-Experte der ersten Reihe, aber ich bin gut mit denen vernetzt, die da wirklich sind – deren Erwähnung hat mir sehr gefehlt: vor allem Antonia Grunenberg, aber die 10 Autorinnen zu Arendt in meiner Bibliothek hätten schon neben den Piper-Namen ihren Platz haben sollen…aber gut, das ist ja auch eine Buchvorstellung. Inhaltlich fand ich das ganze eher gut, ob alles verstanden wurde, wenn man Arendt nicht genauer kennt, weiß ich nicht, aber es war schon von beiden gut zusammengefasst. Es ging letztlich darum, wie und warum jüdische Menschen (Juden also) beides sein wollten und konnten: universalistisch, human, aufgeklärt, und menschlich wie alle Menschen, und partikularistisch, also „Juden“, trotz allem, wobei das Alles natürlich nicht breit ausgeführt werden konnte. Hätten wir das diskutiert, wären wir schnell zu meinem Thema gekommen, der Differenz zwischen Juden und jüdisch, ethnologisch vs. kulturell und moralisch. Dass die Religion draußen blieb, war richtig, paradoxerweise hätte man es begründen können.

Die Diskussion, v.a. Meyer bezieht sich an das frühe Werk von Arendt zu Rahel Varnhagen. In der lexikalischen Beschreibung finden sich alle die Bezüge, die mir, siehe oben, gefehlt haben (https://de.wikipedia.org/wiki/Rahel_Varnhagen_(Arendt)). Aber die Weiterentwicklung der Konzepte in den 30er Jahren sind schon von großem Interesse für einen Einstieg in die Werksgeschichte von Arendt, die ja teilweise mit einem fatalen Missverständnis „nach Deutschland“ zurück charakterisiert wurde (Das war auf dem Podium gut dargestellt).

Also? Solche Veranstaltungen sind wichtig und sinnvoll. Mehr davon, und am besten mit Fragen und Diskussionen mit den Zuhörerinnen und Zuhörern. Mehr von Arendt.

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Nach einer Pause, mit Sonnenlicht, Wein und Begegnungen, dann Dorothy Sayers. Wer sie nie gelesen hat, hat von dieser Vorlesung von Bär nicht so viel, aber es ist schon spannend, wie vor hundert Jahren in die Krimiwelt eine andere Form von Klassenironie einzieht, als man gemeinhin gewohnt war und ist. Ich hatte Sayers gelesen, als ich vor mehr als 60 Jahren Bücher für meine Großmutter aus der Bibliothek holte. Die theatralische Beschreibung der britischen Klassenstruktur hatte sich lang anhaltend eingeprägt, seltsam nur, dass ich das alles nie als „Krimi“ verstanden habe. Zu langer Abstand zurück.

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Das reicht nicht, für mehr als einen Hinweis. Die Diskussion um Hannah Arendt hat mich weit in die Vergangenheit geführt, nach Freiburg und Marburg, und die frühe Begegnung mit Arendt war eine mit dem Namen, ich hatte begonnen, über Ernst Bloch zu dissertieren, und die Beziehung von Bloch zu Arendt wird später eine wenn auch marginale, so doch wichtige, als ich begonnen hatte, mich mit Arendt auch zu beschäftigen. Angeregt durch Antonia Grunenberg, die später nach Oldenburg kommen sollte, durch das Archiv, durch die amerikanischen Schlüsselorte (Bard College, New York). Aber ich habe eben in den letzten Jahren (Jahrzehnten) immer mehr von Arendt gelesen, manchmal auch etwas dazu geschrieben, und was mich an ihr bis heute fasziniert, ist eine Metapher, der Zwischenraum, zwischen zwei Polen, Thesen, Entwicklungen – und die Intensität, mit der sie Themen zu Begriffen machte, nicht selten contra der hauptsächlichen Auffassung. Natürlich der Eichmann-Prozess (Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, 1963). Die Kontroverse dauert bis heute. Aber für mich noch wichtiger ihre vielfältigen Auseinandersetzungen mit dem Antisemitismus, sekundär mit Israel (vgl. Israel, Palästina und der Antisemitismus, 1991; u.v.m.). Es beschäftigt mich bis heute – und lernen kann und will ich natürlich von ihrem Denktagebuch 1950-1975: aus diesen vielen Seiten kann ich immer wieder lernen, – und das führt mich zur Diskussion in Potsdam: es geht nicht darum, was sie denkt und sagt, sondern wie sie denkt. Ich habe auch viel darüber gelesen, wie sie mit und gegen Heidegger gedacht und gelebt hat, aber das muss und soll nicht im Vordergrund stehen, wenn sie vorgestellt wird und gar, wenn man sich mit ihr beschäftigt. Der Abend in Potsdam war sinnvoll um Menschen anzuregen, sich auf Arendt einzulassen, weil sie ja nicht über Klappentexte verstanden werden kann. Viele ihrer Freunde und Bekannten, Jaspers und McCarthy und… kann man (kann ich) von ihr aus besser verfolgen als im direkten Zugang. Jetzt stehen sie beide in meinen Regalen, Bloch in der Philosophie und sie in der Politik (sie wollte keine Philosophin sein), aber das ist fast trivial, beide waren fast alles.

Als der Abend an der Potsdamer Orangerie vorbei war, da klang sie nach und entfaltete Erinnerung an Texte (hätte ich sie doch in ihren letzten Jahren in New York kennengelernt, passé…), und was ich heute noch für mich ganz wichtig erachte, war ihre Wahrnehmung des Nachkriegs, NachNS, Deutschlands, das sich in früh schon, bei aller Entwicklung, den Illusionen auch hingab, die die heutige Debatte zu Israel so unerträglich schwierig macht.

P.S. Sayers wirkte anders nach: wie denkt man nach mehr als 60 Jahren an (zu) frühe Lektüre? Das hat mehr mit früher Biographie und wenig mit Text zu tun…