Spannend

Die Weltordnung fällt auseinander. Nicht zum ersten Mal. Sie belebt alle gescheiten und weniger gescheiten Kommentare, warum das so ist, seit wann es so ist, und ob und wie man das ändern sollte. Meist landen diese Überlegungen in der dritten Kommentarstufe am Stammtisch oder in endlos sich überschneidenden Talkshows. Aber, werte Leserinnen und Leser: was erwartet ihr denn anderes?

In vieler Hinsicht sind die Vergleiche bei uns mit 1913 besser als mit dem Beginn des 2. Weltkriegs – bei anderen Gesellschaften vergleichbar anders. Es wird sich etwas verändern, eher wissen wir was als wie.

Lassen wir alle Esoteriker, Futurologen, Globalanalytiker einmal beiseite, aber auch erklärte Unterwürfige – die sind auf der politischen Ebene gut erkennbar, wenn sie Trump in den Trump und Putin in den Putin und Xi in den Xi kriechen. Genauer hinschauen muss man bei der zweiten Ebene, wer kriecht warum dem Erdögan in den Erdögan oder … aber geht es um die politische Ebene der Gegenwart, oder nicht vielmehr wird ihre Zukunft durch die gesellschaftlichen Entwicklungen – also Politisierung, nicht gleich Politik – vorher bestimmt? Nur wissen wir nicht, wie es wirklich ausgeht. Was wir kritisieren können, sollten wir durchaus kritisieren: z.B. die Renationalisierung, die Entrechtlichung der internationalen Abkommen, den Abbau von Umweltpolitik und die soziale Verarmung ganzer Gesellschaftsschichten aus budgetären Gründen. etc. ABER das alles sagt nicht, was wirklich kommen wird, wir haben nur eine Palette von Möglichkeiten, keinen eindeutigen Weg.

Das ist kein altmodischer Hinblick auf Schicksal, auch keine passive Erwartungshaltung über das, was für uns wahrscheinlich sich ereignen wird. Das sagt nur, welchen Aspekt aus dem Portfolio wir auswählen sollen – und dann versuchen es zu können, nicht umgekehrt – um uns resilient, beständig und politisch weiter zu entwickeln.

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Trivial? Na und. Banal? nein. Zur Möglichkeit der politischen Weiterentwicklung gehört neben der Bildung auch die dauernde Präsenz in der gesellschaftlichen und also auch persönlichen Kultur. Ein Beispiel: Adriana Altaras https://de.wikipedia.org/wiki/Adriana_Altaras hat gestern (9.9.25) in Potsdam schon zum zweiten Mal ein Podium dynamisiert, das die Diskussion in den Köpfen des Publikums diffundiert und nachher, vielleicht auch länger andauernd, Folgen hat, im Nach-Denken, sich Vergewissern. Die Darstellung und Vorstellung von Nachdenken und Musik hat belebt, gezeigt, wie soziale Kultur der Politik vorangeht. (DER JÜDISCHE SALON POTSDAM – 09. September, 18:00 Uhr – Die Landeshauptstadt Potsdam in Kooperation mit dem Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg hat eingeladen, schon das zweite Mal). Und nicht von der Politik gesteuert wird, zum Wohle der jeweils Regierenden. Daran muss ich jetzt denken, nach dem politischen Auftakt im ersten Absatz. Was aus uns wird, bestimmt die Politik morgen, nicht was wir heute geworden sind…

Jüdisch versus Israel?!(!)

Fangen wir einfach an: „Wissenschaftler bekennen sich zu Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus: „Antwort auf die Mängel““ (FR 16.5.2025). Es liegt schon lange in der Luft bzw. in den Diskursen, jetzt geht die FR einen Schritt weiter. Sie veröffentlicht eine Stellungnahme für die Jerusalemer Erklärung JDA, gegen die ältere IHRA Stellungahme. Ich gehe jetzt nicht wieder einmal auf die Unterschiede zwischen beiden Resolutionen ein, beide verweisen auf die schwierige Überlagerung von Israel durch das Judentum. Ich gehe auch nicht darauf ein, dass viele Regierungen und Politiker eher die IHRA unterstützen, zum Teil autoritär, und dass die meisten Intellektuellen und WissenschaftlerInnen )die meisten, nicht alle) eher zur JDA neigen. Mir geht es um etwas anderes.

Fangen wir nochmal an. Amos OZ hat 2002 seine gewaltige autobiographisch-essayistische „Geschichte von Liebe und Finsternis“ geschrieben, viele Auflagen und Übersetzungen. Auf den ersten 100+ Seiten (von mehr als 800) beschreibt Oz seine Kindheit und vor allem die Begegnung mit Joseph Klausner, dem Onkel. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Klausner). Schon hier erfährt man viel über die Richtungen des Zionismus, und man wird über Klausners philosophische, literarische und politische Karriere noch viel erfahren. Auch, dass es zwischen der intellektuellen Superiorität und einer national-liberalen Einstellung, incl. zu Menachem Begin, durchaus Brücken gab, ist spannend. Mir geht es aber darum, Klausner in der Vielfalt des Zionismus zu erkennen und darin, dass Amos, vor 25 Jahren schon, folgendes in seine damalige Geschichte einschreibt: “ In Vaters Jugendzeit stand an jeder Wand in Europa „Juden, ab nach Palästina„. Fünfzig Jahre später, als mein Vater Europa wieder besuchte, schrieb es von allen Wänden „Juden raus aus Palästina“. (S.113). Das war 2002. Und Oz klärt auch auf, warum und wie seine Familie sich damals zu Jabotinsky und Menachem Begin wandten (was man heute schwer versteht, aber verstehen muss, sonst ist es schwierig, über den wirklichen Zionismus der damaligen Zeit kein idealisiertes, sondern ein vielschichtiges Urteil zu haben. – Ich schreibe das hier, um zu zeigen, wieviel man wirklich an Geschichte wissen muss, um das heutige Judentum in Israel wenigstens teilweise zu verstehen – hier aus der Analyse des Zionismus. Es gibt noch mehr.

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Zurück zu den Manifesten: worüber sollen wir jüdischen Menschen, wo auch immer wir sind, im Kontext Judent(tum) und Israel, uns auseinandersetzen? Es gibt viele Menschen, einige von ihnen sind Jüdinnen und Juden. Den Satz umzudrehen, ist entweder blöde oder faschistisch.

Es gibt viele Jüdinnen und Juden, die ein gespaltenes Verhältnis zu Israel haben: das Land, ja; die Regierung, nein. Die finale Heimat, ja. Eine Gesellschaft von Mehrheiten für Siedler, Faschisten und Ultrareligiöse eher nein, wenn man befürchten muss, dass eine Rückkehr zur Demokratie wenig wahrscheinlich ist.

Der ethnische Zusammenhalt erscheint umso enger, je kleiner und gefährdeter eine Ethnie ist – trivial, nachprüfbar. Aber die Konflikte innerhalb des Judentums, und je zeitnäher umso mehr, lassen sich nicht mit einer erpressten Außenverteidigung zudecken.

(Nebenaspekt: Hier zeigen sich Analogien zur Erscheinungsform der Palästinenser, aus ganz anderen Gründen als denen des Judentums).

Es gibt gute Gründe, warum sich Israel dagegen verwahrt, ins Meer getrieben und ausgelöscht zu werden. Netanjahu beschädigt diese Gründe erheblich, und wenn sie nicht ausreichen, wird Israel für Juden und Jüdinnen viel weniger erheblich sein. Keine gute Voraussicht. Aber wer weiß, Judentum ist auch ein Symbol und eine Hoffnung für Widerstand.

Soweit also, wenn es um „Juden“ geht, also den Stamm der Jüdinnen und Juden. Was aber bedeutet „jüdisch“? Da möchte ich strenger sein als die oberflächliche kulturelle Selbstbeschwichtigung. Jüdisch bedeutet nicht mehr und nicht weniger als jedes ethnisch-kulturelle, ethnisch-soziale und ökonomische Attribut, das als zentral für die eigene Zugehörigkeit, sozusagen die innere Heimat in der Hierarchie der Identitäten verstanden wird. „Verstanden“, das heißt nicht nur gefühlt, sondern durchdacht, abgewogen, für uns selbst geformt. Und hier gibt es Maßstäbe, historische, kulturelle, religiöse, lebenspraktische – und nicht alles, was hinter der Bezeichnung stehen kann, ist schon deshalb akzeptabel.

Was sicher Ärger macht, ist die Behauptung, dass jüdisch und faschistisch durchaus zusammengehen können, aber dann eben nicht das „Jüdische“ sind, das ich meine, wenn es um das Weiterleben, Überleben des Jüdischen und damit des Judentums geht. (Hier könnte ich scharfe Kritik an einebnenden Vermittlungen, sozusagen Judaism light, üben; mache ich aber nicht, lenkt ab). Aber Jüdisch kann auch mit ganz anderen Anschauungen, Kulturen etc. zusammengehen, im Übrigen ist deshalb der Jüdische Staat und nicht der Judenstaat die richtige Hoffnung gewesen, ist es hoffentlich weiterhin. Jüdisch ist an den Humanismus gebunden, und nicht an den Judaismus. Das ist eines der wichtigsten Kriterien, welche Position man einnimmt, z.B. zur Frage Antisemitismus, siehe oben.

Bleibt das Judentum? Das Jüdische?

Seit langem forsche ich, und lerne ich die Differenz zwischen dem ethnischen und dem ethisch-kulturellen Judentum differenziert kennen. Es gibt da viele Facetten. Eine hat mich gestern aufgeschreckt:

So etwas lese ich häufig, ärgere mich über die doppelbödige DEUTSCHE Reaktion und viele Brücken nach Israel, nicht alle gut und richtig. Aber gestern hat mich meine Vergangenheit eingeholt:

DPA 28.3.2025

Mit einer Mahnwache soll an den Brandanschlag auf die Oldenburger Synagoge vor rund einem Jahr erinnert werden. «Wir wollen gemeinsam dafür einstehen, dass Menschen aller Religionen und Weltanschauungen hier bei uns in Frieden zusammenleben», meint Organisatorin Kathleen Renken. Der Arbeitskreis Religionen Oldenburg, die Kirchen und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Oldenburg laden um 19.30 Uhr zu der stillen Kundgebung an der alten Synagoge in der Petersstraße ein.

Ein junger Mann soll am 5. April 2024 einen Brandsatz gegen die Eingangstür der Oldenburger Synagoge geworfen haben. Zwei Hausmeister eines benachbarten Kulturzentrums entdeckten das Feuer und löschten die Flammen. Niemand wurde verletzt. Der Anschlag löste bundesweit Entsetzen aus. Die Polizei bildete nach dem Vorfall eine Ermittlungsgruppe unter Leitung des Staatsschutzes.

Nach der Ausstrahlung des Brandanschlags in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY … Ungelöst» nahmen die Ermittler Ende Januar einen Verdächtigen fest. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft legte der Mann aus dem Landkreis Vechta ein Geständnis ab. Er sitzt in Untersuchungshaft.“

Auf den ersten Blicken wie immer, wie überall. Immer meine Fragen: was haben vorherrschende Religionen mit Antisemitismus zu tun und was nicht, was isoliert die kriminellen Attacken in der Aufklärung und Strafverfolgung bei der Justiz, was berührt mich besonders, wenn es um das Allgemeine geht?

Das letztere ist wichtig. Das Allgemeine – klar gegen Ausländer, gegen Juden, gegen die „Anderen“. Was mich stört ist die doppelbödige Diskurswirklichkeit der Religionsgemeinschaften. Christlich-Jüdisch, Christlich-Jüdisch-Muslimisch etc. Drei konkurrierende Monotheismen und mit anderen Religionen, die sich seit langem nichts geschenkt hatten, haben, schenken. Und doch reflektieren sie nicht, wie die Religion die ethnische Realität – Antisemitismus der arabischen Welt, Antipalästinensismus der israelischen Regierung, islamisch-hinduistische Kontroversen in Asien, Vereinnahmung des Christentums durch die Faschisten um Trump etc. – unterwandert, untergräbt, an den Rand drückt.

Im Konkreten kenne ich die Synagoge in Oldenburg, die jüdische Gemeinde, ihre Entstehung, ihr Wachstum, ihre Praxis, seit 40 Jahren, die Rabbinerinnen, die Rabbiner, Ein- und Austritte, die Veränderung durch die osteuropäische Einwanderung, v.a. Juden aus der Ukraine und aus Russland, schon bevor die beiden getrennt waren…Und einerseits war es eine der am wenigsten kontroversen jüdischen Gemeinden in Deutschland, auch dank Sarah Schumann, Bea Wyler, Alina Traiger, mit einer interessanten Verbindung zur Universität Oldenburg und den dortigen Protestantinnen v.a. Andrea Strübind, aber andererseits ist das Judentum nicht durch Religion allein auch nur beschreibbar, erklärbar…

Was mit der Einwanderung in Deutschland geschehen ist, war und ist bislang weitgehend politisch richtig, kulturell, ideologisch und sozial aber weitgehend einseitig, teilweise falsch.

Auch wenn man den islamischen Antisemitismus erklären kann, versteht man ihn nicht und kann auch nicht gegen ihn vorgehen, wenn man sich die religiöse Engführung nicht kritisch vornimmt. Hier kann man empirisch und auch theoriegeleitet in die Details gehen, aber vom Allgemeinwissen sind die meisten weiter entfernt als selbst in ihrer religiösen Grundkenntnis.

Mich schmerzt das Oldenburger Ereignis, aber mehr noch die Tatsache, dass die Diskurse um die antisemitische/antijüdische/anti-israelische Wirklichkeit zu sehr an religiöse Wahrheiten und Tabus gebunden sind. Augen auf, kann ich da nur sagen.

Oldenburg macht mich retrospektiv etwas betroffen. Ich bin ja nicht mehr dort, Sara Ruth Schumann ist schon lange tot, Alina Treiger ist in Hamburg, die Gemeinde hat sich gewandelt (ich kenne sie genau genommen kaum mehr, und ich kann auch nicht russisch/ukrainisch). Generell betroffen macht mich die zähe, fast endlose Schleife des spezifisch deutschen Antisemitismus.

Verzeiht die Analogie: so wie die Demokratien heute gewaltsam unter Druck stehen, als Demokratien, nicht als Wirtschafts- und Militärmächte, so steht das Judentum unter Druck, als Verbindung ethnischer und religiöser jüdischer Entwicklung nicht nur über die Zeiten hinweg, auch ganz und gar gegenwärtig. Wenn wir uns nicht weiter entwickeln, verschwinden wir.

P.S. werte LeserInnen, wer hierzu in Dialog treten will, ist besonders willkommen. Ich mag hier den persönlichen Dialog lieber als den institutionellen