Aus aller Munde. Aus.

Über wen und was wird gerade am meisten geschrieben und geredet? Ob und wie über wen oder was gedacht wird, lässt sich schwer nachweisen. Aber zu jemandem oder etwas Stellung nehmen, das tun sie allemal. Stellung ist ein vielschichtiges Wort, nicht nur sexuell und militärisch, es zeigt auch auf die Verteilung der Positionen ihrer Verwender in der Gesellschaft, wo steht er oder sie, wenn er oder sie etwas bestimmtes äußert. Nu ja, von da könnte man in die Theorie gehen. Oder einmal den Rücken all dem zuwenden, was man für den Moment nun wirklich nicht hören, sehen, spüren möchte. Sich partout nicht zu dem zu äußern, was angesagt ist, aktuell genannt wird, erfordert Übung und eine Einstellung, die schwer zu beschreiben ist.

Mir geht es darum zu zeigen, dass man das ANSTATT wählen kann, dass sich dort finden lässt, wo der und was gerade nicht erscheinen. Und dass das nicht leicht ist. Wenn ich mich nicht zu Trump, Lindner, Woidke oder Bibi äußere, ist das ja fatal: schon werden ihre Namen erwähnt, und dann beginnt das Ausklammerungsspiel. Also gleich nicht erwähnen….aber was, wenn sie im Halbbewussten oder am Rand der Hirnströme sich schon fest verbunkert haben, wenn sie DA sind? Trotzdem? Rausschmeißen ohne sie zu erwähnen? Da brauchts nicht der Psychologie oder des yogisch eingeübten Willens, da braucht es was anderes, das einem wichtig ist. Nicht zufällig bin ich auf die Ausklammerung der drei Namen gerade gekommen, weil mich die Vergangenheit einholt, ich soll also Dinge erinnern, die ich nicht vergessen habe, aber verdrängt und beiseite gestellt. Beim Ordnung machen.

Es wird oft übersehen, dass das Sich-Einlassen auf die aktuellen Namen oft sind keine wirklichen Personen hinter der Macht, bzw. deren wirkliche Gewalt verbirgt sich in einer Person, nicht notwendig in einer Persönlichkeit, die für uns wirkliche Bedeutung hat. Die Gewalt aber schon – wenn wir unserer Freiheit, unseres Lebensunterhalt, unserer Lebensführung beraubt werden. Und dann kommt man einfach nicht dazu, das Vergangene in seiner Wirkung auf Jetzt und Morgen überhaupt hervorzuholen….

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Ich gehe singend mit meinem Hund durch die Nacht, jeden Abend, und immer wieder frage ich mich, was ich denn da singe…Lieder, die ich nie und schon gar nicht jetzt singen würde, überhaupt nicht. Aber sie bilden eine Brücke zu einem Ereignis oder einer Ausgestaltung der Vergangenheit, und die hat sich das Lied ausgesucht, damit ich sie hervorhole. Woran ich mich dann, gar nicht singend oder träumend erinnere, und etwas analytisch geschult, frage ich mich: warum gerade das damals? Mit anderen Worten, der öfter zitierte Terror der Aktualität verbaut Blick und Beschäftigung mit der Vergangenheit, wo man sie bräuchte. Ich gebe ein echtes Beispiel: vor mehr als 50 Jahren habe ich in verschiedenen Zusammenhängen viel über den damals kurzfristig abgelegten Faschismus erfahren und gelernt. Das war für das Studium in Wien entscheidend. Und die Anwendung der Essenz dessen, was ich damals erfahren habe, prägt meinen Gebrauch des Begriffs. Der Begriff hat dazugelernt, ja, aber das Fundament war konkret. Das schreibe ich auch, um der Kritik an meinen Begriffen mehr als nur Bedeutungsdifferenzen zu entgegnen. Ein anderes, scheinbar unpolitisches Beispiel ist, wie sich die Bilder eines bestimmten Ortes mit seiner jetzigen Ansicht be- und überlagern. Das kann man gut anwenden, wenn es konkret wird bei Menschen mit Ruhrgebiets- oder DDR Nostalgie. Von Gegenwart erfährt man noch früh genug, na, so einfach ist es nicht, aber es deutet etwas an: Was nebenbei die Präsenzblase faschistischer Ideologie ganz gut in Frage stellt: ohne Geschichte keine Zukunft, das kennen wir doch, woher?

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Warum sollte ich ohne Anlass über die Erinnerung an Tiere schreiben, die ich noch erlebt habe und die es heute nicht mehr gibt? Unter anderem, weil und wenn die nicht benannten Namen der Machthaber an ihrem Verschwinden, d.h. an ihrer Vernichtung beteiligt waren. Und ich vielleicht an ihrer Position? Nicht, dass ich sie gewählt hätte oder irgendwie bewusst unterstützt. Aber es gehört schon einiges dazu, kategorisch zu behaupten, man gehöre nicht dazu. Diese Überheblichkeit der Demokraten und Linken hat immer die Rechten unterstützt in ihrem Aufstieg. Erprobt diese Überlegung an denen, die ihr kritisiert, zu Recht, das ist wichtig, nicht zurückweichen, oder einfacher an denen, über die ich ja nicht sprechen wollte…und mehr ihresgleichen gibts ja. Man ist in die Gesellschaft und damit in die Politik einbezogen, jenseits der eigenen Meinungen, und man hat sich nur Teile des eigenen „Standortes“ ausgesucht, also lieber einen Schritt zurücktreten und nach vorne schauen, ob man das Terrain erweitern kann, das eigene, das macht die Politik besser wahrnehmbar und einen selbst freier. Auf all das komme ich, weil ich manche Namen nicht genannt habe, kommt schon wieder. Aber die Denkkaskade hat etwas von einem Wasserfall an sich, und den schaut man sich ja auch aus verschiedenen Winkeln an.

Womit sich der Ausgangspunkt schon dauernd widerlegt. Immer wieder.

Eine Kaskade der Befreiung

Oft ereilen uns ganze Kaskaden von Hinweisen auf etwas Wichtiges, und jede Stufe des Ideologischen Wasserfalls eröffnet neue Räume – oder Träume. Fangen wir, für meine werten Leserinnen und Leser, bei der Quelle an, wieder einmal die New York Review – so etwas haben wir hier nicht. Unter dem Titel „The Dream of the Raised Arm“ schreibt Zadie Smith eine Rezension. Ihr kennt Zadie Smith, aber Details lohnen sich: Zadie Smith – Wikipedia . Sie rezensiert ein Buch, das auf Englisch erst im April 2025 in Princeton (PUP) erscheint, aber es gibt ja auf Deutsch: Das Dritte Reich des Traums, München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1966, erstmals ins Englische 1968, und demnächst wieder, neu übersetzt. Zadie Smith ist in der ersten Reihe der britischen Autorinnen, Romane, Essays, Kommentare. Warum sie? Werden wir gleich sehen.

Zunächst ein Eingeständnis: Charlotte Beradt 1907-1966 ist für mich ein neuer Name, obwohl man doch einiges über sie erfahren kann und sollte: Charlotte Beradt – Wikipedia – gut zusammengefasst. Sie war zeitweise enger kooperierend mit Hannah Arendt in den USA, da hätte ich den Namen doch finden müssen. Egal, jetzt habe ich ihn.

Danach ein zweites Eingeständnis: jetzt stöbere ich nicht bei „meinen“ Texten von Hannah Arendt und Beradts Übersetzungen, sondern widme mich der Rezension dieser Journalistin und Autorin, die sich früh auch mit der Weltbühne verbunden hatte, da hätte ich auf sie stoßen müssen.

Und jetzt schreibt Zadie Smith über „The Third Reich of Dreams; The Nightmares of a Nation.“ Der Titel reicht schon zum Anfassen. Beradt hat Träume von normalen Menschen gesammelt, mehrere hundert, bevor sie 1939 in die USA floh, erstmals einige publiziert 1943, dann 50 (politische) Träume 1966 publiziert und das mehrfach, auch in vielen anderen Sprachen. Ohne Tiefenpsychologie beschreibt sie die Traumverarbeitung des Totalitären, als „Life Without Walls“. In der Analyse des Buches mit dessen Analyse von Träumen wird die Anziehungskraft zur Gemeinschaft zu gehören beschrieben, – die zeigt sich eben auch im Traum. Gut genug für eine erstklassige Rezension. Aber Zadie Smith springt jetzt weiter: In die Gegenwart der Algorithmen, die uns zu Objekten machen, in scheinbarer Autonomie der Information. Sehr genau und nachvollziehbar. Und sie sagt, u.a. den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern, dass es nötig sei, sich von den Algorithmen zu lösen, um dann (nicht dadurch) die Freiheit der echten Problemlösung wieder zu erlangen. Von dort geht es zur Technokritik, jetzt sind wir gefragt. Aber ihre Conclusio erschreckt: In my nightmares, Trump is only the Trojan horse. Musk is the real power. An unelected billionaire whose megaphone reaches every corner of the globe? O give us freedom of thought.

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Gut, dass wir hier fortsetzend weiter denken können. Die Träume kaufe ich mir. Übrigens: hat nichts mit Psychoanalyse zu tun. Aber vielleicht doch?

Schöne Welt im Schatten

Stellt euch vor, wie herrlich die Landschaft auf der Rückseite des Mondes ist. Schöner als Mar a Lago, schöner als das Matterhorn, noch schöner als Venedig. Solange das alles im Schatten der Rückseite des Mondes liegt, können wir uns kaum eine schönere Landschaft vorstellen. Kaum fällt Licht drauf…plopp! Wüste, Geröll und trockene Krater. Da wählt man doch lieber den Schatten.

Das geht mir durch den Kopf, wenn ich jetzt im Herbst spät abends mit meinem Hund durch die Gassen gehe oder mit ihm am Nachmittag im Wald durch das dicke Eichen- und Buchenlaub stapfe. Dann denkt man, wie gut es ist, dass es noch kalt und feucht ist, dass die Laubbäume bis jetzt noch überlebt haben, und wenn keine Sonne drauf scheint, trocknen sie nicht so schnell aus. Das ist natürlich poetisch, es ist Blödsinn, Wetter und Klima und… jaja wir, wissen, was wir auseinanderhalten müssen. Und wie schlimm die Entwicklung ist, wird uns ja auch von seriösen Medien oft genug gesagt. Deshalb keine Vorlesung über Klimapolitik, auch in der Angst, dass die Regierungen und Wirtschaftsverbände und viele Privatleute genug vom Klimadiskurs haben und sich darin überbieten, jetzt in der Gegenwart sich wohlfühlen zu lassen.

Ich laufe da durch Alleen oder den Wald, hüte mich vor der Sentimentalität des drohenden Abschieds und genieße die Rückseite des Mondes, es ist kalt und eben dunkel. Aber natürlich steckt da schon Abschied drin, keine Mücken, keine Falter, – Sie, es ist ja Herbst! ach ja…. – und nur Krähen und Raben habe ich auseinanderhalten gelernt anhand ihrer Schreie, wenn ich sie schon nicht sehe. Was mich allerdings beschäftigt ist, wie die Erinnerung mich überspringt und in die Zukunft klappt. Wir wissen, dass es niemals so werden wird wie es einmal war. Das stimmt für früher, und für heute erst recht. Aber was mir nur Erinnerung verschafft, ist für meine Enkelinnen so real wie die Erzählung von den Dinosauriern: was es alles nicht mehr geben wird. Was übrig geblieben ist kann man, kann ich nur erzählen, beschreiben, nicht wieder herstellen.

So sieht es heute aus. Und ein anderes Beispiel: wisst ihr noch, wieviele Fenster ein Fliegengitter hatten, damit man Lüften konnte, ohne dass Insekten ins Zimmer flogen. Insekten wurden und werden ausgerottet. Nicht zuletzt durch die verantwortungslose Eigenaktion für Glyphosat des CSU Herrn Christian Schmidt, der später mit diplomatischen Aufgaben belohnt wurde. (https://www.tagesschau.de/inland/glyphosat-zulassung-schmidt-101.html). Er ist da natürlich nicht allein. Und schaut auf die Chemielobby beim Biodiversitätsgipfel…es gibt tausende Fallen. Aber mir geht es auch darum, was wir unseren Enkeln und Urenkeln berichten von einer Umwelt, die wir politisch hätten besser bewahren können… war das nicht immer so, fragen die konservativen Historiker. Ja, teilweise, aber nie so rigoros und unumkehrbar.

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Nie konnte man von Natur „natürlich“ erzählen. Es war immer eine gesellschaftliche Basis nötig, um Natur zu verstehen und mitzuteilen. Ihre romantische Verzerrung in Werbung und Propaganda schafft so wenig neue Natur, wie Naturschutzgebiete die Realität verändern. Wir sind entweder auf der dunklen Seite des Mondes oder es ist so hoffnungslos, wie es ist.

Um das zu ändern, bedarf es der Politik und nicht nur der Poesie. Aber die Politik kann sich doch eine Menge ihrer Metaphern aus der Kunst holen. Und sei es, wie bei meinem Gletscherfoto, den Rückblick zu aktualisieren.