Hitzig, aber kalt

Auseinandersetzungen sind oft „hitzig“ und nicht selten Gegenstand von Medien und Literatur. Sie lassen durchaus Deutungen auf die Psyche und den Geisteszustand, manchmal auch Seelenzustand, der Streitenden zu. Kühle Beobachtung von Streit gehört auch zum Inventar politischer Verhaltensweisen. Und privat gibt es all das sowieso.

Wenn die Streiterei öffentlich ausgetragen wird, ja, wenn andere an der Hitzigkeit teilhaben sollen, dann steckt dahinter wohl ein Kalkül. Nicht mein Thema heute: Musk vs. Trump, aber des Musketiers Angriffe auf den Diktator sind schon seltsam aufgeregt. (Vgl. vielfache Meldungen, u.a. heute Tagesspiegel, 08:52 Uhr). Oft frage ich mich, ernsthaft, ob das alles nicht auch eine Inszenierung ist. Und dann steigen die Medien und Blogs drauf, und wieder wird etwas wirklich, das eigentlich sich nur im Mythos der Machtausübung abspielt, wie seinerzeit im griechischen Olymp oder bei den Sportspitzenverbänden.

Aber die beiden sind nicht mein Thema, nur ein Beispiel. Die Beobachtung von ausgetragenen Konflikten ist etwas anderes als selbst Teil einer Auseinandersetzung zu sein. Trivial? Naja.

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Man muss nicht an die Spitzen der Macht hochschauen, um Gewalt wahrzunehmen. Auf Augenhöhe gibt es genug davon. Und überall kann man lesen, dass und wie sich festgefügte Strukturen derart auflösen, dass sie nicht mehr kontrolliert werden. Isolde Charim (charim@falter.at) hat nach dem Schulmassaker von Graz „Fragen nach dem ersten Schock gestellt“. Sie stellt mit Recht die beiden Triebe nach Freud ins Zentrum, den Lebens- und den Todestrieb. Und sie analysiert knapp und klar, was geschieht, wenn die Gesellschaft den Todestrieb nicht (mehr) regulieren kann. Ihr Schluss „Die Art, wie der Todestrieb sich geltend macht, wie er ausbricht, ist immer kennzeichnend für die jeweilige Gesellschaft“. (Falter 26/25, S.9)

Die Regulierung von Konflikten, das bin jetzt ich, findet im Vorfeld des angewandten Todestriebs statt. Es gibt ihn natürlich weiterhin, aber er kann gesellschaftlich eingehegt werden, oft besser, manchmal schlechter. Aber wenn er der Freiheit der Macht hingegeben wird, ist es im Einzelfall zu spät. Die Einzelfälle summieren sich, sie geben ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft ab. Strafprozesse gegen die Täter sind die Norm, aber die Wurzel der meisten Attentate liegt in der Gesellschaft, dass und wie sie die Täter herausgebildet hat. Eigentlich auch trivial und althergebracht, aber…oder gar nicht: wenn ich bedenke, wozu uns aufgeklärtes Denken und Tun befähigt, dann frage ich, warum in die jeweilige Situation nicht gesellschaftlich, nicht einzelfällig subjektiv, eingegriffen wurde. Konkret, auf den steirischen Fall bezogen, ein paar Seiten weiter, schreibt Anna Stockhammer wie die braun-schwarze steirische Landesregierung die Sozialarbeit an gewalttätigen betreuten Männern einstellt – weil die Budgetpolitik der rechtsradikalen Regierungspartei sich gegen „Integrations- und Migrationsvereine“ gestellt hat )S. 16). Ein Beispiel für viele gleichzeitige. Der globale Übergang vom dritten in das vierte Weltalter (Ovid: das „eherne“ Zeitalter geht in das „eiserne“ über…heute würde man sagen, die autoritäre Herrschaft verliert die letzte Legitimation (z.B. Wahlen) und wird Diktatur). Da sagt Ihr: bei uns ist das aber nicht der Fall. Wie lange noch auf dem Weg dahin macht sich die Unmittelbarkeit der Gewalt wahrnehmbar? Bevor wir von Widerstand sprechen: schauen wir genau hin, dann schränken ökonomische und militärische Machtansprüche längst gefestigt geglaubte Demokratieübungen fragil oder marode.

Gegenposition? Jedenfalls nicht einfach: Wahlen, Orban, Erdögan, Trump…sind gewählt, noch demokratischer als Putin oder Xi. Das kann es nur marginal sein. Geht zurück zu Freud. Da ist ja nicht nur der Todestrieb, sondern auch der Lebenstrieb, und dem zu folgen beinhaltet z.B. dass man sich nicht bis zur Gewaltschwelle aufregt. und vor allem diese Erregung nicht legitimiert und dogmatisiert, sonst gehen die Menschen ja gerne in den Krieg oder hauen sich eine in die Fresse. Ich gebe zu: sehr verkürzt. Aber doch plausibel. Gegenposition: bitte nicht lachen, ein Gleichnis. Vor wichtigen Entscheidungen gab es bei einigen antiken Völkern eine Entscheidung, dann eine Nacht darüber nachzudenken, und eine Wiederholung der Entscheidung. Danach wurde gehandelt. Würde das heute in die Gegenwart übersetzt, bedeutete es Machtverlust der gegenwartsbezogenen Medien. Auch schon etwas wert…Aber natürlich müssen wir uns, müssten sich alle, daran beteiligen. Ob das noch geht?

Da sehe ich die Chance des Widerstands.

Beispiele gibt es so viele mehr. Es ist Politik, sie zu sammeln und zusammenzuführen, hochrot vor Anstrengung vielleicht, aber nicht aus hilflosem Zorn.

Ausländer und Flüchtlinge sind Menschen?…Oder auch nicht: CDUCSU ist nicht allein

In Ganz Europa dringen die Faschisten und rechten Fremdenfeinde vor, ob an der Regierung oder als stärkste Opposition. Man will die Ausländer los werden, obwohl zwischen Inländern ja auch unüberwindbare Differenzen sind….Bayern gegen Norddeutsche, Katholen gegen Evangelen, Gebildete gegen Ungebildete, Millionäre gegen Hungernde – zählt alles nicht: Ausländer raus. Lasst Deutschland und Europa verhungern.

Wenn ein rechtsradikaler „christlich“-„sozialer“ wie Dobrindt gegen illegale Asylbewerber hetzt, handelt es sich um so wenige, dass sein Betrug eigentlich auffallen müsste.

Wenn straffällig gewordene Ausländer abgeschoben werden sollen, kann man darüber rechtsstaatlich entscheiden. Hat es gegen solche Abschiebungen ernsthafte Proteste gegeben.

Gegenüber Menschen aus bestimmten Ländern argumentieren die Deutschen (u.a. Vertretungen) wie Trump – „Wir wissen zu wenig genaues über diese Menschen“. Wenn Menschenrechte auf diesem Niveau vertreten werden, sind wir vordemokratisch.

Wenn Familiennachzug gestoppt wird, werden die hierhergelangten jungen Männer wahrscheinlich eher gewalttätig und straffällig als im Familien und Kulturverbund.

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die sogenannten Christen und Demokraten trennen die Menschen in Menschen und Ausländer. Das ist Rassismus. Keineswegs auf die rechte Regierungskoalition beschränkt. Deshalb sollten wir hier genauer analysieren, woran der Streit liegt, Rassismus oder Politik?

Wenn man Flüchtlingsströme eindämmt, kommt es zu Massensterben oder Isolation der Betroffenen. Wenn man die Einwanderung sozial und kulturell abwehrt, oder einfach das eigene Land unattraktiv macht, vergeht man sich an den nächsten Generationen, bei uns, in Europa, in den USA….Aber man kann auch sagen: wer einmal in der EU war, muss nicht zwischen den Ländern reisen, muss nicht soziale oder kommunale Verdichtungen in bestimmten Ländern anderen, eher schütteren vorziehen. Studiert die Fluchtströme der 30er Jahre in Europa. Deshalb ist die Grenzdiskussion an sich nicht falsch. Nicht mit Polizei und anderen von uns steuerbezahlten sog. Sicherheitskräften, sondern mit einem EU weiten Verfahren kann man das steuern.

Dem Dobrindt und seinen Kohorten wünsche ich Hunger und Krankheit, Alterspflege und medizinische Behandlung nur durch Deutsche, den Menschen aber weiterhin solidarischen Umgang mit Menschen, auch wenn ich weiß, dass uns das einiges mehr kosten wird, Geld, Zeit, aber vor allem Empathie.

Ja, spinnst du denn, so einen bösen Satz, es geht ja nicht nur um Dobrindt. Deutschland, Europa wird überhaupt „rechts“. Ja schon, das weiß ich. Ich will ihn „symbolisch“ treffen, symbolisch hungern und kränkeln lassen, denn mir gehts nicht um mich oder uns, sondern gegenwärtig um die Geflüchteten UND um meine Nachfahren: für die müssen wir das soziale Netz und die Multikultur weiter vorbereiten, oder glaubt ihr, dass die Bayern oder die Germanen insgesamt noch genügend Kinder zeugen können oder werden?

Es wird uns etwas kosten, siehe oben, aber es kann uns auch helfen, Menschen zu bleiben und keine Inländer, Deutsche, Österreicher… zu bleiben, also reduziert zu leben.

Dobrindt: nicht-human, nicht-christlich, nichtsnutzig – und entlastet

Menschen zurückweisen, symbolisch Ausländer anfeinden, große Klappe zum Begriff der Sicherheit. Das ist eine Tradition nicht nur bei Dobrindt. In ganz Europa geht die Fremdenfeindlichkeit um, ältere Politiker wollen die Pflegekräfte, Helferinnen und Helfer, Fachleute aller Bereiche in den nächsten Generationen entfernen und glauben, dass es geregelte Immigration geben kann und wird. Woher soll denn die kommen?

Ich sage es deutlich: nicht alle Rechtsradikalen sind Faschisten, aber die Anschmieggrenze, zB. zu Meloni, ist bedenklich. Und wer gegen Familiennachzug ist, ist nicht ausländerfeindlich sondern unmenschlich.

Auch wenn ausländische Familien mehr Aufwand, Anstrengung, Finanzen erfordern: ausgerechnet Deutschland sollte in Fragen der Migration seine Lehren aus der Geschichte schon etwas menschlicher ziehen. Und Dobrindt soll den Grenzblödsinn einfach lassen, die Migranten kommen ohnedies. Entwicklungspolitik, nicht Abschottung.

(Wer sich auskennen will: Das Ende des Wagner Zyklus, die Götterdämmerung, inszeniert heute meist das Ende der Herrschaft).

Entlastung von Dobrindt, seid mal ehrlich: die unmenschlichen Argumente nicht nur der politisch Rechten zur Migration sind weit verbreitet, im ganzen Land, Dobrindt ist der Repräsentant des ehernen Zeitalters. Dass in ganz Europa der Nationalismus blüht, ist ja nicht von ungefähr. Und dass wir nicht nur USA- und Russland bedingte Flüchtlingsströme haben – wir haben sie, nicht wir fordern sie und nicht wir lehnen sie ab – das ist auch eine Folge davon, dass die Befreiung vom Stalinismus im Osten und von der ungezügelten Demokratie im Westen gleichgesetzt wird – ungezügelt heißt, dass man sie nicht selbst und aktiv entwickelt, und man 1989 geglaubt hatte, es wird sich schon marktwirtschaftlich was stabilisieren. Dass man zugeschaut hat, wie aus dem demokratischen Neuanfang Ungarns Orban wurde, dass das demokratische Dänemark oder die Niederlande, die rechte Akzeptanzgrenze so verschieben, wie es bei uns die Dobrindts tun, DAS sollte bedacht und politisiert werden. Nicht spontan als minutenschnelle Reaktion, sondern politisch und persönlich, das bedeutet: selbst demokratisch agieren. Und die Liste dessen, was man tun, fordern und ablehnen kann, liegt auf jedes denkenden Menschen Tisch, sogar auf eurem und meinem.

Durchdrehen im alten Jahr

Der Wahlkampf steht an der Schwelle zum Neuen Jahr. Fast alle Parteien, die rechtsradikalen sowieso, aber auch die Demokraten, überbieten sich mit fremdenfeindlichen, abschiebesüchtigen Forderungen, die populär und meist unsinnig bis gefährlich sind. Es geht NICHT UM DIE KRIMINELLEN, das sind ganz wenige, und deren Rückführung hat mit ABSCHIEBUNGEN nichts zu tun.

Deutschland hat keine Außengrenzen der EU. Die meisten umgebenden Länder haben ähnliche Probleme. Erst nimmt man Geflüchtete auf – aus empathischen, karitativen, asylrecht-bezogenen Normen, dann versorgt man sie, danach beginnen die Randgruppen der deutschen Kernbevölkerung auf die Nerven zu gehen, und von da ab versucht man sie loszuwerden und keine neuen AsylantInnen dazuzubekommen.

Was am internationalen Asylrecht zu verbessern wäre, ist eine Sache. Was am Prinzip, der humanitären Politik gegenüber den Geflüchteten und Schutzsuchenden, weiterhin zu gelten hat, muss auf die eigene Sozio-Ökonomie nicht so verrechnet werden, dass wir bei den humanitären Akten nicht unseren Wohlstand usw. teilweise verringern müssen und – können.

Die Syrer zurückschicken – das möchte den sogenannten Christen von CDU und CSU so gefallen. Die, die es können und wollen, die gehen ohnedies, keine Sorge.

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Mir geht es um etwas anderes. Wer erinnert sich an die Schutzbegehren der vor den Nazis geflohenen Menschen, nicht nur jüdischen. Kaum jemand, aber die Quellen sind überreichlich und traurig, dokumentiert und in der Literatur.

Wer erinnert sich um die Aufnahme von afghanischen Geflüchteten. Schaut nach:

Weltweit: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942830/umfrage/anzahl-der-fluechtlinge-aus-afghanistan-weltweit/ , aber ganz anders in Deutschland: https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/afghanische-fluechtlinge . Wie und warum sie in Deutschland seit langem leben wollen, seit wenigen Jahren leben müssen, und seit kurzem bleiben müssen – das sind Fragen an die Ethik und an die Politik. Wir können sie innerhalb kurzer Zeit beantworten und längerfristige Strategien dazu vorschlagen – was wir aber nicht können ist, das Vergessen von Afghanistan und den afghanischen Geflüchteten umzukehren.

Nach Afghanistan Syrien, nach Syrien die Ukraine, nach der Ukraine Gaza, nach Gaza wieder Syrien, dazu Kongo, Sudan etc.

Die Aufmerksamkeit und das persönliche wie das kollektive Engagement nimmt entlang einer linearen Zeitentwicklung erst zu, dann stagniert es, kehrt sich um, und wird vom nächsten Zyklus überlagert.

Zugleich wissen wir, wie stark wir von eingewanderten und VON UNS ausgebildeten und beschützten Immigrantinnen und Immigranten – Asyl und nichtasyliert – abhängig sind, dass unsere älteren und hungrigen 7und pflegebedürftigen Menschen versorgt werden. Wir wissen das, aber die faschistischen Parteien AfD und BSW und viele andere Gruppen können sich gar nicht vorstellen, nur von Inländern humanitär und gesundheitsorientiert und überlebensklug unterstützt zu werden – trotzdem gewinnt der Pöbel mit ausländerfeindlichen Parolen die Wahlen. Warum wohl?

Solange die Herkunft und nicht die auf die Zukunft gerichtete Lebenspraxis ideologisch im Vordergrund einer „Heimat“-Ideologie bleibt, wird die Kluft in der Bevölkerung immer größer. (Wo kommen denn die her, die sich jetzt so „deutsch“ gerieren?). Und wie geht es weiter?

Bildung, Ausbildung, Fürsorge – wissen wir, wird aber wahltaktisch und auch aus deutsch-identitärer Überzeugung (von vielen, NICHT allen) nicht richtig gefördert. Aber alle diese Reformen, die viel weniger kosten als Bundeswehr, Sozialhilfe und IT, all diese Reformen verfehlen ihr Ziel ohne empathische Politik für Ankommende, wie auch immer Ankommende, die bleiben. Wollen und Sollen, oft Müssen.

Gehen wir 120 Jahre zurück. Georg Simmel, wohl der beste deutsche Soziologe dieser Zeit, schreibt in seiner Soziologie (1908, hier Frankfurt 1992, Suhrkamp) einen Exkurs über den Fremden (S. 764-771). Dieser Exkurs, neben zwei weiteren über die soziale Begrenzung und die Soziologie der Sinne, kommt spät, im 9. Kapitel über den Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft. Manches darin könnte heute aktuell sein, so die Objektivität des Fremden (766f.), und eine nicht banale Feststellung: „Der Fremde ist uns nah, insoferne wir die Gleichheiten nationaler und sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden. In diesem Sinne kommt leicht auch in die engsten Verhältnisse ein Zug von Fremdheit“ (769).

Liest man den ganzen Exkurs, dann sieht man auch was man hätte über Jahrzehnte und aus vielen Erfahrungen hätte besser lernen können, bzw. was manche wirklich gelernt haben. Es gibt ja die vielen NGOs und Einzelpersonen und -gruppen, die mit den Fremden (konkret hier: den Asylsuchenden) menschlich umgehen und nicht die Andersartigkeit, „Fremdheit“ konstruieren, um sie auf Abstand zu halten oder zu entfernen. Implizit bedeutet das übrigens auch eine Entsprechung im Bewusstsein und der Wahrnehmung der Fremden, was „uns“ betrifft. Wo stoßen die Fremden auf eine Gesellschaft und nicht auf lauter Einzelpersonen?

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Ich mache hier keinen Übergang in eine Soziologie-Seminar. Aber wenn man liest, wie früh sich Vergesellschaftung als Zielpunkt gesellschaftlicher Analyse herausgestellt hat, dann fragt man sich schon, wie es zu den unterkritischen Diskursen um Ausländer und Geflüchtete kommen konnte und kann, gerade bei denen, die menschliche Hilfe jetzt schon brauchen und brauchen werden, und von sog. „Deutschen“ gar nicht bekommen können.

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Habt einen guten letzten Tag im Jahr. Jede(r) ist für andere fremd oder nicht.