Judenstaat? Jüdisch? Fragen

In letzter Zeit steigen die die Auswanderungszahlen von jüdischen Israelis. Hier zunächst keine Begründungen.

Die Zahl der Israelis, die ihr Land verlassen, nimmt zu. Im Jahr 2023 waren es 24.900, im Vorjahr waren es 17.520. Dem entgegen kehrten im Jahr 2023 nur 11.300 Israelis zurück. (https://www.israelnetz.com/israelis-wandern-vermehrt-aus/ . Interessante Begründungen: Nicht der Krieg, sondern der Premierminister…

Andere Statistiken gehen bis auf 35.000 in 2023 und über 50.000 in 2024 hoch

Egal. Es geht nicht um Quantität, sondern darum, dass viele Menschen in Israel den jüdischen Staat in einen Judenstaat zurückdrehen wollen, und das ist keine Entwicklung.

Man muss aber die Entwicklung vom Judenstaat zum jüdischen Staat kennen, um zu wissen, wie sehr die jetzige, teilweise faschistische Regierung diese Entwicklung umkehrt, vor allem mit den meisten Siedlern, den meisten ultra-orthodoxen Religiösen, den meisten Gefolgschaften für Netanjahu.

Und man hat offiziell vergessen, dass Netanjahu die Hamas im Gaza gefördert hatte, damit die zivile Regierung in den palästinensischen Gebieten geschwächt wurde. „Laut der rechtskonservativen Website Mida hat Netanjahu seiner Likud-Partei 2019 erklärt, man müsse zulassen, dass die Hamas finanzielle Unterstützung aus Katar bekomme – das sei ein Schlüsselfaktor dafür, einen palästinensischen Staat zu verhindern. „Das ist Teil unserer Strategie: Eine Trennung zwischen den Palästinensern in Gaza und im Westjordanland herbeizuführen“, sagte er.“ Man kann das zurück und weiterverfolgen, der 7.10. schafft eine weitere Wende nach einer insgesamt negativen Entwicklung (Netanjahu wollte Palästinenser spalten – und spaltete Israel: Felix Tamsut, 21.01.2024, und in DW mehrfach).

Ich werde jetzt und an dieser Stelle nicht die Entwicklung seit der Entstehung des Zionismus und seit dem wichtigen Wechsel vom Judentstaat zum jüdischen Staat nachzeichnen. Aber dies ist der Auftakt zur Rekonstruktion einer Entwicklung, in der viele jüdischen Menschen in Zukunft den Judenstaat des Trumpnetanjahu weniger als ein jüdisches Leben außerhalb Israels bevorzugen werden.

Fortsetzung folgt.

Israel, Palästina

Michael Daxner

Israel, Palästina.

2.7.2025

Liebe Leserinnen und Leser!

In diesem Blog fasse ich wichtige Gedanken und Erfahrungen zu den Konflikten in Israel und Palästina zusammen, mit mehr Gewicht auf historische und politische, auf kutlurelle und ethnische Hinweise als auf gewichtige Schlussfolgerungen. Es handelt sich sozusagen um eine Folie, die zu aufklärenden und diskussionswürdigen Zwecken angereichert werden kann. Ich werde mich bemühen, Ihnen eine Vorstellung von der Komplexität eines Konflikts im Nahen Osten zu geben, die im Allgemeinen weder von der Politik noch den Medien hinreichend dargestellt wird.  Dieser Vorwurf hat selbst Hintergründe, die durchaus analysiert werden können, wenn nötig. Andererseits ist es schwierig, sich in die vorhandene und teils kontroverse, teils sehr schwierige Fachliteratur so hineinzuarbeiten, dass man die kurzfristigen Veränderungen der Situation auch noch mitverfolgen und bewerten kann. Damit gebe ich auch schon meine Grenzen an, und ich erwarte Kritik, Fragen und Stellungnahmen zu diesem Text: dafür danke ich jetzt schon. In dieser Fassung habe ich trotz meiner großen Bibliothek und Literaturkenntnis häufig Wikipedia u.ä. angegeben, wenn das schnelle und tragfähige Einlesen im Vordergrund steht. Es ist klar, dass die differenzierte Beschäftigung einen dann sehr viel weiter führt. Im Rückblick auf eigene Erfahrungen in Israel, auf Exkursionen und Lehrveranstaltungen und auf Diskussionen über viele Jahre hinweg kann ich nur sagen, es wäre gut, wenn sich mehr Menschen mit der wirklichen Geschichte dort auseinandersetzten und nicht die sicher oft angenehmen Illusionen zu Juden und Palästinensern immer weiter trügen. Wenn Sie Rückfragen und Kommentare haben: herzlich willkommen; meine Selbstdarstellung unterbleibt weitgehend, das wäre ein anders gestalteter Zugang.

Eine grundsätzliche These stelle ich an den Anfang: der auch in Deutschland umstrittene deutschisraelische Philosoph Omri Boehm vertritt die These, dass man das Thema mit einander ausschließenden mehreren Antworten nicht einer Wahrheit unterordnen kann; wenn es mehrere Antworten gibt, dann bedarf es eines übergeordneten Begriffs, der uns leiten sollte, für ihn – und mich – ist das die Gerechtigkeit (Boehm 2023).

Nach dieser Einleitung kann ich zum Thema kommen, Israel und Gaza vor und nach dem 7. November 2023.

Ich beginne mit einem Hinweis auf die Terrorgruppe des 7. Oktober, die Hamas, ohne die man das Thema nicht diskutieren kann, und beziehe mich dabei auf ein informatives Buch, das uns in mehrere Ebenen des Geschehens einführt: Joseph Croitorou: Die Hamas – Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel (Croitoru 2024). Der Titel enthält auch die Richtung der Auseinandersetzung, nicht aber eine Parteinahme. Bitte informiert euch über die Geschichte des Autors (Joseph Croitoru Wikipedia (7.6.2025). Man kann in diesem Buch die Geschichte des Verhältnisses von Israel zur Hamas vor dem 7.10. und seither lernen – und zum zweiten, aktuellen Teil gibt es ja unübersehbar viele journalistische und wenige wissenschaftliche Vergleichstexte[1], zum ersten Teil aber wird es schwieriger. Woher kommt die Hamas, was war und ist ihr Verhältnis zu anderen Organisationen – arabischer, islamischer, politischer Herkunft, und zum Staat Israel bzw. aktuell zur Regierung Netanjahu[2].  Soweit meine Einleitung.

^          Was müssen Sie wissen, damit Israel in den richtigen Koordinaten Ihres kritischen

Bewusstseins kommt, und ähnlich, nicht identisch, gilt das für Palästina? Fangen wir mit den Juden an, und da kann man entweder viertausend Jahre zurückgehen, was mehr als aufwändig und anstrengend ist, oder ein Jahrhundert und ein paar Jahre zurück. Breiten wir jetzt nicht gleich die Vielschichtigkeit von Theodor Herzl[3] aus, sondern konzentrieren wir uns auf die Entscheidung, die Jüdische Migration in den Nahen Osten, in das ehemalige Land der Bibel, nach Palästina zu platzieren.[4] Hier fängt das Problem schon an: es gibt eine Hauptströmung, nennen wir sie Zionismus[5], es gibt eine kontroverse Strömung, den revisionistischen Zionismus[6], es gibt starke antizionistische Bewegungen[7], es gibt religiöse Varianten von allen.

Das alles ist bis heute kontrovers…Ein kleiner Aperitif: wenn Sie die Entwicklung der Politik und die Partei von Netanjahu nicht kennen, dann sagt Ihnen vielleicht ein Faktum etwas:

Knesset Debate Print article. Rachel Fink Noa Shpigel Jun 10, 2025 8:50 „pm IDT Galit Distel Atbaryan, a Knesset member from Benjamin Netanyahu’s Likud party, ordered MK Gilad Kariv of the Democrats party, who is also a Reform rabbi, removed from a Knesset meeting on Monday after a heated discussion, suggesting Reform Jews aren’t „real Jews.“

Reformjuden sind also keine richtigen Juden. Reicht das zur Charakteristik von Netanjahus Partei und Politik? Aber wie kommt es in Israel dazu? Und dieses Beispiel hat großes, auch historisches Gewicht für die letzten Jahrzehnte. Aber zurück an die Hauptlinie.

*

Es macht Sinn, weit zurück zu gehen, auch um zu verstehen, wie wir mehrere Blasen aufbauen konnten, die die Wirklichkeit überbauten. Lassen Sie mich fragen: Sagt Ihnen die Unterscheidung von Judenstaat und Jüdischem Staat etwas?[8] Allein die unterschiedlichen Erklärungen dieser Differenz füllen Debatten und Thesen. Wir kommen nicht um etlichen Spannungen herum, die man für diese Begriffe, selbst vor jeder Politik des Staates ab 1948, verstehen muss, um zu wissen, was sich hinter und unter den Titeln verbirgt. Herzls „Judenstaat“ ist vielleicht noch erklärbar aus dem damaligen Nationalismus-Gründungsgedanken. Aber würde das ein Staat werden können, der nur für Juden strukturiert wäre, und alle anderen sollten – ja, was? Minderheiten sein? – Natürlich wurde das schon damals diskutiert, und mit dem Beginn des Zionismus war eine Spaltung relevant: Warum wollten die Jüdinnen und Juden in Westeuropa, in Deutschland zumal, einen Nationalstaat – und warum wollten die jüdischen Zionisten aus Osteuropa, zumal Russland, Polen, einen solchen? Warum ging es um Staat und/oder Gesellschaft? Warum ging es um die Sprachfrage: Hebräisch[9] oder Jiddisch[10], gar Deutsch? Und welche Rolle spielte die Religion?

             Das sind alles wichtige Fragen, deren Antworten Sie auch zu Entscheidungen führen können.

             Aber wenn wir bei Palästina sind, Israel gibt es ja erst ab 1948, dann müssen wir schon auch das verdrängte postkoloniale Diskurserbe hervorholen: Das Land war ja im Osmanischen Reich und nach 1918 hat Großbritannien schnell versucht, koloniale

Herrschaft zu erreichen. Lassen wir die Details, dann bleibt doch, dass mit Herzls Nachfolgern der Judenstaat wohin projiziert wurde, wo ein anderes Reich eigentlich geherrscht hat, und dass alle Auseinandersetzungen zwischen 1918 und 1948 immer das Dreieck Juden-Palästinenser-Briten im Zentrum hatten, abgesehen von vielen anderen Akteuren. Die britischen Positionen – von der Balfour Deklaration[11] bis zur Geschichte des Gazastreifens12 – sind eine der großen Leerstellen u.a. des deutschen Bewusstseins für die Region, und das ist keine Marginalie. Genauso wenig, wie die pro-jüdischen und antisemitischen Positionen der Politiker, die vor 1948 – teilweise auch danach – eingegriffen haben, nicht automatisch aus Dokumenten und Verträgen, aber auch politischen Entscheidungen abgelesen werden können.

Lassen Sie mich einmal sofort auf die Kehrseite meiner jüdischen Geschichte springen, und zum Gaza bzw. zur Westbank wechseln: die Seite sollte man schon auch kennen, wenn man sie bewerten will, und zwar sowohl aus der Sicht der jüdischen Besiedlung vor und nach der zionistisch geprägten Einwanderung als auch nach 1948 und eben bis jetzt. Schon die Frage, wer und was und woher die Palästinenser kommen und wie sie „sind“, ist kompliziert, weil die Einigung auf eine Definition immer und notwendig parteiisch ist. Aber wenn wir heute die Geschichte abkürzen, dann konzentrieren wir uns auf zwei Linien: die Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und zunehmender Jüdischer Ansiedlung vor 1948 in eben dem oben beschriebenen Dreieck, und die Geschichte der Nakba nach dem Sieg der israelischen Verteidigung nach dem Angriff auf den neugegründeten Staat nach der teilweisen Vertreibung bzw. Isolierung der Palästinenser.13 Wir können und sollen auch diskutieren können, wie gerade in Deutschland und Österreich die Beziehung von jüdischen und palästinensischen Menschen im gesellschaftlichen Konglomerat von Politik, meist laizistisch, und Religion, meist islamisch, auch christlich, drusisch, zur mehr als einer Spaltung geführt hatte, in der auch das Attentat von 1972 hineinspielte14. Aber mein eigenes Erleben war auch geprägt vom einzigen offiziell-politischen Besuch mit Ministerin Helga Schuchardt in Israel, wo ich hauptsächlich die unterschiedlichen Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen im Ressort hatte, aber natürlich schon viel(e) andere Seiten kannte. Bei den Gesprächen mit arabischen/palästinensischen Politikerinnen war es nicht gut möglich, die aktuelle Politik – Kooperation x Konfrontation – von der Geschichte der Arafat-Genese zu trennen, und damit indirekt auch die deutsche NS-Geschichte aufscheinen zu sehen (Lebl 2003)15. Aber wichtig und bereits erwähnt ist der Wechsel von der eher laizistischen PLO zur religiös inspirierten Hamas (Vgl. FN 2, den gesamten Text lesen).

Zehntausende jüdischer Emigranten sind freiwillig aus Israel ausgewandert, viele von ihnen zu uns nach Deutschland, viele aus Gründen der Abkehr von dem ultra-religiösen Durchmarsch der jetzigen Regierung bzw. ihrer Vorgänger unter Netanjahu, andere aus wirtschaftlichen, manche aus kulturellen Gründen – und ja, etliche suchen im religiösen Pluralismus hier eine für sie erträgliche Variante. Aber wahrscheinliche ist die laizistische Migration die größte, und die Politik des Zerntralrates und der jüdischen Organisationen hat nur einen beschränkten Einfluss auf die Einwanderung von ca. 30.000 jüdischen Menschen in Deutschland, die in Kontrast zur überalterten jüdischen Gemeinde-Mehrzahl stehen, welche wiederum in orthodoxe, konservative und liberale Gemeinden aufgespalten ist, von laienhaften Jüdinnen und Juden, die keiner Gemeinde angehören, abgesehen16. Viele – bei weitem nicht alle – fühlen sich zunehmend in Deutschland verunsichert, verfolgt, ausgegrenzt17.

             Eine ähnliche Migrationszusammenfassung, bezogen auf Israel und Gaza, oder auf Palästinenserinnen und Palästinenser in Deutschland ist schwieriger. Aber da Sie ja die vielen pro-palästinensischen Kundgebungen und Proteste kennen, können Sie schon die Herkunft der Protestierenden nachvollziehen, und da sind natürlich auch die deutschen Unterstützerinnen und Unterstützer dieser Proteste. Und beachten Sie bitte die Kritik an der Kritik dieser Kundgebungen[12]

*

             An dieser Stelle muss die brisante Schlüsselfrage gestellt werden, ob und wie Israel und die Palästinenser jeweils und auch gemeinsam gerecht, richtig und zukunftsweisend gehandelt haben. Und in die Antwort muss auch einfließen, warum und wozu wie gehandelt wurde, und wer wie interveniert hatte. Dabei ist klar, dass das, was innerhalb der Gesellschaft geschieht und das, was der Staat nach innen und außen tut, nicht deckungsgleich sind.

             Da wir hier nicht in der Universität, sondern im öffentlichen, politischen Diskursraum sind, kann und soll die Antwort nicht abstrakt akademisch ausfallen, sie muss schon ethisch und in einen wirklichkeitsnahen Zusammenhang gebracht werden. Darum muss ich mich und müsst Ihr euch, müssen Sie sich fragen, was an dem Thema für wen interessant ist. Angesichts der Medienflut keine abstrakte Frage.

             Bevor ich abschließend zu den ganz aktuellen Ereignissen komme, habe ich zwei vorläufige, aber vielleicht orientierende Antworten. Erstens: wenn wir die ganze Vorgeschichte und Vielschichtigkeit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, v.a. der europäischen vor 120+ Jahren, einmal beiseite lassen und abwägen, was wirklich geschehen ist, dann können wir die zunehmende Durchführung der jüdischen Staatsgründung als gesellschaftlich relativ späte Nationalisierung des Judentums ansehen. Vergleiche sind da vielfach möglich. Dass so etwas fast immer mit Landnahmen und territorialen Verschiebungen vor sich gegangen ist und zT. heute noch geht, ist politisch und moralisch immer prekär – und jede Rechtfertigung muss über den machtpolitischen Realismus hinausgehen und ethisch wie humanistisch begründbar sein. Stellen wir dazu Fragen, bevor wir mit den Antworten umgehen. Zweitens ist meine Antwort kompliziert: weil die Juden und Jüdinnen im Zuge v.a. des Zionismus sich für ein Land entschieden haben[13], spielt sich ihre nationale Festsetzung dort ab – also im Kontext einer komplexen historischen Wirklichkeit und nicht als abstraktes politisches Spiel der Herrschenden. Man beginnt, sich mit dem Osmanischen Reich, mit dem britischen Empire, mit Deutschland, mit dem Vatikan etc. auseinanderzusetzen, und nach 1918 wird alles noch einmal anders, und über die Geschichte von Kooperation und Konfrontation, über Freund- und Feindschaften, über britische Dominanz etc. müssen wir im Zeitlauf genauso reden, wie, ob die Shoah die Staatsgründung oder der vorgängige Zionismus begründet hat.

             Ein zweiter Hinweis ist mir wichtig: Wenn man die versuchten und gelungenen Staatsgründungen des 19. Jahrhunderts, national und/oder kolonial, postkolonial betrachtet, gibt es in dieser Hinsicht wenig Grund, die jüdische Intervention in Palästina gesondert-negativ herauszugreifen. Es gab und gibt hier immer ethische Verwerfungen, und es kommt nicht so sehr auf ihr Faktum als ihre Bewältigung an.

Ich hatte schon einige gesellschaftliche Spaltungen erwähnt, Ashkenasen versus  Sepharden, Sprachdiversionen: Hebräisch, Jiddisch, Sephardisch, Staatsorientierung versus gesellschaftlich emanzipierte Einbettung etc. und all das in einem kleinen Gebiet, das auch noch von den Briten vor allem geformt wurde, lange vor 191820.

            Wie also soll, kann, darf ich nach der historischen Darstellung die letzten Ereignisse bewerten. Ich gebe dazu einen Rat: Lest genau die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern. Mit einer schrecklichen Zäsur: „Am 4. November 1995 wurde

Ministerpräsident Rabin vom rechtsradikalen jüdischen Studenten Jigal Amir in Tel

Aviv erschossen. Rabins Nachfolger wurde Schimon Peres. Peres führte die Friedenspolitik Rabins weiter und trat Anfang 1996 die Verhandlungen über den permanenten Status in Taba an.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Oslo

Friedensprozess) (17.6.2025). Jigal Amir war nicht einfach rechtsradikal, er war ultrareligiös21. Darüber müssten wir ausführlich sprechen, um die heutige Situation noch besser zu verstehen. Und wir müssen auch darüber sprechen, warum weltweit die Politik durch eine über alle Konfessionen sich ausbreitende Radikalisierung der Religion unter Druck gesetzt wird. Für Israel bedeutet das zu erklären, warum das

sowohl innerhalb der Judenschaft als auch in Palästina die laizistische Nationalbewegung ausgebremst hat.

Hier würde ich sonst zu einem Abschlusstatement übergehen. Nun muss man aber zum Angriff auf den Iran Stellung beziehen, und viele – die Israel wegen Gaza kritisieren – sind sehr positiv zu diesem Akt gestimmt, und das Völkerrecht ist hier in sich gespalten, weil man natürlich nicht warten kann, bis die Atomwaffen einsatzbereit sind (DLF 19.6.2025, 8.10). Tendenziell ist der Artikel in

der ZEIT zu Netanjahu gut ausgewogen, aber er greift zu kurz mit der Personalisierungidee. Es fehlt teilweise der Hintergrund22. Nicht zufällig  argumerntiert der Neue Historiker Benny Morris am 22.6. in der FAZ ausführlich über das jüdisch-palästinensische Verhältnis aus relativ ausgewogener Sicht (Israelischer Historiker Benny Morris: Das iranische Regime ist sehr stark , 20250622)23. Die Literaturliste ist wichtig: Benny Morris Wikipedia.

Zur Kriegsentwicklung kann ich jetzt nur vorläufig sagen, dass Israel damit strategisch eine stärkere Einbindung von Trump als Unterstützer anstrebt – und das Zeitfenster internationaler Akzeptanz ausnützt, das ihm bei Gaza weitgehend verweigert wird. Das ist eine sehr fragile Rechnung, ich bin eher skeptisch.

Zum Abschluss des Abschlusses. Haltet euch informiert, d.h. verlasst euch nicht auf offizielle Darstellungen der Regierungsorgane und Botschaften. Das ist ein hartes Urteil, aber ich stehe dazu, ebenso wie ich meine, dass wir der deutschen Doppelpolitik von Staatsräson und internationalem Völkerrecht nicht ohne weiteres folgen können, auch wenn wenn wir ihr weitgehend zustimmen. Ein Dilemma für alle von uns.

Nicht annähernd alle Aspekte der Situation habe ich hier eintragen können, aber die wichtigsten. Ich empfehle als Information regelmäßig die englische Version von Haa‘retz, der BBC London, der New York Times, in Deutschland der SZ und des

Tagesspiegels, des Deutschlandfunks, konservative Kontrollen der liberalen

Meinungsbildung über die Jerusalem Post, FAZ und die NZZ. Ich stehe für Rückfragen mit einer sehr viel umfangreicheren Bibliothek zur Verfügung.

             Ich danke für Eure und Ihre Aufmerksamkeit. Zum Übergang in die Diskussion empfehle ich noch ein Buch, zu dessen Autorin ich einiges beitragen kann: (Horvilleur 2024) „Wie geht’s? Miteinander sprechen nach dem 7. Oktober“. Das sollten wir immer.

Zitierte Literatur:

Avineri, S. (2016). Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates. Berlin, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Berlin.

Bodenheimer, A. R. (1996). Rabins Tod. Zürich, Chronos.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Brenner, M. (2002). Geschichte des Zionismus. München, Beck.

Bunzl, J., Ed. (1980). Israel/Palästina. Hamburg, Junius.

Cohen, J. (2021). The Netanyahus. New York, NYRB.

Croitoru, J. (2024). Die Hamas – Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel. München, C.H.Beck.

Harkabi, Y. (1979). Das palästinensische Manifest und seine Bedeutung. Stuttgart, Seewald.

Herzl, T. (1985). Der Judenstaat. Königstein, Athenäum.

Horvilleur, D. (2024). Wie geht’s? Miteinander sprechen nach dem 7. Oktober. München, Hanser.

Khalidi, R. (2024). Der hundertjährige Krieg um Palästina. Zürich, Unionsverlag.

Klein, J. (1982). Der deutsche Zionismus und die Araber Palästinas. Frankfurt/New York, Campus.

Langer, F. (1994). Brücke der Träume. Göttingen, Lamuv.

Lebl, l., Zeni (2003). Hadz-Amin in Berlin. Beograd, Cigoja stampa.

Oz, A. (2016). Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Suhrkamp.

Segev, T. (2005). Es war einmal ein Palästina. Berlin, Siedler.

Segev, T. (2007). 1967 – Israels zweite Geburt. München, Siedler.

Shibli, A. (2023). Eine Nebensache. Berlin, Berenberg.

Wetzel, D., Ed. (1983). Die Verlängerung der Geschichte. Frankfurt, Neue Kritik.

Yehoshua, A. B. (1992). Mr. Mani. New York, Doubleday.

michaeldaxner@yahoo.com

Feuerbachstraße 24-25

14471 Potsdam

Der Text kommt auch in meinen Blog: http://michaeldaxner.com


[1] Hier kann ich bei Nachfrage Auskunft geben. Keine einfache und schon gar nicht einseitige Auswahl. 

[2] Für ganz eilige LeserInnen empfehle ich den Abschluss „Ausblick“ S. 193f. des Buchs, das insgesamt eine wesentliche informative Grundlegung ist. Vgl. auch Freiburger Horizonte Joseph Croitoru Freiburg Institute for Advanced Studies (20250611).

[3] Herzl, T. (1985). Der Judenstaat. Königstein, Athenäum.

               , Avineri, S. (2016). Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates. Berlin, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Berlin.

[4] Tom Segev hat eine breite Darstellung über das 20. Jahrhundert geleistet. Ich empfehle hier vor allem Segev, T. (2005). Es war einmal ein Palästina. Berlin, Siedler.

[5] Oz, A. (2016). Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Suhrkamp.

                Hier kann man die Entwicklung aller Spielarten des Zionismus in der Rückschau von Oz genau studieren, subjektiv und objektiv, das Buch ist 2001 geschrieben, Oz ist 1939 geboren und wohl der wichtigste Vertreter von Geschichte UND Literatur zum Thema. 

[6] Vgl. Revisionistischer Zionismus Wikipedia (8.6.2025), Brenner, M. (2002). Geschichte des Zionismus. München, Beck.

[7] Antizionismus Wikipedia (19.6.2025). Vorsicht: die gute Übersicht verbindet die Darstellung auch mit muslimischen, arabischen, christlichen, internationalen Antizionismen, und da gehen vielen Ausgangspunkte gegeneinander quer. 

[8] Der Judenstaat Wikipedia (11.6.2025), Der Begriffsweg vom Judenstaat zum jüdischen, oder jüdisch-demokratischen Staat hat einen mehrfach gebrochenen Staatsbegriff und eine bis heute nicht gelöste Dualität von ethnischer und religiöser Begriffsdominanz zum Thema. Deshalb nehmt euch Zeit, dem nachzugehen, wenn es euch interessiert. Im Übrigen ist das ein bis heute lebendiges Thema auch der israelischen Belletristik, neben den bereits erwähnten AutorInnen empfehle ich sehr Yehoshua, A. B. (1992). Mr. Mani. New York, Doubleday.

[9] Hebräisch Wikipedia

[10] Jiddisch Wikipedia

[11] BalfourDeklaration Wikipedia (15.6.2025): „Damals befand sich Palästina noch im Machtbereich der Osmanen. Die damalige britische Regierung unter Lloyd George versprach sich von der Zusage an die zionistische Bewegung Vorteile in der Mobilisierung zusätzlicher Ressourcen während des Krieges und auch langfristige strategische Vorteile.“ Diese Zusammenfassung erklärt nicht im Mindesten die anhaltenden Diskussionen um die Zielrichtung des multiethnischen Territoriums und der zionistischen Hauptlinien. 

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Palaestina_Staat (2.7.2025). Das erklärt, trotz „Vorgeschichte“ nicht die Essenz des Begriffs Palästina. Der Artikel gibt aber hinreichend viele Hinweise auf Quellen. Ein Problem ist, dass die Landesbezeichnung/der künftige Staatsname nicht wirklich die ethnische Herkunft und gesellschaftliche Gliederung der Palästinenser erklärt, und hier ist ein Singular unangemessen.

[13] Andere Länder waren im Gespräch, z.B. Uganda…Dass sich das alttestamentarische Kernland relativ schnell fixieren ließ, hat seine eigene Geschichte und zeigt deutlich die komplizierte Spaltung in Ethnie und Religion.

Kleine Literaturauswahl: Harkabi, Y. (1979). Das palästinensische Manifest und seine Bedeutung. Stuttgart, Seewald.

 , Bunzl, J., Ed. (1980). Israel/Palästina. Hamburg, Junius.                                          

 , Klein, J. (1982). Der deutsche Zionismus und die Araber Palästinas. Frankfurt/New York, Campus.

 , Wetzel, D., Ed. (1983). Die Verlängerung der Geschichte. Frankfurt, Neue Kritik.

 , Langer, F. (1994). Brücke der Träume. Göttingen, Lamuv.

 , Shibli, A. (2023). Eine Nebensache. Berlin, Berenberg.

 , Segev, T. (2007). 1967 – Israels zweite Geburt. München, Siedler.

 , Khalidi, R. (2024). Der hundertjährige Krieg um Palästina. Zürich, Unionsverlag.           

14 Die Rekonstruktion aus deutscher Sicht wird sehr häufig durch relativ geringe Wahrnehmung der Tektonik der israelischen Politik und der arabisch islamischen bzw. nationalen Umgebungskultur festgehalten, wobei es scheinbar einen theoretischen, de facto meist politisch-ideologischen Überbau gegeben hat, bei dem schon „die Juden“ eine besondere Rolle spielten, positiv oder fraglich. Wichtig im Kontext dieses Aufsatzes ist der besondere Bezug zu Deutschland. {Ash, 2025}

  1. Vgl. Mohammed Amin alHusseini Wikipedia,  Jassir Arafat Wikipedia (15.6.2025), u.v.m.
  2. Jüdische Menschen in Deutschland: „Im Jahr 2023 registrierte der Zentralrat der Juden 90.478 Juden in den deutschen Gemeinden und Landesverbänden. Seit dem Jahr 2005 fallen die Mitgliedszahlen in den jüdischen Gemeinden kontinuierlich ab. Weltweit ist die jüdische Bevölkerung hingegen am wachsen.“ (Statista Research Department, 04.06.2025). Nicht religiöse Jüdinnen und Juden sind schwer abzuzählen, meiner Schätzung nach aber ca. ebenso viele, sowie einige Sektengruppen. 
  3. Das ist ein besonderes Problem, weil die über bestimmte Medien jeweils dargestellte Ausgrenzung und Verunsicherung jüdischer Menschen und Gruppen oft nicht mit anderen Wahrnehmungen übereinstimmen. Eine nachhaltige Abwehr antisemitischer Wahrnehmungen im akademischen Bereich ist das Netzwerk

Jüdischer Hochschullehrender (NJH)  info@n-j-h.de website: www.njh.de . Aber wie überall gibt es ein

Problem, welche Auseinandersetzungen konkret antisemitisch sind und welche in anderen politischen Koordinaten stehen. Deshalb gehe ich hier konkret auf keine der vielen Organisationen ein, sondern diskutiere sie je einzeln, wenn sie im Diskurs aufscheinen. 

  • Vgl. dazu die letzten beiden Kapitel von Yehoshua, wo die vielfältigen nationalen Hintergründe von früher Eingewanderten subtil ausgebreitet werden Yehoshua, A. B. (1992). Mr. Mani. New York, Doubleday.
  • Mein enger Freund Aron Bodenheimer hat noch 1996 einen umstrittenen, religionskritischen Essay dazu geschrieben: Bodenheimer, A. R. (1996). Rabins Tod. Zürich, Chronos.

 Vor allem ab S. 36 kann man Linien direkt bis zur Gegenwart ziehen. Bodenheimers tief gebildete Religionskritik ist erheblich zum Verständnis der heutigen Konfrontationen, v.a. innerhalb der Religionen und gegeneinander.

  • Jan Ross: Er meint es tödlich ernst. ZEIT #26, S.2 . Dazu bräuchte es die Geschichte der Familie weiter ausholend, die Herkunft des Likud, und Personalia wie z.B. die Geschichte der Klausners bei Amos Oz (Oz, A.

(2016). Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Suhrkamp.

 Des weiteren „The Netanjahus“ von Joshua Cohen Cohen, J. (2021). The Netanyahus. New York, NYRB.

 Die Wahrnehmung der wirklichen Geschichte Israels und der Palästinenser ist durch eine besondere Ablenkung der deutschen Identifikation mit dem Land und seiner Gesellschaft verbunden. Das findet sich vielfach und kritisch in der Literatur. Und jedes Beispiel für die eine oder andere Seite sollte man kritisch hinterfragen. Vgl. Es gibt sehr wenig Wissen zur deutschen Rolle im Konflikt“ | dis:orient (19.6.2025) ist eines der Beispiele, ich habe es wegen des Titels herausgesucht. Wichtiger scheint mir der große Aufsatz von Timothy Garton Ash zu sein: FN 14

  • Hört euch das bitte an: diese Sicht kann so etwas wie der Minimalkonsens über die Geschichte der

Konfrontation sein, seit den 1920er Jahren. Wichtig erscheint mir die Kritik an England und an der NakbaIllusion von arabischer Seite, sozusagen als Gegenbild zur Illusion auf israelischer Seite. Am besten auch das Buch lesen:  Benny Morris:  Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems: Eine Neubetrachtung  – 1. Mai 2025, von Gesellschaft für kritische Bildung (Herausgeber).

Deutsch-Israelische Verbindung, ergänzungsbedürftig

Der Krieg im Gaza weckt viele Assoziationen. Wissenschaftliche, kulturelle, journalistische. Alles, was dazu gesagt und geschrieben wird, bekommt eine gewisse Entfernung zu unseren festgelegten Vorstellungen und dem, was wir zu wissen meinen, und je nach Distanz dann zu positiven und negativen Urteilen. Wenn wir einigermaßen viel wissen, dann erweitern wir diese Urteile um Beziehungen, z.B. von Gaza mit der West Bank, oder zwischen Netanjahu und seinen faschistischen und ultrareligiösen Koalitionären: das befestigt beides, Urteile und Vorurteile. Omer Bartov rezensiert 11 Texte zum Gaza, und schreibt einen harten zwölften (Bartov 2025). In einer langen und extrem genauen Einleitung vor den Rezensionen vergleicht Bartov die Struktur des aktuellen Konflikts mit den Deutschen und Hereros 1904. Er vergleicht, setzt nicht gleich. Aber die Herabsetzung der Hamas, zum Teil als Tiere (drusischer Generalmajor), und ihre Gleichsetzung mit Nazis (Dina Porat 2023) zeigen die Wirklichkeit der Auseinandersetzung, keine hegelianische Draufsicht auf eine Schlacht. Bartov erwähnt nicht die frühere Beziehung von Netanjahu zur Hamas, aber er geht weit in der Assoziation des jetzigen Kampfes in die Gewaltgeschichte, und was es mit der Tatsachen von den Juden als Weiße und der Hamas eben nicht-weiß auf sich hat. Dann ein Paradigmenwechsel, den ich schon wusste: Peter Beinart wandelte sich vom Israel-Fan zum scharfen Kritiker des Zionismus. Unbedingt lesen Peter Beinart – Wikipedia (25.5.2025) – und Bartov steigt jetzt in die Geschichte der Beziehungen zwischen Zionisten als immigrierte Juden und Palästinensern ein, mehrere wichtige Autoren, darunter der Enkel von Zygmunt Bauman, der sich – m.E. zu Unrecht – für „Apartheid“ ausspricht. Es steht hier noch mehr, aber wichtig ist die Rezensionskultur jenseits der politischen Verbarrikadierung, und wichtig sind zwei Bemerkungen: a) meine Geschichte der Zuneigung zu Israel ist ungebrochen, gerade und vielleicht zur Zeit weil ich Netanjahu ohne heimische Rücksicht angreife. Es geht bitte um Israel und um die Palästinenser und nicht einfach um deutsch-israelische Beziehungen. b) Bitte lest an dieser Stelle meinen Blog vom 25.5. zu Berest und vor allem zu Amos Oz. Zu Bartovs Essay eine Coda, wonach die jetzige Entwicklung des „Genocide in Gaza will finally liberate Israel of its status as a unique state rooted in a unique Holocaust“ (Weil der zweite Satzteil so nicht stimmt, kann die Prämisse auch nicht richtig sein, aber sie ist ein rhetorisch gefährliches Argument, was Bartov meint, ist klar.

Ich lese viel Kommentare und Metakommentare zu den Ereignissen in Israel, Gaza und der Region. Und immer, welche politischen Intentionen die beteiligten Großmächte ihrerseits kommentieren, USA, UN, Türkei, Iran, Saudis, Ägypten, etc. und wie das in Deutschland hervorgehoben oder minimiert wird. Kein Zweifel, einige Finger zeigen immer auf unser Land, wie soll Hegels Heimat objektiver sein als der Rest der Welt – oder moralischer?

Dazu schreiben Shimon Stein, ehemaliger Botschafter, und Moshe Zimmermann, Wissenschaftler und Journalist, eine heftige Kritik am wohlgepflegten Umgang der beiden Länder miteinander (Stein and Zimmermann 2025). Der komplexe Rückblick auf die Beziehungen wird analysiert und dann resümiert: „Jeder Rückblick muss sich auch von Mythen verabschieden, vor allem von dem Mythos, das Primat der Erinnerung an den Holocaust sei der entscheidende Faktor (oder Störfaktor), erst auf dem Weg zu diplomatischen Beziehungen, dann auf dem Weg zur erhofften „Normalisierung“ dieser „besonderen Beziehungen“ gewesen“. Die Normalisierung in „“ ist wichtig, denn was an den Beziehungen ist „normal“, inclusive der Formel von der Staatsräson?

Und noch etwas, eher nicht alltäglich. Wenn man die Geschichte und Wirkung des Zionismus (bitte hier nicht des revisionistischen Zionismus und der Antizionisten) auf- blättert, dann ist die Rückseite der Trumpfkarte, Palästina, unerlässlich, schon lange vor der Staatsgründung und Nakba und den vielen Konflikten und Kriegen davor und danach ((Segev 2001, Segev 2005, Khalidi 2024) u.v.m. Und zwar auch, wenn man auf israelischer Seite des jüdischen Staates steht, nicht des Judenstaates. Und heute ist die Hamas eben nicht deckungsgleich mit Palästina und den -ensern, aber ihre Geschichte geht auch zurück bis lange vor der Nakba und dem Wechsel von der Avoda zu den Revisionisten.

Natürlich reagieren sehr viele jüdische Intellektuelle auf den 7. Oktober, viele, die ich sehr schätze und etliche, die ich nicht wertschätze oder auch nicht verstehe. Reaktionen wie bei Eva Illouz oder Delphine Horvilleur beleben das Nachdenken. Dazu später. Beide kommen auch bei Lea Streisand vor (Streisand 2025), und da passiert mir typischerweise etwas, das immer häufiger vorkommt. Ich verstehe fast jeden Satz, aber ich verstehe den Kontext des Essays nicht, die Schlussfolgerungen, das eigene Befinden, das sich mitteilt. Beispiel: „Verzweiflung ist jeher Bestandteil der Jüdischen Kultur“ – Unsinn. Natürlich jeder Kultur. Nun bin ja nicht dumm oder oberflächlich lesend. Ich nehme die Verwirrtheit des Textes wahr, die nicht einer der Autorin ist, sondern das Resultat einer zu umfangreichen Verwirrung der Phänomene des 7. Oktober, aber mit dem Fehlen seines Zustandekommens. Man kann sagen, dass die Kritik der Handlungen und Ereignisse für sich nicht viel über das Zustandekommen aussagt. Das ist nicht trivial, bedenkt man Netanjahus frühe Verbindung zur Hamas.

Es gibt viele verwirrte, verwirrende Texte zur Wirklichkeit in Israel und Palästina, und es gibt doch Einsichten, oft unangenehme. Nicht nur persönlich, auch politisch, auch Deutschland in seiner besonderen Beziehung betrifft (als Österreicher sage ich, in meiner Heimat gilt das auch, aber anders. Darüber an anderer Stelle). Wenn es um Wahrheit(en) geht, halte ich Omri Boehm für wichtig: es gibt nicht eine Wahrheit, aber es gibt Gerechtigkeit (Boehm 2023, Boehm 2025). Immer wichtig ist, dass Kommentare zum Judentum und zu Israel, Gaza etc. nicht deckungsgleich, sondern überschneidend sind. Das wird in Deutschland schon kritisch verarbeitet, vor allem in der liberalen Presse: Israel und Gaza auch als Tandem (Vgl. SZ 7.5.2024 Kristiana Ludwig), oft auch hier historisch etwas zu kurz. Auch politisch-theologische Rahmenerzählungen sind für nichtjüdische Beobachter schwer zu verstehen, für jüdische oft verwirrend (z.B. ZEIT 10.4.2025 Avner Ofrath: Wo geht’s zur Freiheit?“).  Was wir verstehen, sind tatsächliche Maßnahmen für Menschen gegen den Strom, z.B. (Wahba 2025). Soviel Rettung, die von der Bürokratie in vielen Fällen verweigert wird, nicht nur in Israel und Gaza.

Nun ist seit wenigen Wochen die weltweite demokratische Kritik am Regime Netanjahu gegen die Menschen in Gaza, nicht nur gegen die Hamas, differenziert und universell, hat mit Judentum wenig zu tun. Aber gerade deshalb ist es wichtig, falsche Anklagen gegen Israel zu erkennen und zu kritisieren: „Warum der Vorwurf des Genozids und des Aushungerns gegen Israel historisch falsch, unehrlich und antisemitisch ist“, lautet der Untertitel eines längeren Aufsatzes von Eva Illouz (Illouz 2024) „Völkermord? Im Ernst?“.

Das nimmt nichts von Netanjahus Grausamkeiten, aber es muss sie einordnen. Illouz analysiert hier vor allem Völkerrecht, sie kritisiert die Verbindung der Klage des IGH von Israels  Regierungschef („extrem unehrenhafter Mensch und ein grauenvoller Staatschef“) mit dem Hams-Führer Mohammed Deif und nicht Mohammed Sinwar. Da muss man sich aber schon auskennen! Das alles analysiert und beschreibt Illouz ein halbes Jahr vor den Angriffen und der Aushungerung durch Israel in den letzten Wochen, und das ist auch wichtig: wann wer welches Urteil fällt. Die Zusammenlegung von Zeitspannen und Augenblicken ist ein oft probates Mittel, die Urteile über Konflikte zu verschieben oder zu verzerren.

Ich verlasse hier alle meine Analysen, laienhaft in vieler Hinsicht, der ausländischen Eingriffe in die israelische Politik, auch die offenkundig verlogenen und im Kern antisemitischen des Diktators Trump. Aber wichtig ist eine Verbindung des Diktators mit seiner Zerstörung von Wissenschaft und Kritik: Yale-Philosoph Jason Stanley: „Trump sieht die Universitäten als Feind“. Trump gehe es bei seinem Feldzug gegen die US-Universitäten nicht um Ideologie, sondern um Macht, sagt der US-Philosoph. Trumps Ziel sei es, das Universitätssystem zu zerstören, so wie es alle Autokraten tun. Der Satz ist wichtiger als vieles: denn es rechtfertigt nicht, auch in Fragen des Judentums und Antisemitismus, den USA Vorzug vor anderen Diktaturen zu geben.

Und wieder mein Zusatz: wie soll man denn mit den pro-Hamas meist ausländischen Studierenden umgehen? Das gilt für die USA wie für Europa, wie für Berlin. Diese Bande ist auch ein Produkt falscher Toleranz statt kritischen Umgangs mit Eingewanderten – v.a. aus dem Nahen Osten insgesamt. Jetzt ist der Korridor der Abwehr schmaler und geschwächt, hier wie dort.

Das ist nicht mein letzter Kommentar zur Wirklichkeit des deutsch-israelischen Konflikts, der Frage nach dem Sinn der Staatsräson, der Kritik an den lückenhaften historischen Festlegungen. Er ist auch unfertig, lasst das Judentum, mich jüdischen Menschen, auch dazu lernen, aber nicht ahnen.                                                                                                                              

Deutschland und Israel: Antisemitismusbeauftragter warnt vor Missbrauch der „Staatsräson“ 25.5.2025 (RND)

Bartov, O. (2025). „Ìnfinite License.“ `NYRB LXII(7): 54-58.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Boehm, O. (2025). „“Schaut auf Buchenwald“.“ ZEIT 2025(15).

Illouz, E. (2024). „Völkermord? Im Ernst?“ SZ(29.12.2024).

Khalidi, R. (2024). De hundertjährige Krieg um Palästina. Zürich, Unionsverlag.

Segev, T. (2001). One Palestine, complete. Jews and Arabs under the British Mandate. London, Abacus.

Segev, T. (2005). Es war einmal ein Palästina. Berlin, Siedler.

Stein, S. and M. Zimmermann (2025). „Wir sprechen unterschiedliche Sprachen.“ ZEIT 2025(19).

Streisand, L. (2025). „Antisemitismus: Empathie ist nicht die Lösung, Empathie ist das Problem.“ FAZ.

Wahba, A. (2025). „Sie waren still. Fast gespenstisch still“ ZEIT 10.4.2025

Politik mit Gefühlen: Israel und die Welt

Dass Politik Emotionen hervorruft, dass sie von Gefühlen mitgesteuert wird, wenn Rationalität nicht genügend greift, wissen wir. Wenn aber Gefühle auf der selben Ebene wie Vernunft Politik herstellen, steuern und gegen die Gesellschaft, manchmal auch mit ihr, in Stellung bringen, bedarf das der Erklärung.

Und dass Israel heute, Israel nach dem 7. Oktober 2023, stärker noch als Israel nach 1948, als Palästina nach 1917, als Beispiel für eine Theorie genommen wird, die global anwendbar sein kann, gebraucht wird, ist besonders.

Ich hatte schon früher auf die Autorin und Wissenschaftlerin Eva Illouz hingewiesen (*1961, Israel und Frankreich, Originaltexte oft Englisch), sie arbeitet multidisziplinär und nachdrücklich verständlich. Jetzt geht es mir um das Buch „Undemokratische Emotionen“ (2023) und die Verbindung einer wichtigen Theorie mit dem Beispiel Israel, v.a. nach dem 7. Oktober. Gleichzeitig kritisiert sie die antisemitische Haltung derer, die Israel immer als erstes, aber negatives Beispiel internationaler Konflikte nehmen.

Angst, Abscheu, Ressentiment und Liebe – das sind die vier Qualitäten der nationalistischen Politik Israels (durchgängig analysiert, erstmals genauer S.22ff.). Sie führt diese Qualitäten auf drei soziale Erfahrungen zurück, wobei die kollektiven Traumata der Jüdinnen und Juden in Angst vor dem Feind umgesetzt wurden, der umstrittene Nationalismus nach der Landnahme von 1967 ist die zweite Erfahrung. Beide kennen wir ziemlich genau. Aber ich bin positiv erfreut, wie wichtig Illouz den Konflikt mit den Mizrachim, also „jener Jüdinnen und Juden, die oder deren Vorfahren aus arabischen Ländern stammen“ (alle drei Punkte S. 21).

Aus diesen kurzen einleitenden Absätzen entsteht ein faszinierendes Buch, das den jetzigen Zustand der israelischen Auseinandersetzung nicht nur mit der Hamas im Gaza, sondern im weiteren Umfeld beschreibt.

Angst, Abscheu, Ressentiment – die drei Qualitäten der Emotionalität kann man relativ schnell analysieren. Aber „Liebe“ zur Nation (27ff)? Ich habe mich schon mehrfach, auch hier in den Blogs, mit der Doppeldeutigkeit der amor patriae, der Liebes DES Vaterlands und der Liebe ZUM Vaterlande, auseinandergesetzt. Das wird in dem Buch nicht abstrakt, sondern detailgenau empirisch abgehandelt: rationales Herangehen an Gefühle, mit scharfer Kritik am emotionalen Ausblenden der Vernunft, u.a. durch singulare Identität. „Geliebt und gefürchtet zu werden sei die beste Methode, um Macht auszuüben“, bezieht sich Illouz auf Macchiavelli, und auf den Vorrang des Gefürchtetwerdens (32).

Ab hier kann und soll man die Ausformungen, Schnittmengen und Schlussfolgerungen der Methodik genau verfolgen, weil Israel in der Tat die Blaupause für die Zerstörung von Demokratie durch eine fatale Aneignung und Praktizierung der vier emotionalen Bestandteile ist. Der Faschismusvorwurf gegen Netanjahu und Teile seiner Regierung – ad personam und partei-bezogen – wird genau belegt. (Wer Netanjahus Geschichte metaphorisch nachvollziehen möchte, sollte auch das lesen: Joshua Cohen: The Netanyahus – An Account of a Minor and Ultimately Even Negligible Episode in the History of a Very Famous Family, NYRB 2023). Auch der Hinweis, dass der Pöbel nicht von vornherein faschistisch ist, aber für diese Entwicklung prädestiniert wirkt, sollte beachtet werden – es geht eben nicht nur um die prekären Einzelpersonen, die brauchen schon massenhafte Unterstützung.

Unbedingt aber sollte man das Abschlusskapitel lesen. Es ist durchaus parallel zu den wichtigsten Interpreten und Kritikern der gegenwärtigen Politik zu lesen, Omri Boehm, Delphine Horvilleur, Grossmann usw. Aber auch die Herkunft soziologischer Gedanken, v.a. Simmel 1908, fällt auf, wenn es um den Fremden geht: Illouz fokussiert auf Brüderlichkeit im Kontext von Universalismus. „Als Emotion, die typischerweise von Fremden hervorgerufen wird, schließt Brüderlichkeit Mitgefühl ein, geht aber darüber hinaus“ (223). In der Diskussion um Empathie sollte man immer an die Gefahren denken, wie sie zB. Breithaupt (2016) darstellt – und wie sie Netanjahu massenwirksam missbraucht. Illouz` Verbindungt zum Universalismus ist wichtig, geradezu aktuell: “ In einer universalistischen Gemeinschaft sollte die Zugehörigkeit zu einer religiösen Minderheit den eigenen politischen Status nicht beeinflussen. Das mag einer der Gründe dafür sein, warum Juden ein überproportional starkes kommunistisches oder sozialistisches Engagement an den Tag legten“. (225). Das ist schwierig nachzuvollziehen, aber einen Aspekt nennt Illouz sofort, dass „Juden vorbildliche Bürger in Frankreich und den USA waren“. Das Imperfekt stimmt leider, heute sind sie vor allem gegen Trump tief gespalten. Der Abschluss ist nur damit verständlich, weil Illouz vor allem die Religion mit der liberalen Demokratie verbindet, wenn der Universalismus greift – wenn nicht, haben wir die heutige Situation und das, was in dem Buch ausführlich analysiert wird. Den „nichtjüdischen Minderheiten die vollen Menschenrechte zugestehen“ wäre der „wahre und einzige Geist des Zionismus und jener Zivilreligion, die er im Landes Israel zu verwirklichen versucht hat. Ob es ihm gelingt, bleibt eine tragisch offene Frage“. (227)

Für mich traurig, aber wahr. Der letzte Satz wird im Augenblick von den Faschisten negativ beantwortet, und wo der Zionismus und nicht nur sein Geist ist, wäre fraglich. Aber Illouz muss die Frage offen halten.

Antisemitismus nachgelegt

Ihr wisst, dass ich seit Jahren den Antisemitismus, den offenen und den verdeckten, angreife, bloßlege, kritisiere. Und dass das gerade nicht entlang der offiziellen und wahrnehmbaren Konfrontationslinien erfolgt, weil die verschiedenen Positionen sich zu sehr verabsolutieren.

Dass die Auseinandersetzung zwischen Israel und Hamas zu den absurdesten, teilweise den Konflikt antreibenden Realitäten zählt, habe ich schon beschrieben. Und dass es bei der Kritik an Netanjahu (Regierung) nicht um eine Kritik an der Existenz des Staates Israel (Nation) geht, ist ein Teil meiner Überzeugung und der intensiven Forschung zur Geschichte des Staates Israel. Zu der zählt auch das Hereinholen der wichtigsten Verbündeten gegen die einseitige Verteidigung Netanjahus, zB. Grossmann, Oz, Leshem und deren Hintergrund (Vgl. den Blog „Israel, Palästina.“ 27.12.2024 mit ausführlichen Literaturangaben). Auch verweise ich immer häufiger auf die neuesten Untersuchungen und Kommentare von Delphine Horvilleur und, im Kontext, von Eva Illouz. Besonders deren 2023 geschriebenes und erschienenes Buch „Undemokratische Emotionen“, mit Avital Sieron (Suhrkamp). Und jetzt, zum Jahreswechsel den kurzen Essay „Völkermord? Im Ernst?„, SZ 29.12.2024. Hier werden mit atemberaubender Genauigkeit der Unsinn des Völkermord-Vorwurfs durch Südafrika und andere, sowie die teilweise langfristigen Vorgehensweisen der UN und des internationalen Gerichtshofs beschrieben, die es durchaus erschweren, Kritik an Kriegsverbrechen Israels und an der teilweise kritikwürdigen Reaktion auf den Angriff der Hamas vom 7.10.2023 zu üben und auszuführen.

Wenn ich sage, der kurze Essay wirkt befreiend auf mich, soll das kein Missverständnis hervorrufen. Aber in einer zutiefst zerfurchten, mehr als gespaltenen jüdischen Diskussion, hier (Deutschland) wie dort (Israel, USA vor allem) und der oft schwer erträglichen Metadiskussion aus der nicht-jüdischen Politik und Reflexion, ist der kurze, klare Essay von Illouz eine echte Stütze. Man liest, was man weiß, in der vielleicht klarsten Variation.

Dass und wie man Israel aus der Wirklichkeit vieler Völkermorde zu Unrecht herausisoliert, ist bekannt und belegt. Es führt aber doch auch dazu, dass wir die UN, die internationale Justiz und das komplexe Gebilde der globalen Diskurserneuerung des Völkermords ebenso kritisch und mit Priorität behandeln sollten wie unsere Kommentierung der Vorgeschichte, des Faktums und der Wirkung des 7. Oktober 2023.

Israel, Palästina

Israel, Palästina. Dieser Essay wird demnächst in etwas erweiterter Form veröffentlicht. Für Rückmeldungen und Kritik bin ich aufgeschlossen.

   Michael Daxner

Essay, auf Basis eines Vortrags vom 13.12.2024 an der Universität Innsbruck

                                                                                                              Für Marion Näser-Lather und

                                                                                                              Tom Koenigs

 „Inter- und Transkulturalität“ war der Vortragstitel am 13.12.2024[1] in Innsbruck, er verweist schon auf einen Hauptstrang der Argumentation in diesem Essay. Große Übereinstimmung mit Marion Näser in Wissenschaft und Kommunikation, und sehr komplizierte Umgangsprobleme mit dem Thema haben mich seit Monaten mit Blick auf diesen Essay beschäftigt. Im Sommersemester habe ich ein Seminar zur Geschichte Israels von 1895 bis zum 6. Oktober 2023 mit einer Handvoll Studierender durchgeführt, davor hatte ich im Februar einen Vortrag zum Thema in Wien gehalten[2] und mich in meinem Blog[3] mit den Problemen auseinandergesetzt, ohne mich in die dauernde Kommentierung der Kommentare einzubringen. Mit den wenigen noch lebenden Freundinnen und Freunden in Israel bin ich in ständigem Kontakt[4], und mit etlichen jüdischen Kontakten in Deutschland und Österreich bin ich ebenso zum Thema verbunden wie kontrovers im Diskurs, mit nichtjüdischen Menschen selbstverständlich auch. Diese Diskurslandschaft allein wäre schon ein wichtiger Rahmen oder aber der Inhalt für den Essay, und den zur Grundlage dienenden Vortrag. Ich könnte aber auch die Einleitung des Essays damit anlegen, die Ursachen, Anlässe und Gründe für die gegenwärtige Situation übersichtlich aufzuzählen und kurze Hinweise auf Zusammenhänge, Kontingenzen und Personalisierung geben, spannend genug. Beides für sich und gemeinsam würde aber dem Essay und dem zugrunde liegenden Vortragfür das Seminar nicht gerecht und man bräuchte ein Zeitmaß wie das von Karl Kraus, um das Thema zu bewältigen. In diesen Tagen über Israel und den Nahen Osten zu sprechen, ist ein eigenes wissenschaftliches Feld, und wollte man zu Definitionen und Ausgangspositionen kommen, die auf Verständnis und Interesse stoßen, müsste man schon deshalb weit ausholen, weil viele etwas wissen und nicht vieles wissen, und das ist eine wirkliche Hemmschwelle für den Diskurs. Obwohl es gar nicht nur um Wissen geht.

Einfache Fragen, schwierige Antworten

Können wir erklären, warum es den Schritt vom Judenstaat zum Jüdischen Staat gegeben hatte, und was das nicht nur impliziert, sondern auch bewirkt hatte?

  • Natürlich gibt es dazu eine Unmenge Literatur. Aber schon von den Begriffen können wir verstehen, dass es in einem Judenstaat nur Juden gibt, im Jüdischen Staat aber neben der jüdischen Mehrheit auch nichtjüdische Minderheiten. Zugegeben, das ist eine retrospektive Erklärung. Außerdem war der Judenstaat eine nicht verwirklichte Vision, und den Judenstaat gibt’s lange Zeit nur als Planung, verwirklicht aber erst seit 1948, und dann sollte man „Staat“ betonen, „Jüdisch“ ein auswechselbares Attribut, das aber die Rhetorik der rechtsradikalen Regierungspartner heute in Richtung auf „Juden-“Staat bestimmt. Ungefähr so, wie viele Gegner Israels die Vorstellung haben, wenn man die Israelis=Juden ins Meer treibt, wird ein arabischer/muslimischer/ palästinensischer Staat/Staatsteil entstehen. Bleiben wir bei den Juden. In meiner Auslegung, v.a. der Wissenschaft, sind Juden/Jüdinnen ein ethnologischer Begriff, und „jüdisch“ ein interpretierbares moralisches, kulturelles, letztlich auch politisches Attribut. Wenn ich die jüdische Religion meine, muss ich das dazu sagen. Es gibt hier keinen Automatismus der normalisierten[5] Religionszugehörigkeit. Hier gibt es übrigens viele Analogien zwischen religiösen Juden und Arabern.

Wer sind die Juden, um die es geht? Wer sind die Palästinenser?

  • Dass nicht alle Israelis jüdisch sind, wissen mittlerweile viele, nicht alle. Um welche geht es – um die israelischen Staatsbürger jüdischer Abstammung, jüdischer Religion, oder um zugeordnete Personengruppen? Nicht lachen bitte: Seit langer Zeit gibt es jüdische Untergruppen, die anderen die Zugehörigkeit zum Judentum absprechen[6] …aber im Alltagsdiskurs ist die Frage, wer ist Jude, noch verwirrender, also wird sie geglättet.

Welche Rolle spielen die Religionen, die Weltanschauungen, die politischen Rahmenbedingungen? Welche Rolle spielen Zionismus, Antizionismus, Revisionismus, allein fürs Judentum?[7]

  • Diese Fragen kumulieren in allen möglichen Diskussionen zum Thema und entheben die jüdischen Menschen und das Judentum der Realitätsverpflichtung solcher Diskurse. Viele Vorurteile, nicht nur im Antisemitismus, entstehen durch die Ungenauigkeit der Vermeidung von Festlegungen, wonach „man wirklich frägt“. Ich kann das an einem Beispiel zeigen: anstatt von „jüdischen Deutschen“ zu sprechen, sagen viele „deutsche Juden“. Damit wird eine Eindeutigkeit simuliert, die es (natürlich) nicht gibt. Das hat über lange Zeit Kultur, Politik, Alltagsverständnis stark beeinflusst. Es kommt auch nicht zufällig , wird aber im Alltag nicht oberflächlich, schon gar nicht analytisch erklärt. Ich gehe auf keine Fragen und Begriffe ein, die sollten zusammenhängend erklärt und verstanden werden. Ganz einfach, zu einfach: Videos von jüdische Deutsche – deutsche Juden, bing.com/videos (17.12.2024).

Ich habe diese Fragen an den Anfang gestellt, um eine Brücke zwischen Alltagsfragen und Expertenantworten zu schlagen und deutlich zu machen, dass es hier um wichtige Aspekte geht und nicht einfach um den Konflikt zwischen Laien und Experten. Aber man kann natürlich auch anders fragen, man sollte nur immer deutlich machen, was das Thema der Fragestellung ist. Antisemiten nützen jede Unschärfe dieser Fragen aus, um ihr Judentum zu erschaffen.

Autobiographischer Einstieg

Es gibt vielfältige Zusammenhänge zwischen intellektueller und emotionaler Konstruktion der eigenen Identität. Ich komme später noch ausführlicher auf Eva Illouz zu sprechen, die das gut erklärt. Zunächst geht es mir aber darum deutlich zu machen, warum ich so und nicht anders das Thema behandle, nicht zuletzt, weil sich mein Judentum nicht als Selbstverständlichkeit in und aus einer unhinterfragten sozialen Struktur entwickelt. Dass ich als Jude zum Judentum übertreten musste, um jüdisch zu werden und so zu erscheinen, ist paradox. Gerade diese Paradoxie aber hat viele Jahrzehnte meines Lebens geformt. Darum möchte ich auch nicht in die thematisch variationenreiche jüdische Biographik einsteigen, die sich immer analog, manchmal sogar spannend, liest. Vielleicht sehen andere dies auch nur als Variation. Aber mir geht es um etwas anderes: was ich wurde und was mich heute kennzeichnet, ist nicht unwesentlich über die späte Akquisition meines Judentums entstanden, und ohne die nachaltige Bearbeitung der jüdischen Identität hätten andere Identitäten mehr Macht über mich bekommen. Ich beschreibe zunächst einige Aspekte aus meiner Biographie: Mein Großvater[8] Sigmund Berger (1885-1943) mütterlicherseits um die Jahrhundertwende jüdisch, er heißt ja auch Sigmund, studiert Pharmazie, konvertiert katholisch, um in Apotheken-Lizenz und Ehe mit einer christlichen Wienerin einzusteigen (1908), keine auffällige Religionsumwertung bei ihm. Konversion nützt ihm 1938 nichts, seine Geschichte ist einen Roman wert. Aber nach seiner Migration und seiner Misshandlung durch die Briten stand weniger das Judentum als seine Sicht familiärer Probleme im Vordergrund. Meine Mutter (1927-2022) hatte, ohne selbst aktiv katholisch zu sein, die Religiosität des Großvaters ebenso hervorgehoben wie der Familienhistoriker, mein Halbbruder Martin. Fragen: was ist ein Jude, war der Großvater jüdisch?

Die gleiche Frage an meinen leiblichen Vater: Itzhak, später Fritz Weimersheimer (1922-2011), ich frage auch nach seiner jüdischen Lebensqualität. Manche Biographien blenden sein Leben in Palästina und Österreich 1940-1948 aus[9], gerade diese Zeit aber ist entscheidend nicht nur für meine Existenz, sondern vorher für sein Überleben und die Geschichte meiner Nachkriegsfamilie[10]. Darüber schreibe ich jetzt nicht, aber die amerikanische Geschichte meines Vaters kenne ich sehr gut, war viel mit ihm und seiner dortigen Familie zugange, und das war so ein anderes „Jüdisch“ als in Europa in vielen Schichten gewesen, dass die Frage hier schon gesagt werden muss: was ist jüdisch?

Ich kann die Frage auch mit Namen beantworten, die mich über lange Zeiträume immer wieder begleiten: Hannah Arendt, Primo Levi, und mit ganz anderen Einsichten Jean Améry[11].

Aber bleiben wir bei einigen einfachen persönlichen Prämissen. Niemand hat nur eine Identität, und ob die jüdische wichtiger oder weniger wichtig gereiht wird, hat mit dem Lebenslauf der Person, ihren Aktivitäten und mit dem Druck, der auf sie ausgeübt wurde, zu tun. Unsinn, was Religion oder auch Rassismus verlangen, dass aus dem Judentum (oder einer anderen Ethnie) alle anderen Identitäten abgeleitet werden können und sollen. Das aber ist eine harte Barriere gegen die Freiheit – und ein Freibrief für eine Spielart des Antisemitismus, der sich zu entziehen für Betroffene schwierig ist.

*

Wenn Sie fragen, was das mit der Geschichte Israels zu tun hätte, haben Sie mit der Frage Recht. Mein Großvater ist paradigmatisch einer jener jüdischen Österreicher, die an Emigration oder Flucht vor 1938 gar nicht dachten – andere schon, da kann man historisch differenzieren. Und mein Vater durchlebte Palästina und das britische Mandat und die Realität vor der Staatsgründung und den Krieg gegen die Deutschen, bis er im wieder selbstständigen Österreich ankam: und da ist Geschichte drin, die heute kaum und schon gar nicht im Detail für Schulen, Gebildete, Zeitungsleser etc. zugänglich ist. Und dann will man den 7. Oktober 2023 verstehen.

Bevor man sich zur Geschichte Israels wendet

Aus vielen Gründen habe ich schon seit langem die Bücher der israelisch-französischen Wissenschaftlerin Eva Illouz gelesen und geschätzt. Sie ist jetzt aktuell mehrfach und bedenkenswert aufgetreten, aber mir geht es um besonderes Buch.[12] 2022 – also ein Jahr vor dem 7. Oktober 2023, erscheint ihr Buch „Undemokratische Emotionen“, und auch es wurde übersetzt vor diesem Datum. Mit einer im politischen Diskurs wie in der Wissenschaft seltenen Klarheit handelt sie die schrecklichen Bedingungen für die ebensolche Entwicklung von Netanjahu und seinen Faschisten ab, aber ohne übersteigerte subjektive Gefühlsausbrüche: das ist Wissenschaft, nicht politische Parteinahme. Sie handelt den Populismus Israels anhand von vier bestimmten Emotionen ab: „Angst, Abscheu, Ressentiment und Liebe“ (S.22). Sie handelt diese vier Phänomene wissenschaftlich ab, und die Einleitung davor ist die Lektion für alle, die sich ihrer Beurteilung der Situation zu sicher sind. „Wissenschaftlich“ heißt in diesem Fall auch eine nachvollziehbare Angabe von Quellen und Vorgaben. Ich habe das Buch in Ergänzung zu Delphine Horvilleur gelesen, die ihre persönliche Wandlung und Entwicklung seit dem 7. Oktober gut beschreibt: (Horvilleur 2024). Aus ihrer Praxis der rabbinischen Kommunikation kommt nach dem Ereignis ein Satz, den ich mir selbst überziehen kann: „Ich sage ihnen (Gesprächspartnern, MD) nicht, wie stark meine Paranoia geworden ist oder weshalb ich überall nur noch „Juden“ sehe. Keine jüdischen Menschen, sondern das Wort „Juden““(S.29). Wenn viele Intellektuelle und Politiker den 7. Oktober „für sich“ als Basis ihrer Kommentare nutzen, verstehen sie so gut wie nichts von der Geschichte, die zu diesem Moment der Weltgeschichte geführt. Aber lassen wir das einen Nebenschauplatz sein. Die vier Kategorien von Eva Illouz sind auf den ersten Blick verständlich, oder? Angst, Abscheu, Ressentiment…damit können wir unmittelbar etwas anfangen. Aber Liebe? Sie meint Liebe zu Israel, aber das ist nur ein Fragment. Der Topos geht auf das lateinische Amor patriae zurück, die Liebe zum Vaterland und die Liebe des Vaterlands zum Subjekt, zum „Staats-“Bürger. Israel musste erst ein Heimat/Vater/Mutter-Land werden, das diese Zuneigungsdialektik produzieren kann – andere waren da schon früher dran. Diese Amor patriae überbrückt tiefgreifende Differenzen, zwischen säkularen und religiösen, aschkenasischen und sephardischen, weltbürgerlichen und lokalwurzelnden „Juden“, die nicht durch eine bestimmte Definition von „jüdisch“ verbunden sind, sondern durch die Liebe zu Israel. Diese Liebe kann die Beziehung zwischen Menschen stören und zerstören. Und wenn jemand die vier Kategorien ausnützt, dann Netanjahu und seine Truppe.

Diese Argumentation ist übrigens nicht unmittelbar auf die arabischen oder palästinensischen Israelis und die nichtjüdischen Bewohner der Region zu übertragen, deren einigendes Band ist anders gestrickt, zum einen in der essentiellen Abneigung zu Israel (den Juden) nach der Nakba und den Kriegen, zum anderen nach den unscharfen religiösen und herkunftsbezogenen Abgrenzungen. Aber Amor patriae gilt auch dort.

Vor dem 7. Oktober

Nun ist es schon ein Jahr her, dass die Hamas Israel überfallen hat, dass Israel darauf geantwortet hat, und die Eskalation seither kennen Sie ja alle. Auch wissen Sie, dass in den meisten Ländern der Antisemitismus zugenommen hat und dass die Ursachenforschung bzw. ihr journalistisches Äquivalent für die gesamteuropäische Entwicklung von Faschismen ihre ersten Produkte auf den Markt bringt, wieder ein Berg an Literatur und Gedanken.

Mir ist die Vorgeschichte des 7.10.2023 wichtig, je nach Blickwinkel und Vorurteilen beginnt sie vor 4000 Jahren oder 1896 oder 1948 oder mit dem Aufstieg von Likud und Netanjahu … Man könnte auch verschiedene Ausgangspunkte für wahr nehmen und ihre Verknüpfungen beschreiben, und diese Wahrheiten – im Plural – sind dann nicht der höchste Maßstab unserer Bewertung. Beim Philosophen Omri Boehm ist es die Gerechtigkeit[13], aber insgesamt wird die Staatsgründung Israels auffällig anders gesehen als die meisten Staatsgründungen, v.a. die nach dem Zweiten Weltkrieg. Hat das etwas mit „den Juden“ zu tun? Jedenfalls waren die Vision und Initiative zur Staatsgründung des Judenstaates/jüdischen Staates erheblich älter die Shoah, obwohl diese seit den 50er Jahren als wichtig(st)es Element der Staatsgründung weit verbreitet ist. Andererseits ist die dauernde Umdeutung der Gründungsgeschichte nichts außergewöhnliches, denkt nur an Deutschland seit 1871 oder an Österreich nach 1918 bis zur Besetzung durch die Nazis und dann wieder nach 1945.

Was seit den ersten zionistischen Akten deutlich wird, sind drei Fakten:

  • Der zunehmende Konflikt zwischen jüdischer Einwanderung und Festsetzung vor allem mit den palästinensischen Bewohnern;
  • Die permanenten Interventionen kolonialer und postkolonialer (Welt)mächte in die vorstaatliche und staatliche Realität Israels;
  • Die nichthomogene Struktur sowohl des Judentums als auch der anderen Ethnien auf dem Gebiet von Palästina und Israel.

Alle drei Aspekte sind empirisch gut erforscht, reich an internen Widersprüchen und so differenziert, dass die jetzigen aktuellen Israel/Nahostdiskurse geradezu platt erscheinen, was taktisch schon wieder von vielen Akteursgruppen ausgenutzt wird.

Interne Widersprüche aller Gruppen müssen wenigstens in einigen Aspekten präsent sein, damit wir verstehen können, welche Kräfte sich wie durchsetzen: ich bleibe zunächst im Land und in der Region.

Die Jüdische Dimension:

  • Der staatszentrierte, überwiegend zionistische Grundansatz setzt sich, vor allem seit 1917, gegenüber dem soziokulturellen Ansatz der Revisionisten vor und nach der Staatsgründung durch und wird erst im Zuge der Auseinandersetzungen in den Kriegen und der Änderung der jüdischen Ethnizität schwächer, bis er sich auflöst;
  • Die überwiegende aschkenasische Dominanz in Politik, Ökonomie und Kultur wird erst spät durch die sephardischen Mehrheiten abgelöst, was wiederum mit dem Abbau des Zionismus korreliert; auch die Folgen weiterer Einwanderungen sind hier zu wenig konnotiert;[14]
  • Damit einher geht eine religiöse Radikalisierung, die mit der Umschichtung der Bevölkerung einhergeht. Das hat gegenwärtig starke Folgen für Politik, Kriegsgeschehen und interne Diskurse von Siedlern und Religiösen.

Die Palästinensische Dimension:

  • Andauernde Selbstdefinition in der Krise, v.a. ob der souveräne Staat Israel überhaupt als solcher anerkannt wird;
  • Analog zum jüdischen Israel wachsende Konflikte zwischen säkularer politischer Identität und wachsendem religiösen Einfluss, der Israel nicht anerkennt und sich auf die Folgen des Kriegs von 1948 und späterer Kriege beruft; Konflikt zwischen PLO und Hamas[15], Retrospektion der beiden palästinensischen Gebiete;
  • Zunehmende geschlossene Frontstellung gegen Israel, ob als Antwort oder genuin oder beides.

Übergreifende Akteure und Schauplätze:

  • Ohne die Kolonialgeschichte seit der türkischen Herrschaft, dann britischen Kolonialzeit und der jeweiligen externen Unterstützungen bzw. sekundären Feindschaften mit jüdischen Israelis und dem Staat Israel bzw. Muslimen, Palästinensern u.a. kann man den jetzigen Zustand nicht erklären, wobei die Abhängigkeit von Israel und den USA wechselseitig ist.
  • Die Achse Iran, Hizbollah, Huthi und der Schauplatz Libanon müssen sowohl zusammenhängend als auch kontingent analysiert werden;
  • Die internationalen Verbindungen sowohl pro- als auch anti- israelischen/palästinensischen/jüdischen/muslimischen/christlichen Akteursgruppen und ihrer Aktionsgebiete müssen genau differenziert werden. Viel Anti-Israelisches ist antisemitisch, aber nicht alles, und viel Arabisches ist auch antisemitisch, aber nicht alles, und hier findet ein internationaler Konflikt auf einer Metadiskursebene statt, besonders in Deutschland und Österreich, aber auch in den USA.

Es gibt zahlreiche zusätzliche Variablen, lassen wir sie jetzt einmal vor. Die Wirkung des 7. Oktober hat in diesem Jahr 2024 ein Aufbrechen der Diskurse erzeugt, die teilweise erschreckende, aber viel realistische Kritik an den wirklichen Ereignissen öffentlich gemacht hat.[16] Lange war die Vorgeschichte des 7.10. in Deutschland tabuisiert bzw. der Parteinahme untergeordnet. Deshalb ist es unerwartet wirkungsvoll, wenn im SPIEGEL vom 5.10. Thore Schröder die israelische Meinungsforscherin Scheindlin zitiert und anmerkt:

„…Scheindlin sagt, nach dem 7. Oktober habe Netanjahu zunächst geschockt gewirkt. Das Massaker nicht verhindert zu haben, war auch sein Versagen. Er hatte jahrelang Gelder aus Katar an die Hamas passieren lassen. Die stabile Herrschaft der Terrororganisation in Gaza war für ihn und seine rechtsextremen Partner eine Möglichkeit, die gemäßigtere Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland zu schwächen. Im März 2019, bei einem Treffen seiner Likud-Fraktion, soll er sinngemäß gesagt haben: „Wer die Gründung eines palästinensischen Staats verhindern will, muss die Unterstützung der Hamas und den Geldtransfer an die Hamas unterstützen.“ (Schröder 2024)[17]

Das ist ein Grund, warum Netanjahu bislang eine Untersuchung des Sachverhalts verhindert hat. Aber es ist auch ein Grund, warum die deutsche Quellenzurückhaltung und besondere Lagerbildung stattfinden: weil man als „Deutsche“ die Differenzierung zwischen der schutz- und anerkennungswürdigen Nation Israel und einer durchaus kritikwürdigen Regierung verweigert, was gerade an diesem Tag aufgebrochen wird. Die besondere Position Deutschlands und Österreichs mit Blick auf die NS-Vergangenheit und damit eine Begründung der Staatsgründung ist hochkontrovers, weil die Shoah zu Beginn des Staates Israel gerade nicht diese kausal abgeleitete Rolle gespielt hatte.[18] Und gerade, weil und wenn man, wie ich, die Existenz Israels als notwendig, vielleicht lebensnotwendig? erachtet, kann man sich nicht von den Schrecken abwenden, die im demokratischen Staat viel weniger ihren Platz haben als bei den Terroristen, z.B. beim grausamen Umgang der Israelis mit palästinensischen Gefangenen. Das ist schwer zu ertragen (Neier 2024),[19] aber man kann es nicht umgehen. Was die Hamas am 7. Oktober angerichtet hat, wird nicht verkleinert oder gegengerechnet. Das muss man nicht wie eine Gebetsformel dauernd vor sich hertragen und -sagen.

*

Ich hatte ja deutlich angekündigt, die Herkunft der jetzigen Situation zu thematisieren, das bedeutet mehr als nur das Geschehen auf der Zeitlinie darzustellen. Heute fällt es vielen oberflächlichen Beobachtern nicht schwer, die Bruchstellen der Entwicklung schon im Programm der frühen Zionisten und schon vor Balfour 1917 aufzuzeigen. Aber was es bedeutet, wenn sich die eine, erstmals stärkere westliche Gruppe aus der nicht erfüllten Emanzipation und Integration in einer Nation befreien wollte, und wenn sich die andere vor allem aus dem Osten kommende Gruppe der Identitätsbildung ohne Unterdrückung widmen wollte, das sollten wir schon rekonstruieren, nicht als Ausgangspunkte, sondern als Etappen einer Entwicklung, die zu keinem Zeitpunkt bruchlos und ohne Widerspruch sein konnte – wenn bedenkt, dass hier Weltkriege, Kolonialismus, Kulturkämpfe, ethnische, religiöse, kulturelle, ökonomische Konflikte stattfanden, die ja mit der Staatsgründung nicht in den Geschichtsbüchern kodifiziert wurden. Diese, teilweise weit zurückgehenden Überlegungen münden in die vier Qualitäten des Populismus, die ich bei Eva Illouz oben beschrieben habe. Nun bleibt Netanjahu nicht beim Populismus stehen. 

In vieler Hinsicht unterscheiden sich die Staatsgründungen der Neuzeit in wesentlichen Aspekten weniger als die nationalen Geschichtspolitiken behaupten. Denken wir doch daran, wie sich das Deutsche Reich nach 1871 entwickelte, festigte und selbst nach 1989 noch nicht als wiedervereinigtes Deutschland gänzlich zur Ruhe gekommen ist. Dagegen ist Israel eine junge Staatsnation, mit der Besonderheit, die einzige nationale Heimstatt für jüdische Menschen zu sein anzustreben. Die dahinter stehenden Vorstellungen sind idealistisch und politisch (vgl. Jukic 2024)[20]. Meine Zusammenfassung dazu ist, dass damit „civic“ (i.S. von bürgerlich-republikanisch) und „ethnic“ Qualitäten über das Judentum verbunden würden.

Diese Besonderheit hatte lange Zeit eine Mehrheit in der zionistischen Staatsideologie gefunden, die seit Anbeginn Nebenwidersprüche bekämpfen oder marginalisieren musste. Nach der Staatsgründung allerdings zählten die globalen Bedingungen demokratischer Staatlichkeit mehr denn je.

Gerade seit dem 7. Oktober 2023 bringt diese Geschichte alle Facetten wieder zum Vorschein, und es kommen damit die Widersprüche vor und nach der Staatsgründung wieder zu Wort. Damit auch die in verschiedenen Gesellschaften und Staaten unterschiedlichen anti-israelischen, antisemitischen, anti-arabischen etc. Vorurteile, die übergeordneten politischen Interessen eingeschrieben werden.

*

An dieser Stelle hätte ich eine Schlussformel zum Ende des Essays eingefügt.  vorgetragen. Nun wurde die Vorlesung aber von Anfang Oktober auf Mitte Dezember verschoben, und es ist die Gegenwart der Konfrontationen nicht beendet. Und seit einigen Tagen hat sich die Situation im Nahen Osten massiv verändert, Syrien ist nur das Zentrum einer weiter ausgreifenden Entwicklung. Ich enthalte mich in diesem Essay, wie auch im Vortrag, der Kommentierung von allzu gegenwärtigen Ereignissen und Handlungen. Das ist kein Zurückweichen vor Einsichten, Interpretationen und Vermutungen. Ich behaupte, dass man politisch nicht wirklich absehen kann, was jetzt wie sich entwickelt. Dass die Türkei an Gewicht und Macht gewonnen hat, Russland und der Iran diese verloren haben, Israel sich den Golan weiter aneignet, die Kurden unter Druck stehen, sind Splitter einer Installation, die noch in ihren Einzelteilen auf Eingriffe, Zugriffe, Aktion und Reaktion von sozialen und kulturellen Gruppen usw. warten bzw. diese selbst vorbereiten oder bremsen. Die demokratische Zuversicht mag größer sein als bei gescheiterten Demokratisierungen im Nahen Osten, aber wie gesagt, man sollte nicht spekulieren, wo das Bewusstsein und die Fakten schwanken. Dies ist ein Angriff der Wissenschaft auf die mediale Meinungsmache. Und deshalb an dieser Stelle angebracht, weil es zum Beispiel unsinnig und bösartig war, vor wenigen Wochen in Deutschland (CDU) die „Rückführung“ von Syrern zu fordern…Zurück zum Thema. Die Rolle von Israel, innen- wie außenpolitisch, wird sich verändern (müssen), aber wir wissen noch nicht wie.

Ich will als Überleitung eine mögliche Abschiedscoda einbauen. Viele Bekannte, Profikolleginnen und -kollegen, Freundinnen und Freunde kritisieren die Kritik an Netanjahu als unpassend oder unverhältnismäßig. Ich habe diese Kritik so zurückgewiesen, wie ich auch die Gleichsetzungen von Hamas, Islam, Palästinensern für unzutreffend halte. Aber ich will einer Kritik eine konfrontative Frage stellen: nehmen wir an, es hätte seit Jahren, jedenfalls seit länger als 2023, in Israel eine durchweg demokratische Regierung gegeben, mit der Avoda als stärkster Partei, mit Ha‘aretz als Leitmedium, mit engen Beziehungen zum demokratischen Westen und mit der historisch begründeten Abneigung gegen alle Staaten, die Israel als Staat nicht anerkennen und gar zerstören wollen. Wenn wir das annehmen und alle Vorgeschichte ausblenden: wie hätte eine demokratische Regierung nach dem 7. Oktober 2023 reagiert und wie wäre die Geschichte bis heute weitergegangen? Ich stelle diese Frage, ohne sie im Detail selbst zu beantworten. Ich will in die Blase der unscharfen, vorurteilsbehafteten Israelansichten hineinstechen, um zu zeigen, wieviel Vorurteil, Antisemitismus, Israelkritik und Palästinenserabwehr, aber vor allem wieviel Halbwissen die Diskurse gerade zu Israel bestimmen. Wissen ist auch Politik. Die Differenz der Antworten zu den Geschehnissen seit dem 7. Oktober macht unsere moralische und politische Verpflichtung gegenüber Israel aus, und sie geht über Meinungsvielfalt hinaus.

Die Ereignisse Oktober-November bis 13. Dezember 2024 kommentiere ich jetzt und in absehbarer Zukunft nicht, angesichts der syrischen Dynamik und der Neuaufstellung der teilhabenden Super- und Minimalmächte schon gar nicht. Natürlich sind weder Netanjahu noch Hamas „besser“ geworden, aber die Umgruppierungen von Macht geben andere ausnutzbare moralische und politische Perspektiven – vor denen ich kurzfristig absehe.

Studentische Fragen von Bedeutung

Im Vorfeld meines Vortrags in Innsbruck haben Studierende Fragen bei Marion Näser eingereicht, die ich vorab teilweise beantwortet habe. Sie waren alle sinnvoll, hier gebe ich nur drei vollständig wieder, weil sie die diskussionsfähige Version des Essays stützen. Auch die restlichen Fragen sind und waren sinnvoll.

  • Inwieweit beeinflussen die innenpolitischen Entwicklungen in Israel und

Palästina den Verlauf des Konflikts und die Friedensverhandlungen?

Grundsätzlich ist hier eine Trennung von Innen- und Außenpolitik nicht sinnvoll. Nachdem Israel unter Netanjahu die Zweistaatenlösung ebenso ablehnt wie die Hamas, handelt es im Kern um eine grundsätzliche regionale Konfrontation mit vielen innenpolitischen Aspekten und einigen außenpolitischen Interventionen für beide Seiten. In Israel gibt es zudem den innenpolitischen Kernkonflikt zwischen dem Regime von Netanjahu und seiner teilweise faschistischen Koalition, in Palästina ist ein analoger Konflikt schwieriger zu orten, weil das Verhältnis der nicht Hamas-nahen Bevölkerung zur Kriegsführung weniger offen liegt. Dazu kommen auf beiden Seiten die sekundären, teilweise heftigen innenpolitischen Konflikte, in Israel zB. um die Störung von Justiz und Presse und die Geiselproblematik, in Palästina und der Westbank der Kampf um die politische Deutungshoheit.

  • Wie können zivilgesellschaftliche Initiativen und der Dialog zwischen

den Bevölkerungen des Israel-Palästina-Konflikts unter Berücksichtigung

der objektiven politischen und geostrategischen Realitäten des Konflikts

zur Deeskalation beitragen, ohne die grundlegenden Machtstrukturen und

Interessenskonflikte zu ignorieren?

Die Antwort liegt in dem letzten Satzteil. Die Machtstrukturen in Israel und Palästina kann nur ignorieren, wer von außen ein- und angreift, und zu den Interessenkonflikten gehört auch, dass sie Israel innerhalb eines verfassungsmäßigen, bedrohten Staates stattfinden – prekär und gefährdet – , während Hamas nicht mit dem palästinensischen Staat (proto-Staat PLO) oder einem vergleichsweisen politischen Gebilde gleichzusetzen ist.

  • Welche Rolle spielen internationale Akteur: innen und deren

Einflussnahme in der Region?

Eine vielfältige und in sich kontroverse Rolle. Israel kann und muss sich auf die USA verlassen (können), aber natürlich auch politisch sich teilweise deren Diktat beugen (da spielen die Kontroversen in den USA eine Rolle). Die EU hätte hier eine möglicherweise noch zu verstärkende friedensstiftende Rolle, Deutschland ist in einer zwiespältigen Rolle (das muss man diskutieren). Die Rolle des Internationalen Straf-Gerichtshofes ist ambivalent.

Regional sind die Einflussnahmen entlang der Linien Hamas-Hizbollah-Iran, Hizbollah – Syrien, Iran-Saudi.Arabien, Russland, Türkei, Kurden, auch in Bezug auf das Kriegsdreieck Libanon-Huthi-Israel und die Ausweitung in Syrien kompliziert und teils widersprüchlich. Alle internationale Nahostpolitik steht unter dem ungeklärten und zweifelnden Einfluß der künftigen US Politik unter Trump und der Bindung wirkungsvolle russischer Unterstützung von Syrien durch den Ukrainekrieg.

Ich hätte die Diskussion gerne weitergeführt. Nicht nur aus didaktischen Gründen. Viele Studierende sind nicht infiziert von der geschichtsverdrehten Vorsicht und vorurteilsbehafteten Urteilsbereitschaft meiner Generation, in allen Schattierungen – Sie seien an die vielen „Pro-„ und „Anti-„ Stellungnahmen erinnert. Aber es war ein guter Nachmittag an der Universität Innsbruck, und nicht von sinnlosen Kontroversen überschattet.

Coda

Zum Abschluss möchte ich keine umfassende Stellungnahme abgeben, die alle Zuhörenden gleichermaßen beruhigt; das ist weder möglich, noch halte ich es für sinnvoll. Ich denke daran, welche Vorbilder der intellektuellen und zeitgeschichtlichen Bewertung ich mir aussuche, um die vielen angegebenen israelischen und anderen zu ergänzen: das ist ja nicht nur intellektuell, auch emotional, denn Vorbild ist etwas anderes als Referenz. Sie haben schon bemerkt, wie sehr ich mich auf Hannah Arendt beziehe, und da war vor kurzem eine recht gute ergänzende Sendung: „Was würde Hannah Arendt heute dazu sagen? | Gert Scobel – YouTube (aufgerufen am 21.10.2024). Es waren Hinweise auf Arendts direkte Beziehung zur innerisraelischen und palästinensischen Konfliktsituation, die sie 1958 gegeben hatte. Sie hatte sich frühzeitig auf die Schlüsselfunktion der 1948 geflüchteten Palästinenser bezogen. Es hätte auch eine Vorschau auf die Gegenwart sein können. Vgl. auch die späten Nachdenklichkeiten von Hannah Arendt.  (Arendt 1970, Arendt 1991). Andere Bezüge werfen meine Gedanken immer in historische Ringe, die weit vor der Gegenwart liegen, nicht nur bei den wichtigen israelischen Quellen – wir haben ja hier in Europa auch Primo Levi und viele andere – sondern für die eigene Entwicklung bedeutsam. Da kommt bei mir Jean Améry sehr früh und wirksam vor: Die politischen Aufsätze (Améry 2005) und der „Terror der Aktualität“ (Améry 1971). Ich habe es versäumt, ihn vor seinem Freitod 1978 kennenzulernen, das bedaure ich bis heute. Aber es geht nicht primär um die Rahmung meiner Gedanken für die heutige Vorlesung. Im Grunde ist es für alle, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, eine Herausforderung, sich aus dem binären politischen Denken zu befreien und für die eigene Gesellschaft und für die Menschen in anderen Gesellschaften vergleichbare und wirksame Einstellungen, Empathie und Rationalität zu entwickeln. In diesen Zeiten besonders.

22.10.2024/26.12.2024

Literatur

Soweit unmittelbar zitiert.

Améry, J. (1971). Terror der Aktualität. Widersprüche. J. Améry. Stuttgart, Klett: 7-20.

Améry, J. (2005). Aufsätze zur Politik und Zeitgeschichte Stuttgart, Klett-Cotta.

Arendt, H. (1970). On Violence, Harcourt, Brace & World, Inc.

Arendt, H. (1991). Israel, Palästina und der Antisemitismus. Berlin, Wagenbach.

Avineri, S. (1998). Zionism and the Jewish Religious Tradition: The Dialectics of Redemption and Secularization. Zionism and Religion. S. Almog, J. Reinharz and A. Shapira. Hanover, NH, Brandeis UP: 1-9.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Brenner, M. (2002). Geschichte des Zionismus. München, Beck.

Croitoru, J. (2024). Die Hamas – Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel. München, C.H.Beck.

Deutscher, I. (2023). Der nichtjüdische Jude. Berlin, Wagenbach.

Harkabi, Y. (1979). Das palästinensische Manifest und seine Bedeutung. Stuttgart, Seewald.

Hertzberg, A. and A. Hirt-Manheimer (2000). Wer ist Jude? München, Hanser.

Herzl, T. (1985). Der Judenstaat. Königstein, Athenäum.

Horvilleur, D. (2024). Wie geht’s? Miteinander sprechen nach dem 7. Oktober. München, Hanser.

Illouz, E. (2023). Undemokratische Emotionen. Berlin, Suhrkamp.

Jukic, L. I. (2024). „The Forging of Countries.“ aeon.

Link, J. (2009). Versuch über den Normalismus. Wie Normalität erzeugt wird. Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht.

Neier, A. (2024). „Torture in Israel’s Prisons.“ NYRB LXXI(16): 26-29.

Schröder, T. (2024). „Das Prinzip der Gewalt.“ SPIEGEL(41): 8-12.

Segev, T. (2001). One Palestine, complete. Jews and Arabs under the British Mandate. London, Abacus.

Trepp, G. (2024). Wer ist Jude? Berlin, Hentrich & Hentrich.

Prof. Dr. Michael Daxner

Feuerbachstraße 24-25  und Auffenbergstraße 4

D 14471 Potsdam                        A 5020 Salzburg

michaeldaxner@yahoo.com


[1] Eingeladen von Prof. Marion Näser, mit der ich seit Jahren zusammenarbeite, und ursprünglich für Oktober 2024 ausgearbeitet, sollte der Vortrag in eine Zeit heftiger Auseinandersetzungen um die Situation im Nahen Osten fallen. Er war in jeder Hinsicht friedlich und konstruktiv, und vor mir lag auch noch eine Frageliste von Studierenden der Ethnologie bei der Kollegin Näser, die ich in den vorliegenden Essay teilweise einarbeite. Die Kooperation mit Marion Näser-Lather und Dietger Lather, Oberst a.D., hat sich als sehr transdisziplinär und produktiv erwiesen.

[2] Vortrag Wien: Israel. 17.1.2024

[3] Blogs michaeldaxner.com 2.1., 20.1., 26.8.,8.10., 12.10. 2024

[4] U.a. in Israel Familie des 2011 verstorbenen Aron Ronald Bodenheimer, Psychiater und Autor, und Irit Salmon, über viele Jahre führende Kuratorin des Israel Museums.

[5] Mit diesem Begriff verweise ich auf den Normalismus, dass viele, auch nichtjüdische Menschen, die Zuschreibung des Jüdischseins automatisch mit der Religionszugehörigkeit verbinden. Einige Aspekte habe vom Normalismus aus der Theorie von Jürgen Link entnommen: Link, J. (2009). Versuch über den Normalismus. Wie Normalität erzeugt wird. Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht.

[6] Abgesehen von Israel-bezogenen Ablehnungen des Judentums z.B. in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen, gibt es gewichtige Konflikte, die sich auch stark gegen unzutreffende „linke“ Verengungen richten: z.B. Deutscher, I. (2023). Der nichtjüdische Jude. Berlin, Wagenbach.

                Vgl. dazu Isaac Deutscher – Wikipedia . Dazu Oliver Tolmein: Der nichtjüdische Jude | taz.de 2.7.1988. Ich umschreibe das so genau, weil hier viele gegenwärtige Probleme gut angesprochen werden.

[7] Herzl, T. (1985). Der Judenstaat. Königstein, Athenäum.

                , Avineri, S. (1998). Zionism and the Jewish Religious Tradition: The Dialectics of Redemption and Secularization. Zionism and Religion. S. Almog, J. Reinharz and A. Shapira. Hanover, NH, Brandeis UP: 1-9.

                , Segev, T. (2001). One Palestine, complete. Jews and Arabs under the British Mandate. London, Abacus.

                , Brenner, M. (2002). Geschichte des Zionismus. München, Beck.

                , Die umfangreichen Aufarbeitungen der Schriften Herzls mit widersprüchlichen Kommentaren sind ein eigenes, kompliziertes Kapitel der Aufarbeitung: Herzl, T. (1985). Der Judenstaat. Königstein, Athenäum.

[8] Arisierung der Schutzengelapotheke und Curriculum des davon betroffenen Apothekers Mag.pharm Sigmund Berger (memorial-ebensee.at), teilweise problematisch: „strenggläubiger Katholik“? Diernesberger Eleonore – biografiA (sabiado.at), Berger_Sigmund.pdf (ku-linz.at),

[9] So z.B. Franz-Josef Wittstamm (April 2024): Weimersheimer Fritz – Spuren im Vest; mein Vater Hertzberg, A. and A. Hirt-Manheimer (2000). Wer ist Jude? München, Hanser.

                 selbst hat mir zu Lebzeiten eine umfangreiche Autobiographie in vielen Variationen gegeben, in der aber entscheidende Perioden (Nordafrika, Ankunft in Österreich) fehlen oder unscharf sind.

[10] Meine private Nachkriegsgeschichte hat hier nur einen Randplatz. So viel aber ist wichtig, dass ich erst sehr spät mit den realen Details konfrontiert wurde, die je nach familiärer Auskunftsperson widersprüchlich und bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind. 

[11] Eine späte, äußerst komprimierte Selbstdarstellung ist Jean Améry: „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“, dem letzten Kapitel eines 1966 erschienen Buchs, dessen Titel schon einiges aussagt: “Jenseits von Schuld und Sühne – Bewältigungsversuche eines Überwältigten“. Irgendwie altmodisch, aus der Zeit gefallen erscheint die geschichtsorientierte Zusammenfassung, deren Titel schon „alles“ sagt und wegdrückt: Wer ist Jude? München, Hanser. Die regressive, letztlich katechetische Rückkehr zur einseitigen Bestimmung findet sich religionsorientiert mit dem gleichen Titel bei Gunda Trepp: Trepp, G. (2024). Wer ist Jude? Berlin, Hentrich & Hentrich.

[12] Illouz, E. (2023). Undemokratische Emotionen. Berlin, Suhrkamp.

[13] Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

[14] Einwanderung in Israel: Historische Entwicklung der jüdischen Einwanderung | Israel (2008) | bpb.de: Hier wird die Dimension der Sepharden nicht ausgeführt. Einwanderungsland Israel – Israelnetz (14.10.2024). Schon konkreter: Äthiopier in Israel: Nur am Rande des Gelobten Landes – Politik – SZ.de (sueddeutsche.de) (2.8.2022). Statistik: https://www.jewishvirtuallibrary.org/immigration-to-israel-graph-1948-2010?utm_content=cmp-true (14.10.2024). Mit vielen Verweisen Sephardim – Wikipedia (14.10.2024) . Das soziale Problem der sephardischen Einwanderung wird selten direkt angesprochen, ist aber essentiell. Vgl. Carlo Strenger: Das verdrängte Geheimnis der israelischen Gesellschaft | NZZ 15.3.2018

[15] Vielfältige und kontroverse Literatur, große Unterschiede in der deutschen und internationalen Bewertung.

PLO — Zwischen Terror und Diplomatie | APuZ 50/1979 | bpb.de . Palästinensische Befreiungsorganisation Palästinensische Befreiungsorganisation – Wikipedia . Dokumente (tendenziöser Kommentar):  Harkabi, Y. (1979). Das palästinensische Manifest und seine Bedeutung. Stuttgart, Seewald.

                Zur Hamas: Croitoru, J. (2024). Die Hamas – Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel. München, C.H.Beck.

                Was ist das Westjordanland, wem gehört es und was hat es mit dem Nahostkonflikt zu tun? (rnd.de) (14.10.2024). Westjordanland – Wikipedia (14.10.2024).

[16] DLF Kontrovers 7.10.2024, 10.00-11.30, mit Trittin (Grüne), Hardt (CDU), Lüders (BSW). Eine typische, ganz gute Diskussion, die ein wichtiges Zweitthema für Interessierte aufscheinen lässt: den Unterschied des Diskurses in Deutschland und Österreich im Vergleich zu fast allen, vor allem demokratischen Diskursen in Europa und den USA (Nicht demokratische Länder sind hier ausdrücklich nicht relevant für die Diskurskritik).

[17] Übrigens irrt Schröder, wenn er den 7.10. als Infragestellung des Zionistischen Israelprojekts notiert. Das ist viel früher geschehen, mit der Übernahme der Regierung durch den Revisionisten Menachem Begin 1977 und damit dem Ende der zionistisch-sozialdemokratischen Regierungsperiode (Vgl. Menachem Begin – Wikipedia). Wichtige Namen vor 1977 waren natürlich Ben Gurion, Golda Meir, Ygal Allon und Jitzhak Rabin (alle Mapai oder Awoda).

[18] Vorgeschichte der Republik: Die Vorgeschichte Israels bis zum 14.5.1948 ist gekennzeichnet durch eine dominante zionistische Argumentation. Die Überlebenden der Shoah spielten nach 1945 bei der Einwanderung schon eine Rolle, aber der Holocaust wurde erst später, in den 50er Jahren und immer stärker zum Gründungsmythos. Sehr komplizierte Beziehung zur langdauernd starken sozialistischen Regierungsdominanz (Mapai, Awoda), die aber abnahm, auch und weil zunehmend Einwanderung aus nichteuropäischen Gebieten zunahm. Erste und umfassende Informationen Die Gründung des Staates Israel | Israel | bpb.de, (9.10.2024) (Angelika Timm); umstritten, lang und literaturvoll: History of Israel – Wikipedia (9.10.2024); ob der Holocaust die Staatsgründung beschleunigt hat, ob die nach-Shoah-Einwanderung eher durch die Überlebenden oder durch jüdische Einwanderung aus Osteuropa beschleunigt hatte etc. sind historisch kontroverse Themen. Insgesamt gibt es eine unübersichtliche Vielzahl deutschsprachiger Geschichten Israels und der Palästinenser. Ich empfehle weiterhin Tom Segev, Moshe Zimmermann, Yuval Harari, Saul Friedlaender, Gudrun Kraemer u.a. mit durchaus nicht deckungsgleichen Ansätzen.

[19] Vgl. B’Tselem – Wikipedia, vgl. Katja Belousova: Warum die Verwaltungshaft in der Kritik steht (ZDF 6.12.2023, incl. Hinweise auf Kritik an B’Tselem). Man sollte Aryeh Neier genauer nachverfolgen: auch seine Funktionen im Menschenrechtsdiskurs sind wichtig (Aryeh Neier – Wikipedia), und die Kritiklinien in Israel selbst.

[20] Jukic bezieht sich ausführlich auf Kohn, Hans (1962): Die Idee des Nationalismus. Ursprung und Geschichte bis zur Französischen Revolution. Frankfurt am Main, Fischer. Kohn selbst hat sich präzise auf Palästina bezogen, bevor er in die USA ging. Dank an Jochen Fried für den Hinweis. Eine wichtige Zusammenfassung, die ich ausführlich wiedergebe, im Anhang.

Israel, jüdisch und anders. Deutsch?

Diesen seltsamen Titel habe ich gewählt, weil mir im derzeitigen Konflikt der Diskurse keine geradlinige Ansprache einfällt. Der Konflikt der Diskurse ist nicht der wirkliche Konflikt, und dieser ist eine Summe von Konflikten. Ich wiederhole: Pro-Israel, Anti-Israel, Pro-Palästina, Anti-Palästina sind moralisch und intellektuell verbotene Vereinfachungen. Wenn man für die Einen ist, ist man nicht automatisch gegen die Anderen bzw. für Beide und gegen Beide geht so auch nicht.

Da ich in Deutschland lebe, als Jude, Deutscher und Österreicher, sage ich einigermaßen bitter: Deutsche, wenn ihr nicht jüdisch seid, haltet euch zurück und aus manchen Diskursen raus. Eure Geschichte mit den jüdischen Menschen, vor 1933, nach 1933, nach 1945, nach 1989 bis heute wird durch zu viele teils arrogante, teils wehleidige Selbstpositionierungen verzerrt. Wir sind wieder in der Situation, dass viele hier sagen Deutsche und Juden, dass man jüdischen Menschen rät, mal ohne Kippa in einem Berliner Bezirk zu gehen oder dass man bei „pro-palästinensischen“ Demonstrationen nicht weiß, wer oder was Palästinenser, Araber, Muslime, sind wer woher kommt und wer wofür steht. Deutschland (und teilweise Österreich) haben hier eine besondere historische, moralische, kulturelle Selbstbezogenheit, die nur teilweise etwas mit dem Holocaust, teilweise mit der Nachkriegszeit, teilweise mit der Zweistaatenrealität vor 1989, teilweise mit dem vereinigten Deutschland zu tun hat, teilweise auch mit einer Kulturgeschichte im Verhältnis zu jüdischen Menschen, die ans Paradoxe grenzt: Deutsche und Juden seit 1700 Jahren…sagt man, aber seit wann gibt es „Deutsche“?

Ich verweise hier nicht auf meine Forschungen, auf meine Schriften und Reden. Nicht auf meine jüdischen und nicht-jüdischen Freunde und Bekannten hierzulande oder in Israel oder in Palästina oder in den USA. Ich verweise auf niemanden, mit dem ich nicht direkte Kommunikation pflege. Was ich aber nicht ertragen will, dass es eine Art von deutscher Besserwisserei gegenüber „den Juden“ gibt, die in der Tat zu Spaltung und menschlicher Differenz führt.

Um es klar zu sagen. An der Politik der Regierung Netanjahu und seinen Faschisten habe ich seit langem offen Kritik geübt. An dem Recht des Israelischen Volkes an seinem Staat habe ich nie gezweifelt, das sind mehrheitlich Juden und andere Menschen. An der Zweistaatenlösung oder einer Föderation halte ich fest, auch wenn vielleicht eine Einstaatenlösung besser gewesen wäre.

Um es auch klar zu sagen: Schuldzuweisungen darf und soll es weiterhin geben, wobei die Schuldigen nicht notwendig zu einander positiv stehen. Schuldvermengungen wie durch den Europäischen Gerichtshof, die einen Staat und Terroristen gleichsetzen, darf es natürlich so wenig geben, wie die Einen den Anderen menschlich vorziehen.

Was sich in den letzten Monaten an sekundärer und tertiärer Kommentierung der Probleme hier abspielt, lässt einen oft an der Evolution von Vernunft (ver)zweifeln. Dass sich Politik vieler Staaten jeweils in die Politik von Israel und der weiteren Region einmischt, darf und muss genauso kritisiert werden wie die Haltung extremer religiöser Akteure.

Nur, bitte denkt daran, wenn der Antisemitismus jüdische Menschen wieder und wieder vertreibt, dann sollte doch Israel die sichere, demokratische Zuflucht als letztes Ziel sein können. Daran können alle arbeiten.

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

Schaut erstmal nach, mit religiösen oder ganz säkularen Gefühlen, immerhin: DER Feiertag. Nachdenktag.

Jom Kippur – Wikipedia; Jüdisches Lexikon Bd. III, Frankfurt/M. 1987, S. 310ff: Jom kippur;

Entscheidend in der Geschichte dieses Tages ist, dass ein Schulderlass durch Gott erst auf die Versöhnung der Menschen miteinander folgen kann und darf. In vielen Variationen.

Der Jom kippur-Krieg (6.-25.10.1973) begann am Feiertag. Auch hier kann man anfangen nachzudenken, was dieser Tag auf sich hat. Wer an diesem >Tag angreift, kämpft, sich verweigert.

Der 7. Oktober 2023 hat eine tiefe Kerbe gegraben. Zum Jom kippur bewegen sich auch andere mit aufklärenden Ideen, z.B. (New Israel Fund: Zu Yom Kippur: Rückblick auf den Jahrestag des 7.10. & Einladung zu zwei Veranstaltungen)  und viele andere.

Aber das muss ich euch und Ihnen ja nicht erklären. Nur: heute kann man nicht darüber hinwegsehen, ohne an diesen Tag zu denken, wenn man schon an ihn gedacht hat.

*

Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen des konkreten Feiertags gehört, ordentlich und kritisch zu unterscheiden: Judentum, Staat Israel, israelische Gesellschaft, Regierung, Zionismus, Palästina…Begriffe sind nicht einfach wegweisende Aufschriften. Wenn man hier nicht genau ist, versteht man den 7. Oktober nicht. Das Verbrechen der Hamas wird durch Einsicht in die Wirklichkeit nicht geringer. Auch die Vorgeschichte, die mehrere Schuldige kennt, entschuldigt nichts. Aber sie lässt uns verstehen, wie und warum es zu diesem Verbrechen gekommen ist, und Verstehen ist immer an Kritik und Selbstkritik gebunden.

(Hier gibt es eine Linie zu Jom kippur: wenn ich mich in der Familie, meinem persönlichen und sozialen Umfeld ent-schuldigen soll, dann fragt sich schon, wofür).

*

Netanjahu, die Geschichte des Likud, die Zusammensetzung der israelischen antizionistischen Politik seit 1978, die faschistischen und ultrareligiösen Politiken der Siedler und Ultraorthodoxen gehören zusammen und sind nicht als weißer Elefant im Laden zu verkleinern. Sie sind teilweise, aber eben nicht kausal und dominant für die Verbrechen und Aktionen der Israelfeinde mit verantwortlich. Das ist auch Politik, und solange man es nicht weiß, kann man es nicht verstehen. Man muss es aber verstehen, um die Politik Netanjahus zu begreifen, der ja als kleiner Rechtsbrecher nicht einfach Weltpolitik machen konnte, auch wenn er das wollte.

Die Vorgeschichte und Erklärung des Handelns der Hamas, der Muslime in Israel und im Westjordanland, in den umgebenden Staaten, vor allem in Syrien, im Iran, auch das Handeln der Hisbollah wird, fatal und zu Unrecht, der Israelkritik eingeschrieben, weltweit, oft bei den UN, oft aus Halbwissen. Schon die Verlegung des Staates Israel und der Terrororganisation Hamas auf eine diskursive Ebene ist grauenvoll und teilweise wirklich ein Schutzschild für den Antisemitismus.

(Jom kippur: schau genau, wer woran wirklich schuld ist, und dort verhandle, bevor du die Überzeugungen verfestigst, wenn du dich in Schuldfrage plötzlich selbst siehst, als Einzelner, als Staatsbürger, Religionsmitglied, Überzeugungstäter usw. Das ist schmerzhaft).

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Ich schreibe das heute. Mit der aktuellen Geschichte und Politik Israels setze ich mich seit Jahrzehnten auseinander, seit einem Jahr ist das noch schwieriger geworden als es immer war, und jetzt geht es um noch mehr als je zuvor: nämlich die Existenz Israels und die jüdische Unversehrtheit. Warum es mich interessiert und betrifft, ist heute nebensächlich, aber ich arbeite schon länger daran. Das ist der eine Fokus, der andere ist die Empathie für alle betroffenen Menschen, da tritt das Jude/Jüdin-Sein hinter die Menschlichkeit. Die und Empathie müssen eine Waffe gegen den Antisemitismus sein.

(Jom kippur: Buße und Versöhnung. Beides hat wenig mit Glauben zu tun und wird von der Religion nur so gefasst, wie eben die Gemeinschaftsbildung es möglich macht, mit Grenzen zu sektiererischen Extremen. Entscheidend ist die Praxis und nicht die Hoffnung auf eigene Rettung durch den richtigen Glauben).

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Heute wie an kaum einem anderen Tag wiederhole ich: Das teuflisch falsche Quadrat pro-Israel, anti-Israel, pro-Palästinenser, anti-Palästinenser kann sich nicht einen Moment lang begründen.  Allein die intervenierenden Akteure (=Variable!) verzerren jeden Blickpunkt von einem Standpunkt aus. Aber auch für uns ist das alles nicht eindimensional: wenn Israel das letzte Rückzugsland auf Erden bleiben soll, dann darf es nicht vernichtet werden. In meinen Augen sollte das weniger eine nicht mehr realisierbare Zweistaatenlösung ergeben, sondern eine Föderation (wie das z.Zt. Omri Boehm vorschlägt, oder wie sich das Tony Judt vor Jahrzehnten gedacht hatte). Dafür kann darf soll man sich einsetzen, öffentlich und laut und vor allem präzise. Und wenn Israel erhalten bleibt, dann muss es eine Demokratie und eine friedliche Nation (wieder) werden, sonst vernichtet es sich selbst.

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לשנה טובה תכתבו ותחתמו das kann man so UND so wünschen für ein gutes Leben, über das Jahr hinaus.

7. Oktober

Der 7. Oktober ist niemals vorbei. Er hat schon früh begonnen und er wird immer wiederkehren.

Am 7.10.1571 hat die Heilige Liga die Osmanen in der Schlacht von Lepanto besiegt. Schon der Begriff, und dann seine mehrfache Wiederholung, ist seltsam – und 1571 von Bedeutung (Heilige Liga (1571) – Wikipedia). Die Vorherrschaft der Osmanen ist erstmals beschädigt und wird sich weiter reduzieren, über die Jahrhunderte hinweg. Aber diese Schlacht hat nicht nur für die europäischen Reiche, Fürstentümer, Ökonomen eine große Bedeutung, auch für das Judentum – die Inquisition ist noch auf der Höhe ihrer Wirksamkeit – auch für einzelne jüdische Familien. Hier einmal das Beispiel einer reichen Familie, die von Beatriz de Luna (1510-1569) und ihrem Mann Francisco Mendes (1485-1535) und ihren Nachkommen handelt, „Kryptojuden“ oder Marranen. Ihre Lebensstationen sind Spanien, Portugal, die Niederlande, Venedig, Ferrara, Saloniki, Istanbul. Sie kaufen ihr Überleben den Herrschenden ab, sind von den Päpsten, der Inquisition und geldgierigen Fürsten abhängig, und reich genug, um dennoch Menschen zu retten und sozial Gutes zu tun. Mir geht es um die Fluchtpunkte der Juden. In der Globalgeschichte der frühen Neuzeit spielt diese jüdische Geschichte eine besondere Rolle (Behringer 2023). Immerhin von S. 336 bis 349 wird die Geschichte dieser jüdischen Familie genau beschrieben. Religion, Politik, Geld.

Warum ich das mit dem 7. Oktober verbinde: viele jüdische Menschen, in Israel und weltweit, müssen in diesen Tagen befürchten, dass Israel doch nicht der entscheidende Fluchtpunkt, das Ziel, eine letzte Heimat zu finden bleiben kann – wenn seine Feinde den Mehrfrontenkrieg gewinnen; oder dass es ein Land wird, das nicht als jüdische Heimstatt ohne weiteres erstrebenswert bleibt, unter Netanjahu und seinen faschistischen Koalitionspartnern. Aber natürlich: Israel kann und soll erhalten bleiben und seine Demokratie absichern, auch mit der nötigen Distanz zur religiösen Herrschaftsideologie. Dass das möglich ist, zeigen nicht nur die Demonstrationen.

Wenn normale religiöse Jüdinnen und Juden ihre Identität in Deutschland verbergen, zB. wenn Männer keine Kippa tragen, weil sie angegriffen werden, so ist das schlimm – moralisch, politisch, alltäglich. Wenn einzelne Gruppen – es gibt ja nicht viele Jüdinnen und Juden im Land, gerade einmal 0,2% – versuchen, entweder eine Einheitslinie, man möchte fast sagen: Einheitsgemeinde, zu schaffen, so wie die antisemitischen und antiisraelischen Gruppen sind homogenisieren wollen, dann spricht das gegen die Entwicklung der Demokratie in unserem demokratischen Land. Dass die antisemitischen Gruppen zahlenmäßig die Anzahl der Jüdinnen und Juden bei weitem übertreffen, sei schon angemerkt – es wird in den Nachrichten oft übergangen.

Man darf nicht zurückweichen von den Forderungen, die alle mit einem Waffenstillstand beginnen müssen, der aber in weiter Ferne scheint: die Geiseln müssen befreit werden, die Zweistaatenlösung oder die Alternative einer Einstaatenunion müssen politisch gewollt und vom Ausland unterstützt und beschützt werden (Interview mit Rula Hardal und Omri Boehm: „Die Zwei-Staaten-Lösung wäre ein Desaster“ – Kultur – SZ.de (sueddeutsche.de) 7.10.2024; schon früher: Binationale Föderation – Ein alter, neuer Lösungsansatz für den Nahost-Konflikt (deutschlandfunk.de) 28.1.2021; und noch früher die Gedanken meines Freundes Tony Judt (Tony Judt – Wikipedia), ab 2003 und stark umstritten.

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Ich komme immer wieder auf Omri Boehm zurück. Der ist ein politisch versierter Philosoph, kein Politiker. Seine schon schwierige Ableitung, dass es jenseits der Wahrheiten etwas Wichtigeres, Gerechtigkeit, geben müsse, kann man umsetzen in Praxis, man muss es nicht diskutierend zerfasern (Boehm 2023). Boehm fasst zusammen: „Das Problem…besteht nicht darin, dass Israel nur eine unvollkommene westliche liberale Demokratie ist, sondern darin, dass es so ist, wie westliche liberale Demokratien nun einmal sind: Sie sind für immer auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (152). Und darauf folgt unmittelbar die Kritik des Identitätsdogmas, die dem Stärkeren immer auch Macht über die Schwächeren gibt.

Ich habe seit langem schon meine Kritik an der einen Identitätskonstruktion oder an einer vertikalen Hierarchie von Identitäten entwickelt. Das ist keine philosophische Spielerei, sondern heute wirklicher Ernst, wenn man die entsetzlichen Aussagen der Kontrahenten in den Nahostkriegen zur Kenntnis nimmt. Aber um gegen die Identitätspolitik zu kämpfen, reicht es nicht sie zu kritisieren. Man muss die Schwächen der „westlichen liberalen Demokratien“ aufgreifen, um sie zu stärken, z.B. indem man die scheinbar liberale, de facto aber neoliberale ökonomische Machstruktur ebenso angreift wie die Vorstellung, dass autoritäre Bindungen an Religion und andere Ideologien den Weg zur Stabilisierung abkürzen.

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Uns stehen Wanderungen, Fluchten, Abschiebungen ebenso bevor wie Ankommen, Lagerungen und starres Ausharren dort, wo wir sind. Nicht nur uns jüdischen Menschen, uns Menschen.

Behringer, W. (2023). Der grosse Aufbruch. München, Beck.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Der jüdische Wald

Gerade zurück aus den Alpen: erneuert schon durch Anblicke und Perspektiven. Im Urgestein zieht sich der Wald hoch hinauf, bevor die Felsenbeginnen, auch die Almen sind hoch und es scheint fast zu schön um wahr zu sein. Es ist nicht wahr. Schaut man genauer auf die großen Wälder, sieht man größere Flächen abgestorbener, entnadelter Fichten; man sieht, wie sich die steilen Hänge nach den wilden Stürmen vor 8 Jahren wieder bepflanzen, das werden aber keinen Nadelwälder, und irgendwie ändert sich vieles mehr, Erdrutsche, Trockenheit, Überschwemmungen, das Detail verändert das Ganze, aber die Perspektive bleibt.

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Schaut man aufs Judentum, so ist da etwas ähnliches: der Blick auf die jüdische Geschichte ist wie ein Panorama, das man sich sattsehen kann…wie? fragt der Skeptiker: Jüdische Geschichte, das ist Verfolgung, Demütigung, Shoah…da kann man nur sagen: das auch, leider und immer wieder, ABER eben nicht die ganze jüdische Geschichte. Die darf auch heute weder mit der Shoah noch mit dem 7. Oktober 2023 noch mit der Regierung Netanjahus noch mit dem Auftritt unsäglicher jüdischer Aktivisten religiöser oder auch faschistischer Struktur festgeschrieben werden. Die jüdische Geschichte wird aus den Situationen, in denen sie jetzt scheinbar stecken geblieben ist, wieder ausbrechen, in eine Zukunft, von der wir nicht alles wissen oder genau vorhersagen können – z.B. wie entwickelt sich die Geiselopposition in Israel, oder wie formieren sich die kleinen Minderheiten wie in Deutschland zu größeren humanistischen Koalitionen, oder wie emanzipieren sich jüdischen US WählerInnen vom Trumpismus etc. Wenn es nicht um „Juden“ ginge, wären solche Fragen bei jeder anderen Ethnie politisch, kulturell, „ethnologisch“ ganz alltäglich, normal?!

Aber die Juden. Was sich zur Zeit im Nahen Osten abspielt, nicht nur in Israel, ist ohne die Geschichte des Staates Israel, seine Vorgeschichte, seine Etablierung, seine Verteidigung, seine Diplomatie, seine Wirtschaft, seine widerspruchsvolle Einwanderung etc. nicht verständlich. Wir können da vor langer Zeit zB. religionsgeschichtlich anfangen, um die ultrareligiösen Politiker richtig kritisieren zu können; wir können aber auch ins 20. Jahrhundert gehen und sehen, wie der Zionismus der Staatsgründung umgeschlagen hat in eine ethnisch und politisch ganz andere politische Richtung, die nicht nur die Siedler und die Landnahme, sondern auch das Verhältnis zu den Palästinensern stark beeinflusst, und diese Menschengruppe müssen wir, was Israel betrifft, natürlich auch verstehen, historisch, politisch, religionskritisch, was ist denn der Unt5erschied von PLO und Hamas etc.?

Glauben denn die arroganten Israelkritiker wirklich, einen Staat, dessen Gründung in einem Krieg begann, nach 75 Jahren bewerten zu können? Schaut euch die Deutschen an: seit 1871 angeblich EIN Staat, aber die Leute bezeichnen sich weitgehend heute noch als Bayern, Sachsen und Hamburger. Jaja, ich weiß schon, der Vergleich hat dünne Stellen, aber gerade die muss man füllen, mit der wirklichen Geschichte Israel und nicht den vielfältigen Narrativen der politischen und kulturellen Akteursgruppen.

Eine Konsequenz ist, dass es geradezu moralisch und ethisch verboten ist, ein dogmatisches Quadrat zu praktizieren: Pro-Israel, Pro-Palästinensisch, Kontra-Israel, Kontra-Palästinenser. Das geht nicht, und wird es trotzdem gemacht, ist es ein Anlass zu weiteren Kämpfen. Auch die Zuordnung des Antisemitismus zu den Positionen ist meist fatal, weil Israelkritik und Antisemitismus so wenig deckungsgleich sind wie das komplizierte Gegenbild auf muslimischer oder palästinensischer Seite (Vorsicht, das ist nicht analog, und noch komplizierter…).

UND WAS HAT DAS MIT DEM WALD ZU TUN?

Die Analogie ist einfach: die Perspektive, das Panorama der jüdischen (Welt?)geschichte ist schon beachtlich. Aber es ist auch wichtig, genau hinzusehen, die Verwerfungen, die durch Religion und ethnisch Antagonismen hervorgerufen wurden, nicht zu ignorieren, und – in der Gegenwart – nicht ideologisch Politik und Ethnie unrecht zu vermischen. Darum übrigens schreibe ich gerade an einem Buch, in dem ich „die Juden“ (Ethnie( und „jüdisch“ strengt unterscheide.

Umgekehrt, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, kann man keine Politik der Erhaltung und Zukunft machen.

Dazu kommt noch einiges, aber keine Analyse des gegenwärtigen Kriegs. Erstmals, ganz aktuell: Meron Mendel https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/meron-mendel-wir-juden-brauchen-nicht-den-holocaust-um-in-deutschland-solidarit%C3%A4t-zu-fordern/ar-AA1rLF5N?ocid=msedgdhp&pc=U531&cvid=d218c936e58147499a1c691932366098&ei=28