Riga

Riga, Latvia, Baltikum, – Zeitenwende?

Vom 2. bis zum 6. September war ich mit einem Freund in Riga. Vor Jahren haben die Stadt für ein paar Stunden auf einer Flugpause besucht, ich war auch ausführlicher mit meiner Frau und einer Arbeitsgruppe in Lettland, in Riga und Lipaja. Wiedersehen und Neuentdeckung. Ein paar Tage mit unverändert stahlblauem Himmel und sehr warm, fast wie zuhause.

  1. Kein Reisebericht

Dies ist keine touristische Ergänzung zu Reiseführern oder subjektiven Podcasts. Auch wenn einiges davon durchaus zu ergänzen wäre. Die Schichten der Reflexion sind mehrteilig und oft nicht auseinander zu halten, historisch politisch, fürs Auge, fürs Ohr, für die Erinnerung und viele Assoziationen. Zur Hälfte unserer Tage in der Stadt waren wir die exklusiv geführten Gäste einer politischen Stadtführerin, die uns Judaica zeigte und erklärte, und dabei Urbanica nicht ausblendete. Wie immer, trifft man sich vor dem Touristenbüro auf dem Platz vor der Schwarzhäupter- und Museumskulisse, da kommt noch was. Aber erstmal die Geschichte der Juden. Natürlich nicht von der politischen und ethnischen und damit europäischen Geschichte zu trennen. Die einzig erhaltene Synagoge wurde von den Nazis verschont, weil die nachbarliche Kirche hätte feuerfangen können. Renoviert und orthodox in Betrieb, blitzblank und irgendwie abstrakt bis auf den Portier, der eben keine Karikatur war, sondern echt. Wir gehen durch das ehemalige jüdische Viertel neben den Markthallen und nahe dem Bahnhof, und dann doch lange durch kleinbürgerliche Stadtviertel, das ist nicht der Westen, und wir stoßen auf die Grundreste einer großen Synagoge, Namenstafeln, wie hier überall, mit hunderten Namen von Opfern, um die Ecke eine jüdische Schule, jetzt privat, eine längere Tramfahrt zum ehemaligen jüdischen Friedhof, erst von den Nazis geschändet und ruiniert, dann von den Sowjets eingeebnet, ein ungarisches Denkmal, die Geschichte, nicht der Anblick entscheidet. Im offiziellen Rigaer Prospekt der Sehenswürdigkeiten fehlt das Holocaustmuseum im Speicherquartier, nicht im Stadtplan. Dieses Museum ist sehr groß und vielfältig, man kann gar nicht alles anschauen, aber der Blick, einmal nicht aus Deutschland auf die Shoah, ist fast befreiend. An der KZ Geschichte kann man auch die baltischen Verdrehungen zwischen NS, UdSSR, nationaler und nationalistischer Entwicklung, Widerstand sehen. Erschöpfend, und erschöpft. Lohnt: Geschichte der Juden in Lettland – Wikipedia, Ghetto Riga – Wikipedia, und man muss, um zu verstehen, auch die russische und polnische Geschichte im Umgang mit Juden nachvollziehen. Die vielfältige und gewaltreiche Geschichte des Baltikums, der „Region“ ist natürlich auch zur Zeit aktuell durch die Angst, die Russen könnten übergreifen, und man kann die NATO schon verstehen, nur – was wird sie, wenn überhaupt, wann tun? Jedenfalls lohnt auch zu lesen: Ludwigs Länderkunde direkt aus der Zeitenwende 1991 (Ludwig 1991), sehr instruktive Ergänzung. Es bleibt viel hängen an einem, wenn man diese Geschichte in die Stadt eingedrückt verfolgt hat. Wir verabschieden uns von der guten Führung und essen substandard in den Markthallen (wo ich am nächsten Tag Proviant für den Ausflug an die Küste bei einem Usbeken kaufe, und wo man die unterste Gewerbeschicht noch sehen, aber nicht bestaunen kann).

Am Vortag hat die Geschichte begonnen, mit einem eloquenten, sehr gebildeten Stadtführer, der uns an vier oder fünf Schlüsselorten die Stadt, ihre Besonderheiten und versteckten Details zeigt, auch er lebt überwiegend von Interesse und Trinkgeld, einschlägig studiert. Danach gehen wir in das Besatzungsmuseum. Ich kannte es von früher, es lässt einen nicht los. Und es bestätigt, was im deutschen Diskurs immer auf Widerspruch stößt: die enge Nähe von NS und Stalin in Handlungen und Unterdrückung, und wie das Baltikum von einer Hölle in die andere kam, und sich kaum adaptieren konnte, und wie schon in den 30er Jahren die gerade aufblühende Demokratie selbst schon defekt wurde, und ein umso leichteres Opfer für Deutschen und für die Russen. Das Museum ist gut und Detailgenau. Mittendrin laufen wir an den lettischen und albanischen Präsidenten vorbei, die eine kaum abgesicherte Führung veranstalten, Riga ist eben auch Peripherie. Nochmals: Deutschland hat kein Monopol auf Opfergestaltung, und der Blick von betroffenen Ländern auf das Geschehen ist manchmal befreiend, wenn Rücksichtnahmen fehlen.

2.

Die erste Schifffahrt, auf der Daugava, 2 km flussabwärts, 5 aufwärts, hinreichend umsichtig. Man sieht die Stadt in ihren Gliederungen und kann sich die alte, ummauerte Zentrale gut vorstellen, ein paar Hochhäuser auf dem Südufer sind auch ok, nur das eine, ganz hohe direkt neben der alten Burg, stört die Silhouette gewaltig. Wir fahren um die lange Insel Zakusala herum, darauf nur der sehr hohe und schöne Sendemast, ein Wohnhochhaus, und das open air Ethnomuseum, das nächste Mal…sonst grün bewachsen, ein paar Badefamilien, ein wenig Donauinsel im Kleinen. Und von überall sieht am in der Stadt den Zuckerbäckernachbau des Moskauer Hochhauses, das auch hier nichts wirklich genützt hat, weshalb es heute die Akademie ist.

3.

Am Abend davor sind wir in der Hauptachse der Stadt bis zum Freiheitsdenkmal gegangen, 10 Minuten vom Hotel. Freiheitsdenkmal (Riga) – Wikipedia (scheusslich wie viele solcher Denkmäler). Aber in der Achse war eine politische Fotoausstellung der Nachkriegsbefreiung mit guten Texten. Davon kommen die Menschen hier zu Recht nicht los. Auch die Koalition mit Litauen und Estland spielt eine Rolle, und ebenso die Menge an russischen MitbewohnerInnen, was natürlich politisch alles sensibler macht, vor allem, wenn es zwei Pässe gibt und man die Loslösungsgeschichte unter Gorbatschow und Jelzin studiert. Die Innenstadt ist schon voll mit billigeren Lokalen, nicht nur für Touristen, ausgesprochene Lokalküche ist selten, dann eher teuer, ich habe den Eindruck, dass die Qualität eher amerikanisiert und verflacht (auch im Vergleich zu früher, aber nicht annähernd so stark wie Prag). Kleine schnelle Speisen eher angenehm, und dunkles Bier. Alles hat einen guten Takt, fast keine Autos in der Innenstadt (viel Verkehr rundherum). An vielen Plätzen mehr oder weniger gute MusikerInnen, vor allem vor dem Touristenbüro.

4.

Aus der Altstadt läuft man über eine gut erhaltene grüne Contrescarpe, wie in Bremen, in ein bürgerliches Viertel, das eine empfohlene Jugendstilsektion hat, die im Vergleich zu anderen eher wenig interessant ist, außer für Architekturhistoriker. Spaziert man zurück , fallen einem die vielen und großen Parks auf, die erstaunlichen zahlreichen öffentlichen WCs, die Sauberkeit der Stadt, die große russische Botschaft und die weniger attraktive, goldglänzende orthodoxe Kathedrale. Und überall außerhalb des Zentrums Holzhäuser (jemand sagte 400…no?), in jedem Zustand, von besten renoviert bis zerfallend. Binnen kurzer Zeit kann man sich die verwinkelte Altstadt einprägen, vieles ist Kulisse. Aber es ist eine lebendige Stadt mit angenehmem Tempo. Und wo immer man an der Oberfläche kratzt, kommt die Geschichte und das Unabhängigkeitsstreben heraus. Das verdirbt einem die Freude an der Stadt nicht, schwingt aber wie basso continuo mit.

5.

Die Kathedrale ist nicht so schön wie St. Peter, beide Kirchen sind keine wirklichen Höhepunkte, aber Rundblick vom Turm schon sehr eindrucksvoll, und das Abendkonzert in St. Peter gut gefüllt und anhörbar. Ins Schloss kommt man nicht hinein. Der Pulverturm ist auch monumental. Bis auf das gewaltig große Kaufhaus (zufällig unserem Hotel gegenüber) sind wenige Bausünden in der Stadt. Ein paar Museen warten aufs nächste Mal.

6.

Dann aber der Donnerstag. Wir gehen an die Anlegestelle, wo ein kleines Passagierboot mit einem Vierstreifenkapitän und einem alten Dieselmotor wartet, 12 Passagiere, tuktuktuk. Die Daugava hinunter, nach der Stadt fast die ganze Strecke Kräne, wenige größere Schiffe, Details früherer und heutiger Betriebsamkeit. Schade, dass das Riesenkreuzfahrtschiff vom Vortag nicht mehr daliegt. Nach 10 km biegen wir in die Lielupe ein, die eine ganz lange Halbinsel vom Meer trennt, ganz schmal, meist bewaldet, schon bewohnt, aber man erfreut sich die meiste Zeit am gewaltigen Schilfgürtel, ab und an ein Schwan und manchmal ein Motorboot. Wir fahren noch einmal über eine Stunde den Fluss hinauf, bis nach Kurmala, einer vielortigen Kurinsel, auch mit teilweise deutscher Prägung aus dem frühen 20. Jahrhundert und vielen Kirchen (!), incl. einer umstrittenen orthodoxen. „Der Ortsteil Bulduri hieß deutsch früher Bilderlingshof und war vor 1914 der bevorzugte Sitz der deutsch-baltischen Intelligenz, des Geld- und Blutadels.“ (Jūrmala – Wikipedia). Die deutsch-baltische Intelligenz hat noch keinen Quotienten…Breiter Sandstrand, ganz flaches Wasser, schöne Villen der ganz Reichen, schöne Holzhäuser, eben Urlaubsort. Das Museum hat etliches an zeitgenössischer Kunst, naja, und im Ort gibt es ein gutes Musikprogramm.  Man könnte mit der Bahn in 30 Minuten zurückfahren, wir aber nehmen wieder das Boot und bedauern es nicht, man sieht anderes anders als bei der Herfahrt. Ein letztes spätes Abendessen, am Freitag geht es um 7 durch die Vororte mit dem Bus zum Flughafen. Ryan Air ist sparsam, fast mager, aber es geht…nur in Berlin läuft man lange vom Terminal zum Zug, was solls. Einige gute Tage. Lettland lohnt.

6.

Ich komme zurück und es bleibt weder Missmut über die falsche Reise noch Nostalgie über das Ende des Ausflugs. Also gut. Dass mich der Tag der jüdischen Geschichte und des lettischen Widerstands und der Vergleiche mit unserer historischen Aufarbeitung verfolgt, ist kein Zufall. Städte haben alle ihre Besonderheiten, die man sich einprägt, und über die man sie miteinander vergleicht. Auch Riga kann ich vielfach vergleichen, das ist aber nicht wichtig. Tiefer eingeprägt hat sich die Art, wie mit der Geschichte umgegangen wird, keineswegs nur „richtig“ oder „vorbildlich“, eher mit dem Hinweis, dass man den Schrecken nie ganz abschreiben kann. Und dass das nicht wirklich hindert, die Stadt schön, wichtig, lebendig zu empfinden.

Ludwig, K. (1991). Das Baltikum: Estland, Lettland, Litauen. München, Beck.

2 Gedanken zu “Riga

  1. Lieber Michael,
    danke für den interessanten, mich auch bewegenden Bericht.
    Ich melde mich mal telefonisch in den nächsten Tagen, denn kann ich besser erzählen, als im Netz etwas schreiben, wo keine weiß, wie die INfos weiter durch die Welt düsen. Denn es sind sehr private Dinge, die ich zu erzählen habe. Halt typisch für die Alt – 68er, die zu spät geboren sind.
    Klaus

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