Warum soll ein Krimineller kein genialer Erfinder sein?
Warum soll ein Jude kein Faschist sein?
Warum soll großartiger Musiker kein schlechter Lebenspartner sein?
Ihr könnt auch die Sätze umdrehen, warum soll ein Erfinder kein Krimineller sein usw.
Solche Fragten hängen wohl mehr mit dem Unsinn des Singulars Identität zusammen als man auf den ersten Blick meint. Und wenn Identität gar an der Spitze einer nationalistischen Politik steht, umso problematischer.
(Der Einwand, dass Identität in verschiedenen Wissenschaften unterschiedliche Bedeutungen hat, ist nicht absurd: Gerade dann kann man überprüfen, wieweit die Zuordnung des Singulars, Identität statt mehrerer definierter Identitäten, durch die einzelnen Wissenschaften mehr oder weniger sinnvoll ist).
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Ich habe den Begriff und das Thema nicht vorrangig in meinem Repertoire, aber das Wüten der Identitären und die oft zu kurz greifende Kritik an ihnen sind politisch brisant, ja prekär. Das kann man gut nachweisen mit dem Gestammel über die Identität des Täters von Magdeburg, der ja AfD nah, oft auffällig und vielleicht psychisch defekt ist…je stärker letzteres nach vorne geschoben wird, desto eher wird er von Anklage und Strafe verschont, andererseits, wenn er schon lange als tentativer Täter bekannt war, wohin will man ihn abschieben? Jedenfalls sind seine Identitäten und unterliegen nicht dem taktischen Normalismus der Politik, die die Freiheiten aller gerne durch Strafrechtsverschärfungen einengt, aber damit seit Jahren keinen Rückgang an Kriminalität erreicht hat.
Abgesehen von diesem Fall. Identität ist ein fataler Singular, und die Fähigkeit, zwischen den eigenen Identitäten – es sind ja nicht unzählig viele, aber doch einige – zu vermitteln, manche voran und andere hintan zu stellen, ist eine zivile, humane Eigenschaft von aufgeklärten Menschen.
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Nach dem II. Weltkrieg, ich war vielleicht 5, hatten viele Menschen in Österreich I-Karten. Bis heute gut aufgearbeitet, zB. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Identit%c3%a4tskarte. Wie sie an der Zonengrenze an der Enns geprüft wurde, von den Russen, erinnere ich noch heute, weil unsere Hausangestellte Kopitschek einen slawischen Namen hatte und deshalb die Sowjets fürchtete. Dass so etwas im Gedächtnis haften bleibt, ist erklärlich, aber nicht selbstverständlich. Die Ablösung der viersprachigen I-Karte galt nach 1955 als „Befreiung“, aber Personalausweis und Reisepass sind ja nicht viel anders – nur die Ausgabestelle hat sich geändert, jetzt ist es der autonome Staat…besser heute in der EU, was die Nationalisten bekämpfen, und die Identären zur Heimatverkürzung missbrauchen.
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Der Kampf gegen den Singular ist Politik, nicht Meinung. „Die“ Identität ist immer falsch.