Ingeborg Bachmann * hundert Jahre und ein Augenblick

Der hundertste Geburtstag von Ingeborg Bachmann gehört zu den wichtigsten Alternativen einer täglichen Detailverzweiflung an weltpolitischer und privater Beobachtung des Umfelds eines eigenen Lebens. Und mit entscheidend für mein Leben. Aber das später. Sie ist am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren, also in Kärnten, also in Österreich. Sie starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Ich freue mich zunächst, dass die ZEIT im Feuilleton vier Artikel zum Geburtstag eingibt, und ein Bild auf der Titelseite. Iris Radisch nennt sie die Jahrhundert-Schriftstellerin. Ein guter Auftakt mit einem wichtigen biographischen Detail: “Sie ging nicht zum Bund Deutscher Mädel. Sie ging auch nicht in den Luftschutzkeller, als die Alliierten Klagenfurt im März 1945 in Schutt und Asche legten. Als Überlebende in ihrer Straße schob sie einen Sessel in den Garten. und las Rilke und Baudelaire, als die Bomben auf Klagenfurt fielen“. Damals war sie 19. Und hatten viel hinter sich. Sie war so alt wie meine Mutter. Es gab nach ihrem Tod eine Menge Literatur und verflochtene Kommentare, die zu sehr auf das Ende ihres Lebens und zu wenig auf die Verbindung von Leben und Werk eingingen. Damals schon der Kontrast von Biographien und segmentierten Kommentaren. Lest dazu Eva Menasse: „Für sie gab es keine Rolle“ (ZEIT #43, 23.22.2017) mit zwei Rezensionen. Ich habe noch mehr davon, aber sie sind wahrhaftig sekundäre, auch wenn sie angeblich viele biographische Details aufscheinen lassen. Jetzt verneigt sich Adam Soboczynski in der ZEIT vor ihr, „Frei und damit verloren“. Er verweist auf den Anfang, als der Gedichtband Die gestundete Zeit 1953 erschien. Neuere Biographien bespricht Jolinde Hüchtker „Wer war Ingeborg Bachmann?„, das gehört wie vieles zum Rahmen, nicht wirklich zu Leben und Werk. Und Volker Weidermann pointiert „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die NS Vergangenheit, vor allem des Vaters, und lenkt ab, weil er die Geschichte von 1945 und danach nicht genauer beschreibt. Darauf verweise ich, das könnt ihr lesen, ich kann es auch weiter ausführen, auch Hans Weigel hätte man beim Namen nennen können, aber das ist sekundär, für mich und heute. Natürlich war ich 1953 zu jung für den Gedichtband, 1964 bekam ich Gedichte in die Hand (13 – 16. Tausend, Piper Verlag). Und auf Seite 27 steht das Gedicht, das für mich, konkret für mein Leben, wirklich Bedeutung hat, wichtig ist:

ALLE TAGE

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht,

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feid unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen

für die Flucht vor den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

Seltsam: ich bin dieses Gedicht mein Leben nicht losgeworden, und ich muss es immer lesen, nie auswendig vor mich hersagen. Ich habe es öfter vorgetragen zitiert, nie in den Pazifismus oder eine politische Sektion eingetragen. Es wurde zur Lebensbegleitung, ohne „“.

Ich habe viel von Bachmann gelesen, einiges über sie (ein Vergleich mit einem anderen Großen: Kafka, den muss man erst vielfach lesen, nicht voreilig über ihn). Auch haben mich ihre Beziehungen zwar getroffen, aber nicht betroffen gemacht. Weigel und Frisch waren mir aus vielen Gründen fern, Celan stand mir sehr nahe – aber deren Einwirkung auf die Lebens- und Werkgeschichte der Bachmann hat mich maßvoll interessiert, ich habe immer ihre Texte verstehen wollen, bevor ich sie bewertete, und wo Bachmann bei Celan aufscheint (für mich positiv), bei Frisch (dauerhaft negativ), ist das ein Rahmen. Das nachgelassene „Male Oscuro“ (2017) habe ich nicht gelesen. Bewusst.

Das Gedicht hat mich also viele Jahre, wie kaum ein anderer Text, begleitet, eine psychologische Assoziation: das jüdische Totengebet liest man auch und sagt es nicht auswendig).

Es geht weiter in die Psyche, nicht unbedingt Psychologie. Bachmann war so alt wie meine Mutter. Pubertär war ich nicht in sie, die Bachmann, verliebt, aber adoleszent war bemerkenswert, dass ich ihr Alter in keiner Weise auf meine Mutter produziert hatte. Die beiden waren in vieler Hinsicht grundverschieden. Aber sie haben, je für sich, erlebt, was unsereins ja nie erfahren hat. Und das spielte für mich bei der Erfahrung von Bachmanns Biographie schon eine Rolle, und das spielten sie natürlich auch mit, einerseits die Familie, andererseits die Planeten, Weigel, Henze, Celan, Frisch, Bernhard u.a. Es gibt zur Familie kaum Analogien und doch muss man sich der Zeit widmen, in der meine Mutter, in der Bachmann „erwachsen geworden“ ist. Und die intellektuellen Ausknospungen meiner Erinnerung, auch Erfahrung, zB. gegenüber Hans Weigel, zB. gegenüber Thomas Bernhard, haben schon Eindruck auf mein Bewusstsein hinterlassen. (Und eine Phantasie einer Alternative zu Frisch und dessen späten Abbau)

Und schon bin ich wieder bei ihren Gedichten, bei ihren Vakanzen mit Celan vor allem. Auch wie er zu Ende kam, und dann – wie sie zu Ende kam. Aber was wissen wir wirklich – lebte sie heute noch, hätte sie beides, liebens-würdige und lebens-würdiges Geschlecht über die Zeit weitergegeben in unsere Zeit des gefährdeten Standpunkts. So aber: Lest die Autorin über das Jahrhundert hinweg, immerhin: sie wird bleiben.

P.S. in arte gibt es eine neue Biographie, ambivalent und sehenswert  https://www.arte.tv/de/videos/127936-000-A/100-jahre-ingeborg-bachmann-dichten-fuer-die-wahrheit/

Faschismus diffus, aber real

Der Titel sagt, was ich denke: dass Faschismus sich längst global verbreitet hat, weil er ja seit mehr als hundert Jahren nie verschwunden war und derzeit beste Rekonvaleszenz erfährt, je weniger sich Demokratie verteidigt oder gar in die Zukunft verfestigt.

In Deutschland ist das schwieriger als anderswo, weil Faschismus über die NS Realität 1933-45 verengt und „absolut“ definiert wird – und so ,paradox`, die Faschismen in der Gesellschaft eher minimiert als konkretisiert. Faschismus war eine Entwicklung, die einen von vielen Wegen aus dem Faschismus mit schrecklichen Folgen entwickelt hatte (lange vor 1933 begonnen), aber das macht die Faschismen (historisch am DEUTLICHSTEN um 1910 beginnend nicht harmlos oder auch nur ungrausam – aber immer undemokratisch9.

Widerstand kann und soll sich auch immer verständlich und verfolgbar äußern, in den demokratischen Diskursen, auch in den Medien. Ein Beispiel HEUTE. In meiner täglichen Tageszeitung SZ (Süddeutsche) zwei wichtige Artikel und ein starker Kommentar. Der erste Artikel versucht zu erklären, warum Michel Friedman aus Bayreuth wieder ausgeladen wurde – er wollte Wagners Antisemitismus darstellen. Moritz Baumstieger „Wer soll diese Begründung bitte glauben?“ SZ 17.6.2026. S.9. Der zweite kritisiert den Umgang mit dem Denkmal von Karl Lueger in Wien: Verena Mayer: „Antisemit in Schieflage“ SZ 17.6.2026 S.13. In beiden Fällen ist der Antisemitismus nur ein Rahmen, kein Topos, er zeigt wichtige nationale Diskursunterschiede, aber er ist präsent. Das macht ihn zu einem wesentlichen Element der Faschismen, aber leider auch mit einer Brücke in viele Demokratien hinein.

Zentral für Bayreuth und die Absage an Friedman: „Ein kleines Störfeuer der Reflexion zum Auftakt der Feierlichkeiten, kritische Selbstbetrachtung in Bayreuth: Zu dieser Entscheidung hätte man der Festspielleitung nur gratulieren können. Gerade weil sie auch unbequem war. Man kann sich sicher sein, dass ein Redner wie Michel Friedman den Organisatoren um Katharina Wagner und auch dem Publikum es nicht erspart hätte, ein paar deutliche Worte zur späteren Haltung zu diesen Themen zu sagen, die lange Zeit vor allem aus Schweigen und Verdrängen bestand“. Mir gefällt die Wahrheit als Störfeuer. Das stört ja nicht nur die Ideologen, auch das eigene unkritische Selbstbewusstsein, das bei guten Themen oder Aufführungen gerne die Aspekte des Rahmens oder Nebenimpulse ausspart. In Bayreuth so wichtig wie in Wien.

Dort wissen sie Menschen mit ihrem großen Bürgermeister der letzten Jahrhundertwende schon etwas anzufangen, der Vergleich mit Wagner ist gar nicht so schlecht. Wer nichts von ihm weiß Karl Lueger – Wikipedia, und dort im Eingang: „Karl Lueger  (* 24. Oktober 1844 in Wieden, heute Teil von Wien; † 10. März 1910 in Wien) war ein österreichischer Politiker, Gründer der Christlichsozialen Partei (CS) und von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister. Als Bürgermeister war er bedeutend für die Entwicklung Wiens zu einer modernen Großstadt. Seine Rolle wurde allerdings durch den von ihm aufgebauten und geförderten Kult um seine Person überhöht. Lueger war bekennender Antisemit und trieb den politischen Antisemitismus entscheidend voran.“ Das Wort „allerdings“ ist genau die notwendige Brücke, ebenso wie zur Analogie des Wagnerschen Antisemitismus. Nun geht Wien anders mit dem Problem um als Bayreuth, das Denkmal wird schief erneuert, leider auch erneut imposant, und warum man es braucht ist umstritten. Die Erinnerung an die Geschichte verschwinden zu lassen ist so problematisch wie sie schlecht erklärt zu behalten. Das gilt seit jeher und heute umso mehr, als die verkürzte mediale Darstellung häufig die Erklärungen hinter den Fakten verdeckt oder weglässt. Stimmt das so: „Die zuständige sozialdemokratische Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler begründet ihre Entscheidung für die „Schieflage“ damit, dass es niemandem helfe, wenn man historische Tatsachen einfach ausblende: „Über Leerstellen kann man nicht sprechen.“ Die Statue in der jetzigen Form sei ein Mahnmal. Man solle „bei jedem Schritt“ daran erinnert werden, „was hier an Hass möglich war“.“ Oder hat der Innsbrucker Professor recht? „Der Historiker Dirk Rupnow, der an der Universität Innsbruck als Professor für Zeitgeschichte lehrt, schrieb 2023 in einem Aufsatz, dass die gekippte Statue 2010 sicherlich Avantgarde gewesen wäre. Jetzt aber reiche derartige Subtilität nicht mehr aus. Die Stadt Wien finde sich vielmehr in der Rolle des „Nachzüglers“ und „Bedenkenträgers“ wieder und sei in Sachen Erinnerungskultur nicht auf der Höhe des Diskurses. Denn warum, fragt sich Rupnow, soll ein Denkmal, das noch dazu an den von Lueger selbst praktizierten Personenkult anknüpfte, bis heute „unantastbar“ sein?“. Ich neige eher zur Wiener Erklärung, aber da ist schon etwas drin, was die Faschisten insgesamt ablehnen: Dialektik. Es geht nicht um rechthaben. Es geht darum, jenseits von Meinung sich Bewusstsein zu bilden. (Ich denke immer daran, dass meine jüdischen Vorfahren, wie viele, durchaus Richard Wagner Fans waren, siehe oben).

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Bernd Dörries nennt Israel auf S. 4 (Politik/Meinung) „Land ohne Frieden“. Um zu verstehen, was sich dort abspielt, muss man die Geschichte der letzten 140 Jahre, der letzten 100 Jahre, der letzten 60 Jahre, der letzten 4 Jahre, die Geschichte der letzten Monate herausarbeiten, damit sie nicht Geschichte bleibt, sondern Wirklichkeit für uns lebende Menschen wird. (Ich würde nicht, wie manche, 4000 Jahre zurückgehen, und ich würde bei den Palästinensern auch nur bis zur türkischen Herrschaft rückblenden). Das erfordert mehr als Nachdenken, man muss lernen, was man so einfach nicht wissen kann. Ich habe das an die beiden Faschismen oben angehängt, denn wir müssen uns, auch als Juden, kümmern: um die Ideologie und Haltung der israelischen Regierung und Teile des Volkes in Israel, jüdische und palästinensische). Und mehr als gedankliche Brücken bauen zwischen den Ereignissen, die keine Inseln sind.

Rechts in Deutschland (2)

Danke für eure erste Ansicht der Überlegungen über Deutschlands Rechtsradikale am 13.6., zu Martin Langebachs bpb Sammelwerk. Ich hatte ja gesagt: keine Rezension, wen das Thema interessiert, dem oder der kann man Lektüre, auch Zeitabschnitte oder Textherkunft nur zumuten und empfehlen.

Aber was mir weiter Gedanken macht: wie kann eine bestimmte Ideologie so popular-eingeprägt sein, dass sie Widerstand, Widerspruch und neue Entwicklungen unterwandert oder ignoriert. Ein scheinbar unpolitisches Beispiel: Deutschland ist das einzige Land ohne Tempobegrenzung auf den Autobahnen, und nicht nur die Autolobby setzt das seit Jahrzehnten durch, sondern eine politikmächtige Bevölkerungsminderheit. Minderheit. Darum geht es mir auch: man kann viele Dinge ändern, und den Widerstand der Minderheiten in Kauf nehmen. Das wäre Demokratie. Viele typisch „deutsche“ Aspekte kann man in der Süddeutschen lesen: Christian Zaschke: Deutschland, wer bist du? Süddeutsche Zeitung, zum Beispiel die Verbindung des Scheiterns im Sicherheitsrat und die kaputte Brücke über den Rhein in Bonn. Nicht trivial: fast alles hängt mit fast allem zusammen. Und was hat das mit der faschistischen Kontinuität zu tun? Leider viel, wobei es nicht einfach um Mehr- und Minderheiten geht.

Eine mir wichtige didaktische Korrektur. Viele, vor allem deutsche politische HistorikerInnen beschreiben Faschismus immer aus der Bewertung der Nationalsozialisten 1933-1945, – das ist problematisch. Faschismus beginnt doch vor der NS Zeit, übrigens die NS auch, begleitet diesen Sonderfall von Faschismus, bzw. rahmt ihn ein, und nach 1945 besteht weiterhin ein faschistisches Netz, das nicht deckungsgleich mit dem NS-Netz ist. Theoretisch lässt sich das gut belegen, noch besser an politischen und kulturellen Entscheidungen und Maßnahmen. Ganz klar: das entlastet Faschismus nicht. Aber wir wollen ja die sich revitalisierende Politik der Rechtsradikalen nicht nur erfahren, sondern auch verstehen. Wir müssen die rechtsradikalen Netze und Praktiken auch empirisch nachvollziehen, damit wir sie praktisch und nicht nur rhetorisch kritisieren und bekämpfen können. Beispiel: warum sind die Rechtsradikalen in der Rockmusik und bei vielen jüngeren Musikfans erfolgreich? Beispiel: warum sind die Rechtsradikalen bei der Durchdringung kleiner, vor allem aber nicht nur ländlicher, Gemeinschaften soviel erfolgreicher als traditionelle politische Parteien wie CDU, SPD und etwas anders Grüne und FDP. Man kann, selbst ich könnte, parteipolitische Einzelakte als Teilbegründung nennen, aber zusammengefasst: reicht das als Mittel zur Aktivierung von demokratischem Widerstand gegen die Neonazi-Szene? Eine sehr harte Frage, weil die Antwort jenseits des Nein sehr schwierige Kursänderungen verlangt. Die Mutlosigkeit vieler PolitikerInnen, die AfD und andere Faschisten nicht in die demokratischen Diskurse einzubeziehen, wirkt sich auf das Volk aus. Man kann die wirklich demokratischen Optionen der Nichteinbeziehung von Faschisten auch juristisch übernehmen, z.B. bei Friedhelm Hufen Friedhelm Hufen – Wikipedia . Demokratie heißt nicht, dass man gleich gerecht gegen alle Schwurbler und Antidemokraten agieren muss – allerdings, da gibt es wirklich selbstkritische Maßstäbe – man muss das schon belegen und begründen (und lange Zeit hat der Verfassungsschutz uns hier zu wenig und unrichtiges Material gegeben; aber es ist klar: wenn von dort Besseres kommen soll, muss man den Vf unterstützen und nicht verächtlich machen; ähnlich, für mich noch wichtiger, ist der Umgang mit der Polizei und ihrer ständig notwendigen Weiterbildung). Auch der Umgang, selbst von Wehrdienstverweigerern, mit der Bundeswehr steht hier zur Korrektur. Es geht ausdrücklich nicht um ja/nein oder Zustimmung bzw. Ablehnung. Es geht um begründbare Positionen, und die sind angstvoll – oder, Vorsicht, typisch deutsche Haltungen – etwas lahm gegenüber rechts, neofaschistischen, NS-nahen oder linksfaschistischen Entwicklungen. Das hat viel zu tun mit den Abwertungen des Erziehungswesens in der Hierarchie der Lebensqualitätsaktionen, aber auch mit den politischen Fehlentscheidungen: nichts zu korrigieren, um keinen Volkszorn zu erregen – das ist einer der Gründe für den Reformstau. Profitieren tun dabei vor allem die AfD und teilweise der rechtslastige Flügel der Regierungsparteien.

Mir geht es bei dieser Retroanalyse auch darum zu wissen, was und wie man etwas zur Dynamisierung und Aktivierung von Demokratie tun kann, und sei es durch Korrektur der Kommunikation, des Arbeits- und Freizeitverhaltens und der Selbstbildung, die ja nicht mit dem Erfolg aufhört, der angeblich das Land erfahren hatte – hatte, nicht hat. Wie können Arbeitgeber und Gewerkschaften beispielsweise ihre Ruhestandsideo-logien der Zeit vor 50 Jahren und länger korrigieren, als abwertend fortsetzen? Das ist nur ein Beispiel.

Solche Beispiele, im dauernden Konvolut, verändern nicht nur die Demokratie, sie stärken auch den Widerstand gegen die verschiedenen, vor allem rechtsradikalen Aktionen durch eigene Handlungen. Natürlich verlangt das auch eine Korrektur der eigenen Anschauungen und des Bewusstseins von gesellschaftlicher Wirklichkeit, – das ist nicht neu, aber es verlangt schon, dass man sich selbst einbringt.

Recht kompliziert: Rechts

Die ZEIT ist im besten Sinn „liberal“, nicht neo- im Sinn der Börse oder der FDP. Die ZEIT ist auch nicht links-liberal oder Mitte-Rechts-liberal. Mit einem mäßig breiten Diskurs- und Kontrovers-Spektrum. Man muss nicht alles lesen, aber oft erfreut das Feuilleton mehr als die politische Analyse von Politik und Kultur. Diesen Vorspruch brauche ich heute.

Wie lässt sich die AfD stoppen? „Wir haben diese Frage klugen Menschen aus Kunst, Literatur und Wissenschaft gestellt. Dies sind ihre Antworten – in 14 Texten und zwei Bildern“. (ZEIT 28.5.2026 #24, S. 41ff). Ich habe schon reagiert, bevor ich gelesen habe. Was heißt „stoppen“ und wer soll stoppen und wie?

Die AfD ist eine faschistische Bewegung, eine von vielen in Europa und weltweit, von vielen Deutschland. Sie gilt vielen auch als Partei und genießt deshalb bestimmte Rechte in der Öffentlichkeit, den Medien, zumal den staatlichen. Parteien und Bewegungen kann man unter juristischen Umständen stoppen, abbrechen – das ist in der Demokratie schwierig und immer etwas einseitig. (Mir fällt dazu die Parteilichkeit juristischer Menschen im Vergleich zu KI Computern ein, wie sie Yuval Harari beschreibt – leider keine Ironie, und Parteilichkeit heißt natürlich nicht, dass unser juristisches Feld schon parteilich feststeht, es heißt nur, dass kein Mensch jenseits seiner eigenen Meinungsgrundsätze steht, und darauf „objektivierend“ und emanzipatorisch reagieren müsste). In der ZEIT reagiert darauf spannend und befreiend Lya Yu, Philosophin: Das Gehirn ist gegen Brandmauern. Auch Nele Pollatscheks Verbeugung und der Bezug zu Hannah Arendt ist hilfreich. Und als eine der Wenigen verbindet Eva Illouz das demokratische Verbotsrecht gegen die AfD mit der Pflicht zur demokratischen Einbeziehung von Minderheiten (nicht nur muslimischer!). Das ist inhaltlich deutlich („Ein Parteiverbot als Exempel“). Hier ist eine große Schwäche in Deutschland, bestimmte Minderheiten aus der politischen Demokratieherrschaft auszunehmen. Von den anderen Beiträgen kann ich nur noch Matthias Brandt und Steffen Mau akzeptieren. Ist doch nicht schlecht, oder? Aber darum geht es (noch) nicht.

Zunächst: kann man die AfD stoppen, will man sie stoppen? Bedeutet das, dass sie uns mit 30-40% erhalten bleibt, aber nie an die Regierung kommt, als dauernder Stachel, wie manche der BeiträgerInnen meinen? Oder dass sie verschwindet, wenn sie nicht an die Regierung kommt, und die bisherige Wählerschaft sich läutert und vielleicht demokratischer wird? Klingt ironischer als ich es meine. Wie konvertiert man denn AfD und andere Faschisten zur Demokratie, wenn diese sich nicht selbst reaktiviert und weiter entwickelt? Recht haben nur diejenigen, die wollen, dass wir (alle) uns in die Demokratisierung der Gesellschaft einbringen, und das ist – auch bei uns – ein Risiko. Geringer als in Diktaturen, aber groß genug, siehe Einreise in die USA oder deutsche Grenzideologie. Also: Stoppen der AfD bedeutet sie abbauen zu wollen, und wer sie verlässt, muss doch umgebildet, verändert, demokratisiert werden. (Wie kompliziert das nach 1945 mit den übrig gebliebenen Nazis – bis heute, aber seit damals – war, kann man gut nachlesen (Martin Langebach: Deutschlands Rechtsradikale 1945 bis 2025, BpB 2026). übrigens zerlegt dieses Buch recht gut sowohl die Differenz von Partei und Bewegung, auch BRD und DDR, und damit die Brüchigkeit der älteren rechts-links-Bandbreite).

Na gut, gehen wir das Risiko ein. Dann fragen wir schon, wie es zur Auswahl der ZEIT Stellungnahmen kommt, lassen wir einmal meine obige Meinung beiseite. „Kluge Menschen“, da spiegelt sich die redaktionelle Auswahl – kann man so machen, aber…ich hätte zwanzig oder mehr alternative Namen, vertikal geht nicht mit intellektuell dàccord, und horizontal – soviele soziale Sektionen…die Auswahl kann man rechtfertigen, aber sie ist gefährlich. Der kritische Eingriff wäre gut, wenn die 16 Menschen sich gegenseitig und untereinander kritisch beurteilten, zum Beispiel. Aber so? Nur wenige, siehe oben, haben tiefer geschürft. Finde ich. Und andere finden das vielleicht konfliktbereit und gegensätzlicher. Eine Alternative wäre, dass nicht-deutsche, ausländische oder gerade eingewanderte Menschen, ihr Urteil gegenüber der AfD und der deutschen Demokratie abgeben und ggf. verknüpfen.

In der gleichen ZEIT äußert sich Franz Müntefering – was bringt sein Interview? – und fragen sich Anne Hähnig und Bernd Ulrich: „War es das schon?“ (Politik, S.2). Einfach über gesellschaftliche Begriffe Zugang zum Thema suchen, gar nicht schlecht: Verbot, Klassismus, Liebe und viele andere…so kann man die eigene Voreingenommenheit aufbrechen.

Pfingstflug ins Desaster

Ihr wisst, dass ich den SPIEGEL unter Dirk Kurbjuweit mehr schätze als frühere Redaktionen. Umso wichtiger ist mir, Kritik dort anzubringen wo sie wichtig wird.

im Titelblatt der #22 vom 22.5.2026: Fällt der Urlaub aus? und man sieht – ein verknotetes Flugzeug. Die Botschaft ist irre: Das Flugzeug als „Normalität“ der deutschen Urlauber ist gefährdet, wenn Kerosin zu teuer ist oder wegfällt. Ganz falsch. 1. Warum muss „man“ in den Urlaub fliegen? 2. Kann man sich beruflich leisten, was man freizeitlich nicht kann?

Richtig wäre es (gewesen und in Zukunft), Alternativen zum Fliegen anzugeben. Aber der Hinweis auf Urlaub ist natürlich nicht einfach ökonomisch, er ist ideologisch. Wasser auf die Mühlen der AfD: Deutsche können sich keinen Urlaub mehr leisten…Und Wasser in die Hirnwindungen vieler Urlaubsplaner, die das Wegfliegen als für sich wichtiger empfinden als Alternativen.

Gut, das reicht als erste Kritik. Aber schauen wir einmal genauer auf den Luftverkehr, auf die Lärmentwicklung und den Widerstand dagegen (Frankfurt und Umgebung zur Zeit).

Wie der Luftverkehr, nach Bahnnetz und Autobahnen, einen Kontinent ins Landesnetz nimmt – wirtschaftlich, sozial, kulturell, national, beschreibt Karl Schlögel in seinen drei zentralen Kapiteln in der American Matrix /2023). Aber da können wir natürlich sofort den Unterschied zu Bahn, Autobahn und Luftlinien in Europa erkennen, und weltweit. Das Landesnetz im Bewusstsein ist, bei aller Amerikanisierung, bei uns anders, incl. der Flughäfen, der Reiseroutine etc. Ich erinnere noch die Besuche am Wiener Flughafen, wir fuhren da als Familie hin, um drei Flugzeuge in zwei Stunden zu sehen – das war ein Blick in die Zukunft…heute: im Terminal kann man den Ort kaum unterscheiden, und strenge Unterwerfung nach 9/11 aller Passagiere hat mit dem glücklich-geschäftlichen Abheben nur mehr wenig zu tun. Was die Luftpolitik mit Umwelt zu tun hat, kann man wissen, Kerosin-Anbetung ist eine Religion, der Luftkrieg, auch der Drohnen, gleich um die Ecke, ist eine andere Sekte. Der sogenannte Weltraum (Space) als Hoffnungsgebiet der Musks & Space-X ist eine Erwartung ohne Hoffnung (obwohl ich sage: lass doch die Milliardäre gesichert wegfliegen, zurück kommen die nicht mehr…Hoffnung ohne Zuversicht).

Nein, das ist keine Kritik am Luftverkehr oder an der Reisewut der Mensch auf der immer kleineren Weltkugel. Aber stimmt das: „Naturwunder, echte und vermeintliche Sensationen. Sie werden die Menschen weiter zum Reisen animieren“ (SPIEGEL S. 17). Naturwunder, nicht Gesellschaft, nicht Kultur. Und die Abwertung der sogenannten Menschen: „Manchem genügt auch die Aussicht, die Hängematte nicht im eigenen Gartenaufzuspannen, sondern zwischen zwei Palmen“ (ebenda).

Um auch unsere Nachkommen überleben zu lassen, darf es nicht nur global und lokal um die Umwelt gehen, sondern um das Gesellschaftssystem. Die Faschisten können nur in der Gegenwart herrschen, weil sie keine Zukunft regieren können. Zukunft braucht Politik, und zwar jetzt, und nicht erst, wenn für eine 0,8 Regierung die Bilanz wieder erträglich wird.

Ach ja, Pfingsten. Autobahnstaus sind vielleicht schöner als Warteschlangen in den Flughäfen, weil man in die Umwelt schauen kann, wenn man nicht gerade im Tunnel ist. Der so genannte Heilige Geist schüttet u.a. Einsichten über die Welt aus. Die kann man nur einsammeln, wenn man aussteigt, landet, sich dort bewegt, wo sie auf der Erde herumliegen…wenn man dort gehen, stehen, sitzen darf. Das ist bei diesem schönen Wetter – trocken, heiß schon, aber eben schön – schon eine gute Alternative zum Airport. Wenigstens für uns

Nur so: die AfD kommt mit Programm, ohne Umwelt und Kultur

  1. Faschismus dreht der Umwelt und der Kultur den Rücken zu

Der Streit, ob Diktaturen, Demokratiefeinde, Illiberale etc. „faschistisch“ sind, ob sie so genannt werden sollen (müssen, können) deckt die Realität zu. Ich lasse mich auf diesen Streit ein, wenn nötig, bis dahin verwende ich meinen Faschismusbegriff wie bisher. Das ist wichtig, weil es mir um den sich entwickelnden und entfaltenden Faschismus in Deutschland geht.

In diesen Tagen wird viel an Wissenschaft, Vernunft, Kritik gemäkelt, weil es in das Schema der der Großen Diktatoren Trump, Xi, Putin passt. Wenn es um Umwelt geht und der Vorhersage, dass es in den nächsten 60 Jahren um 4° oder 5° oder 3,5 ° wärmer wird, was aber bedeutet: irreversible Zerstörung der Erdoberfläche für Menschen. Die drei Diktatoren spielen sich gegenseitig die Bälle der Herrschaft zu und die Gefolgschaft beugt sich ihren jeweiligen Herrn. Europa, NATO also eher Trump…Am Diskurs der Umwelt kann man die dünne Oberfläche der rationalen, vernunftgeleiteten Analyse gut studieren.

Die Ausgrenzung von Umwelt teilen die noch demokratischen Parteien mit den faschistischen Gegnern der Demokratie, auch in allen Übergangsstadien. Und diese Faschisten – lasst mal die Nazis als Extrementwicklung außen vor  – also: diese Faschisten arbeiten sich an vielen Fronten gegen ihr demokratisches Umfeld, und sie sind schon weit fortgeschritten.

2. Der Faschismus bereitet sich auf Herrschaft, nicht auf Mitreden vor

Das verfolge ich seit langem, immer wieder beleuchte ich solche Erscheinungen. Aber plötzlich wird es deutlich, nicht mehr verdeckt. „Im Versuchslabor der AfD“,  von Anant Argawala und Martin Spiewak, ZEIT #22, 13.5.2026, S. 29. Hier wird die faschistische Strategie der AfD personalisiert: Hans-Thomas Tillschneider, verortet in Sachsen-Anhalt. Man erfährt, was sich im Bereich der Hochschulen, der Bildung, der Kultur nach einem AfD Sieg ändern wird. Sachsen-Anhalt als „Labor“ der AfD Durchsetzung. Juristen, Mediziner, Maschinenbauer – da meint er besser angreifen zu können als in den Geisteswissenschaften. Dazu fällt mir nur auf, dass gerade dort die demokratische Hochschulpolitik ja in den letzten Jahren auch nicht aktiv reformiert hatte, weder innen noch landespolitisch…aber es fällt mir natürlich ein, dass und warum die AfD genau hier ansetzen will: weil sie eine Schwachstelle der Bundes- und Landespolitik und der nur scheinbaren Hochschulautonomie erfolgreich angreifen kann.

Das kann man hier präzise lesen, Umwelt kommt übrigens nicht vor. Das erwähne ich, weil alle sinnvolle Politik sich immer am Umweltfokus und nicht am Wirtschaftswachstum primär ausrichten sollte. Die demokratischen Gegner der AfD bereiten sich hier und in anderen Ländern auf Reaktionen gegen einen Sieg der Faschisten vor. Sie sollten sich m.E. viel stärker auf die demokratische Weiterentwicklung von Demo0kratie und Republikanismus konzentrieren als den Faschisten ihren Widerstand rhetorisch aufs Menu zu schreiben. Das brauchen die nicht (mehr).

Rechtslinks Judejüdisch Wahrfalsch

  1. Banal? „Ich bin ein nichtjüdischer Jude“, ein berühmter Satz aus Daniel Cohn-Bendits neuem Buch[1]. Wenn man die autobiographische Wirklichkeit des 80-Jährigen liest, reicht schon das Vorwort, um zu verstehen, dass man Jude sein kann, und zugleich nicht jüdisch. Und nicht nur bei Cohn-Bendit geht es auch darum, jüdisch sein zu können, wenn man vielleicht kein „Jude“ ist. Ein Thema vieler meiner Blogs. Hier verläuft ein Canyon, der nicht trivial ist. Die FAZ, also eine sehr konservative Presse, stellt fest: „Warum die Rechtsradikalen Daniel Cohn-Bendit brauchen[2]. Das Thema ist nicht trivial, liest man sich ein, ist „Jude“ ethnisch“, aber jüdisch, wie nicht nur ich es vertrete, ist ethisch, moralisch, sozial, … offen.
  2. Banal? Rechts – Links ist keine politisch oder ideologisch gerade Linie zwischen den Linken und den Rechten, und schon gar nicht mit einer ausgleichenden durchschnittlichen Mitte. (Über diese Abirrung der 0,8 Bundesregierung argumentiere ich hier nicht, kommt wieder…). Aber dass sich im etwas überkommenen Hufeisenmodell[3] die äußersten rechten und linken Positionen nahe sind, kann man täglich wahrnehmen.
  3. Es ist nicht trivial, dass wir täglich miterleben, wie sich Parteien, Politiker, Medien eher gegen die rechtsradikalen Gegner der Demokratie abgrenzen, als sich der Demokratie und ihrer möglichen Entwicklung zuwenden. Nicht zufällig verweise ich auf Haaretz, wo die liberale europäische Demokratie im tödlichen Absturz begriffen sein kann[4], und wo Frankreich, England und andere europäischen Länder, natürlich mit Italiens „neo-fascist right“ als Beispiele gelten. Ha’aretz deutet natürlich auch auf die Entwicklung in Israel, von der ich behaupte, dass sie durchaus faschistisch sein kann, weil Juden Faschisten sein können, ohne dass Israel weiterhin mehrheitlich jüdisch im obigen Sinn verbleibt…
  4. Wenn die Eingangsthese von 3. zutrifft, dann versteht man doch noch nicht, warum – zum Beispiel – in Deutschland die Normalisierung der AfD so heruntergespielt wird[5] und wie Normalisierung der AfD auch mit der Jugend zusammenhängt[6]. In den letzten Tagen hört man, wie die AfD die studentischen Verbindungen in ihre Konzepte einbaut, nach dem Vorbild Österreichs[7] aber schon länger.
  5. So wie Italien unter seiner faschistischen Regierung oft aus dem Blick gerät, sind die USA vielfach noch nicht das, was sie immer mehr sind: eine gewalttätig gegen die Demokratie angehende Republik. Da treffen plötzlich bei uns seltsam verzerrte Positionen aufeinander, die nur zeigen, wie wenig der Begriff der „Mitte“ Sinn macht: Das Beispiel Kiesewetter versus Trittin ist nicht links-rechts. Sondern betrifft unterschiedliche US-Wahrnehmungen[8].
  6. Zurück zu meiner These 1. Geht es um Juden und die Differenz zu jüdisch, wenn wir über Israel und Palästina nachdenken? Wie müssen über beide zugleich nachdenken, unabhängig, welche Position wir zu … ja, zu wem? – einnehmen. Die Geschichte der „Juden“ ist einfach insofern, als wir 4000 Jahre, oder 2000, oder 120 oder 80 zurückgehen. „Jüdisch“ bedeutet, jedenfalls seit der wirksamen Aufklärung schon etwas nicht in der Geschichte festgelegtes, „jüdisch“ hat sich entwickelt und kann eigentlich nicht vor diese Entwicklung zurückgehen, wie denn?

Aber darum geht es mir in diesem Blog nicht. Mir ist wichtig, wie man sich der eigenen Emanzipation zuwendet, anstatt ständig sich in der Abwendung von den Gegnern derselben aufzureiben. Und das geht unter anderem nicht einfach über Theorie, sondern durchaus angestrengt über Praxis, über Lebenspraxis und über politische Praxis, und die hat immer mit Freiheit, und eben mit dem zu tun, was jüdisch ist, ob es nun mit den Juden konform geht oder nicht.

  • 7. FORTSETZUNG FOLGT

[1] Erinnerungen eines Vaterlandslosen, 2026 Jacoby & Stuart.

[2] Christian Geyer: Cohn-Bendit und <Compact>, FAZ

[3] Hufeisenmodell: Was ist die Hufeisentheorie: Definition und Kritik ; ich verwende den Begriff alltagsrhetorisch und nicht hochwissenschaftlich. Wichtig: wenn „Rechtsradikale“ und „Linksradikale“ das Gleiche sagen, heißt das noch nicht, das sie das Selbe meinen. Vgl. aber auch WD-1-007-20-pdf-data.pdf . Natürlich bin ich auch gegen „Gleichsetzung“. Aber wenn es die Bedeutung identisch ist, kann man sie nicht durch seine Priorisierung verändern.

[4] Joshua Leiffer nach dem Verlust Orbans in Ungarn: Ha’aretz today 20.5.2026

[5] Robert Pausch und Bernd Ulrich: Sie wollen ein anderes Land. ZEIT #54 2025, vgl. meinen Blog 20.12.2025

[6] Simon Schnetzer „Mit Protest hat das nichts mehr zu tun“, ZEIT #14, 26.3.2026

[7] Lucia Heisterkamp u.a. : Rechte Reserve. SPIEGEL #42/2025

[8] Kiesewetter vs. Trittin: Ist das auch unser Krieg? ZEIT #12, 2026

Der Bund: Sozialistische Weltbürger, konkret

Ein Rezension und meine Gedanken

So einen Titel möchte ich gerne meinem Wissen geben, aber das wäre etwas übertrieben. Was weiß ich schon vom „Bund“?

Der Begriff ist scheinbar ungenau. Es lohnte, seine Geschichte erstmal zu lesen, als weniger gegenwärtige jüdische Erinnerung und Gegenwart. Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund – Wikipedia . Man, d.h. ich, wusste    schon einiges, professionell, akademisch und über jüdische Schnittmengen, aber genau und politisch war es nicht mein Thema. Nun gibt es in letzter Zeit zunehmend Kritik am jüdischen, bzw. israelischen, Zionismus, dazu habe ich schon einiges geschrieben. Aber die Abwehr des Zionismus durch den Bund hat mir einen aktuellen Druck versetzt. In einer Rezension beginnt die Beschreibung eines wichtigen Textes mit einer sehr aktuellen Beziehung, der zwischen „Shoah“ und „Nakba“. Adam Hochschild schreibt eine Rezension: Molly Crabapple Here Where We Live is OUR Country: The Story of the Jewish Bund. One World 2025. („A Dream of a Socialist Commonwealth“. NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue 9). Auf den ersten Blick nur eine Ergänzung dessen, was ich schon wusste. Aber extrem klar und deutlich: unter anderem ist die Verbindung zwischen Holocaust und Nakba nicht zu trennen, wie Omer Bartov meint, und es verstärkt meine, unsere, Kritik am Umgang des heutigen Israel mit den Palästinensern. Aber dieser Aspekt gewinnt erst an Gewicht durch die Kritik an der antisemitischen US-Einwanderungspolitik nach dem Ersten Weltkrieg, also vor 100 Jahren, in die USA, gut belegt, und dem unangenehmen Riss in der jüdischen Gemeinschaft der USA: „Astonishlingly, a Fortune poll that same year (1939, MD) showed that 25,8 percent of American Jews opposed increasing the tiny quota for refugees, because thez feared it would provoke antisemitism“. Über den letzteren, v.a. nach dem Krieg, habe ich öfter geschrieben. Vgl. auch den konservativen Bernard Lewis 1999_ Semites and Anti-Semites. An Inquiry into Conflict and Prejudice oder Nathan und Ruth Perlmutter: Antisemitism in America 1982, u.a. eine Menge eigener Erfahrung. Wenn man die heutige Politik der israelischen Regierung historisch analysiert, etwas mehr als 100 Jahre zurückgeht oder in die Zeit vor 1947 und die Zwischenkriegszeit, dann muss man bedenken, dass der Bund damals überall wirken wollte, wo Juden eine Heimat hatten, also nicht Palästina…das wird hier erklärt, aber auch die politische Kultur des Zionismus in Opposition zur jiddischen Kultur des Bundes „In the society the Bund envisaged, everyone would have the right to speak their own language“ )ich teile das nicht, aber diese Kritik am Hebräischen geht weit zurück…auch zum Zionismus und zu Herzl). Völlig korrekt beschreibt der Rezensent, dass der Bund, was die Klassenpolitik betrifft, letztlich versagt hatte, aber weniger „Ist members fought for their egalitarian, secular, profoundly cosmopolitan vision in the very darkest of times and places“. Tja, das kann man Netanjahu entgegenhalten – und den Palästinensern, die keine friedliche Vereinbarung mit den Zionisten vor 1948 eingegangen sind, warum ist übrigens auch wichtig, aber soll hier nicht ausgebreitet werden – außer in dem Aspekt, dass gerade heute die interne Kritik des Zionismus bis zu seinen Wurzeln, also auch Herzl, Antworten auf der Unverständnis geben kann, sagen wir Teilantworten, warum der Zionismus von den rechten bis rechtsradikalen Israelis praktisch abgesetzt worden ist.

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Ich könnte mich hier an die mittlere und spätere Hannah Arendt halten, an meine Freunde in Israel, an meine jüdischen Freunde usw. Aber wichtiger scheint mir, auch diesen Aspekt der jüdischen Geschichte wirklich aufzublättern, nicht zuletzt, was die USA betrifft. Ich stimme mit der Kritik am Zionismus nicht weitgehend überein, aber an der Realität seiner Durchsetzung sieht man schon die Alternativen, die nicht eingetreten sind, während den Gegnern des weltoffenen jüdischen Kosmopolitismus Tür und Tor geöffnet wurden. Dazu muss man sich auch politisch und kulturell verhalten.

Himmelfahrt – Höllensprung

Nein, nichts zum Feiertag. 40 Tage nach Ostern, immer am Donnerstag Christi Himmelfahrt: Christen feiern leibliche Aufnahme von Jesus in Himmel – religion.ORF.at – das reicht. Die Himmelfahrten gehen heute ins Weltall, hunderte, tausende, Fluchkörper, die sich selten treffen, aber insgesamt einen gewaltigen Müll anrichten bzw. selbst darstellen. Was für ein Glück, dass das nur in einem kleinen Winkel des großen Weltraums sich ereignet, obwohl – doch ziemlich weit und nicht wirklich erfreulich. Naja, das Wetter sagen sie besser voraus, und die Kommunikation geht einfacher durch die Welt und rund um die Erde. Aber das Wichtigste: die Elite der Elite sucht jetzt schon Wege, wie sie oder ihre Nachkommen unbeschädigt in den Weltraum entkommen können, wenn die Erde unwirtlich oder unbewohnbar wird…nur, wenn sie dort im All sind, dauert es statistisch 1,2 Millionen Jahre, bis sie den nächsten Wohnplaneten erreichen, der heißt „terra“…

Drehen wir das um. Ohne Religion, ohne Weltraum, ohne Erkundung oder Flucht. Man geht die Straße entlang, bei einem bestimmten Deckel hält man an, steigt in den Untergrund und ist für die meisten verschwunden. Jetzt stellt euch vor, wohin man dann kommen kann, wenn man nicht nur Rohre und Kabel und Wasserleitungen erreicht, sondern plötzlich im umgekehrten Weltall gelandet ist. Der Mythos, dass wir in der Innenseite der Weltkugel leben, ist natürlich alt und leider nicht ironisch genug, um zu überleben.

Warum mich das interessiert? Weil die religiösen Feiertage, beispielhaft, Assoziationen in die voraufgeklärte Welt erlauben – da kann man sich noch vorstellen, was früher die Einbildung, aber auch die Gläubigkeit an das Unverständliche geprägt hatte.

Und natürlich gegen die Aufklärung richtet sich, was heute politisch angestrebt und mit Mythos ummantelt wird, nicht nur Peter Thiel, sondern eigentlich noch alle Kirchen, Sekten und reaktionären Programme. Was bleibt denn dann „positiv“ übrig, sozusagen „real“? Eine ganze Menge, und wir basteln unsere immer neuen Mythen ja ständig und immer wieder.

Mit anderen Worten: so weit sind wir noch gar nicht entwickelt. Wenn wir uns an die Aufklärung halten, bedarf es auch der Neugierde, des Interesses hinter die Vorhänge zu schauen. Und dann ist natürlich die Historiographie der religiösen wie der wissenschaftlichen Begründungen schon spannend: Wie kommt es zu den Vorstellungen vom Universum und vom Weltraum und von der interstellaren Reise (oder eben vom Gegenteil: von der Reise zum Erdmittelpunkt oder in den Körper). Die Bilder vom Jenseits des Lebens richtung Hölle sind sicher im Tunnel anschaulicher als im unendlichen Universum (Lest einmal Dürrenmatts „Tunnel“), aber mehr Phantasie kann man im Weltraum schon entwickeln, nur – dort herumzurasen ist ja nicht unbedingt eine Erlösung, auch nicht die Himmelfahrt des Gottessohnes.

Die heutige Ökonomie, Musk & Co., baut genau diese Phantasie ab, um interglobale Märkte zu imaginieren, die ihr ja doch nur die Macht hier auf Erden erweitern würde, – aber die Erde geht ja gerade kaputt. Das wiederum verführt viele zum Mythos zu greifen.

Dass Christus auch zur Befreiung in die Hölle gefahren ist, eine volkstümliche Marginalie, aber tiefsinnig (ER muss ja die bislang vor ihm Abgestiegenen befreien (Wilhelm Maas: Gott und die Hölle – Studien zum Descensus Christi. Einsiedeln 1979). Es lohnt aber auch, die Höllenfahrt bis in das gegenwärtige Kino zu verfolgen (Höllenfahrt – Wikipedia), denn Hälle ist in jedem Fall spannender als die einschränkende Vorstellung vom Leben im Himmel. Unglück lässt sich eben menschlicher übersetzen als Glück, das wissen sogar wir.

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Der Spaß, Feiertage zu dekonstruieren, geht natürlich weiter, wenn man die Biographien von Heiligen, echten Menschen und anderen Wesen zerlegt. Mein Vorschlag: sucht euch einen besonderen Feiertag aus und feiert seine Geschichte.

Naive Vergleiche – und sinnvolle Differenzen

Fast schon ein Kalauer: die EU mit dem römischen Reich, Imperium Romanum, zu vergleichen; oder Stalins Sowjetunion mit Gorbatschows Russland – oder mit Putins? oder die AfD mit NS oder Meloni mit Mussolini oder…Wenn es „private“, persönliche Vergleiche sind, kann und soll man darüber diskutieren, Klarheit schaffen, warum jemand einen bestimmten Vergleich erfindet oder übernimmt, ihm zustimmt oder ihn ablehnt. Heute sind derartige Vergleiche fast immer in den Medien und haben größeren Einfluss nicht nur auf private, sondern auch auf öffentliche Bewusstseinsbildung, mit Einwirkung auf die Politik – oder nicht.

Oder nicht. Auch darauf kommt es mir an. Wer akademische Logik studiert, kann Vergleiche in allen Varianten verstehen, erkennen, gestalten. Nur: das ist nicht einfach und auch gebildeten Laien nicht einfach zugänglich. Wikipedia ist da streng: Vergleichende Methode – Wikipedia

  • der formalen Beschreibung (Vergleich von Strukturen, Regierungssystemen etc.),
  • der darauf aufbauenden Erklärung (von kausalen Zusammenhängen, Ursache-Wirkungs-Beziehungen im engeren Verständnis),
  • einer auf der Analyse basierenden Prognose (zur Vorhersage möglicher Entwicklungen, etwa durch den historischen Vergleich), sowie
  • der bewertenden Interpretation (speziell für normative Aussagen zum politischen System).

Das meine ich „eigentlich“ nicht, aber Vergleiche in der Alltagskommunikation haben den gefährlichen Nachteil, oft ganz anders weiterzuwirken, als ein vergleichender Einwurf es vorhatte. Andererseits: ohne Vergleiche gibt es keine Wissenschaft, schon gar keine Geschichtswissen-schaft, schon gar keine…Aber im Alltag gehts nicht um die Wissenschaften, da sind es oft Erfahrungen und Eindrücke, oft Überlieferungen, oft irrige Vorstellungen, die Vergleiche dauernd anstellen. Und ohne sie wäre Kommunikation ganz und gar unmöglich und jedenfalls schwierig.

WARUM ich das so einsetze? Weil im politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen Diskurs über Vergleiche mehr als nur Haltungen und Überzeugungen erzeugt werden, sondern wiederum Politik, Ökonomie etc. beeinflusst und geprägt werden.

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Macht selbst ein Experiment: Vergleicht Hitler mit Stalin, mit Putin, Trump mit Putin und Hitler usw. und vergleicht eure Kriterien mit dem Nachdenken, wie ihr drauf kommt, und welche Quellen sich da als erste vordrängen. Diese Vergleichsvorgänge sagen etwas über eure Bildung, eure Standpunkte, eure Vorurteile…

Eines meiner wichtigsten Beispiele ist ganz aktuell: Womit können wir Israelis mit Palästinensern vergleichen, weiterhin Israelis sich und Palästinenser, diese sich mit Arabern, die Israelis mit Juden oder als Juden oder als jüdische Mehrheit etc. Ihr erkennt, dass hier eine lange Entwicklung von Fragen und Vergleichen sofort möglich ist, aber dass es auch unmöglich ist, ein- oder wenig-dimensional Schlussfolgerungen zu erzeugen und zu kommunizieren. Aber es kann ja sein, dass solche notwendig sind, um das, was in Israel, Gaza, dem Nahen Osten, dem Kampf gegen Iran etc. sich ereignet, nicht nur zu verstehen, sondern darüber mit einer Meinung, einer Haltung sich zu verständigen. Wenn ich z.B. die gute Informationssendung des DLF am 13.5. um 7.50 zur rasanten Entwicklung der radikalen israelischen Rechten auch bei Militär verstehen will, reicht es nicht, allein die Daten festzustellen. Wo kommt die religiöse Verbindung mit dem Zionismus historisch her? Und kann ich von „dem“ Zionismus überhaupt sprechen? Die Antworten sind, darauf bestehe ich, zu komplex für Schlagworte; sie zu verstehen, bedarf es ziemlich viel Wissen, und früher hätte man gesagt, es bedürfe einer breiteren Bildung, um die Beziehung der Juden (Ethnos) bzw. der jüdischen gesellschaftlichen Strukturen (ethis, sozial, kulturell, historisch etc.) zu einander und „nach außen“ )in die nicht-jüdische Welt und Umwelt zu verstehen und sich zu positionieren.

Bei diesen Bemerkungen denke ich an Diskussionen mit dem gerade verstorbenen Micha Brumlik, mit vielen meiner jüdischen Freunde, mit Studis und KollegInnen…und die möglichen und wirklichen Kontroversen untereinander konstituieren geradezu das, was so einfach „Judentum“ heißt. Nun, dazu habe ich hier viel geschrieben, und wenn wir zurück an den Anfang dieser Mitteilung gehen, dann zeigt sich auch, womit man Juden und Palästinenser „vergleichen“ kann und soll, und womit nicht.

Wisst ihr, wer Daniel Libeskind ist? ein auch mit KI verfasster Text von gestern weist auf ihn hin („Sollte es besser wissen“: Star-Architekt Libeskind mit Warnung an Deutschland). Warum ich das aufrufe? Weil es schon zeigt, in wieviele Ritzen und Falten der Gesellschaft das Thema geht. Und ihr wisst, warum ich bei diesem Thema bleibe. Das heißt aber nicht, dass es das gedankliche Zentrum der Welt ist, es muss da immer so viele geben, wie für die Zukunft wichtig sind. Umwelt an erster Stelle. Und dazu kann man den altmodischen Begriff der Bildung exhumieren, zum Beispiel.

Ich hatte ja begonnen über VERGLEICHE zu schreiben. Und wenn ihr immer die Vergleiche heranzieht, die euch wichtig sind und nicht die, die gerade diktiert werden, dann kommen spannende Themenmuster zustande, die schon Einfluss auf das politische Selbstverständnis haben. Vergleiche enthalten den Begriff der Gleichheit, eine Folge von Freiheit, nicht ihren Ausgang. Das macht sie so spannend.