Herbst – Hoffnung statt Abstieg.

Man kann, wir können, den Kanzler Merz im Amt hoffen, auch wenn wir ihn und seine Regierung kritisieren, die Politik ablehnen, Widerstand gegen Kultur-Sozial-Umwelt-Abstieg fordern oder gar – leisten. Im Letzteren liegt das Hauptproblem. Weil es zur Zeit keine reale Alternative zu dieser Regierung gibt, ist es falsch – politisch und moralisch – scheinbare Alternativen aus Verachtung, wie in Frankreich, rechts und links, oder aus der falschen faschistischen Option, Italien, dem Kabinett entgegenzustellen. Das bedeutet: Kritik ja – 0,8 Ironie und Sachkritik – Verachtung oder Verlächerlichung nein. Die Grenze zwischen beiden ist schmal, aber um das Soziale, das Kulturelle und das Ökologische zu kämpfen, muss man, leider oder nicht, mit der Realität der Regierung und nicht mit dem Stern der Hoffnung auf eine gute Alternative, sagen wir: angeführt von den Grünen, reden und handeln.

Nebbich, das haben wir doch gewusst, oder? Naja, am Fall der Ablösung von Spahn kann man die obige Position ja durchexerzieren. Mach ich jetzt nicht, steht ja überall, nur: die Überhöhung der Leihmutterschaft als Abschiedsthema und das Verdrängen eines rechtspopulistischen Kurses, nicht nur von Spahn, macht die Grenze zwischen Toleranz und Lächerlichkeit porös.

Also: wir sind noch vorne, vor Frankreich, Italien etc., ABER. Was denken, projizieren, tun, jetzt, im Herbst der Demokratie? DAS nämlich ist eines meiner Probleme: wenn wir uns nicht politisch zusammentun und endlich die Demokratie weiterentwickeln, müssen wir schon planen, mit den und unter den Faschisten zu leben und zu handeln. Ob wir mit den Faschisten reden oder nicht, tagesproblematisch, ist doch egal…wie wir mit ihnen umgehen und handeln, darum geht es. 1930er Jahre sind, ein Hilfsmittel, aber keine wiederholbare Strategie.

Ich weiß es nicht, es geht darum, ein Wir zu konstruieren, das politische und kulturelle Nebenwidersprüche wahrnimmt und einebnet. So, wie Atheisten mit Katholiken kooperieren können, so können ganz viele Brücken mit zwischen kulturellen und sozialen Differenzen gebildet werden, nicht für ewig, aber jetzt. Vor den Wahlen und wahrscheinlich danach umso effektiver. Persönlich würde ich nur bei der Umwelt, bei der Ungleichung von Ökologie und Ökonomie, Grenzen ziehen, aber wechselseitige Durchlässigkeit bei Kultur und Sozialem erstmal aufbauen und dann durchhalten – schlechter wird es uns ohnedies demnächst gehen, und wer Freiheit gegen Gleichheit ausspielt, hat beide nicht verstanden.

Wir sind nicht frei, wenn wir hungernde Familien großzügig betafeln. Damit meine ich, dass wir uns selbst, das WIR oben, auch ändern müssen, um zu überstehen, was uns bedroht.

Das sagt sich so leicht. Aber ernsthaft: was wir uns zumuten müssen, ist noch längst nicht bewusst in seinen Risiken, Hoffnungen, Gefahren und unserer Leistungsfähigkeit.

Dazu lade ich euch ein, mit mir ein Manifest zu schreiben. Zu bedenken, zu schreiben, es zu entwerfen, nicht wie so oft, unterschreiben und sich befreit fühlen.

Jüdische Bibliothek

Da hat einer, Mendel Uminer, eine große jüdische Bibliothek, er liest die ganze Zeit, ein junger Gelehrter:

Alex Vadukul

By Alex Vadukul

July 9, 2026

For a young Jewish scholar and writer named Mendel Uminer, books are the wellspring of enlightenment. So when he scored a studio apartment a block away from Central Park on Manhattan’s Upper East Side a year ago, he brought his books with him — all 10,000 of them. What followed, at least for a little while, was a charmed existence in his 600-square-foot temple of knowledge.

Towering stacks of Judaica lined the walls, heaps of film criticism and opera history filled the prewar bathroom, piles of plays and poems blocked a window, and Uminer slept on a floor mattress engulfed in dog-eared novels. Waking up around noon, he spent his afternoons on his sunlit chaise, devouring the works of Yiddish writers like Chaim Grade and critics like Edmund Wilson, nourishing his mind while the city churned outside.

“I’m always reading,” Uminer, 31, said. “I’m reading to extract knowledge. Every book I own, I need. My library is my manual for life.”

He worked as a freelance Hebrew translator and used the apartment as the headquarters for his fledgling literary journal, Notarikon Review, hosting parties that gained a reputation among quarters of New York’s literary underclass. Striving writers drank beer among the teetering stacks while arguing over foreign affairs and Greek poetry….

Die Vermieter kritisieren diese Bibliothek: „“You are maintaining the Premises in a severely overcluttered condition; permitting the over-accumulation of books in the Premises; creating a fire hazard by over-accumulating combustible books in the Premises.”“

Die weitere Geschichte „Too many Books“ (NYT 10.7.2026) ist zwar spannend, aber mich fasziniert etwas anderes, berührt mich direkt: Jüdische Bildung durch lesen.

Es gibt nicht nur viele Bücher über Bibliotheken, über die Buchkunst, die Sammlungsvariationen, den Zusammenhang von AutorInnen und ihren Texten, die Lektorate, – das alles gibt es, verdoppelt durch den Blick auf die jüdische Geschichte im Text, mit Texten, das Wort verbindet nicht nur Gesellschaft mit Natur oder Gott oder Schicksal, sondern schafft auch eine Evolution, in der Judentum eine Rolle hat, die es hervorhebt, absondert, begünstigt…eine Rolle, die nicht unbedingt religiös geblieben ist, aber über Jahrhunderte religiös oder – religionskritisch war, nicht wirklich ironisch sage ich: wir lesen eben die Welt. Damit kommen auch alle anderen Künste ins Spiel, damit findet die Kritik ihren Grund ebenso wie das Dogma, und die Konflikte gehören dazu.

Nun kann man hier das Tor zur Bildung öffnen, aber mehr noch zur Aufklärung, was für die Geschichte der europäischen (und nicht nur europäischen) Monotheismen schon spannend ist. Nicht nur Texte vermitteln Humanität, aber sie halten sie fest, mehr als vieles andere. (Und bisweilen müssen sie zurücktreten, Musik und Kunstwerken den Vortritt lassen).

Die Zerstörung von Teilen des Judentums durch den ultra-orthodoxen, aufklärungsfeindlichen dogmatischen Politikstil – gegenwärtig, nicht vergangen – ist nicht nur mir peinlich, aber solange der Geist fliehen kann und keine Körper hinter sich lassen muss, zeigt sich schon Rettung. Schade, wieviel Bildung und Lesekunst bedroht ist, nicht nur in Israel natürlich.

Aber zurück zum Lesen, das ja das dauernde erneuerte Schreiben anregt (mehr als umgekehrt). Die Fortschrittsgeschichte der Menschen ist da nicht so schwieirg zu erklären. Jetzt interessiert mich mehr, warum nicht „bloß“ der Text, sondern auch sein Träger mich bindet, warum ich Bücher und Texte aufbewahre, die ich nicht nur einmal gelesen habe und nicht mehr lesen werde, die ich vielleicht registriert oder katalogisiert habe – anderes gebe ich leichter weg. Aber diese Texte verkrtöpern, weil ich sie gesammelt habe, auch ein Stück meiner Existenz. Ein Stück, bitte, nicht alles und nicht ganz. Und bei den Texten die ich, die wir, selbst geschrieben haben, ist die Brücke zu den VerlegerInnen, zum „Verlag“ von großer Bedeutung, sozusagen als Gegenüber zur Reaktion von LeserInnen auf die Texte. Da geht es nicht um einige übersehene Rechtschreibfehler oder Satzkrümmungen, da geht es um die Verdopplung des Textes durch die Kritik, die im Lektorat eingebunden ist, sozusagen als Freigabe. Das kann man historisch bis auf weit vor unserer Zeit verfolgen, und man kann es jetzt gegen die Feinde von Bildung und Lesen anwenden. Eine langdauernde Kunst.

Das alles schreibe ich jetzt nicht als Werbung. Umgekehrt, meine, unsere Verlage sind von dem Text, der „als Buch“, als „Aufsatz“ tatsächlich erscheint, nicht zu trennen (es sei, man sei sein eigener Verleger und Drucker, – nicht mein Anliegen). Und wenn ich einen Teil meiner Bibliothek „übertrage“ oder einer Institution, zB. einer jüdischen Institution widme, ist es immer mehr als nur eine Textsammlung.

Verlogener Realismus

Da fahren sie in die Türkei. Dort sitzen hunderte oder tausende politischer Demokraten im Gefängnis, aber das türkische Militär vertreibt wertvolle Waffen und vor allem: die Türkei unterstützt die NATO angeblich so, wie es z.B. NATO-Partner aus der EU nicht können. Trump aber ist kein weißer Elefant, sondern ein Gewaltherrscher, neben vielen seinesgleichen, der eben mit den NATO Vertretern verhandelt, zu seinen Gunsten, weil die ja nicht so stark sind, und besser mit den USA als mit Russland. Da ist schon etwas dran.

Eigentlich weiß man das alles, aber das Peacewashing und die Unterwerfung unter diktatorische Verbündete ist ja nichts neues. Man kann auch lernen. Meloni, eine offene Faschistin und europäische Verbündete auf manchen Feldern, hat Trump anscheinend zum Einlenken gebracht, klüger als die meisten Regierungshelden Europas. Was kommt da aus den heutigen Beratungen heraus? Wir wissen es nicht, und die Prognosen taugen, wie häufig, auch diesmal wahrscheinlich nichts. Außer dass Trump private Geldgeschäfte wahrscheinlich erfolgreich verhandelt. Mich interessiert das nicht spontan, sondern aus einer gefestigten Rückschau, vielleicht morgen. ABER mich interessiert, wie die europäischen Demokratien, wie wir auf den Diktator reagieren. Von unten, bitte keine Selbstüberschätzung. Man kann in ihn noch so hineinkriechen, wie Mark Rutte, oder sich unabhängig gerieren oder gar widersprechen, das alles berührt den Diktator nicht wirklich. Er ist nicht wie unsereins. Das ist auch Xi nicht, das ist auch Putin nicht, aber wir sind ja von Trump abhängig. Sagen wir: weitgehend, nicht vollständig. Es reicht.

Eine Alltagsempfehlung: Dirk Kurbjuweit hat im SPIEGEL #28/3.7.2026, unter „Jeffersons Fluch“ eine komplexe Gratulation zu 250 Jahren Demokratie aus den USA und den Problemen mit dieser Demokratie geschrieben. Das ist historisch und kulturgeschichtlich, auch weltpolitisch ok, aber mich hat dabei etwas besonders wach gemacht: dass der Autor die Demokratie von Anfang an als komplexes und nicht stabiles Gebilde beschrieben hat, und dass wir uns zwar darauf kritisch einstellen sollen und uns nicht darauf verlassen, aber jedenfalls nicht wundern oder resignieren sollten. Immerhin ein paar Seiten Aufklärung statt Unterwerfung.

In einem Moment des globalen Zerfalls bisheriger Strukturen, nicht eines Zerfalls der Welt, ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, wie man mit den Trümmern umgeht. Das setzt mehr als politische Entscheidungen der Regierungen voraus, da sind auch die Bürgerinnen und Bürger gefragt, die ja schon mitmachen müssen, um sich die demokratischen Regierungen richtig zu stabilisieren…Das bedeutet nicht nicht einfach Aktivität von „unten“, weil ja die Regierungen nicht automatisch „oben“ sind. (Da kann man übrigens einiges aus den USA lernen). Aber es bedeutet hingegen, dass wir uns verständigen sollten, worüber wir uns politisch aktivieren und formen. Diese Diskussion, anstatt der Konfrontation von Meinungen, ist wirklich relevant und immer aktuell. Das klingt fast zu einfach, ist aber nicht trivial.

Schule, Rente, Ökologie – kann man die drei mit der Landesverteidigung verbinden? Ich denke, wir müssen das. Der politökonomische „Rest“ ist kein Rest, sondern eine politische und kulturelle Umwelt, und all das zusammen kann und soll die Ökonomie reformieren, und nicht umgekehrt, wie die Zwergenwirtschaft der O,8 Regierung es gerade angeht. Landesverteidigung, Militär, ja, wie es sein muss und kann, ist nicht schwierig zu bedenken, aber WIE? Und da kann man keine falschen Dualitäten, wie Krieg und Frieden, rechts und links, einsetzen. Das setzt schon politische Diskurse voraus, in die wir uns einbringen müssen, anstatt sie beobachtend zu kritisieren. Wie bringen wir uns ein? Praktisch, handelnd. Das schließt ja nachdenken und lernen und probieren nicht aus…auch das klingt trivial, ist es aber nicht. Anstrengend, mühsam, gegebenenfalls zahlen wir dafür oder drauf. Und dass es uns „einschränkt“ ist sowieos klar, aber auch, wenn wir nichts tun und rechts-schaffenden Regierungen einfach handeln lassen.

Zurück zur NATO, zur Türkei, zu Meloni, zur EU…es macht Sinn, über die Ereignisse nachzudenken, manchmal auch zu reden. Aber wozu? – die Antwort macht auch Sinn. Lest die Süddeutsche von heute, 9.7., Seite 2.

Aufschub durch Lächerlichkeit

Der Abstieg Europas ist natürlich nicht spontan, die Länder Afrikas, Asiens, Lateinamerikas strecken sich in die Zukunft, China hat schon gegen die USA gewonnen, wer weiß, wie lange, andere wachsen und stärken sich…Weltgeschichte war und ist kompliziert, die Vereinfachung ist nicht nur eine Schwäche, sondern ein Abweg aus der Wirklichkeit.

Das kann man genauer und im Detail nachprüfen, es gehört zur Grundbildung, zur Kultur, zum eigenen Beruf…mache ich hier nicht, aber: ich frage mich, wie die sub-minimale Politik der deutschen Regierung innerhalb der schwachen EU den Abstieg noch weiter garniert. Weil es keine Alternative gibt, zur Zeit, verachte oder verdamme ich diese Regierung nicht, deshalb trifft meine Kritik ihre Entscheidungen, nicht so sehr den Rahmen in dem Merz&Co handeln. Die absurde Vernachlässigung von Umwelt, Kultur und Sozialem durch das Programm des Wirtschaftswachstums lässt sich leicht widerlegen, auch durch Einzelaspekte wie Bevölkerungswachstum, Zuwachs an nicht-deutscher Einwanderung von Menschen, Asyl, Abschwächung der Kreativität, Sieg der großen und kleinen Lobbies etc. Weil das evident ist und keine kritische Erfindung von Minderheiten, mache ich hier nicht weiter, das könnt ihr überall – fast überall – belegen und belesen. Ich leide eher, oder fühle mich bedrängt, durch die Lächerlichkeit der Herrschaft auch dort, wo sie vernünftig agieren könnte, von den Menschen unterstützt, also nicht vom „Volk“ etc. Das ist ein Aufriss gesellschaftlicher Bildung. Nicht nur Sozialisation, nein, Bildung – nehmen wir den Begriff aus der deutschen Geschichte heraus, verallgemeinern wir ihn zur Aufklärung hin, also auch gegen Religion, Aberglauben, Schicksal und alle möglichen Weltzyklen, die immer nur die eigenen Schwächen der „Natur“ zuschreiben (das war nicht nur zu Beginn des 20. Jahrhunderts so…man kann auch Oswald Spengler oder Rudolf Steiner aufrufen, mit komplizierten, aber nie ungebildeten Sackgassen). Für mich bedeutet das, dass es nie aufhört, aufgeklärt die Wirklichkeit zu analysieren, und auch die gefährlichen Abgründe und nicht nur die aufgeklärte Erkenntnis wahrzunehmen. Dieses letzte Wort ist mir wichtig: was in der Geschichte, Politik, Kultur….„wahr“ sein kann, um zur Praxis zu leiten – das bedeutet schon, dass man sich selbst anstrengen muss und eben nicht die Algorithmen für einen selbst agieren lässt. Und, paradox?, mir fehlt das bei der bloßen Ansicht der Politik in unserem Land, auch anderswo. Was heißt, es fehlt? Dass ich nicht weiterkomme, Wahrnehmung ohne Ausgang. Kompliziert? Beispiel: die Politik, aber vor allem der Diskurs zum Telefonverbot der Krankmeldung und zur Verordnung des Praxisbesuchs…Man kann hier schon die Gründe für das jetzige Misstrauen aufzählen, aber leider tut man das nicht, und deshalb ist der Akt einer des Misstrauens und keiner der konkreten Kritik; er befestigt die Misstrauenskultur anstatt den wirklich krankleidenden Menschen zu vertrauen – und den MontagsFreitagsSonstigen Betrügern mit ablehnender Haltung zu begegnen. Karikatur von Teresa Habild in der SZ von heute. Nur eines von vielen Beispielen, die ja eigentlich darauf hinauslaufen, dass die Regierenden den Menschen der Gesellschaft grundsätzlich misstrauen. Darauf kann keine Demokratie stabil stehen. Und das hat auch mit Bildung zu tun.

Erschöpfung, kreativ

Man schreibt immer immer über das Gleiche, sechs oder sieben Themen, die sich abwechseln, einmal in der Reihe, einmal durcheinander, und wer die Blogs regelmäßig liest, fragt sich, warum ich nicht mehr Variationen einbringe. Falsch. Es sind mehr Themen, viel mehr, aber sie laufen zusammen, das ist die Wirklichkeit, über die ich blogge…Aber wenn ich über Israel und Palästina und das Judentum schreibe, oder wenn ich Korruption und Fahrlässigkeit kritisiere, oder wenn es um Umwelt geht, dann ist auch für mich spannend, wie die kleinen und kleinsten Variationen der Interpretation sich darstellen, wenn die schlechte Unendlichkeit der dauernd, übermäßigen Wiederholung sich schon kaum mehr lesen lässt. Schlechte Unendlichkeit, das ist die Gegenwart der Menschen ohne Hoffnung, ohne Zukunft, manchmal der Faschisten, oft der oberflächlichen Dünnköpfe. Sich da heraus zu begeben, ist mühsam, und ehrlich: ich bin zunehmend erschöpft. Weil es nicht darum geht, dass mir zu Trump oder Putin oder zum Klima nicht noch etwas einfällt, sondern was es ist, das euch Leserinnen und Leser aufweckt, animiert oder bewegt.

Zu vielen dieser Statements gehört auch, dass ich, wenn sie das erste Mal als veröffentlichten Blog selbst lese, sofort weitere Gedanken, Veränderungen, auch Kritik und Verbesserungen andenke, und bisweilen auch eintrage, aber meist schon am nächsten Schritt, also Blog lande. Und da komme ich zu meiner Erschöpfung. Die langweilige dauernde wiederholte fast schon wiederholte Einsicht in weltpolitische oder lokale Wirklichkeiten, die ja immer mehr sind als Ereignisse, erschöpfen – und machen das Paradox der schöpferischen Weiterentwicklung. Einschließlich einmal längere Zeit über bestimmte Personen oder Ereignisse NICHTS zu schreiben, sollen sie noch so am Tagesablauf brennen: der Tagesablauf ist eben oft schlechte Unendlichkeit. Anders gesagt: was fällt mir zu Putin oder Trump oder Netanjahu oder zur Hamas noch ein? Dieses NOCH hält mich am Schreiben.

Ich habe das vor einiger Zeit in einem Buch versucht: – Flanieren im Mythos – Sexualität und Gewalt, edition splitter,  Wien 2023,  € 26,00 . Es verkauft sich nicht gut, weil man es nur beim Verlag und bei mir bekommt. Darum geht es jetzt nicht. Wichtiger ist, dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit nicht journalistisch ist und nicht politisch, sondern intellektuell und persönlich reflektiert wird. Der Reflex führt zurück in die Kultur. (PS: Ihr könnt das Buch v.a. in Deutschland direkt bei mir bestellen, über die Buchhandlungen dauert es länger und ist teurer).

Ich denke, ihr könnt das jetzt im Sommer gut vertragen, dass ich erst in ein paar Tagen wieder zu den Ereignissen und Personen zurückkehre, denen ich durch meinen Blog ja Überleben sichere, ihre Vergänglichkeit etwas umbaue…

P.S. Nicht nur zur Politik: was soll ich heute zum herrlichen Sommerwetter, zum blauen Himmel, den Bienen auf meinem Balkon, der erträglichen Literatur noch schreiben? Mein Gewitter kommt schon wieder, keine Angst.

Ingeborg Bachmann * hundert Jahre und ein Augenblick

Der hundertste Geburtstag von Ingeborg Bachmann gehört zu den wichtigsten Alternativen einer täglichen Detailverzweiflung an weltpolitischer und privater Beobachtung des Umfelds eines eigenen Lebens. Und mit entscheidend für mein Leben. Aber das später. Sie ist am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren, also in Kärnten, also in Österreich. Sie starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Ich freue mich zunächst, dass die ZEIT im Feuilleton vier Artikel zum Geburtstag eingibt, und ein Bild auf der Titelseite. Iris Radisch nennt sie die Jahrhundert-Schriftstellerin. Ein guter Auftakt mit einem wichtigen biographischen Detail: “Sie ging nicht zum Bund Deutscher Mädel. Sie ging auch nicht in den Luftschutzkeller, als die Alliierten Klagenfurt im März 1945 in Schutt und Asche legten. Als Überlebende in ihrer Straße schob sie einen Sessel in den Garten. und las Rilke und Baudelaire, als die Bomben auf Klagenfurt fielen“. Damals war sie 19. Und hatten viel hinter sich. Sie war so alt wie meine Mutter. Es gab nach ihrem Tod eine Menge Literatur und verflochtene Kommentare, die zu sehr auf das Ende ihres Lebens und zu wenig auf die Verbindung von Leben und Werk eingingen. Damals schon der Kontrast von Biographien und segmentierten Kommentaren. Lest dazu Eva Menasse: „Für sie gab es keine Rolle“ (ZEIT #43, 23.22.2017) mit zwei Rezensionen. Ich habe noch mehr davon, aber sie sind wahrhaftig sekundäre, auch wenn sie angeblich viele biographische Details aufscheinen lassen. Jetzt verneigt sich Adam Soboczynski in der ZEIT vor ihr, „Frei und damit verloren“. Er verweist auf den Anfang, als der Gedichtband Die gestundete Zeit 1953 erschien. Neuere Biographien bespricht Jolinde Hüchtker „Wer war Ingeborg Bachmann?„, das gehört wie vieles zum Rahmen, nicht wirklich zu Leben und Werk. Und Volker Weidermann pointiert „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die NS Vergangenheit, vor allem des Vaters, und lenkt ab, weil er die Geschichte von 1945 und danach nicht genauer beschreibt. Darauf verweise ich, das könnt ihr lesen, ich kann es auch weiter ausführen, auch Hans Weigel hätte man beim Namen nennen können, aber das ist sekundär, für mich und heute. Natürlich war ich 1953 zu jung für den Gedichtband, 1964 bekam ich Gedichte in die Hand (13 – 16. Tausend, Piper Verlag). Und auf Seite 27 steht das Gedicht, das für mich, konkret für mein Leben, wirklich Bedeutung hat, wichtig ist:

ALLE TAGE

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht,

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feid unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen

für die Flucht vor den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

Seltsam: ich bin dieses Gedicht mein Leben nicht losgeworden, und ich muss es immer lesen, nie auswendig vor mich hersagen. Ich habe es öfter vorgetragen zitiert, nie in den Pazifismus oder eine politische Sektion eingetragen. Es wurde zur Lebensbegleitung, ohne „“.

Ich habe viel von Bachmann gelesen, einiges über sie (ein Vergleich mit einem anderen Großen: Kafka, den muss man erst vielfach lesen, nicht voreilig über ihn). Auch haben mich ihre Beziehungen zwar getroffen, aber nicht betroffen gemacht. Weigel und Frisch waren mir aus vielen Gründen fern, Celan stand mir sehr nahe – aber deren Einwirkung auf die Lebens- und Werkgeschichte der Bachmann hat mich maßvoll interessiert, ich habe immer ihre Texte verstehen wollen, bevor ich sie bewertete, und wo Bachmann bei Celan aufscheint (für mich positiv), bei Frisch (dauerhaft negativ), ist das ein Rahmen. Das nachgelassene „Male Oscuro“ (2017) habe ich nicht gelesen. Bewusst.

Das Gedicht hat mich also viele Jahre, wie kaum ein anderer Text, begleitet, eine psychologische Assoziation: das jüdische Totengebet liest man auch und sagt es nicht auswendig).

Es geht weiter in die Psyche, nicht unbedingt Psychologie. Bachmann war so alt wie meine Mutter. Pubertär war ich nicht in sie, die Bachmann, verliebt, aber adoleszent war bemerkenswert, dass ich ihr Alter in keiner Weise auf meine Mutter produziert hatte. Die beiden waren in vieler Hinsicht grundverschieden. Aber sie haben, je für sich, erlebt, was unsereins ja nie erfahren hat. Und das spielte für mich bei der Erfahrung von Bachmanns Biographie schon eine Rolle, und das spielten sie natürlich auch mit, einerseits die Familie, andererseits die Planeten, Weigel, Henze, Celan, Frisch, Bernhard u.a. Es gibt zur Familie kaum Analogien und doch muss man sich der Zeit widmen, in der meine Mutter, in der Bachmann „erwachsen geworden“ ist. Und die intellektuellen Ausknospungen meiner Erinnerung, auch Erfahrung, zB. gegenüber Hans Weigel, zB. gegenüber Thomas Bernhard, haben schon Eindruck auf mein Bewusstsein hinterlassen. (Und eine Phantasie einer Alternative zu Frisch und dessen späten Abbau)

Und schon bin ich wieder bei ihren Gedichten, bei ihren Vakanzen mit Celan vor allem. Auch wie er zu Ende kam, und dann – wie sie zu Ende kam. Aber was wissen wir wirklich – lebte sie heute noch, hätte sie beides, liebens-würdige und lebens-würdiges Geschlecht über die Zeit weitergegeben in unsere Zeit des gefährdeten Standpunkts. So aber: Lest die Autorin über das Jahrhundert hinweg, immerhin: sie wird bleiben.

P.S. in arte gibt es eine neue Biographie, ambivalent und sehenswert  https://www.arte.tv/de/videos/127936-000-A/100-jahre-ingeborg-bachmann-dichten-fuer-die-wahrheit/

Faschismus diffus, aber real

Der Titel sagt, was ich denke: dass Faschismus sich längst global verbreitet hat, weil er ja seit mehr als hundert Jahren nie verschwunden war und derzeit beste Rekonvaleszenz erfährt, je weniger sich Demokratie verteidigt oder gar in die Zukunft verfestigt.

In Deutschland ist das schwieriger als anderswo, weil Faschismus über die NS Realität 1933-45 verengt und „absolut“ definiert wird – und so ,paradox`, die Faschismen in der Gesellschaft eher minimiert als konkretisiert. Faschismus war eine Entwicklung, die einen von vielen Wegen aus dem Faschismus mit schrecklichen Folgen entwickelt hatte (lange vor 1933 begonnen), aber das macht die Faschismen (historisch am DEUTLICHSTEN um 1910 beginnend nicht harmlos oder auch nur ungrausam – aber immer undemokratisch9.

Widerstand kann und soll sich auch immer verständlich und verfolgbar äußern, in den demokratischen Diskursen, auch in den Medien. Ein Beispiel HEUTE. In meiner täglichen Tageszeitung SZ (Süddeutsche) zwei wichtige Artikel und ein starker Kommentar. Der erste Artikel versucht zu erklären, warum Michel Friedman aus Bayreuth wieder ausgeladen wurde – er wollte Wagners Antisemitismus darstellen. Moritz Baumstieger „Wer soll diese Begründung bitte glauben?“ SZ 17.6.2026. S.9. Der zweite kritisiert den Umgang mit dem Denkmal von Karl Lueger in Wien: Verena Mayer: „Antisemit in Schieflage“ SZ 17.6.2026 S.13. In beiden Fällen ist der Antisemitismus nur ein Rahmen, kein Topos, er zeigt wichtige nationale Diskursunterschiede, aber er ist präsent. Das macht ihn zu einem wesentlichen Element der Faschismen, aber leider auch mit einer Brücke in viele Demokratien hinein.

Zentral für Bayreuth und die Absage an Friedman: „Ein kleines Störfeuer der Reflexion zum Auftakt der Feierlichkeiten, kritische Selbstbetrachtung in Bayreuth: Zu dieser Entscheidung hätte man der Festspielleitung nur gratulieren können. Gerade weil sie auch unbequem war. Man kann sich sicher sein, dass ein Redner wie Michel Friedman den Organisatoren um Katharina Wagner und auch dem Publikum es nicht erspart hätte, ein paar deutliche Worte zur späteren Haltung zu diesen Themen zu sagen, die lange Zeit vor allem aus Schweigen und Verdrängen bestand“. Mir gefällt die Wahrheit als Störfeuer. Das stört ja nicht nur die Ideologen, auch das eigene unkritische Selbstbewusstsein, das bei guten Themen oder Aufführungen gerne die Aspekte des Rahmens oder Nebenimpulse ausspart. In Bayreuth so wichtig wie in Wien.

Dort wissen sie Menschen mit ihrem großen Bürgermeister der letzten Jahrhundertwende schon etwas anzufangen, der Vergleich mit Wagner ist gar nicht so schlecht. Wer nichts von ihm weiß Karl Lueger – Wikipedia, und dort im Eingang: „Karl Lueger  (* 24. Oktober 1844 in Wieden, heute Teil von Wien; † 10. März 1910 in Wien) war ein österreichischer Politiker, Gründer der Christlichsozialen Partei (CS) und von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister. Als Bürgermeister war er bedeutend für die Entwicklung Wiens zu einer modernen Großstadt. Seine Rolle wurde allerdings durch den von ihm aufgebauten und geförderten Kult um seine Person überhöht. Lueger war bekennender Antisemit und trieb den politischen Antisemitismus entscheidend voran.“ Das Wort „allerdings“ ist genau die notwendige Brücke, ebenso wie zur Analogie des Wagnerschen Antisemitismus. Nun geht Wien anders mit dem Problem um als Bayreuth, das Denkmal wird schief erneuert, leider auch erneut imposant, und warum man es braucht ist umstritten. Die Erinnerung an die Geschichte verschwinden zu lassen ist so problematisch wie sie schlecht erklärt zu behalten. Das gilt seit jeher und heute umso mehr, als die verkürzte mediale Darstellung häufig die Erklärungen hinter den Fakten verdeckt oder weglässt. Stimmt das so: „Die zuständige sozialdemokratische Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler begründet ihre Entscheidung für die „Schieflage“ damit, dass es niemandem helfe, wenn man historische Tatsachen einfach ausblende: „Über Leerstellen kann man nicht sprechen.“ Die Statue in der jetzigen Form sei ein Mahnmal. Man solle „bei jedem Schritt“ daran erinnert werden, „was hier an Hass möglich war“.“ Oder hat der Innsbrucker Professor recht? „Der Historiker Dirk Rupnow, der an der Universität Innsbruck als Professor für Zeitgeschichte lehrt, schrieb 2023 in einem Aufsatz, dass die gekippte Statue 2010 sicherlich Avantgarde gewesen wäre. Jetzt aber reiche derartige Subtilität nicht mehr aus. Die Stadt Wien finde sich vielmehr in der Rolle des „Nachzüglers“ und „Bedenkenträgers“ wieder und sei in Sachen Erinnerungskultur nicht auf der Höhe des Diskurses. Denn warum, fragt sich Rupnow, soll ein Denkmal, das noch dazu an den von Lueger selbst praktizierten Personenkult anknüpfte, bis heute „unantastbar“ sein?“. Ich neige eher zur Wiener Erklärung, aber da ist schon etwas drin, was die Faschisten insgesamt ablehnen: Dialektik. Es geht nicht um rechthaben. Es geht darum, jenseits von Meinung sich Bewusstsein zu bilden. (Ich denke immer daran, dass meine jüdischen Vorfahren, wie viele, durchaus Richard Wagner Fans waren, siehe oben).

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Bernd Dörries nennt Israel auf S. 4 (Politik/Meinung) „Land ohne Frieden“. Um zu verstehen, was sich dort abspielt, muss man die Geschichte der letzten 140 Jahre, der letzten 100 Jahre, der letzten 60 Jahre, der letzten 4 Jahre, die Geschichte der letzten Monate herausarbeiten, damit sie nicht Geschichte bleibt, sondern Wirklichkeit für uns lebende Menschen wird. (Ich würde nicht, wie manche, 4000 Jahre zurückgehen, und ich würde bei den Palästinensern auch nur bis zur türkischen Herrschaft rückblenden). Das erfordert mehr als Nachdenken, man muss lernen, was man so einfach nicht wissen kann. Ich habe das an die beiden Faschismen oben angehängt, denn wir müssen uns, auch als Juden, kümmern: um die Ideologie und Haltung der israelischen Regierung und Teile des Volkes in Israel, jüdische und palästinensische). Und mehr als gedankliche Brücken bauen zwischen den Ereignissen, die keine Inseln sind.

Rechts in Deutschland (2)

Danke für eure erste Ansicht der Überlegungen über Deutschlands Rechtsradikale am 13.6., zu Martin Langebachs bpb Sammelwerk. Ich hatte ja gesagt: keine Rezension, wen das Thema interessiert, dem oder der kann man Lektüre, auch Zeitabschnitte oder Textherkunft nur zumuten und empfehlen.

Aber was mir weiter Gedanken macht: wie kann eine bestimmte Ideologie so popular-eingeprägt sein, dass sie Widerstand, Widerspruch und neue Entwicklungen unterwandert oder ignoriert. Ein scheinbar unpolitisches Beispiel: Deutschland ist das einzige Land ohne Tempobegrenzung auf den Autobahnen, und nicht nur die Autolobby setzt das seit Jahrzehnten durch, sondern eine politikmächtige Bevölkerungsminderheit. Minderheit. Darum geht es mir auch: man kann viele Dinge ändern, und den Widerstand der Minderheiten in Kauf nehmen. Das wäre Demokratie. Viele typisch „deutsche“ Aspekte kann man in der Süddeutschen lesen: Christian Zaschke: Deutschland, wer bist du? Süddeutsche Zeitung, zum Beispiel die Verbindung des Scheiterns im Sicherheitsrat und die kaputte Brücke über den Rhein in Bonn. Nicht trivial: fast alles hängt mit fast allem zusammen. Und was hat das mit der faschistischen Kontinuität zu tun? Leider viel, wobei es nicht einfach um Mehr- und Minderheiten geht.

Eine mir wichtige didaktische Korrektur. Viele, vor allem deutsche politische HistorikerInnen beschreiben Faschismus immer aus der Bewertung der Nationalsozialisten 1933-1945, – das ist problematisch. Faschismus beginnt doch vor der NS Zeit, übrigens die NS auch, begleitet diesen Sonderfall von Faschismus, bzw. rahmt ihn ein, und nach 1945 besteht weiterhin ein faschistisches Netz, das nicht deckungsgleich mit dem NS-Netz ist. Theoretisch lässt sich das gut belegen, noch besser an politischen und kulturellen Entscheidungen und Maßnahmen. Ganz klar: das entlastet Faschismus nicht. Aber wir wollen ja die sich revitalisierende Politik der Rechtsradikalen nicht nur erfahren, sondern auch verstehen. Wir müssen die rechtsradikalen Netze und Praktiken auch empirisch nachvollziehen, damit wir sie praktisch und nicht nur rhetorisch kritisieren und bekämpfen können. Beispiel: warum sind die Rechtsradikalen in der Rockmusik und bei vielen jüngeren Musikfans erfolgreich? Beispiel: warum sind die Rechtsradikalen bei der Durchdringung kleiner, vor allem aber nicht nur ländlicher, Gemeinschaften soviel erfolgreicher als traditionelle politische Parteien wie CDU, SPD und etwas anders Grüne und FDP. Man kann, selbst ich könnte, parteipolitische Einzelakte als Teilbegründung nennen, aber zusammengefasst: reicht das als Mittel zur Aktivierung von demokratischem Widerstand gegen die Neonazi-Szene? Eine sehr harte Frage, weil die Antwort jenseits des Nein sehr schwierige Kursänderungen verlangt. Die Mutlosigkeit vieler PolitikerInnen, die AfD und andere Faschisten nicht in die demokratischen Diskurse einzubeziehen, wirkt sich auf das Volk aus. Man kann die wirklich demokratischen Optionen der Nichteinbeziehung von Faschisten auch juristisch übernehmen, z.B. bei Friedhelm Hufen Friedhelm Hufen – Wikipedia . Demokratie heißt nicht, dass man gleich gerecht gegen alle Schwurbler und Antidemokraten agieren muss – allerdings, da gibt es wirklich selbstkritische Maßstäbe – man muss das schon belegen und begründen (und lange Zeit hat der Verfassungsschutz uns hier zu wenig und unrichtiges Material gegeben; aber es ist klar: wenn von dort Besseres kommen soll, muss man den Vf unterstützen und nicht verächtlich machen; ähnlich, für mich noch wichtiger, ist der Umgang mit der Polizei und ihrer ständig notwendigen Weiterbildung). Auch der Umgang, selbst von Wehrdienstverweigerern, mit der Bundeswehr steht hier zur Korrektur. Es geht ausdrücklich nicht um ja/nein oder Zustimmung bzw. Ablehnung. Es geht um begründbare Positionen, und die sind angstvoll – oder, Vorsicht, typisch deutsche Haltungen – etwas lahm gegenüber rechts, neofaschistischen, NS-nahen oder linksfaschistischen Entwicklungen. Das hat viel zu tun mit den Abwertungen des Erziehungswesens in der Hierarchie der Lebensqualitätsaktionen, aber auch mit den politischen Fehlentscheidungen: nichts zu korrigieren, um keinen Volkszorn zu erregen – das ist einer der Gründe für den Reformstau. Profitieren tun dabei vor allem die AfD und teilweise der rechtslastige Flügel der Regierungsparteien.

Mir geht es bei dieser Retroanalyse auch darum zu wissen, was und wie man etwas zur Dynamisierung und Aktivierung von Demokratie tun kann, und sei es durch Korrektur der Kommunikation, des Arbeits- und Freizeitverhaltens und der Selbstbildung, die ja nicht mit dem Erfolg aufhört, der angeblich das Land erfahren hatte – hatte, nicht hat. Wie können Arbeitgeber und Gewerkschaften beispielsweise ihre Ruhestandsideo-logien der Zeit vor 50 Jahren und länger korrigieren, als abwertend fortsetzen? Das ist nur ein Beispiel.

Solche Beispiele, im dauernden Konvolut, verändern nicht nur die Demokratie, sie stärken auch den Widerstand gegen die verschiedenen, vor allem rechtsradikalen Aktionen durch eigene Handlungen. Natürlich verlangt das auch eine Korrektur der eigenen Anschauungen und des Bewusstseins von gesellschaftlicher Wirklichkeit, – das ist nicht neu, aber es verlangt schon, dass man sich selbst einbringt.

Recht kompliziert: Rechts

Die ZEIT ist im besten Sinn „liberal“, nicht neo- im Sinn der Börse oder der FDP. Die ZEIT ist auch nicht links-liberal oder Mitte-Rechts-liberal. Mit einem mäßig breiten Diskurs- und Kontrovers-Spektrum. Man muss nicht alles lesen, aber oft erfreut das Feuilleton mehr als die politische Analyse von Politik und Kultur. Diesen Vorspruch brauche ich heute.

Wie lässt sich die AfD stoppen? „Wir haben diese Frage klugen Menschen aus Kunst, Literatur und Wissenschaft gestellt. Dies sind ihre Antworten – in 14 Texten und zwei Bildern“. (ZEIT 28.5.2026 #24, S. 41ff). Ich habe schon reagiert, bevor ich gelesen habe. Was heißt „stoppen“ und wer soll stoppen und wie?

Die AfD ist eine faschistische Bewegung, eine von vielen in Europa und weltweit, von vielen Deutschland. Sie gilt vielen auch als Partei und genießt deshalb bestimmte Rechte in der Öffentlichkeit, den Medien, zumal den staatlichen. Parteien und Bewegungen kann man unter juristischen Umständen stoppen, abbrechen – das ist in der Demokratie schwierig und immer etwas einseitig. (Mir fällt dazu die Parteilichkeit juristischer Menschen im Vergleich zu KI Computern ein, wie sie Yuval Harari beschreibt – leider keine Ironie, und Parteilichkeit heißt natürlich nicht, dass unser juristisches Feld schon parteilich feststeht, es heißt nur, dass kein Mensch jenseits seiner eigenen Meinungsgrundsätze steht, und darauf „objektivierend“ und emanzipatorisch reagieren müsste). In der ZEIT reagiert darauf spannend und befreiend Lya Yu, Philosophin: Das Gehirn ist gegen Brandmauern. Auch Nele Pollatscheks Verbeugung und der Bezug zu Hannah Arendt ist hilfreich. Und als eine der Wenigen verbindet Eva Illouz das demokratische Verbotsrecht gegen die AfD mit der Pflicht zur demokratischen Einbeziehung von Minderheiten (nicht nur muslimischer!). Das ist inhaltlich deutlich („Ein Parteiverbot als Exempel“). Hier ist eine große Schwäche in Deutschland, bestimmte Minderheiten aus der politischen Demokratieherrschaft auszunehmen. Von den anderen Beiträgen kann ich nur noch Matthias Brandt und Steffen Mau akzeptieren. Ist doch nicht schlecht, oder? Aber darum geht es (noch) nicht.

Zunächst: kann man die AfD stoppen, will man sie stoppen? Bedeutet das, dass sie uns mit 30-40% erhalten bleibt, aber nie an die Regierung kommt, als dauernder Stachel, wie manche der BeiträgerInnen meinen? Oder dass sie verschwindet, wenn sie nicht an die Regierung kommt, und die bisherige Wählerschaft sich läutert und vielleicht demokratischer wird? Klingt ironischer als ich es meine. Wie konvertiert man denn AfD und andere Faschisten zur Demokratie, wenn diese sich nicht selbst reaktiviert und weiter entwickelt? Recht haben nur diejenigen, die wollen, dass wir (alle) uns in die Demokratisierung der Gesellschaft einbringen, und das ist – auch bei uns – ein Risiko. Geringer als in Diktaturen, aber groß genug, siehe Einreise in die USA oder deutsche Grenzideologie. Also: Stoppen der AfD bedeutet sie abbauen zu wollen, und wer sie verlässt, muss doch umgebildet, verändert, demokratisiert werden. (Wie kompliziert das nach 1945 mit den übrig gebliebenen Nazis – bis heute, aber seit damals – war, kann man gut nachlesen (Martin Langebach: Deutschlands Rechtsradikale 1945 bis 2025, BpB 2026). übrigens zerlegt dieses Buch recht gut sowohl die Differenz von Partei und Bewegung, auch BRD und DDR, und damit die Brüchigkeit der älteren rechts-links-Bandbreite).

Na gut, gehen wir das Risiko ein. Dann fragen wir schon, wie es zur Auswahl der ZEIT Stellungnahmen kommt, lassen wir einmal meine obige Meinung beiseite. „Kluge Menschen“, da spiegelt sich die redaktionelle Auswahl – kann man so machen, aber…ich hätte zwanzig oder mehr alternative Namen, vertikal geht nicht mit intellektuell dàccord, und horizontal – soviele soziale Sektionen…die Auswahl kann man rechtfertigen, aber sie ist gefährlich. Der kritische Eingriff wäre gut, wenn die 16 Menschen sich gegenseitig und untereinander kritisch beurteilten, zum Beispiel. Aber so? Nur wenige, siehe oben, haben tiefer geschürft. Finde ich. Und andere finden das vielleicht konfliktbereit und gegensätzlicher. Eine Alternative wäre, dass nicht-deutsche, ausländische oder gerade eingewanderte Menschen, ihr Urteil gegenüber der AfD und der deutschen Demokratie abgeben und ggf. verknüpfen.

In der gleichen ZEIT äußert sich Franz Müntefering – was bringt sein Interview? – und fragen sich Anne Hähnig und Bernd Ulrich: „War es das schon?“ (Politik, S.2). Einfach über gesellschaftliche Begriffe Zugang zum Thema suchen, gar nicht schlecht: Verbot, Klassismus, Liebe und viele andere…so kann man die eigene Voreingenommenheit aufbrechen.

Pfingstflug ins Desaster

Ihr wisst, dass ich den SPIEGEL unter Dirk Kurbjuweit mehr schätze als frühere Redaktionen. Umso wichtiger ist mir, Kritik dort anzubringen wo sie wichtig wird.

im Titelblatt der #22 vom 22.5.2026: Fällt der Urlaub aus? und man sieht – ein verknotetes Flugzeug. Die Botschaft ist irre: Das Flugzeug als „Normalität“ der deutschen Urlauber ist gefährdet, wenn Kerosin zu teuer ist oder wegfällt. Ganz falsch. 1. Warum muss „man“ in den Urlaub fliegen? 2. Kann man sich beruflich leisten, was man freizeitlich nicht kann?

Richtig wäre es (gewesen und in Zukunft), Alternativen zum Fliegen anzugeben. Aber der Hinweis auf Urlaub ist natürlich nicht einfach ökonomisch, er ist ideologisch. Wasser auf die Mühlen der AfD: Deutsche können sich keinen Urlaub mehr leisten…Und Wasser in die Hirnwindungen vieler Urlaubsplaner, die das Wegfliegen als für sich wichtiger empfinden als Alternativen.

Gut, das reicht als erste Kritik. Aber schauen wir einmal genauer auf den Luftverkehr, auf die Lärmentwicklung und den Widerstand dagegen (Frankfurt und Umgebung zur Zeit).

Wie der Luftverkehr, nach Bahnnetz und Autobahnen, einen Kontinent ins Landesnetz nimmt – wirtschaftlich, sozial, kulturell, national, beschreibt Karl Schlögel in seinen drei zentralen Kapiteln in der American Matrix /2023). Aber da können wir natürlich sofort den Unterschied zu Bahn, Autobahn und Luftlinien in Europa erkennen, und weltweit. Das Landesnetz im Bewusstsein ist, bei aller Amerikanisierung, bei uns anders, incl. der Flughäfen, der Reiseroutine etc. Ich erinnere noch die Besuche am Wiener Flughafen, wir fuhren da als Familie hin, um drei Flugzeuge in zwei Stunden zu sehen – das war ein Blick in die Zukunft…heute: im Terminal kann man den Ort kaum unterscheiden, und strenge Unterwerfung nach 9/11 aller Passagiere hat mit dem glücklich-geschäftlichen Abheben nur mehr wenig zu tun. Was die Luftpolitik mit Umwelt zu tun hat, kann man wissen, Kerosin-Anbetung ist eine Religion, der Luftkrieg, auch der Drohnen, gleich um die Ecke, ist eine andere Sekte. Der sogenannte Weltraum (Space) als Hoffnungsgebiet der Musks & Space-X ist eine Erwartung ohne Hoffnung (obwohl ich sage: lass doch die Milliardäre gesichert wegfliegen, zurück kommen die nicht mehr…Hoffnung ohne Zuversicht).

Nein, das ist keine Kritik am Luftverkehr oder an der Reisewut der Mensch auf der immer kleineren Weltkugel. Aber stimmt das: „Naturwunder, echte und vermeintliche Sensationen. Sie werden die Menschen weiter zum Reisen animieren“ (SPIEGEL S. 17). Naturwunder, nicht Gesellschaft, nicht Kultur. Und die Abwertung der sogenannten Menschen: „Manchem genügt auch die Aussicht, die Hängematte nicht im eigenen Gartenaufzuspannen, sondern zwischen zwei Palmen“ (ebenda).

Um auch unsere Nachkommen überleben zu lassen, darf es nicht nur global und lokal um die Umwelt gehen, sondern um das Gesellschaftssystem. Die Faschisten können nur in der Gegenwart herrschen, weil sie keine Zukunft regieren können. Zukunft braucht Politik, und zwar jetzt, und nicht erst, wenn für eine 0,8 Regierung die Bilanz wieder erträglich wird.

Ach ja, Pfingsten. Autobahnstaus sind vielleicht schöner als Warteschlangen in den Flughäfen, weil man in die Umwelt schauen kann, wenn man nicht gerade im Tunnel ist. Der so genannte Heilige Geist schüttet u.a. Einsichten über die Welt aus. Die kann man nur einsammeln, wenn man aussteigt, landet, sich dort bewegt, wo sie auf der Erde herumliegen…wenn man dort gehen, stehen, sitzen darf. Das ist bei diesem schönen Wetter – trocken, heiß schon, aber eben schön – schon eine gute Alternative zum Airport. Wenigstens für uns