Faschismus: real

Es ist eine Wiederkehr und ein Auftauchen aus fortdauernder Beständigkeit. Auch die vorsichtigeren Medien der Demokratie können nicht mehr beschwichtigt unterspielen, was uns bedroht: anders als Russland bedrohen uns die USA nicht direkt mit Kriegsgewalt, sondern mit der Form von Diktatur, die auf Gewalt aufbaut. Man soll um den Begriff nicht herumreden, Faschismus ist, was er ist: Faschismus.

Trump erklärt „Krieg von innen“: Interview mit Annika Brockschmidt, US-Expertin 2.10., 6.50

(Länge11:40 Minuten Autor Zerback, Sarah). Brockschmidt: „Amerikas Gotteskrieger“, Rowohlt 2021 und „Die Brandstifter“, Rowohlt 2024)

Kein Herumgerede. Trump, Hegseth und andere betreiben eine faschistische Politik. Das wird begründet und ist einsichtig. Die Expertin beruft sich zu Recht auf Paxton bei der Beschreibung des Faschismus. Seit Wochen hoffe ich, dass endlich öffentlich gesagt wird, was wir schon wissen können.

Hier muss ich nicht in die Details der Beschreibung unterschiedlicher faschistischer Bewegungen eingehen – die sind so vielfältig wie kaum ein anderes tyrannisches System, aber sie sind geeint durch Antidemokratie, (meist männliche) Gewalt, (meist wissen) Rassismus und Ignoranz gegenüber der Stimme der Menschen (Das „Volk“ ist eben nicht die humane Gemeinschaft a priori). Gerade Umberto Eco hat das bestens zusammengefasst („Der ewige Faschismus“, Hanser 2020), und Maurizio Bach & Stefan Breuer („Faschismus als Bewegung und Regime“, VS 2010) beschreiben innerfaschistische Differenzen zwischen Deutschland und Italien.

Die USA werden uns nicht vor der russischen Diktatur schützen und die russische Diktatur wird sich nicht gegen die Zerstörung Europas durch die USA wenden, wenn sie ihr Zarenreich wieder aufbaut. Es geht nicht um Schwarz-Weiß, sondern darum, dass wir mit dem Faschisten Trump anders kommunizieren und handeln müssen als mit dem Diktator Putin. „Anders“, das ist schwierig, weil wir schwach sind. Jetzt kommt kein Plädoyer für massive Rüstung, auch keine Unterwerfung unter den einen oder den anderen Mächtigen. Erst einmal müssen wir wissen, was wir als Demokratinnen und Demokraten wirklich wollen, auch wenn wir ziemlich sicher weniger Wohlstand und Sicherheit bekommen, vielleicht mehr Umwelt – und hinreichend Gegner.

*

Wir kennen viele Namen aus dem Trumpgefilde in den USA. Viele Rechtsradikale, die es nicht sinnvoll machen, sich in Attentatsphantasien für Trump zu verlieren, denn was machen wir denn mit Vance oder Hegseth oder…? Die sind ja auch nicht besser, nur vielleicht nicht so klug. Aber Vorsicht: wo wir der US Wirtschaft Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zutrauen, irren wir. Die Großen brauchen seine Förderung und deshalb: „Sie liegen ihm zu Füßen“ (Heike Buchter, ZEIT# 41, S. 19). Das bezieht sich auf die Medienkonzerne. Und Rüstung? Kann man nachverfolgen.

ABER nochmals VORSICHT: Das ist bei uns nicht anders, und die rechten, manchmal faschistoiden Randerscheinungen der bislang demokratischen Parteien sind auch nicht ohne die kleine Variante der bislang demokratischen USA (nicht nur die Richterwahl zum BVG, nicht nur Dobrindt und Konsorten…). Und warum nur bei uns: Schaut auf Israel und Netanjahus faschistische Regierungsgruppe, schaut auf…Saudi-Arabien, Türkei, Ägypten, Iran, und schaut auf die faschistischen Kernzellen der noch demokratischen europäischen Länder. Dass viele von ihnen uns gegen die Russen unterstützen, ist eben nicht einfach die Folge echter Demokratie. Die müssen wir und andere wieder herstellen und entwickeln…

Eine Reise

Vor einigen Jahren war ich mit meinem besten Freund in einer Stadt, die sofort an Wien erinnerte, an frühe Einblicke in die Stadtstruktur, das Klima, die Schönheit und die absurden urbanen Einblicke. Obwohl, auf den ersten Blick, ist hier alles anders als in Wien – flach, das Zentrum direkt am Fluss, der Fluss kurz vor der Mündung ins Meer. Und trotzdem…nicht wegen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte und Verbindung nach Wien, aber mit ihr, und dann natürlich die Atmosphäre. Nicht unbedingt der lokale Speiseplan, aber was in Wien die Krapfen sind und die Punschkrapfen, sind hier die Waffeln und die Fritten.

Ich hatte noch zehn alte Postkarten vom letzten Besuch bei mir, als ich jetzt mit meiner Frau Birgit einen Besuch wiederholte, der für sie eine Premiere war. Auch diesmal war es nicht leicht, einen Briefkasten zu finden, hier schreiben ohnedies nur Touristen. Sonst ist man modest und modern, e-text, handy, post und was noch, aber dennoch normal. Zum Beispiel die massenhafte überzählige Verkehrsstruktur mit Fahrrädern, e-Bikes, und e-Rollern. Fußgänger werden gefördert, Autos weniger, und wo es so viele gute Radwege gibt, ist man gerne urban.

Also kommen wir pünktlich aus Brüssel an, der Personenzug hat uns über Mecheln durch viele Dörfer befördert. Die sind meist unattraktive Einfamilienhäuser wie in Niederösterreich, im Emsland oder überall. Und große, übergroße Wohnbauten und etwas mehr Industrie entlang der Bahn. Viele Gleise, überhaupt ein dichtes Bahnnetz. Also kommt man gut an, der Bahnhof ist eine eigene Geschichte wert, sein kulturgeschütztes Hauptgebäude hieß früher die Kathedrale, „Man“ kam an und wurde willkommen geheißen. Heute kommen die Züge auf jeweils vier Gleisen im ersten Oberstock und in zwei Unterstockwerken an, die wichtigsten Installationen sind auf der Eingangsebene. Für uns der Waffel- und Cafékiosk, aber auch das Infobüro der Stadt. Da erfuhr ich am letzten Tag, wo sich die Briefkästen finden; was in der Stadt vorbildlich ist, sind die sauberen WCs, hier, in den Museen, in den meisten Kneipen. Alle Tickets kauft man am Automaten, überhaupt ist die Karte unvermeidlich, nur im Chinesenviertel zahlt man mit Geld. Die Waffeln hingegen muss man mit der Karte zahlen. Fünfzig Meter vom Bahnhof unser Hotel, an einigen Diamantengeschäften vorbei, wir sind an der Außenfront des Diamantendreiecks, hunderte Geschäfte, meist sind dahinter Schleifereien, und angesichts der überquellenden Produktion sicher für den breiten Markt – und, überraschend, überall waren Touristen unter Tags in den Geschäften. Die haben von bis 18 Uhr offen, wie fast alles hier: spät auf, früh zu, auch in den Einkaufsvierteln. Einen Abstecher von der Hauptstraße machen wir in den Stadtsalon, eine große ornamentierte Halle mit Boutiquen und einem sündhaften ökologischen Getränkeausschank für gesunde Menschen. Weil wir am Schabbat ankommen, gehen wir jetzt gar nicht da ins Viertel, sondern die Paradeeinkaufsstraße hinunter in Geschäftszentrum, das ist so international wie die Menschen hier polyethnisch, viel mehr als bei uns, wobei im Kern des Zentrums zwischen Ökonomie und Fluss weniger Schwarze sind, aber sonst sind alle überall und man hat den Eindruck, dass die Jugend  der nahöstlichen und afrikanischen Herkunft stärker als alle anderen heranwächst. Ohne ein wenig Sozioökonomie versteht man hier wenig, und die muss leider auch bis in die Kolonialzeit unter Leopold zurückgehen. Aber das studiert sich leichter, weil es viel kritische Aufklärung zu diesem Thema gibt. Und vieles erklärt sich auch kulturell besser.

Was der Krieg nicht zerstört hat, hat schon eine nach Außen hin üppige und formale Struktur, aber im Großen wie im Kleinen geht hier alles Architektonische, vor allem die äußere Gestaltung, durcheinander – ob wirklich ungeregelt oder bewusst individualisiert, muss man herausfinden. Jedenfalls angenehm. An der Hauptstraße kennt man natürlich die Namen aller Innenstadtgeschäfte aus allen westlichen Großstädten, aber es gibt hier wie in den Nebenstraßen doch eine angenehme Vielfalt von Geschäften, auch multiethnischer Bespielung, man kennt es, und kennt es doch nicht. Am ersten Abend essen wir in einem Hotelgasthaus, wo typisch, dass das, was man sich auf der Karte aussucht, nicht da ist, dafür etwas anderes. Auch wenn in Bahnhofsnähe besonders die ethnische Vielfalt sehr groß ist, erkennt man bald die abgegrenzten ethnischen Wohnviertel dort, wo die ursprüngliche Wohnbevölkerung nicht ihre generationenübergreifenden Wohnsitze hat, urbane obere Mittelschicht und untere Oberschicht. Im Zentrum ist das alles anders, durchwachsen und sehr offen. Aber nicht eingeebnet. Auf der einen Seite des Geschäftsviertels geht es zu Mode, Kunst und Kultur, auf der anderen Seite ins Bildungs- und akademische Viertel, aber nicht scharf abgegrenzt. Auch hier gibt es einige sehenswerte Kirchen, v.a. wegen der Gemälde des hier ansässigen bedeutenden Malers und seiner Schule, aber an sich keine Kirchenstadt. Trotz der gewaltigen fünfschiffigen Kathedrale, die das Gegengewicht zum großen Markt bildet und gegenüber dem Rathaus aus der Jahrhundertwende steht. Die Innungshäuser aus der Renaissance erinnern an Ffm, aber insgesamt ist das Touristenviertel ambivalent. Lokal sind die Preise erstaunlich gleichmäßig hoch, aber hier im Zentrum eher absurd. Ansonsten ein wenig teurer als bei uns.

Wir haben alle fünf Tage so ein Glück mit dem warmen Herbstwetter gehabt, das war natürlich ein Zusatzbonus. Überraschend viele Joggerinnen und Jogger, nicht nur in den Parks, leicht bekleidet, und alle anderen von dicht bis frühwarm. Wir lassen uns die Stadt mit einem Hopon und e-Hopoff zeigen, der kommt kaum voran, soviel Verkehr und der Vorrang von Bikes und e-Rollern. Umso besser. Wir steigen nach Stadtquerfahrt am Ziel # 1, unserem ersten Ziel, dem MAS. Ein grandioses gesellschaftliches Museum mit Kunst, Kultur, Geschichte, Analyse, für Erwachsene und Kinder, anthropologisch, Besucher-nächst, – gibt’s bei uns kaum, das gibt es in Frankreich eher (Musée de Confluence, Lyon, Wiener Stadtmuseum, und frühere Völkerkundemuseen, die jetzt Weltmuseen werden wollen). So etwas gibt es bei uns so gut wie nicht. Und hier auch die Aussicht über den Fluss, die Stadt und die Wirklichkeit. Wir sehen diesmal die hunderten Friseur-Fotos, die Transportgeschichte der Nahrung der Stadt, eine dezentrale Wohnsystematik, eine kleinteilige südamerikanische Kulturausstellung, … es gibt noch etwas, Kriegsgeschichte, diesmal nicht. Ein gutes Café. Nach drei Stunden wandern wir ein langes Hafenbecken entlang, das einen neuen Stadtteil mit starker Freizeitkomponente. Man kann  leider nicht zum Fluss durchwandern, eine Brücke ist defekt, aber man sieht ein anderes Museum mit einem absurd schönen Riesenaufbau auf einem Gebäude des 19. Jahrhunderts nahe genug. Gegenüber am Kanal zehnstöckige Wohnhäuser, man wüsste gerne die Sozialstruktur. Weiter mit dem Hoponhopoff zum Großen Markt, wir schauen kurz in die Kathedrale, die fast immer keinen Zugang hat, und begehen diesen Touristenschmelztiegel. Man kann hier schon essen und trinken, man muss nicht. Die letzte Etappe bringt uns zum Hauptbahnhof zurück, über eine Stunde im Labyrinth, angenehm: wir sehen, wie im Alltag gewohnt wird, und alles strömt den Verkehrszentren zu, die Meisten wohnen ja nicht hier. Das haben wir noch nicht erfahren. Wir essen erstmal im Ostasienquartier, eine Straße, zwanzig+ Lokale, chinesisch, malayisch, thai, tibetisch. Letzteres probieren wir als erstes, wohl das beste Abendessen vor Ort in den vier Tagen. In die umliegenden Nahostlokale gehen wir schon nicht wegen der Glücksspielausstattung. Unter uns das Bah hofsviertel, nicht zu laut. Und das Riesenrad, farbenfroh, war früher am Flusshafen, teuer und platzgreifend, wir fahren nicht – der Rundblick vom Museum war weiter.

Am Sonntag ist der Schabbat vorbei. Wir sind ja im jüdischen Diamantendreioeck, das langsam von den Indern unterwandert wird. Erinnern wir den Film „Rough Diamonds“, (Rotem Shahir, Cecilia van Heyden) die Drehorte deutlich zu erkennen, und der Niedergang der sephardischen Geschäfte. Noch ist genug davon da, aber depri. Daneben das jüdische Wohn-Viertel, orthodox, politisch konservativ, Sepharden, viel schwarzkappige Kinder, Scheitlfrauen, große und kleine Bethäuser, ein super Delikatessladen Hoffys und – meine – Lieblingsbäckerei. Man möchte hierbleiben, jeden Tag die herrlichen Stücke essen. Wir tun das gleich um die Ecke im Stadtpark. Dann gehen wir ins Modemueum. Überraschend aktiv und interessant. Großartige Ausstellung über junge und pubertierende Mädchen in allen Variationen, – Man weiß, lernt und freut sich. Und dann die großartige spanische Frauendarstellung, u.a. Almodovar, ebenfalls ergreifend. Auch ein Modeklassenarchiv. Und ein gutes Café. Ein schöner Nachmittag am Deich schließt sich an, der Strom ist ziemlich leer, aber am Ufer flaniert ein gesellschaftlicher Querschnitt in der Sonne, spannend. Ein griechisches Kalorienintermezzo, dann Altstadt – vieles ganz spannend, aber was möchte man dann wirklich kaufen, für sich oder zum Verschenken?

Fang`s Hapje war der chinesische Versuch. Ganz gutes Essen. Lustig am Nebentisch zwei Bekiffte, die fünf verschiedene Gerichte zugleich eingeworfen hatten und auch den Koch amüsierten. Das Bier ist hier jeden Abend gut. Am letzten Tag in derselben Straße in Wintan Kitchen malayisch, auch ganz gut. Gar nicht so viele Touristen, eher Unileute und Lokale in Chinatown.

Kommt der Montag. Auch die Massen erst gegen 9 bis 10…wir wandern vom Stadtpark nach dem jüdischen Frühstück durch die bürgerlichen Viertel nach Westen. Erst zum Botanischen „Sanctuarium“, wohl eine historische Besonderheit, schön. Dann ziemlich geruhsam weiter zum Museum, gewaltig groß und jetzt fertig modernisiert, vor Jahren war es noch unterwegs. Ein Jahrhundertwendebau, erinnert auch Wien, nicht sooo groß wie das KHM und NHM, aber schon. Ensor durchquert, und dann Rubens als Zentrum einer guten Ausbreitung. Viel gelernt bei einer Darstellung öffentlicher Restaurierung mit Röntgen und allen anderen Techniken, die Wissenschaftler waren hier aktiv bei der Sache. Immer wurden thematisch zeitgenössische KünstlerInnen neben die alten Meister gestellt, und so lernt man Kunstgeschichte. In der Moderne viel von Rik Wouters, dem Belgier, naja. Langsam an den Strand, in das turmartige Gebäude der Dreißiger und die hölzernen Rolltreppen hinein, also hinunter, und dann ein paar hundert Meter neben e-Bikes und Fußgängern ans Linke Ufer. Überraschend. Nach der schönen Uferbepflanzung öffnet sich der Blick auf eine weitläufige Siedlung, wie in Wien Nordost, fast alle Wohngebäude drei oder vier Stockwerke. Ein endloses Verkehrsnetz, hier wohnen viele der EinwohnerInnen, weshalb die Fähre und die U-Bahn ständig in beide Richtungen voll sind. Nicht nur einfach Arbeiterviertel, auch nicht Unterschicht. Das müsste man genauer untersuchen, ob es hier überhaupt Kultur, wenn ja, welche, gibt. Wir fahren mit der U9, dann mit der U5 ins nördliche Arbeiterviertel, dort, nahe der Autobahnzufahrt, multikulturell, mit allem, was wir so kennen, was wird aus den Halbwüchsigen? Zurück zur Oper, von dort mit der Straßenbahn bis zum MAS, wir wollten weiter zum Hafen, aber die Brücke ist ja kaputt. Am Flussufer ein hypermodernes langgezogenes Bürogebäude, wir von hier in die Innenstadt, Univiertel, Kunsthochschule…wir sind 15km gelaufen, müde zum Chinesen, siehe oben.

Heute morgen in die jüdische Bäckerei, auf der Fahrt werden die Vorräte schon weniger. Noch einen Blick in den Zoo, schön und schön teuer. Der Zug fährt pünktlich, wir steigen in wenigen Minuten nach einer ebensolchen Fahrt in den Zug nach Deutschland um. Und das war es.

Wo waren wir? Richtig, in Antwerpen.

Bilder kommen noch.

Herbstlicht

Ist doch alles so schön, wenn man in den wolkenlosen Himmel über Potsdam schaut, die Sonne und der kühle Wind. Natürlich: es ist sehr trocken und bleibt es wohl wieder eine Woche lang, anderswo regnet es, aber hier… Natürlich wollen alle über Politik reden, von der Ukraine bis zum Gaza, manche auch über den Sudan und Kongo und die Erdbeben in Südostasien, sogar über Trump und Kimmel wollen sie reden, und unermüdlich über die deutsche Regierung, die endlich aktiv werden muss, damit die Wirtschaft die Kultur und die soziale Wirklichkeit mit weniger Schulden wirkungsvoller unterstützt. Dabei reden sie eigentlich nicht über Politik, sondern über ihre Meinung dazu, also nicht, was sie alternativ zu tun empfehlen und was sie selbst machen wollen.

Noch immer keine Wolken, es bleibt schön, als ob die Umwelt sich auf den Ausblick konzentrieren möchte, wo es immer weniger Einblicke gibt. Gäbe es mehr, wäre die Umweltpolitik zentral und dynamisch und vielleicht wirkungsvoller, also wirklich Politik. Man kann manches nicht vergleichen: die dumpfe Stille vor dem Ausbruch des schon erwarteten Gewitters und die schwere Stille eines nicht wirklich abwendbaren Krieges, der nur anders ist als die Erzählungen und Erfahrungen bisheriger Kriege und Waffengänge. Aber viele unserer inneren Bewegungen sind vergleichbar und bedrückend, auch wenn ihre Anlässe unvergleichlich sind. Und wenn wir Widerstand aufbauen, so gegen die psychische Bedrückung in uns, nicht gegen die Wirklichkeit draußen, in der Welt, von unseren Gefühlen nicht beeinflusst. Warum ich den Vergleich ziehe: das Gewitter zieht ab, nach einiger, meist kurzer Zeit. der Krieg, die Zerstörung, die Folgen….ziehen nicht ab. Und schon gar nicht von selbst.

Kaum Wolken, helles Licht. Natürlich lebt es sich besser als die kleindenkenden Politiker es einem einreden, wenn sie Geld brauchen, aber so weit wissen das alle: nur weil es uns jetzt gerade besser geht als den meisten anderen, ist nichts entschieden, im sozialen Kontext von Karthago III gehen wir nicht in das Lager Rom Nfg. und ergeben uns vorzeitig. Deshalb schreibe ich ja auch.

Zum Widerstand gehört auch, so zu leben, wie man es für richtig hält in den Umständen, die herrschen, nicht denen, die kommen werden. Selbst die Vorbereitung auf soziale Rückstufungen, auf politische Pression und Widerstand kann nicht beinhalten, uns dort zu verkleinern, wo wir ganz richtig leben, von morgens bis abends. Das klingt absurd, ich weiß. Ist es aber nicht.

Europa, Deutschland, unsere Umgebung….werden nicht zu den Siegern und Paradiesen der Entwicklung der nächsten Perioden gehören. Das kann man begründen, politikwissenschaftlich, nicht unbedingt historisch, aber sich auch durch genaueres Durchdenken dessen, was wirklich geschieht, nicht, was in den Kommentaren übrigbleibt. Die Zerstörung der Kultur, die Zerstörung des Sozialen machen unser Leben schlechter und retten unsere Gesellschaft natürlich nicht, nur weil der Goldpreis und die Wirtschaftsdaten steigen. Und all das erreicht uns, früher oder später, eher früher, und der Widerstand macht uns, paradox, doch eher lebensfroh, mit dem NOCH, noch leben wir, noch denken wir, meinetwegen noch lieben, aber jedenfalls gleiten wir nicht die Apathie des „Man kann eh nichts machen“. Der Widerstand: „Es muss etwas geschehen“, ist näher als die kollektive Apathie, das haben wenigstens einige von uns schon gelernt.

Lebensfroh, das ist auch das NOCH leben wir besser als viele. Das kommt nur in den Kommentaren zu Gaza, Ukraine und Kongo nicht vor, oder bestenfalls zu wenig. Die Wiederherstellung der Politisierung des Alltags ist das Gegenteil der sporadischen Stimmabgabe für die Politik der Anderen, denen wir doch nicht vertrauen….würden wir ihnen vertrauen, könnte das ja zusammengehen: Politik und Gesellschaft.

Nur was man wirklich mag, aktiviert Kritik

Die letzten 24 Stunden USA. In Europa geht mir Italien nebst Heimat Austria am nächsten, und Israel transkontinental, und eigentlich lange Zeit die USA vor anderen Americanae. Das ist gar nicht so subjektiv, wie es klingt. Denn die eigene Geschichte hatte mit den Nachkriegs USA so viel zu tun wie wenige andere Länder, und das Sprachstudium, die Reisen, die Universitäten, die Freundschaften haben sich wie ein Pelzkragen um die Familienmitglieder dort gelegt. Nun, die meisten leben nicht mehr, und meine Schwester hat einen deutschen Pass genommen, GsD.

Dass unsereins Trump nicht mögen kann ist mehr als ihn bloß nicht mögen zu dürfen. Man muss einen Diktator ohnehin nicht mögen, auch wenn er im Vergleich zu anderen Tyrannen vielleicht noch erträglich ist. Obwohl: wäre man ein ärmerer US-Bürger, müsste man unbehandelt und hungrig auf private Wohlfahrt oder eben das Nichts angewiesen sein (Thema vieler DLF und ORF Nachrichten, weniger der Sozialpolitik bei uns).

Wie auch in anderen sich festigenden Diktaturen ist der Widerstand gegen Trump erstaunlich gering, bei den Demokratien wie in der Presse. Und meine (abonnierte e-paper) New York Times verfolgt er brutal, das verschreckt die kleineren liberalen Blätter, auch wenn er den 15 Mrd $ Prozess nicht gewinnt. Allein heute die Nachrichten: TV-Shows werden abgesagt, Finanzdiener werden in die Federal Bank eingeschleust, absurde bis faschistische Strafprozesse erhalten immer weniger Widerstand von der Justiz.

Scheinbar gibt es noch mehr Widerstand gegen die Einschränkung der Grundfreiheiten, v.a. Meinung und Presse, mehr Widerstand als in Russland oder China. Aber die US Diktatur macht sich ja gerade „normal“. Das ist eines meiner Probleme: wie schnell die außergewöhnliche, rechtslastige und kulturfeindliche erste Präsidentschaft Trumps heute so akzeptiert wird, dass die Ränder seiner Normalität sich mit der Normalität der Meisten? jedenfalls vieler US BürgerInnen decken.

Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich keine Eigenschaftswörter und Adverbien für Trump, Putin oder Xi übrig habe, denn Diktatoren dieser Dimensionen können „alles“ tun und auch das Gegenteil, und sich so darstellen, wie ihr Ego es will und nicht, wie wir es wahrnehmen. Bei den sich unterwerfenden Demokratien oder Faschismen darf und kann man gut differenzieren, sie sind natürlich divers, vergleicht den Britischen Hof mit Melonis Inn- vs. Außenpolitik mit NATO usw. Aber mir geht es um etwas anderes: die kaum behinderte Zerstörung der amerikanischen Kultur – die ich immer besonders mochte, siehe oben, – wird sich auf die gegenwärtige und auf die nächsten Generationen so auswirken wie Putins Verschleppung von Kindern in die russische Armut. Wo Trump sich mit den beiden anderen Diktatoren gleicht: im brutalen Misshandeln von Texten und Kultur, v.a. natürlich im Bildungswesen und bei der Umwelt. Und werte LeserInnen und Leser, mal ehrlich, was unterscheidet Trump von den beiden anderen Atomdiktatoren wirklich? Natürlich auch, dass wir noch unter dem Schirm der USA vergleichsweise liberale Spielräume haben, ja, kulturell sogar opponieren dürfen, in Grenzen. Und klar, er hofft auf vorbeugende Selbstzensur der Massen. (Dass die AfD ihm auch ins Trump kriecht, ist kein Zufall, aber auch kein Wunder, nur: die Mehrheit der Politik legt sich etwas weniger peinlich an seine Seite…).

Richtiger Einwand: Was sollen wir denn in Europa tun, ohne die USA überfällt uns Russland, und dann geht auch der Wohlstand verloren. Wenn es nur der wäre, wird das sicher sich so entwickeln, weil Europa am Ende ist, Karthago zwischen II und II Krieg. Aber das dauert länger als Trump überlebt und mit seiner Camarilla herrscht.

Noch haben wir die New York Times. Beispiel heute zu Israel: nicht monothematisch, nicht einseitig:

  1. Israel Is Committing Genocide in Gaza, U.N. Inquiry SaysBy Nick Cumming-BrucePage A8
  2. Trump’s Laissez-Faire Stance Gives Netanyahu Free Pass for Gaza EscalationBy Michael CrowleyPage A9
  3. Why Many Israelis Oppose Netanyahu’s Offensive Into Gaza CityBy Isabel KershnerPage A9
  4. Gaza City Panics as Israel Launches Ground OperationBy Liam Stack, Abu Bakr Bashir and Ameera Haroud

Oder den Kampf von Trump gegen die US-Kulturgeschichte: https://www.nytimes.com/2025/09/16/climate/trump-park-service-slavery-photo-tribes.html

Er ist wie seine Mitarbeiter und Kumpel ein Rassist, vor allem ist er ein Diktator. Nur: er wird breit im so genannten Volk unterstützt. Aber das: Donald Trump will Antifa-Bewegung als Terrororganisation einstufen (Spiegel online 18.9.2025). das kann ein Diktator so wollen. Wo sind die Grenzen?

Aber was bedeutet es, „nur“ eine NYT zu haben? Es bedeutet, unsere Resilienz zu stärken und unser Bewusstsein nicht einlullen zu lassen. NYT und die New York Review, machen nicht mein ganzes US Bewusstsein aus, aber einen guten Teil. Was wir von den USA wissen, ist meist die intellektuelle Couvertüre der Ostküste, der Westküste, der großen Städte – oder kulturelle Höhepunkte. „Auf dem Land“ ist in den USA ziemlich weitläufig, viele Distrikte sind größer als deutsche Bundesländer, zum Arzt oder Supermarkt ist es weit, die lokalen Zeitungen verdienen oft den Namen nicht und die Medien werden durchaus von trumpoiden Radikalen beherrscht: Fox – forscht da einmal nach…https://de.wikipedia.org/wiki/Fox_News_Channel oder im Detail https://www.msn.com/de-de/nachrichten/other/t%C3%B6tet-sie-einfach-fox-news-moderator-schockt-mit-gewalt-aufruf/ar-AA1MwcLx (18.9.2025) – man kann sich da einarbeiten. Weiter: Ein Mord als Vorwand. Jocahim Käppner in der SZ: „…Hoffnung liegt in der Geschichte. Schon einmal, in der Ära des eifernden „Kommunistenjägers“ McCarthy in den frühen 1950er-Jahren, driftete die älteste Demokratie des Westens ins Autoritäre ab. Damals war die Demokratie stark genug, um zu widerstehen. Vielleicht setzt sich der traditionelle Common Sense der Amerikaner auch diesmal durch. Aber es wird schwer“. Und hier bei uns: Nehmt die Erfahrungen mehrerer Generationen mit der Springer-Presse…oder Diskussionen um ZDF-Einführung: da sieht man schon Unterschiede auch im gesetzlichen Bereich. Aber dagegen die gibt es die kaum limitierte Meinungsfreiheit in den USA, die zur Zeit gewaltsam nach rechts gedreht wird….Das alles wirkt schon auch auf uns. Aber es wird schwer…

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Alles heute. Vielleicht morgen etwas anderes, aber nicht anders. Aus Karthago nach Rom schauen, ist nicht immer angenehm. Aber es hilft, sich ein wenig real einzurichten.

Sind wir am Ende? Ja, aber: wovon?

Keine Apokalypse, bitte. Wenn die Menschheit von der Erde verschwindet, wird das etwas kürzer dauern als bei den Sauriern, aber länger als bei den meisten von uns vernichteten Insekten, und überhaupt: die ZEIT ist angesichts des Ende von Humanwesen etwas anderes als unsere Lebenszeit. Ich bin dabei meine Liste an Nicht-Kommentierung täglicher Schreckensnachrichten zu verlängern. Ukraine, Gaza, Sudan sowieso, die Kommentare schwächen meist die Wirklichkeit ab und wer die inhumane Politik der Aggressoren verteidigt, befreit sich von weiteren Stellungnahmen, sofern die keine praktische Wirkung haben. Wenn allerdings…Aber was soll man sagen zu Entwicklungen, die unsere Vernunft anscheinend nicht erreichen? So, wie man Menschen, die man verachtet, nicht wirklich kritisieren kann, sowenig kann man kommentieren, was auf unterschiedlichen Ebenen zugleich sich abspielt.

Beispiel: Kritik an der Politik von Netanjahu, die ja mit seiner Unterstützung der Hamas ziemlich früh begonnen hatte, kann nicht gleichgesetzt werden mit der Kritik an Hamas und ihren Unterstützern. Dazu muss man aber nicht nur die Geschichte zurückverfolgen, von der Rechtsentwicklung der israelischen Politik bis zur Entwicklung und Hamas-Inklination der Palästinenser Gaza. Kritik an den Einen kann gar nicht Abmilderung der Anderen bedeuten, wir sind ja keine weißschwarz-Sekte einfältiger Orden. Man darf auch mehr als einen Gegner haben. Für mich jedenfalls ist das mehr als Literaturbedarf, man muss da schon empirisch genau wissen, wann was begonnen hat – und nicht mit der Bewertung die Analyse zurückdrängen. Dieses Beispiel nehme ich, weil mich Israel besonders auch persönlich berührt.

Aber die globale Endzeit hat ja zwei Ebenen mindestens: die Entwicklungen und Abläufe der Gesellschaft (en), die sozusagen in Lebenszeitabschnitten dem Ende zustreben und nicht unsere Philosophie, sondern unsere Beziehung zu Kindern und Enkeln, unsere sozialen und ethischen Elemente herausfordern. Die andere Ebene: wer befördert wie das Ende der Menschheit, also die Überholung der Umweltzerstörung durch Krieg, Diktatur und Todespolitik? Anders gefragt: müssen wir nicht vor unserem Sterben noch Politik machen, als resigniert die Umwelt sich zerstören sehen und uns in die nächsten Diktaturen und Kriege einfinden?

(Der letzte Absatz – lasst die Ökologie außen vor), der letzte Absatz ist eine Art Neuauflage der Jahre 1910-1914 bzw. 1930 bis 1933, natürlich mit Veränderungen. Aber strukturell doch recht verwandt). Es kommt darauf an, die globale Zerstörung zu dekonstruieren, Europa, unser Europa, wird das erste Opfer beider beschriebenen Entwicklungen sein, d.h. unser Absturz wird auch schneller und tiefer erfolgen als in anderen Teilen der Welt. Also den Teilen, die direkt von einem der Atomdiktatoren beherrscht und von ihren faschistischen Gefolgschaften umgesetzt werden.

Hinweis: ich hatte immer davor gewarnt, Adjektive und Adverbien zu den drei globalen Diktatoren Xi, Putin und Trump abzugeben. Nur sie können nämlich alle Erscheinungsformen sich an- und ausziehen, ohne dass die Untergebenen wirklichen Einfluss haben. Das ist im Kampf zwischen Demokratinnen und Demokraten mit den Faschistinnen und Faschisten anders, da muss man genau angeben, was einem jeweils so missfällt, dass man politisch dagegen kämpft.

Keine Apokalypse. Der langsame Niedergang der humanen Spezies wird uns selbst ja kaum mehr erreichen, oder sagen wir so: der nächste Atomkrieg oder eine soziale und kulturelle Verarmung des Europa zwischen den Mahlsteinen sind wahrscheinlicher als das völlige ausweglose Verschwinden des Umgangs von Natur und Menschen miteinander. Das beruhigt nur die Kleinbürger und Aktionäre.

Nun könnt ihr fragen: warum ich das schreibe. Vielleicht überleben solche Texte die nächsten Schritte der Weltzerstörung oder auch nur des Niedergangs eines Staates oder einer Gesellschaft, dann weíß man wenigstens, was wirklich war. Der Sieg der Wirklichkeit über die Wahrheiten ist unangenehm, das ist uns allen klar.

Keine Angst. Morgen wird es durchaus ungezwungen fröhlicher. Noch leben wir ja. nicht schlecht, oder?

Krieg – anders als bisher? Frieden auch.

Wenn man die Verletzten, Toten, Geschändeten, erfährt, wenn man die zerstörten Felder und Häuser sieht, dann kommen die Erzählungen wieder hoch, die sich ja in Bildern – und Statistiken – ausdrücken. Dann spricht MAN vom KRIEG. Der Rückblick, in Deutschland Stalingrad, in den USA Vietnam, usw. erzeugt eine Lücke in der Wahrnehmung. Was ist jetzt anders?

Darüber nachzudenken ist ebenso wichtig wie sich die Zukunft vorzustellen. Wünschbar ist Frieden, aber ja, nur: den können wir uns schwer vorstellen, und den drohenden, näher rückenden Krieg stellen wir uns in den Bildern der vergangenen Kriege vor. Nur die Wahrnehmung des wirklichen Todes, verhungerte und geschändete Kinder, verlassene Alte, gemetzelte Menschen allen Alters, bringt uns die Wirklichkeit nahe, unabhängig davon, wie das Sterben verursacht wurde.

Darüber schreibt man nicht, wenn man nicht auch etwas Praktisches tut. Aber wir wissen es – oder etwa nicht?

*

Die Zusammenhänge sind nie einfach gewesen, jetzt sind sie es auch nicht. Aber die unsittliche Plattheit, dass alle irgendwie (selbst) Schuld haben, wabert natürlich durch alle Plots und Kommentare derer, die sich jetzt schon bücken, um die Unterwerfung vorzubereiten.

Das geht in den Alltag.

Wenn man etwas wirklich weiß, muss man nicht dauernd mit sich und seinesgleichen darüber reden. Nur, wenn man etwas zu sagen hat, soll man das Thema ansprechen (das ist die Theorie von A.R.Bodenheimer, einem vor 13 Jahren verstorbenen Freund). Mit anderen Worten, diesmal meinen: über diese Kriege zu sprechen hat nur Sinn, wenn es der Aufklärung, dem politischen Bewusstsein, hilft, praktisch zu werden. Sich auf die Folgen dessen einzustellen, was möglich und wahrscheinlich ist, nicht Wissen durch Vertrauen zu ersetzen (auf Gott, auf Trump auf…).

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Und sonst müssen wir weiter so leben, wie wir es auch, auch! für richtig halten. Der Weltkriegsalltag und seine Vorboten soll keine Mitläufer erzeugen mangels Alternativen. Die derzeitige Regierung verstößt gegen viele Überlebensregeln der Umwelt- und Sozialpolitik. Es ist den Merzen und Dobrindts und Klöckners nicht bewusst, denke ich, dass sie damit indirekt auch die um sich greifenden Kriege unterstützen. Uns muss das zu denken geben – und zu handeln. Das kann uns durchaus stärker machen als uns auf den Ausbruch von Kriegsalltag in der Nähe angstvoll vorzubereiten. Wenn wir richtiger leben und handeln, haben wir weniger Angst. Nebbich?

Spannend

Die Weltordnung fällt auseinander. Nicht zum ersten Mal. Sie belebt alle gescheiten und weniger gescheiten Kommentare, warum das so ist, seit wann es so ist, und ob und wie man das ändern sollte. Meist landen diese Überlegungen in der dritten Kommentarstufe am Stammtisch oder in endlos sich überschneidenden Talkshows. Aber, werte Leserinnen und Leser: was erwartet ihr denn anderes?

In vieler Hinsicht sind die Vergleiche bei uns mit 1913 besser als mit dem Beginn des 2. Weltkriegs – bei anderen Gesellschaften vergleichbar anders. Es wird sich etwas verändern, eher wissen wir was als wie.

Lassen wir alle Esoteriker, Futurologen, Globalanalytiker einmal beiseite, aber auch erklärte Unterwürfige – die sind auf der politischen Ebene gut erkennbar, wenn sie Trump in den Trump und Putin in den Putin und Xi in den Xi kriechen. Genauer hinschauen muss man bei der zweiten Ebene, wer kriecht warum dem Erdögan in den Erdögan oder … aber geht es um die politische Ebene der Gegenwart, oder nicht vielmehr wird ihre Zukunft durch die gesellschaftlichen Entwicklungen – also Politisierung, nicht gleich Politik – vorher bestimmt? Nur wissen wir nicht, wie es wirklich ausgeht. Was wir kritisieren können, sollten wir durchaus kritisieren: z.B. die Renationalisierung, die Entrechtlichung der internationalen Abkommen, den Abbau von Umweltpolitik und die soziale Verarmung ganzer Gesellschaftsschichten aus budgetären Gründen. etc. ABER das alles sagt nicht, was wirklich kommen wird, wir haben nur eine Palette von Möglichkeiten, keinen eindeutigen Weg.

Das ist kein altmodischer Hinblick auf Schicksal, auch keine passive Erwartungshaltung über das, was für uns wahrscheinlich sich ereignen wird. Das sagt nur, welchen Aspekt aus dem Portfolio wir auswählen sollen – und dann versuchen es zu können, nicht umgekehrt – um uns resilient, beständig und politisch weiter zu entwickeln.

*

Trivial? Na und. Banal? nein. Zur Möglichkeit der politischen Weiterentwicklung gehört neben der Bildung auch die dauernde Präsenz in der gesellschaftlichen und also auch persönlichen Kultur. Ein Beispiel: Adriana Altaras https://de.wikipedia.org/wiki/Adriana_Altaras hat gestern (9.9.25) in Potsdam schon zum zweiten Mal ein Podium dynamisiert, das die Diskussion in den Köpfen des Publikums diffundiert und nachher, vielleicht auch länger andauernd, Folgen hat, im Nach-Denken, sich Vergewissern. Die Darstellung und Vorstellung von Nachdenken und Musik hat belebt, gezeigt, wie soziale Kultur der Politik vorangeht. (DER JÜDISCHE SALON POTSDAM – 09. September, 18:00 Uhr – Die Landeshauptstadt Potsdam in Kooperation mit dem Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg hat eingeladen, schon das zweite Mal). Und nicht von der Politik gesteuert wird, zum Wohle der jeweils Regierenden. Daran muss ich jetzt denken, nach dem politischen Auftakt im ersten Absatz. Was aus uns wird, bestimmt die Politik morgen, nicht was wir heute geworden sind…

Ärmer, kränker, dümmer, …weiter so?

Nein, ich sage nicht, dass wir arm, krank und dumm werden. Der Abstieg ist kein Fall, sondern ein Gleiten in die Normalität von Armut, Krankheit und Dummheit.

Die These: das gilt für FAST ALLE. Die wenigen Millionäre und ihre Sklaven werden zwar auch sterben, aber bis dahin etwas reicher, wohl nicht gesünder oder gescheiter dahinleben. Ob wir ihren Tod jeweils erleben oder ihn vielleicht sogar nachrufen, ist egal. Es geht um JETZT, d.h. um unsere Kinder und Enkel, und es geht um uns.

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Weil es nicht um Wohlleben, gar Wohl“stand“ geht, weder in der global Kriegswirtschaftspolitik, noch in der Ablösung der Demokratie durch die Faschismen, noch um das Ausdünnen der Umweltpolitik bis zur Erstickung, ist das kein pessimistisches oder finales Ausblicken, sondern der Aufruf, sich auf die Wirklichkeit einzustellen. Lieber ein Optativ oder eine Zukunftshoffnung als das Herumeiern auf unwahrscheinlichen Möglichkeiten.

Wäre Trump Katholik, könnte man ihn vielleicht bekehren und gleich selig sprechen. Sein Vize ist Katholik und hat seine Chancen schon verblödelt, er könnte als Trumps Nachfolger nur durch eine Bekehrungsorgie noch die Gunst des Himmels erwerben. Also nicht über den Atlantik schauen, Europa wird wohl in der Kluft zwischen Karthago II und Karthago III ausharren müssen, d.h. wir werden ärmer, kränker und dümmer. Die Sozialgesetze können bei dieser Wohlstandsblasenideologie nicht reformiert werden, das Gesundheitswesen wird nicht mehr allen psychischen und körperlichen Behandlungsoptionen für alle gerecht, und Bildungsreformen eher woanders als bei uns.

Habeck wurde nicht verjagt, er ging, weil er das schon früher vorausgesehen hatte. Kommt er zurück, braucht er Macht und wir mehr Demokratie.

Die deutschen wie auch andere europäische Faschisten freuen sich zu früh, denn ihr Krieg gegen die Bevölkerung wird auch sie in den Arbeitsdienst zwingen (Das nenne ich Dialektik).

Aber egal, ob ihr diese kurzen Einleitungen so akzeptiert oder gar teilt: wenn wir #rmer werden, wenn das Gesundheitswesen eingeschränkt wird, wenn uns im Winter kalt wird, und wir mehr Bücher leihen als kaufen, WENN das so kommt, dann hilft u.a. nur sich darauf einzustellen. Wie gesagt, Neid auf die Milliardäre und Millionäre ist bühnenreif lustig, nützt aber nichts, hingegen stärken unsere Resilienz und Widerständigkeit die aussichtslosen Anstrengungen, uns schon vor der Umweltvernichtung gefügig zu machen, ob in Ohio oder China oder … übrigens, immer wieder die Diktaturen aufzählen kann zu besserer Rechenlogik führen.

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Lasst euch nicht knicken. Denkt, wie lange unser „NEIN“ braucht, um zu wirken. Davor fürchten sich nicht nur Trump und Putin. Ach ja, eigentlich wollte ich ja über die unentschlossene unpolitische deutsche Bundesregierung schreiben. Nur, was soll ich dazu schreiben? Hört euch doch die Nachrichten. Bloch sagt zu Recht, das Nichts ist auch Etwas.

Linker Westen? Werch ein Illtum.

Auffällig sind zwei Phänomene: der Westen wird von den einen REkonstruiert, von den anderen DEkonstruiert. Und wenn es in der Gesellschaft kracht, sind die Linken schuld.

Wie auch immer. Hier wanken die tektonischen Platten der Weltpolitik. Damit ich mich nicht im unerträglichen Mythizismus überalteter Begriffe verfange, muss ich selbst aufpassen. Wie lange haben „Wir Linke(n)“ vom „Westen“ gesprochen, und dabei richtig festgestellt, dass der „Osten“ noch schwieriger auch nur zu bestimmen war, geschweige denn zu beschreiben.

Ausgangspunkt eins: viele, nicht alle, westlichen Demokratien drücken sich ins Trumplager, damit sie einerseits vor dem Osten, also Putin und teilweise Xi, geschützt werden, und sich andererseits selbst so aufrüsten können, dass sie weniger von Trump abhängig werden. Was einerseits ein unauflösbarer Widerspruch ist, andererseits fast normale Geopolitik aus Sicht der Schwächeren (nicht Schwachen!( und aus Sicht von selbst-schwankenden Demokratien gegen die nächstliegende Atomdiktatur USA gegen das Bündnis der drohenden Atomdiktaturen Russland und China, mit entsprechenden Untergebenen, also Atom-Followern. Da hat der Westen nur Israel, und das ist noch einmal ein Stolperstein.

Ausgangspunkt zwei: Nun, schon länger zweifeln wir am „Westen“ und je genauer wir ihn dekonstruieren, desto brüchiger wird seine Architektur, also stellt man ihn lieber unter Denkmalschutz. Hinweis: Kritik am enggeführten Westbegriff gibt es schon länger, auch hier im Blog, z.B. anhand von Heinrich August Winkler. Aber jetzt wird es konkret: In der ZEIT #37 macht Jens Jessen einen schwer erträglichen Kurzschluss, wonach die Fehlpolitik der „Linken“ den Aufstieg der „Rechten“ AfD u8.a.) begünstigt, wenn nicht bewirkt hatte. Als Antwort reagieren Robert Pausch und Ines Schwerdtner in der ZEIT # 38 unter dem richtigen Titel „So einfach ist es nicht“, aber leider gehen sie nicht tief genug in der Analyse der Linken, weil die ja weniger mit der Arbeiterklasse als mit gesellschaftlichen politischen System zu tun hatte und hat, wie im übrigen die Rechte auch. Meine Konsequenz seit längerem, mit vielen geteilt, rechts-links ist eine fragwürdige Koordinate, teils anachronistisch, teils auch dann nicht richtig, wenn man sich subjektiv eher als alter Linker denn irgendwie als Rechter empfindet.

Zurück zum Ausgangspunkt eins: Allmählich greift die Kritik am Fokus des Westens um sich, nur langsam und oft ideologisch falsch, extrem bisweilen. Auch wenn es im SPIEGEL steht, das Interview mit Josephine Quinn fasst zusammen, was auch ich seit langem bedenke (auch ich ist bescheiden, nicht anmaßend, weil im Alltag der Westen und der Osten schon sehr verbreitet sind): „Die ideologische Tektonik verschieb sich, und der Ausgang ist ungewiss“ (SPIEGEL #37, 108ff.) –> „How the World Made the West“ u.a., und https://en.wikipedia.org/wiki/Josephine_Crawley_Quinn – die Kritik an den West- und Ost-Begriffen ist nicht neu, aber hier zusammengefasst.

Damit ist übrigens auch klar, wo die Linken mit ihrer Kritik an den Rechten etwas danebenlagen, weil sie sich auf eine Arbeiterklasse berufen haben, die es so und mit dieser Ideologie längst nicht mehr gab und die auch früher anders als ein Idealtypus war. Was nicht die Rechten milder beurteilen lässt, nur nicht auf einer Klassenanalyse, die eben nicht schwarzweiss, sondern differenziert war und ist.

Hier kann ich, ohne „persönlich“ zu werden, auf Jugenderfahrung in einem Industrie- und Touristenort zurückgriefen, wo sich das Hufeisen einer Rechts-Links-Klammer historisch und persönlich fast schloss und meiner heranwachsenden kritischen Politik durchaus Probleme machte. Ganz allgemein natürlich, dass viele Faschisten eine linke Vorgeschichte hatten, ja, selbst dass die nsdAp „Arbeiterpartei“ hieß, sind historisch keine Zufälle- und das kann man wissen und nachlesen – und verstehen.

Links im Westen – nehmt die Studentenbewegung(en) ist nur in Deutschland (nicht einmal in Österreich so) durch die Nachkriegserfahrung und -mythisierung verbogen. Das kann man gut und im Detail studieren, und auch die Verdrängungsmechanismen buchen. Der Westen ist nicht links gewesen, nur bisweilen wirklich demokratisch und die Nahtstellen gibt es bis heute. Aber der westliche Nachkriegsmythos hatte ja, neben der Eurozentrik und der Halbabwendung zum Kolonialen und Imperialen, auch eine nationale Fokussierung.

Quinns Kritik umfasst auch Huntington (der ja eine Zeitlang die Hirne gebunden hatte) und sie wendet sich deutlich gegen die Überschätzung der europäischen Geschichte (da verweise ich auch auf W. Behringer (Der große Aufbruch, Beck 2023). Aber weit unterhalb der hohen historischen und philosophischen Ebenen ist ja die Horizontalisierung der Kulturen in unserer Gesellschaft – nicht gleich mit dem Staat – eine Möglichkeit, demokratisch zu bleiben und sich zu entwickeln.

Und kritisch auf den Westen und den Osten, auf die Linke und die Rechte zu blicken, sie kritisch zu bedenken, das hilft ein wenig, politischen Boden unter den Füßen zu gewinnen.

Das erzählt einmal der Regierung

Wer ist schuld?

Eine spannende Frage, wenn man einmal weiß, woran jemand schuld sein kann oder sollte.

Dass die politischen Hetz- und Hassprediger genau diese Frage verneinen, macht ihre Politik ja aus. Lassen wir diesen Bereich außen vor, ist es schon spannend, wie man sich um die Schuldfrage drückt.

Beispiel Dobrindt: da kann man viel von der Verlogenheit des Schuldbegriffs lernen, wenn jemand verantwortlich für eine gigantische Staatsverschuldung ist und sich zugleich für unschuldig erklärt, als hätte er recht gehabt und das Gericht aus einer andern Welt geurteilt.

Die Weltliteratur und die Tagespresse, die Nachbarschaft und das politische Forum….ganz viele Organe und Individuen konzentrieren sich auf Schuldsprüche gegen andere Menschen oder ganze Institutionen, ja Staaten. Um fast immer für die Schuld auch Sühne zu verlangen. („Schuld und Sühne“ von Dostojewski ist jetzt 160 Jahre alt und vielleicht nicht mehr so spannend).

In diesen Tagen regt mich schon auf, dass schuldhaftes Handeln anderer eine Rechtfertigung für eigene schuldhafte Praxis darstellt. Denn da kommt man weder logisch noch politisch raus, das liegt an dem Begriff und seiner Verwendung. Der gesichtswahrende (!) Aspekt entschuldigender Verhandlungen kommt in den täglichen Nachrichten zur Beendigung von Kriegspolitik häufig vor.

Man kann das auch auf den Alltag des Umgangs der Menschen miteinander anwenden. Aber in der Politik ist es wichtiger, wenn mit Schuld, Beschuldigung, Entschuldigung, die Ebene der Meinungsäußerung und ihrer Wirkungen wahlweise eingefangen oder abgeblockt wird.

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Das ist keine Moralpredigt, schon gar kein Schuldschein!

Es reicht ja, wenn man sich einmal die Geschichte der Verwendung des Schuldbegriffs im moralischen oder geschäftlichen Alltag anschaut. Ich zeige, werte Leserin, bester Leser, ja nur, wie mich ein Begriff und seine Familie besonders ärgern, weil sie in die Politik eindringen und dann schwer zu beseitigen sind, etwa mit Ent-Schuldigung. Das ist schon im Alltag fragwürdig, wenn ich mich für die Anrempelung entschuldige oder das Vordrängen, und erst recht im nicht körperlichen Abwenden der Folgen von Lügen oder Beleidigungen. Ökonomisch ist das einfacher: Schulden machen, Schuldscheine einreichen, im Schuldturm verrecken…(Im etymologischen Wörterbuch ist der Begriff „Schuld“ nur einen kleinen Absatz wert…). Aber im Alltag eben ein oft gebrauchter Begriff mit oft verheerenden Auswirkungen…wenn eine Entschuldigung nicht angenommen wird, so schlimm, wie wenn jemand sich nicht entschuldigt.

Psychoanalytisch ist der Schuldbegriff schon ganz spannend, mit Scham verbunden, aber noch mehr mit Entschuldigung, auch mit Sühne… Aber im Alltag…

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Ihr werdet euch fragen, warum ich in meinem Blog so eine Einlassung schreibe. Fehlen mir die spannenden Ereignisse? Keineswegs. Gibt es einen Hintergedanken? Eben nicht. Das ist es, mich ärgert, wie umfangreich der Schuldbegriff um alles und jedes herumwirbelt. Nur schreibe ich ja nicht nur um meinen Ärger loszuwerden. An politischen Ereignissen ist es besonders spannend, wenn die Beschuldigungen sich über die Sachverhalte legen, bis man gar nicht mehr erkennen kann, was wirklich geschieht und wer was wie angefangen hat – bevor klar wird, wer daran schuld hat. Umgekehrt, wenn es klar ist – Russland gegen die Ukraine, zum Beispiel – nützt die Beschuldigung gar nichts, solange man nicht gegenhält. Militärisch waren und sind oft Siege Entschuldigungen, und Widerstand gilt dem Sieger als neue Schuld. Und in der >Politik wie im Alltag gilt, dass es ja nicht immer nur zwei gibt, den Schuldigen und den Unschuldigen, und wenn mehrere Schuldige gegeneinander Gewalt anwenden, dann ist die Schuldzuweisung oft der Anfang weiterer schuldhafter Politik.

Natürlich wäre es quatsch, eine Begriffspause zu verlangen und für eine Weile den Schuldbegriff sagen wir nur den juristischen Institutionen zu belassen. Aber den eigenen Gebrauch des Wortes zu kontrollieren, ist nicht schlecht.

Du bist schuld daran, dass ich jetzt schlecht gelaunt bin? Nein, du