Kosovo – gerade zurück

Vom ersten bis zum fünften August war ich mit einem Freund im Kosovo, nach 25 Jahren haben wir Erinnerungen aufgefrischt, Veränderungen und Wiederholungen beobachtet und uns biographisch arrangiert. Über diesen Aspekt werde ich hier nicht ausführlich schreiben, sondern über die Eindrücke einer kurzen Reise durch ein kleines Land, mit einem mehrschichtigen Anlass nicht nur der Reminiszenz, sondern auch der Innovation. Reminiszenz wäre der Rückblick auf unsere Zeit bei UNMIK, Innovation war der erste Besuch bim Filmfest in Prizren, das es schon einige Jahre gibt, und zu dem uns ein Freund aus Deutschland animiert hatte. Schaut in die letzten beiden Abschnitte zu den nicht biographischen Eindrücken…

1.

Ankunft in Pristina. So hätte man sich diesen Flughafen nicht vorgestellt, zwar nicht unendlich groß, aber so modernisiert, wie kaum erwartet, von einem Parkplatz- und Mietwagenmeer umgeben und, paradox?, gesichtslos wie alle Flughäfen dieser Art, man muss schon wissen, WO man ist. Wiedererkennen des Antennenbergs gegenüber, in dem die langen Tunnels sind, in denen die MIGs verborgen waren. Haben wir nie betreten dürfen.

Wir können nicht mit den Bekannten nach Prizren fahren, deren Mietwagen ist schon voll, und glücklicherweise bekommen wir nach mehreren Abfuhren wegen Ausbuchung bei einem kleinen Unternehmen einen Leihwagen, Peugeot, sehr in Ordnung, fünf Tage Bequemlichkeit. (Überquellendes Benzin beim Tanken schafft nur kurzfristig Besorgnis).

Erste Verunsicherung. Fährt man aus dem Flughafen hinaus, sieht es wie früher aus, zwei Kilometer, denn sehen wir die Autobahn, Ost-West, offenbar neu. Wir wollten die alte Bundesstraße von Pristina nach Süden fahren, aber nach Durchfahrt durch die heute noch eher scheußlichen Vorstädte sagt man uns: kehrt um, nehmt die Autobahn. Ja, das tun wir, eine sehr neue, breite Autobahn, die weit nach Westen ins schwach besiedelte Gebiet ausholt, und dann nach Süden abbiegt. Gut befahren, aber nicht so voll wie alle anderen Straßen. Also auch nicht verstopft. Nach einer Stunde in Prizren, überlaufen und sehr kompliziert, zur Garage des Hotels zu kommen, dauert eine Stunde, obwohl wir ungefähr wissen, wo es ist: aber ein Straßen- und Einbahngewirr. Dann sind wir da. Das Auto in der Tiefgarage, wir wissen schon, dass man nicht so einfach wieder herauskommt. Das Hotel „Centrum“ sehr typisch, zwei Gebäude, durch ein weiteres Hotel getrennt, alles gehört zusammen und den Eigentümern, die teilweise auch selbst dort die ganze Zeit arbeiten, wir haben eine Suite aus zwei Einzelzimmern mit einem supermondänen Bad, dessen Armaturen wir eher nicht benutzen. Alles schön, sauber und in kleinen Aspekten schon defekt…Wir flanieren in die Fußgängerzone im Zentrum und treffen dort, „natürlich“ auf Hörschelmann, seine Begleitung zweier deutscher Offiziere i.P. Bernhard Grigoleit und Rolf Damke. (Pardon, in der ersten Fassung hatte ich hier einen falschen Namen angegeben)) und eine lokale, also deutsche, kosovarische, Journalistin aus der Region, die in Potsdam auch mit den Grünen arbeitet. Das sind echte Zufälle und keine verdeckte Planung. Man kann auch sagen, typisch für Kosovo insgesamt, oder überhaupt? Keine Philosophie bitte dazu. Eher das Wiedererkennen der abendlichen Lebendigkeit ab 20 Uhr…die Stadt ist übervoll: zu den ca. 40.000 Einwohnern viele Besuche, v.a. aus Deutschland – Ferienbesuche, dann die Zuschauer für das Filmfest, dann die Motorradtruppe – siehe die kommenden Tage, und Touristen, nicht so viele. Aber wir werden erst an den folgenden Tagen diese Struktur der kulturell und historisch wohl spannendsten Stadt Kosovos kennen lernen. Unsere Erinnerung über Ereignisse ganz am Anfang unserer Arbeit für UNMIK Spätherbst 1999 bis 2003 ist nicht intensiv, vieles erkennt man wieder, aber wir haben hier ja nicht gelebt (Die Einbahnstraße am Flussufer war ein frühes Ergebnis der militärischen Besatzung, bis heute sinnvoll). Sonst schon stark modernisiert. Wir erhalten eine Vorschau auf das Filmfest.Und es wird spät….wann schlafen die alle eigentlich? Von unserem Hotelfenstern aus sieht auf eine Baustelle, wo ein Haus im alten Stil, Fachwerk, wieder aufgebaut wird. Viele Stunden am Tag Arbeit, die am frühen Morgen beginnt.

2.

Erkundung nach dem Frühstück. Eine orthodoxe Klosterkirche, neugestaltet nach den Angriffen von 2004, da waren wir schon nicht mehr im Land, aber das Ereignis ist noch im Bewusstsein, weitere Vertreibung der Serben auch von hier. Wie überall im Land, viele neue Moscheen neben den alten, wenig besucht…wir erfahren, dass die Saudis Islamisierung betreiben, die vielen männlichen Kinder zT. schulisch befördern und den Frauen dafür die Schleier verpassen. Viele, aber nicht ganz die Hälfte. Den Hang hinaufsteigen, gut gepflastert, wo die Stadt das Sagen hat, sind die Mülleimer geleert, ansonsten Müllhaufen und Flaschenberge. Zunehmend schöner Rundblick über die Stadt, das Kloster auf halber Höhe kann man nicht betreten, oben auf der Festung das Zeichen der APK – und schon eine große Festung, man kann das nachvollziehen, wie sie das Tal beherrscht hat, man sieht weit. Wenige Touristen. Im großen Innenhof wird eine Musikbühne mit vielen Lautsprechern aufgebaut, wir erfahren hier, dass die Motorradfahrer hier ein Fest am nächsten Tag haben werden, dabei haben wir die meisten von ihnen ja nicht gesehen – kommt noch. Wir steigen nicht weiter, aber genießen den Rundblick, bis zum Scharr und hinüber nach Djakovica und in die Stadt hinein. Dicht. Runtergehen im steilen Gelände, ein Espresso nach dem anderen, in der Innenstadt auf das andere Ufer. Dort knickt die Hauptstraße an der Steinernen Brücke ab, und da stehen wir und sehen mindestens 200 Motorräder vorbeifahren, diszipliniert, viele haben die Maschinen aus Deutschland gebracht, Teil einer Lebensstandard-Manifestation, ebenso wie Investitionen in teure Privatautos und Eigentumswohnung in der Stadt, die die meiste Zeit leer stehen und nicht vermietet werden. Viele Bettler, angeblich alle Roma. Geht man diese Straße weiter, die Ausfallstraße nach Nordwesten, denn kommen wir an einer sehr großen Anzahl von Goldjuwelieren vorbei, später dann auch Silber. Soviele wie nirgendwo anders als in Dubai oder NY…wieviel die wem verkaufen ist genauso ein Rätsel wie, woher das Gold kommt. Gegenüber ebenso lang Brautkleider, Brautkleider und Hochzeitsgewänder, Nagelstudios. Zurück in die Stadt.

Der Abend gehört der Eröffnung. Axel von Hörschelmann agiert als einer der Hauptakteure mit den Einlassprozeduren, kennt auch viele. Viele Menschen stauen beim Einlass auf die Leinwandinsel, einer der acht Veranstaltungsorte, auch ganz nahe der Innenstadt. Erst warten alle auf Kurtti, den Präsidenten, als er nicht kommt, eine kurze Begrüßung, dann ein palästinensischer Vorfilm, ok, und der erste Film:  „Opening Ceremony“, with invitation only, ca. 300 Menschen auf der Tribüne. The Helsinki Effect, ein finnischer Film von großer dokumentarischer Qualität darüber, wie es zu den drei Körben von Helsinki gekommen ist, viel Breschnew und USA und gute Kommentare. 2025: Regie und Drehbuch: Arthur Franck, Besetzung: Bjarne MädelArthur FranckUrho Kekkonen . Als der Film zu Ende ist, steht der Premierminister Kurti auf und verlässt gut bewacht die Arena, wir sehen ihn und erinnern uns daran, wie er uns nach seiner Rückkehr aus dem Gefängnis in Jugoslawien im Kosovo besucht hatte – heute der wichtigste Politiker. Keine Brücke zu dieser Vergangenheit, oder nur ein Steg.

3.

So animiert, erkunden wir am nächsten Tag weiter die Stadt, kaufen Tickets und schöne T Shirts, besuchen das Postamt und eine Kunstgalerie, die doch wichtige zeitgenössische Kunstwerke ohne Kitsch präsentiert. Dann beginnt der Filmmarathon. Erst 11 Kurzfilme, davon vier hervorragend, über soziale Unterschichten in Deutschland, Serbien, und viele eher zweitrangige Versuchsmodelle. Dann drei sehr gute und einen schlechten Kurzfilm, die drei sind auch länger und international gut. Der negative Höhepunkt war ein Film über die Entdeckung des Coronavirus. „The Blame“. Blame (2025) | Film-Rezensionen.de Die richtige Kritik an Trump und Kennedy reicht nicht, die Realität ist durch den Regisseur und die Argumente zu sehr schwarz-weiß. Forget it, schade. Insgesamt ist das Programm sehr detailgenau und umfangreich, oft kann man sich gar nicht entscheiden, wo man was sehen will. Das ist gut so. Und dass es keine rahmensprengenden Reden gegeben hat, ist auch gut.

4.

Am nächsten Tag brechen wir zeitig, nach aufrichtiger Verabschiedung und dem letzten Frühstück im Hotel auf. Wir verabschieden uns von unserer deutsch-kosovarischen Kollegin in Gjakova/Dakovica. Haben viel vom binationalen Verhältnis und von Details erfahren, die schon wichtig sind nach 25 Jahren. Weiter nach Nordosten, wenig bearbeitetes Agrarland, nicht wirklich neuartig, hingegen retro-aktiv Zufahrt und Eintritt ins Kloster Decan, Pass abgeben, italienische NATO und alles wie früher. Auch, dass ich diese gut renovierte Klosteranlage nicht so richtig einatme, anders als Gracanica, denn hier hatte ich nichts zu tun gehabt. Kunsthistorisch eine gute Stunde. Weiter nach Norden, die Straße ist schon stärker bebaut, aber „normal“, und das Gebirge links ist einfach schön. Bis vor Pec. Da quält man sich schon zum Beginn der Auffahrt zur Rugovaschlucht ganz schön stockend, und dann fährt eine Schlange hinein und eine kommt uns entgegen. Wir parken früh (klug) und wandern die Straßem entlang hinauf (ungut), bis zum Eingang in die wirklich tiefe Schlucht, gegenüber dem Felsen, wo wir unsere Freunde haben klettern gesehn und wo mitten aus der glatten Felswand eine Quelle entspringt (überall sehr wenig, zu wenig Wasser). Eine kleine Betonaussichtsplattform und eine Eisenleiter zum Flussabstieg sind neu, sonst schaut es aus wie früher. Wir essen zwei Maiskolben, es gibt keine wirkliche Touristik. Wir wandern an der Straße zurück, nach wie vor viel Verkehr, Rückblenden: Manche Wochenenden hier oder weiter im Tal, man kann nicht „normal“ über die Grenze nach Mazedonien fahren, das haben wir mehrmals auf der nationalen Grenzstraße über den Pass gemacht, ich einmal anonym im Bus. Zurück in Pec, Cafe und Eis und alles wie vorher, nur viel Verkehrsumleitung, weiter Richtung Prishtina. Wir nehmen Nebenstraßen, teilweise durch sehr schöne Hügellandschaften, aber auch viel Zersiedlung. Entgegen der Landkarte schaffen wir es, wieder auf die Hauptstraße zu kommen und dann auf der Autobahn Richtung Prishtina. In dessen näherer Umgebung, etwas abseits vom Hauptverkehr, suchen wir vergeblich nach Unterkunft, dann aber am Ende der Stadtautobahnzufahrt ein gutes Hotel Star Hill für zwei Nächte, direkt am Kreuzungspunkt. Hier ist eine Typische Neubausiedlung mit 8-12 stöckigen Mittelstandshäusern, mit keinen besonderen Lokalen, die bis auf eines ohnedies am Sonntag nur Getränke ausgeben. Dann essen wir halt Reis bzw. Pasta. Soziodiagnose der Umgebung verrät wenig über Pristina. Ökodiagnose: die Autobahnen und Zufahrten weit hinaus ins Land gesäumt von Industrie, Handel, Großhandel: das ist die Fortsetzung der Moderne, die wir am nächsten Tag als Kapitalismus ohne Sozialrahmen diagnostizieren.

5.

Der letzte Tag. Im Bus 7c ins Zentrum von Prishtina. Sozusagen Wiedererkennen plus neue Strukturen plus zerstörtes Älteres. Ich kann das alles nur zusammenfassend darstellen, es zerfällt in viele erinnerte und viele konstruierte Schichten, und zu zweit schaffen wir eine weitere Erinnerungsebene, die viel mit unseren tatsächlichen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten damals zu tun hat. Der Bus hält fast genau vor meinem früheren Ministerium, einem dunklen Hochhaus, umgebaut und uninteressant. Gegenüber das Rektorat, wir gehen in den Garten, der Wächter will uns raushaben, als ich ihm aber sage, wo ich einige Zeit das Sagen hatte, ist er überfreundlich. Das Haus steht noch immer im gleichen Garten, dahinter die unverständlich heruntergekommene Bibliothek, damals ein wichtiger und repräsentativer Bau. (Da gehen wir erst bei der Abfahrt über den Campus). Vieles ist popularisiert, was Geschäfte usw. angeht, die orthodoxe Kirche schräg gegenüber ist fast fertiggestellt. Die alte oberhalb des Campus nach wie vor zerfallend. Wir gehen zur Mutter-Theresa-Straße, die jetzt von Ministerien gesäumt ist, eine schöne Allee – an einige der randständigen Geschäfte erinnern wir uns, aber nicht viel. Das Grand Hotel, da haben wir wirklich Geschichte(n), ein nach wie vor düsterer und nichteinladender Eingang. Am Ende der Straße Jahrmarktbuden, von Raiffeisen gesponsert, das war gestern und vorgestern, noch nicht weggeräumt, auch die Bühne quer zur Straße noch da. Das Regierungsgebäude fast klein neben dem Hochhausneubau, und einem Zubau: alles Parlament. Wir gehen herum, und da sieht es doch noch erinnerbar so aus wie damals. Auf der anderen, der Hügelseite, auch, und als wir uns ein Eis kaufen, kommen noch andere Erinnerungen auf. Wir helfen uns aus mit Namen und Erinnerungen, aber es ist nicht tiefgreifend. Wir gehen an den Geschäften zurück, viele Ministerien, auch als wir richtung Sportpalast abbiegen. Den haben wir zwei Tage lang brennen gesehen, er ist wohl wieder intakt, mit erstaunlich brüchigen Treppen und Zugängen, im Untergeschoß Modegeschäfte, „wie üblich“. Keine großen Erinnerungen. Auch gehen wir nicht an die erste Unterkunft jenseits des Flusses und fahren auch nicht zu unserer Wohnung im westlichen Hügelbereich. Die Stadt bleibt, wie sie war, und wir sind „nicht mehr“ an sie gebunden, auch nicht wirklich durch Erinnerung. Spannend sind Kleinigkeiten, wie alte und neue Denkmäler (viele), eine Art Großstadtnormalität, aber die Stadt ist nicht wirklich groß. Ein typisch zweitklassiges Mittagessen unter der Hauptstraße, dann kommt unser Bus nicht. Wir fahren mit einem Taxi nach Hause, dessen Fahrer seit 25 Jahren aus Deutschland zurück ist, Gespaltene soziale Reaktion bei uns, weil er bedauert, dass er nur Taxi fährt. Es regnet. Wir fahren gleich los, über viele Baustellen und Staus Richtung Gracanica, dem serbischen Ankerplatz, teilweise durch wirklich gigantische Neubaugebiete mit Wohnhochhäusern, neben dem subproletarischen Stadtrand…Das ist gegenwärtig, nicht vergangenheitsbezogen, alles spannend, aber nicht ständig interessant. Gracanica: Das Kloster innerhalb der Mauer, mir hat es immer besser gefallen als andere, auch wenn ich einmal eine Neujahrsmesse eineinhalb Stunden dort stehend verbringen musste. Wir haben die serbische Schublade unserer Erinnerung aufgezogen, aber es war nicht tiefgehend. Über den südlichen Stadtrand in unsere Stadtautobahn zurückgekehrt, mich erinnert das ganze an die Wiener Triesterstraße vor 20 Jahren. Mühselig ein Abendlokal gesucht, um endlich eher durchnässt im Nachbarhaus Ceasar Salad und Burger zu essen, an den Nebentischen sprechen die kosovarischen Familien halb deutsch, halb eben kosovarisch.

Was ich hier nicht beschreiben kann, wollte ich es denn, sind die kleinen Elemente, die ebenso kleine Erinnerungen produzieren, die leuchten kurz auf, verschwinden. Die wirkliche Nacharbeit kommt noch: was haben wir dort gesehen, das wir viel früher gesehen haben, und wie hat sich nicht nur Prishtina verändert, sondern wie haben wir uns geändert? Naja, wir haben schon einiges geleistet, dass das jetzige Gebilde stabiler und dynamischer sich hält als eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Aber solche Wahrnehmungen darf man m.E. nicht gleich politikwissenschaftlich kartieren, sondern muss die Auseinandersetzung mit den eigenen Erinnerungen führen, die haben uns ja schon auch geprägt. Freundschaften, Gegnerschaft, Koalitionen, Politik, Kultur und – eine Lebenswelt, deren späten Rand wir jetzt noch einmal gesehen haben.

6.

Das alles lohnt für einen Post? Ja, doch, aber nicht unmittelbar. Reisebeschreibungen haben selten Novellenform, weil das besondere Ereignis und eine unerwartete Handlung im Vordergrund stehen. Hier nicht, andererseits sind die Eindrücke des Filmfests – jahrgangsübergreifend, vergangen, gegenwärtig, zukünftig – und die Motorradshow schon hinlänglich thematisch spannend; aber sie waren nicht der Grund unserer Reise aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Eine mehrjährige Erfahrung (1999-2003) in der Politik der Führung durch UNMIK im Zeitraum der beginnenden Wiedergewinnung kosovarischer Souveränität nach dem kriegerischen Höhepunkt der Auseinandersetzung mit den serbischen Gewaltherrschern davor prägte unsere Aktivität in Pris(h)tina, der Hauptstadt des Kosovo – und im ganzen Land, das ja klein ist. Über meine Rolle damals habe ich kurz nach meiner Rückkehr aus dem Kosovo ein Buch geschrieben[1]. Jetzt war das nicht wichtig, sondern wie man sich an das erinnert, was vor 25 Jahren für das eigene Leben und seine berufliche wie persönliche Zukunft wichtig war und WIE man was erinnert. Wenn man an seine politische Tätigkeit zurückdenkt, geht das nicht ohne Nachdenken über die gesellschaftliche, soziale, kulturelle Umgebung der politischen Aufgabe, die man damals erfüllte, und dieses Nachdenken verbindet natürlich objektive und subjektive Ereignisse. Ein Beispiel: eines Abends erschien Albin Kurti zum Essen, kurz nachdem er aus serbischer Haft entlassen war – lest nach, wer er 1999 und danach war (Studentenführer) und wer er heute ist (Premierminister) Albin Kurti – Wikipedia (9.8.2025). Wie erinnert man das, was sagt es heute? Wie sieht man Gebäude, urbane Landschaften, serbische und kosovarische Kultureinrichtungen, wie verarbeitet man die Konflikte zwischen kosovarischen Albanern und albanischen Albanern, zwischen serbischen und nicht serbischen Slawen, unter den drei ziganen Volksgruppen? Und zwar in der Erinnerung, nicht durch erneutes Wiederaufleben. Die Reise durch das Land, die Gespräche sind sozusagen Trigger der Erinnerung, und sie helfen dem Gedächtnis, Lücken zu füllen, und das ist gut für Menschen unseres Alters. Mehr aber auch nicht. Auch ist es spannend, was von den Bewertungen unserer politischen und halbpolitischen Umgänge mit kosovarischen, manchmal serbischen, Menschen geblieben ist, wo es abgeflacht und wo es nach wie vor aktuell ist…nur mehr im Erinnerungsdiskurs.

7.

Hat man keine persönlichen Reminiszenzen, kann die Reise nach Prizren und durch den Kosovo doch auch in anderen Perspektiven interessieren. Z.B. der Fahrzeughype der aus Deutschland und der Schweiz eingereisten Kosovaren, hochklassige Modelle, Autos oder auch Motorräder, die etwas vom Status und weniger vom Bedarf oder tatsächlichen Vermögen zeigen (sollen). In Prishtina sehen wir dann viel häufiger kleinere und billigere Fahrzeuge lokaler Besitzer. Übrigens: wenig Gehupe, eher zuvorkommendes Fahren und kein unangenehmer Verkehr, dafür viele endlose Staus auf den Stadtzufahrtstraßen. ? Produkt der Modernisi8erung der Strukturen ?

Fährt man Überland, dann fallen die großen Reklametafeln auf und vor allem, dass doch fast alle damals im Rohbau befindlichen Häuser verputzt sind, außer hinterlassene, von Serben verlassene. Die Ungleichzeitigkeiten sind deutliche Zeichen der Entwicklung des Landes: hier die neue, großzügige Autobahn, da die Reparatur einer seit den Konflikten beschädigten Brücke, hier Gewächshäuser, da verkommene nicht genutzte Agrarflächen. Auf der Fahrt abseits der Hauptstraßen kommt man durch etliche Streudörfer, die gut anzusehen sind, aber: wie lebt man hier, wie kann man das? Die gleichen Fragen wie bei uns, und die Stadtland-Differenz spielt schon eine Rolle. Vor allem in Prizren, aber auch in Pristina und Pec, haben wir in den Einkaufsstraßen doch die Ungleichzeitigkeiten der sozialen und der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen, die Schmuck- und Modeläden sind ebenso zeitlos wie eine (minderheitliche) Gruppe wie früher be- und verkleideter Menschen. Aber auch die Sozialstruktur zu erkunden, macht auf eine Reise Sinn.

8.

Woher kommt das Filmfest, wie kann es so gut und vielfältig ausgestattet sein, und wie wird es weitergehen? Viel haben wir von Axel Hörschelmann und aus dem Katalog erfahren. Aber die Integration und Akzeptanz in der Stadt sind schon besonders, und die schlanke uneitle Umrahmung. Keine großen Reden und Vorstellungen. Beeindruckend die Sponsoren, neben Banken und Unternehmern die Botschaften von Schweden, England, Österreich, Italien, der Schweiz, Deutschlands, auch der EU, des British Council,  von UNDP…neben vielen bekannten europäischen und lokalen Firmen, natürlich Red Bull darunter. Wir sind jetzt bei Edition XXIV gelandet „Endless Greed Mental Void“ (was sich dahinter auch als Kritik verbirgt, mag man erkennen). Die uneitle Selbstdarstellung und die Praxis der Durchführung der unendlich vielen Filme sind erstaunlich. Wie überhaupt die Kultur in Prizren besonders deutlich die Stadt durchwirkt. Das merkt man auch an den (wenigen) Buchhandlungen, in denen es auffällig viele Übersetzungen ins Kosovarische gibt – und eine bemerkenswerte Vermarktung englischsprachiger Bücher der besten Kategorie und Übersetzungen (ich finde Orwell und Sigmund Freud neben vielen anderen), – natürlich neben Schmonzes und Kitsch. Und überall Espresso und Café und … nicht, dass das etwas „Besonderes“ ist, aber es ist hier schon besonders, denkt man an die Zeit vor einem Vierteljahrhundert zurück.

Viel zur Besonderheit trägt dazu bei, dass nichts touristisch überhäuft ist, und die Verbindung der zeitweise zugereisten Kosovaren und der Lokalen eine besondere Stimmung erzeugt. Und wie überall, außer in Deutschland und teilweise Österreich, wie überall sind die Kinder lange wach und dabei, und die Innenstädte belebt bis Mitternacht.

Viel Lob? Ja, und hinreichend Kritik zum aufgeblühten Kapitalismus ohne viel soziale Abfederung.

Anmerkung: wer dorthin fährt, sollte sich von Anfang an um zeitnahe Landkarten bemühen, nicht so häufig zu bekommen, am besten in Touristenbüros.

9.

So, das war es. Die nächste Ausgabe dieses Berichts wird mit Bildern kommen, das braucht noch etwas Zeit.

Fragen und Kommentare herzlich willkommen.


[1] Ohne Alternative. Mein Bericht vom Planeten Kosovo. Oldenburg 2004 (BIS). Insgesamt habe ich ca. 20 Texte zu meiner Arbeit im Kosovo veröffentlicht, viele längere Zeit nach meiner Rückkehr im Vergleich zu anderen Interventionsstaaten.

Wieder DA ist DORT (gewesen)

Lieber LeserInnen und Leser aller Nähe und Ferne. Die Paus war notwendig und produktiv: ich war mit einem Freund für ein paar Tage ereignisreich im Kosovo, dazu kommen zwei Posts, und ich habe BBC und CNN statt ARD und ZDF gehört und gesehen, das hat einen Unterschied ausgemacht, und ich habe Haàretz nicht gelesen dieser Tage, damit ist Distanz zum Schrecken ebenso vergrößert wie zur Ukraine. Trump und Merz kommen ohnedies nicht mehr vor, so weit erniedrige ich mich ohne Anlass nicht mehr. Also, willkommen zurück.

Dort gewesen meint also nicht nur Kosovo mit anschließenden Abenteuern von Flughäfen und Bahnhöfen, es meint auch in Gedanken und Gefühlen genauer zu sagen, dass vielerorts DORT gemieden wird, wenn es nicht DA ist. DA ist z.B. das kühle helle Wetter, dass einem so richtig Sommer-Pausen-Freude macht und alles grüner und feuchter erscheinen lässt, als es tatsächlich ist. DA ist der Rückzug von Gersdorff, ein Desaster für die Republik, das Verfassungsgericht und die weiter nach rechts drehenden Regierer. DA ist ein guter familiärer Besuch aus den USA, der leider keine bruchhaften Vergleiche zwischen Trumpland und Merzenacker zulässt, sondern nur Analogien, die mit unserer Sozialisation zu tun haben. Also: keine DAdaismen, sondern DORThin gedankliche Expeditionen.

Ich lese nur ungern die Prognose einer Übernahme unseres individuellen, kritischen Denkens durch IQ in der neuen ZEIT. Ray Kurzweil ist ja ein wirklich bedeutender Wissenschaftler, seit langem, und die Ablösung von Ethik und Kultur unserer Vorstellungen durch seine Argumente schmerzt, selbst wenn er sich in konkreten Details und Zeitsprüngen irren sollte. Was sind wir für abgebogene Ergebnis unvollkommener Evolution, unsere Werkzeuge entgleiten unserer Praxis. Bestenfalls gehen wir ein Bündnis mit IQ ein?

Na gut, ich werde tot sein, dank IQ werden Kinder und Enkelinnen älter werden als wir, deshalb noch mehr von den Machtgefügen der IQ mitbestimmt werden. Die Anthropologie arbeitet schon daran, und vielleicht waren wir bislang nur klug gewordene Tiere und werden wieder sekundär abhängige, so wie fast alle Länder von den Atommächten abhängig sind, nur lernen die zu langsam von IQ, obwohl das ja, incl. einer rechtsradikalen antidemokratischen Drehung in allen drei Imperien auf unsere wirkliche Handlungsfähigkeit wenig Einfluss hat. So ist das eben. Und jetzt lerne ich plötzlich die altväterlichen Details meines bisherigen Lebens als Endstadium, z.B. Literatur mehr ästhetisch als inhaltlich oder formatiert, zu erleben (sagt sogar Kurzweil), und das gilt für Kunst allgemein. Meine Frage: beschleunigt IQ den Naturzerfall UNJSERER Welt, oder verlangsamt er ihn? Nicht trivial, denke ich an meine Enkelinnen.

Jedenfalls habe viel damit zu tun, die letzten 70 Jahre meiner Erinnerung retroaktiv lebendig zu erhalten, die kann ich besser kommentieren als den ausgetriebenen Zeitgeist in der Flasche…äh, schlechte Metapher. Aber so kommt es. Ich gehe meinen Weg zu IQ nicht zu Ende. Aber er hat ungefähr mit meiner Lebenszeit begonnen.

*

P.S. das hat nichts mit Fortschritt oder Stagnation, gar retrospektiven Kreisbewegungen der menschlichen Erdgeschichte zu tun. Wer sind wir denn? Fast macht die Science Fiction Spaß, sich den humanoiden Computern zu unterwerfen, sie schreiben, dichten, malen, vögeln, singen und regieren zu lassen. Nu aj, aber welche Dignität hat es, diesen Teil der Evolution zu beobachten, zu deuten und doch kaum zu beeinflussen – was die Großkonzerne, die Vordenkförderer Peter Thiel (https://www.derstandard.at/story/ 3000000243890/tech-investor-peter-thiel-schattenpraesident-der-usa-und-feind-der-demokratie) und die IT-Globalisten längst ausnützen, um uns zu gängeln. Schulterzucken? Nur, solange wir es nicht merken.

Erfolgspause

Werte Leserinnen und Leser meiner Blogs. Bis 6. Augsut stelle ich die Publikation von Blogs ganz ein,

am 7. August

könnt Ihr wieder lesen und kommentieren. Ich wünsche gute Sommertage und Ihnen und Euch allen

einen friedlichen Sommer.

Danke für Eure und Ihre Aufmerksamkeit,

Michael Daxner

Judenstaat? Jüdisch? Fragen

In letzter Zeit steigen die die Auswanderungszahlen von jüdischen Israelis. Hier zunächst keine Begründungen.

Die Zahl der Israelis, die ihr Land verlassen, nimmt zu. Im Jahr 2023 waren es 24.900, im Vorjahr waren es 17.520. Dem entgegen kehrten im Jahr 2023 nur 11.300 Israelis zurück. (https://www.israelnetz.com/israelis-wandern-vermehrt-aus/ . Interessante Begründungen: Nicht der Krieg, sondern der Premierminister…

Andere Statistiken gehen bis auf 35.000 in 2023 und über 50.000 in 2024 hoch

Egal. Es geht nicht um Quantität, sondern darum, dass viele Menschen in Israel den jüdischen Staat in einen Judenstaat zurückdrehen wollen, und das ist keine Entwicklung.

Man muss aber die Entwicklung vom Judenstaat zum jüdischen Staat kennen, um zu wissen, wie sehr die jetzige, teilweise faschistische Regierung diese Entwicklung umkehrt, vor allem mit den meisten Siedlern, den meisten ultra-orthodoxen Religiösen, den meisten Gefolgschaften für Netanjahu.

Und man hat offiziell vergessen, dass Netanjahu die Hamas im Gaza gefördert hatte, damit die zivile Regierung in den palästinensischen Gebieten geschwächt wurde. „Laut der rechtskonservativen Website Mida hat Netanjahu seiner Likud-Partei 2019 erklärt, man müsse zulassen, dass die Hamas finanzielle Unterstützung aus Katar bekomme – das sei ein Schlüsselfaktor dafür, einen palästinensischen Staat zu verhindern. „Das ist Teil unserer Strategie: Eine Trennung zwischen den Palästinensern in Gaza und im Westjordanland herbeizuführen“, sagte er.“ Man kann das zurück und weiterverfolgen, der 7.10. schafft eine weitere Wende nach einer insgesamt negativen Entwicklung (Netanjahu wollte Palästinenser spalten – und spaltete Israel: Felix Tamsut, 21.01.2024, und in DW mehrfach).

Ich werde jetzt und an dieser Stelle nicht die Entwicklung seit der Entstehung des Zionismus und seit dem wichtigen Wechsel vom Judentstaat zum jüdischen Staat nachzeichnen. Aber dies ist der Auftakt zur Rekonstruktion einer Entwicklung, in der viele jüdischen Menschen in Zukunft den Judenstaat des Trumpnetanjahu weniger als ein jüdisches Leben außerhalb Israels bevorzugen werden.

Fortsetzung folgt.

Sommerspiele

Über viele Jahre war ich – mit Familie, Freunden, allein – bei einzelnen Vorstellungen der Salzburger Festspiele, ich mochte sie, und habe meine Kritik und mein Lob jugendlich sicher übertrieben, mich gefreut, AkteurInnen aus der zweiten Reihe kennenzulernen, naja eben Salzburg für nahestehende Österreicher. Hier folgen keine privaten Details oder gar Enthüllungen, sondern eine ganz andere Form von Rückblick….

Wenn man heute in den Medien die Kritik am „Jedermann“ liest und wenn man Bilder vom Eröffnungstag sieht, kommt einem vieles hoch. Dass man Jedermann aus den Zwanziger Jahren vielleicht nur halb verstanden hat, das geht, man kann nachholen. Dass man auf vielen Bildern trachtenbekleidete Premierenpaare und -singles sieht, kann man nicht nachholend abflachen, das war in meiner Erinnerung so, nur weiß ich heute nicht mehr, wer die alterslosen KostümträgerInnen sind, damals schon eher, und meine Erinnerung geht woanders hin: an die Kritik, nicht nur familiär, an der Zweiteilung: Prominenz und Publikum, das waren wir. Natürlich wussten wir schon, wer sein Geld hereinbrachte und sich beteiligte, wer den üppigen Rahmen für eine erstaunlich wirkliche und konstante Kunstdarbietung über einige Wochen mit bereitstellt. Das war Teil der Pausengespräche, aber, um ehrlich zu sein, uns war jede besuchte Vorstellung wichtiger zu besprechen. Natürlich spielte der Widerspruch zum Zampano Karajan eine dauernde Rolle, fast als Hintergrundbühnenbild für alle Musik, aber ebenso seine Marginalisierung bei vielen Musikvorstellungen, die von anderen geleitet wurden. Nur war ER natürlich dauernd imaginär präsent. Zurück zum Rahmen: den nahm man, selbst wenn man kritisch und kunstorientiert war, in Kauf, die Beziehung zur Geschichte Salzburgs war sozusagen abgeklemmt, manches schien man auch nicht zu wissen. Das spielte übrigens in den Diskursen in meiner Familie zunehmend eine Rolle, aber später und nicht wirklich kontrovers. Aber der Zusammenhang zwischen dieser Geschichte und der Präsentation in den künstlichen Dirndlkleidern in den Medien ist wirklich interessant, das könnt ihr schon bei Stefan Zweig nachlesen und bis heute in der politisch-kulturelle Ökonomik. (Boshafte Bemerkung aus meiner kulturellen Sozialisation: Salzburg als Anti-Wagner, also auch Anti-Bayreuth spielte in Sekundärdebatten schon eine Rolle).

Jetzt gehe ich, gehen wir nicht so oft in Vorstellungen. Nach wie vor sind die Festspiele etwas besonderes. Ich bin kein Kulturkritiker, also keine Rezensionen hier. Aber die Festspiele in einer Zeit, wo um die private Tunnelbohrung der Porsches zur historischen Villa diskutiert wird, ohne den historischen Kontext ganz aus den Augen zu verlieren; in einer Zeit, wo an der Grenze die Dobrindt-Söder- Inhumanität zum weiteren europäischen Retrokennzeichen wird; in einer Zeit, wo Witterung, Wasser, Trockenheit die Umwelt bestimmen, liest sich Politik von Salzburg ambivalent; aber die Zellen kulturellen Widerstands erfreuen dann noch immer, wenn ich weiß, wer wo was macht, damit weder die Geschichte vergessen, noch die Zukunft verbaut wird. In einer der schönsten Städte der Welt.

Sanfter Faschismus? Auch in D.

Frau Klöckner betreibt eine Gleichschaltung des Parlaments, wie man es aus Diktaturen kennt, nicht ganz so hart und schnell, aber konsequent. Sie will die Abgeordneten in gleichgeschaltete Marionetten verwandeln. Nachdem sie schon ein Fahnenschwingen auf den Nationalismus reduziert hat, nachdem sie schon ästhetische Ansichten vor die Politik geschoben hatte.

So hatte sie sich früher nicht aufgeführt, aber Menschen verwandeln sich mit beginnendem Zuwachs an Alter und Bedeutung, das ist auch ein Zuwachsen des Gestrüpps um liberale Demokratie – und ein wenig Gelassenheit, wenn nicht alle dem Sektengehabe der Frau Klöckner nachgeben.

Eigentlich ist sie unbedeutend. Das weiß sie auch.

*

Aber sie ist, das kann man schon dialektisch begründen zugleich aktives und getriebenes Element einer Entwicklung, die keinen Halt bei einer legitimen rechtskonservativen Mehrheit macht. Das ist ein Problem, denn man darf auch die Grenzen nicht böswillig überschreiten, wenn man selbst die Grenzüberschreitungen der Konservativen kritisiert – ich bin ja leider kein Satiriker.

Nun sind die Vorstellungen über Faschismus ja teilweise ignorant, teilweise zu eng auf bestimmte Aspekte der Vergangenheit fokussiert. Man vergleicht Faschismus zu sehr mit Kommunismus und Kapitalismus, was eine falsche Einstellung ist, weil man Faschismus eher als Gegenbewegung gegen Demokratie einordnen muss, und eigentlich sollte man, wie ich es normal mache, im Plural von Faschismen sprechen, denen nur wenige Eigenschaften generell gemeinsam sind, vor allem das Führerprinzip gegen die Demokratie.

Nun haben wir in Europa, vielleicht weltweit, eine Vielzahl faschistischer Nester, Bewegungen, teilweise auch Herrschaften oder aber Oppositionen. Man will sich bei uns an den Gebrauch des Wortes – weder als Begriff noch als Leitmotiv – nicht gewöhnen oder orientieren, weder gegenüber der AfD und dem BSW noch gegenüber den faschistischen Tendenzen an den Rändern demokratischer Parteien. Das ist besonders peinlich, weil die Unterscheidungen oft schwierig sind, was nur rechtsradikal und was schon faschistisch ist.

Wie gesagt: nicht alle rechtskonservativen Politiker:innen sind faschistisch, nicht alle Faschisten sind nur rechts, weil die R-L-Koordinate hier nicht wirklich passt. Da können sich noch manche anerkannte Politiker:innen zurückziehen, wenigstens eine Zeitlang.

`*

Wie hängt das mit Frau Klöckner zusammen, wird hier nicht eine hinterhältige Brücke zwischen ihr und dem Faschismus aufgebaut? Gerade nicht hinterhältig. Sie muss die Brücke ja nicht betreten, dann bleibt sie, was sie ist: konservativ und oft im Unrecht.

Gerade höre ich, dass wieder Menschen zuerst als Abgeschobene dehumanisiert und dann in undemokratische Länder entfernt werden, diesmal eine unschuldige drusische Familie in den Irak. Durch einen Parteigenossen von Frau Klöckner, Herrn Dobrindt. Der steht schon auf der Brücke

Klima und Krise

Die Wolken türmen sich. Gleich geht der Starkregen wieder los. Die Pfützen sind breit und tief, eigentlich eine schöne nasse Landschaft in einer Saison großer Trockenheit. So ist es häufig: was nicht regelmäßig eine Situation, eine saisonale Witterung, eine politische Erwartung beherrscht, erfährt mehr Aufmerksamkeit und manchmal unerwartetes Lob. So, wie Klima und Wetterbefund nicht dasselbe sind, aber sich gut vermischen lassen, so geht es überall: ein guter Konservativer findet plötzlich Aufmerksamkeit, wo die Mehrheit dieser Rechten eher Abwendung erfährt; auf der Linken nicht anders, in der Mitte auch so, nur, dass man nicht so genau weiß, was die Mitte ist.

*

Das Wetter, das wir früher erlebt haben, wird heute verklärt. Die Politik unserer Jugend war auch nicht gut, aber durchschaubar – und wir konnten eingreifen. Davor auch wieder nicht. Beziehungen waren….naja, nicht eindeutiger als heute, aber auch durchschaubarer. Alles haben wir damals durchschaut und können es heute so wenig wie wir den Jungen diese Fähigkeit zutrauen, etwas zu durchschauen, zu erklären und es dann ändern oder beibehalten zu wollen. Lamento senile…Diese Generationenhaltung ist nicht neu, und viele Pädagogen, Blogger, Gurus verdienen mit ihr gutes Geld. Aber einen Nachteil haben diese Diskurse, sie verdecken, was sich wirklich ändert, nicht nur von Generation zu Generation, sondern von gestern bis heute.

Wer eine Zeitenwende behauptet, nimmt meistens wenigstens einen nachweisbaren Veränderungsfakt als Ausgangspunkt. Wer sie leugnet, versucht den zu dekonstruieren. Und altmodische Geschichtsredner denken nur in Zeitenwenden, die immer näher aneinanderrücken, bis die gesamte Geschichte nur mehr eine Wende ist, die keine bestimmte Zeit braucht. Soweit, so banal. Aber wenn eine Zeitenwende lange stabil gehaltene und fest geglaubte Tatsachen destabilisiert, was dann, o Bewusstsein?

Also: das alles hat wenig mit dem Alter der Betrachter zu tun, viel mehr mit selektiver Erinnerung. Manchmal aber hatte sich die Zeitenwende angekündigt, lange bevor sie eingetreten war. In Israel z.B. schon 1948, oder jedenfalls 1973, oder wann – sicher nicht am 7. Oktober 2023, da war sie schon eingetreten, und wieweit sie eingetreten gewesen ist, beschäftigt mich heute fast noch mehr als die richtige Kritik an Hamas und Netanjahu, die in gewisser Weise unmenschlich zusammenwachsen. Und das ist eine Kritik unter vielen, und wenn sie auch nicht alle auf einer Ebene sind, sie dürfen nicht abgelegt werden. Denn wenn man sich aussucht, was man historischer Kritik für sich beansprucht und was man dem „Man“ allgemein überlässt, macht man sich nicht nur vor anderen verdächtig, auch vor sich selbst.

*

Auf diese Weise wird man zu einem Menschen, der in den Abständen zwischen Laien und Profis, zwischen subjektiven Selbsteinschätzungen und der objektivierenden Tätigkeit des sich in die Kommunikation Einschaltenden bewegt (Was für Satz-Gethüm, geht mir nicht besser). Die Wahrnehmung der Abstände wird von vielen verdrängt, dann kann man sich am besten „raushalten“. Das aber soll ja wirklich nicht sein, auch wenn es – oder genauer: wenn man – nervt.

Darum denke ich, dass wir nerven müssen, wenn es um die Abwehr der rechtsradikalen Subfraktion geht, Klöckner, Spahn, Dobrindt & al., auch wenn sich viele mit der Normalisierung der Rechten noch zufrieden geben. Diese Normalisierung geht aber eher der Festlegung als der Veränderungsdynamik entgegen. Veränderung ist nicht an sich gut, sondern braucht Inhalte und Formen, und die sind z.B. bei den Kritiken . siehe oben . wichtig. Beispiel: auch wenn es evident ist, Israel kann man nicht kritisieren, wenn der Bezug zu Hamas nicht genannt wird. Übrigens reicht der innerhalb der Kritik nach beiden Seiten. Ähnliches gilt für jede Kritik, und man darf das nicht verwechseln damit, dass „alle“ irgendwie schuldhaft an „allem“ beteiligt sind. Sind sie nicht, und wenn, muss das Wort „irgendwie“ getilgt werden.

Das schlechte Wetter hält irgendwie weiter an, aber es ändert am Klima nichts.

Mord? Selbst ist der Mensch.

Die brutale Sprache der Deutschen, ist sie einmalig? Muss man Anti-Deutsch sein, um da hinzukommen?

Sterbehilfe, Suizid, Selbsttötung, Freitod, in vielen Sprachen gibt es hierzu Analogien. Ich habe keine andere gefunden, in der umgangssprachlich das Wort MORD GELÄUFIG ist.

Ihr Jenseitsgläubigen: wird es bei der Ankunft in der Ewigkeit zunächst einen Strafprozess wegen Mordes geben? Kein Mitleid, dass man sich aus dem Erdenleben verabschiedet hat, in der Hoffnung, drüben eine bessere Zukunft zu finden.

Ihr Jenseitsungläubigen: Mit dem Tod geht einem Menschen jede Erinnerung verloren, der Selbstmordbegriff wird also das Nach-Denken der Überlebenden mitbestimmen.

Eine der umfassendsten Bearbeitung des Themas bei Jörn Ahrens nimmt Selbstmord als Titel. In der wirklich beeindruckenden Literaturliste kommt der Begriff Selbstmord gerade fünfmal vor, und oft wird ja in der Übersetzung ins Deutsche „Selbstmord“ gesagt. (Jörn Ahrens: Selbstmord – die Geste des Illegitimen Todes, München 2001). Das für mich wichtigste Buch zum Thema ist von Jean Améry: „Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod“ (Stuttgart 1976). Damit sind hinreichend viele Wege gezeigt, wie man Abschied vom Mord nehmen kann.

Mir geht es hier nicht so sehr um den Freitod, den Améry und viele andere auch gewählt haben: Er fasst mitten in seinem Essay zusammen „Der Freitod ist ein Privileg des Humanen“ (S. 52). Ja, kann man „Selbstmord“ mit dem „Humanen“ in eine irgendwie menschliche, positive Beziehung bringen?

Juristisch gesehen handelt es sich entgegen dem deutschen Wort Selbstmord aber nicht um Mord, da der deutsche strafrechtliche Mord eine Tötung eines anderen Menschen verlangt. Das Grundgesetz schützt die Menschenwürde des Menschen absolut, man kann also auch auf diese nicht verzichten.“ (Einleitung zu bing.com) und deutlicher: „Selbstmord: ein Wort, das es nicht geben sollte (Helmich: Dt. Ärzteblatt 2004). Auch im Strafgesetzbuch kommt der Selbst-Mordbegriff nicht vor.

Einen Begriff gesellschaftlich zu tilgen ist schwierig: viele Begriffe, die toxisch, weil Nazi-infiziert sind, können strafrechtlich verfolgt werden, aber oft sind sie, in die Syntax klug eingebaut, straffrei oder gar attraktiv für die neue Rechte, und nicht nur für sie. Es muss also möglich sein, den Begriff nicht nur zu übersetzen, sondern ihn – öffentlich, nicht im eigenen Bewusstsein – zu kritisieren. Beides erfordert vorgängiges Nachdenken, wie es zum „Selbstmord“ kommen konnte, auch wenn man dazu nicht Begriffsgeschichte studieren muss. Bildung verbietet den Begriff, außer in der kritischen Analyse.

Aber es gibt noch einen weiteren Ausweg, eben den von Amèry. Es geht doch darum, dass unser Leben auch in unserer Hand ist, einzeln o0der im sozialen Verbund mit anderen Menschen, und letztlich bleibt eine, eine einzige letzte Entscheidung, bei einem selbst. Das ist nicht Philosophie, auch nicht Therapie, sondern ein Element des Humanen, über das niemand anders entscheiden kann. Meinetwegen beraten, meinetwegen kritisieren, aber nicht entscheiden.

Warum gibt es das Wort „Selbstmord“ noch so häufig und offiziell? Alternativen sind auch human.

Rückzugspitze

Dass die Bayern genügend Geld für elternfiese Ferien haben, dass sie Kitsch in Weltkultur verkaufen, dass sie dauernd über ihre DNA schwätzen, … Naja, Minderbemittelte müssen mehr auftrumpfen, das versteht sich. Bayern gehört ohnedies nicht wirklich zu Deutschland, zu „uns“. Eigentlich reicht die Kritik der Medien an Söder und seinen rechtsradikaleren Exponenten, um das Thema abzuhaken.

ABER: da waren sie, die Dobrindtisten, jetzt wieder, für etliche Millionen €, auf der Zugspitze, den Deutschen von Österreich als Gipfelchen überlassen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Zugspitze). Nein, Dobrindt hat keine Demokraten unabsichtlich hinuntergestoßen, er hat sich vielmehr mit Gleichgesinnten wieder darauf geeinigt, Menschenrechte, Menschen, weiter zu verletzen, zu vertreiben, zu demütigen. Drittstaaten werden erpresst, deutsche Opfer aufzunehmen: das ist das Prinzip. Rechte werden verletzt, bis keiner mehr etwas vom Rechtsstaat weiß, das ist das Prinzip von Dobrindt, Deutschland soll ja Führungsmacht werden. Nicht weit vom Führerquartier am Untersberg. (https://de.wikipedia.org/wiki/Berghof_(Obersalzberg) Ich weiss, dass es nicht als anständig gilt, diesen naheliegenden Bezug auch nur auszusprechen. Aber fragen Sie sich, was Dobrindt und seine rechtsradikalen CDUCSU Verzerrer damit zu tun haben. Sagen Sie doch, warum der Bezug absurd ist, und eine Demokratie solche Rechtsabweichler, wie Spahn, Dobrindt, Söder etc. ertragen können muss, ja, sie noch zur Demokratie zählen sollte, gegen die „wirklichen“ Rechten. Sagen Sie es, bitte.

Auch der Kalauer mit der Spahnzange gehört hierher. Ich habe auch nicht Zahnspahnge gesagt. Aber zurück zur Zugspitze.

Es gibt schwerwiegende Kritik an der Rechtsbewegung der deutschen Politik, von der Anbiederung an Faschisten im In- und Ausland bis zur fatalen Unsicherheit im Gerichtsfall. Aber die Zugspitzposse zeigt, wie weit die NORMALISIERUNG sich durchgesetzt hat, was ja wissenschaftlich schon gut begründet ist, aber eben sich politisch immer stärker auswirkt. (Im Deutschen soll man dazu schon Jürgen Link (https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Link) lesen, aber Normalisierung hat einen sehr viel breiteren Diskursrahmen erreicht).

Die herumschwirrende These, dass das mit einer Unsicherheit, ja Ungewissheit, gegenüber der Demokratie einhergeht, beschreibt vieles, und erklärt fast nichts. Dabei gibt es für den Abbau der Lebenssicherheit in der Demokratie ja doch eine Reihe auch populärer Vermutungen und Thesen, z.B. Wilhelm Heitmeyer im neuen SPIEGEL „Hass“, S. 50, und früher, oder die politischen Angstdiskurse, in den letzten Jahren vielfach erklärt.

Die Nähe bzw. Überschneidungen der deutschen rechtslastigen Konservativen mit den Faschismen ist kein Einzelfall. Aber jeder Fall muss einzeln geprüft werden, weil oft widersprüchliche Entwicklungen die gleichen faschistischen Grundvoraussetzungen schaffen. Historisch müsste man sagen „geschaffen haben“. Ich will mich gar nicht mehr als gebildet und laienhaft mit den Faschismen auseinandersetzen, aber die Politik, die mich in der Demokratie interessiert, wird ja auch von ideologischen Geistesschwäche ihrer (zu) schwachen Repräsentanten verbogen und abgelenkt. Und da lohnt es schon, genauer die Querbezüge der einzelnen Faschismen zur wirklichen Politik festzustellen und sich zu erklären versuchen. Merz-Meloni ist mein Musterbeispiel oder die dänische Demontage ehemaliger Demokratie oder…

Nebenbei dringt Faschismus aus Angst in die Kultur durch vielfältige Verunsicherungen ein. Wir haben nicht hinreichend viele Klaus Peymanns, die die wichtigen Texte zum Leben erweckten. Aber gerade wir brauchen die aktive Präsenz in allen Formen der Kultur, vom Zirkus bis zur Lyrik, von der Kunst bis in die Musik, und kein UntenOben sondern Wirklichkeit gegen Ideologie – und Unterwerfung unter Herrschaft, Religion und, eben, Faschismus.

Sommerflucht in die Resilienz

Ich laufe vor der Wirklichkeit davon. Stellen Sie sich vor, wie man über Israel und den Nahen Osten unaggressiv, „cool“, sachlich und wirksam schreiben kann; wie man über Trump und Putin ohne bissige Charakteristika schreiben kann; wie man über das absurde Regierungstheater Merz schreiben kann, ohne weniger Schuldige zu beschweren und wirklich Schuldige zu entlasten; wie man die nächsten zehn Krisenherde global und die nächsten sozialen Widersprüche bearbeitet, so dass es Wirkung bei den LeserInnen, also bei Ihnen zeigt; und reagieren Sie auf die Kulturzerstörung, die uns sehr schnell den unkultivierten Durchschnittsgesellschaften angleicht. Stellen Sie sich das alles vor der zweiten Tasse Café am Morgen vor, denken Sie ruhig darüber nach, atmen Sie tief ein – und

WAS TUN SIE DANN?

Sagt jemand: Nichts. Und jemand sagt: weiß nicht. Sagen viele, wir schichten erst einmal ab und nehmen uns das Wichtigste vor, aber was wird das sein? Sagt jemand: ich verstärke meinen Widerstand.

Wie kann man Widerstand (aus)üben, wenn die Objekte unerreichbar oder nah, aber diffus und schwammig sind?

(Der normale Rat dieses Blogs wäre, sag erst einmal nichts, denk nach, bevor deine Meinung zu weiterer Untätigkeit führt. Aber darum geht es heute nicht).

NICHTS IST AUCH ETWAS

Aber ja. Wenn man uns vorwirft: „Ihr tut ja (auch) nichts“, muss man das nicht einfach so hinnehmen. Wie im physikalischen Quanten Modell, muss sich der Widerstand auch bündeln, kräftig werden, aber dann, wenn er losgeht, schwer zu bremsen oder zu steuern.

Das meinte ich immer einmal mit der Ablehnung der meisten sofortigen Reaktionen auf falsche oder widerwärtige Angriffe. Ohrfeigen und Rücken-Zuwenden geht im Privaten, aber nicht im Gesellschaftlichen. Wie lange musste die Ohrfeige für Kiesinger vorbereitet werden – und was waren ihre Nachwirkungen? (https://www.deutschlandfunkkultur.de/beate-klarsfeld-ohrfeigt-1968-kanzler-kiesinger-eine-100.html).

Oder ganz anders: gesellschaftlich ist unmittelbarer, wirksamer Widerstand eher eine Ausnahme; hingegen wirkt organisierter und andauernder Widerstand oft, nicht immer, nachhaltig. Trivial? Angesichts der oben au8fgemachten, nicht abschließbaren Liste vielleicht doch nicht. Fragen wir einfach: wie organisieren WIR den Widerstand gegen Merz, Söder, Spahn, Dobrindt & Co.? Wir, nicht „man“.

Mit wem? und vor allem: Im Hinblick worauf?

Widerstand? Was ist das im Frieden? Haben wir überhaupt Frieden? Erstmal sollten wir uns vor Angriffen schützen. Wie schwer das ist, sehen wir jetzt im Konflikt um die Verfassungsrichterin.

Und jetzt machen wir erstmal Kraftsport und Bewegungsübungen.