Der Schrecken breitet sich aus

Haaretz berichtet über die psychologische Binnenkriegsinformation.. „Graphic Videos and Incitement: How the IDF is misleading Israelis on Telegram.“ (12.12.2023). Ich werde das hier nicht wiedergeben. Es geht um…72 virgins…Erinnert ihr euch? Martin Steve, 72 Virgins, The New Yorker, 2007. Ich kommentiere hierzu nichts. Krieg und Deformation greifen überall um sich, manchmal früher oder später, manchmal schrecklich, manchmal dumm. Aber lest das, beides. Aus der Verzweiflung heraus denkt man bisweilen schärfer und differenzierter, weil die psychologischen Barrieren im eigenen Bewusstsein abgebaut werden.

Mit der zunehmenden Faschisierung nicht nur Europas nehmen auch die Grenzverschiebungen im politischen Bewusstsein zu. Demokratie siegt zwar bisweilen, konservativ-liberal in Polen über kleriko-faschistisch, gut so, aber generell sind die Verschiebungen komplex. In seiner Herzl Biographie zitiert Shlomo Avineri Herzls Kommentar in einer Rezension „derzufolge man im Antisemitismus alles auf der Welt finden könnte – Altes und Neues, mittelalterliche Elemente und utopischen Sozialismus, reaktionäre Leidenschaften und revolutionäre Inspirationen“. Avineri: “ Eine Definition, die später genau auf den Faschismus zutreffen sollte“ (Avineri: Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates, Berlin 2016, S. 97). Herzl hat das 1893 – 1893! – geschrieben. Und kaum eine Gesellschaft ist von di9eser Entwicklung ausgenommen; ebensowenig von der Opposition dagegen – nur, wo ist sie wirkungsvoll?

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der Schrecken breitet sich aus, weil er nicht abn einer gewissen Allgegenwart und Mächtigkeit sich selbst verliert. Können wir Menschen im Eisernen Zeitalter leben und das auch zugleich begreifen? etwa bei den Klimapolitiken – sollen unsere Ur-Urenkel nicht vielleicht, sondern sicher ersticken? Sollen noch mehr Millionen Menschen nicht auf der Flucht sich bewegen müssen, sondern von der Wirklichkeit vertrieben dorthin streben, wo überleben noch möglich, wenn nicht wahrscheinlich ist?

Nein, kein Schreckens-Szenario. Auch dem prophetischen Theater sind Grenzen gesetzt, wenn – das gehört zu seinen Eigenschaften – jeder Faschismus nur, ausschließlich, die Gegenwart vertritt, indem er von der Zukunft redet und statt dessen umsetzt, was ihm das Volk (hä, wer ist das?) gerade (gerade jetzt) gestattet? Kann man auch Frau Wagenknecht fragen…

Und Verzweiflung heißt nicht Überforderung oder Handlungsunfähigkeit. Es ist das beiseite legen des „Prinzips Hoffnung“ (Bloch hat selbst im hohen Alter die Grenzen seines Prinzips Hoffnung relativiert…Grenzen, nicht das Prinzip). Ach ja, die Philosophie springt leichtfüßig über die Wirklichkeit.

Die Klugen in Israel und der Ukraine fragen jetzt schon, wer was wie handeln soll, wenn der je aktuelle Krieg vorbei ist. Kommen dann die neuen Faschismen zum Tragen, eine weitere PiS? oder ein demokratischer Tusk? Und: was tun wir, wir hier, z.B. um Öl und Kernkraft zu bannen, um abstrakten Reichtum bei wachsender Armut abzugrenzen, um ein hirnlos-rückständiges, ja reaktionäres Bündnis nicht nur der Opposition einzuhegen, um einfachen Alltag auf der Höhe des 21. Jahrhunderts und nicht retrospektiv wie das CDU Programm zu gestalten, also zu handeln. Das kann bekanntlich nicht jede(r) für sich entscheiden, bzw. wenn, dann grenzt er oder sie das Handeln zugleich ein und aus. Also: Politik.

Angesichts der unerfreulichen Zukunftsaussichten kann da durchaus zusätzliche Resilienz und Furchtabbau eintreten, denn kälter wird es für uns ohnedies nicht.

Leistet Widerstand…aber wie?

Wir leben im Floskelland. Die Grundlage für viele Aussagen von höchst-, hoch- und nicht-rangigen PolitikerInnen ist die Überzeugung, „DIE LEUTE VERSTEHEN SCHON, WAS ICH MEINE“. Nur die Extremisten, AfD und ihre Verbündeten, tun so, als meinten sie, was sie sagen. Lassen wir das rechte Gesindel nicht aus den Augen, aber einmal beiseite. Warum muss ich „den Leuten“ die Entschlüsselung von Plattitüden überlassen? Damit sage ich ja, ich bin anders oder ein anderer als die Leute. Variationen sind die Masse, das Volk, die Anderen…Die Rückübersetzung auf das (niedrigere) Niveau der Leute erlaubt es den Quasslern, nachher zu behaupten, „hab ich doch gesagt“. Dabei ist vieles an den Floskeln gar keine Lüge, sondern nur flach, uneinsichtig, und – unverständlich einer Richtung, die beim Volk die Frage auslöst: was folgt daraus? Das kann zweierlei bedeuten: was wird getan, damit sich etwas in eine bestimmte Richtung ändert? Oder: Es ändert sich nichts, aber die Folgen für die Menschen werden andere sein: mehr Strafen, mehr Hunger, mehr Freizeit usw. Muss nicht schlecht sein, ist nur meistens schlecht.

Das ist eine Variante meines langen Kampfes gegen das Hochhalten von Wahrheiten gegen die Wirklichkeit. Ich bin kein Gegner der Meinungsfreiheit, aber hängt dieses Grundrecht nicht so hoch.

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Was meine ich damit? Dass man sehr genau die Wirklichkeit kennen muss, und daraus Konsequenzen ziehen, und dass es nicht die eine Wahrheit gibt, es sei denn, sie wäre trivial. (Au ja, das wäre im übrigen eine weitere Reformalternative nach dem PISA Debakel). Aber diese Philosophie braucht es jetzt gar nicht.

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Mich treibt um, dass die Variationen der Erklärung und Bedeutungsvielfalt mit jeder öffentlichen Meinungsäußerung zunehmen, nicht aber die Vorschläge, was jetzt zu tun sei, um diese oder jene wirkliche Situation zum Besseren zu verändern. Einfaches Beispiel: ein kluger und experter Freund argumentiert angesichts der Kriege und Massaker ausführlich und konkret für Verhandlungen. Das ist eine ideale Vorstellung von Friedenspolitik, bis auf die Tatsache, dass eine oder beide Seiten weder verhandeln wollen noch können. Da muss eine Macht als Drittes, Viertes eingreifen, und das muss nicht friedlich sein, um die Verhandlungen zu erreichen. Nun wird aber daraus die falscher Meinung, die Partei X, die Regierung Y, der Terrorklub Z könnte unter den aufgezählten Umständen verhandeln, und wer dies nicht teilt, hat die ebenso falsche Meinung, dann plädierst du also für die Fortsetzung des Kriegs. So einfach ist Politik nicht, auch wenn man sie ethisch oder common sense vereinfachen kann…bis auf Meinungen reduzieren hilft nicht.

Sagt der Kritiker – wenn du recht hast, welche Alternative gibt es dann? Ich sage zu einigen Entwicklungen, vor allem in meinem geliebten Israel, NICHTS in der Richtung, weil meiner Meinung nach Meinungen nicht zählen. Es wäre einfach sich darauf zu einigen, dass man eingreifen muss. Aber wer ist MAN.

In einem sehr anspruchsvollen Editorial kommt Dirk Kurbjuweit zu einem höchst sensiblen Ergebnis: Wenn wir keine zerfallenden Koalition, wie wir sie aus vielen Demokratien kennen, wollen, wenn wir ein Bündnis von CDU und AfD als Horror empfinden, dann bliebe als Alternative: „Oder eine charismatische Figur vereint eine bürgerliche Bewegung hinter sich. Das wäre eine andere Republik, nicht unbedingt eine schlechtere“. (SPIEGEL, Chronik 2023, S.6). Ich stimme dem nicht zu, weil alles an diesen Sätzen ambivalent ist, bis hin zur Meinung, dass Führungsfiguren das derzeitige Debakel ablösen können, und dass eine bürgerliche Bewegung nicht das ist, was kommen soll, sondern das wir längst hinter uns gelassen haben, aber es nicht wahrhaben wollen. Dass ich das anders sehe, ist nicht das Problem, … mehr als nur Meinungsfreiheit. Aber wie bildet sich eine Charismatische Figur so heraus, dass sie Einfluss in einer demokratischen Gesellschaft legitim erringen kann, wo doch dauernd die Demontage der Charismatiker*innen das politische Konsensmodell bis ganz hinunter geworden ist. ? (Natürlich meint er keinen Führer, aber das Gelände ist vermint). Und: was sind die Grundvoraussetzungen für eine „bessere Republik“?

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Ich weiß, diese Argumente gehen nicht auf, meinetwegen die Quadratur des Kreises. Mit einem realen Ausblick: die Toten, Sterbenden, Vergewaltigten, Gedemütigten gibt es wirklich. Wenn wir Auswege suchen, dann müssen wir auch die hören, die wirklich etwas zu sagen haben, das sind nicht nur die, die kraft Amtes dauernd reden, damit das Volk sie entschlüsselt. Und die müssen wir auch bilden?!

Nicht für uns. Trotzdem handeln

Für Verbrecher, Unerreichbare und Diktatoren gelten die Regeln nicht, an die wir uns halten, um unseren zivilisatorischen, sozialen, kulturellen etc. Zusammenhalt mit zu gewährleisten. Wenn jede(r) ausschert, gibts das nicht, unabhängig von den jeweils angegeben Gründen. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Im religiösen Bereich erinnert diese Wahrheit an Gulliver, der viel darf, aber das Ei an der richtigen Seite köpfen muss, sonst…

Diktatoren aller Grade können uns psychopathisch erscheinen. Sie wären dann humanitär umgehend behandlungsbedürftig, müssten aber natürlich von ihrer Position gepflückt werden. Abgesehen davon, wie wollen wir denn das machen? Außerdem sind pathogene Zuschreibungen oft nur ein Ausweichmanöver. Wo ist denn Trump, Putin, Orban, Erdögan, KIickl … verrückt? Wenn Verbrehcer, Unerreichbare, Diktatoren handeln, müssen wir davon ausgehen, dass sie fast alle schlechten Eigenschaften haben, aber nicht verrückt sind. Das wäre angesichts ihrer Verbrechen ja eine Verkleinerung von Verantwortung und Schuld. Auch: nicht jeder Satz und jede Handlung dieser Menschen sind falsch, nur die, auf die es ankommt. Und es kommt darauf an, was die Rergeln der Zivilisation sagen; die ändern sich langsam, „mit der Zeit“, und mit hinreiche4nd guten Gründen, die müssen vermittelt sein, und immer vor allem an uns. Daran halten sich die genannten Verbrecher nicht. Übrigens: es hat außerhalb unseres Diskurses wenig Sinn, Putin als Nachfolger von Hitler und Stalin – also als Verbrecher – zu bezeichnen, auch bei den andern genannten Personen lohnt das nicht. Es ist nur sinnvoll, einen Verbrecher als solchen zu bezeichnen, wenn er, meistens er, aber meinetwegen auch sie, wenn er also davon erfährt und so reagieren kann, dass wir von der Reaktion erfahren oder gar bedroht werden (Erdögan macht so was, der kann es – und die Politik und die NATO kuschen meistens, Orban kann es nur durch Erpressung, Kickl kann es noch nicht….hoffentlich auch nicht in Zukunft).

Auf Verbrecher schimpfen, solange es nicht für einen selbst gefährlich ist, kostet wenig Mut. Aber da alle digitalen Botschaften ewig leben, kann der zur Macht gekommene Verbrecher vieles, das jetzt nur so dahingesagt ist, in Zukunft verwenden….Putin zeigt das in seiner brutalen Verfolgung aller möglichen demokratischen Gruppen und Menschen aus früheren Zeiten. Denn: Diktatoren dulden ohnedies nur ihre, nicht unsere Gegenwart.

Schimpfen ist manchmal befreiender als Kritik. Kritik ist besser, aber oft schwer vermittelbar. Das habe ich in vielen Jahren akademischer Arbeit gelernt, allmählich wird die Vermittlung besser, aber es dauert – mit dem Nachteil, dass man sich spontane Gefechte nur selten leisten kann. Dann muss es sitzen, auch wenn man darauf selbst sitzt.

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Mich beschäftigt das auf mehreren Ebenen. Wenn ich Lindner und Wissing die Demokratie zubetonieren sehe, reizt es zwar zum schim0pfen, aber cui bono? Wenn Netanjahu vor Gericht soll, hilft jetzt schimpfen gar nichts, sondern der Krieg muss vorbei sei und der israelische Rechtsstaat hoffentlich weiter bestehen, zwischen Meer und den Bergen. Wenn Orban die anderen Staaten erpresst, muss die EU reagieren, langfristig weg von der Einstimmigkeit, kurzfristig den Verbrecher suspendieren. Das ist schwierig, aber es muss sein, eher früher als später. Konfrontation ist oft besser als der Mittelweg, das wisst ihr von mir. Auch im Kleinen. Und nicht immer, Konflikte nutzen sich schnell ab.

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Darum nenne ich die Verbrecher nicht immer und überall Verbrecher. Aber wenn wir mit der Kritik vorangehen, mühsam und langsam, dann kommt auch da der Punkt, wo0 wir handeln müssen. Manchmal muss sogar die Zivilgesellschaft vom Staat so ein Handeln verlangen – und wer dann wie entmachtet oder suspendiert wird, zeigt auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Klassen und Gruppen von Verbrechern, Diktatoren, Unfähigen etc. Diese Unterschiede zu erkennen, nennt man auch BILDUNG. Da haperts bei uns zur Zeit?

Es reimt, aber es dichtet nicht

Also geht es nicht um die Wasserleitung, sondern um Reime. Seit meiner frühen Jugend führe ich unter allen möglichen Umständen Selbstgespräche, die NICHTS mit dem zu tun haben, worüber ich gerade nachdenke. Wärs anders, würde es hier nicht herpassen. Reime, vor allem Endreime, und Schüttelreime dichten mich gegen die Umwelt ab. (die Alternative, Flanieren und genaue Beobachtung der Umwelt, Sehen vor Hören, ist die Alternative). Dann reimt ES nicht. Vieles geschieht hier unbewusst, aber es hat Folgen

Das ist natürlich kein Einblick in meine Psyche. Es hat vielmehr seinen Grund in einer überquellenden poetischen Produktion meist schlechter bis mittelmäßiger Lyrik, das war schon immer so. Der zweite Grund ist, dass ich mich selbst immer zurückgehalten habe, frühe oder spätere Gedichte zu veröffentlichen, auch wenn sie vielleicht „gefallen“ hätten. Denn darum geht es auch. Aber der dritte Grund ist schon persönlich: dieses dauernde und schwer zu kontrollierende Reimen und Wortverdrehen hat Folgen – man sieht sozusagen auf die Hinterseite von Sätzen und Wortgebilden. Wenn eine zweite Schüttelreimzeile absurd ist, schaut man genauer auf die Ausgangszeile. Ist ein Reim noch so naheliegend, so bedeutet das noch lange nicht eine Erhöhung des Sinns oder Eindrucks von zwei oder mehr Zeilen.

Nein, ich mache hier keinen Poetikessay, obwohl ich mich mit Lyrik befasse; ich beobachte nur eine fast unbewusste oder halbbewusste Sprachkritik, die sich bei mir eingefressen hat. Einmal mit bösem Ergebnis: ein Freund war über einen absurden, bösen Schüttelreim so erzürnt, dass er sich abgewendet hatte. Sonst eher Grinsen oder Kopfschütteln. Daran sehr ihr, dass ich es manchmal (selten) doch nicht bei mir behalte, was aber ansonsten dauerhaft bei mir produziert wird.

Die politischen oder kommerziellen Reime oder Gedichte sind heute nicht mehr im Vordergrund, wo sie einmal waren. Wer kann sich gut an sie erinnern, gar zitieren? Mein Freund Erich Fried hat das manchmal verknüpft, es waren nicht seine besten Gedichte, auch wenn sie getroffen haben. So wie Brecht käme heute wahrscheinlich ein durchgehendes Poetisieren der Politik nicht so gut an? Die Mittel sind andere geworden. Gut so, vielleicht. Aber meine Motivation, das aufzuschreiben kommt daher, dass mir zunehmend die unbewusste Reimfreude verloren geht, wenn ich die Rhetorik der heutigen Politik aufnehme, und ich rechne es nicht meinem Alter zu. Ein Beispiel: früher konnte ich für Verspätungsansagen der Bahn fast umgehend einen Reim oder einen Spruch draus machen, heute gibt es immer weniger Begründungen, nur mehr folgenlose Entschuldigungen. Früher hat sich der Reim seinen Weg besser zur Reflexion gebahnt als heute. Und darum geht es mir auch: dass dieses unbewusste Sprachspiele doch Einfluss auf das Bewusstsein haben konnte, man sieht und hört genauer hin, wenn sich bestimmte Worte einprägen.

Morgenstern leuchtet im Advent. Ich meine Christina, vorerst:

Jaguar Zebra Nerz Mandrill Maikäfer Ponny Muli Auerochs Wespenbär Locktauber Robbenbär
Zehenbär
. Natürlich kennt ihr die Monatsnamen von Christian Morgenstern. 1932… und heute? Er5frindet mal selbst so eine Liste, wobei die späten Monate im Jahr besonders schwierig zu erfinden sind.

Begriffe setzen sich fest, die Sprache kann bestärken, verletzen, töten. Ich habe hier schon mehrfach über die Bedeutung von Begriffen im Vergleich zu Bezeichnungen oder einfachen Informationen geschrieben. Es scheint mir an der Zeit, das wieder aufzugreifen. Ob ich bei Links abbiegen muss oder ob Links ein komplexer, in sich differenzierter Begriff, kann jede und jeder von euch unterscheiden. Bei Rechts ist es fast das Gleiche. Die Nähe zu einem andern Begriff schafft aber schon wieder Verwirrung. Komplizierter ist es, wenn Karlsruhe „Recht“ spricht, und der Begriff in Abgrenzung zu Politik und Vernunft sich auf Quellen und Grundlagen bezieht, die vielleicht richtig sind, vielleicht Wahrheiten enthalten, und dennoch nicht die Wirklichkeit treffen, mit der Jetzt Deutschland wirtschaftlich und sozial und kulturell noch weiter zurückfällt. Dabei ist z.B. die Frage naheliegend, ob der Berechtigte Verstoß der Ampel mit dem übriggebliebenen Coronageld, heute nur eine Tatsache beschreibt oder ein Argument für die Störung der Wirtschafts- oder Sozialpolitik ist. Die CDU jubelt verhalten, weil sie die gleichen Probleme hat, wenn sie die Ampel zu Fall bringt und mit dem Urteil leben muss, was sie unter Merz nicht kann.

Nun werden natürlich dauernd neue Worte erfunden, sie verbreiten sich, je nach Jahrgang oder sozialer Gruppe mal mehr, mal weniger, manche schaffen es in die Medien, andere sogar zu einer Jury. Ein Zeichen von Freiheit, so etwas erfinden zu dürfen und damit die bestehende Sprache zu verändern? Wirklich und immer – Freiheit? Das fällt natürlich allen auf Zb: https://www.rnd.de/politik/russland-putin-verschaerft-gesetz-gegen-verbotene-woerter-HH2AOJ4CSNFWLCV3EOPZI6Y4HY.html; Einschließlich George Orwells „1984“. Aber Putin ist da nicht der Einzige, andauernd wird gewaltsam in die Freiheit der Sprache eingegriffen. Von privater Seite, von staatlicher Seite, und auch zwischen Gruppen tobt der Begriffskampf. Man kann und muss sich wehren, wenn zensiert wird. Natürlich können die Sprachspiele lustig sein, manchmal sind sie peinlich, und oft sind sie politisch und kulturell fatal.

Verbotene Worte und Begriffe kann man gut poetisch verpacken. Fatale Worte leider auch. Darüber sollten wir uns mehr unterhalten.

Lebenszeichen

Wenn alles rund um einen selbst den Bach runtergeht, muss man sich festhalten, oder man wird abgetrieben. Dann hört man mit halbem Ohr hin, was einem die raten, die sich entweder schon gesichert haben – oder eben selbst dem Untergang entgegentreiben. Untergangsszenarien beflügeln a) die Ratgeber und b) die aktiv am Untergang mitwirken, alternativlos, wie sie sagen.

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Mir reichts, sagt man dann. Hört die neuesten Nachrichten nicht oder nur im Hintergrund, weiß schon, was der nächste Leitartikel sagt, und betrachtet den rasenden Stillstand des Fortschritts als ob man sich in einer Rakete ohnedies von der Erde entfernte. Im Kreis der Vertrauten vermeidet man, den Abstieg oder das drohende Ende zu thematisieren, man widmet sich eher den tröstlichen Kleinigkeiten der unmittelbaren Umwelt, dem Menü oder einem gerade erschienenen Gedicht eines Freundes oder der Satire zur politischen Wirklichkeit.

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Will mich wo festhalten, und ist es nicht eine religiöse Selbsttäuschung, habe ich nicht viel Auswahl. Mich retten, das heißt lebensnah aufbewahren, ohne andere dem Absturz preiszugeben: also handeln. Andere retten, ohne selbst wahlweise Asche oder Märtyrer zu werden: also handeln. Handeln ist keine Praxis, die man aus den noch so freien Meinungsbildern einfach so ableiten kann. Es muss schon über die Wirklichkeit kommuniziert werden, damit man etwas tun kann, um diese Wirklichkeit zu verändern, in unserem Sinn, also uns festhalten und nicht abtreiben, also nicht verhungern lassen, also nicht abgeschoben werden. Das heißt nicht einfach herumzudenken, sondern Politik zu machen, und das wiederum heißt, die alternativlosen Wahrheiten der Machtbesitzer und der Machtbesessenen angreifen, um ihnen die Augen für die Wirklichkeit zu öffnen. Das erfordert gar nicht so viel Wagemut als Selbstvertrauen in die eigene Wahrnehmung von Wirklichkeit – es ertrinken wirkliche Menschen auf der Flucht, er sichern wirkliche politische Verbrecher ihre Macht und ihren Besitz zu lasten anderer usw.

Für die Politik heißt das auch aufzuhören, den Diktatoren, mit denen man ja reden muss, auch noch in den Arsch zu kriechen, dem Erdögan oder dem Orban oder…man sie kann sie da auch hineintreten, obwohl man mit ihnen redet. Das wird man doch noch gleichzeitig können? wenn ja, dann sollte man dies in der Politik wirklich werden lassen, statt es beobachtend, aus der Vogelperspektive, zu kommentieren.

Liebe Leserinnen und Leser: bitte denkt jetzt nicht, dass der Daxner den Precht oder ähnliche imitiert und Schundphilosophie verbreitet. Mir geht es darum, dass ich angefressen bin von der universalen Ablehnung aller, die fehlerhaft erscheinen, da geben die Grünen zu sehr nach, da sind die Roten inkonsequent, da sind die Schwarzen sowieso blöd, und über die andern redet man nicht, weil einem die Schimpfwörter fehlen…auch wenn jede der negativen Zuschreibungen richtig wäre, bedeutet es doch nur, nicht nach den Haltgriffen zu langen, sondern sich weiter treiben zu lassen, was genau das Ziel der Populisten und Faschisten ist. Wenn euch etwas nicht passt, dann macht Politik. Es geht mir tatsächlich auch um den Stil der Kritik. Denn wenn die Haltegriffe der Politik abgedrängt werden in dieser wohlfeilen Negativität derer, denen es noch gut genug geht, das zu verbreiten, gibt es wenig Ansatz Politik nicht nur gegen die AfD und Aiwanger und Söder und Scholz….zu machen. Abstrakte Turniere gibt es nur in in digitalen Spielen, die wirklichen sind keine Turniere, sondern beides: Position und Opposition. aufhören, die Meinungen zu ziselieren, handeln, mit klaren Prioritäten, und nicht dort versöhnlich sprechen, wo nicht versöhnt gehandelt werden kann (zB. in der NATO oder beim nationalen Umweltumbau oder bei der Sozialhilfe). Hört auf, unsere Feinde durch manche Rechte und Gesetze auch noch zu subventionieren, dann haben wir Spielraum genug zur Politik und werden nicht abgetrieben.

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Fragt die Leserin oder der Leser: und was machst du? Und ich antworte, alterslangsam, ja, ich mache das auch, und die mit denen ich handle merken es. Man kann nicht alles für alle machen, und es ist peinlich, zu allem für alle zu sprechen.

Diktatoren passen nach Berlin. Nicht zu uns, oder?

Natürlich muss man mit allen politischen Führern sprechen können. Dass der Bundespräsident den Diktator Erdögan empfängt, kann man ertragen, es hat keine Bedeutung, auch angesichts der Bedeutungsarmut des Bundespräsidenten. Die Pressekonferenz und das Ergebnis nennt die CDU „Realpolitik“ gegen die „Wertebasis“ der Bundesregierung. Ausgerechnet die CDU, die in ihrer rassistischen EU Politik vor mehr als 10 Jahren GEGEN die Türkei hervorgetreten ist…naja, auch die so genannten Christen können sich ändern. Ja, man kann auch weniger scharfe Worte gegen dieses Szenario verwenden, verbal abrüsten. Man kann, ich kann das auch. Man kann aber auch verbal noch präziser und schärfer sein, aber man sollte nicht in der politisch intellektuellen Blase der nur miteinander sich austauschenden Kommunikation verharren. Das nutzen nicht nur die Populisten.

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Abstrakt gibt es weder Verhandlungsverbote noch Verhandlungszwang. Es kommt immer auf den Kontext an, nicht nur den, in dem „wir“ uns befinden, sondern auch in dem sich das Gegenüber befindet: Noch komplizierter wenn es mehr als zwei Kontrahenten sind. Wie jetzt, wie seit langem. Ich bin hinreichend Österreicher um nicht zu erkennen, wie und warum die Deutschen immer die Extreme suchen, die Unterwerfung unter alle möglichen Mächte oder die Überhebung gegenüber allen andern oder bestimmten anderen. Klar, das Land war schon zweigeteilt „wichtiger“ als Österreich, und nach der Vereinigung erst recht. Aber das allein erklärt nicht alles. Wenn ausgerechnet der Diktator Erdögan die deutscher Shoah-Geschichte zur Erklärung – nicht Akzeptanz!!! – der Israelfreundlichkeit heranzieht, um sich sogleich von dieser Geschichte zu distanzieren, dann erklärt das einiges. Die Nachlese von Erdögans Besuch trifft übrigens die Vorhersagen ziemlich genau, und dass Erdögan unter Reputationsverlust so wenig leidet wie Putin, ist auch klar – solange Deutschland zahlt und Flüchtlingsdeals mit ihm macht. Schließlich ist die Türkei auch NATO Mitglied – Loyalität darf das Bündnis dafür keine erwarten.

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Mein Problem in diesen Tagen ist nicht die scheinbare Diplomatie, sondern die Hilflosigkeit von Demokratie gegen Diktaturen und ihre Kommunikation. (Eher Vorbildlich ist der Marsch der Hunderttausenden von Tel Aviv nach Jerusalem, der ist weniger hilflos und eher auf die Zukunft gerichtet). Die Schwäche Deutschlands ist nicht rhetorisch, sondern real. Das macht Sorgen und es macht aufmerksam, dass die Selbstherabstufung und die objektiven Bedeutungsverluste auch etwas an unserem Leben und an unserer politischen und kulturellen Praxis ändern werden (oder ändern müssen, da liegen Entscheidungen). Unser Land bewegt sich, wie fast alle anderen in Europa, nach RECHTS, aber auch nur weil LINKS so gut wie nichts ist. Das Hufeisen schließt sich, bei uns Wagenknecht und die AfD, in Frankreich die Linkspartei und die Rechten, und Italien, und Ungarn, und die österreichischen Bundesländer und…Was heißt das? Zunächst, dass wir Abschied vom eingeübten Begriffswerkzeug nehmen sollten. Dass wir gegen die Realpolitik etwas realistischer die Wirklichkeit beachten sollten und bedenken und kritisieren und verändern, also politisch sein und nicht den Fetisch der Meinungsfreiheit gerade auf unsere Feinde auszubreiten…richtig gelesen, die Meinungsfreiheit ist nicht das höchste Gut der freien Gesellschaft, sondern nur weit oben. Ganz oben sind die Menschenrechte und vor allem die Menschenwürde, die sich nicht von den Erdögans dauernd angreifen lassen soll, nur weil er seine Meinung äußern darf, nicht nur Erdögan natürlich.

Nachsatz: viele PolitikerInnen bezeichnen viele ihresgleichen, aber auch ganze Gesellschaften usw. als Faschisten oder Nazis. In den meisten Fällen ist das falsch, irreführend oder ablenkend. Aber nicht immer, und andererseits müssen wir v.a. den FaschismusBEGRIFF richtig anwenden, auch zur Orientierung. Man muss also oft die Lackmusprobe machen, wer wann und wie das F Wort oder das N Wort anwendet. Bei Putin muss man darauf nicht mehr reagieren, bei Erdögan auch nicht. Aber zB. in Israel ist es wichtig, es im Regierungsumfeld des Premiers richtig einzusetzen, damit auch zwischen dieser Regierung und der israelischen Gesellschaft unterschieden werden kann. Das ist mühsam und ärgerlich. Aber die Wirklichkeit des Faschismus, die Nazigeschichte hier, all das war und ist noch viel schlimmer und mühsamer.

Die Wirklichkeit besiegt die Wahrheit

Annalena Baerbock hat am 16.11. 40 Minuten lang zur Situation in Israel und zu ihrer Politik dazu gesprochen. Wer dem aufmerksam gefolgt ist, versteht, warum sie – auch warum Robert Habeck – so weit in der Analyse der Wirklichkeit vor dem Kanzler denken und sprechen. Es war eigentlich fürchterlich zu erfahren, wie die Wirklichkeit des 7. Oktober und seine Folgen verarbeitet werden muss, will man nicht verzweifeln – was ja einen Sieg der Terroristen bedeuten würde: Der Kompromiss der Verzweifelten ist, worauf sie warten, wenn sie schon nicht gewinnen können.

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Dankbarkeit gegenüber Baerbock bedeutet, noch weniger auf die Fakes reinzufallen und noch genauer Gründe und Ursachen der Konflikte und der Kontroversen auseinanderzuhalten. Nur dann kann man auch seine eigenen Haltungen zu den Ereignissen mit ihren Widersprüchen ertragen, und nicht etwa versuchen, widerspruchsfrei zu denken und zu agieren (was ja bei vielen Hohlköpfen in der Politik die wirkungsvolle Außendarstellung ist).

Das Abgleiten vieler Elemente unserer (deutschen, europäischen) Gesellschaften in die faschistischen Koordinaten ist zunächst einmal evident. Das ist keine Interpretation, sondern lässt sich beobachten und ausdeuten. Es heißt nicht, dass überall Faschismus herrscht, aber seine Beteiligung an mehr oder weniger legitimer Herrschaft ist deutlich. Man merkt das auf allen Ebenen, vor allem in der Umgruppierung der Prioritäten, im Vernachlässigen der aufgeklärten und humanistischen politischen Akte, in der Gleichgültigkeit gegenüber wirklichen Zukunftsereignissen. Dagegen helfen weder Gebete noch Meinungen, dagegen hilft nur Politik. Die muss aber bei der Wirklichkeit ansetzen und nicht bei den Programmen, die dieser Wirklichkeit, wie jeder Anspruch auf Wahrheit, hinterher hinken.

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Dass Scholz mit Verbrechern verhandeln will, kann und muss, mit Erdögan und anderen, kann man ihm abstrakt nicht zum Vorwurf machen. Wie seine Umgebung aber den heutigen Besuch rechtfertigt, ist manchmal abenteuerlich – und dann werden die Vorwürfe konkret. Es geht immer um ein quid pro quo. Ja, die inakzeptablen Aussagen Erdögans gegen Israel und für die Hamas sind inakzeptabel, aber, sagen die Weichspüler, wir wollen ja über Flüchtlinge verhandeln und auch sonst brauchen wir das NATO Mitglied Erdögan, und der wird doch noch sagen dürfen, wenn er nur auch in unserem Sinn handelt. Diese Figur gilt für so gut wie alle politischen Akteure und Aktionen. Meine Frage ist aber, welche Angebote an friedlicherer und demokratischerer Politik hat Deutschland dem Verbrecher anzubieten, um einen diplomatischen Kompromiss abzuverlangen? Viele dieser Angebote hätte die frühere Regierung, hätten die obersten deutschen Gerichte, hätte das Parlament, hätte die EU schon formulieren können, aber es gab ja nie wirklich die nicht-überschreitbare Grenze von eigenem demokratischen Selbstverständnis und der Position des Anderen, der ja nie Feind sein durfte und darf, weil man ja etwas von ihm will. Er will aber nichts von uns, sondern setzt durch, was seine Gefolgschaft in Deutschland ihm zugute macht.

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Zurück zu Baerbock. Es ist hilfreich und hoffnungsvoll, die nicht auflösbaren Widersprüche der Wirklichkeit wahrzunehmen, für wahr zu erachten, und trotzdem zu handeln. Auch das kann man den Gegnern und möglichen Partnern vermitteln, nicht freundschaftlich, nicht feindlich, nur der Wirklichkeit verpflichtet, und das heißt zum Beispiel, Prioritäten zu setzen, wer gerettet werden soll, bevor die Täter vernichtet werden, und wer in der eigenen Gesellschaft entmachtet werden muss, bevor die Gegner entmachtet werden (Das ist in Israel zB. viel deutlicher der Fall als es in den Diskursen der Israelfeinde in Deutschland erscheint…). Es ist nicht so, dass die Probleme nicht lösbar wären, aber sie sind es nur mit der Korrektur von Politik, die mit Entmachtung bestimmter Machterhalter nur gelingen kann. Das kann man in die Propaganda der Befreiung hineinreden, muss man aber nicht: man muss handeln. Der Marsch auf Jerusalem ist ein Vorbild. Der sollte auch hier geschehen, geschieht ja im Kleinen bereits. Und es gibt keinen Augenblick, in dem nicht jeder von uns etwas in dieser Richtung tun kann, viele tun es.

Frühling der Diktatoren, Sommer der Faschisten

Wenn alle mit allen reden dürfen, man wird ja wohl noch…, dann ist das doch gut, oder? wenn Diktatoren mit Demokraten sich treffen dürfen, weil es besser sei, mit einander zu sprechen als nicht, so Roth SPD, dann hilft das dem gedächtnisschwachen Kanzler und dem Diktator Erdögan. Wobei hilft es? Biden trifft Xi, und letztlich treffen sich die Wirtschaftler der Demokratien mit den Rohstofflieferanten der Diktaturen aus beidseitigen Interessen. Und das ist nun wirklich nicht neu. Natürlich nennt man bei der Begegnung den Diktator nicht „Diktator“, und die feinen Abstufungen des Sprachgebrauchs zeigen die diplomatische Bildung der Akteure.

Die besser Gebildeten, oder auch nur die Klügeren, haben sich in Diktaturen längst von den Nachrichtensendungen, der Tagespresse, den News und den Fake News abgewandt. Auch dort, wo es keine Diktaturen gibt – ich sage nicht: noch – selbst dort, sinkt das Interesse an den Neuigkeiten, die entweder nichts neues bringen oder aber nicht mehr Korrekturen der eigenen Meinungen stimulieren.

Das alles hilft den Populisten, es hilft dem Pöbel, und es hilft dem sich ausbreitenden europäischen und globalen Faschismus. Der ist ja nur teilweise ein Produkt der Demokratiemüdigkeit, der brüchigen Gewaltenteilung, der Unfähigkeit, erkannte Probleme zu lösen oder wenigstens lösbar zu machen. Eine weitere Seite dieses Faschismus ist auch, den Sackgassen des massiven Individualismus, vor allem des neoliberalen, durch identitätsstiftende Gemeinsamkeiten zu entkommen, die sind oft national, oft identitär, oft religiös, und meistens so oberflächlich wir kurzlebig. Alle wachen Medien und Intellektuellen sind sich einig darin, dass Deutschland, Europa, die Nordhalbkugel, der Westen nach RECHTS rutschen. (Und perfiderweise viele Länder des Südens schon rechts sind…da gibt es Unschärfen). Antisemitismus, Völkischkeit, Fremdenhass sind Folgen, nicht Ursachen solcher Entwicklungen, die es seit langem gibt. Das kann man in Europa mit der Duldung von Faschismen (Ungarn, Italien, etc.), mit der Flüchtlingspolitik und jüngst mit der zu schwachen Empathie für Israel nach dem Überfall durch die Hamas beobachten. Ein kleiner Aspekt mit großer Wirkung ist die Vernachlässigung der Demographie als Politikfaktor: wenn es immer weniger junge Menschen aus dem eigenen Stamm gibt, dann führt die Fremdenfeindlichkeit und die Abwehr von Immigration zum Absterben des Stamms, dann haben es die Eingewanderten leichter, aber bis dahin: Sozialleistungen nur für eigene Staatsbürger (die CDUCSU redet hier schon wie die klassischen Faschisten, und sie sind nicht allein), und der Arbeitsdienst soll auch wieder eingeführt werden (Linnemann), und dann wundert man sich, warum Gastarbeiter lieber in andere Länder ziehen…Deutschland ist mit solcher Blödheit nicht allein, als ob das ein Trost wäre.

Viele wehren sich gegen die Behauptung, der europäische und globale Faschismus greife um sich, erweitere seine Domänen. Die meisten wissen gar nicht, was Faschismus genau ist, das liegt am schlechten Geschichtsunterricht in den Schulen und in Deutschland an einer besonders verkanteten Vergangenheit, die zwischen NSDAP und Faschisten schlecht unterscheidet und die Zeit vor 1933 auch ausblendet. Ich behaupte, dass der Faschismus, durchaus in sich widersprüchlich, für viele, nicht nur am Stammtisch und in der reaktionären Presse, eine empfundene Alternative zur Demokratie ist. Und ich gestehe, dass mir kein alternativer Begriff einfällt, auch wenn ich weiß, dass viele Erscheinungen des heutigen Faschismus nicht deckungsgleich mit den früheren Faschismen sind. Natürlich weiß ich das.

Schon Erich Fried hat zur Recht gesagt, wer nur Antifaschist ist, ist kein Antifaschist. Das ist mehr als wahr, denn „dagegen“ sein ist zu einfach für demokratische BürgerInnen, und Antifaschismus ist noch nicht per se Demokratie und Republikanismus. Dazu aber braucht es nicht nur Praxis, sondern auch Bedenken gegenüber der eigenen Sprache, der Begriffe und der begriffslosen Bezeichnungen. (DAS wäre mein wichtigstes Argument für die Bildungsreform).

Aber jedenfalls ist die Hinnahme der Partnerschaft von Demokraten und Faschisten unter realpolitischem oder tauschwertorientiertem Aspekt zu wenig.

Bitte unbedingt lesen: Timothy Garton Ash: „Europe Whole and Free“ (NYRB 2 November 2023). Der Artikel ist am 4. Oktober geschrieben, vor dem Überfall von Hamas auf Israel

Müde?

Man kann es nicht mehr hören, ich weiß. Man will schon gar nicht in die Zeitung schauen. Auch als Thema bei Gesprächen ist der Krieg nicht mehr gewollt. ???Der Krieg??? Welcher denn, ach immer der letzte. Allmählich dämmert es vielen Menschen, dass es ja möglich ist, im Krieg an alles andere, an alles Mögliche zu denken, auch wenn vieles nicht erreichbar ist, man nicht überall hin reisen kann, bestimmte Sachen nicht mehr kaufen kann, manches besser verschwiegen als gesagt wird….

In diesen Tagen rauscht alles von Vergleichen, wie frühere Kriege sich nicht, oder teilweise doch, wiederholen, und manche sind bei den Vergleichen erfinderisch. Aber so leicht lässt sich das eigene Bewusstsein nicht betrügen, wenn der Krieg sich um einen herum ausbreitet und immer mehr von dem ergreift, was man als seine Lebenszone verstanden hat, unzugänglich dem Krieg, … Das Verdrängen hat ein Ende, und durch die Hintertür kommt die Wirklichkeit immer herein, wenn sie vorne abgewiesen wird.

In diesen Tagen, zum 100. Geburtstag des Vico von Bülow, Loriot, wird man in manchen Medien abgelenkt und freut sich der Erinnerung an das eigene Lachen. Ja, seht ihr, das ist doch Ablenkung. Und schon denkt man, wie gut es ist von der Wirklichkeit abgelenkt zu werden. Die lässt sich, anders als so genannte Wahrheiten, nicht wirklich verdrängen.

Die Ablenkungen dienen der Stärkung von Resilienz und Umsicht und sie sind Übungen der Mehrfachkonzentration. Aber was da als Hintergrundstrahlung unabweisbar ist, verstärkt sich. Ob wir das so wollen oder nicht. Irgendwann ist der Krieg so nahe gerückt, dass man aus anderen nicht darüber reden kann und darf, innere und verordnete Zensur, Vorsicht, Selbstschutz und die Unwilligkeit, die Propaganda auch noch kritisch zu rezensieren, engen das Blickfeld ein, und dann gewinnen andere Themen plötzlich neue Bedeutungen. In Briefen aus den Jahren 1938 bis 1945 werden plötzlich Kochrezepte, Moderatschläge, Zufallsbegegnungen thematisiert, es „kommt nichts vor“, was wirklich vorkommt, aber vieles, das anders vorkommen würde, wären die Zeiten anders. Und das wird sich mit dem Ende des jeweiligen Kriegs ändern, es folgen Zeiten der Anklage gegen die Täter und der Lockerung von Regeln durch die Befreiung. Das ist ein „Immer Wieder“ mit Variationen, und viele kochen darauf ihre jeweilige Suppe, opportunistisch oder vom Wahrheitsrausch trunken. Auch dies kann in scheinbar harmlose Themen eingepackt werden.

Was wir nicht vergessen sollten: Mit dem Ende von Kriegen ändern sich die politischen Rahmenbedingungen schneller als die Persönlichkeiten jedes einzelnen Menschen, die Adaptionen gehen nicht einfach nach gut und böse und schuldig und befreit… Gibt es denn gar keinen Aufbruch in eine bessere Zeit? Doch, nur nicht aus der bloßen Überlegung heraus, dass das Ende des Kriegs auch das Ende seiner Bedingungen, Ursachen und Gründe bedeutet.

Vieles von dem, was ich hier geschrieben habe, taucht vermehrt in den Medien auf, es kann gar nicht unbemerkt bleiben. Wegschauen gilt nicht, weghören. Innere Emigration erweist sich fast immer als Unsinn und Unterwerfung. Kennt Ihr „Dreh das Fernsehn ab, Mutter, es zieht…“? von Georg Kreisler (https://genius.com/Georg-kreisler-dreh-das-fernsehn-ab-lyrics). Die Medienkritik am Krieg ist heute viel aktueller als damals, man sollte sie aber auch ernst nehmen. Ebenso ist die mediale Verzerrung der Kriegswirklichkeit weiter gediehen. Das setzt also mehr Aufmerksamkeit, aber auch veränderte Abschaltmechanismen voraus.

Die Kriege, an denen wir beteiligt sind, sind mehr, wenn nicht alle…Ausweichen geht nicht. Leben im krieg ist nicht immer kämpfen, hungern oder gefoltert werden, war es übrigens auch nicht immer in früheren Kriegen. Die direkten Opfer, die unmittelbaren Beteiligten, die Folgen…all das verschiebt sich, verzerrt sich, aber es bleibt, was es ist.

Und deshalb darf man nicht müde werden, muss wach bleiben. Die Kriege und Kämpfe und Tyranneien untertunneln heißt nicht einfach seine Überzeugungen und Ideologien „ändern“, sondern handeln. Nicht man, wir, wir können etwas tun.

Die Nacht überbrücken

Will man sich gegen die Flut von wahnsinnigen Ereignissen und unlösbaren Problemen schützen, soll man nicht den Kopf in den Sand stecken oder auch alles so geschehen lassen, wie es eben kommt. Wenn man nichts machen kann, stirbt es sich leicht, und nichts bleibt von einem über, das denkt man selbst, und die andern sollen damit fertig werden. Das ist die neoliberale Gegenwartsphilosophie, der die Zukunft so gleichgültig ist wie die Vergangenheit der weniger glücklichen Zeitgenossen. Das geht mir jeden Tag durch den Kopf, wenn ich die Nachrichten höre und sehe, und was sich unterhalb des Schreckens an Unerheblichkeiten abspielt bzw. unter dem Vorwand von Ernsthaftigkeit diskutiert wird. Nun ist die Gegenwart schrecklich, aber nicht viel schrecklicher als die letzte Zeit, nur sind die Ereignisse näher gekommen und man kann nicht sagen,

dass sie sich wirklich außerhalb von uns abspielen; wir sind nur nicht im aktiven Zentrum von Krieg und Unmenschlichkeit, aber doch betroffen, das sagen selbst Vorsichtige…und natürlich: der Klimawandel ist ja schon da, und den braucht man nicht zu fürchten, weil es ohnedies kein Entkommen von ihm gibt.

Unterhalb dieser grausigen Wirklichkeiten ist alles ganz einfach, so scheint es, so, wie immer. Weil es ja nicht wirklich besser war, früher, als viele noch optimistisch waren, mehr Hoffnung hatten, nur war das Unglück etwas weiter entfernt von der Insel der seligen Europäer. Wir haben sozusagen auch für die anderen gedacht und gefühlt, und uns unserer privilegierten Situation bewusst gefreut, aber dass und wie wir am globalen Unglück auch mit schuld waren, das haben wir ferngehalten, jedenfalls von uns, als wären wir wirklich etwas disloziert vom Rest des Weltgeschehens.

Jetzt fragt ihr euch, warum ich so eine Schimpfonie in Moll loslasse. Mache ich ja nicht. Politisch und Moralisch weiß ich ja, wie ich auf diese Unterwerfung unter die Apokalypse reagiere, aber meine Widerstandskraft stärke ich durch das Beobachten und Leben unterhalb dieser bleiernen Kappe aus globalem Unglück. Man muss eben nicht sich an Putins oder Hamas oder Talibans Blödheiten anschmiegen um sie besser zu verstehen, man kann unter diesem eisernen Dach auch noch leben, Tage und Nächte zubringen. Abstand halten macht klug und resilient. Denn man sammelt auch Erinnerungen für die Zukunft, man muss wissen, was man (sich) erhalten will. Was werde ich meinen Enkelinnen und Urenkelinnen erzählen, wenn es keine Gletscher mehr gibt, keine Schmetterlinge, keine wilden Pflanzen? Was haben die Menschen gelernt, als ihnen das Denken und Lesen verboten wurde (Fahrenheit 451), gelernt, um es zu behalten? Das sind keine Träumereien aus dem Jenseits, das alles ist hier.

Gerade bereite ich mich in Wien auf eine Lesung aus meinem neuen Buch „Flanieren im Mythos“ vor, morgen Abend. Ich flaniere heute durch einige stark befahrene und begangene Hauptstraßen, und stelle fest, dass man sich an den hunderten Geschäften satt oder hungrig sehen kann, je nachdem, was gerade angeboten, abverkauft, aufbewahrt wird. Manches schaue ich genauer an, anderes läuft an mir vorbei, Schuhe und Juweliere interessieren mich nicht, aber was es da sonst noch gibt, oder auch gegeben hat, und jetzt verstauben die Fenster, bis jemand neues einzieht und anbietet. Wer etwas bestimmtes sucht, flaniert nicht. Wer flaniert, findet, was er nicht gesucht hat, bewahrt es nicht auf, es gehört aber doch in die Erinnerung. In einem Einkaufszentrum kann man nicht flanieren.

An einer Hauswand erinnere ich ein Namensschild, das jetzt nicht mehr da ist. Über viele Jahre habe ich mich gefragt, ob die Sängerin, die Musikstunden angeboten hatte, noch aktiv war. Sie ist mit 100 Jahren 1993 gestorben. Noch viele Jahre danach habe ich das Schild gesehen. https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_F/Firbas_Ella.xml Nicht, dass mich ihre Biographie interessiert hätte, aber über das Namensschild habe ich meine Bewegungen in diesem Bezirk, an dieser Straße über Jahrzehnte verfolgt. Vieles setzt sich so zusammen, dass ein Bild entsteht, das aber kein Mosaik ist, sondern eine Montage aus all dem, was zum wirklichen Leben gehört – weil eben die Kriege, Grausamkeiten und Blödheiten nicht dazu gehören, sondern auf der andern Seite sich verdichten. Gestern habe ich eine Ausstellung im Jüdischen Museum zum „Frieden“ gesehen, nicht besonders gut, didaktisch, aber doch klar: es ist nicht die andere Seite des Kriegs (Jüdisches Museum Wien, „Frieden“, 6.11.2023, 18.30). Durch den Krieg kann man nicht flanieren.

Den Frieden muss man (sich) immer wieder herstellen, um den Krieg ertragen zu können, sich ihm nicht zu unterwerfen.

*

Es ist nicht einfach, in diesen Tagen den Kopf für das Alltägliche, für die eigenen Texte und Überlegungen, freizubekommen. Aber sich dem Schrecken „hinzugeben“, wäre falsch, ist noch gefährlicher, weil es eine Scheinhaltung ist. Wenn wir im Krieg sind, aber nicht Kriegspartei, nicht kämpfen und töten und getötet werden, so spielen wir das doch nicht – wie es manche dann doch nicht unterlassen zu spielen, obwohl es keine Folgen hat, was sie denken und sagen.

Ingeborg Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“ beginnt mit den Sätzen

„Es kommen härtere Tage. / Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont.“

Wenn das so ist, dann stellen wir uns darauf ein.

Wir haben uns auf keine unüberwindbaren Klippen eingestellt, als vor dreißig Jahren scheinbar der erhoffte Frieden ausgebrochen war, angebrochen war. Es gibt gute Gründe, den Vertretern des nächsten ehernen Zeitalters nicht auch noch unser formbares Gewissen zu überantworten.

Immerhin, es kommen Tage.