Oz, Berest, vorgestern und heute

Autobio Biofiction Biojüdisch

Zwei Bücher haben mich animiert, biographische und jüdisch-israelische Themen zu verbinden. Keine Rezension, allerdings, sondern Wirkungsgeschichte und ihre Folgen.

(Oz 2016, Berest 2023) :Amos Oz: Eine Geschichte lon Liebe und Finsternis, Ffm 2016, Suhrkamp; Anne Berest: Die Postkarte. Berlin 2023, Berlin Verlag

Oz`Buch erscheint 2002, da ist er 53 Jahre alt, und der Schwerpunkt des Buches ist seine Familiengeschichte und seine Kindheit und Jugend. Da ich viele Bücher von ihm kenne und gelesen habe, ist sowohl die Retrospektive (alle Großeltern und ihre Geschichte, die Verwandtschaft) ebenso wichtig für mich wie der Einblick in die wirkliche Geschichte Israels vor und nach der Unabhängigkeit. Und die Tatsache, dass viele Textstellen heute zugerechnet werden können.

Anne Berest ist 1979 in Paris geboren, ihr Buch ist einer der autofiktionalen Romane, die die Biographie verdichten und auf die wirkliche Geschichte hin verdichten. Hier liegt eine Beziehung zu Oz`Kultur, und für den Leser ist es wichtig, auf beiden Ebenen beider Texte zugleich zu sein: einer jüdischen Familiengeschichte, incl. der Frage, was ist jüdisch?, und die Frage, was mich/jemanden an der Gesellschaftsgeschichte interessiert, warum und vor allem wie.

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Oz schreibt sein Buch mit 52, seine Lebensorte waren Jerusalem, Kibbuz Hulda und Arad, und er geht von seiner Kindheit aus, um die Geschichte seiner Großeltern und des Rests der Familie und näheren Bekannten zu rekonstruieren, oft mit genauen Details, aber nicht als Dokumentation, sondern es hat immer etwas zu tun mit seiner Lebensgeschichte und ihrer (ersten?) Revision, eingebettet in die Geschichte Israels, dessen Staatsanfänge er ja als Kind miterlebt. Er ist klug, frühreif, und agiert als Kind, mit und zwischen Vater und Mutter nicht nur wie Kinder agieren, sondern wie er selbst mehr als 30 Jahre später dies im Kontext von Familie, Gesellschaft bewertet. Von hier versteht man den Titel, und „Liebe und Finsternis“ sind keine übertriebenen oder pathetischen Worte, wobei die Finsternis tiefe Schatten auf die Liebe wirft, sie aber nicht auslöscht; umgekehrt kann die Liebe die Finsternis nicht aus dem wirklichen Leben vertreiben, wenn Oz genial die Beziehungen der Familienmitglieder und anderer Konstellationen beschreibt, aber nicht glättet. (Zur Geschichte des berühmten Onkel Joseph Klausners müsste ein eigener kritischer Artikel geschrieben werden, da bin ich noch nicht). Nicht parallel, sondern verbunden damit ist die Entstehung des Staates Israel, seinen Vorgeschichte in vielen Fächern der Familie, aber auch deren Vorgeschichte in einer Welt, von der wir heute keine Vorstellung mehr haben, und die Oz 2001 auch nur rekonstruieren kann.

Oz erklärt, als wäre es heute. Seine Abwendung von den revisionistischen Zionisten und Menachem Begin ist beeindruckend gegenwärtig. Aber auch: es gibt natürlich keine eindimensionale Geschichte des Zionismus, und rechtslinks ist die zweifelhafte Dimension, ebenso wie Religion und Abstammung, Sepharden vs. Ashkenasim. Und das alles vor 25 Jahren, seine Geschichte geht also mehr als 50 Jahre zurück. Und er bleibt Zionist, und da kann die gegenwärtige Diskussion viel lernen, aber auch die Übernahme der Geschichte in all ihren Dimensionen, und nicht nur in den glättenden, opportunen (Vgl. Amos Oz – Wikipedia , die kurze Biographie lohnt wirklich).

So berühmt, vielfach geehrt und rezipiert, bedarf es keiner Metarezension. Sondern vielleicht einer Wahrnehmung, die sich an die Regel hält, sich als Leser mit dem Text und nicht mit dem Autor zu verbinden. (Oz S. 54ff.) Was mir unter anderem auffällt, sind viele Analogien der Verwandtschaft (inclusive der seltsam genauen Übereinstimmung von familiären Geburtsdaten der Großeltern und nahen Verwandten: S. 288: Familiendaten der Mutter Fania. Analog zu meiner Familie), aber keine der Biographie selbst, jedoch wiederum etliche der Reflexion auf diese Biographie, Jahrzehnte später. Die nachholende Festlegung von Wirklichkeit, die man nachträglich ohnedies nicht ändern kann, ist beeindruckend, wenn es um wirklich tragische persönliche Ereignisse geht, aber auch positive Zustände in einer komplexen Situation. Mich fasziniert auch die Erzählung der Familiengeschichte in zweiter und dritter Dimension, etwa von seiner Tante Sonja, der Schwester seiner Mutter. Die Verbindung zur Politik wird früh sichtbar, als gäbe es keine nichtpolitische Herkunftsgeschichte, und das wird später aufgegriffen: (z.B. 314 f. Nationalismus der Jugendlichen damals. Wichtig „Das hatte sehr, sehr viel Ähnlichkeit mit dem, was man heute hier bei den Palästinensern erlebt, nur ohne das Blutvergießen, das sie anrichten. Bei den Juden sieht man heute kaum noch solches Nationalbewusstsein“. (Erzählt Tante Sonja über Rowno, ihre Herkunft – 20er 30er Jahre)). Aber all das ist von einem überragenden Autor komponiert, so dass man unterhalb der bewussten Ereignisse Einblick in die Existenz der Betroffenen hat, die immer beides ist: persönlich und gesellschaftlich).

Hier kann ich eine Brücke auch zur Lektüre von Berest einrichten, für die es ja Hier kann ich eine Brücke auch zur Lektüre von Berest einrichten, für die es ja weitgehend um einige Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geht, als rekonstruierter Rückblick, und vielfach hat ihre Mutter die Rolle von Oz‘ Tante Sonja. Für mich als Leser ist einer Unterschiede, dass ich bei Berest keine Vergleiche mit meiner Biographie anstellen kann (außer in der Frage, was eigentlich ist, wenn man „Jude ist“), während die Differenz zu Oz‘ Biographie sich ja wie ein alternative Text, wie eine andere Melodie liest und man schon seine Interessen an seiner Geschichte bei sich überprüfen muss. Und eine wichtige Frage: was wissen WIR von Israel, auch was wissen WIR von Frankreich, wirklich? Und wieweit glätten wir, was wir wissen, um unserer Anschauung willen, um der Wahrheit, nicht der Wirklichkeit willen?

Sein Buch ist natürlich nicht nur die Geschichte der Kindheit und Jugend, vom 50jährigen erzählt und reflektiert und nach weiteren 25 Jahren gelesen und kommentiert. Aber diese Geschichte muss sein. Ergänzt durch Berest, aber Oz nimmt mich retro auf, in Arad, dann sprechen wir über die Kindheit und ihre Politik und dass es nicht möglich ist, irgendetwas aus dem Kontext „wieder gut zu machen“, so gut wie nichts.

Am Freitag 23.5.2025 äußerte sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Gegenüber der „Kronen Zeitung“ sagte er, dass zwischen einer „unverrückbaren Haltung zum Staat Israel“ und der Kritik an der aktuellen Regierung des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu „speziell im Fall Gaza“ unterschieden werden müsse. (ORF 23.5.2025). Es ist erstaunlich, wieviel Oz vorhergesehen hatte, und wie er manche seiner Positionen im Lauf seines Lebens und seiner Reflexionen änderte oder korrigierte, aber immer seiner politischen Ethik und Kritik treu blieb. Vielleicht ist es das, was mich zum zweiten Mal und ausführlich diesem Buch von Oz zugetrieben hatte. Ich habe gelernt und korrigiert. Zum Beispiel die Lektüre von Samuel Agnon. Und da treffe ich mich mit der jugendlichen Selbstdarstellung des Oz: die kann man als Erwachsener zurücknehmen…

Und zur heutigen Debatte über das Verhältnis Israels zu Deutschland, zum Reparationsabkommen zwischen Adenauer und Ben Gurion. Es wird zwar dauernd zitiert, aber es fehlt etwas – dass Israel die Zusammensetzung der deutschen Regierung, Justiz unter den Umständen deutscher Reparationen akzeptiert. Das sagt in Deutschland heute niemand in der Politik, obwohl wir alles wissen könne, zu Globke (Adenauers rechte Hand), und vgl. Stein/Zimmermann, ZEIT 8.5.2025). Dazu S. 807f. bei Oz.

Und wir können nicht anders als die Beziehung zu Israel, die Wertung des Kabinetts Netanjahu und seiner rechtsradikalen, zT. faschistischen und rechtsreligiösen Kabinettsmitglieder und Gefolgschaft auch mit den Kriterien zu messen, die Oz ein Leben lang in einem Korridor von Wertungen entwickelt und vertreten hat. (Nur Zyniker können dem vorwerfen, man würde Palästinenser bewusst ausklammern und verkleinern im Vergleich zur Kritik an Israels Regierung. Immer die Geschichte der Hamas zeitgleich mit der Geschichte Israels im richtigen Kontext bemessen(.

Ich empfehle beide, Oz und Berest.

Für meine Freunde in Israel

Wir wittern Wetter, wetten…?

Es ist kein Zufall, dass alles, was mit der Witterung zusammenhängt, auch symbolisch in den Diskursen herumbrabbelt, wir wittern Verrat, Sturm aufs Kapitol, die sanfte Brise ist noch kein Resultat, dunkle Wolken ziehen sich über dem Staatschef zusammen….kennen und lesen wir. Der Kalauer zieht nicht, dass wir gerne Wetterinäre wären, und Blitz und Donner sind literarisch ausgelutscht. Wettermetaphern sind gang und gäbe, auch weil doch viele Menschen eine Vorstellung von Wetterfolgen haben, ob mit oder ohne Klimakontext. Aber so ganz literarisch ist das nicht.

Die sehr flache neue Regierung, der Kanzler heißt Merz und nicht Spätherbst, hat nichts wirklich konkretes mit dem Klima im Sinn, das vertrüge sich nicht mit Baubetonwut und Flächendemontage. Den Ökologen müsste das egal sein, denn der Kampf ums Klima kann sich nicht um die Mikrowellen einer Regierung Merz oder auch der größeren EU kümmern, wenn es ums Überleben geht. Soweit sind wir noch nicht, aber bald. Wenn Teile von Norddeutschland vertrocknen, versanden, hat das wenig mit Wetter, viel mit Klima zu tun. Wenn die Australier ertrinken, und viele in Norditalien, dann ist das andere Seite der Wirtschaftsmedaille. Das sollte man politisieren: es kann ja umweltgerechtes Wirtschaftswachstum geben, aber da müssten ganz andere Dinge gefördert werden als immer nur Autobahnen und Straßen. Nun sagen die Populisten, das sei alles ok, aber das Volk müsse dem zustimmen, man müsse es überzeugen, sonst hülfe alles nichts. Scheint logisch, ist aber Unsinn. Wie oft musste die Wahrheit gegen die abgebaute Wirklichkeit von gestern durchgesetzt werden, um selbst wirklich zu sein für morgen. Aber das wissen wir ja. Bleiben wir bei den Metaphern.

Bevor die neue Regierung, naja Regierung, Merz rankam, hatte ich vor prophetischen Urteilen gewarnt. Wartet ab, was sie machen, dann kritisiert. Nicht umgekehrt. Jetzt sind sie dran, jetzt kann und darf man, soll man als Opposition, Kritik üben. Die fällt schon mal klein aus, weil ja nur wenig strukturiertes aus der Regierung kommt, außer dem rechtslastigen Abschotten gegen echte Menschen an den Grenzen (auch außerhalb Europas, Verrat an den Afghaninnen und Afghanen, das ist hart an der Grenze zum Faschismus).

Wenn ein Mensch wettert, schimpft. Die Witterung führt uns zum Wittern, man ahnt schon, bevor etwas kommt. Mach keinen Wind! sagen sie in der Diskussion. Mein Spiel wäre, einmal alle Politik nur in Wettermetaphern zu diskutieren, und erstaunlich wird sein, wieviel da geht. Das alles geht natürlich nicht ins Zentrum der politischen Kritik, da kann und muss man ohne solche Metaphern auskommen. Dann wirds aber hart….Die Wettermetaphern mildern irgendwie die Auseinandersetzungen, sie haben etwas langzeitlich Kultiviertes, gleich donnert es, sagt man so, aber wenn es wirklich donnert, ist das schon anders als bei einer Rede von… na, mit welchem Gewitter wollt ihr wen verbinden, mit welcher Windstille, mit welcher Dämmerung? Das ist ja das Spiel, die ganze Politik einzupacken in solche Beschreibungen – und was sich die meisten darunter vorstellen.

Wenn wir jetzt anfangen dürfen, können, müssen, auch sehr naheliegende Kritik zu üben, dann können wir ja einmal versuchen, im Reich der Witterung zu versuchen, was wir dann vom Rednerpult der Politik wirklich loslassen. Es regnet, nehmt eure Schirme. Morgen wirds wieder ernst, da friert es dann beim Lesen.

Trocken – Hirn und Wetter und Emotion

Wie schön der wolkenlose Himmel, seit Wochen die meisten Tage, kurz von ein paar Tropfen unterbrochen, blauer Himmel, trocken fördernder Wind, das Wasser wird knapp, in den Flüssen und im Badezimmer. Die Politik zögert, sie will die Konsumenten, Rechtsradikalen, Autowäscher und andere Liquidatoren nicht verprellen…eher: wartet ab, bis wir Erlasse vorgeben. Trocken wird der Sommer, und Schellnhuber und andere gute Klimatologen haben recht: die Versteppung schreitet voran. (Das merkt man bei genauem Hinsehen natürlich seit längerem, und auch in diesem Jahr in den großen Parks und den trockenen Wäldern rund um Potsdam…obwohl Wetter und Klima nicht dasselbe sind.

Wenn das Hirn austrocknet, gibt es auch keine guten Ergebnisse. Wasser ist übrigens auch notwendig für den Körper, aber nicht nur. Hirnbewegung kann das Überleben sichern, oder es gefährden. Je nachdem. Ob das Hirn verdorrt, ist gar nicht so trivial, vor allem das kollektive Denken, aber auch bei den Einzelnen. Das ist Metapher und Wirklichkeit. Oder anders gesagt: viele von uns wissen, dass man bestimmte Handlungen oder kritische Beurteilungen machen müsste, aber mit vielen sozialen und kulturellen, oft auch ökonomischen Begründungen tun sie es nicht, weil sie sich gesellschaftlich und privat ausgegrenzt oder gefährdet fühlen. Fühlen, auch wenn sie es nicht sind. Und wenn sie es sind, wie kann man sich gesellschaftlich und politisch wehren? All das spielt sich im Hirn und in den Emotionen zugleich und komplex ab, und wir müssen beim Denken ja nicht immer an den physiopsychischen Prozess denken, wenn wir darüber nachdenken, was wirklich wichtig ist und was nicht. Wir können das Phänomen der Trockenheit und des Widerstands dagegen ja als Beispiel nehmen. Dazu gehört unter anderem sich einzugestehen, dass der Alltagsverstand nicht mit dem Wissen gleichzusetzen ist, man muss lernen, was z.B. in meiner Jugend noch gar nicht präsent war: den humanen Untergang durch Klimawandel antizipieren. Lernen nicht nur im Bildungssystem, sondern überall, und das ist mehr als Weiterbildung oder Pädagogik: das ist die kritische Bildung, die eine Gesellschaft zusammenhält – oder spaltet. Wie zwei Hirnhälften.

Dass das nicht nur rational und intellektuell geht, versteht man leicht. Wenn der Krieg oder das Gewinnstreben, wenn der Neid oder die Herrschaft, die Rationalität verlassen (etwa durch Religion oder Ideologie oder einfach Machterhalt), dann kann man nicht einfach nur vernünftig dagegen argumentieren, man sollte es schon glaubwürdig tun, und dazu zählen Körper und Psyche. Zur faschistischen Ideologie gehört übrigens, dass sie den Bedürfnissen nach Nahrung, Wohlstand und Freiheit eben die Einschränkung von Körper und Geist durch Nationalismus und Unterordnung, aber eben auch „populistisch“ und damit irrational begegnen.

(Nebensatz: ich schätze Heribert Prantl von der SZ in vieler Hinsicht seit langem sehr, aber ich widerspreche seiner Ansicht, man könne der Irrationalität mit immer mehr vernünftigen Argumenten entgegentreten. Das Irrationale lässt sich nicht überzeugen außer durch eine Gegenpraxis, nicht -Theorie).

Politik ist vielfach „Struktur“, aber immer sind Personen und Machtgruppen dahinter, trivial. Wer Faschist, Demokrat, tyrannisch oder human ist, bleibt letztlich auch an der Person und nicht nur an der Struktur zwischen den Personen hängen. Ja, trivial und uns bewusst. Uns, nicht unbedingt den Diktatoren und ihren Unterlingen, nicht unbedingt den Faschisten bzw. ihren Ideologen )nicht alle Anhänger des antidemokratischen Faschismus sind selbst Faschisten, das ist komplizierter).

Dieses kurze Essay soll euch, werte Leserin und werter Leser, nur erklären, warum ich mit der Herausgabe einer These nach der anderen zögere, warum ich die Analysen und das Nachdenken über die Zwischenräume vorziehe, bis ich – mache ich ja – wieder ein Statement hinschreibe )nur nichts zurücknehmen, selbst Irrtümer soll man erklären können, wenn man sie erkannt hat).

Morgen rede ich über das Wetter. Dann kommt bald wieder ein größerer Essay zum Faschismus. Für heute klarer blauer Himmel.

Faschismus in Lauerstellung

Ja, da freuen wir uns alle über Rumänien; da sind die Faschisten in Portugal auch noch unter der Machtstelle; da sind in den Demokratien die Faschisten fast überall an zweiter Stelle, auch wenn sie noch nicht mitregieren, und wo sie regieren, merken wir das. Ob es Merz bei seiner Annäherung an Meloni gemerkt hat?

Faschismus ist nicht so einfach und schon gar nicht einheitlich. Aber Ungarn und die Slowakei und Kroatien und Belgien und die Niederlande und und und…wir trauen uns nur (noch) nicht auszusprechen, was die Wirklichkeit ist: dass das sogenannte Volk, nicht einfach der Pöbel, nein das sogenannte Volk vielerorts mehrheitlich anstrebt: das Ende der freien Selbstverantwortung, also den Abbau von Demokratie, und sei es in freien Wahlen.

Die Diktatoren Putin und Trump, ich wiederhole es, sind keine Faschisten, sie sind Diktatoren. Ihre Handlanger, innen-politisch und weltweit, sind oft Faschisten, und daher von den Diktatoren leicht steuerbar. (Wer den Vergleich von Trumputin nicht mag, soll sagen, was an den USA in der Weltpolitik „westlich“ im herkömmlichen Sinn ist, und worin sich die beiden Diktatoren wirklich unterscheiden, außer dass Trump die gewichtigere Atommacht anführt, und Putin deshalb eher Abscheu auf sich zieht). Dass Trump kein Verbündeter ist, obwohl wir die USA schätzen („irgendwie“), ist analog zur Tatsache, dass wir Israel sehr mögen und Netanjahu dennoch faschistisch das Judentum angreift und beschädigt, dass wir doch nicht gegen die Slawen sind, weil wir für die Ukraine eintreten etc. Ein BILDUNGSFEHLER ist die Schwäche, zwischen Staaten, Kulturen, Nationen und Regierungen zu unterscheiden.

Zurück zum Faschismus. Außenpolitisch kann Faschismus viele Positionen einnehmen, wenn sie nur seiner innenpolitischen Führerschaft dienen. Das ist mit den Prinzipien des Faschismus durchaus vereinbar, weshalb ein schwarzweiß-Umgang sich nicht anbietet. Wie man ja täglich sieht: Türkei in der NATO, Ungarn, Slowakei, Kroatien, die Niederlande etc. Vorsicht ist auch geboten, weil Faschismen sich auch gegeneinander stellen können, manche verbünden sich dann mit Demokratien, die sie eigentlich ablehnen, um gegen eine andere Faschismusvariante anzutreten.

Darüber sollen wir, können wir, müssen wir ausführlich und nicht nur politisch diskutieren. Es geht da nicht nur um „Politik“, es geht um Kultur, um Zukunftsperspektiven, um soziale Grundsicherung, um Alltagsüberleben. Warum soll man Kinder im Faschismus zeugen, wenn schon die Demokratie keine wirklichen Perspektiven bietet?

Auch Demokratien, z.B. Deutschland, verfolgen eine nicht empathischen Ausländerfeindschaft, mit vielen Rechtfertigungen, die teilweise völkisch, teilweise kurzsichtig sind. Dabei gibt es ja in Deutschland kaum mehr Deutsche mit einem rassisch akzeptablen Hintergrund….kaum mehr? Lernt doch Demographie, was 25% Einwohner bedeuten.

Das alles bedeutet nicht, dass wir uns neutral und vorsichtig mit dem in- und ausländischen Verhalten von Gruppen und Menschen abfinden müssen. Ich könnte das Beispiel der antisemitischen Demonstrationen und Propaganda als Beispiel nennen, oder die Bevorzugung bzw. Benachteiligung bestimmter Kulturen, die immer politisch sind, sowie Politik immer auch eine kulturelle und soziale Seite hat. Wenn man die antiisraelischen und/oder antisemitischen Positionen auch nur einfach analysiert, sieht man sofort die Verbindung nicht zusammen passender Muster von Fremdenfeindlichkeit, Religion, kultureller Sozialisation und alltäglichem Selbstbezug. Religion ist dabei eine gefährliche Brücke, weil der interreligiöse Trialog z.B. bei uns nichts zu tun hat mit der Sozialisation ganzer Generationen von Antisemitismus, und antimuslimischen und antimuslimischen Gegenmotiven, die allesamt nicht auf Humanismus und einer vernünftigen Integrationspolitik beruhen. Religion ist, selbst bei gutgemeinten Aktionen, ein gefährlich sensibles Pflaster, so wie auch Kultur und Sozialpolitik. Ach ja, sagt ihr, da komme ich aber nicht zu spät drauf, es gibt doch n+1 NGOs und gute humanitäre Aktionen….ja, schon, aber zu wenige. Und zu wenig Bildung und Empathie bei der Mehrzahl der von Verlust ihrer Lebenszufriedenheit bedrohten Mehrheit.

Seltsam und hoffnungsvoll: wir können doch handeln, jede(r) von uns, wenn wir beides sind: politisch und am Thema, wie oben. Nur keine Realpolitik.

Explosiv für Kopf und Gefühl: Illouz

Ich schreibe ja wenig Rezensionen, und schon gar nicht in der Kette der Kritik der Kritik. Manchmal empfehle ich Texte, und dann ist es mehr mein Verhältnis zum Text, eigentlich nie zu Autorin oder Autor.

Ich habe in den letzten Monaten das letzte große Buch von Eva Illouz gelesen, „Explosive Moderne„(Suhrkamp 2024), weil ich die Autorin seit Anbeginn sehr schätze und weil mich ihre ständigen Zwischentexte interessieren. „Warum Liebe wehtut“, „Warum Liebe endet“ sind frühe Titel. Sie beschäftigt sich auch sehr mit ihren beiden Ländern Israel und Frankreich. Hilfreich, oft positivistisch und/oder an Pierre Bourdieu orientiert, mit einer unglaublich breiten Fülle an eingefügten passenden Zitaten mehrerer wissenschaftlicher Kulturen. Alsdo für mich erstklassig.

Immer wieder, und jetzt besonders hebt sie hervor, dass die Beobachtung, Bewertung und Kritik der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht „einfach“ intellektuell erfolgen kann und soll, sondern dass der emotionale Hinter- und Untergrund von Denken und Handeln in den Vordergrund gehört, so wie eben der Mensch ohne Körper (und also ohne Gefühl) nicht erklärt werden kann.

In ihrem neuen Buch hat mich fasziniert, in welche Details und Verästelungen sie bestimmte Emotionen aufdeckt und ausdeutet, am meisten ZORN und NEID. Das würden wir im allgemeinen als wichtig akzeptieren, aber die Konsequenzen aus diesen Gefühlen sind schon beachtlich, und was produktiv aus den negativen Emotionen auch noch gewonnen werden kann, ist in der Kommunikation, der Politik und dem Alltagsleben nicht unerheblich. Und mich freut natürlich, dass sie ihre Quellen nie nur in der Wissenschaft und aus ihr bezieht, sondern stark aus der Literatur, z.B. Flaubert u.a. So kann man zeitgenössisch für schwierige Wissenschaft interessieren und begeistern.

Diese Enzyklopädie der Kritik der Gefühle und ihrer gesellschaftlichen Folgen hat ihre besonderen Stärken (Neid, Zorn, Furcht), auch flachere Abschnitte )Scham, Stolz, Eifersucht) und eine wichtige Coda (S. 355). Hier wird beispielhaft zB. eine kritische Weiterentwicklung der Psychoanalyse dargestellt (Verleugnung von Realität, positiv als Selbstschutz, negativ, wenn sie soziale und politische Formen (annimmt), und unsere emotionalen Reaktionen auf die Welt (blockieren)“ (363). Hier faszinieren mich zwei Beispiele: dass Illouz immer auch Literatur heranzieht und nicht nur Wissenschaft, Ishiguro und Freud zB., ist faszinierend. Und dass sie immer wieder Kritik an der Bewusstseinsverdrehung in Israel präzise darstellt (364), eneso wie Russland u.a.

Viel Respekt und die Empfehlung, sich der verwendeten und zitierten Literatur im Recherchefall auch anzunehmen.

Jüdisch versus Israel?!(!)

Fangen wir einfach an: „Wissenschaftler bekennen sich zu Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus: „Antwort auf die Mängel““ (FR 16.5.2025). Es liegt schon lange in der Luft bzw. in den Diskursen, jetzt geht die FR einen Schritt weiter. Sie veröffentlicht eine Stellungnahme für die Jerusalemer Erklärung JDA, gegen die ältere IHRA Stellungahme. Ich gehe jetzt nicht wieder einmal auf die Unterschiede zwischen beiden Resolutionen ein, beide verweisen auf die schwierige Überlagerung von Israel durch das Judentum. Ich gehe auch nicht darauf ein, dass viele Regierungen und Politiker eher die IHRA unterstützen, zum Teil autoritär, und dass die meisten Intellektuellen und WissenschaftlerInnen )die meisten, nicht alle) eher zur JDA neigen. Mir geht es um etwas anderes.

Fangen wir nochmal an. Amos OZ hat 2002 seine gewaltige autobiographisch-essayistische „Geschichte von Liebe und Finsternis“ geschrieben, viele Auflagen und Übersetzungen. Auf den ersten 100+ Seiten (von mehr als 800) beschreibt Oz seine Kindheit und vor allem die Begegnung mit Joseph Klausner, dem Onkel. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Klausner). Schon hier erfährt man viel über die Richtungen des Zionismus, und man wird über Klausners philosophische, literarische und politische Karriere noch viel erfahren. Auch, dass es zwischen der intellektuellen Superiorität und einer national-liberalen Einstellung, incl. zu Menachem Begin, durchaus Brücken gab, ist spannend. Mir geht es aber darum, Klausner in der Vielfalt des Zionismus zu erkennen und darin, dass Amos, vor 25 Jahren schon, folgendes in seine damalige Geschichte einschreibt: “ In Vaters Jugendzeit stand an jeder Wand in Europa „Juden, ab nach Palästina„. Fünfzig Jahre später, als mein Vater Europa wieder besuchte, schrieb es von allen Wänden „Juden raus aus Palästina“. (S.113). Das war 2002. Und Oz klärt auch auf, warum und wie seine Familie sich damals zu Jabotinsky und Menachem Begin wandten (was man heute schwer versteht, aber verstehen muss, sonst ist es schwierig, über den wirklichen Zionismus der damaligen Zeit kein idealisiertes, sondern ein vielschichtiges Urteil zu haben. – Ich schreibe das hier, um zu zeigen, wieviel man wirklich an Geschichte wissen muss, um das heutige Judentum in Israel wenigstens teilweise zu verstehen – hier aus der Analyse des Zionismus. Es gibt noch mehr.

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Zurück zu den Manifesten: worüber sollen wir jüdischen Menschen, wo auch immer wir sind, im Kontext Judent(tum) und Israel, uns auseinandersetzen? Es gibt viele Menschen, einige von ihnen sind Jüdinnen und Juden. Den Satz umzudrehen, ist entweder blöde oder faschistisch.

Es gibt viele Jüdinnen und Juden, die ein gespaltenes Verhältnis zu Israel haben: das Land, ja; die Regierung, nein. Die finale Heimat, ja. Eine Gesellschaft von Mehrheiten für Siedler, Faschisten und Ultrareligiöse eher nein, wenn man befürchten muss, dass eine Rückkehr zur Demokratie wenig wahrscheinlich ist.

Der ethnische Zusammenhalt erscheint umso enger, je kleiner und gefährdeter eine Ethnie ist – trivial, nachprüfbar. Aber die Konflikte innerhalb des Judentums, und je zeitnäher umso mehr, lassen sich nicht mit einer erpressten Außenverteidigung zudecken.

(Nebenaspekt: Hier zeigen sich Analogien zur Erscheinungsform der Palästinenser, aus ganz anderen Gründen als denen des Judentums).

Es gibt gute Gründe, warum sich Israel dagegen verwahrt, ins Meer getrieben und ausgelöscht zu werden. Netanjahu beschädigt diese Gründe erheblich, und wenn sie nicht ausreichen, wird Israel für Juden und Jüdinnen viel weniger erheblich sein. Keine gute Voraussicht. Aber wer weiß, Judentum ist auch ein Symbol und eine Hoffnung für Widerstand.

Soweit also, wenn es um „Juden“ geht, also den Stamm der Jüdinnen und Juden. Was aber bedeutet „jüdisch“? Da möchte ich strenger sein als die oberflächliche kulturelle Selbstbeschwichtigung. Jüdisch bedeutet nicht mehr und nicht weniger als jedes ethnisch-kulturelle, ethnisch-soziale und ökonomische Attribut, das als zentral für die eigene Zugehörigkeit, sozusagen die innere Heimat in der Hierarchie der Identitäten verstanden wird. „Verstanden“, das heißt nicht nur gefühlt, sondern durchdacht, abgewogen, für uns selbst geformt. Und hier gibt es Maßstäbe, historische, kulturelle, religiöse, lebenspraktische – und nicht alles, was hinter der Bezeichnung stehen kann, ist schon deshalb akzeptabel.

Was sicher Ärger macht, ist die Behauptung, dass jüdisch und faschistisch durchaus zusammengehen können, aber dann eben nicht das „Jüdische“ sind, das ich meine, wenn es um das Weiterleben, Überleben des Jüdischen und damit des Judentums geht. (Hier könnte ich scharfe Kritik an einebnenden Vermittlungen, sozusagen Judaism light, üben; mache ich aber nicht, lenkt ab). Aber Jüdisch kann auch mit ganz anderen Anschauungen, Kulturen etc. zusammengehen, im Übrigen ist deshalb der Jüdische Staat und nicht der Judenstaat die richtige Hoffnung gewesen, ist es hoffentlich weiterhin. Jüdisch ist an den Humanismus gebunden, und nicht an den Judaismus. Das ist eines der wichtigsten Kriterien, welche Position man einnimmt, z.B. zur Frage Antisemitismus, siehe oben.

Radikal extrem normal

Manche Medien und viele Klugosophen drücken ihre Begriffe immer mehr an den äußersten Rand, weil sie glauben, damit noch mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen und überhaupt für sich Deutlichkeit einfordern zu können. Rausrudern, das macht Eindruck. Zurückrudern…naja, da ist schon wieder die erste Strecke vergessen, und man will sich ja retten (lassen).

Also: Los gehts….sagt doch was ihr denkt, dass der Merz und andere sagen, wie ihr sagt, dass es anders besser wäre oder nicht. Jetzt haben wirs gehört, und ich bin dabei.

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erste Wahrnehmung: wenn auch nichts wirklich besser bei der Wiederholung des Regierungsprogramms ist, so doch keine neuen Fehler. Also, Was wird kommentiert? Das wir nicht schon vorher gehört und gelesen haben.

Es wird insgesamt in Deutschland, Europa, vielleicht global, eine Rückwärtsschleife geben. Wie die aussieht, kann man teilweise konstruieren, teilweise ist sie aber unbekannt in Form und Auswirkung. Das bedeutet, dass Widerstand und Reaktion gelernt werden müssen. Material und Anschauung, beides ist in Fülle vorhanden. Widerstand – der sollte sich nicht so sehr auf den Lebensstandard beziehen als auf die entmenschlichte Flüchtlingspolitik, die sich nicht nur gegen die gesamte Spezies richtet, sondern zum Beispiel in Deutschland dazu führen wird, dass medizinische und soziale Versorgung zusammenbricht. Man wünscht nicht nur der AfD Hunger und Verrottung, leider sind noch mehr PolitikerInnen am Ausländerhass und an der Asyldestruktion beteiligt. Geht mal zurück in die 20er Jahre und die Zeit nach 1930 im letzten Jahrhundert…

Natürlich könnte Merz und seine Regierung hier wenigstens kleine Schritte tun. Das kann aus der humanistischen und zivilisierten Gesellschaft gegen die Politik aufgebracht werden, deren falsches Ziel ja die Trennung von Politik und Ökonomie ist. Leider kann uns da die Linkspartei nicht viel Unterstützung liefern, eher die Grünen. Aber mir geht es um die Zivilgesellschaft vor allem. Da kann man auch mal schärfer argumentieren. Vgl. auch https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/merz-bundestag-ukraine-bundeswehr-regierungserklaerung-e320045/?sc_src=email_4270972&sc_lid=410690635&sc_uid=e0yncBQNf7&sc_llid=104443&utm_medium=email&utm_source=emarsys&utm_campaign=SZ_am_Morgen_150525&sc_eh=

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Die ernstgemeinten Kommentare und Kritik an der Regierung werden zunehmen und die Diskurse in und um die Demokratie werden zunehmen und die dauernde Fokussierung auf die Faschisten (AfD) werden abnehmen. Das reicht nicht. Neben der endlich notwendigen wirklichen Bildungsreform brauchen wir auch weniger Filter bei den Nachrichten über die Wirklichkeit. Das klingt abstrakt. Aber man sollte die Bürgerinnen und Bürger nicht mit der Wahrheit schonen und schon gar nicht mit der Wirklichkeit. Die Berichterstattung zu Herzog und Steinmeier ist so ein Beispiel. Ich führe das an, weil die Ursprungsgeschichte der Nachkriegsbeziehung zwischen der BRD und Israel ja im Detail zugänglich, und man in die (damalige) Vergangenheit bis in die 20er und 30er Jahre zurückgehen kann und was sich nach 1945 zwischen Adenauer und dem entstehenden jüdischen Staat abgespielt hatte, ist ja keine alleinige Fortschrittsgeschichte, sondern bis heute schwer beladen. Aber auch mit richtigen Elementen versehen. Und wo stehen wir heute?

Was hat das mit Merz und seinem Team zu tun? Doch viel: die müssen nicht nur nach vorne handeln, die müssen auch den Boden, auf dem sie stehen, erkunden und kennen, damit sie nicht schwanken und stolpern (am Beispiel oben: Merz und Netanjahu-Einladung). Und ich finde, man sollte den Diktator Trump von der dankeswürdigen US Nachkriegsgeschichte abtrennen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass praktische Dankbarkeit – nicht die Rhetorik – sich mit der Zeit ausdünnt, ausdünnen muss. Wenn mein symbolischer Vergleich „1984“ angewendet wird, US, Russland, China, dann ist schon die Frage, wie die Mittelmacht Deutschland das überlebt, durchsteht. Sich einer der Diktaturen anschmiegen bringt wenig. Gefährdet uns alle.

Warten heißt überholen

Bin gespannt, was die neue altmodische Regierung heute öffentlich macht. Wie gut, dass ich keine Kommentare korrigieren muss. Man wird schon merken, wohin sich die Außen- und Innenpolitik dreht, wie die Versäumnisse bei Migration und Ökologie umschrieben werden usw. Es kann auch alles ganz anders werden als erwartet, es kommt darauf an, wieviel Vernunft im Großhirn der Gesamtexekutive des viertmächtigsten Staates schon vor Pfingsten wurzelt und wächst. Und dann…ja, Ihr Eiligen, dann wird kommentiert. Morgen früh in den Medien werden die Wahrheiten der Wirklichkeit angepasst, und endlich darf man seine Meinung gefahrlos neu strukturieren…Schön, nur mehr ein paar Stunden zu warten. Bis dahin: ganz etwas anderes.

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Ich denke, dass es bald soweit ist: der blaue Himmel, die helle Sonne, die Trockenheit wird die Weltsicht erweitern, es ist nicht alles Krieg, und Völkerrecht, und Migration allein – das Wetter ordnet sich ins Klima ein. Hatte ich ja schon angesprochen. Aber es gibt da eine Dimension, die mich weiterhin interessiert: was verändert die Klimakrise an unserem Bewusstsein, jenseits der Umweltpolitik? Ich erinnere die Klimazyklen meiner Kindheit und Jugend. Was vor 70 Jahren war, war es besser und berechenbarer? Die Meteorologen belegen die positive Antwort. Aber wie war es wirklich? Heiße Tage, Gewitter, Regenphasen, Trockenheit – keine Dürre, Hochwasser – keine dauernden Überschwemmungen, das kann ich noch rekonstruieren. Aber auch unser Verhalten. Keine Ahnung vom Schaden der ungeschützten Sonnenbaderei (Verwandte sind daran schwer erkrankt, später allerdings…). Man brät in der Sonne, springt schnell in den See. der heute viel wärmer ist als damals. Ich erinnere ziemlich deutlich, dass Klima kein Thema war, nur Witterung. Insgesamt gehörte die Wirklichkeit der Witterung mehr zu unserem Alltag, war kein Gegenüber. Das hatte schon Auswirkungen, beim Bergsteigen oder Rudern im großen See. Das alles ist heute anders, siehe den Beginn des Absatzes. Und wenn es wirklich so trocken bleibt und weiter wird, wie stellt sich das Bewusstsein und die Lebensweise darauf ein? ich denke jetzt einmal nicht an Kleidung und Topfpflanzen und Autowäsche, sondern an die kollektive Verarbeitung dessen, was so nicht mehr wirklich gilt: Jahreszeiten, Merksprüche zum Wetter, Erinnerungen – bei mir eher an extreme alpine Hochwasser, an Gewitter, an Schnürlregen, – ich sehe im Fernsehen, wie niedrig heute die Wasserspiegel von Donau und Rhein sind, wie die Gletscher verschwinden, alles Details einer Veränderung, die vielleicht unsere Gattung mehr beeinflusst als wir wahrhaben (wollen). Das ist übrigens ein Grund, warum die deutsche Regierung, auch die österreichische, die Klimaziele abbaut. Sie zeigen schon, dass der Vertrocknung der humanen Gattung ohnehin nur mehr wenig entgegengesetzt werden kann, also lasst uns fröhlich leben, kämpfen, Coupons schnipseln und Umwelt fingieren. Liebe Leserinnen und Leser, lacht nicht über das Evidente. Ich habe ja schon zum Widerstand geschrieben, in den letzten Blogs. Aber ich denke, wichtig ist auch unsere Bewusstheit der klimatischen Umstände vor der Politisierung erst einmal wahrzunehmen. Seltsam, ich leide unter dem Verlust von Insekten, unter der Wolfsmörderei, unter dem Verschwinden von Vogelarten, unter der Gewöhnung an die neue, schwere Luft der sich verändernden Umwelt, ich leide darunter, aber es ist kein diskursives Leiden, und viel Umweltliteratur ist mir zu romantisch oder positivistisch.

Na gut, mit diesen Gedanken werde ich mir heute Merz und Konsorten anhören. Und wie sie meinen, dass wir leben sollen, wird ein Maßstab sein. Keine Kritik vorziehen, bevor wir wissen, was hinter dem Vorhang ausgeheckt wurde. Die Rechtsradikalen im Kabinett haben schon ihre Lafetten neu orientiert, aber sie herrschen noch nicht allein. Manchmal kann man auf Vernunftzuwachs und die Aufgaben der Exekutive vertrauen, bis wir belehrt werden.

Schön ist es, bleibt es nicht

Die letzten Tage: kühle Frühlingstage, meist wolkenloser Himmel, kaum Wind, stundenlang Sonne. So herrlich Anfang Mai, man vergisst März und Merz, man kann auch von erfülltem Lenz sprechen. Oder auch nicht, ich kann das schöne Wetter, die langen sonnigen Tage, die fröhlichen Ausläufe mit dem Hund, den Blick über den Park sehr wohl genießen, und doch kaum ertragen. Seit Wochen kein Regen, die Meteorologen sagen, dass die Pflanzen jetzt schon aus ihrer Reserve leben, und es wird trocken im Sommer. Das Unglück des Klimawandels zeichnet sich ab, es wird politisch.

Natürlich, es wird politisch, weil diese Regierung nicht nur fremdenfeindlich ist, sondern auch naturfeindlich. Zur Freude der PKW Hersteller und Staubbürger. Ich bin zu alt um noch zu erleben, was die direkten Folgen dieser Politik und damit des Klimawandels sein werden, die Vorboten können wir noch erleben und diskutieren. Aber wenn es 2,5° oder mehr hat, wie werden meine Kinder und Enkelinnen leben? Und die Mitverursachen werden zwar schon tot sein, aber nichts mehr davon wissen oder spüren.

Wenn wir uns politisch dagegen wehren, kann das wahrscheinlich nur mit gewalttätiger Konfrontation erfolgen, gegen die maximalen Energieverbraucher und Atmosphären-Verpester. Wissen wir. Die Säusler sagen, wir müssen das Volk mitnehmen, nur wenn die Leute überzeugt sind, tun sie etwas fürs Klima. Sie sollen nichts fürs Klima tun, sondern für das Überleben der Menschen. Das Klima kann auch für sich selbst sorgen, nur eben nicht für uns, solange wir noch auf der Erdoberfläche so herumleben wie wir das jetzt tun.

Das Nachtparkverbot am Ostufer des Attersees könnte erst der Anfang sein. Während mehr und mehr Gemeinden um den See überlegen, ebenfalls Parkflächen zu sperren, häufen sich auch an den umliegenden Seen im Salzkammergut Beschwerden. Dort sind illegale Camper vor allem in der Gemeinde Ebensee ein zunehmendes Problem. Ebensee ist mein Heimatort, die Nachricht ist korrekt.

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Alles Mögliche ist schön, und man soll es nicht verdüstern, wenn man es wahrnimmt. Vieles bleibt schön, Menschen vor allem, die einem näher stehen, und manchmal auch Natur, in die nicht ernsthaft eingegriffen wird, und ein Text oder Bild oder eine Tonfolge…Nicht alles Schöne bleibt schön, oder hinter der Schönheit lauert schon der Abgrund. Trivial, ich weiß. Aber wichtig. Im Fernsehen gibt es eine Menge Sendungen, die wirklich schöne Landschaften, Tier- und Pflanzenwelten zeigen, ja, wie Märchenerzählungen. Manchmal werden auch die ökologischen Gefährdungen angesprochen, aber selten die Abschiedsmelodie: Ihr werdet das so nicht mehr sehen. Es wir im letzten Rest von Gegenwart noch gezeigt, was eigentlich schon Vergangenheit ist (und was man früher vielleicht gemalt hätte oder beschrieben, aber in der Überzeugung, es bleibt).

Ist doch herrlich, nicht wahr? genügend Schnee? Zur richtigen Zeit? Wissen wir wir nicht zu sagen, d.h. ich weiß es, weil ich zur richtigen Zeit dort war.

Nach 50 Jahren kann man bestimmte Landschaften nicht wieder erkennen. Und was wird in zehn, fünfzig, hundert Jahren sein. Die Heuchler machen Jahrhundertsprünge und hoffen, dass DAZWISCHEN etwas richtiges geschieht.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen faschistischer bzw. faschistoider bzw. rechtslastiger Ausbreitung, auch einen zwischen anscheinend linker Sozialpolitik im Zentrum, und Umweltignoranz. Das ist meist keine Dummheit oder Unwissenheit oder Verantwortungslosigkeit, sondern die politische Einschätzung, wenn man die Feinde besiegt hätte, sei noch immer Zeit für die Umwelt. Dieses falsche Argument korreliert mit der empathielosen Flüchtlingsfeindschaft der christlichen und anderen Asylpolitiker bei uns und anderswo. Erstmal diese Menschen loswerden und dann ihre Creme de la Creme wieder einladen, so wie Trump die weißen Südafrikaner zu sich bittet, zur Verstärkung des rassistischen Rahmens für den Diktator.

Hirn und Praxen müssen wachsen

Wie zu erwarten, stehen immer schneller immer mehr Fragezeichen vor der Politik von Merz und Klingbeil, man traut ihnen und der sogenannten Koalition nicht viel zu, der Start war ein schlechtes Vorzeichen, und man hat, vorausschauend, schon die Sündenböcke. Derweil organisieren die rechtslastigen Schwergewichte Dobrindt und Jens Spahn den wirklichen Schwenk der Regierung von der demokratischen linken Mitte zu einer eher retrospektiven rechten Mitte. So oder so werden die Ränder und Überschneidungen mit der AfD eine große Rolle spielen, auch wenn, wie ich hoffe, die Faschisten nicht dauernd von den Medien bevorzugt werden, nur damit ja nicht das Gleichgewicht der Öffentlichen gestört wird. Und in der ZEIT präsentiert Anna Mayr einen gefährlichen Anstifter: Wer bremst, regiert. „Der Herausgeber der „Welt“, Ulf Poschardt, will das Land retten, indem er die linke Hegemonie zerbricht, die er in Staat und Kultur sieht. Unterwegs mit einem, der sich selbst keine Ruhe lässt.“ (ZEIT 19/2025). Eine miese Stimmung, nimmt man den Springeroiden ernst, nimmt man die Regierung ernst, nimmt man die Wirklichkeit ernst, vor allem wenn die globale Anarchie der Diktatoren Trump, Putin & Co. bis in unsere Innenpolitik durchleckt.

Und jetzt, wenn das alles richtig beschrieben ist, wird am Profil der Merzkaste und der EU gezweifelt, weil man denen ohnedies richtige Politik nicht zutraut. Stimmt der Zweifel, tritt die baldige Katastrophe ein, ohne vorausgesagt worden zu sein, und stimmt er nicht….egal, wenn kümmert die Prersse von gestern. Die Faschisten der AfD werden sich freuen.

NEIN; UMGEKEHRT MUSS GEDACHT WERDEN

Und nicht gleich das Ergebnis des Denkens – nicht viel mehr als Meinungen – herumposaunen. Wir wissen, – wissen, nicht ahnen oder stellen uns vor – wir wissen, dass die neue Koalition zweitrangig sich konstituiert hat, dass es mehr Ausbremser als Koordinatoren gibt, dass manches im Programm menschenfeindlich, ausländerfeindlich, asozial ist. Das wissen wir. Und? stört es die neue Regierung? falsch gefragt. Richtig wäre zu fordern: bevor die Regierung handelt, braucht sie mehr Wissen, Einsicht, Handlungsstrategie. Und das bekommt sie, wenn man sie – in toto – unterstützt, und – im konkreten Detail – kritisiert und alternative Vorschläge unterbreitet. Ja, WIR MÜSSEN DER REGIERUNG ERFOLG WÜNSCHEN – oder wollt ihr eine Koalition von Spahn und anderen mit der AfD? Natürlich sollen Wünsche grundiert werden, und da nicht zu erwarten ist, dass die lokalen Pfingstgottheiten in den nächsten Wochen das Bewusstsein und die Weltkenntnis der Merzoiden wirklich erleuchten, müssen WIR etwas zur Wirklichkeit sagen. Weil wir eine Demokratie sind, nicht obwohl, weil wir eine sind, müssen wir diese Regierung nicht einfach ertragen und hinnehmen, wir müssen sie sowohl kritisieren als auch stützen können. Revolution ist nix, Rücken zukehren auch nicht.

Ein gutes Beispiel heute: die Gesellschaft hat begonnen zu streiten, ob die Beamten endlich in die Arbeitsgesetzgebung einbezogen werden. (Berliner Morgenpost 11.5.2025 U.a.). Ein gar nicht so kleines Beispiel, aber eines, wo nicht nur die Interessenverbände und Lobbies aktiv werden können….Es gibt viele Beispiele. Ihr merkt schon, es geht mir um die Re-Politisierung des Alltags als Korrelat und Korrektur zu einer ungeliebten Regierung, deren Unterstützung natürlich ihren Preis hat. Natürlich, d.h. dazu muss die Demokratie nichts dazu erfinden, sie muss es nur anwenden (wie Die Linke bei der Kanzlerwahl – Chapeau!). Nur, wenn man diese Grundeinstellung hat, kann man mit Härte und Schärfe etwa die Umweltpolitik reaktivieren. Der Preis fürs Regierung muss hochgehalten werden, keine Rabatte. Nur dann kann die Mehrheit des Nichtpöbels und der Nerds akzeptieren, dass sich die Koordinaten des Wohlstands und der sozialen Absicherung verändern werden, dass das globale, also auch europäische, Kriegsgeschehen keine Vorwegnahme der Unterwerfung bedeutet.

Die Denkfähigkeit und die Praxis der neuen schwarz-roten Regierung müssen wachsen; sie müssen, nicht nur sie sollen. Dabei können sie von intelligenten BürgerInnen und Bürgern unterstützt werden – und von einer gewissen patriotischen Loyalität, die, siehe oben, eine Regierung nicht mögen muss, aber in der Demokratie akzeptieren sollte, angesichts der faschistischen und rechtslinkspopulistischen Alternativen. Und, was konfliktträchtig ist, wir sollten uns gegen die rechtsradikalen Rhetoriker wehren, die eine links-elitäre Kultur unterstellen und diese beseitigen wollen, zugunsten der rechten Volkskultur – was die Attacken auf die demokratischen Regierungen oft übersehen: es bräuchte keine Regierung, wenn das Volk tatsächlich als ganzes regierte. Gemeint von den Rechten ist gar nicht das Volk, sondern nationalistische Eliten, die den Pöbel zusammenfassen, damit endlich Deutsch wieder über und gegen die Menschen herrscht.