Dienst vor Asche.

Nachdem ich euch mit Fasching politisch und Carneval kulturell geärgert habe, was ihr ja anhand des Fetzenzugs unfeierlich angenommen habt, Hauptsache, die hochgeworfenen Beine waren nicht lustig, setzt heute Abend wieder der Alltag ein, ernsthaft und weitläufig.

Dienstag, eigentlich nicht mehr Faschings-D., hat mit Dienst nichts zu tun. Tiu ist der Namenspatron: „The English name is derived from Middle English Tewesday, from Old English Tiwesdæg meaning „Tīw’s Day“, the day of Tiw or Týr, the god of single combat, law, and justice in Norse mythology. Tiw was equated with Mars in the interpretatio germanica, and the name of the day is a translation of Latin dies Martis.“https://en.wikipedia.org/wiki/Tuesday

Aber auch „Der Dienstag ist ein sehr agiler Tag, an dem wir auch Dinge in Angriff nehmen können, vor denen wir sonst vielleicht zurückschrecken, die wir ewig vor uns herschieben“ (https://mein.yoga-vidya.de/profiles/blogs/ die-urspr-ngliche-bedeutung-der-wochentage-dienstag-marstag-tag).

Das alles ist mir eigentlich egal. Fasching ist vorbei, die Kirchen bereiten uns schon auf die Fastenzeit vor. Ich bleibe beim Dienst, einen Augenblick lang: wir haben doch tage- und wochenlang Dienst an der Freude, am Trinken, am Wegschauen und am Hinschauen geübt, das muss ein Ende haben. Wir haben unseren körperlichen und geistigen Extremen gedient, Tag und Nacht getanzt, und manche Witze haben den Abend überlebt. Der Opernball hat Wien zur Hauptstadt der Halbwelt gemacht, und so lustig wear die Welt, dass die Wirklichkeit sich bei den Säuerlingen verborgen hatte. Äh, was erzähle ich da? nur, was ich beobachte und seit Jahrzehnten kenne. Aber es war nicht so lustig wie früher, sagen selbst die Kölner und Mainzer oder die Düsseldorfer. Warum? Wir Älteren wissen, das wurde jedes Jahr gesagt. Geändert hat sich die Lust im Lustigsein. Dafür schreibt bestimmt mindestens eine Philosophin ein Essay.

Ö24 sagt, der Fetzenzug findet am Rosenmontag statt. Nach meiner Erinnerung haben nur Touristen diesen Montag jemals so geflüstert. Die Absetzung von Ö24 ist angesagt. Auch ein Reiseführer spricht vom Rosenmontag. https://www.nachrichten.at/oberoesterreich/salzkammergut/fotogalerie-impressionen-vom-fetzenzug-in-ebensee;art71,4139390

Jetzt aber wird es ernst, also lustig: https://traunsee-almtal.salzkammergut.at/ebensee/artikel/detail/1327/der-fasching-in-ebensee.html
„Der Faschingsdienstag in Ebensee ist ein Höhepunkt der Faschingsveranstaltungen, der von der UNESCO in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Am Faschingsdienstag wird der Fetzenzug gefeiert, bei dem die närrische Gesellschaft mit alten Lumpen, bunten Fetzen und Holzmasken verkleidet ist und humorvoll über Politiker, Kollegen und Nachbarn gespottet. Der Faschingsdienstag beginnt um 15 Uhr beim Gasthaus Neuhütte in Ebensee.“

Sucht weiter…bitte nicht weitersagen. Irgendwann, Dienstag um 23.59 Uhr, ist der Fasching vorbei und der Aschermittwoch beginnt in einer Minute. Niemand jault, aber die religiösen Sendungen in den Rundfunkeln haben schon Voraussicht geübt. Es lohnt, die Details zu lesen, zB. https://de.euronews.com/2026/02/17/beginn-der-fastenzeit-warum-christen-den-aschermittwoch-feiern . Warum? bedeutet nicht Wozu. Nur so nebenbei. Jedenfalls freuen sich die Meisten auf Ostern O *. Während dieser Freude kann man wieder auf die Umwelt, die Kriege, die Gefahren achten. Der „politische Aschermittwoch“ ist eine Verdopplung, er war immer politisch. Und in Bayern besonders. https://www.bing.com/news/search?q=politischer+aschermittwoch+2026&FORM=EWRE

Ich denke mir das alles, weil natürlich viele Bräuche und verinnerlichte Verhaltensweisen bei vielen Menschen weiter verloren gegangen sind, ohne dass es vor dem Verlust besser gewesen wäre, – nur anders. Und die Erinnerungen an diese andere Zeit sind gar nicht so sinnlos. In der Politik hat sich ja auch etwas geändert. Das kann man jetzt wieder genauer bedenken, hungrig.

USA ohne Grund

Ich werde nicht mehr in die USA reisen, jedenfalls nicht, solange Trump oder ein Trumpist an der Macht ist. Die allgemeinen Gründe für so eine Entscheidung sind bekannt, Amerika entwickelt sich zu einem partiellen Unrechtsstaat, der von einem senilen Hypernarzissten regiert wird. Ich möchte nicht auf dem Donald Trump Airport in Washington DC landen, durch den Arc de Trump in die Stadt fahren und später in New York am Donald-Trump-Bahnhof ankommen. Ich bin ein großer Freund skurriler Dinge, ich habe den Herausgeberrat der SZ 15 Jahre lang ausgehalten, ich lese Ezra Pound und Ernst Bloch. Aber weil ich jenen nicht unbedeutenden Teil Amerikas, der Trump gewählt hat und bis heute unterstützt, für zutiefst disreputable halte, werde ich die Canyonlands, Seattle und Sante Fe nicht mehr sehen. (Kurt Kister, SZ 13.2.2016)

Viele werden nicht mehr in die USA fahren, nicht zum Studium, nicht auf Urlaub, nicht zu Besuchen, und auch nicht um zu arbeiten. Einige werden das alles ertragen und doch hinfahren, weil sie sich etwas erhoffen oder erwarten. Aber die meisten werden Kisters zusammengefasste Argumente gegen die Diktatur von Trump teilen und nicht hinfahren. Auch gut. Damit wird die Erinnerung an das frühere Amerika wieder belebt, und es wird allen klar, dass das Land vor Trump auch nicht ideal war, dass Dellen und Wunden in Demokratie, Wirtschaft und Kultur auch schon vorher gab, dass das Soziale vielfach abschreckend war, und dennoch: ein schönes Land mit einer beachtlich kultivierten demokratischen Struktur, auch Geschichte, von der wir in Europa lange Zeit gelernt und wohl auch profitiert hatten. Vieles an dieser demokratischen Ambivalenz kennen wir, in Variationen, bei uns auch. Das alles wird in diesen Tagen teilweise umfänglich hervorgeholt, soll begründen, was evident ist – dass wir an dieser mächtigen Diktatur nolens volens auch abhängen, macht uns die realistische Wahrnehmung noch schwieriger und unangenehmer (mit der russischen oder chinesischen Diktatur haben wir es da leichter, in die muss man nicht hineinriechen, die kann man als feindlich ablehnen. Aber die USA sind vielfach ein Gegner, den wir brauchen, auch wenn wir ihn ablehnen, den wir ablehnen, auch wenn wir ihn brauchen. Wie alle wirklichen Diktatoren ist Trump Teil einer vielköpfigen faschistischen Oligarchie, die er weitgehend beherrscht . und die ihn weitgehend beherrscht. Das gilt auch für kleinere Diktaturen, deren Diktatoren weniger absolute und objektive Macht haben und die meistens von großen Drei abhängen. Nicht mein Thema im Diskurs. Aber nur, weil viele von uns, sehr viele, so gute Erfahrungen und Erinnerungen an die USA haben, ist Trump nicht besser als Putin oder Xi, eher schlechter, weil er eine besondere Demokratie ruiniert.

Nun hat er uns angegriffen. Seit gestern sind die Umweltprinzipien der USA außer kraft. Seltsam, wie wenig und undifferenziert auch bei uns die Medien darauf reagieren. Resignation oder Gleichgültigkeit, also passive Unterordnung unter den Diktator – schaut euch die Autobauer, Kohlenmineure, Ölmagnaten an, die um Trump herumstanden, als er das verkündete. Das will ich nicht analysieren, aber dass die FAZ bei uns ihm zur Seite springt, muss man schon erwähnen. Nun, wir werden die Folgen verspüren, aber sie werden unseren terrestrischen Niedergang nur beschleunigen, nicht wirklich abändern. Dazu ein andermal.

Der melancholische Abschied von der früheren Neuen Welt soll nicht in die Arroganz münden, dass wir ohnedies alles – zum Teil, wenigstens – besser mach(t)en, und dass wir jetzt erst recht Umwelt so hoch halten und beschützen wie Soziales und Kultur. Solange Politik und Ökonomie gegeneinander ausgespielt werden, hilft die scheinbare Kritik nur wenig. Geht mal in den nächsten Tagen die Kommentare dazu durch und schützt euch vor dem Außenanstrich der Sicherheitskonferenz, dass wir doch, bei allen Differenzen, an der Seite der USA stehen. Nichts leichter, als dass der Gegner zum Feind wird.

Warum nicht? Wortkampf versus Wortkrampf

Wer darf welches Wort verwenden, in welchem Kontext, und für welche Adressatinnen und Adressaten? Dazu gibt es wissenschaftliche, mediale, stammtischlerische und triviale Antworten und Ansichten, oft nicht ganz öffentlich, oft nicht ganz verallgemeinert, oft geradezu angewendet um breite Wirkung zu erzielen, Hotspots oder um zu teilen in gute und böre Reaktionen.

Ein gutes Seminarthema. Brauch ich nicht. Aber in diesen Tagen fällt mir besonders auf, wie eine scheinbare Vorsicht in Wirklichkeit unscheinbarer Rückzug von der Auseinandersetzung ist. Rückzug vom Kampf gegen den Faschismus, in seinen vielfachen Variationen, Putin, Trump, Meloni, Orban, AfD, FPÖ…x+ 1. Seit 65 Jahren setze ich mich mit dem Begriff auseinander, der ja nicht identisch mit der jeweiligen Wirklichkeit ist, und ich habe hinreichend Sprache studiert, um jetzt als Laie dazu mich zu äußern. KEINE ANGST: Das wird keine Vorlesung. Aber ein Hinweis. FASCHing, FASCHe, FASCHIERTES…jeweils andere etymologische Wurzeln als das Wort FASCHISMUS. Zuerst einmal die ersten drei Worte, aus meiner Heimat, ich komme später noch einmal drauf: Fasching heißt bei uns in Österreich, was die Deutschen im Norden und Westen Karneval nennen, und es ist etwas anderes. Eine Fasche ist bei uns eine Verletztenbinde. Und Faschiertes heißt im weiten Norddeutschen Hackfleisch. Kein Mensch assoziiert mit einem dieser drei Begriffe auch Faschismus. Normaler-weise. Wie komme ich denn da drauf, jetzt? Nächste Woche ist Fasching – und da assoziiere ich den Begriff Faschismus. Nein, eben nicht, und habs 70 Jahre lang nicht getan. Auch ein Mitschüler, der so hieß, hat nie darunter gelitten. Aber wenn ich in der Tiefe des Halb- und Unterbewussten bohre, dann gab es diesen Begriff Faschismus immer, als den Begriff des „NICHT“ so. Man durfte ihn nicht assoziieren mit den anderen Begriffen s.o., und man tat es nicht. Aber ich erinnere Begriffswitze, da tauchte der Faschismus im Fasching auf, neutralisiert. Reicht es, um auf sorgfältige Verwendung, Rücksicht, Sensibilität etc. hinzuweisen?

Begriffe sind nicht alles. Sätze, Absätze, Kapitel, rhetorische, oft politironische Ausflüge gehören zu einer umfassenden Taktik, und die ist natürlich bei den Faschisten anders als bei den Demokraten. Bei den Faschisten…da fängt das Problem an. Umgangssprachlich und in der medialen Wortfindung sind AfD und FPÖ und andere nicht „Faschisten“, sondern Rechtspopulisten, Rechtsextreme, Rechtsradikale…mit der Schwäche, dass die nicht alle „rechts“ sind, dass rechts-links oder rechts-mitte-links andere Koordinaten sind. Und schaut mal auf den außenpolitischen Umgang mit Meloni, je nach Kommunikationspartner aus dem Ausland und bisweilen aus Italien ist sie alles mögliche, nur nicht faschistisch. Sie selbst und ihre Parteienkoalition ist hier transparenter. Und schaut auf die großen Diktatoren, Putin, Trump, da kann man gut das Wort „faschistisch“ anwenden – Kontext braucht man immer, und die Adressaten sollte man schon kennen – aus Vorsicht, diplomatischen Gründen usw. verwendet man das Wort nicht, damit es nicht zu einem Begriff wird, der an einem hängen bleibt, wenn man mit den Faschisten verhandelt. Ich verstehe das sogar, in Grenzen. Aber darauf will ich hinaus: auf die Grenzen. Und auf das eigene Verhalten, wenn es darauf ankommt, Begriffsbildungen und -abgrenzungen öffentlich zu machen. Anders gesagt: wenn man mit Faschisten umgehen muss, wie geht man mit ihnen um? (Viele, die hierauf keine gute Antwort wissen, sind relativ aggressiver, wenn Jugendliche oder bestimmte Randgruppen den Begriff „leichtfertig“ verwenden. Hier muss man weiterlernen).

*

So, und jetzt zum Fasching. Seit meiner Kindheit ein großes und gutes Erlebnis, auch wenn ich beim Fetzenzug am Montag immer nur Zuschauer war, auch später, als Erwachsener. Ich war ja nicht das ganze Jahr vor Ort und irgendwie gehörten wir nicht zu den Faschingspräpara-toren…Warum ein gutes Erlebnis? Weil die Masken, die Verkleidungen viel ausgesagt haben, weil man Haltungen und Gegnerschaften schon bald verstanden hatte. Gegnerschaften? O ja, das wurde/wird am Montag schon auch ausgelebt und kenntlich gemacht, wobei sich der Gehörnte auch einmal mit seinem Gegner bekämpft. Es wird sozusagen Jahreskehraus gemacht.

(Nur mehr milde: https://ebenseerfasching.at/, zu schön? https://www.ardmediathek.de/video/unter-unserem-himmel/fasching-in-ebensee/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL 2Jyb2FkY2FzdC9GMjAxOVdPMDIzMTA2QTA , aber schaut euch selbst Geschichte und Auftreten an)

Und was hat das mit dem ersten Kapitel zu tun, mit dem Faschismus? Für mich jedenfalls war und ist der Fasching anti-faschistisch in seiner Grundhaltung der Befreiung nicht nur vom Winterfrost, sondern mit einer Art von Humor, die Faschisten nicht aich anmuten können, selbst wenn sie es wollten. Aber darum gehts ja auch nicht…

*

Faschen gibt es gleich mehrere: 1. D, A, fachsprachlich, Architektur] Rahmen aus meist heller Farbe um Fenster und Türen an einer bunt gestrichenen Fassade 2.[Medizin, umgangssprachlich, veraltend, A] Synonym zu Binde (1 a, 1 b) (Quelle DWDS)

Ich muss lachen, weil mir der Begriff schon als Kind beigebracht wurde.

*

Faschiertes: Kann ich gut zubereiten und versuche immer, den Begriff in Norddeutschland anzuwenden https://www.omas-haushaltstipps.com/was-bedeutet-faschiertes-38060.html aber besser ist, es zu essen als zu beschreiben.

*

Und wozu brauche ich die Faschismus-Nebenerzählung? Weil der Begriff ohnedies präsent ist, nur in den Falten der öffentlichen Vorsicht versteckt gehalten wird. Faschismus ist uns und der Demokratie gefährlich. So etwas muss an die Öffentlichkeit. Dann braucht man mit dem Begriff keine Witze machen, im Ernst.

Wozu noch heucheln, o Kanzler?

Jamal Khashoggi, ein kritischer saudischer Journalist, wurde am 2. Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul getötet.

Lest erstmal diese Geschichte: https://de.wikipedia.org/wiki/Jamal_Khashoggi

Man ist sich einig, dass der saudische Kronprinz und Machthaber hier mkitschuldig ist, dass man aber sich der wertebasierten Außenpolitik verweigern und im konkreten Fall pragmatisch verfahren soll. Das weiß nicht nur der Kanzler Merz, das wissen die meisten Politiker der obersten Ränge und die meisten Medien von Bedeutung. Natürlich kann man Außen- und Sicherheitspolitik nicht ohne moralische Kompromisse betreiben, das wissen wir. Aber es geht auch um die Grenzen, die „roten Linien“ und wie das alles an die werte-orientierten Bürgerinnen und Bürger vermittelt wird. So, wie sich rechte Flügel der deutschen Wirtschaft, der überwiegenden europäischen Wirtschaft, auch in Demokratien, verhält, sind die roten Linien ziemlich ausgebeult, weil es ja um den Anstoß von mehr Wirtschaftswachstum vor allem geht, weniger um Menschenrechte, Kultur und Umwelt. Klar, die Konservativen und die Rechten haben relative Mehrheiten, aber nicht so wie in den großen Diktaturen. Wie im vorliegenden Fall sich die Türkei nach ein paar Jahren zugunsten des mächtigeren Wirtschaftspartners verhält, überschreitet die Linie schon, aber ist die Türkei ein demokratischer Maßstab. Merz und seine Wirtschaftsdelegation weiß schon, was wir an der Kooperation mit den Golfstaaten, mit Saudi-Arabien verdienen können, – und er weiß vielleicht auch, wie wir wieder einmal abhängig werden. Aber sei`s drum. Wenn es um solche Geschäfte geht, kann man dennoch und trotzdem mit deutlichen Worten den Vorfall – gutes Wort? – erwähnen. Wenn es dennoch zu wirtschaftlichen Übereinkünften kommt, kann das ja vielleicht doch innenpolitische Verbesserungen dort udn bei uns bewirken, oder?

Man ist sich einig? Es gibt viele Vorfälle und Handlungen dieser Art, und man kann nicht von zu weit oben alles gleichermaßen ablehnen, zumal man ja nicht so viele praktische Alternativen hat. Man, das sind einerseits wir, und andererseits unsere Regierung(en). Zwischen uns und der weitgehend legitimen Regierung gibt es auch „rote Linien“, nicht nur in der Sozial- und Kulturpolitik. Nein, auch in der großen Weltpolitik. Und das alles wird im Diesseits, hier und jetzt, offenzulegen sein, im Jenseits haben die Opfer schon gewonnen.

Grau in Grau. Grausig und doch.

Für viele ist grau keine Farbe, für manche ein Zeichen dezenter Kleidung, und als Vorsilbe zum Beispiel für Burgunder ganz richtig. Geht man durch die nebelgraue Landschaft, kann das bisweilen romantisch sein, aber man will kein Landschaftsbild grauingrau an der Wand, obwohl…Als Metapher hört mans oft, grauer Alltag, graues Alter, Grauschimmel, Grauwacke und graue Zwischenbereiche von legal und illegal. Also eine auch literarisch verwendbare Bezeichnung, die Kritiker können sich äußern, die Friseure auch.

Oft dient grau dazu, dass man nicht so genau hinschaut oder so richtig etwas erkennt. Jetzt werden wir gebildet, nicht wahr? Der Graus hat übrigens etymologisch, also sprachgeschichtlich nichts damit zu tun, das ist schon grausig genug, und ich mag das Wiener grauslich noch lieber. So erscheinen mir die meisten der letzten Kommentare zu Trump in Davos, zu den Massakern im Bereich der Exekutive in den USA und anderswo, und doch ist grauslich nicht auf die Weltpolitik beschränkt, sondern kommt im Haushalt, beim Essen, und vielfach in sogenannten Witzen vor, die man dann lieber hört als selbst erzählt, und lieber doch nicht gehört hätte, so grauslich waren sie. Viele Variationen gibt es davon „Heinrich! Mir graut’s vor dir.“ (Goethe, keine gute Stelle für Faust, Grete weiß das schon….anderen grau(s)t es auch, literarisch, alltäglich, und übers Grausen kann man schlecht reden, auch wenn man es fühlt und bedenkt. Es graust einem einfach. Und wenn es um bestimmte Menschen geht, graust einem vor einem Lustmörder, aber auch vor einem Politiker. Wenn einem kein Adjektiv einfällt, böse, grausam, gemein, alles mögliche passt nicht, aber „grausig“ impliziert auch die tiefgreifende Abwendung, vor allem in der Politik, da will man nicht diskutieren, wer grausig erscheint, den will man ausblenden, und kann es nicht.

Ich mag jetzt nicht aufzählen, wen ich grausig finde, ich mag die Namen nicht nennen, weil das symbolisch als gewöhnlich missdeutet werden. Wer zu jemandem Grausigen noch etwas sagen kann, findet ihn nicht sooo schlimm. Ich zumindest. Aber ich finde schon einige und nicht nur einen grausig. Und wenn wir über diese Grausen reden, dann versage ich mir alle Bezeichnungen, Eigenschaften, es gibt dann immer nur eine Bezeichnung.

*

Ich schaue aus dem Fenster. Draußen ist es grau in grau in grau. Keiner meiner Grausigen zeigt sich im Nebel, schade, dass sie nicht verschluckt werden. Wenn man aus dem Nebel nach Hause, ins Licht kommt, kann man wieder profiliert politisieren. Aber die graue Welt belehrt, dass das Grausige auch da ist, wenn man es nicht so genau sieht, dass man seine Kommentare immer gleich ansetzen kann. Grausam.

Krieg und … runter von der Illusion

Als wäre es wichtig, ob und dass jetzt ein dritter Weltkrieg sich anbahnt, schon entwickelt , oder erst droht. Als ob der Diskurs die Krieg/Friedenspolitik dirigieren könnte. Es ist auch nicht wichtig, geistige Defekte bei den Diktatoren festzustellen oder zu leugnen, was sie tun zählt, und nicht wie sie es sehen. Auch die Vorschau, wie lange sie als Personen noch leben werden, ist egal, es geht nicht nicht um ihren molekularen Körper, sondern um den zweiten, den symbolischen, der im Mittelalter die Gesellschaften fokussierte.

Analytisch stimmen wir kritischen Geister schon ziemlich überein. Nuancen sind verschieden, ob die Analogie etwa stimmt, Hitler – Stalin, Trump – Putin (ich sehe es eher umgekehrt, und da gibt es noch Xi, und damals gabs keine Nuklearmacht.

ABER

Wen kümmert es wirklich, wie wir gerade über den Tag, über die Zeit denken? Ob drittklassige Politiker dem Trump in den Putin kriechen oder dem Putin in den Trump, macht den beiden so wenig aus wie Lob und Kritik aus subalternen Mündern. Ist Trumps Nobelarroganz wirklich weltpolitisch wichtig? Oder spielt er auch sie, um die Politiker der 0,8 Qualität zu beeindrucken, gar zu beeinflussen.

Ein Deutschamerikaner, ein guter Professor, machte heute morgen deutlich, wie faschistisch die USA sich mittlerweile gerieren. Über Giuliano da Empolis Einsicht in die Stunde der Raubtiere habe ich hier schon berichtet. Und bald, jetzt, merken es die eher freigeistigen, liberalen Medien, wie wenig bedeutsam Einsichten und Meinungen sind.

Zur Zeit sind die Analysen, was wir europäischen Demokraten gegenüber dem Westen, den USA, versäumt haben, sekundär. Wie kann man korrigieren, was uns in den Krieg, konkret in Hunger, Armut, Weltwirtschaftskrise, Nuklearopfer etc. treibt, in welcher Kombination auch immer?

Wir können es nicht. Wir werden sehen, wie und ob die Ukraine Spielball des Trumputin-Pakts der Aufteilung Europas wird, morgen werden die Heuchler ihre Prognosen bestätigt sehen oder sich wundern, was wirklich beschlossen wird, aber das alles hilft uns in Europa wenig. Die Faschisten aller Länder werden noch nicht einmal triumphieren, sie werden ihre Beziehungen zu einander überprüfen, koordinieren. Die Demokraten werden darüber sprechen, wie sie ihr Gesicht wahren können, wenn sie sich schon unterwerfen – müssen, nicht „können“.

*

Wenn jemand aus dem Dämmerschlaf der Opiumsession aufwacht, dann schaut die Wirklichkeit dem wachen Auge SELTSAM entgegen. Seltsam sieht die Welt schon aus, richtig, aber wir können sie nicht mehr einfach weg-denken. Keine Philosophie, keine Religion, keine Ratschläge bitte, heute einmal nicht. Aufwachen und daran denken, was einem selbst, dir, mir, uns, wirklich wichtig ist zum weiterleben und dann auf die Politik schauen, die wir offen (kaum) oder verdeckt (eher) tun können.

Jetzt könnt ihr sagen, das alles ist negativ und entmutigend und deprimierend und hilft nicht weiter. Was folgt daraus, wenn ihr das sagt? Es gibt kein großes Portfolio an Optionen und Alternativen. Es kommt auch nicht so sehr darauf an, wie die jeweilige Unterwerfung kaschiert oder umschrieben wird. Es geht um die Lebensqualität der wirklichen Menschen und ihrer sozialen und emotionalen Zusammenhänge. Bekanntlich können Diktatoren sehr viel, auch nicht Zusammenpassendes. Sie können aber die wirkliche Wahrheit aus keinem ihrer Opfer so herausbringen, dass sie daraus eine Bestätigung ihrer Diktatur ablesen können.

Wenn Trump den Friedensnobelpreis bekommt, wird es danach keinen mehr geben. Na und?

Ich weiß, es ist unfreundlich, im hellen Sonnenlicht des Tages so düster zu denken. Aber freundlich den Farben der Eroberer zuzustimmen, bevor man selbst abgeführt wird, ist auch nicht besser.

Darüber kann man auch nachdenken, wenn man im Sonnenlicht spazieren geht und aufwacht.

(Lest Daniel Brössler, SZ von heute, und die 6 Punkte am Ende. So können Unterworfene sich wenigstens in den Spiegel schauen).

Diktaturen auf dem Markt

Natürlich kann man auch im Kapitalismus gegen den Kapitalismus sein. Natürlich – im Wortsinn und symbolisch, politisch. Aber nicht vergessen, dass wir ja keine wirksamen Hebel zur Änderung haben, weder ökonomisch noch weltpolitisch. Ich zitiere einen marktwirtschaftlichen, aber gesellschaftlich kritischen Experten, der immerhin in Witten Herdecke lehrt und Familientherapeut ist:

Nachdem er sich nachhaltig für „Rechtssicherheit, die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Wissenschaften“ eingesetzt hat, resümiert er „Insgesamt gesehen haben sich in der Geschichte der letzten Jahrhunderte (! MD) autokratische Systeme ökonomisch als weniger erfolgreich als demokratische, (mehr) auf die Intelligenz von Märkten setzende Systeme erwiesen – zumindest, was die Höhe des Bruttosozialprodukts angeht. Dass dies nicht unbedingt mit der Zufriedenheit und der Lebensqualität der Bevölkerung korreliert ist, muss an dieser Stelle in Erinnerung gerufen werden…“ (Fritz B. Simon: Wie Diktaturen funktionieren. Carl-Auer 2025, S. 265). Der zweite Satz spricht von der Marktwirtschaft auf uns Menschen. Und im Resümè, steht ganz unerfreulich. „So werden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die noch heute bestehenden westlichen Demokratien (das sind wir! MD) zu Pseudo-Demokratien verkommen, in denen de facto Tech-Milliardäre eine neue Oberschicht von Oligarchen bilden )Musk u.a. MD), die sich ihre Politiker halten, die ihnen mehr oder weniger bereitwillig zu Die4nsten sind…(271).

Kein Optimist, der Simon. Der letzte Satz ist wichtig, denn die Umkehrung, etwa Trump behrrscht Musk und seinesgleichen, geht wegen der intellektuellen und innovativen Vorherrschaft auch der Tech-Bonzen, nicht nur der Akademiker, nicht lange gut. Übrigens: das ist auch bei uns ein Moment der Einsicht, noch nicht ganz so weit).

Dazu kann man eine Menge Varianten spätkapitalistischer Beschreibungen lesen, aber diese Varianten sind keine wirkliche Politik, nur Vorstellungen über bessere umstände (Das Problem der Diktatoren ist anscheinend größer als das der Tech-Bonzen (Vgl. Anne Applebaum, aber auch Giuliano da Empoli).

*

Warum ich das schreibe, warum ich? Seit langem misstraue ich den Ökonomen, die die politische Ökonomie entpolitisieren und wirtschaftliche Alternativen aufblättern. Kritische Geisteswissenschaftler verstehen davon mehr, aber auch Polit-Ökonomen. Aber warum schreibe ich darüber? Weil mich nervt, auf welchen Nebenschauplätzen unsere 0,8 Regierung und viele halbherzige Regierungen der verbliebenen Demokratien ihr Volk dadurch beruhigen, dass sie eben halbherzige Themen bearbeiten, um von der globalen weltweiten Gefahr durch die Diktaturen abzulenken. Klar, wir im sog. Westen, brauchen Trump für unser Militär, noch eine Zeit lang jede3nfalls, da dürfen wir ihn nicht gleich zum erklärten Feind machen, obwohl, naja eigentlich, und ohnehin weiß man das ja, äh. Aber die anderen Diktatoren sind ja keine Hilfe und noch nicht einmal wirklich kapitalistisch, siehe oben. Nein, ich will nicht ironisch sein. Das Unterlaufen von Umwelt und Wohlstand durch Krieg und Dominanz ist nicht neu, hat im Gleichen immer Erscheinungsunterschiede. Darum ist Geschichte so wichtig und der soziale Kampf gegen Geschichtsvergessenheit. Aber das kann ja nicht im Zentrum unserer Politik stehen, „unserer“, d.h. die eigene Politikbereitschaft (dazu hat Winfried Kretschmer in Bezug auf Hannah Arendt wirklich fast alles geschrieben). Die „Eigene“ bedeutet, „alle“. Wir müssen um die Politisierung aller werden, dann wird unsere Kultur wirken (also nicht „politische Kultur“ als Ersatz für Politik, wie früher und auch heute).

Die Diktaturen werden sich durchsetzen, wenn auch immer nur auf Zeit. Aber die ist lang, 12, 20, 40 Jahre? Ironisch kann man da nur sagen: die Evolution ist noch nicht so weit…Aber sie zu unterlaufen, erhöht unsere Lebensqualität und schränkt sie nicht ein. Siehe oben.

`*

Wissenschaftsfreiheit – dafür kann man kämpfen und gerade so veröffentlichen, dass es die Laien und die Politik erreicht. Das bedeutet auch die Freiheit der Kritik, nicht jeden Blödsinn gleichberechtigt neben die Wahrheit stellen, wie das die USA mit ihrem verbeulten Freiheitsbegriff so gern tun. Meinungsfreiheit – analog. Sie muss bestehen, auch wenn sie oft unangenehm ist, aber demolierte Meinungen sind von anfang an nicht „frei“. Da sind sich die drei großen und viele kleine Diktaturen einig: die politisch durchgesetzte Meinung gilt. Und dazu können wir, im Großen wie im Kleinen, nein sagen und Widerstand öben – indem wir den Unterschied zwischen freier Meinung und dem Streben nach Wahrheit immer, ja, immer!, deutlich machen. Das kann zu Konflikten führen, uns vielleicht bedrohen, v.a. in der Lehre und Sozialisation der nächsten Generation. Aber der Konflikt ist auch politisch…

Winterschlaf der Vernunft

Es ist glatt draußen, nur ein paar wirklich unsinnige Radfahrer gleiten über eisige Straßen, die Temperatur steigt von -14° auf +7°, bald wird es zu viel Wasser geben, noch ist alles eingefroren. Gut so, wie lange hatten wir gar keinen Winter? Wo die Kälte herkommt? Egal, erst wenn Trump Grönland besetzt und ausgebeutet hat, werden wir etwas über die Arktis-Strategie der Weltmächte wissen. Den Satz meine ich ernst, nicht ironisch, denn noch – noch – sind wir uns nicht wirklich im Klaren, wie die Zerstörung der Weltpolitik durch drei Nuklear-Riesen, vor allem Trump und Xi, aber auch der schwächere Putin, uns marginalisiert, auch das reiche Deutschland, auch die reiche EU, auch Mercosur. Da wir abhängig von den USA sind, dürfen wir gar nicht die Wahrheit auf den Punkt bringen, maximal höflich uns annähern, um als Subalterne besser behandelt zu werden als offene Opponenten – oder eben die nächsten Beuten der drei Diktaturen. Oder beides. Nicht schimpfen, nicht beleidigend querulieren, aber auch nicht lecken und sich übergeben, im doppelten Wortsinn. Wer keinen Trumpf hat, sollte nicht Zweitmacht simulieren. Ich sage nicht, dass Trump oder Putin ihre Herrschaft dauerhaft aufrechterhalten, aber ich sage auch nicht, dass ihre Nachfolger besser sein werden als sie selbst. Die lernäische Hydra ist ein Vorbild. Ein anderes Hitler und Stalin, im neuen Dreieck mit Xi. Darüber machen sich die Kommentatoren verschlungene Figuren, um – ja was? – uns zu beruhigen? aufzuwecken? zum Widerstand oder zur Unterwerfung zu bringen? Ich lese diese Sachen wirklich, nicht alle, viele aber, und bin entmutigt. Wer die Wahrheit nicht sagen darf, wird glaubwürdiger, wenn er schweigt. Ist es so schlimm? ja, denn nicht nur wird die Umwelt dauerhaft zerstört, sondern auch die Demokratie, wo sie noch bis heute den Faschisten verschiedener Grade Widerstand leisten. Aus dieser Wahrheit ziehe ich weder Stärke noch traumatische Depression. Fast positivistisch beschreibe ich, wozu es nicht viel zu sagen gibt. Einige, ich nenne sie global-grün-demokratische Pragmatiker sagen dann doch manchmal die wirkliche Wahrheit, und das liest sich oft kleinteilig und gar nicht aufregend. Was man tun kann, wenn man untergeben ist oder wird. Ich nenne jetzt keine Namen, damit kein sekundärer Streit entsteht. Aber es gibt sie, bei uns und anderswo. Wir werden wohl, wenn wir es so wollen, die Herrschaft der drei Despoten nur unterlaufen können, nicht offen bekämpfen. Das übt sich moralisch und ironisch ein, bevor gehandelt wird. Hoffentlich bei vielen.

*

Das macht für sich noch keinen Mut, auch bereitet es keinen Widerstand. Ich weiß. Aber vor ein paar Tagen habe ich ein paar Stunden lang etliche Menschen gesehen und vor allem gehört, die eine Variante von Fahrenheit 491 repräsentieren und einüben. Natürlich sind sie fast alle sehr viel jünger als ich, teilweise wie meine Enkelinnen, aber manchmal entkommt ihnen ein politischer oder moralischer Satz, den man über Putins und Trump sagen wird müssen und über den Gräbern ihrer Nachfolger. Der Satz entkommt ihnen, weil er an sich noch in ihnen im Entstehen ist, nicht als übernächste politische Generation, sondern mit einer Hoffnung, die sie in Zuversicht wandeln möchten, also in Politik, also in Handeln. Man kann nur beispielhaft beitragen, man muss nicht korrigieren und sich gar kritisierend überhöhen. Im Gegenteil: man kann die kurzzeitige Zukunft, die uns Menschen noch gegeben ist, auch denen an die Hand geben.

*

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ausrutschen, uns nicht verletzen, auch ohne dass wir direkt angegriffen werden. Der Winter handelt nicht strategisch, er ist einfach, kalt und glatt. Die menschenfeindlichen Selbstherrscher sind keine Naturgewalt. Wir können nicht nur ihre Enden absehen, sie erzeugen auch keine Wirklichkeiten wie Natur und Zeit. Manchmal, wenn sie das für einen Moment begreifen, versuchen sie uns zu täuschen. Nicht drauf reinfallen, aufpassen bei Glatteis, und wenn es schmilzt, die Gelegenheit nutzen zum Überqueren des Unglücks.

Über Details reden wir, wenn sich die Zwangsklammern lockern. Jertzt müssen wir sie unterwandern, um sie zu überstehen. Und, nicht nebenbei, für die frierenden, hungernden und gequälten Opfer der drei Tyrannen mehr spenden und mehr helfen, das geht noch immer.

Juden, Jüdisch, und.

Ich habe mehrfach beschrieben wie man die anthropologische, ethnische Bezeichnung „Jude“ (incl. Jüdin“) vom Adjektiv bzw. Adverb „jüdisch“ trennen kann, manchmal muss. Eine These war, dass viele Juden nicht jüdisch sind. Diese Feststellung beruht darauf, dass es zu den jüdischen Erscheinungs- und Haltungsformen ethische, kulturelle etc. Entwicklungen des Bewusstseins gegeben hat, während man ja an seiner ethnischen Abstammung individuell so gut wie nichts ändern kann.

Diese Überlegungen haben zu Beginn des Zionismus schon eine Rolle gespielt, sie sind immer schon kontrovers im ethnischen, im religiösen, im kulturellen, im sozialen…also im politischen Sinn. Darüber lohnt es, nicht nur zu beobachten und zu kritisieren, sondern auch Schlüsse auf die eigene Haltung zu ziehen. Wie man da einsteigen kann? Von überall her: Ashkenasen versus Sepharden, in Israel, weltweit; politische Ausrichtung, je nach Situation in der eigenen Gesellsch; aft und der Position innerhalb des soziopolitischen und soziokulturellen Netzes etc. Ich beziehe mich soziologisch stark auf Bourdieu, und jüdisch historisch…naja, da kann ich ja meine Literatur- und Diskursliste endlos aufblättern, aber es lohnt sich hier einzulassen.

Ich schreibe das, weil mich zum einen der Singular ärgert: „der Jude“ ist, handelt, denkt, verhält sich, erscheint … Wenn es also um Moral, Kultur, Politik geht, ist der Plural, die Jüdinnen und Juden, notwendig. „Also“ bedeutet, dass ich denke, worum es in erster Linie geht, also nicht gleich um Religion, die kann auch dazutreten.

Zum anderen gibt es, nicht nur in und aus Israel, jüdische Stimmen, die Verallgemeinerungen zum Judentum in der Gegenwart, vor allem in Politik und Kultur, sich anmaßen, und damit für nichtjüdische und manche jüdischen Beobachter eine allgemeine Richtigkeit anstatt einer differenzierbaren und kritisierbaren Meinung ausdrücken. Sich dabei auf Pressefreiheit, aber auch auf Überzeugungen berufen, die von den nichtjüdischen Leserinnen und Lesern spontan schwer zu analysieren sind )obwohl das schon möglich ist). Zur Zeit geht es natürlich darum, dass solche Stimmen zum Beispiel meinen, wer Netanjahu kritisiert, stehe auf der Seite von Hamas (grausiges Beispiel ist Korenzechers „Jüdische Rundschau“ (Monatszeitung); subtiler, aber auch einseitig etwa der Botschafter Ron Prosor, der sich schon von seinen Vorgängern unterscheidet usw. Mein Problem ist, dass diese Linien es nicht zulassen, wenn wir beide Seiten, Hamas und Komplizen und Netanjahu und Komplizen kritisieren, und auch die Verbindungen der beiden in naher Vergangenheit deutlich benennen. Wenn ich als jüdischer Jude den israelischen Premier als Chef eines teilweise faschistischen Kabinetts bezeichne, kann ich doch mit gleichem Vokabular die Hamas als faschistisch bezeichnen? Oder? Meinetwegen in umgekehrter Reihenfolge. Aber mir geht es darum, dass Israel zur Zeit, hoffentlich nicht mehr lange, eine peinliche und teilweise rassistische Untergebenenrolle bei Trump und in außenpolitischen Aktionen wie in antijüdischer Siedlerpolitik spielt – und dass die Hamas, die lange Zeit von vielen offen oder verdeckt gefördert wurde, zur Zeit weniger anerkannte Sponsoren und Hilfsherren hat, aber natürlich auch weiter gefährlich ist. Nicht nur für uns jüdische Menschen.

Das ist schlecht für jüdische Menschen in Israel, im Nahen Osten, weltweit, also auch für uns. Und es besch#digt beides: Bild und Kritikfähigkeit von Juden und der Qualität von „jüdisch“. Intern und nach außen.

Verzieht nicht euer Gesicht, wenn ich einen Ratschlag gebe: studiert einmal die Geschichte der jüdischen Siedlung seit 1906. Und vor und nach 1948, und während der britischen Besatzung und mit und nach der Staatsgründung Israels. Es geht hier nicht (nur) um Kriege. Es geht auch darum, wie wir im Kontext weiter hier und dort jüdisch sein können, also auch kritisch und selbstkritisch, und eben jüdisch, und nicht als der Jude uns den falsch-Autoritären unterwerfen dürfen.

Der Plural, Jüdinnen und Juden hat schon seine Bedeutung. Im übrigen: Eco, Horvilleur, … das geht schon.

POSTSCRIPTUM – wichtig:

Bitte lest „Transitionen und Transition“ von Monika Wohlrab-Saar in SOZIOLOGIE 2026, # 1, v.a. S. 10-14 über den Umgang mit Irsael und den Palästinensern, v.a. mit den Folgen für Wissenschaft und Kultur, also für Menschen, die sich der Realität wissenschaftlich annehmen. Ich zitiere hier nichts, weil der Text sehr dicht und kontextreich ist, aber ich empfehle ihn, nicht nur für die Wissenschaft. Doch, eines muss ich erwähnen: Ich schätze Eva Illouz (israelisch-französische Wissenschaftlerin) sehr und kenne viele ihrer Werke aus den letzten Jahrzehnten. Hier steht, „…sie wurde wegen ihres Protests gegen die Behandlung von Palästinensern in der Westbank der Israel-Preis verweigert“ (S.13). Das schmerzt, pars pro toto. Zum Abschluss schreibt die Autorin: „Wie müssen vom „ja, aber“, das das „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält“ (S.14). Ja.

Kommentar-Los

Viele mir bekannte Intellektuelle, meist Männer, übereilen sich mit Kommentaren, deren Gegenstände sich während des Schreibens oder Lesens schon wieder verändert haben, was weitere Kommentare nach sich zieht, etc. – ad infinitum, und kostet nicht nur meine Lese-, auch Lebenszeit. Vieles geschieht, gewiss, und wie sich was entwickelt, deutet sich je nach Vorfall oder Ereignis schon an, aber eben nicht so präzis, dass man es kommentieren könnte außer mit Fragezeichen und einer Bandbreite der Interpretation. Das verwirrt die Unkundigen und verwirrt die, die es besser wissen und deshalb sich zurückhalten. Der Durchgriff des großen Diktators Trump gegen den kleinen Diktator Maduro ist so ein Beispiel, und fast alle Kommentare sind verfrüht, fehlorientiert oder sinnlos.

Aber um diese Kommentare gehts mir heute gar nicht, sondern um die Anlässe. „Etwas geschieht“, und viele haben eine Meinung dazu. Ein fatales Beispiel: der schreckliche Unfall in Crans Montana hat tagelang die Hauptnachrichten vor allen anderen Ereignissen dominiert, bis hin zu Vermutungen über die weiterführenden Kommentare. Das zu berichten, ist in Ordnung. Der Platz in der Nachrichtenhierarchie ist peinlich. Wenn so etwas nicht in einem europäischen Nobelurlaubsort geschieht, sondern, wie so häufig, in der Dritten Welt, wird es kaum oder nebenbei erwähnt und kaum kommentiert. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, scheint mir spannender als das Faktum, dass der Discobrand x-mal mitgeteilt wird, und vergleichbare Katastrophen, menschlich genauso trist, so gut wie kaum.

Das führt zum nächsten Punkt: was steht uns als Information und Bewertung zu, und wer sind wir in diesem Kontext? Ist es die geographische oder kulturelle Nähe, oder sind es bestimmte Menschen, deren Schicksal uns näher geht als das von anderen? Nicht abstrakt werden, wer die Medien lenkt? Sondern konkret: diesen Vorfall so auszuwalzen bedeutet, dass es ein großes Publikum gibt, das sich hineinversetzen kann. Wenn ein Schiff in Ostasien untergeht oder ein Hochhaus in Seoul abbrennt, dann versetzen sich bei uns wenige, dort aber viele, in das Ereignis?! Stimmt das wirklich, dann sollte man das humanistische Umrahmen der Tatsachen besser lassen. Crans Montana ist schrecklich, ja. Und wie reagieren wir auf vergleichsweise Schreckliches anderswo? Ich weiß schon, welche Bedeutung die soziogeographische Nähe oder Ferne vergleichbarer Ereignisse hat, aber dann geht es doch auch um die Reihenfolge der Nachrichten, und da ist ein noch so schrecklicher Discobrand nicht so prominent – und prekär – wie die politischen Ereignisse der letzten 48 Stunden, der letzten Tage. Das führt mich zurück zum Anfang: wenn die Überlegungen zu Ereignis und seiner relativen Aufmerksamkeitsposition stimmen, dann sollte man das auch an die Kommentare anwenden.

P.S. Manchmal sind einzelne Unglücksfälle weltweit signifikant, sie haben große symbolische Bedeutung. Wenn man sie dann allen anderen Informationen vorzieht, kann man schon sagen wozu und warum. Das kann aber dann auch Widerspruch auslösen…

WICHTIGER NACHSATZ: In meiner gut gelesenen Zeitschrift SOZIOLOGIE, 2026 #1, S. 7-14, beschreibt Monika Wohlrat-Sahr genau die Diskurse um Trump, die Ukraine und – das ist jetzt wichtig – Israel (Transitionen und Transition). S. 10 – 14 sind ein selten in unserem Land so klar dargestelltes Beispiel, wie sich Kritik, hier an Israel UND der Hamas, in der Wissenschaft und als Wissenschaft ausdrücken muss, auch ausdrücken kann. Ich zitiere nicht einzelne Sätze, der Kontext muss erhalten bleiben. Mich hat die Erwähnung von Eva Illouz, der man den Israel-Preis verweigert hat (S.11) besonders getroffen, denn von ihr können wir viel, fast alles wissen – meines Erachtens richtig. Und doch ein richtiges Zitat am Ende „Wir müssen vom „ja, aber“, das ein „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält (S. 14). Ja.