Juden, Jüdisch, und.

Ich habe mehrfach beschrieben wie man die anthropologische, ethnische Bezeichnung „Jude“ (incl. Jüdin“) vom Adjektiv bzw. Adverb „jüdisch“ trennen kann, manchmal muss. Eine These war, dass viele Juden nicht jüdisch sind. Diese Feststellung beruht darauf, dass es zu den jüdischen Erscheinungs- und Haltungsformen ethische, kulturelle etc. Entwicklungen des Bewusstseins gegeben hat, während man ja an seiner ethnischen Abstammung individuell so gut wie nichts ändern kann.

Diese Überlegungen haben zu Beginn des Zionismus schon eine Rolle gespielt, sie sind immer schon kontrovers im ethnischen, im religiösen, im kulturellen, im sozialen…also im politischen Sinn. Darüber lohnt es, nicht nur zu beobachten und zu kritisieren, sondern auch Schlüsse auf die eigene Haltung zu ziehen. Wie man da einsteigen kann? Von überall her: Ashkenasen versus Sepharden, in Israel, weltweit; politische Ausrichtung, je nach Situation in der eigenen Gesellsch; aft und der Position innerhalb des soziopolitischen und soziokulturellen Netzes etc. Ich beziehe mich soziologisch stark auf Bourdieu, und jüdisch historisch…naja, da kann ich ja meine Literatur- und Diskursliste endlos aufblättern, aber es lohnt sich hier einzulassen.

Ich schreibe das, weil mich zum einen der Singular ärgert: „der Jude“ ist, handelt, denkt, verhält sich, erscheint … Wenn es also um Moral, Kultur, Politik geht, ist der Plural, die Jüdinnen und Juden, notwendig. „Also“ bedeutet, dass ich denke, worum es in erster Linie geht, also nicht gleich um Religion, die kann auch dazutreten.

Zum anderen gibt es, nicht nur in und aus Israel, jüdische Stimmen, die Verallgemeinerungen zum Judentum in der Gegenwart, vor allem in Politik und Kultur, sich anmaßen, und damit für nichtjüdische und manche jüdischen Beobachter eine allgemeine Richtigkeit anstatt einer differenzierbaren und kritisierbaren Meinung ausdrücken. Sich dabei auf Pressefreiheit, aber auch auf Überzeugungen berufen, die von den nichtjüdischen Leserinnen und Lesern spontan schwer zu analysieren sind )obwohl das schon möglich ist). Zur Zeit geht es natürlich darum, dass solche Stimmen zum Beispiel meinen, wer Netanjahu kritisiert, stehe auf der Seite von Hamas (grausiges Beispiel ist Korenzechers „Jüdische Rundschau“ (Monatszeitung); subtiler, aber auch einseitig etwa der Botschafter Ron Prosor, der sich schon von seinen Vorgängern unterscheidet usw. Mein Problem ist, dass diese Linien es nicht zulassen, wenn wir beide Seiten, Hamas und Komplizen und Netanjahu und Komplizen kritisieren, und auch die Verbindungen der beiden in naher Vergangenheit deutlich benennen. Wenn ich als jüdischer Jude den israelischen Premier als Chef eines teilweise faschistischen Kabinetts bezeichne, kann ich doch mit gleichem Vokabular die Hamas als faschistisch bezeichnen? Oder? Meinetwegen in umgekehrter Reihenfolge. Aber mir geht es darum, dass Israel zur Zeit, hoffentlich nicht mehr lange, eine peinliche und teilweise rassistische Untergebenenrolle bei Trump und in außenpolitischen Aktionen wie in antijüdischer Siedlerpolitik spielt – und dass die Hamas, die lange Zeit von vielen offen oder verdeckt gefördert wurde, zur Zeit weniger anerkannte Sponsoren und Hilfsherren hat, aber natürlich auch weiter gefährlich ist. Nicht nur für uns jüdische Menschen.

Das ist schlecht für jüdische Menschen in Israel, im Nahen Osten, weltweit, also auch für uns. Und es besch#digt beides: Bild und Kritikfähigkeit von Juden und der Qualität von „jüdisch“. Intern und nach außen.

Verzieht nicht euer Gesicht, wenn ich einen Ratschlag gebe: studiert einmal die Geschichte der jüdischen Siedlung seit 1906. Und vor und nach 1948, und während der britischen Besatzung und mit und nach der Staatsgründung Israels. Es geht hier nicht (nur) um Kriege. Es geht auch darum, wie wir im Kontext weiter hier und dort jüdisch sein können, also auch kritisch und selbstkritisch, und eben jüdisch, und nicht als der Jude uns den falsch-Autoritären unterwerfen dürfen.

Der Plural, Jüdinnen und Juden hat schon seine Bedeutung. Im übrigen: Eco, Horvilleur, … das geht schon.

POSTSCRIPTUM – wichtig:

Bitte lest „Transitionen und Transition“ von Monika Wohlrab-Saar in SOZIOLOGIE 2026, # 1, v.a. S. 10-14 über den Umgang mit Irsael und den Palästinensern, v.a. mit den Folgen für Wissenschaft und Kultur, also für Menschen, die sich der Realität wissenschaftlich annehmen. Ich zitiere hier nichts, weil der Text sehr dicht und kontextreich ist, aber ich empfehle ihn, nicht nur für die Wissenschaft. Doch, eines muss ich erwähnen: Ich schätze Eva Illouz (israelisch-französische Wissenschaftlerin) sehr und kenne viele ihrer Werke aus den letzten Jahrzehnten. Hier steht, „…sie wurde wegen ihres Protests gegen die Behandlung von Palästinensern in der Westbank der Israel-Preis verweigert“ (S.13). Das schmerzt, pars pro toto. Zum Abschluss schreibt die Autorin: „Wie müssen vom „ja, aber“, das das „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält“ (S.14). Ja.

Kommentar-Los

Viele mir bekannte Intellektuelle, meist Männer, übereilen sich mit Kommentaren, deren Gegenstände sich während des Schreibens oder Lesens schon wieder verändert haben, was weitere Kommentare nach sich zieht, etc. – ad infinitum, und kostet nicht nur meine Lese-, auch Lebenszeit. Vieles geschieht, gewiss, und wie sich was entwickelt, deutet sich je nach Vorfall oder Ereignis schon an, aber eben nicht so präzis, dass man es kommentieren könnte außer mit Fragezeichen und einer Bandbreite der Interpretation. Das verwirrt die Unkundigen und verwirrt die, die es besser wissen und deshalb sich zurückhalten. Der Durchgriff des großen Diktators Trump gegen den kleinen Diktator Maduro ist so ein Beispiel, und fast alle Kommentare sind verfrüht, fehlorientiert oder sinnlos.

Aber um diese Kommentare gehts mir heute gar nicht, sondern um die Anlässe. „Etwas geschieht“, und viele haben eine Meinung dazu. Ein fatales Beispiel: der schreckliche Unfall in Crans Montana hat tagelang die Hauptnachrichten vor allen anderen Ereignissen dominiert, bis hin zu Vermutungen über die weiterführenden Kommentare. Das zu berichten, ist in Ordnung. Der Platz in der Nachrichtenhierarchie ist peinlich. Wenn so etwas nicht in einem europäischen Nobelurlaubsort geschieht, sondern, wie so häufig, in der Dritten Welt, wird es kaum oder nebenbei erwähnt und kaum kommentiert. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, scheint mir spannender als das Faktum, dass der Discobrand x-mal mitgeteilt wird, und vergleichbare Katastrophen, menschlich genauso trist, so gut wie kaum.

Das führt zum nächsten Punkt: was steht uns als Information und Bewertung zu, und wer sind wir in diesem Kontext? Ist es die geographische oder kulturelle Nähe, oder sind es bestimmte Menschen, deren Schicksal uns näher geht als das von anderen? Nicht abstrakt werden, wer die Medien lenkt? Sondern konkret: diesen Vorfall so auszuwalzen bedeutet, dass es ein großes Publikum gibt, das sich hineinversetzen kann. Wenn ein Schiff in Ostasien untergeht oder ein Hochhaus in Seoul abbrennt, dann versetzen sich bei uns wenige, dort aber viele, in das Ereignis?! Stimmt das wirklich, dann sollte man das humanistische Umrahmen der Tatsachen besser lassen. Crans Montana ist schrecklich, ja. Und wie reagieren wir auf vergleichsweise Schreckliches anderswo? Ich weiß schon, welche Bedeutung die soziogeographische Nähe oder Ferne vergleichbarer Ereignisse hat, aber dann geht es doch auch um die Reihenfolge der Nachrichten, und da ist ein noch so schrecklicher Discobrand nicht so prominent – und prekär – wie die politischen Ereignisse der letzten 48 Stunden, der letzten Tage. Das führt mich zurück zum Anfang: wenn die Überlegungen zu Ereignis und seiner relativen Aufmerksamkeitsposition stimmen, dann sollte man das auch an die Kommentare anwenden.

P.S. Manchmal sind einzelne Unglücksfälle weltweit signifikant, sie haben große symbolische Bedeutung. Wenn man sie dann allen anderen Informationen vorzieht, kann man schon sagen wozu und warum. Das kann aber dann auch Widerspruch auslösen…

WICHTIGER NACHSATZ: In meiner gut gelesenen Zeitschrift SOZIOLOGIE, 2026 #1, S. 7-14, beschreibt Monika Wohlrat-Sahr genau die Diskurse um Trump, die Ukraine und – das ist jetzt wichtig – Israel (Transitionen und Transition). S. 10 – 14 sind ein selten in unserem Land so klar dargestelltes Beispiel, wie sich Kritik, hier an Israel UND der Hamas, in der Wissenschaft und als Wissenschaft ausdrücken muss, auch ausdrücken kann. Ich zitiere nicht einzelne Sätze, der Kontext muss erhalten bleiben. Mich hat die Erwähnung von Eva Illouz, der man den Israel-Preis verweigert hat (S.11) besonders getroffen, denn von ihr können wir viel, fast alles wissen – meines Erachtens richtig. Und doch ein richtiges Zitat am Ende „Wir müssen vom „ja, aber“, das ein „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält (S. 14). Ja.

Neue Zeit, kein Neues Jahr

Glückwünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Schwarzmalerei, eine Freundin wartet schon mit Tageszählung auf 2027…und ich freu mich bloß, dass es draußen schneit. Endlich einmal Schnee.

Ziemlich einstimmig ziehen die seriöseren Medien ein depressives Kalkül, was sich 2025 alles zum Schlechteren geändert hatte, wie wenig Widerstand geleistet wurde, wie wenig auf die Demokratie und den Wohlstand geachtet wurde etc. Kernaussage: 2026 kann nur besser werden. Und wie: die Ratgeberlawine schwillt noch an. Wie in allen Vorfeldern von um sich greifenden Diktaturen bereiten sich viele darauf vor, dass die neuen Machthaber vielleicht doch bald auch über sie herrschen (was sie ja längst tun, aber nicht so direkt), und dass demokratische Widerstände auch ihnen gegenüber tolerant sein werden…

Der Winter geht vorbei, es drängen sich die Kulturabende und Nachmittagsspaziergänge. Vier Tage auf der Insel Rügen haben auch erholsam geholfen, weil wir wenige Böller gehört haben, das schöne Feuerwerk über Stralsund gesehen haben und ansonsten gut gewandert und gegessen haben.

Mich sollte niemand nach Vorhaben für den Neue Jahr fragen, ich habe keine neuen oder schichte alte ab, weiter so heißt ja auch, dass die Zeitgrenzen anderswie sind als an das rituelle Datum gekettet, das kann man schon auch begehen, wenn man nicht zum Murmeltier wird. Also gehts mir subjektiv nicht neu, nur genauso gut wie vorher. Das heißt nicht ganz so. Die Diktatoren und ihre Subalternen nutzen wie früher die Feiertage zu besonderen Grausam-keiten, und sie hoffen auf mangelnde Aufmerk-samkeit. Die werden wir ohnedies bald brauchen, wirtschaftlich, sozial, politisch und vor allem kulturell widerständig, gegen Kitsch und zu viel Pathos und hinreichend Ironie (die braucht man für die Boden-haftung). Warum ich das schreibe? Weil ich einen wichtigen Ausblick von Winfried Kretschmann teile, wonach, laut Hannah Arendt, seinem Vorbild, Politik nicht der politischen Klasse vorbehalten bleiben soll, sondern für alle aktiv sein muss, will und soll man die Demokratie weiterhin betreiben. W.K.: Der Sinn von Politik ist Freiheit“, Patmos 2025, v.a. Kap. 2, u.a. S. 40-42). Am Anfang war das Buch gar nicht leicht zu lesen, aber die Projektion von H.A. auf seine eigene politische Praxis wird immer einleuchtender und glaubwürdiger. Das ist keine Trivialität, sondern eine komplizierte und scharfe Waffe, die viel mehr Gleichbehandlung von Gegnern verlangt, bevor es Kompromisse geben kann. Teilweise also das Gegenteil der Freund-Feind-Dualität (am Beispiel Carl Schmitt, S. 35). Dabei war für mich auffällig, dass Kretschmann wenig zusagen hat, warum so viele Linke Schmitt als Vorbild und Anerkennung nutzen…ein anderes Thema. Mir gefällt die Arendt’sche und Kretschmanns „politische Freundschaft“ als ein wichtiges Element der Lebensgestaltung. Was allerdings zu Konflikten führt nicht einfach als Wunsch sich verwirklicht.

Das ist keine Rezension. Aber dass man Arendt durch einen aktiven Politiker – nicht einen einfach Intellektuellen – Zeile für Zeile differenziert und nicht einfach „von oben“ rezipiert, ist schon etwas in der Zeit der schwierigen Kommunikation als Voraussetzung für Kompromisse (siehe aktuelle Regierungen in D und Ö).

Wenn wir jetzt ein besseres 2026 haben wollen und sollen, beides, dann liegt nicht viel, aber „etwas“ an unserem Verhalten Nur richtig wählen, das ist ja in aller Munde für diese Jahr in D, reicht nicht. Und nur bis zum Jenseits ausdiskutieren geht nicht, wegen unserer Sterblichkeit und dem bevorstehenden Erduntergang, also bedarf es der Handlung (Arendt) neben und mit dem Programm. Wir als PolitikerInnen, das ist schon verblasst, oder? aber nein, das sollte es nach der Arendt sein. Und deshalb dürfen wir nicht auf die Bahnsteigkarte zur politischen Bewegung warten oder gar hoffen, und diese Haltung zur Mittätigkeit ist eine andere Form der Mitbestimmung – ihre Gegner wissen genau, warum). Mir fallen da viele mir bekannte Personen ein, mehr aus meiner Umgebung also weiter oben in der Politik, aber auch dort. Aber das ist, was im Neuen Jahr auch Hoffnung machen kann.

Bitte lacht nicht, wenn ich sage, wie das leicht krittelnd meine erste politische Praxis in den 1970er Jahren beiseite schiebt: erst die Kontroverse austragen, bevor man einen Beschluss fassen kann, das Gegenteil der Haltung auf der R-M-L Schiene. Also nicht vom erhofften Ende die Kontroverse beleuchten. Das war damals meine, „unsere“ Profilierung.

Jahresbeginn. Empfehlung für Arendt, Empfehlung für Kretschmann, und vor allem, macht etwas, damit es zu den erfolgreichen Wahlen kommt, und berechnet nicht die jetzt erwartete Stimmen- verteilung. Damit sind natürlich auch die Konfron-tationen und Kontroversen jetzt gleich dabei. Das kann verletzen, ausgrenzen und marginalisieren, aber nur so können wir erkennen, wer von den Andersdenkenden und Andershandelnen für den Kompromiss in der Demokratie, für die Freiheit in der Lage ist. Ein Wagnis, in das wir uns politisch begeben. Zum Beispiel in nächster Zeit.

Advent (ure)

Genervt von der Kritik, ich sei zu pessimistisch, zu destruktiv, zugleich genervt vom fadenscheinigen Adventmediencircus, räume ich auf in der Wunderkammer meiner Gedankensammlung. He?! fragt ihr, was sind das für Begriffe – Kitsch am Ende des Jahres? Nein, gar nicht.

Ich habe ihn mehrfach zitiert und lese mich durch seine hunderten Seiten mit Pausen zum Atemholen. Yuval Noah Harari, habe ich schon mehrfach genannt, in seinem letzten großen Buch „NEXUS“, Penguin 2025, gerade ein Jahr alt. Frühere Bücher habe ich auch gelesen, teils kritisch kommentiert. Das hier hat eine ungeheure Auflage, teilweise zu Recht, und ganz viele Aspekte von „Information Networks from the Stone Age to AI“ habe ich schon gekannt – Geschichtswissenschaftler ist er ja, zuvorderst – aber dann kommt ein spannender, deprimierender Abschnitt: ganz kurz nur.

Part II: The Inorganic Network. S. 191 ff. Kapitel 6: „The New Members: How Computers Are Different from Printing Presses“. Nebbich, wissen wir doch….ab S. 210 wird es spannend: Natürlich wird es kein Ende der Geschichte geben, aber „the end of its human-dominated part“. Und das erklärt er mit der empirisch belegten Übernahme der Kultur durch Algorithmen. Das Problem: können wir wirklich unterscheiden, wo die Aussagen und Inhalte und Urteile herkommen? Harari ist nicht ironisch, wenn er sich als Autor des Abschnitts erklärt, aber das sei nicht sicher (S. 214). Eigentlich wissen wir das, aber wir legen uns darauf nicht fest, wir hoffen und erwarten, dass Menschen sich immer einen Vorsprung vor der IT Intelligenz, Theorie, Ästhetik, Emotion erarbeiten oder eben benutzen. Gut so, aber es stimmt immer weniger. Noch können wir eingreifen, aber eben immer weniger…

Die Science Fiction wird durch die Realität überholt. Das wissen nicht alle, und wie es vor sich geht, verstehen die Wenigsten, auch wenn es sich in unserem Leben, Politik, Alltag etc. auswirkt.

Nein, ich bin jetzt nicht den Schwurblern und Apokalyptikern beigetreten. Ich denke nur, dass Harari recht hat, wenn er ausmalt, was es bedeutet, wenn unser Produkt IT unsere Wahrnehmung und Denkföhigkeit dadurch überholt, dass IT eben Neues ohne humanen Eingriff produziert – wir es als solches „neu“ begreifen müssen, auch in seinen Wirkungen. Was es in jedes Menschen Leben ändert, wird man nicht genau voraussehen, und wenn schon…? Die Beispiele von Harari sind auch unangenehm, aber mich beschäftigt etwas anderes:

In diesen Tagen, während des so genannten Advent, fällt die Weltpolitik, Außen wie Innen, weiter auseinander. Die sich den Nukleartyrannen unterwerfen, haben meist Erklärungen, die die 24 Stunden nicht überstehen, und die sich nicht unterwerfen, kommen nicht ungeschoren davon Ja schon: Weltpolitik, aber bestimmte Werte und Aussichten verdünnen sich, verblassen, Umwelt, Lebensqualität und Kultur. Auch wenn wir wissen, wie es anders besser geändert und gefühlt werden könnte, tun wir es nicht oder stocken schon im Anfang. Die Kritik wird sozusagen nicht praktisch. Die drei nuklearen Diktatoren und ihre Untergebenen handeln, als ob sie es dürften, weil sie Macht haben. Würden die AI das ändern, um den Untergang der humanen Bevölkerung zu verhindern, hinauszuzögern? Das ist nur wirklich Science Fiction, früher war es wirklich Religion. Institutionalisierte, also selbst-erzeugte, Kommunikation innerhalb AI ist unterwegs, das dauert noch einige Zeit, aber es ist klar, wie wenig wir da eingreifen können. Bremsen ja, Moratorien, Widerstand, all das gibt es, weiterhin, aber keine Ablenkung vom Ausdünnen der humanen, der menschlichen Evolution.

Also, was tun? Gerade um diese Zeit verbreiten viele eine etwas verdünnte Hoffnung auf Widerstand, Resilienz, innovative Phantasie, und die Besseren verstärken ihr soziales und kulturelles Engagement, nicht zuletzt unter verstärkter Zuhilfenahme von AI. Wie denn auch nicht? Diese Wahrnehmung macht nicht glücklich, aber sie hält uns auf dem Boden, wir steigen nicht in die Erwartung ohne Hoffnung, dass wir bald so beherrscht werden, wie uns die Diktatoren gar nicht unterwerfen können. Das steckt nämlich auch dahinter, dass viele der AI zutrauen, sich von den Trumps und Putins und Xis nicht beeinflussen zu lassen. Von wem denn? Die Frage ist nicht trivial, wenn die Antwort sich nicht auf Menschen reduziert.

Der letzte Advent ist vorbei. Noch ein paar Einkäufe, Wohnung auf das Fest herrichten, sich EINSTIMMEN. Angesichts der Realität ist die Frage: warum nicht? gar nicht ironisch. Weder die politische Macht noch das Wirtschaftssystem noch die aufzwingende Herrschaft können in alle Ritzen, Winkel und Nebenräume hineinregieren, in den wir uns selbst mehr als einen Gefallen tun – solange und wie wir es wollen und können.

Austria erit in orbe ultimo? AEIOU

Zu diesem Patriotissimo hat es immer hunderte ironischer, böser, platter Varianten. Allen Ernstes ist Oesterreich unbegreiflich….Das also ist nicht neu. Aber was aus Österreich wird, wenn es so weitergeht in Europa, und mit der Welt? Putin möchte Österreich, Italien, Polen und Ungarn von der EU separieren und sich untertan machen, nicht Ostblock, das rentiert nicht, aber eben auch nicht loyal zur EU. Sind diese Länder ihm politisch, nationalistisch, undemokratisch einfach näher? Naja, sie unterscheiden sich vielleicht doch.

Putin und Trump interessieren sich nicht für Länder, Menschen, Beziehungen. Es geht nur um Geld und Herrschaft für Trump und Putin, und die unterwürfigen Gefolgschaften folgen dem einen lieber, oder dem andern, oder beiden, die ja auch in einander stecken. Macht euch nichts vor. Passt das auf Österreich?

AEIOU, nein. Schon seit der Verbindung mit den Burgundern, nachlesen! war Österreich anders an der Macht interessiert als andere. Aber das ist Geschichte. Ich denke an heute. Was kann ein Diktator mit Österreich anfangen, was anders als es wie eine Isoliermatte zwischen andere Nationen zu zwängen? In vielen europäischen Ländern ist die Rolle in der EU zu wenig durchdacht. Dass überall der neue Nationalismus wächst, obwohl er objektiv chancenlos ist – die drei großen Atommächte bestimmen, was wie weit „Nation“ sein darf, – zeigt, wie begrenzt das Verständnis für die Weltmacht Europa ist, siehe auch Mercosur Diskurs in Frankreich und Italien.

Österreich hatte schon ein Europa first geschaffen, das im 19. Jahrhundert korrodierte und im ersten Weltkrieg zerbrach, nachdem es schon früh von Preussen auch deshalb attackiert wurde. Spannende Geschichtsstunde…Und nach 1955 war/ist das neutrale, aber doch zivilisatorisch profilierte Land, im Guten wie im Schlechten, nicht einfach ein Blockmitglied schwächerer Position. Um das zu verstehen, kann man zum Beispiel regelmäßig den FALTER lesen (Falter.at).

In letzter Zeit verfolge ich eine wichtige Differenz Österreichs zu Deutschland: die rechte, faschistoide FPÖ unterscheidet sich wesentlich von der AfD und von vielen rechtsextremen Bewegungen, u.a. in Bayern. Sie ist gefährlich und nicht besser als die AfD, aber anders. Und diese Differenz muss man genauer analysieren, um zu verstehen, wie sich Staat und Gesellschaft versuchen, ständig zu konsolidieren, und um die wichtige Differenz zu Deutschland, abgesehen von der Wirtschaft, wahrzunehmen. Die drückt sich im Konflikt zwischen Kultur und Politik aus, die ist historisch noch lange nicht abgearbeitet: Österreich hatte zwei, einander bekämpfende Faschismen, in Deutschland folgte eine Spaltung auf den einen Faschismus, die bis heute Widersprüche in der Politik auslöst. Das schreibe ich, weil ich als Doppelstaatsbürger fast verpflichtet bin, die Differenzen zwischen den beiden Gesellschaften nicht einfach der Außendarstellung von Regierungen abzulesen. Mein Vorbild ist Van der Bellen, der Bundespräsident in der Hofburg, auch in seiner Geschichte. Von hier aus kann man retrospektiv vergleichen, beide Länder, beide Lager. Ich erachte die Differenz für notwendig, damit man versteht, warum Österreich für die beiden Lager Russland und USA wieder interessanter als seine bloße Wirtschaft wird.

Na gut. Bleiben wir beim AEIOU. Es geht eben nicht um „nationale“ Differenzen, sondern um die besondere, gesonderte Konfrontation von Politik und Kultur. Der Schul-Songtext AEIOU ist vielleicht einfältig, aber er zeigt seine Präsenz. Die eigentliche Bedeutung ist kontrovers, sagt auch wikipedia: „A.E.I.O.U. ist ein habsburgischer Wahlspruch, den Kaiser Friedrich III. (1415–1493) als Signatur bzw. Devise auf seinem Besitz anbringen ließ. Seine Bedeutung wird bis heute kontrovers diskutiert.“

Abgesehen von allen möglichen ironischen Buchstabenverdrehungen ist das AEIOU auch in der heutigen Kunst aktiv „


A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe – 2022, Nicole Krebitz. , mit Sophie Rois u.a.

Mich freut so etwas, weil es mein Gedächtnis stützt. Als Kosmopolit kann und will ich kein Patriot sein. Aber Österreich der russischen oder amerikanischen Destruktion zu überlassen, die ohnedies schon fortgeschritten, ist geht mir gegen den Strich.

Dagegen muss man etwas machen, d.h. aber erstmal denken und hinschauen, hinhören und beiden Kulturen gerecht zu werden. Einheit ist oft ein Paradox.

Rechtzeitig oder Recht zeitig?

Vieles wollen und sollen wir rechtzeitig erledigen, nicht wahr? Das gilt für die eine Hälfte der Menschen, die andere wartet ab, ohne Endpunkt im Visier. Wenn sich Probleme von selbst erledigen, warum soll man in den Verlauf eingreifen. Das findet die erste Gruppe lächerlich oder gefährlich. Wir gehören natürlich zur dritten Gruppe, einmal so und einmal so. Wenn wir bei beiden jeweils ein schlechtes Ergebnis haben, ist das schlecht, das Gegenteil wäre gut. Schluss mit diesem Gedankenspiel, mehr trägt es nicht…aber wie ich drauf komme?

Die abenteuerlichen Drehungen und Windungen bei den Verhandlungen über und meist gegen die Ukraine: da werden Ergebnisse und deren Konsequenzen oft taktisch hinausposaunt, bevor die Betroffenen sie durchdenken und kommentieren können – zur Zeit sind das die wieder aufgeschnürten, aber erstmal abenteuerlich russischen 38 Punkte. Sagen die Europäer: da haben wir erfolgreich darauf eingewirkt. Da muss Selensky sagen: da habe ich gut verhandelt. Da sagt Rubio: es geht schon gut weiter so. Und wenn es bei Trump endet, wird er es den Russen vermitteln können?

Das ist Politik als Spiel. Die Gebrauchsanleitung wird von den Mitspielenden nur teilweise wahrgenommen und auch nur geringfügig beeinflusst. Spieltheorie wird durchaus auf die Gesellschaftstheorie angewendet. Nichts neues also, aber da gibt es ja Reaktionen auf das Machtspiel Ukraine (Varianten der Reaktion auch zu Israel, Sudan, Kongo etc.). Die Spielregeln sind immer ex post nach den Entscheidungen der jeweils herrschenden Machthaber festgelegt und auch da nicht immer einsichtig. Nun folge ich Bourdieu in zwei Aspekten: innerhalb eines (hier: politischen) Feldes kommt es darauf an, wie alle Akteure und Gruppen auf das Ziehen oder Drücken eines Mächtigen, eines herrschenden Akteurs reagieren müssen (das ist wichtig: nicht was sie wollen, sondern wozu sie gedrängt werden). Nehmt ein Kristallgeflecht, drückt, zieht: alles ändert sich, aber nicht gleichmäßig oder vorhersehbar…(ich weiß, keine besonders gute Analogie, aber man kann sie sich vorstellen). Der zweite Aspekt: auch von Mächtigen agiert und reagiert keiner ohne seine soziale, und damit politische Prägung, er ist nicht einfach der „Führer“, sondern auch ein dorthin geformtes und geleitetes Produkt, – nur entschuldigt das nicht sein Handeln. Es sagt vielmehr, womit sich auch Herrschende befassen müssten, wenn sie Entscheidungen und Praktiken durchsetzen. Das ist bei den Diktatoren jeweils verschieden, und bei ihren Vasallen ebenso wie bei den kritischen Beobachtern, im Zweifel bei uns. Wie können wir das beurteilen, wenn wir uns nicht auch selbstkritisch mit unserer Entwicklung auseinandersetzen? Das tun die Diktatoren offensichtlich nicht aktuell. Oder nur insoweit, als sie die Macht haben, sich unentwegt neu zu verhalten, niemand kann ihnen in den Arm fallen – dürfen täten wir das schon, aber um welchen gefährlichen Preis. Das ist nicht trivial, weil wir sehr unterschiedlich gefährdeten Diskussionsgruppen natürlich über den Widerstand nachdenken und sprechen.

Zurück zum Anfang: ob und wie wir nach unseren Entscheidungen oder dem „Bauchgefühl“ handeln oder eben (nochnicht nochnicht) etwas tun, kann schon je nach Sachverhalt ziemlich böse Folgen haben. Wenn man im Rückblick Merkel heute nachsagt oder vorwirft, sie hätte bei diesen und jenen wichtigen Sachen in ihrer Regierungszeit nicht gehandelt, so ist das ein komplexes Urteil. Wenn man Merz analoges Gegenteil in der Innenpolitik nachsagt, usw. usf. Nein, diese Urteile sind schwierig und sie können gar nicht wirklich logisch im Augenblick des gegenwärtigen Ereignisses gefällt werden. Was beeinflusst aber nicht alles das „Später“…? Jedenfalls alles, was unser eigens Handeln besser begründen lässt.

Liebe Blogleserinnen und -leser: warum ich das so trocken abhandle? Weil ich versuche, mich aus den Kommentaren der letzten 24 Stunden aus PutinTrumpSelensky & Unterakteuren freizuhalten, um zu verstehen, was ich wirklich beobachte. Das trocknet auch mich aus.

Diktatoren ohne Eigenschaften

Ich hatte davor gewarnt, bei jedem Ereignis den Diktatoren Eigenschaften zuzuerkennen: klug, grausam, unverständlich, vorbildlich…es gehört zum Diktatorentum, sich so zu verhalten, wie man selbst will – und die Abhängigen müssen damit umgehen, nicht der jeweilige Diktator. Vor allem sind Aussagen, dass oder ob ein Diktator klug oder dumm sei, ein unsinniger Reflex der Unkenntnis über Gewaltherrschaft. Ich spreche über wirklich herrschende Diktatoren, Xi, Trump, Putin; zu ihren abhängigen Subdiktatoren, Orban, Erdögan usw. kann man sich ein paar Adjektive leisten oder Adverbien zu ihrer Handlungen, aber Vorsicht: auch sie sind Diktatoren.

Der Faschismus breitet sich global aus, er hält sich auch erfolgreich in der demokratischen EU und anderen, bislang demokratischen Weltgegenden – entweder in der Herrschaft selbst, oder als Opposition, die die Demokratie vor sich hertreibt. Da Faschismus sich auf das Führerprinzip gegen die Demokratie stützt, ist der Zusammenhang zu Diktatoren einsichtig.

Wenn nun faschistische Subdiktatoren auf ihre scheinbar Identität verweisen, um ihre Handlungen zu rechtfertigen müssen wir aufpassen. Orban ist ein Diktator, nicht weil er Ungar ist. Erdögan nicht, weil er Türke ist. Und Netanjahu nicht, weil er Jude ist. Das letztere macht natürlich mehrere komplizierte Diskurse weiter auf. Aber sie sind auch wieder einfacher zu bewerten, wenn man die Abhängigkeit der Politik(er), also von Faschisten und anderen Autokraten von den „großen“ faschistischen Diktaturen genauer analysiert – dazu sollte man sie kennen. Wichtig: nicht WEIL jemand eine ethnische Qaulität hat, handelt er diktatorisch, sondern OBWOHL. Und das können wir analysieren und verstehen.

*

Das ist eigentlich nicht mein Thema. Aber ich brauche es als Rahmen, um die Gestaltung von Außenpolitik und Außenerscheinung in Verbindung zur Innenpolitik zu bringen, EU Beispiele Dänemark, Italien und – Deutschland, wenn es um die unerträgliche Misshandlung von afghanischen Schutzbefohlenen geht und um die ausländerfeindlichen Argumente gegen syrische und ukrainische Menschen bei uns. (Vorsicht: ich spreche in keinem Fall von Kriminellen). Da ist die fremdenfeindliche Politik der rechten, angeblich christlichen Regierung, nicht nur peinlich, sie zeigt auch die historisch belegte Öffnung der Religion zum Faschismus, übrigens auch ihren teilweise Widerstand.

Das alles ist der Zwergenregierung von Lenz nicht so deutlich. Umso wichtiger, es immer wieder öffentlich zu machen. Wir werden verarmen, ja, wir werden mit Europa Karthago III wohl erleben; aber wir müssen nicht die Hilfsarbeiter moralisch und ethnischer Diktate werden.

Diktaturen und Kulturen im Herbst

Man kann gar nicht anders, von allen Seiten prasseln die Informationen und Warnungen auf einen zu. In der ZEIT Nr. 48, vom 11.11., wird unter „Ich, die Macht“ eine beachtliche Auswahl von 10 Diktatoren des 21. Jahrhunderts mit Amtszeiten von 11 bis 46 Jahren vorgelegt und 5 auf dem „Weg zum Autokraten“, von Erdögan (23 Jahre) bis Trump (1 Jahr). 10 weitere „Historische Gewaltherrscher“ sollen unser Wissen vervollständigen. Natürlich fehlen einige in der Gegenwart, man kann die Liste vervollständigen, und man kann den Autokraten und Diktatoren noch viele Zuschreibungen anfügen, und vielleicht gar eine Hierarchie herstellen, die etwas zu unserem Bildungsbewusstsein beiträgt – wie reden wir denn über die jeweiligen Gewaltherrscher, wenn wir schon über sie reden. (Wenn wir ihnen weitgehend untergeben sind, werden wir milder und fürchten Strafen – aber wir denken grüber über sie . Es lohnt sich, zwischen Gegnern und Feinden zu unterscheiden, und zwischen uns machtvoll Beherrschenden und denen, die das untergraben wollen, etwa zwischen Trump und Putin). Ähnliches habe ich mehrfach und anderswo gehört und gelesen, es gehört zu unserer Allgemeinbildung. In der gleichen ZEIT ist auch eine Darstellung vom massiven Influencer der US-Autokratie, Peter Thiel, mit einigem ideologiekritischen Hintergrund: Nicolas Killian : Seine Gedanken beherrschen die USA (S.20f.). Yuval N. Harari beschreibt diese Diktaturen ähnlich, auch heikle Namen, wie Netanjahu sind dabei und Trump wird schon härter verbucht, und vor mit stapeln sich weitere Analysen in diese Richtung, Anne Applebaum, Fritz B. Simon und Giuliano Da Empoli…alles aktuell. Nun, „neu“ ist das nicht, aber wenn man die Zögerlichkeit der deutschen Zwergenregierung wahrnimmt, die noch immer keine wirkliche Vorbedreitungspflicht auf eine globale, europäische, stattliche Abwehrentwicklung sieht, fragt man sich, warum und wie. Und da die Umwelt beiseite gelegt wird, kann die globale Kriegswirklichkeit deren Untergang nur vorwegnehmenm, sicher nicht reduzieren. Dazu werden wir mehr und besser denken müssen, und handeln.

*

ABER da gibt es die Hoffnung der Gegenwart: die Kultur – sie ist immer für die Zukunft da. Manche würden sich fragen, was das bedeutet. Aber Kultur verändert die menschliche Gesellschaft dort, wo die Evolution noch nicht oder nicht mehr angekommen ist (Hier kann man mit Thiel vergleichen, für den die Apokalypse überwunden werden muss (!) – für die Elite und um jeden Preis…da gibt es übrigens eine peinliche Analogie, wegen seiner deutschen Herkunft). Kultur muss nicht in „richtige“ Richtung wirken, aber sie kann, und da kommen WIR ins Spiel. Nur zuschauen und zuhören reicht nicht. Teil der Kultur ist jene Verbesserung der Zivilisation, die uns den Vorsprung vor IT und Medienherrschaft und Führerprinzip gleichermaßen auferlegt wie möglich machen sollte, wollen wir nicht in der Vergangenheit versinken. Denken, schreiben, hören, fühlen, und sich nicht dem Wissen der Macht überlassen, sozusagen die Perle in der Muschel sein. Das sind wir nicht.

*

Das wird nicht einfach. Unsere Zwergenregierung steuert uns auf das dritte, das letzte Karthago zu, wie ganz Europa. Hohe Löhne, niedrige Renten, schlechte Bildung, teure Reisen, und keine wirklichen Innovationen, das ist weder Zufall noch einfach umsteuerbar ohne unseren persönlichen Aufwand, und das wollen die meist älteren Abdanker nicht. Dann lieber noch einmal Ökonomie vor Ökologie – da geht es wenigstens farbenfroh in den Sonnenuntergang – glauben die. Aber, das denke ich, der Widerstand gibt nicht nur mehr Kraft und Resilienz als die pöbelhaften Vereinfachungen der rechten und anderen Populisten. Aber Überleben ist nicht einfach.

Umberto Eco I – Wichtiger denn je

UMBERTO. so hießen eine Reihe von mehr oder weniger unbrauchbaren Herrschern über Piemont und später Könige von Italien. Aber es gab nur einen UMBERTO ECO, und den wird es weiter geben, wichtiger denn je.

Erste Fassung des Essays:

Eco

Beitrag zum Seminar von Marion Näser-Lather, Universität Innsbruck, Dezember 2025

1.

Verwendete Literatur:

(Saager 1931, Eco 1972, Eco 1977, Eco 1977, Calvino 1977  , Visentini 1993, Eco 1998, Bach and Breuer 2010, Eco 2020) u.a.

2.

Aufgabe des Essays:

Den italienischen Faschismus aus der Sicht von Umberto Eco zu beleuchten. Das ist keine abgeschlossene wissenschaftliche Arbeit, sondern ein mehrdimensionaler Blick eines Soziologen auf die Aussagen des wichtigen Intellektuellen Eco, der Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler war, und sehr gut vermitteln konnte. Was Eco den „Ur-Faschismus“ nannte, hatte er in 14 Beschreibungen knapp und klar beschrieben (Eco 2020), und oft besser als viele Faschismus-Theorien. Das ist eines der Probleme, „Die Verschwommenheit“ des Begriffs (S.30), die ich  teile.

Kurze persönliche Begegnungen und Diskussionen haben mir den ohnedies sehr geschätzten Kollegen noch näher gebracht, aber ich werde weder Anekdoten noch meine subjektive Vorliebe für eine bestimmte italienische Kultur an dieser Stelle in den Vordergrund rücken, sie stützt mich eher.

3.

Im Fokus mehrerer konzentrischer Kreise steht Ecos „Ewiger Faschismus“ (Eco 2020) Original erschienen 2016, sein spätes Werk mit einem wichtigen Vorwort von Saviano. Bevor er zu seinem Hauptthema, dem Ur-Faschismus kommt, zeichnet er den italienischen Faschismus von Mussolini nach und behauptet, dass sich die nachfolgenden Faschismen daraus ableiten (21). Er stellt implizit zwei Thesen auf: dass der italienische Faschismus schwach sei, weil ohne Philosophie bzw. Ideologie, und dass er essentiell eine Bewegung eher als eine Partei sei. Das letztere teile ich für alle Faschismen, insofern wir sehen werden, was sie bei allen Unterschieden vereint. Das erstere mag aus der Sicht des Wissenschaftlers so erscheinen, nur kann man daraus Schwäche nicht ableiten. Wichtiger ist die Feststellung, dass dieser Faschismus nicht „durchgehend totalitär“ war (22). Für micht entscheidend ist diese nachvollziehbare Entscheidung, obwohl die Herkunft des mussolinischen Faschismus bzw. seine Biographie bei seiner sozialistischen Geschichte hätte anfangen müssen[1]. Das ist ein wichtiges weiterführendes Implikat, aber hier nicht zentral. Für Eco von Bedeutung, dass sich alle wirklichen und potenziellen Faschismen nicht in ihrer Bezeichnung erhalten haben, sondern „Faschismus“ zu einem Oberbegriff jenseits realer Differenzierung wurde und ist. Hier sieht man den Wissenschaftler Eco und weniger den Literaten.

Den hatte ich schon vor dem „Namen der Rose“ im Blick gehabt. Seine akademische und wissenschaftliche Konturierung bleibt neben der literarischen weiterhin wichtig[2].

Bevor Eco zu seinen 14 Merkmalen des Faschismus kommt, verweist er auf die Varianzthese von Wittgenstein, nach der die Elemente des Faschismus  ja unterschiedlich kombiniert werden können. Ausgangspunkt ist: „Aber das faschistische Spiel lässt sich auf vielerlei Weise spielen, und der Name des Spiels bleibt der gleiche“ (28). Und damit erreicht er seinen Einstieg in die Systematik von 14 Elementen des Faschismus (30-39). Mir fällt nicht auf, was hier fehlen könnte, aber natürlich kann die Wissenschaft das alles differenziert und analytisch ausweiten[3] – wenn man das braucht. Einsicht in den Faschismus geht also.

Für mich interessant ist, dass Eco ganz deutlich den Nazismus und den Stalinismus als jenseits des normalen Faschismus verortet, und dass die Normalität überall im Faschismus ihre Bandbreite hatte, was nichts entschuldigt, aber vieles erklärt (nicht zuletzt in der italienischen Kultur). Das ist für mich durchaus wichtig, weil es den Unterschied zwischen Austrofaschismus und Nationalsozialismus sowohl auf der Strukturebene als auch in der Realität erklärt. Der Name des Spiels blieb der gleiche.

4.

Ecos Zeichentheorie war auch in der Wissenschaft zunächst nicht populär. Aus dem Widerstand gegen die Ablehnung heraus schrieb Eco im „Namen der Rose“ gleich drei Aspekte: die Zeichentheorie (auch gegen Jorge Luis Borges), den kirchlichen und sozialen Konflikt des Mittelalters  und eine Kriminalgeschichte ersten Ranges (Eco 1982).

Mit und nach diesem Roman wurde Eco auch ein weltberühmter Autor und viele LeserInnen haben sich mit dem Hintergrund des „Namens der Rose“ nicht befassen müssen, und dem der folgenden Romane und Essays auch nicht. Das geht in Ordnung, aber hier ist ja der Faschismus und seine Erklärung relevant, und da bietet Eco eine gute Basis zum weiteren Diskurs. Denn Faschismus  breitet sich zur Zeit global aus, und sein Hauptgegner in allen Varianten ist die Demokratie, und seine Instrumente sind die 14 Thesen Ecos auch in den verschiedenen Spielarten des Populismus.

5.

Die Differenz von Faschismus und Nazismus ist wichtig, vor allem, wenn man die Nazi-Deduktion der deutschen Faschismusanalyse mit der Darstellung der übrigen Analysen vergleicht, vor allem der Italiens und Österreichs (nicht zufällig).  Die Darstellung der Struktur (22-27, vor den 14 Thesen) ist realistisch, nicht den Fascismo entschuldigend, aber ihn richtig verortnend, und das Verhältnis der Führer zur Kultur genau bescheibernd, das waren die Nazis nun wirklich anders. Ecos Darstellung ist grundlegend, und ihr LeserInnen und Leser +nehmt noch Savianos Vorwort dazu, wo er nicht zuletzt den Mut des älteren Eco hervorhebt (7-14) und immer die Retroperspektive der Nazis betont.

Da nun Eco die „Entstehung“ Mussolinis kaum hervorhebt, gehe ich in die Biographik.Sehr früh fiel mir ein Buch von Adolf Saager (* 18791949) auf. „Mussolini ohne Mythus – Vom Rebellen zum Despoten“ (Saager 1931) beschreibt Mussolinis persönliche und politische Biographie vor der Machtübernahme der Nazis, 1931 (!). Saager, ein Deutsch-Schweizer, eher links-unabhängig, lohnt in seiner Beschreibung Mussolinis Kindheit und Jugend, und wie seinen Charakter und seine Rhetoik erst „links“ und ab 1914 „faschistisch“ entwickelte, wobei „Auf den November 1921 fällt Mussolinis eigentliche Bekehung“ (S. 111). Mich interessiert vor allem Kindheit und Sozialisation des jugendlichen, rhetorisch begabten, gespalten erzogenen Aussenseiters, und eben der politische Beginn mit der Arbeiterklasse, bzw. ihrer Politik dazu. Das macht bis heute eine Schwachstelle der kritischen Faschismustheorie, dass ihr klassenbezogener „linker“ Aspekt nicht zum „rechtsradikalen“ Rahmen passt, obwohl es eher darum geht, die Achse Links-Rechts hier nicht objektivistisch einzufügen.

Für mich, österreichisch-deutscher Doppelstaatsbürger, ist das besonders wichtig, weil es den grundlegenden Unterschied zwischen dem deutschen Nazis und dem österreichischen Austrofaschismus nach 1933 bis 1938 erklärbarer macht. Eco macht deutlich, wie komplex und unterschiedlich sich Faschismen entwickeln und doch Faschismus bleiben.

6.

Saagers Buch habe ich antiquarisch erworben. Darin lag auch eine Rezension aus der SZ, 1985, von Heinz Abosch (Heinz Abosch – Wikipedia): Seine Kritik an einem Vergleich von Hitler und Mussolini ist jedenfalls wichtig in der Rezension von Georg Scheuers Buch über den Ur-Faschismus: „Genosse Mussolini? : Wurzeln u. Wege d. Ur-Fascismus“, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1985. Und natürlich Ecos Begriff des Ur-Faschismus…

7.

Wieder fällt mir, diesmal in Innsbruck, ein Buch über die „Lega“ in die Hände, also über einen der Koalitionspartner von Meloni. Aber das Buch ist von 1993, und Bertolucci und Bossi spielen entscheidende Rollen und der Zerfall der Demokratie von innen und außen: (Visentini 1993). „Die Lega hat keine Ideen, sie hat keine Programme“ (97). Das könnte so bei Eco stehen, nicht aber bei den Parteihistorikern des Faschismus. Das Buch ist eine grimmige, ich sage fast „klobige“ Übergangsbrücke aus der italienischen Nachkriegsdemokratie zu Berlusconi bis zu Meloni heute. Spannend natürlich für dauernde Besucher Südtirols ist die Rolle der SVP: „Der Südtiroler Volkspartei gefällt die Lega nicht, aber wer weiss…“ (88-96), und da kommen auch Rechtsradikale vor, wie „der Tiroler“ (Zeitschrift, S. 95).


Erste freiheitliche Regierungsbeteiligung: Am 31. Jänner 2024 erfolgte im Landtag die Wahl der neuen Landesregierung (Partei | Die Freiheitlichen). Als erste freiheitliche Landesrätin wird Ulli Mair in der neu gebildeten Koalition aus SVP, Freiheitliche, Lega, Fratelli d´Italia und der Bürgerliste La Civica künftig die Zuständigkeitsbereiche Wohnbau, Sicherheit und Gewaltprävention verantworten. Da sind sie also in der Koalition, die Rechtsradikalen. Noch können sie an die SVP nicht heran. Aber so etwas stärkt natürlich Meloni. Über die  muss man im Kontext nachdenken.

Giorgia Meloni (* 15. Januar 1977 in Rom) ist eine italienische Politikerin und seit Oktober 2022 italienische Ministerpräsidentin. Sie ist seit der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts in Italien 1946 die erste Frau, die eine italienische Regierung anführt.

Meloni ist seit 2014 Vorsitzende der als postfaschistisch klassifizierten Partei Fratelli d’Italia (FdI) und war von 2020 bis 2025 Präsidentin der Europapartei Europäische Konservative und Reformer (EKR). Im vierten Kabinett von Silvio Berlusconi war sie von Mai 2008 bis November 2011 Ministerin für Jugend und Sport. Bei der Parlamentswahl in Italien im September 2022 trat sie als Spitzenkandidatin ihrer Partei an, die als stärkste Kraft aus der Wahl hervorging. Politisch wird Meloni als rechtsextrem eingestuft. (Giorgia Meloni – Wikipedia).

Auf sie passen genau die von Eco beschriebenen Unschärfen der Parteienstruktur, von der teilweise sehr akzeptablen Außenpolitik bis zum Manövrieren im Inneren, z.B. in der Kultur, und ihrem Druck auf die Veränderung des Justizsystems (Italien: Parlament stimmt für Giorgia Melonis umstrittene Justizreform). Um die marodierte Demokratie zu verstehen, muss man die Zeit Berlusconis zurückgehen, und die Macht und Deformation der Medien analysieren, übrigens eine von Ecos Agenda.

8.

Eco hat begonnen, Belletristik zu schreiben, um seine Wissenschaft zu vermitteln, begonnen mit dem „Namen der Rose“. Manche seiner Bücher sind ohne diesen Rückhalt schwer zu verstehen, andere sind „reine“ Literatur – als ob diese Trennung möglich wäre. In einem ganz schmalen Bändchen schreibt er über Bibliotheken (Eco 1987). Nachdem er sich über Borges`Unendlichkeit wieder einmal lustig macht, kommt er zu einem durchaus holprigen realistischen Problem, das lesewillige Menschen mit Bibliotheken haben, übriegns auch hier didaktisch vollkommen, freudig unseren Bibliotheksbesuch animierend – und seine Schwächen gleich in den Alltag mitverarbeitend. Das erinnerte mich an die kürzlich bei Jean Cocteau gelesene Stelle: „Unsere Schwäche wird also darin bestehen, Nationen der Disziplin und Ordnung zu beneiden und ihnen nachzueifern. Unsere Stärke aber wird sein, Disziplinlosigkeit und Unordnung einzusehen und auszuwerten“ (Cocteau 2025). Ersetzt die Nationen durch Bibliotheken, und ihr kommt der Wirklichkeit nahe, und Eco, dem Sieger über Borges.

9.

Es gibt noch einiges mehr über den Faschismus zu denken und mitzuteilen. Aber das wird ja in den Veranstaltungen in Innsbruck bestens der Fall sein. Was ich sehr ernsthaft sagen möchte, zum vorläufigen Abschluss, bedenkt rechtzeitig, wie sich der Faschismus seit dem Ur-Faschismus zur Zeit ausbreitet und verfestigt. Wie er nicht als Parteisystem wahrgenommen und bekämpft werden kann, sondern als Bewegung.

Das erfordert aktive Demokratie, nicht einfach abwehrende.

Literatur:

Bach, M. and S. Breuer (2010). Faschismus als Bewegung und Regime. Wiesbaden, VS.

Calvino, I. (1977  ). Die unsichtbaren Städte. München, Hanser.

Cocteau, J. (2025). Brief an die Amerikaner. Düsseldorf, Rausch.

                        Kritik an US ent-menschlichte, maschinelle, glättende Kultur versus  „europäisch“, man muss die Ironie verstehen und den Vorrang der Kunst billigen. Mein Blog 30.10.2025

Eco, U. (1972). Einführung in die Semiotik. München, W. Fink / UTB.

Eco, U. (1977). Das offene Kunstwerk. Frankfurt, Suhrkamp.

Eco, U. (1977). Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

Eco, U. (1982). Der Name der Rose. München, Hanser. Original 1980.

Eco, U. (1987). Die Bibliothek. München, Hanser.

Eco, U. (1998). Nachdenken über den Krieg. Vier moralische Schriften. München, Hanser.

Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus. München, Hanser.

Saager, A. (1931). Mussolini ohne Mythus. Vom Rebellen zum Despoten.

. Wien und Leipzig, Hess & Co. .

Visentini, T. (1993). Die Lega – Italien in Scherben. Bozen, Raetia.

Autor:

Michael Daxner

Feuerbachstraße 24-25

D 14471 Potsdam

michaeldaxner@yahoo.com

http://www.michaeldaxner.com

Dank für die Unterstützung an Birgit k. Seemann, Marion Näser-Lather, Tom Koenigs.

Der Text wird demnächst in einer erweiterten englischen Version veröffentlicht.


[1] Kurz zusammengefasst: Nach Anfängen bei der sozialistischen Presse stieg Mussolini 1912 zum Chefredakteur von Avanti! auf, dem Zentralorgan des Partito Socialista Italiano (PSI). Als er dort offen nationalistische Positionen vertrat, wurde er im Herbst 1914 entlassen und aus dem PSI ausgeschlossen. Mit finanzieller Unterstützung der italienischen Regierung, einiger Industrieller und ausländischer Diplomaten gründete Mussolini bald darauf die Zeitung Il Popolo d’Italia. 1919 gehörte er zu den Gründern der radikal nationalistischen und antisozialistischen faschistischen Bewegung, als deren Duce (von lateinisch dux „Führer“) er sich bis 1921 etablierte. (Nach Anfängen bei der sozialistischen Presse stieg Mussolini 1912 zum Chefredakteur von Avanti! auf, dem Zentralorgan des Partito Socialista Italiano (PSI). Als er dort offen nationalistische Positionen vertrat, wurde er im Herbst 1914 entlassen und aus dem PSI ausgeschlossen. Mit finanzieller Unterstützung der italienischen Regierung, einiger Industrieller und ausländischer Diplomaten gründete Mussolini bald darauf die Zeitung Il Popolo d’Italia. 1919 gehörte er zu den Gründern der radikal nationalistischen und antisozialistischen faschistischen Bewegung, als deren Duce (von lateinisch dux „Führer“) er sich bis 1921 etablierte. (Benito Mussolini – Wikipedia 31.10.2025).

[2] Ich verweise schon hier auf Eco, U. (1972). Einführung in die Semiotik. München, W. Fink / UTB.

                , Eco, U. (1977). Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

                , Eco, U. (1977). Das offene Kunstwerk. Frankfurt, Suhrkamp.

                Für mich wichtig war schon früh das bis heute aktuelle didaktische Buch „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften. UTB 14. (!) Auflage. 2020. ISBN 978-3-8252-5377-6

[3] Vgl. Bach, M. and S. Breuer (2010). Faschismus als Bewegung und Regime. Wiesbaden, VS.

Retrogegenwart und Vergangenfutur

Der Diktator Trump erkauft und erdroht sich seinen Nobelpreis. Wahrscheinlich knicken alle vor ihm ein, die Speichellecker, Faschisten, Naiven und Gutgläubigen. Lasst ihm den Preis, wenn er izhn erhält, wird der alternative Friedenspreis umso wichtiger sein, und an der Vergangenheit kann der Diktator ohnedies nichts ändern. Was Frieden heisst, kann man ja bei George Orwell in 1984 gut nachlesen. Außerdem, Nobel und sein Dynamit sind ja auch nicht glatt eindeutig…

Ein Freund schenkte mir ein Buch: „Brief an die Amerikaner“ von Jean Cocteau, übersetzt von Paul Celan (Düsseldorf 2025: Rauch). 1949 in einer Flugnacht von New York nach Paris geschrieben. Und als Vorwegnahme der Gegenwart wieder aufgelegt.

Cocteau (1889 – 1963) war schon ein wichtiger Künstler und Intellektueller in Frankreich vor, im und nach dem zweiten Weltkrieg. Seine Reaktion auf die Tage in New York, )Neuyork bei Celan) sind doch nicht die reaktionäre europäisch-konservative Zweiteilung der westlichen Welt in Kultur vs. Zivilisation, aber gerade das kann man bei der Lektüre auch verstehen.

Er vergleicht implizit, manchmal auch deutlicher, die USA mit Frankreich. Seine Kritik an Frankreich ist dem schon berühmten Künstler und Intellektuellen anscheinend wichtiger als die Kritik an den USA, aber hier geht es um das Wegziehen des Vorhangs vor der kulturellen Wirklichkeit Amerikas.

Das Ganze ist schnell, fast fiebrig hingeschrieben. Es geht Cocteau auch um die Schlussfolgerung aus der amerikanischen Art Kunst wahrzunehmen, sich einzunehmen. Mitten im Flug beschwört er sie „(Meine Dankbarkeit…) beschwört Euch (diese Zeilen) nicht zu lesen, während Euer Rundfunk <Musik für Lesende>sendet“ (S. 33). Und vorher, fast pathetisch, warnt er vor der Kunst als „Zerstreuung“, sie sei eine „Weihe“. (S.32). Später wird die Kritik fast gefährlich in ein Retro verpackt, wenn er Goncourts Kritik an den Waschbecken wiedergibt, die an der Wandbefestigt sind…Ist doch gut, oder? Das ganze Essay wendet sich immer gegen die Herrschaft der Zahlen und der Maschine, und hier, beim Händewaschen, klingt es erstmals retrokomisch: „Früher wurde uns das Wasser gereicht, das Licht, die Nahrung und wir brauchten uns nicht von unserem Platz zu rühren. Zahllose Hände waren zur Arbeit bereit und forderten kein Entgelt. Und doch kam jeder auf seine Rechnung. Jetzt sind diese Hände verschwunden. Die Maschine hat sie verdrängt“ (S. 47). Der Ansatz ist natürlich falsch und deshalb auch die Folgerung. Worauf er hinauswill, ist scheinbar paradox: „die Wasserhähne funktionieren in den USA gut“ (Mittelschicht, Massendemokratie) und in Frankreich „äußerst schlecht“, und so kommt er gerade hier zu einem seltsamen Fazit „Unsere Schwäche wird also darin bestehen, Nationen der Disziplin und Ordnung zu beneiden und ihnen nachzueifern. Unsere Stärke aber wird sein, unsere Disziplinlosigkeit und Unordnung einzusehen und auszuwerten“ (Ebda.).

Seine großartige Künstlerschaft, anarchisch, führt er bis zum Ende, dann wird er aktuell wie kaum jemand: „In meinen Träumen bewohne ich eine Welt, in der es noch keine Kontrolle gibt. Es wird sie aber geben, wenn Euer Gefälle sich fortsetzt. Man wird die Träume kontrollieren, und es wird keine Kontrolle der Psychiater sein, sondern die Kontrolle der Polizei. Man wird die Träume kontrollieren sie bestrafen. Die Traumhandlungen wird man bestrafen. Gute Nacht!“ (S. 59)

Stimmt das etwa nicht, bei Xi, Putin, und jetzt Trump? Und gibt es für die drei nicht hinreichend Handlanger?

Und versuchen nachgeordnete Diktatoren das zu übernehmen? Aber ja, nur nicht so dauerhaft und hartnäckig. Nun, mit Kunst und kritischem Denken (allein) werden wir die Diktatoren nicht loswerden, aber ohne diese überhaupt nie. Cocteaus Träume sind ein Hinweis darauf, wo die Gewalt noch nicht direkt hinkann, aber hinwill. Kunst gefährdet die Gewalt, nicht nur sie.

Die Diktatoren der Gegenwart, allesamt mit ihren Lakaien, berufen sich auf die Wiederherstellung der „echten“ Vergangenheit, in Religion, Literatur, Kunst und Philosophie, übrigens auch über die Entwicklung der Geschlechter. Dass sie damit keine Zukunft haben können, heißt nicht, dass in der Zukunft weiterhin in der Vergangenheit leben werden. Da hilft einem Cocteau in seinem übernächtigen Flug…und lässt uns träumen.