Grau in Grau. Grausig und doch.

Für viele ist grau keine Farbe, für manche ein Zeichen dezenter Kleidung, und als Vorsilbe zum Beispiel für Burgunder ganz richtig. Geht man durch die nebelgraue Landschaft, kann das bisweilen romantisch sein, aber man will kein Landschaftsbild grauingrau an der Wand, obwohl…Als Metapher hört mans oft, grauer Alltag, graues Alter, Grauschimmel, Grauwacke und graue Zwischenbereiche von legal und illegal. Also eine auch literarisch verwendbare Bezeichnung, die Kritiker können sich äußern, die Friseure auch.

Oft dient grau dazu, dass man nicht so genau hinschaut oder so richtig etwas erkennt. Jetzt werden wir gebildet, nicht wahr? Der Graus hat übrigens etymologisch, also sprachgeschichtlich nichts damit zu tun, das ist schon grausig genug, und ich mag das Wiener grauslich noch lieber. So erscheinen mir die meisten der letzten Kommentare zu Trump in Davos, zu den Massakern im Bereich der Exekutive in den USA und anderswo, und doch ist grauslich nicht auf die Weltpolitik beschränkt, sondern kommt im Haushalt, beim Essen, und vielfach in sogenannten Witzen vor, die man dann lieber hört als selbst erzählt, und lieber doch nicht gehört hätte, so grauslich waren sie. Viele Variationen gibt es davon „Heinrich! Mir graut’s vor dir.“ (Goethe, keine gute Stelle für Faust, Grete weiß das schon….anderen grau(s)t es auch, literarisch, alltäglich, und übers Grausen kann man schlecht reden, auch wenn man es fühlt und bedenkt. Es graust einem einfach. Und wenn es um bestimmte Menschen geht, graust einem vor einem Lustmörder, aber auch vor einem Politiker. Wenn einem kein Adjektiv einfällt, böse, grausam, gemein, alles mögliche passt nicht, aber „grausig“ impliziert auch die tiefgreifende Abwendung, vor allem in der Politik, da will man nicht diskutieren, wer grausig erscheint, den will man ausblenden, und kann es nicht.

Ich mag jetzt nicht aufzählen, wen ich grausig finde, ich mag die Namen nicht nennen, weil das symbolisch als gewöhnlich missdeutet werden. Wer zu jemandem Grausigen noch etwas sagen kann, findet ihn nicht sooo schlimm. Ich zumindest. Aber ich finde schon einige und nicht nur einen grausig. Und wenn wir über diese Grausen reden, dann versage ich mir alle Bezeichnungen, Eigenschaften, es gibt dann immer nur eine Bezeichnung.

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Ich schaue aus dem Fenster. Draußen ist es grau in grau in grau. Keiner meiner Grausigen zeigt sich im Nebel, schade, dass sie nicht verschluckt werden. Wenn man aus dem Nebel nach Hause, ins Licht kommt, kann man wieder profiliert politisieren. Aber die graue Welt belehrt, dass das Grausige auch da ist, wenn man es nicht so genau sieht, dass man seine Kommentare immer gleich ansetzen kann. Grausam.

Krieg und … runter von der Illusion

Als wäre es wichtig, ob und dass jetzt ein dritter Weltkrieg sich anbahnt, schon entwickelt , oder erst droht. Als ob der Diskurs die Krieg/Friedenspolitik dirigieren könnte. Es ist auch nicht wichtig, geistige Defekte bei den Diktatoren festzustellen oder zu leugnen, was sie tun zählt, und nicht wie sie es sehen. Auch die Vorschau, wie lange sie als Personen noch leben werden, ist egal, es geht nicht nicht um ihren molekularen Körper, sondern um den zweiten, den symbolischen, der im Mittelalter die Gesellschaften fokussierte.

Analytisch stimmen wir kritischen Geister schon ziemlich überein. Nuancen sind verschieden, ob die Analogie etwa stimmt, Hitler – Stalin, Trump – Putin (ich sehe es eher umgekehrt, und da gibt es noch Xi, und damals gabs keine Nuklearmacht.

ABER

Wen kümmert es wirklich, wie wir gerade über den Tag, über die Zeit denken? Ob drittklassige Politiker dem Trump in den Putin kriechen oder dem Putin in den Trump, macht den beiden so wenig aus wie Lob und Kritik aus subalternen Mündern. Ist Trumps Nobelarroganz wirklich weltpolitisch wichtig? Oder spielt er auch sie, um die Politiker der 0,8 Qualität zu beeindrucken, gar zu beeinflussen.

Ein Deutschamerikaner, ein guter Professor, machte heute morgen deutlich, wie faschistisch die USA sich mittlerweile gerieren. Über Giuliano da Empolis Einsicht in die Stunde der Raubtiere habe ich hier schon berichtet. Und bald, jetzt, merken es die eher freigeistigen, liberalen Medien, wie wenig bedeutsam Einsichten und Meinungen sind.

Zur Zeit sind die Analysen, was wir europäischen Demokraten gegenüber dem Westen, den USA, versäumt haben, sekundär. Wie kann man korrigieren, was uns in den Krieg, konkret in Hunger, Armut, Weltwirtschaftskrise, Nuklearopfer etc. treibt, in welcher Kombination auch immer?

Wir können es nicht. Wir werden sehen, wie und ob die Ukraine Spielball des Trumputin-Pakts der Aufteilung Europas wird, morgen werden die Heuchler ihre Prognosen bestätigt sehen oder sich wundern, was wirklich beschlossen wird, aber das alles hilft uns in Europa wenig. Die Faschisten aller Länder werden noch nicht einmal triumphieren, sie werden ihre Beziehungen zu einander überprüfen, koordinieren. Die Demokraten werden darüber sprechen, wie sie ihr Gesicht wahren können, wenn sie sich schon unterwerfen – müssen, nicht „können“.

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Wenn jemand aus dem Dämmerschlaf der Opiumsession aufwacht, dann schaut die Wirklichkeit dem wachen Auge SELTSAM entgegen. Seltsam sieht die Welt schon aus, richtig, aber wir können sie nicht mehr einfach weg-denken. Keine Philosophie, keine Religion, keine Ratschläge bitte, heute einmal nicht. Aufwachen und daran denken, was einem selbst, dir, mir, uns, wirklich wichtig ist zum weiterleben und dann auf die Politik schauen, die wir offen (kaum) oder verdeckt (eher) tun können.

Jetzt könnt ihr sagen, das alles ist negativ und entmutigend und deprimierend und hilft nicht weiter. Was folgt daraus, wenn ihr das sagt? Es gibt kein großes Portfolio an Optionen und Alternativen. Es kommt auch nicht so sehr darauf an, wie die jeweilige Unterwerfung kaschiert oder umschrieben wird. Es geht um die Lebensqualität der wirklichen Menschen und ihrer sozialen und emotionalen Zusammenhänge. Bekanntlich können Diktatoren sehr viel, auch nicht Zusammenpassendes. Sie können aber die wirkliche Wahrheit aus keinem ihrer Opfer so herausbringen, dass sie daraus eine Bestätigung ihrer Diktatur ablesen können.

Wenn Trump den Friedensnobelpreis bekommt, wird es danach keinen mehr geben. Na und?

Ich weiß, es ist unfreundlich, im hellen Sonnenlicht des Tages so düster zu denken. Aber freundlich den Farben der Eroberer zuzustimmen, bevor man selbst abgeführt wird, ist auch nicht besser.

Darüber kann man auch nachdenken, wenn man im Sonnenlicht spazieren geht und aufwacht.

(Lest Daniel Brössler, SZ von heute, und die 6 Punkte am Ende. So können Unterworfene sich wenigstens in den Spiegel schauen).

Diktaturen auf dem Markt

Natürlich kann man auch im Kapitalismus gegen den Kapitalismus sein. Natürlich – im Wortsinn und symbolisch, politisch. Aber nicht vergessen, dass wir ja keine wirksamen Hebel zur Änderung haben, weder ökonomisch noch weltpolitisch. Ich zitiere einen marktwirtschaftlichen, aber gesellschaftlich kritischen Experten, der immerhin in Witten Herdecke lehrt und Familientherapeut ist:

Nachdem er sich nachhaltig für „Rechtssicherheit, die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Wissenschaften“ eingesetzt hat, resümiert er „Insgesamt gesehen haben sich in der Geschichte der letzten Jahrhunderte (! MD) autokratische Systeme ökonomisch als weniger erfolgreich als demokratische, (mehr) auf die Intelligenz von Märkten setzende Systeme erwiesen – zumindest, was die Höhe des Bruttosozialprodukts angeht. Dass dies nicht unbedingt mit der Zufriedenheit und der Lebensqualität der Bevölkerung korreliert ist, muss an dieser Stelle in Erinnerung gerufen werden…“ (Fritz B. Simon: Wie Diktaturen funktionieren. Carl-Auer 2025, S. 265). Der zweite Satz spricht von der Marktwirtschaft auf uns Menschen. Und im Resümè, steht ganz unerfreulich. „So werden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die noch heute bestehenden westlichen Demokratien (das sind wir! MD) zu Pseudo-Demokratien verkommen, in denen de facto Tech-Milliardäre eine neue Oberschicht von Oligarchen bilden )Musk u.a. MD), die sich ihre Politiker halten, die ihnen mehr oder weniger bereitwillig zu Die4nsten sind…(271).

Kein Optimist, der Simon. Der letzte Satz ist wichtig, denn die Umkehrung, etwa Trump behrrscht Musk und seinesgleichen, geht wegen der intellektuellen und innovativen Vorherrschaft auch der Tech-Bonzen, nicht nur der Akademiker, nicht lange gut. Übrigens: das ist auch bei uns ein Moment der Einsicht, noch nicht ganz so weit).

Dazu kann man eine Menge Varianten spätkapitalistischer Beschreibungen lesen, aber diese Varianten sind keine wirkliche Politik, nur Vorstellungen über bessere umstände (Das Problem der Diktatoren ist anscheinend größer als das der Tech-Bonzen (Vgl. Anne Applebaum, aber auch Giuliano da Empoli).

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Warum ich das schreibe, warum ich? Seit langem misstraue ich den Ökonomen, die die politische Ökonomie entpolitisieren und wirtschaftliche Alternativen aufblättern. Kritische Geisteswissenschaftler verstehen davon mehr, aber auch Polit-Ökonomen. Aber warum schreibe ich darüber? Weil mich nervt, auf welchen Nebenschauplätzen unsere 0,8 Regierung und viele halbherzige Regierungen der verbliebenen Demokratien ihr Volk dadurch beruhigen, dass sie eben halbherzige Themen bearbeiten, um von der globalen weltweiten Gefahr durch die Diktaturen abzulenken. Klar, wir im sog. Westen, brauchen Trump für unser Militär, noch eine Zeit lang jede3nfalls, da dürfen wir ihn nicht gleich zum erklärten Feind machen, obwohl, naja eigentlich, und ohnehin weiß man das ja, äh. Aber die anderen Diktatoren sind ja keine Hilfe und noch nicht einmal wirklich kapitalistisch, siehe oben. Nein, ich will nicht ironisch sein. Das Unterlaufen von Umwelt und Wohlstand durch Krieg und Dominanz ist nicht neu, hat im Gleichen immer Erscheinungsunterschiede. Darum ist Geschichte so wichtig und der soziale Kampf gegen Geschichtsvergessenheit. Aber das kann ja nicht im Zentrum unserer Politik stehen, „unserer“, d.h. die eigene Politikbereitschaft (dazu hat Winfried Kretschmer in Bezug auf Hannah Arendt wirklich fast alles geschrieben). Die „Eigene“ bedeutet, „alle“. Wir müssen um die Politisierung aller werden, dann wird unsere Kultur wirken (also nicht „politische Kultur“ als Ersatz für Politik, wie früher und auch heute).

Die Diktaturen werden sich durchsetzen, wenn auch immer nur auf Zeit. Aber die ist lang, 12, 20, 40 Jahre? Ironisch kann man da nur sagen: die Evolution ist noch nicht so weit…Aber sie zu unterlaufen, erhöht unsere Lebensqualität und schränkt sie nicht ein. Siehe oben.

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Wissenschaftsfreiheit – dafür kann man kämpfen und gerade so veröffentlichen, dass es die Laien und die Politik erreicht. Das bedeutet auch die Freiheit der Kritik, nicht jeden Blödsinn gleichberechtigt neben die Wahrheit stellen, wie das die USA mit ihrem verbeulten Freiheitsbegriff so gern tun. Meinungsfreiheit – analog. Sie muss bestehen, auch wenn sie oft unangenehm ist, aber demolierte Meinungen sind von anfang an nicht „frei“. Da sind sich die drei großen und viele kleine Diktaturen einig: die politisch durchgesetzte Meinung gilt. Und dazu können wir, im Großen wie im Kleinen, nein sagen und Widerstand öben – indem wir den Unterschied zwischen freier Meinung und dem Streben nach Wahrheit immer, ja, immer!, deutlich machen. Das kann zu Konflikten führen, uns vielleicht bedrohen, v.a. in der Lehre und Sozialisation der nächsten Generation. Aber der Konflikt ist auch politisch…

Winterschlaf der Vernunft

Es ist glatt draußen, nur ein paar wirklich unsinnige Radfahrer gleiten über eisige Straßen, die Temperatur steigt von -14° auf +7°, bald wird es zu viel Wasser geben, noch ist alles eingefroren. Gut so, wie lange hatten wir gar keinen Winter? Wo die Kälte herkommt? Egal, erst wenn Trump Grönland besetzt und ausgebeutet hat, werden wir etwas über die Arktis-Strategie der Weltmächte wissen. Den Satz meine ich ernst, nicht ironisch, denn noch – noch – sind wir uns nicht wirklich im Klaren, wie die Zerstörung der Weltpolitik durch drei Nuklear-Riesen, vor allem Trump und Xi, aber auch der schwächere Putin, uns marginalisiert, auch das reiche Deutschland, auch die reiche EU, auch Mercosur. Da wir abhängig von den USA sind, dürfen wir gar nicht die Wahrheit auf den Punkt bringen, maximal höflich uns annähern, um als Subalterne besser behandelt zu werden als offene Opponenten – oder eben die nächsten Beuten der drei Diktaturen. Oder beides. Nicht schimpfen, nicht beleidigend querulieren, aber auch nicht lecken und sich übergeben, im doppelten Wortsinn. Wer keinen Trumpf hat, sollte nicht Zweitmacht simulieren. Ich sage nicht, dass Trump oder Putin ihre Herrschaft dauerhaft aufrechterhalten, aber ich sage auch nicht, dass ihre Nachfolger besser sein werden als sie selbst. Die lernäische Hydra ist ein Vorbild. Ein anderes Hitler und Stalin, im neuen Dreieck mit Xi. Darüber machen sich die Kommentatoren verschlungene Figuren, um – ja was? – uns zu beruhigen? aufzuwecken? zum Widerstand oder zur Unterwerfung zu bringen? Ich lese diese Sachen wirklich, nicht alle, viele aber, und bin entmutigt. Wer die Wahrheit nicht sagen darf, wird glaubwürdiger, wenn er schweigt. Ist es so schlimm? ja, denn nicht nur wird die Umwelt dauerhaft zerstört, sondern auch die Demokratie, wo sie noch bis heute den Faschisten verschiedener Grade Widerstand leisten. Aus dieser Wahrheit ziehe ich weder Stärke noch traumatische Depression. Fast positivistisch beschreibe ich, wozu es nicht viel zu sagen gibt. Einige, ich nenne sie global-grün-demokratische Pragmatiker sagen dann doch manchmal die wirkliche Wahrheit, und das liest sich oft kleinteilig und gar nicht aufregend. Was man tun kann, wenn man untergeben ist oder wird. Ich nenne jetzt keine Namen, damit kein sekundärer Streit entsteht. Aber es gibt sie, bei uns und anderswo. Wir werden wohl, wenn wir es so wollen, die Herrschaft der drei Despoten nur unterlaufen können, nicht offen bekämpfen. Das übt sich moralisch und ironisch ein, bevor gehandelt wird. Hoffentlich bei vielen.

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Das macht für sich noch keinen Mut, auch bereitet es keinen Widerstand. Ich weiß. Aber vor ein paar Tagen habe ich ein paar Stunden lang etliche Menschen gesehen und vor allem gehört, die eine Variante von Fahrenheit 491 repräsentieren und einüben. Natürlich sind sie fast alle sehr viel jünger als ich, teilweise wie meine Enkelinnen, aber manchmal entkommt ihnen ein politischer oder moralischer Satz, den man über Putins und Trump sagen wird müssen und über den Gräbern ihrer Nachfolger. Der Satz entkommt ihnen, weil er an sich noch in ihnen im Entstehen ist, nicht als übernächste politische Generation, sondern mit einer Hoffnung, die sie in Zuversicht wandeln möchten, also in Politik, also in Handeln. Man kann nur beispielhaft beitragen, man muss nicht korrigieren und sich gar kritisierend überhöhen. Im Gegenteil: man kann die kurzzeitige Zukunft, die uns Menschen noch gegeben ist, auch denen an die Hand geben.

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Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ausrutschen, uns nicht verletzen, auch ohne dass wir direkt angegriffen werden. Der Winter handelt nicht strategisch, er ist einfach, kalt und glatt. Die menschenfeindlichen Selbstherrscher sind keine Naturgewalt. Wir können nicht nur ihre Enden absehen, sie erzeugen auch keine Wirklichkeiten wie Natur und Zeit. Manchmal, wenn sie das für einen Moment begreifen, versuchen sie uns zu täuschen. Nicht drauf reinfallen, aufpassen bei Glatteis, und wenn es schmilzt, die Gelegenheit nutzen zum Überqueren des Unglücks.

Über Details reden wir, wenn sich die Zwangsklammern lockern. Jertzt müssen wir sie unterwandern, um sie zu überstehen. Und, nicht nebenbei, für die frierenden, hungernden und gequälten Opfer der drei Tyrannen mehr spenden und mehr helfen, das geht noch immer.

Juden, Jüdisch, und.

Ich habe mehrfach beschrieben wie man die anthropologische, ethnische Bezeichnung „Jude“ (incl. Jüdin“) vom Adjektiv bzw. Adverb „jüdisch“ trennen kann, manchmal muss. Eine These war, dass viele Juden nicht jüdisch sind. Diese Feststellung beruht darauf, dass es zu den jüdischen Erscheinungs- und Haltungsformen ethische, kulturelle etc. Entwicklungen des Bewusstseins gegeben hat, während man ja an seiner ethnischen Abstammung individuell so gut wie nichts ändern kann.

Diese Überlegungen haben zu Beginn des Zionismus schon eine Rolle gespielt, sie sind immer schon kontrovers im ethnischen, im religiösen, im kulturellen, im sozialen…also im politischen Sinn. Darüber lohnt es, nicht nur zu beobachten und zu kritisieren, sondern auch Schlüsse auf die eigene Haltung zu ziehen. Wie man da einsteigen kann? Von überall her: Ashkenasen versus Sepharden, in Israel, weltweit; politische Ausrichtung, je nach Situation in der eigenen Gesellsch; aft und der Position innerhalb des soziopolitischen und soziokulturellen Netzes etc. Ich beziehe mich soziologisch stark auf Bourdieu, und jüdisch historisch…naja, da kann ich ja meine Literatur- und Diskursliste endlos aufblättern, aber es lohnt sich hier einzulassen.

Ich schreibe das, weil mich zum einen der Singular ärgert: „der Jude“ ist, handelt, denkt, verhält sich, erscheint … Wenn es also um Moral, Kultur, Politik geht, ist der Plural, die Jüdinnen und Juden, notwendig. „Also“ bedeutet, dass ich denke, worum es in erster Linie geht, also nicht gleich um Religion, die kann auch dazutreten.

Zum anderen gibt es, nicht nur in und aus Israel, jüdische Stimmen, die Verallgemeinerungen zum Judentum in der Gegenwart, vor allem in Politik und Kultur, sich anmaßen, und damit für nichtjüdische und manche jüdischen Beobachter eine allgemeine Richtigkeit anstatt einer differenzierbaren und kritisierbaren Meinung ausdrücken. Sich dabei auf Pressefreiheit, aber auch auf Überzeugungen berufen, die von den nichtjüdischen Leserinnen und Lesern spontan schwer zu analysieren sind )obwohl das schon möglich ist). Zur Zeit geht es natürlich darum, dass solche Stimmen zum Beispiel meinen, wer Netanjahu kritisiert, stehe auf der Seite von Hamas (grausiges Beispiel ist Korenzechers „Jüdische Rundschau“ (Monatszeitung); subtiler, aber auch einseitig etwa der Botschafter Ron Prosor, der sich schon von seinen Vorgängern unterscheidet usw. Mein Problem ist, dass diese Linien es nicht zulassen, wenn wir beide Seiten, Hamas und Komplizen und Netanjahu und Komplizen kritisieren, und auch die Verbindungen der beiden in naher Vergangenheit deutlich benennen. Wenn ich als jüdischer Jude den israelischen Premier als Chef eines teilweise faschistischen Kabinetts bezeichne, kann ich doch mit gleichem Vokabular die Hamas als faschistisch bezeichnen? Oder? Meinetwegen in umgekehrter Reihenfolge. Aber mir geht es darum, dass Israel zur Zeit, hoffentlich nicht mehr lange, eine peinliche und teilweise rassistische Untergebenenrolle bei Trump und in außenpolitischen Aktionen wie in antijüdischer Siedlerpolitik spielt – und dass die Hamas, die lange Zeit von vielen offen oder verdeckt gefördert wurde, zur Zeit weniger anerkannte Sponsoren und Hilfsherren hat, aber natürlich auch weiter gefährlich ist. Nicht nur für uns jüdische Menschen.

Das ist schlecht für jüdische Menschen in Israel, im Nahen Osten, weltweit, also auch für uns. Und es besch#digt beides: Bild und Kritikfähigkeit von Juden und der Qualität von „jüdisch“. Intern und nach außen.

Verzieht nicht euer Gesicht, wenn ich einen Ratschlag gebe: studiert einmal die Geschichte der jüdischen Siedlung seit 1906. Und vor und nach 1948, und während der britischen Besatzung und mit und nach der Staatsgründung Israels. Es geht hier nicht (nur) um Kriege. Es geht auch darum, wie wir im Kontext weiter hier und dort jüdisch sein können, also auch kritisch und selbstkritisch, und eben jüdisch, und nicht als der Jude uns den falsch-Autoritären unterwerfen dürfen.

Der Plural, Jüdinnen und Juden hat schon seine Bedeutung. Im übrigen: Eco, Horvilleur, … das geht schon.

POSTSCRIPTUM – wichtig:

Bitte lest „Transitionen und Transition“ von Monika Wohlrab-Saar in SOZIOLOGIE 2026, # 1, v.a. S. 10-14 über den Umgang mit Irsael und den Palästinensern, v.a. mit den Folgen für Wissenschaft und Kultur, also für Menschen, die sich der Realität wissenschaftlich annehmen. Ich zitiere hier nichts, weil der Text sehr dicht und kontextreich ist, aber ich empfehle ihn, nicht nur für die Wissenschaft. Doch, eines muss ich erwähnen: Ich schätze Eva Illouz (israelisch-französische Wissenschaftlerin) sehr und kenne viele ihrer Werke aus den letzten Jahrzehnten. Hier steht, „…sie wurde wegen ihres Protests gegen die Behandlung von Palästinensern in der Westbank der Israel-Preis verweigert“ (S.13). Das schmerzt, pars pro toto. Zum Abschluss schreibt die Autorin: „Wie müssen vom „ja, aber“, das das „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält“ (S.14). Ja.

Kommentar-Los

Viele mir bekannte Intellektuelle, meist Männer, übereilen sich mit Kommentaren, deren Gegenstände sich während des Schreibens oder Lesens schon wieder verändert haben, was weitere Kommentare nach sich zieht, etc. – ad infinitum, und kostet nicht nur meine Lese-, auch Lebenszeit. Vieles geschieht, gewiss, und wie sich was entwickelt, deutet sich je nach Vorfall oder Ereignis schon an, aber eben nicht so präzis, dass man es kommentieren könnte außer mit Fragezeichen und einer Bandbreite der Interpretation. Das verwirrt die Unkundigen und verwirrt die, die es besser wissen und deshalb sich zurückhalten. Der Durchgriff des großen Diktators Trump gegen den kleinen Diktator Maduro ist so ein Beispiel, und fast alle Kommentare sind verfrüht, fehlorientiert oder sinnlos.

Aber um diese Kommentare gehts mir heute gar nicht, sondern um die Anlässe. „Etwas geschieht“, und viele haben eine Meinung dazu. Ein fatales Beispiel: der schreckliche Unfall in Crans Montana hat tagelang die Hauptnachrichten vor allen anderen Ereignissen dominiert, bis hin zu Vermutungen über die weiterführenden Kommentare. Das zu berichten, ist in Ordnung. Der Platz in der Nachrichtenhierarchie ist peinlich. Wenn so etwas nicht in einem europäischen Nobelurlaubsort geschieht, sondern, wie so häufig, in der Dritten Welt, wird es kaum oder nebenbei erwähnt und kaum kommentiert. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, scheint mir spannender als das Faktum, dass der Discobrand x-mal mitgeteilt wird, und vergleichbare Katastrophen, menschlich genauso trist, so gut wie kaum.

Das führt zum nächsten Punkt: was steht uns als Information und Bewertung zu, und wer sind wir in diesem Kontext? Ist es die geographische oder kulturelle Nähe, oder sind es bestimmte Menschen, deren Schicksal uns näher geht als das von anderen? Nicht abstrakt werden, wer die Medien lenkt? Sondern konkret: diesen Vorfall so auszuwalzen bedeutet, dass es ein großes Publikum gibt, das sich hineinversetzen kann. Wenn ein Schiff in Ostasien untergeht oder ein Hochhaus in Seoul abbrennt, dann versetzen sich bei uns wenige, dort aber viele, in das Ereignis?! Stimmt das wirklich, dann sollte man das humanistische Umrahmen der Tatsachen besser lassen. Crans Montana ist schrecklich, ja. Und wie reagieren wir auf vergleichsweise Schreckliches anderswo? Ich weiß schon, welche Bedeutung die soziogeographische Nähe oder Ferne vergleichbarer Ereignisse hat, aber dann geht es doch auch um die Reihenfolge der Nachrichten, und da ist ein noch so schrecklicher Discobrand nicht so prominent – und prekär – wie die politischen Ereignisse der letzten 48 Stunden, der letzten Tage. Das führt mich zurück zum Anfang: wenn die Überlegungen zu Ereignis und seiner relativen Aufmerksamkeitsposition stimmen, dann sollte man das auch an die Kommentare anwenden.

P.S. Manchmal sind einzelne Unglücksfälle weltweit signifikant, sie haben große symbolische Bedeutung. Wenn man sie dann allen anderen Informationen vorzieht, kann man schon sagen wozu und warum. Das kann aber dann auch Widerspruch auslösen…

WICHTIGER NACHSATZ: In meiner gut gelesenen Zeitschrift SOZIOLOGIE, 2026 #1, S. 7-14, beschreibt Monika Wohlrat-Sahr genau die Diskurse um Trump, die Ukraine und – das ist jetzt wichtig – Israel (Transitionen und Transition). S. 10 – 14 sind ein selten in unserem Land so klar dargestelltes Beispiel, wie sich Kritik, hier an Israel UND der Hamas, in der Wissenschaft und als Wissenschaft ausdrücken muss, auch ausdrücken kann. Ich zitiere nicht einzelne Sätze, der Kontext muss erhalten bleiben. Mich hat die Erwähnung von Eva Illouz, der man den Israel-Preis verweigert hat (S.11) besonders getroffen, denn von ihr können wir viel, fast alles wissen – meines Erachtens richtig. Und doch ein richtiges Zitat am Ende „Wir müssen vom „ja, aber“, das ein „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält (S. 14). Ja.

Neue Zeit, kein Neues Jahr

Glückwünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Schwarzmalerei, eine Freundin wartet schon mit Tageszählung auf 2027…und ich freu mich bloß, dass es draußen schneit. Endlich einmal Schnee.

Ziemlich einstimmig ziehen die seriöseren Medien ein depressives Kalkül, was sich 2025 alles zum Schlechteren geändert hatte, wie wenig Widerstand geleistet wurde, wie wenig auf die Demokratie und den Wohlstand geachtet wurde etc. Kernaussage: 2026 kann nur besser werden. Und wie: die Ratgeberlawine schwillt noch an. Wie in allen Vorfeldern von um sich greifenden Diktaturen bereiten sich viele darauf vor, dass die neuen Machthaber vielleicht doch bald auch über sie herrschen (was sie ja längst tun, aber nicht so direkt), und dass demokratische Widerstände auch ihnen gegenüber tolerant sein werden…

Der Winter geht vorbei, es drängen sich die Kulturabende und Nachmittagsspaziergänge. Vier Tage auf der Insel Rügen haben auch erholsam geholfen, weil wir wenige Böller gehört haben, das schöne Feuerwerk über Stralsund gesehen haben und ansonsten gut gewandert und gegessen haben.

Mich sollte niemand nach Vorhaben für den Neue Jahr fragen, ich habe keine neuen oder schichte alte ab, weiter so heißt ja auch, dass die Zeitgrenzen anderswie sind als an das rituelle Datum gekettet, das kann man schon auch begehen, wenn man nicht zum Murmeltier wird. Also gehts mir subjektiv nicht neu, nur genauso gut wie vorher. Das heißt nicht ganz so. Die Diktatoren und ihre Subalternen nutzen wie früher die Feiertage zu besonderen Grausam-keiten, und sie hoffen auf mangelnde Aufmerk-samkeit. Die werden wir ohnedies bald brauchen, wirtschaftlich, sozial, politisch und vor allem kulturell widerständig, gegen Kitsch und zu viel Pathos und hinreichend Ironie (die braucht man für die Boden-haftung). Warum ich das schreibe? Weil ich einen wichtigen Ausblick von Winfried Kretschmann teile, wonach, laut Hannah Arendt, seinem Vorbild, Politik nicht der politischen Klasse vorbehalten bleiben soll, sondern für alle aktiv sein muss, will und soll man die Demokratie weiterhin betreiben. W.K.: Der Sinn von Politik ist Freiheit“, Patmos 2025, v.a. Kap. 2, u.a. S. 40-42). Am Anfang war das Buch gar nicht leicht zu lesen, aber die Projektion von H.A. auf seine eigene politische Praxis wird immer einleuchtender und glaubwürdiger. Das ist keine Trivialität, sondern eine komplizierte und scharfe Waffe, die viel mehr Gleichbehandlung von Gegnern verlangt, bevor es Kompromisse geben kann. Teilweise also das Gegenteil der Freund-Feind-Dualität (am Beispiel Carl Schmitt, S. 35). Dabei war für mich auffällig, dass Kretschmann wenig zusagen hat, warum so viele Linke Schmitt als Vorbild und Anerkennung nutzen…ein anderes Thema. Mir gefällt die Arendt’sche und Kretschmanns „politische Freundschaft“ als ein wichtiges Element der Lebensgestaltung. Was allerdings zu Konflikten führt nicht einfach als Wunsch sich verwirklicht.

Das ist keine Rezension. Aber dass man Arendt durch einen aktiven Politiker – nicht einen einfach Intellektuellen – Zeile für Zeile differenziert und nicht einfach „von oben“ rezipiert, ist schon etwas in der Zeit der schwierigen Kommunikation als Voraussetzung für Kompromisse (siehe aktuelle Regierungen in D und Ö).

Wenn wir jetzt ein besseres 2026 haben wollen und sollen, beides, dann liegt nicht viel, aber „etwas“ an unserem Verhalten Nur richtig wählen, das ist ja in aller Munde für diese Jahr in D, reicht nicht. Und nur bis zum Jenseits ausdiskutieren geht nicht, wegen unserer Sterblichkeit und dem bevorstehenden Erduntergang, also bedarf es der Handlung (Arendt) neben und mit dem Programm. Wir als PolitikerInnen, das ist schon verblasst, oder? aber nein, das sollte es nach der Arendt sein. Und deshalb dürfen wir nicht auf die Bahnsteigkarte zur politischen Bewegung warten oder gar hoffen, und diese Haltung zur Mittätigkeit ist eine andere Form der Mitbestimmung – ihre Gegner wissen genau, warum). Mir fallen da viele mir bekannte Personen ein, mehr aus meiner Umgebung also weiter oben in der Politik, aber auch dort. Aber das ist, was im Neuen Jahr auch Hoffnung machen kann.

Bitte lacht nicht, wenn ich sage, wie das leicht krittelnd meine erste politische Praxis in den 1970er Jahren beiseite schiebt: erst die Kontroverse austragen, bevor man einen Beschluss fassen kann, das Gegenteil der Haltung auf der R-M-L Schiene. Also nicht vom erhofften Ende die Kontroverse beleuchten. Das war damals meine, „unsere“ Profilierung.

Jahresbeginn. Empfehlung für Arendt, Empfehlung für Kretschmann, und vor allem, macht etwas, damit es zu den erfolgreichen Wahlen kommt, und berechnet nicht die jetzt erwartete Stimmen- verteilung. Damit sind natürlich auch die Konfron-tationen und Kontroversen jetzt gleich dabei. Das kann verletzen, ausgrenzen und marginalisieren, aber nur so können wir erkennen, wer von den Andersdenkenden und Andershandelnen für den Kompromiss in der Demokratie, für die Freiheit in der Lage ist. Ein Wagnis, in das wir uns politisch begeben. Zum Beispiel in nächster Zeit.

Advent (ure)

Genervt von der Kritik, ich sei zu pessimistisch, zu destruktiv, zugleich genervt vom fadenscheinigen Adventmediencircus, räume ich auf in der Wunderkammer meiner Gedankensammlung. He?! fragt ihr, was sind das für Begriffe – Kitsch am Ende des Jahres? Nein, gar nicht.

Ich habe ihn mehrfach zitiert und lese mich durch seine hunderten Seiten mit Pausen zum Atemholen. Yuval Noah Harari, habe ich schon mehrfach genannt, in seinem letzten großen Buch „NEXUS“, Penguin 2025, gerade ein Jahr alt. Frühere Bücher habe ich auch gelesen, teils kritisch kommentiert. Das hier hat eine ungeheure Auflage, teilweise zu Recht, und ganz viele Aspekte von „Information Networks from the Stone Age to AI“ habe ich schon gekannt – Geschichtswissenschaftler ist er ja, zuvorderst – aber dann kommt ein spannender, deprimierender Abschnitt: ganz kurz nur.

Part II: The Inorganic Network. S. 191 ff. Kapitel 6: „The New Members: How Computers Are Different from Printing Presses“. Nebbich, wissen wir doch….ab S. 210 wird es spannend: Natürlich wird es kein Ende der Geschichte geben, aber „the end of its human-dominated part“. Und das erklärt er mit der empirisch belegten Übernahme der Kultur durch Algorithmen. Das Problem: können wir wirklich unterscheiden, wo die Aussagen und Inhalte und Urteile herkommen? Harari ist nicht ironisch, wenn er sich als Autor des Abschnitts erklärt, aber das sei nicht sicher (S. 214). Eigentlich wissen wir das, aber wir legen uns darauf nicht fest, wir hoffen und erwarten, dass Menschen sich immer einen Vorsprung vor der IT Intelligenz, Theorie, Ästhetik, Emotion erarbeiten oder eben benutzen. Gut so, aber es stimmt immer weniger. Noch können wir eingreifen, aber eben immer weniger…

Die Science Fiction wird durch die Realität überholt. Das wissen nicht alle, und wie es vor sich geht, verstehen die Wenigsten, auch wenn es sich in unserem Leben, Politik, Alltag etc. auswirkt.

Nein, ich bin jetzt nicht den Schwurblern und Apokalyptikern beigetreten. Ich denke nur, dass Harari recht hat, wenn er ausmalt, was es bedeutet, wenn unser Produkt IT unsere Wahrnehmung und Denkföhigkeit dadurch überholt, dass IT eben Neues ohne humanen Eingriff produziert – wir es als solches „neu“ begreifen müssen, auch in seinen Wirkungen. Was es in jedes Menschen Leben ändert, wird man nicht genau voraussehen, und wenn schon…? Die Beispiele von Harari sind auch unangenehm, aber mich beschäftigt etwas anderes:

In diesen Tagen, während des so genannten Advent, fällt die Weltpolitik, Außen wie Innen, weiter auseinander. Die sich den Nukleartyrannen unterwerfen, haben meist Erklärungen, die die 24 Stunden nicht überstehen, und die sich nicht unterwerfen, kommen nicht ungeschoren davon Ja schon: Weltpolitik, aber bestimmte Werte und Aussichten verdünnen sich, verblassen, Umwelt, Lebensqualität und Kultur. Auch wenn wir wissen, wie es anders besser geändert und gefühlt werden könnte, tun wir es nicht oder stocken schon im Anfang. Die Kritik wird sozusagen nicht praktisch. Die drei nuklearen Diktatoren und ihre Untergebenen handeln, als ob sie es dürften, weil sie Macht haben. Würden die AI das ändern, um den Untergang der humanen Bevölkerung zu verhindern, hinauszuzögern? Das ist nur wirklich Science Fiction, früher war es wirklich Religion. Institutionalisierte, also selbst-erzeugte, Kommunikation innerhalb AI ist unterwegs, das dauert noch einige Zeit, aber es ist klar, wie wenig wir da eingreifen können. Bremsen ja, Moratorien, Widerstand, all das gibt es, weiterhin, aber keine Ablenkung vom Ausdünnen der humanen, der menschlichen Evolution.

Also, was tun? Gerade um diese Zeit verbreiten viele eine etwas verdünnte Hoffnung auf Widerstand, Resilienz, innovative Phantasie, und die Besseren verstärken ihr soziales und kulturelles Engagement, nicht zuletzt unter verstärkter Zuhilfenahme von AI. Wie denn auch nicht? Diese Wahrnehmung macht nicht glücklich, aber sie hält uns auf dem Boden, wir steigen nicht in die Erwartung ohne Hoffnung, dass wir bald so beherrscht werden, wie uns die Diktatoren gar nicht unterwerfen können. Das steckt nämlich auch dahinter, dass viele der AI zutrauen, sich von den Trumps und Putins und Xis nicht beeinflussen zu lassen. Von wem denn? Die Frage ist nicht trivial, wenn die Antwort sich nicht auf Menschen reduziert.

Der letzte Advent ist vorbei. Noch ein paar Einkäufe, Wohnung auf das Fest herrichten, sich EINSTIMMEN. Angesichts der Realität ist die Frage: warum nicht? gar nicht ironisch. Weder die politische Macht noch das Wirtschaftssystem noch die aufzwingende Herrschaft können in alle Ritzen, Winkel und Nebenräume hineinregieren, in den wir uns selbst mehr als einen Gefallen tun – solange und wie wir es wollen und können.

Austria erit in orbe ultimo? AEIOU

Zu diesem Patriotissimo hat es immer hunderte ironischer, böser, platter Varianten. Allen Ernstes ist Oesterreich unbegreiflich….Das also ist nicht neu. Aber was aus Österreich wird, wenn es so weitergeht in Europa, und mit der Welt? Putin möchte Österreich, Italien, Polen und Ungarn von der EU separieren und sich untertan machen, nicht Ostblock, das rentiert nicht, aber eben auch nicht loyal zur EU. Sind diese Länder ihm politisch, nationalistisch, undemokratisch einfach näher? Naja, sie unterscheiden sich vielleicht doch.

Putin und Trump interessieren sich nicht für Länder, Menschen, Beziehungen. Es geht nur um Geld und Herrschaft für Trump und Putin, und die unterwürfigen Gefolgschaften folgen dem einen lieber, oder dem andern, oder beiden, die ja auch in einander stecken. Macht euch nichts vor. Passt das auf Österreich?

AEIOU, nein. Schon seit der Verbindung mit den Burgundern, nachlesen! war Österreich anders an der Macht interessiert als andere. Aber das ist Geschichte. Ich denke an heute. Was kann ein Diktator mit Österreich anfangen, was anders als es wie eine Isoliermatte zwischen andere Nationen zu zwängen? In vielen europäischen Ländern ist die Rolle in der EU zu wenig durchdacht. Dass überall der neue Nationalismus wächst, obwohl er objektiv chancenlos ist – die drei großen Atommächte bestimmen, was wie weit „Nation“ sein darf, – zeigt, wie begrenzt das Verständnis für die Weltmacht Europa ist, siehe auch Mercosur Diskurs in Frankreich und Italien.

Österreich hatte schon ein Europa first geschaffen, das im 19. Jahrhundert korrodierte und im ersten Weltkrieg zerbrach, nachdem es schon früh von Preussen auch deshalb attackiert wurde. Spannende Geschichtsstunde…Und nach 1955 war/ist das neutrale, aber doch zivilisatorisch profilierte Land, im Guten wie im Schlechten, nicht einfach ein Blockmitglied schwächerer Position. Um das zu verstehen, kann man zum Beispiel regelmäßig den FALTER lesen (Falter.at).

In letzter Zeit verfolge ich eine wichtige Differenz Österreichs zu Deutschland: die rechte, faschistoide FPÖ unterscheidet sich wesentlich von der AfD und von vielen rechtsextremen Bewegungen, u.a. in Bayern. Sie ist gefährlich und nicht besser als die AfD, aber anders. Und diese Differenz muss man genauer analysieren, um zu verstehen, wie sich Staat und Gesellschaft versuchen, ständig zu konsolidieren, und um die wichtige Differenz zu Deutschland, abgesehen von der Wirtschaft, wahrzunehmen. Die drückt sich im Konflikt zwischen Kultur und Politik aus, die ist historisch noch lange nicht abgearbeitet: Österreich hatte zwei, einander bekämpfende Faschismen, in Deutschland folgte eine Spaltung auf den einen Faschismus, die bis heute Widersprüche in der Politik auslöst. Das schreibe ich, weil ich als Doppelstaatsbürger fast verpflichtet bin, die Differenzen zwischen den beiden Gesellschaften nicht einfach der Außendarstellung von Regierungen abzulesen. Mein Vorbild ist Van der Bellen, der Bundespräsident in der Hofburg, auch in seiner Geschichte. Von hier aus kann man retrospektiv vergleichen, beide Länder, beide Lager. Ich erachte die Differenz für notwendig, damit man versteht, warum Österreich für die beiden Lager Russland und USA wieder interessanter als seine bloße Wirtschaft wird.

Na gut. Bleiben wir beim AEIOU. Es geht eben nicht um „nationale“ Differenzen, sondern um die besondere, gesonderte Konfrontation von Politik und Kultur. Der Schul-Songtext AEIOU ist vielleicht einfältig, aber er zeigt seine Präsenz. Die eigentliche Bedeutung ist kontrovers, sagt auch wikipedia: „A.E.I.O.U. ist ein habsburgischer Wahlspruch, den Kaiser Friedrich III. (1415–1493) als Signatur bzw. Devise auf seinem Besitz anbringen ließ. Seine Bedeutung wird bis heute kontrovers diskutiert.“

Abgesehen von allen möglichen ironischen Buchstabenverdrehungen ist das AEIOU auch in der heutigen Kunst aktiv „


A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe – 2022, Nicole Krebitz. , mit Sophie Rois u.a.

Mich freut so etwas, weil es mein Gedächtnis stützt. Als Kosmopolit kann und will ich kein Patriot sein. Aber Österreich der russischen oder amerikanischen Destruktion zu überlassen, die ohnedies schon fortgeschritten, ist geht mir gegen den Strich.

Dagegen muss man etwas machen, d.h. aber erstmal denken und hinschauen, hinhören und beiden Kulturen gerecht zu werden. Einheit ist oft ein Paradox.

Rechtzeitig oder Recht zeitig?

Vieles wollen und sollen wir rechtzeitig erledigen, nicht wahr? Das gilt für die eine Hälfte der Menschen, die andere wartet ab, ohne Endpunkt im Visier. Wenn sich Probleme von selbst erledigen, warum soll man in den Verlauf eingreifen. Das findet die erste Gruppe lächerlich oder gefährlich. Wir gehören natürlich zur dritten Gruppe, einmal so und einmal so. Wenn wir bei beiden jeweils ein schlechtes Ergebnis haben, ist das schlecht, das Gegenteil wäre gut. Schluss mit diesem Gedankenspiel, mehr trägt es nicht…aber wie ich drauf komme?

Die abenteuerlichen Drehungen und Windungen bei den Verhandlungen über und meist gegen die Ukraine: da werden Ergebnisse und deren Konsequenzen oft taktisch hinausposaunt, bevor die Betroffenen sie durchdenken und kommentieren können – zur Zeit sind das die wieder aufgeschnürten, aber erstmal abenteuerlich russischen 38 Punkte. Sagen die Europäer: da haben wir erfolgreich darauf eingewirkt. Da muss Selensky sagen: da habe ich gut verhandelt. Da sagt Rubio: es geht schon gut weiter so. Und wenn es bei Trump endet, wird er es den Russen vermitteln können?

Das ist Politik als Spiel. Die Gebrauchsanleitung wird von den Mitspielenden nur teilweise wahrgenommen und auch nur geringfügig beeinflusst. Spieltheorie wird durchaus auf die Gesellschaftstheorie angewendet. Nichts neues also, aber da gibt es ja Reaktionen auf das Machtspiel Ukraine (Varianten der Reaktion auch zu Israel, Sudan, Kongo etc.). Die Spielregeln sind immer ex post nach den Entscheidungen der jeweils herrschenden Machthaber festgelegt und auch da nicht immer einsichtig. Nun folge ich Bourdieu in zwei Aspekten: innerhalb eines (hier: politischen) Feldes kommt es darauf an, wie alle Akteure und Gruppen auf das Ziehen oder Drücken eines Mächtigen, eines herrschenden Akteurs reagieren müssen (das ist wichtig: nicht was sie wollen, sondern wozu sie gedrängt werden). Nehmt ein Kristallgeflecht, drückt, zieht: alles ändert sich, aber nicht gleichmäßig oder vorhersehbar…(ich weiß, keine besonders gute Analogie, aber man kann sie sich vorstellen). Der zweite Aspekt: auch von Mächtigen agiert und reagiert keiner ohne seine soziale, und damit politische Prägung, er ist nicht einfach der „Führer“, sondern auch ein dorthin geformtes und geleitetes Produkt, – nur entschuldigt das nicht sein Handeln. Es sagt vielmehr, womit sich auch Herrschende befassen müssten, wenn sie Entscheidungen und Praktiken durchsetzen. Das ist bei den Diktatoren jeweils verschieden, und bei ihren Vasallen ebenso wie bei den kritischen Beobachtern, im Zweifel bei uns. Wie können wir das beurteilen, wenn wir uns nicht auch selbstkritisch mit unserer Entwicklung auseinandersetzen? Das tun die Diktatoren offensichtlich nicht aktuell. Oder nur insoweit, als sie die Macht haben, sich unentwegt neu zu verhalten, niemand kann ihnen in den Arm fallen – dürfen täten wir das schon, aber um welchen gefährlichen Preis. Das ist nicht trivial, weil wir sehr unterschiedlich gefährdeten Diskussionsgruppen natürlich über den Widerstand nachdenken und sprechen.

Zurück zum Anfang: ob und wie wir nach unseren Entscheidungen oder dem „Bauchgefühl“ handeln oder eben (nochnicht nochnicht) etwas tun, kann schon je nach Sachverhalt ziemlich böse Folgen haben. Wenn man im Rückblick Merkel heute nachsagt oder vorwirft, sie hätte bei diesen und jenen wichtigen Sachen in ihrer Regierungszeit nicht gehandelt, so ist das ein komplexes Urteil. Wenn man Merz analoges Gegenteil in der Innenpolitik nachsagt, usw. usf. Nein, diese Urteile sind schwierig und sie können gar nicht wirklich logisch im Augenblick des gegenwärtigen Ereignisses gefällt werden. Was beeinflusst aber nicht alles das „Später“…? Jedenfalls alles, was unser eigens Handeln besser begründen lässt.

Liebe Blogleserinnen und -leser: warum ich das so trocken abhandle? Weil ich versuche, mich aus den Kommentaren der letzten 24 Stunden aus PutinTrumpSelensky & Unterakteuren freizuhalten, um zu verstehen, was ich wirklich beobachte. Das trocknet auch mich aus.