Es wird kälter und ungemütlich

Ein österreichischer Freund fragt nach dem Sinn und Inhalt des Titelbilds im letzten SPIEGEL, ein AfD Spitzenpolitiker. Das ist ja nicht Werbung, sondern ein Aufruf – wozu? Wachsamkeit oder Vorsicht? Ablehnung? Resignation? In Österreich, wo die FPÖ ähnlich wie AfD, aber noch stärker ist, wäre das Bild in einer demokratischen Zeitung nicht möglich. Aber ehrlich: überall sind Putin und Trump titelbildfähig, oft mehrmals…wir müssen Journalismus im Zeitalter der IT, der Blogs und Memes, der auch immer wieder neu bewerten. Von Bildern allein können wir wenig lernen, vom Artikel im Inneren der Zeitschrift mehr (bei schlechten Journalen aber: weniger). Der Hinweis ist wichtig, weil ja zB. die Bilder des englischen Suizidopfers allein auch nicht viel gesagt haben, da muss man schon Informationen haben und im Kontext nachdenken).

Mit Bildern kann man Politik nur in bestimmten Sektoren beeinflussen. Die Zeit, wo ausgemalte Kirchenfresken die Textunkenntnis überbrückten, sind lange vorbei.

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Was wird sich ändern, sollten die Faschisten tatsächlich regionale Wahlen gewinnen; oder sollte die französische Rechte die Präsidentschaftswahlen gewinnen? Dass sich vieles ändert, zeichnet sich längst ab. z.B. in der Beziehung zur italienischen Regierung. z.B. in den lokalen Beziehung mit den rechten Parteien, oder in Österreich mit Koalitionen und Bürgermeistern von der FPÖ. Oder in teilweisen Annäherungen von Wagenknecht mit den Rechten, auch inhaltlich. Das „Oder“ ist nicht leichtfertig. Überall in Europa stehen die Demokratien unter Druck, weil die Faschisten ja teilweise anders erscheinen als der Vergangenheitsmythos der Nazis.

Das mag euch übertrieben erscheinen, oder zu ungenau? Richtig. Denn ich vertrete ja keine festgelegte Politik, sondern stehe vor dem Realitätsgemälde gefährdeter Demokratien und Realitätsangriffen der Faschisten. Darum verwende ich auch längst nicht mehr analytisch rechts-links-mitte, weil das nicht wirklich aussagt, was die entscheidenden Unterschiede zwischen Faschismus und Demokratie sind, genauer: Faschismen und Demokratien. Schon das alles in Bewegung ist, sollte uns aufmerksam machen; dass die Umwelt in den Hintergrund tritt, ist für eine zukunftsleere faschistische Vision gleichgültig, sie zerstört die Gesellschaft der Gegenwart; dass die Wirtschaft der wohlhabenden Bereiche nicht weiter wachsen kann und soll, ist auch für die Zukunft wichtig; und dass die Retrohistorie der Gegner von Bildung und Kritik im Aufwind ist, können weir bei uns und anderswo in Europa studieren. Der letzte Punkt ist einer, den ich für die alltägliche Praxis für uns alle wichtig finde. Denn es gibt keinen Moment, in dem es nicht Bedeutung haben kann, nachzufragen, nachzudenken, zu wissen oder zu überlegen, wo man uns einredet, entweder zu ahnen oder Ergebnisse einfach zu akzeptieren sei wichtig.

Das schreibe ich an einem Morgen, der angenehm kühl ist, weit weg von den Rauchfahnen zerstörter Wälder und Moore, weit weg von akuten Angriffsaktionen, weit weg von der Angst, wir könnten der nächste Nachtisch der Diktaturen sein.

Was hat das mit den Spitzenpolitikern der Demokratiefeinde zu tun? Sie vertreten die These, die Machtübernahme der Gegenwart würde zu den Problemen auch Lösungen präsentieren (weil sie noch nicht regieren, haben sie jetzt natürlich keine Lösungen). Noch behindern wir DemokratInnen („System“) die Erwartung, dass die faschistische Bewegung Brot und Spiele serviert, wo es ohnedies keine Zukunft geben wird, wenn die AfD, die FPÖ, der FN usw. regieren. Schaut genau auf Italien: nicht was Meloni außenpolitisch macht, sondern wie das im Inneren vor sich geht – die Kultur, das Wissen, die soziale Beständigkeit zu untergraben, das steht auch anderen Ländern bevor, nicht über Nacht, aber auch nicht als Zeitalter.

Ich weiß nicht mehr, welche Sage das war: aber Überleben lag daran, dass niemand einschlief, dass man wach bleiben musste, und sei es bis zur Erschöpfung. Das passt nicht zum sog. Schicksal, oder zur Religion, aber es passt zu einer Realität, wo man nicht bei jedem neuen Ereignis sich wundert, sondern eher reagieren kann.

Dem Mythos, aufzuwachen und das Wahlergebnis als Realität zu genißen, sollten wir nicht erliegen. Der echte Mythos ist aufzuwachen und die Wirklichkeit wahrzunehmen. Überlegen und Überleben, das klingt schon ähnlich gut.

Wien, weiter

Wer meint, einmalige Lichtblitze auf Wien reichen aus, um die Stadt zu erkennen, irrt. Die Stadt braucht eine lebenslange Begleitung und Betreuung, wie Familienmitglieder, Kinder, aber auch Erbgut, Haustiere, Erinnerungen, Verbeugung und Kritik, Abwendung und Heimreise, hierher, und nur gelegentlich Abreise, weil die Wiederkehr so schön ist, am Bahnhof ohne Gepäckträger und Orientierung, aber voller Rückblicke auf den Würstelwagen.

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Vor ein paar Tagen habe ich einiges über Wien dargestellt, jetzt noch etwas anderes, weil ich ja etliche Wochen die Stadt nicht mehr besuchen kann, Familie habe ich längst nicht mehr hier, und die Kooperation setzt ihre eigenen Termine, auch außerhalb Wiens. Mir ist aufgefallen: RadfahrerInnen klingeln in Wien, anders als in Deutschland. Das erwähne ich, weil es mir aufgefallen ist. Anderes fällt mir nicht mehr auf, außer ich brauche es…

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Es gibt nur wenige private Bäckereien und Metzger. Hier haben die Großbetriebe und Genossenschaften längst zugeschlagen, umso wichtiger, dass man die Überreste kennt und dort einkauft, was man am nächsten Tag zum Frühstück isst und am Abend aufwartet. Auch am Naschmarkt muss man vorsichtig sein, bei wem man sein Geld lässt…es gibt doch etliche gute Buchhandlungen in allen Bezirken. Allein rund um den Hohen Markt sind es zahlreiche, da findet man aktuelles und hinterlegtes, in einer sogar nur die Bücher und Bilder aus eigenem Verlag (Batya Horn, Salvatorgasse), aber dafür Tshirts mit Textauszügen…bei ihr und in anderen umgebenden gibt es Lesungen, Abendveranstaltungen und Treffpunkte. Bücher brauchen genährte LeserInnen und Diskutierende. Keine Werbung: man kann in Wien überall gut essen, wenn man es weiß, und wenn man nicht will, kann man sich mondial bei allen Küchen der metropolen Angebote vollstopfen, nicht nur manche Touristen, auch manche Wiener tun das. Ich kann mich erinnern, während der Studiums und den ersten Arbeitsjahren nach 11 am Abend Burenwürste, Pepperoni, Mautnersenf, nicht immer Bier, aber anständige Brot…auch das gehörte so dazu wie das ernsthafte berufliche Treffen um 11 vormittags in durchaus nahrhaften Konditoreien, dafür wenig bis nichts zu Mittag….nja, da hat sich einiges mondialisiert, aber eben nur weniges über die Jahrzehnte (ich spreche von einem halben Jahrhundert). Und wundere mich immer noch, was noch da ist…das anderswo schneller ab und umgebaut würde. Ich habe mir die Zeitgenommen, in die vielen Stadtführer, Bücher und Hefte, zu schauen. Die 10, 15 super-einmaligen Ansichtspunkte sind klar, die 100-111 ansichtswürdigen Stätten und Anblicke kann man ertragen, ihre historische Darstellung ist meist etwas geglättet, dafür gibt es eine kritisch aufklärerische Gegentextkultur, meist auch in den Reiserführerge-schäften, wer weiß schon, wenn was interessiert. Und natürlich fahren nicht nur Ausländer, auch BesucherInnen aus der Provinz mit derm Fiaker durch die Stadt, wobei das Mitleid mit den Pferden die Geschichte des Pferdefleischs der letzten 150 Jahre durchaus animieren kann, ich erinnere mich an den Pferdelungenbraten vom Naschmarkt meiner Kindheit. Übrigens gibt es bis heute Innereien, die längst aus deutschen Metzgereien verschwunden sind, beim Fleischhauer ist das noch vorhanden, magerer als früher, aber immerhin.

Führungen durch Wien haben sich verändert, nicht nur wegen der Donauinsel und den neuen Gebieten im Norden. Und wenn ich die Straßenbahnen, U Bahnen, Busse lobe, heißt es für mich doch noch: lange Strecken zu Fuß laufen, ohne Camera, anders schauen und viele Anregungen durch Geschäftsschilder, Vereinsangaben usw. zu bekommen, die man sonst selten sieht. Die Offenheit korreliert mit der Öffentlichkeit und kappt viele Aufregungsspitzen – so empfinde ich, nicht alle. Aber zu sehen, zu wissen wo demente, HIV-kranke oder behinderte Menschen versorgt werden, ist kein schlechter Stadtplan. Den Plan sollte man schon kennen und sich fragen, warum wer wo wie lebt, arbeitet, fährt oder rastet. Hier geht es nicht um den Vorrang von Wien, sondern um die Erkenntnis, dass „Anders“ auch erarbeitet werden kann und soll. Wien ist eben anders.

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Ab morgen schreibe ich wieder andere Diarien. Aber heimgekehrt nach ein paar Tagen in Wien sagt mir deutlicher denn je, warum und wie Wien nicht der Westen ist, von dem so viel geredet wird, und warum Wien auch nicht der Osten oder Mitte ist. Europa hat sehr viel mehr Dimensionen, und gerade in diesen Tagen sollte man sie wahrnehmen. Inclusive der Schätze am Grund der Donau und an ihrem Ufer

Wien, wie es ist…

…nicht, wie es sein soll. Meine Stadt, von Kindheit (5) an, nach dem Aufwachsen in den Alpen, bis zum Übergang von Ministerialzuarbeit ins deutsche akademische Resort (27). Alle Unterbrechungen und Reisen waren egal, Wien war das Zentrum und hat sich als Focus der Biographie gehalten. Übrigens keinesfalls einfach verklärt oder durchgehend positiv, aber eben den Habitus prägend, bis ins Detail. Als ich gestern nur durch den Naschmarkt ging, 15 Minuten, war der Anblick dieser anderen, vielfältigen Welt ja daran gebunden, dass ich nicht einfach einen Korb mit Gemüsen und Gewürzen kaufen kann, wei ich hier ja nicht mehr zuhause bin, also wohne, also koche. Keine Romantik, bedenkt man die politische und soziale Wirklichkeit. Aber auch kein Abgleich mit besseren Städten oder Orten, gibt es nicht, auch wenn man sich jahrzehntelang woanders einleben muss. Über Wien etwas schreiben, darf nicht im oberflächlichen Feuilleton enden, sondern muss Einblick in die seltsame Hauptstadt gewähren, die eben nicht das halbfertige neue Europa repräsentiert…ich werde nicht auch noch ein Buch über Wien schreiben, aber die Stadt hat sich bei mir eingeschrieben.

…Übrigens habe ich beim Kauf eines Buches in einer guten Buchhandlung wahrgenommen, wieviele Bücher und Krimis über Wien angeboten werden, und wieviele davon schon im Titel eine unbestimmte Vergangenheit angehen.

Dass die Rechtsausleger ausländerfeindlich sind, ist auch hier nicht neu, aber die großstädtische, massenhafte Vielfältigkeit der Erscheinungen, Hautfarben, Kleidung etc. hat mich am Mittwoch besonders erfreut, weil „alle“, sehr viele zur Donausinsel und den Uferböschungen gezogen sind, um die Sonnenpartialfinsternis anzuschauen, wir saßen dicht an dicht am trockenen Abhang und hatten wenigstens klares Wasser der Donauarme und die grüne Insel vor uns, die unselige Trockenheit leider nicht verdeckend. Was mich erfreut hat, war die Stimmung der Tausenden, und weil die Sonneneinschränkung zum Kipferl nicht sooo dramatisch war, gab es einen angenehmen urbanen Abend…auch noch beim Essen in der Innenstadt, wo natürlich die Touristenmassen überwiegen. Aber mir ist aufgefallen: wo man hinschaut, sieht man einerseits die sozialkulturelle Besonderheit von Wien (gegen, de facto gegen, die Bundesländer) und andererseits die soziale Armut, Behinderung, Ausgrenzung. Und die Konsequenz: man sollte hinschauen und nicht das erfreuliche Oberflächenmenuett der beliebtesten Stadt Europas allein würdigen (übrigens geteilt mit Kopenhagen…).

Natürlich können nur Wiener über Wien schreiben, waber wer kommt schon aus Wien? oder kommt dorthin und bleibt? Lest Simmel, nicht nur Max Weber. Aber leider ist die Wiener Geschichte, diese nicht-westeuropäische Bühne, nicht einfach eine der Erfüllung hier geborener Hoffnungen und Utopien, sondern auch der Realitätsstoß einer teilweise schwer erträglicher Normalität – in einem an Scvhönheit kaum zu überbietenden Rahmen. Nein, das ist nicht Westeuropa. Auch nicht der Osten, aber den kennen wir hier, auch historisch, schon ganz vielschichtig gut, allein, wenn man bedenkt, woher die meisten der weltberühmten Wiener kommen…

Warum ich das in meinen Blog schreibe. Ein paar Tage in Wien, ein paar Freunde und Bekannte, ein paar Ereignisse und Projektarbeit. Und ich muss es schreiben, weil mir die Differenz von D und Ö so wichtig ist, obwohl die Ö nach 1918 ja gerne nach D gegangen wären, und eben viele die Eroberung von Ö durch D 1938 bejubelt haben, und viele davon mit der Nichtdemokratie 1933 bis 1938 zufrieden waren und deshalb gegen NS, während andere natürlich mit beiden unzufrieden waren…und das alles kann man lebendig nachverfolgen, wenn man möchte. Darauf kommt es mir an, die Geschichte der Faschismen in Ö und D wirklich nacherfahren, ihre Tentakel vergleichen, nicht gleichsetzen.

Dazu könnte ich. neben der Literatur, Stadtführungen in Wien oder Baden bei Wien oder…zusätzlich zu denen, die es gibt, durchführen, nicht nur für Freunde und Bekannte, nein, immer auch für mich. Das könnte ich, mache ich selten, aber die Subjektivierung der Stadtgeschichte neben den wirklichen Daten und Fakten, gehört dazu, um den Platz „Österreichs“ zu verorten….gibt es das eigentlich, dieses seltsame Land? Keine ironische Frage. Ist mir gestern, bei der Sonnenfinsternis, wieder eingefallen, wo die Sonne wie ein Wiener Kipferl ausgesehen hatte.

Der konservative Flügel schlägt unbeugsam, die SZ beklagt „Einbürgerungen um ein Fünftel gestiegen“ (13.8.) und natürlich in Wien besonders…(objektiv: Gleich 60 Prozent mehr Einbürgerungen hat es in Wien im ersten Halbjahr gegeben. Insgesamt haben hier 3.333 Personen die Österreichische Staatsbürgerschaft bekommen. Die Zahl der Einbürgerungen ist österreichweit gestiegen, im Vergleich zu Wien aber deutlich weniger. (news.ORF.at). zwischen den Zeilen der lokalen Medien die Ethnophobie, zwischen den Zeilen die Wirklichkeit – und die Hoffnung des Widerstands, nicht nur aus Wien und die Geschichte wiederholt sich schon so oft, dass man nicht mehr die alte Dramaturgie beleben muss. Dabei sind wir Österreicher das Land, in dem die Begriffe Ausländer und Inländer, incl. – innen, nie Sinn gemacht haben, es sei denn im Vorfeld politischer Konflikte.

Wasser des Überlebens

Bin zur Zeit in Österreich, einem Land ohne Meeresküste und binnenländischer Wasserknappheit. Die Donau ist flach und gibt Unerwünschtes am Grund frei, die Seen sind fast alle zu wenig gefüllt. Bis auf meinen Heimat-Traunsee, der hat viel Wasser, weil die Gletscher schneller in die Traun abschmelzen. Das Wetter ist kontinental heiß, Wien besonders. Vorboten trockener Jahre, wenn das Wasserknapp wird, entstehen neue Kulturvarianten und am Ende Flucht oder Vertrocknung. Habe ich alles schon gesehen, nur nicht bei uns. Aber vorher gesagt war es schon lange.

In den Salzburger Nachrichten, einer der größeren Tageszeitungen, gab es vorgestern, am 8.8., im Lokalteil eine vielseitige Darstellung der Wassernot: „Die Quellen versiegen, Feuerwehr liefert Wasser“, „Wasser ist Mangelware“, „Der Blick in den eigenen Brunnen genügt nicht“, sind einige Überschriften. Liest man genau, gilt Wasser als Ware, als Produkt, Handelsobjekt. Erinnerungen an meine Jugend am Traunsee und an der Traun, an Überflutungen und Hochwasser überdecken frühere Trockenperioden. Wir waren durchaus gesegnet, kann man so sagen. Dass die Computergiganten mehr noch als die edlen Golfplätze wirklich viel Wasser den Menschen entziehen, um AI zu füttern, führt nicht nur in den USA zu Widerstand, aber offensichtlich noch wirkungslos. Erst müssen mehr Menschen verdursten und eintrocknen. Und bei uns? Wenn die Gletscher abgeschmolzen sind (5-10 Jahre), wenn es weiterhin kaum schneit und wenig regnet, wenn Gewitter nur Wasser an der Oberfläche abfließen lassen, wenn Brunnen und Grundwasser austrocknen…dann wird sich in absehbarer Zeit ein Teil der nicht umkehrbaren ökologischen Endzeit verwirklichen. Trotz aller Aktionen einer Erdöl und Gas-orientierten Bundesregierungen mangelnder Intelligenz. Nicht nur in D und Ö und…Dass nicht nur die Antidemokraten und Faschisten nicht an die Zukunft vor allem der Kinder und Enkel denken, ist bedenklich. Wutausbrüche haben keinen Sinn, eher ist wichtig, Formen des Widerstands politisch und der Änderung der eigenen Lebensweisen zu revidieren. Was politisch eben in die Weiterentwicklung der Demokratie, nicht des Wirtschaftswachstums eingreift. Mehr Bildung, mehr Soziales, weniger Wachstum, Reisen, Konsum…ja, das ist eine Variante des Nachkriegs. Und zwar in einer Welt abgeflachter Reaktionen auf Kriege, die nicht nur Menschen, sondern auch die Umwelt dauerhaft vernichten.

XX

Zurück zum Wasser. Überlebenswichtig und eng zu verteilen. Mythisch, in heiligen Schriften und widerständigen Oppositionen, spielen Wasser und Feuer die beiden fokalen Aspekte der Entwicklung, Vernichtung, Verdichtung…diese Bilder gehen in der Aufklärung verloren, aber bei der Wasserkraft und dem Hochofen spielen da noch einige Nachträge mit. Und das hilft uns heute nur zur Formulierung von Politik, wo es um faktische und irreversible Naturzerstörung geht. Der Kampf gegen die verschwenderischen Herrschaftsformen, nicht nur Rechenzentren, auch Baumwollhemden und Rasenfeuchter, wird sich schneller zuspitzen als die meisten von sich geben, und natürlich wird sich die Fluchtbewegung beschleunigen, Migration wird den völkischen Widerständlern nicht einmal das Hirn befeuchten. Wenn ihr diesen Argumenten folgen könnt und wollt, überlegt bitte, was das mit eurem persönlichen Lebensaspekt zu tun hat, so wie ich nachdenke, was ich für mich ändern kann und soll, obwohl es hier nicht um individuelles Verhalten allein geht, was ja vorgeschoben wird, damit Staat und Kapital nicht handeln müssen. Kkeine trockene Zukunft, wäre ein Slogan.

Herbst – Hoffnung statt Abstieg.

Man kann, wir können, den Kanzler Merz im Amt hoffen, auch wenn wir ihn und seine Regierung kritisieren, die Politik ablehnen, Widerstand gegen Kultur-Sozial-Umwelt-Abstieg fordern oder gar – leisten. Im Letzteren liegt das Hauptproblem. Weil es zur Zeit keine reale Alternative zu dieser Regierung gibt, ist es falsch – politisch und moralisch – scheinbare Alternativen aus Verachtung, wie in Frankreich, rechts und links, oder aus der falschen faschistischen Option, Italien, dem Kabinett entgegenzustellen. Das bedeutet: Kritik ja – 0,8 Ironie und Sachkritik – Verachtung oder Verlächerlichung nein. Die Grenze zwischen beiden ist schmal, aber um das Soziale, das Kulturelle und das Ökologische zu kämpfen, muss man, leider oder nicht, mit der Realität der Regierung und nicht mit dem Stern der Hoffnung auf eine gute Alternative, sagen wir: angeführt von den Grünen, reden und handeln.

Nebbich, das haben wir doch gewusst, oder? Naja, am Fall der Ablösung von Spahn kann man die obige Position ja durchexerzieren. Mach ich jetzt nicht, steht ja überall, nur: die Überhöhung der Leihmutterschaft als Abschiedsthema und das Verdrängen eines rechtspopulistischen Kurses, nicht nur von Spahn, macht die Grenze zwischen Toleranz und Lächerlichkeit porös.

Also: wir sind noch vorne, vor Frankreich, Italien etc., ABER. Was denken, projizieren, tun, jetzt, im Herbst der Demokratie? DAS nämlich ist eines meiner Probleme: wenn wir uns nicht politisch zusammentun und endlich die Demokratie weiterentwickeln, müssen wir schon planen, mit den und unter den Faschisten zu leben und zu handeln. Ob wir mit den Faschisten reden oder nicht, tagesproblematisch, ist doch egal…wie wir mit ihnen umgehen und handeln, darum geht es. 1930er Jahre sind, ein Hilfsmittel, aber keine wiederholbare Strategie.

Ich weiß es nicht, es geht darum, ein Wir zu konstruieren, das politische und kulturelle Nebenwidersprüche wahrnimmt und einebnet. So, wie Atheisten mit Katholiken kooperieren können, so können ganz viele Brücken mit zwischen kulturellen und sozialen Differenzen gebildet werden, nicht für ewig, aber jetzt. Vor den Wahlen und wahrscheinlich danach umso effektiver. Persönlich würde ich nur bei der Umwelt, bei der Ungleichung von Ökologie und Ökonomie, Grenzen ziehen, aber wechselseitige Durchlässigkeit bei Kultur und Sozialem erstmal aufbauen und dann durchhalten – schlechter wird es uns ohnedies demnächst gehen, und wer Freiheit gegen Gleichheit ausspielt, hat beide nicht verstanden.

Wir sind nicht frei, wenn wir hungernde Familien großzügig betafeln. Damit meine ich, dass wir uns selbst, das WIR oben, auch ändern müssen, um zu überstehen, was uns bedroht.

Das sagt sich so leicht. Aber ernsthaft: was wir uns zumuten müssen, ist noch längst nicht bewusst in seinen Risiken, Hoffnungen, Gefahren und unserer Leistungsfähigkeit.

Dazu lade ich euch ein, mit mir ein Manifest zu schreiben. Zu bedenken, zu schreiben, es zu entwerfen, nicht wie so oft, unterschreiben und sich befreit fühlen.

Jüdische Bibliothek

Da hat einer, Mendel Uminer, eine große jüdische Bibliothek, er liest die ganze Zeit, ein junger Gelehrter:

Alex Vadukul

By Alex Vadukul

July 9, 2026

For a young Jewish scholar and writer named Mendel Uminer, books are the wellspring of enlightenment. So when he scored a studio apartment a block away from Central Park on Manhattan’s Upper East Side a year ago, he brought his books with him — all 10,000 of them. What followed, at least for a little while, was a charmed existence in his 600-square-foot temple of knowledge.

Towering stacks of Judaica lined the walls, heaps of film criticism and opera history filled the prewar bathroom, piles of plays and poems blocked a window, and Uminer slept on a floor mattress engulfed in dog-eared novels. Waking up around noon, he spent his afternoons on his sunlit chaise, devouring the works of Yiddish writers like Chaim Grade and critics like Edmund Wilson, nourishing his mind while the city churned outside.

“I’m always reading,” Uminer, 31, said. “I’m reading to extract knowledge. Every book I own, I need. My library is my manual for life.”

He worked as a freelance Hebrew translator and used the apartment as the headquarters for his fledgling literary journal, Notarikon Review, hosting parties that gained a reputation among quarters of New York’s literary underclass. Striving writers drank beer among the teetering stacks while arguing over foreign affairs and Greek poetry….

Die Vermieter kritisieren diese Bibliothek: „“You are maintaining the Premises in a severely overcluttered condition; permitting the over-accumulation of books in the Premises; creating a fire hazard by over-accumulating combustible books in the Premises.”“

Die weitere Geschichte „Too many Books“ (NYT 10.7.2026) ist zwar spannend, aber mich fasziniert etwas anderes, berührt mich direkt: Jüdische Bildung durch lesen.

Es gibt nicht nur viele Bücher über Bibliotheken, über die Buchkunst, die Sammlungsvariationen, den Zusammenhang von AutorInnen und ihren Texten, die Lektorate, – das alles gibt es, verdoppelt durch den Blick auf die jüdische Geschichte im Text, mit Texten, das Wort verbindet nicht nur Gesellschaft mit Natur oder Gott oder Schicksal, sondern schafft auch eine Evolution, in der Judentum eine Rolle hat, die es hervorhebt, absondert, begünstigt…eine Rolle, die nicht unbedingt religiös geblieben ist, aber über Jahrhunderte religiös oder – religionskritisch war, nicht wirklich ironisch sage ich: wir lesen eben die Welt. Damit kommen auch alle anderen Künste ins Spiel, damit findet die Kritik ihren Grund ebenso wie das Dogma, und die Konflikte gehören dazu.

Nun kann man hier das Tor zur Bildung öffnen, aber mehr noch zur Aufklärung, was für die Geschichte der europäischen (und nicht nur europäischen) Monotheismen schon spannend ist. Nicht nur Texte vermitteln Humanität, aber sie halten sie fest, mehr als vieles andere. (Und bisweilen müssen sie zurücktreten, Musik und Kunstwerken den Vortritt lassen).

Die Zerstörung von Teilen des Judentums durch den ultra-orthodoxen, aufklärungsfeindlichen dogmatischen Politikstil – gegenwärtig, nicht vergangen – ist nicht nur mir peinlich, aber solange der Geist fliehen kann und keine Körper hinter sich lassen muss, zeigt sich schon Rettung. Schade, wieviel Bildung und Lesekunst bedroht ist, nicht nur in Israel natürlich.

Aber zurück zum Lesen, das ja das dauernde erneuerte Schreiben anregt (mehr als umgekehrt). Die Fortschrittsgeschichte der Menschen ist da nicht so schwieirg zu erklären. Jetzt interessiert mich mehr, warum nicht „bloß“ der Text, sondern auch sein Träger mich bindet, warum ich Bücher und Texte aufbewahre, die ich nicht nur einmal gelesen habe und nicht mehr lesen werde, die ich vielleicht registriert oder katalogisiert habe – anderes gebe ich leichter weg. Aber diese Texte verkrtöpern, weil ich sie gesammelt habe, auch ein Stück meiner Existenz. Ein Stück, bitte, nicht alles und nicht ganz. Und bei den Texten die ich, die wir, selbst geschrieben haben, ist die Brücke zu den VerlegerInnen, zum „Verlag“ von großer Bedeutung, sozusagen als Gegenüber zur Reaktion von LeserInnen auf die Texte. Da geht es nicht um einige übersehene Rechtschreibfehler oder Satzkrümmungen, da geht es um die Verdopplung des Textes durch die Kritik, die im Lektorat eingebunden ist, sozusagen als Freigabe. Das kann man historisch bis auf weit vor unserer Zeit verfolgen, und man kann es jetzt gegen die Feinde von Bildung und Lesen anwenden. Eine langdauernde Kunst.

Das alles schreibe ich jetzt nicht als Werbung. Umgekehrt, meine, unsere Verlage sind von dem Text, der „als Buch“, als „Aufsatz“ tatsächlich erscheint, nicht zu trennen (es sei, man sei sein eigener Verleger und Drucker, – nicht mein Anliegen). Und wenn ich einen Teil meiner Bibliothek „übertrage“ oder einer Institution, zB. einer jüdischen Institution widme, ist es immer mehr als nur eine Textsammlung.

Verlogener Realismus

Da fahren sie in die Türkei. Dort sitzen hunderte oder tausende politischer Demokraten im Gefängnis, aber das türkische Militär vertreibt wertvolle Waffen und vor allem: die Türkei unterstützt die NATO angeblich so, wie es z.B. NATO-Partner aus der EU nicht können. Trump aber ist kein weißer Elefant, sondern ein Gewaltherrscher, neben vielen seinesgleichen, der eben mit den NATO Vertretern verhandelt, zu seinen Gunsten, weil die ja nicht so stark sind, und besser mit den USA als mit Russland. Da ist schon etwas dran.

Eigentlich weiß man das alles, aber das Peacewashing und die Unterwerfung unter diktatorische Verbündete ist ja nichts neues. Man kann auch lernen. Meloni, eine offene Faschistin und europäische Verbündete auf manchen Feldern, hat Trump anscheinend zum Einlenken gebracht, klüger als die meisten Regierungshelden Europas. Was kommt da aus den heutigen Beratungen heraus? Wir wissen es nicht, und die Prognosen taugen, wie häufig, auch diesmal wahrscheinlich nichts. Außer dass Trump private Geldgeschäfte wahrscheinlich erfolgreich verhandelt. Mich interessiert das nicht spontan, sondern aus einer gefestigten Rückschau, vielleicht morgen. ABER mich interessiert, wie die europäischen Demokratien, wie wir auf den Diktator reagieren. Von unten, bitte keine Selbstüberschätzung. Man kann in ihn noch so hineinkriechen, wie Mark Rutte, oder sich unabhängig gerieren oder gar widersprechen, das alles berührt den Diktator nicht wirklich. Er ist nicht wie unsereins. Das ist auch Xi nicht, das ist auch Putin nicht, aber wir sind ja von Trump abhängig. Sagen wir: weitgehend, nicht vollständig. Es reicht.

Eine Alltagsempfehlung: Dirk Kurbjuweit hat im SPIEGEL #28/3.7.2026, unter „Jeffersons Fluch“ eine komplexe Gratulation zu 250 Jahren Demokratie aus den USA und den Problemen mit dieser Demokratie geschrieben. Das ist historisch und kulturgeschichtlich, auch weltpolitisch ok, aber mich hat dabei etwas besonders wach gemacht: dass der Autor die Demokratie von Anfang an als komplexes und nicht stabiles Gebilde beschrieben hat, und dass wir uns zwar darauf kritisch einstellen sollen und uns nicht darauf verlassen, aber jedenfalls nicht wundern oder resignieren sollten. Immerhin ein paar Seiten Aufklärung statt Unterwerfung.

In einem Moment des globalen Zerfalls bisheriger Strukturen, nicht eines Zerfalls der Welt, ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, wie man mit den Trümmern umgeht. Das setzt mehr als politische Entscheidungen der Regierungen voraus, da sind auch die Bürgerinnen und Bürger gefragt, die ja schon mitmachen müssen, um sich die demokratischen Regierungen richtig zu stabilisieren…Das bedeutet nicht nicht einfach Aktivität von „unten“, weil ja die Regierungen nicht automatisch „oben“ sind. (Da kann man übrigens einiges aus den USA lernen). Aber es bedeutet hingegen, dass wir uns verständigen sollten, worüber wir uns politisch aktivieren und formen. Diese Diskussion, anstatt der Konfrontation von Meinungen, ist wirklich relevant und immer aktuell. Das klingt fast zu einfach, ist aber nicht trivial.

Schule, Rente, Ökologie – kann man die drei mit der Landesverteidigung verbinden? Ich denke, wir müssen das. Der politökonomische „Rest“ ist kein Rest, sondern eine politische und kulturelle Umwelt, und all das zusammen kann und soll die Ökonomie reformieren, und nicht umgekehrt, wie die Zwergenwirtschaft der O,8 Regierung es gerade angeht. Landesverteidigung, Militär, ja, wie es sein muss und kann, ist nicht schwierig zu bedenken, aber WIE? Und da kann man keine falschen Dualitäten, wie Krieg und Frieden, rechts und links, einsetzen. Das setzt schon politische Diskurse voraus, in die wir uns einbringen müssen, anstatt sie beobachtend zu kritisieren. Wie bringen wir uns ein? Praktisch, handelnd. Das schließt ja nachdenken und lernen und probieren nicht aus…auch das klingt trivial, ist es aber nicht. Anstrengend, mühsam, gegebenenfalls zahlen wir dafür oder drauf. Und dass es uns „einschränkt“ ist sowieos klar, aber auch, wenn wir nichts tun und rechts-schaffenden Regierungen einfach handeln lassen.

Zurück zur NATO, zur Türkei, zu Meloni, zur EU…es macht Sinn, über die Ereignisse nachzudenken, manchmal auch zu reden. Aber wozu? – die Antwort macht auch Sinn. Lest die Süddeutsche von heute, 9.7., Seite 2.

Aufschub durch Lächerlichkeit

Der Abstieg Europas ist natürlich nicht spontan, die Länder Afrikas, Asiens, Lateinamerikas strecken sich in die Zukunft, China hat schon gegen die USA gewonnen, wer weiß, wie lange, andere wachsen und stärken sich…Weltgeschichte war und ist kompliziert, die Vereinfachung ist nicht nur eine Schwäche, sondern ein Abweg aus der Wirklichkeit.

Das kann man genauer und im Detail nachprüfen, es gehört zur Grundbildung, zur Kultur, zum eigenen Beruf…mache ich hier nicht, aber: ich frage mich, wie die sub-minimale Politik der deutschen Regierung innerhalb der schwachen EU den Abstieg noch weiter garniert. Weil es keine Alternative gibt, zur Zeit, verachte oder verdamme ich diese Regierung nicht, deshalb trifft meine Kritik ihre Entscheidungen, nicht so sehr den Rahmen in dem Merz&Co handeln. Die absurde Vernachlässigung von Umwelt, Kultur und Sozialem durch das Programm des Wirtschaftswachstums lässt sich leicht widerlegen, auch durch Einzelaspekte wie Bevölkerungswachstum, Zuwachs an nicht-deutscher Einwanderung von Menschen, Asyl, Abschwächung der Kreativität, Sieg der großen und kleinen Lobbies etc. Weil das evident ist und keine kritische Erfindung von Minderheiten, mache ich hier nicht weiter, das könnt ihr überall – fast überall – belegen und belesen. Ich leide eher, oder fühle mich bedrängt, durch die Lächerlichkeit der Herrschaft auch dort, wo sie vernünftig agieren könnte, von den Menschen unterstützt, also nicht vom „Volk“ etc. Das ist ein Aufriss gesellschaftlicher Bildung. Nicht nur Sozialisation, nein, Bildung – nehmen wir den Begriff aus der deutschen Geschichte heraus, verallgemeinern wir ihn zur Aufklärung hin, also auch gegen Religion, Aberglauben, Schicksal und alle möglichen Weltzyklen, die immer nur die eigenen Schwächen der „Natur“ zuschreiben (das war nicht nur zu Beginn des 20. Jahrhunderts so…man kann auch Oswald Spengler oder Rudolf Steiner aufrufen, mit komplizierten, aber nie ungebildeten Sackgassen). Für mich bedeutet das, dass es nie aufhört, aufgeklärt die Wirklichkeit zu analysieren, und auch die gefährlichen Abgründe und nicht nur die aufgeklärte Erkenntnis wahrzunehmen. Dieses letzte Wort ist mir wichtig: was in der Geschichte, Politik, Kultur….„wahr“ sein kann, um zur Praxis zu leiten – das bedeutet schon, dass man sich selbst anstrengen muss und eben nicht die Algorithmen für einen selbst agieren lässt. Und, paradox?, mir fehlt das bei der bloßen Ansicht der Politik in unserem Land, auch anderswo. Was heißt, es fehlt? Dass ich nicht weiterkomme, Wahrnehmung ohne Ausgang. Kompliziert? Beispiel: die Politik, aber vor allem der Diskurs zum Telefonverbot der Krankmeldung und zur Verordnung des Praxisbesuchs…Man kann hier schon die Gründe für das jetzige Misstrauen aufzählen, aber leider tut man das nicht, und deshalb ist der Akt einer des Misstrauens und keiner der konkreten Kritik; er befestigt die Misstrauenskultur anstatt den wirklich krankleidenden Menschen zu vertrauen – und den MontagsFreitagsSonstigen Betrügern mit ablehnender Haltung zu begegnen. Karikatur von Teresa Habild in der SZ von heute. Nur eines von vielen Beispielen, die ja eigentlich darauf hinauslaufen, dass die Regierenden den Menschen der Gesellschaft grundsätzlich misstrauen. Darauf kann keine Demokratie stabil stehen. Und das hat auch mit Bildung zu tun.

Erschöpfung, kreativ

Man schreibt immer immer über das Gleiche, sechs oder sieben Themen, die sich abwechseln, einmal in der Reihe, einmal durcheinander, und wer die Blogs regelmäßig liest, fragt sich, warum ich nicht mehr Variationen einbringe. Falsch. Es sind mehr Themen, viel mehr, aber sie laufen zusammen, das ist die Wirklichkeit, über die ich blogge…Aber wenn ich über Israel und Palästina und das Judentum schreibe, oder wenn ich Korruption und Fahrlässigkeit kritisiere, oder wenn es um Umwelt geht, dann ist auch für mich spannend, wie die kleinen und kleinsten Variationen der Interpretation sich darstellen, wenn die schlechte Unendlichkeit der dauernd, übermäßigen Wiederholung sich schon kaum mehr lesen lässt. Schlechte Unendlichkeit, das ist die Gegenwart der Menschen ohne Hoffnung, ohne Zukunft, manchmal der Faschisten, oft der oberflächlichen Dünnköpfe. Sich da heraus zu begeben, ist mühsam, und ehrlich: ich bin zunehmend erschöpft. Weil es nicht darum geht, dass mir zu Trump oder Putin oder zum Klima nicht noch etwas einfällt, sondern was es ist, das euch Leserinnen und Leser aufweckt, animiert oder bewegt.

Zu vielen dieser Statements gehört auch, dass ich, wenn sie das erste Mal als veröffentlichten Blog selbst lese, sofort weitere Gedanken, Veränderungen, auch Kritik und Verbesserungen andenke, und bisweilen auch eintrage, aber meist schon am nächsten Schritt, also Blog lande. Und da komme ich zu meiner Erschöpfung. Die langweilige dauernde wiederholte fast schon wiederholte Einsicht in weltpolitische oder lokale Wirklichkeiten, die ja immer mehr sind als Ereignisse, erschöpfen – und machen das Paradox der schöpferischen Weiterentwicklung. Einschließlich einmal längere Zeit über bestimmte Personen oder Ereignisse NICHTS zu schreiben, sollen sie noch so am Tagesablauf brennen: der Tagesablauf ist eben oft schlechte Unendlichkeit. Anders gesagt: was fällt mir zu Putin oder Trump oder Netanjahu oder zur Hamas noch ein? Dieses NOCH hält mich am Schreiben.

Ich habe das vor einiger Zeit in einem Buch versucht: – Flanieren im Mythos – Sexualität und Gewalt, edition splitter,  Wien 2023,  € 26,00 . Es verkauft sich nicht gut, weil man es nur beim Verlag und bei mir bekommt. Darum geht es jetzt nicht. Wichtiger ist, dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit nicht journalistisch ist und nicht politisch, sondern intellektuell und persönlich reflektiert wird. Der Reflex führt zurück in die Kultur. (PS: Ihr könnt das Buch v.a. in Deutschland direkt bei mir bestellen, über die Buchhandlungen dauert es länger und ist teurer).

Ich denke, ihr könnt das jetzt im Sommer gut vertragen, dass ich erst in ein paar Tagen wieder zu den Ereignissen und Personen zurückkehre, denen ich durch meinen Blog ja Überleben sichere, ihre Vergänglichkeit etwas umbaue…

P.S. Nicht nur zur Politik: was soll ich heute zum herrlichen Sommerwetter, zum blauen Himmel, den Bienen auf meinem Balkon, der erträglichen Literatur noch schreiben? Mein Gewitter kommt schon wieder, keine Angst.

Ingeborg Bachmann * hundert Jahre und ein Augenblick

Der hundertste Geburtstag von Ingeborg Bachmann gehört zu den wichtigsten Alternativen einer täglichen Detailverzweiflung an weltpolitischer und privater Beobachtung des Umfelds eines eigenen Lebens. Und mit entscheidend für mein Leben. Aber das später. Sie ist am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren, also in Kärnten, also in Österreich. Sie starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Ich freue mich zunächst, dass die ZEIT im Feuilleton vier Artikel zum Geburtstag eingibt, und ein Bild auf der Titelseite. Iris Radisch nennt sie die Jahrhundert-Schriftstellerin. Ein guter Auftakt mit einem wichtigen biographischen Detail: “Sie ging nicht zum Bund Deutscher Mädel. Sie ging auch nicht in den Luftschutzkeller, als die Alliierten Klagenfurt im März 1945 in Schutt und Asche legten. Als Überlebende in ihrer Straße schob sie einen Sessel in den Garten. und las Rilke und Baudelaire, als die Bomben auf Klagenfurt fielen“. Damals war sie 19. Und hatten viel hinter sich. Sie war so alt wie meine Mutter. Es gab nach ihrem Tod eine Menge Literatur und verflochtene Kommentare, die zu sehr auf das Ende ihres Lebens und zu wenig auf die Verbindung von Leben und Werk eingingen. Damals schon der Kontrast von Biographien und segmentierten Kommentaren. Lest dazu Eva Menasse: „Für sie gab es keine Rolle“ (ZEIT #43, 23.22.2017) mit zwei Rezensionen. Ich habe noch mehr davon, aber sie sind wahrhaftig sekundäre, auch wenn sie angeblich viele biographische Details aufscheinen lassen. Jetzt verneigt sich Adam Soboczynski in der ZEIT vor ihr, „Frei und damit verloren“. Er verweist auf den Anfang, als der Gedichtband Die gestundete Zeit 1953 erschien. Neuere Biographien bespricht Jolinde Hüchtker „Wer war Ingeborg Bachmann?„, das gehört wie vieles zum Rahmen, nicht wirklich zu Leben und Werk. Und Volker Weidermann pointiert „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die NS Vergangenheit, vor allem des Vaters, und lenkt ab, weil er die Geschichte von 1945 und danach nicht genauer beschreibt. Darauf verweise ich, das könnt ihr lesen, ich kann es auch weiter ausführen, auch Hans Weigel hätte man beim Namen nennen können, aber das ist sekundär, für mich und heute. Natürlich war ich 1953 zu jung für den Gedichtband, 1964 bekam ich Gedichte in die Hand (13 – 16. Tausend, Piper Verlag). Und auf Seite 27 steht das Gedicht, das für mich, konkret für mein Leben, wirklich Bedeutung hat, wichtig ist:

ALLE TAGE

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht,

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feid unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen

für die Flucht vor den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

Seltsam: ich bin dieses Gedicht mein Leben nicht losgeworden, und ich muss es immer lesen, nie auswendig vor mich hersagen. Ich habe es öfter vorgetragen zitiert, nie in den Pazifismus oder eine politische Sektion eingetragen. Es wurde zur Lebensbegleitung, ohne „“.

Ich habe viel von Bachmann gelesen, einiges über sie (ein Vergleich mit einem anderen Großen: Kafka, den muss man erst vielfach lesen, nicht voreilig über ihn). Auch haben mich ihre Beziehungen zwar getroffen, aber nicht betroffen gemacht. Weigel und Frisch waren mir aus vielen Gründen fern, Celan stand mir sehr nahe – aber deren Einwirkung auf die Lebens- und Werkgeschichte der Bachmann hat mich maßvoll interessiert, ich habe immer ihre Texte verstehen wollen, bevor ich sie bewertete, und wo Bachmann bei Celan aufscheint (für mich positiv), bei Frisch (dauerhaft negativ), ist das ein Rahmen. Das nachgelassene „Male Oscuro“ (2017) habe ich nicht gelesen. Bewusst.

Das Gedicht hat mich also viele Jahre, wie kaum ein anderer Text, begleitet, eine psychologische Assoziation: das jüdische Totengebet liest man auch und sagt es nicht auswendig).

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Es geht weiter in die Psyche, nicht unbedingt Psychologie. Bachmann war so alt wie meine Mutter. Pubertär war ich nicht in sie, die Bachmann, verliebt, aber adoleszent war bemerkenswert, dass ich ihr Alter in keiner Weise auf meine Mutter produziert hatte. Die beiden waren in vieler Hinsicht grundverschieden. Aber sie haben, je für sich, erlebt, was unsereins ja nie erfahren hat. Und das spielte für mich bei der Erfahrung von Bachmanns Biographie schon eine Rolle, und das spielten sie natürlich auch mit, einerseits die Familie, andererseits die Planeten, Weigel, Henze, Celan, Frisch, Bernhard u.a. Es gibt zur Familie kaum Analogien und doch muss man sich der Zeit widmen, in der meine Mutter, in der Bachmann „erwachsen geworden“ ist. Und die intellektuellen Ausknospungen meiner Erinnerung, auch Erfahrung, zB. gegenüber Hans Weigel, zB. gegenüber Thomas Bernhard, haben schon Eindruck auf mein Bewusstsein hinterlassen. (Und eine Phantasie einer Alternative zu Frisch und dessen späten Abbau)

Und schon bin ich wieder bei ihren Gedichten, bei ihren Vakanzen mit Celan vor allem. Auch wie er zu Ende kam, und dann – wie sie zu Ende kam. Aber was wissen wir wirklich – lebte sie heute noch, hätte sie beides, liebens-würdige und lebens-würdiges Geschlecht über die Zeit weitergegeben in unsere Zeit des gefährdeten Standpunkts. So aber: Lest die Autorin über das Jahrhundert hinweg, immerhin: sie wird bleiben.

P.S. in arte gibt es eine neue Biographie, ambivalent und sehenswert  https://www.arte.tv/de/videos/127936-000-A/100-jahre-ingeborg-bachmann-dichten-fuer-die-wahrheit/