Osterhasi ante portas

Der große Polt hat Osterhasi hinreichend gewürdigt: Zugleich einen Feiertagsgruß an einen der letzten richtigen Kabarettisten (Vgl. Gerhard Polt – „Das ist ein Osterhasi, kein Nikolausi“ – Bayern – SZ.de). Osterhasi Gerhard Polt – Nikolausi – Nein, Osterhasi – YouTube.

Immer hin ist der Osterhase weniger mit Schattenseiten versehen wie der Weihnachtsmann oder Krampus. Immerhin sind die Hasen von Lindt goldig schöner als andere Schokofetische, und es stimmt ja: Ostereier sind heutzutage praktischer als Weihnachtsbäume (von denen übrigens die letzten in der Nachbarschaft entsorgt wurden). Da ich ja aus Österreich komme, erinnere ich an die Schülerwitze von Osterei, Österreich, Oststeiermark usw. Da haben wir Kinder ans Eiersammeln gedacht. Aber heutzutage ist das ja nicht mehr allgemein so lustig, nur teilweise. Auch kann man die Eier mit sorgfältig ungiftigen Farben bemalen, das war nicht immer so. Und ein veganes Ostermenu erfreut nicht nur die überlebenden Hennen, sondern auch den Diskurs und die vegetarische Hoffnung…

Kein Angst vor einer religiösen Abkehr von der Politik, die ja heuchlerisch die Feiertage zum Waffenstillstand und zur Wiederaufrüstung in den ärmsten Kriegs- und Hungergebieten benützt. Ich höre mir sogar Teile dieser Heuchelei im Rundfunk an, um mir ernsthafte Gedanken über den Stillstand der Evolution zu machen. Aber für mich ist die Hauptsache die Erinnerung säuberlich von der gegenwärtigen Wirklichkeit zu trennen und die Zahl der Ostereier auf das Minimum an bunten Geschenken an den Türen des nächsten Sonntags zu reduzieren; hinter den Türen Aufstehung, eine Stunde später oder früher, wie man die Uhrzeit bewertet.

Aber ganz ohne Ostern geht die Erinnerung ja nicht: der Ostermarsch nutzte die freien Tage, in kleiner Form nutzt er sie bis heute, um für den umfassenden, einseitigen Frieden aufzutreten, sich wandernd und singend kennenzulernen, und einen Beitrag zur Verharmlosung von Politik zu leisten. Noch waren wir im Westen ja nicht von den Diktatoren im Osten einvernommen, dann hätten wir ohnedies nicht so demonstrieren dürfen. Aber Vorsicht: lange Zeit war der Ostermarsch aufrichtig „gemeint“, undurchschaut…also keine nachträgliche Herabwürdigung, eher Kopfschütteln. Heute, naja, da kann man Verteidigung anders als naiv-pazifistisch diskutieren, in Abkehr von der zu einfachen Krieg&Friedensrhetorik (Noch einmal ein Hinweis auf die wirklich klugen und wichtigen Retro und Per Spektiven des 80 jährigen Dany Cohn-Bendit). Viele von uns haben vor mehreren Jahrzehnten seltsam innerhalb der Linken, manchmal auch in der Mitte, mäandert. Aber es war und ist ja nie zu spät, statt der Märsche zu Ostern andere Segmente der Zeitverschiebungen in Anspruch zu nehmen: Die reaktionäre 0,8 Regierung auf die Umwelt hinzuweisen – und die umweltresignierten Volksmassen dazu. Das wäre ein Fokus einher Neubelebung von Demokratie, weil Umwelt nicht in das marxistisch-kapitalistische Duo Politik-Ökonomie passt, sondern unser Leben an das Überleben unserer Kinder und Enkel bindet. Es reicht wohl nicht, umzudenken und individuell zu handeln, es muss schon eine politische Verschiebung der Achsen von Herrschaft und Machtausübung, aber auch von Lebensführung geben, und wie sollen die verschoben werden ohne uns. Mülltrennung war nur ein Anfang…kein Fortschritt.

Auf all das komme ich nach einem langen Spaziergang mit meinem Hund in den menschenarmen Morgenstunden. Der Park ist eben nicht nur „grün“, sondern er gehört zum Rahmen der wirklichen Lebenswelt, zur Umwelt, und da kann man schon viel erkennen, das über die Mülltrennung hinausgreift. Nicht, dass ich spzieren gehen müsste, um darüber nachzudenken, aber es ist schon gut, der Wahrnehmung des Zeitdrucks auf die Umwelt nicht zu entgehen, wenn man schon im Park geht, und keine Osternester findet.

Israel, Gaza, Zionismus, – und wir?

Die gegenseitigen Kontroversen sind eine Sache, in die ich hier nicht einsteige. Die Geschichte und die Auswirkungen auf die Politik, Kultur und unser Verhältnis zu Israel ist eine andere Sache, auf die ich schon hinweisen muss, teils professionell, teils als jüdischer Mensch, teils als Kosmopolit. Deshalb ein kleiner Ausschnitt aus einem sehr komplizierten Patchwork.

Angestoßen und aufgeregt haben mich die Zionismusabgesänge der derzeitigen Regierung, die Politik der Regierung Netanjahu, die Politik der Hamas und der arabischen Verbündeten, und, nicht paradox, die Unterstützung der USA durch Israel im Krieg gegen Iran – werte LeserInnen: lassen wir einmal die Realität der Kämpfe und gewaltreichen Konfrontationen, der Verwundeten und Toten beiseite, und konzentrieren wir uns auf die Diskurse dahinter.

Lange Zeit haben bestimmte dogmatisierte Bilder der Zionismus, der Geschichte des Gebiets von Palästinensern und Juden (und Drusen und…etc.) anscheinend ausgereicht, um das besondere Deutsch-Israelische Verhältnis über das Jüdisch-Deutsche Verhältnis zu stülpen, das aber wiederum die deutsche Sichtweise von anderen deutlich unterscheiden lässt.

Dazu kann ich sehr zwiespältige professionelle Auskünfte und Schlussfolgerungen geben, d.h. ich könnte, mache ich aber nicht, weil es eine zweite Ebene gibt, die nicht einfach subjektiv ist, sondern gespalten: Als Jude habe ich eine genaue Vorstellung dessen, was jüdisch ist, und wenn ich sage, dass nicht alle Juden jüdisch sind, und dass Israel nicht implizit jüdisch ist, dann folgt aus diesem Indikativ die Konsequenz, meine!, dass ich keine Lösung in der Politik finde, je mehr ich von dem begreife, was seit mehr als hundert Jahren, mehr als 3000 Jahren, mehr als 50 Jahren auf der Landbrücke sich ereignet.

Warum ich mich dann öffentlich äußere? wenn Sie wollen, aus didaktischer Aufklärung, wenn Sie wollen, aus Korrektur der Korrekturen meiner professionellen Bearbeitung von Israel und Palästina, wenn Sie wollen, um die Differenz zwischen dem Judentum in Deutschland und dem in Israel und dem in Europa order global zu beleuchten. Das alles zusammen würde eine noch umfangreichere Dramaturgie als die „Letzten Tage der Menscheit“ von Karl Kraus brauchen, und wenn ich die „Letzten Tage des Judentums in Israel“ so nenne, kann ich ohnedies nicht zurück – es bleibt also bei der unvollstän-digen Einleitung, sozusagen einem Prolog zu dem, was ich ohnedies nicht schaffen kann. Aber immerhin, die These ist ja schon deutlich.

Einfacher kann ich es auch einleiten. Ich halte mich erstmal an Amos Oz, an David Grossmann, an eine Reihe durchaus kontroverser Historiker wie Tom Segev oder Benny Morris, und bin aufgeschreckt durch neuere Literatur, die ich zum Teil schon kritisiert habe.

Die Einsicht gebe ich jetzt, wobei natürlich die Liste nicht das ist, was ich alles gelesen habe, sondern was zu dem gehört, worüber ich mir jetzt den Kopf zerbreche:

Evil in the Westbank
D. Shulman
NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue #4 Pages 10-11

`Dirty Work
N. Thrall
`NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue 5 Pages 28-30

Benny Morris: 1948 and After. Oxford UP, 1994

Benny Morris: Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems., Berlin 2025

Joseph Croitoru: Die Hamas.. München 2024

Ron Leshem Feuer. Berlin 2024

ZEIT Geschichte: Israel und Palästina 1/2026 –: sehr problematisch wegen der vielen historischen Leerstellen, aber in einigen sehr guten Artikeln hilfreich

Und natürlich unverzichtbar: Amos Os: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Suhrkamp 2008, Orig. 2001. Dass darin der junge Netanjahu vorkommt, ist nicht nebensächlich, aber Oz ist viel mehr: die Dialektik der Ansicht Israels aus der kritischen Wahrnehmung der Heimat. Dazu passt als schmaler Ausschnitt: Joshua Cohen: The Netanyahus, NYRB 2021. Und natürlich Grossman: Der gelbe Wind. Kindler 1988, über den Krieg 1967

Über weitere Literatur gebe ich gerne Auskunft. Wichtig sind mir auch Eva Illouz, von ihrem Anfang an, und die Rabinerin Delphine Horvilleur. Und ich bin nicht wirklich befreit, die vielen weiteren Namen hier nicht aufzuzählen. Denn um meine Bildung geht es hier nicht, es geht um die Einbildung eines möglichen Ende jüdischer Hoffnung, gloabl und kosmopolitisch mit Israel als als einem Ort der Hoffrnung.

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Über die jüdische Geschichte und Gegenwart, vielleicht Zukunft, entsteht sozusagen als vorausblickendes Gedankenexperiment eine Hoffnung, bei der es so wenig um das eigene Erleben geht wie die Frage, ob der in der Wirklichkeit auftretende Messias schon der richtige sein kann. Dazu kann ich immer wieder schreiben, nie ein weiteres Kapitel, immer wieder den Absprung wagen.

Aber es kommt noch etwas als Gegenpol zum global sich ausbreitenden und auch bei uns sich wurzelnden Faschismus? Die Verbindung wundert euch weniger als die meisten. Aber sie zieht den Schleier von den Augen.

Weltkrieg III. Begriffskampf um die Wirklichkeit

Ob man die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, in Zentralafrika, im Sudan, gegen Venezuela, gegen Kuba, …zu einem „Weltkrieg“ summiert oder sie parallel geschehen lässt, teilweise verbunden, teilweise unverbunden, ist begrifflich nicht gleichgültig, weil der Weltkrieg bei vielen Gruppen unterschiedliche Reaktionen auslöst, die wiederum Ängste, Aggressionen, und unterschiedliche Selbstkorrekturen bewirken. Dass man den WK III nicht mit WK II und WK I gleichsetzen kann, ist so klar wie die Anmutung der Vergleiche, global, d.h. „Weltkrieg“. Das sind keine Sprachspiele, da geht es um weltweite, also auch lokale, Folgen und Reaktionen auf Krieg und Kriegsgeschehen. Natürlich ist vieles anders, ich verweise nur auf die Konfrontation von konkreten und abstrakten Kommunikationsstrukturen, von Drohnen, von gelockerten Atombewaffnungen, von globalen Attacken auf die ohnehin schmale Chance des Umweltschutzes, Naturschutzes, vom Abbau globaler humanitärer und kultureller Kommunikation – alles in allem ein evolutionärer Rückschritt.

Manches ist aber nicht so neu. Vor 15 Jahren hat einer meiner Dissertanten bereits moralische und politische Begrenzungen der in Entwicklung befindlichen „Drohnen“ analysiert, heute braucht man in den Kriegen keine „“ mehr. Auch müssen wir uns daran gewöhnen – nein, nicht gewöhnen, erstmals wahrnehmen – dass demokratische Strukturen einen Verteidigungskampf gegen globale Konfrontationen faschistischer und ähnlicher Diktaturen untereinander führen müssen, aber wir wissen nicht wie, wir lernen. Abhängigkeiten und die Initiative relativer Autonomie erfordern Weiterentwicklung, nicht Verringerung von Demokratie. Und?

Widerstand, Resilienz, … ja schon, aber wie? Am Anfang der Hobbitsaga 1937 (Später Tolkien: J. R. R. Tolkien – Wikipedia „Der Herr der Ringe“, 1954/55), aber lernen wir, dass die Gegner erstmals nicht konkret erscheinen. Sie zu erfassen gehört auch zur Entwicklung. Bitte, werte Leserschaft: unserer Entwicklung. Und damit verändern sich auch die begrifflichen Bestimmungen unserer Einsichten und Entscheidungen, der politischen (z.B. Unterwerfung oder Widerstand) wie der kulturellen (z.B. Grenzen und Potenziale von Freiheit) wie der persönlichen (z.B. Kinder oder nicht). Ob und wie wir das angehen, hängt davon ab, wem wir vertrauen können und mit wem wir Zukunft teilen können, weil wir die Gegenwart überstehen – mit all dem müssen wir viele unserer festgesteckten Urteile und Vorurteile wohl wenigstens überprüfen und wahrscheinlich korrigieren. Allein die Wahrscheinlichkeit, nicht mehr in einem ohnedies niemals realen Westen weiter mit den USA zu buckeln oder mit dem niemals realen Osten noch weniger freiwillig anzubandeln – ja, was bedeutet das für unser persönliches Leben, als Einzelne, in Gruppen, Familien und Bewegungen. Demokratie muss all das zusammenhalten, also kann sie niemals so bleiben, wie sie ist: sie muss sich so entwickeln, wie wir uns entwickeln können oder sollen, und das ist nicht eindeutig. Wie gut das ist, wenn wir Entscheidungen haben, treffen können. Das kann man durchaus mit Vertrauen, aber auch mit Widerspruch und mit taktischem Verhalten und mit Zögern oder Vorpreschen verbinden, man muss nur sich selbst darüber im Klaren sein, dass nichts ohne Risiko, nichts ohne eine dunkle Seite geschieht, vor allem, wenn man seine Gegner nicht realistisch einschätzt (Beispiel: Diktatur Trump ist ein gefährlicher Atomdiktator, der uns vereinnahmt und gefährdet. Aber er ist nicht dumm; Diktator Xi gefährdet uns auch, global, und er ist auch nicht dumm; und wie auch immer wir Putin ablehnen, da haben wir bessere Argumente parat. Aber auch er ist nicht dumm.). Das schreibe ich, weil die Dummerklärung unserer Gegner uns kurzfristig beruhigt und dann als Pundits machtlos macht. Ob wir da auch noch Weltkrieg sagen oder gobale Kriege, ist nicht so wichtig. Aber in den Begründungen sollten wir auch vorkommen und uns nicht den Gegebenheiten unterwerfen, weil wir eben nur ein einziges Leben haben – die lernäische Hydra (Die Hydra … ist ein vielköpfiges Ungeheuer der griechischen Mythologie. Wenn sie einen Kopf verliert, wachsen ihr zwei neue, zudem ist der Kopf in der Mitte unsterblich. Ihr Hauch ist tödlich. Hydra (Mythologie) – Wikipedia) und die Diktatoren haben mehrere, nicht bessere Leben. Da muss man schon anders als direkt konfrontativ vorgehen.

F-Wort. Auch wichtig

Der Faschismus hat nicht am 8.5.1945 geendet und er hat nicht 1933 mit Hitlers Machtübernahme begonnen. Dazu habe ich viele Blogs geschrieben und es treibt mich um. Auch weil Kritiker meines Gebrauchs des F-Wortes seit langem keine Alternative entwickeln oder zur Anwendung empfehlen. F bleibt also, und die F-Ableitungen aus der späten NS-Herrschaft sind auch einseitig bzw. verkürzt, Faschismus ist breiter, und anders.

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Ich bleibe dabei, dass ein Teil der 0,8 Regierung von Merz einen F-nahen Flügel hat. Das können wir im Detail diskutieren, und ich spreche von einem Teil, nicht der Hauptlinie. Auch gibt es „Rechte“, die keine Faschisten sind. Man muss schon genau sein. Mein Problem ist Wolfram Weimer, Staatsminister. Er unterscheidet sich von Weimar wie Lenz vom Frühling, also keine Wortwitze. Ich bringe ihn mit F in Verbindung, und da muss man schon etwas zurückgehen, in die Nachkriegszeit und in Zeit vielfältiger Faschismen, in Italien, in Österreich, fast überall in Europa. Weimer geht mit der Kultur ein wenig um wie Mussolini vor der Unterwerfung durch Hitler. Das ist ein ambivalentes Urteil, kein einfacher Vorwurf. Die Faschisten haben damals gegen die demokratische Kultur gearbeitet, politisiert, teilweise gewütet. Aber sie haben nicht die s-w-Politik der NS angewendet, haben oft Überleben unter sträflichen Bedingungen erlaubt, waren überhaupt vorsichtiger und wahrscheinlich weitsichtiger. Das entschuldigt so gut wie nichts. Aber es erklärt einiges.

Weimer hat viele Institutionen gefördert, hat sie aus engen Zwängen befreit, und sie sich zum Teilabhängig gemacht, (noch) nicht unterwürfig. Aber in letzter Zeit wird deutlich, dass seine Strategie anderswohin zielt. Die ZEIT titelt zu Recht „Und wo bleibt die Freiheit?“ Balzer u.a.,# 12, 12.3.2026. Nehmen wir nur die Fälle gegen Tricia Tuttle und gegen die Jury in der Buchhandels-Unterstützung, ich sage dazu noch den gestoppten Bibliotheksausbau in Sachsen. Die Kulturschaffenden sind etwas ratlos, so etwas geht, aber „So werden viele, die von Zuwendungen abhängig sind, zusehends vorsichtiger und mutloser. Und sie fragen sich: Welchen Künstlern kann man noch Preise verleihen?“

Dazu muss man keine Meinung beschließen, man sollte sich vorher genauer umsehen. Beispielsweise wie die Kultur sich zur Politik verhalten kann, darf und soll. Man will ja weder die staatlich Kulturdominanz noch die private bzw. privatisierte Förderung der Kulturverbreitung. Schon allein das muss Widerspruch, Kritik, Alternativen, Zuspruch und Abwendung ertragen, vertragen, aber die Politik darf hier nicht verbietend eingreifen bzw. die Förderung von Unterwerfung abhängig machen. Ist es denn so weit? Man muss, ich will, hier äußerst sensibel und vorsichtig sein, denn wenn das Misstrauen einmal verankert ist, wird Kulturförderung schwierig. Würden Sie in eine Jury gehen, die ein Minister in ihren Beschlüssen beschneidet? Im konkreten Fall geht es um „verfassungsgemäßes“ Misstrauen gegen die Jury, gar nicht schon gegen die Geförderten.

Man muss den Faschismus in seiner Doppelstruktur als Partei und Bewegung – da steht er nicht allein, auch heute nicht – verstehen. Er hat immer vor allem die an sich gebunden, die sich von den Parteien nicht vertreten oder auch gewürdigt gefühlt haben, natürlich auch dank Ideologie und Populismus. Aber seine Herrschaft kommt nicht aus dem Populismus, sondern der Demokratiefeindlichkeit – Hier kann man viele Einsichten in die gegenwärtige Situation und ihre Genese erwerben, bevor man zu Schlüssen kommt: Zum Einstieg empfehle ich: Umberto Eco: Der ewige Faschismus (Hanser 2020), Bach & Breuer: Faschismus als Bewegung und Regime (VB 2010). Man kann auch unangenehme Biographien dazu nehmen, wie Curzio Malaparte {Donadio, 2026 }. Besonders wichtig erscheint mir, dass man vom alt-linken Sprech abgeht, bei dem der Faschismus einfach rechts ist, und der Antifaschismus also links. Die DDR war dafür ein besonders schlechtes Beispiel, aber Westen und die BRD nach 1945 auch.

Und das alles zu Wolfram Weimer? Ja, weil man durch ihn hindurch zu den Macht- und Ideenstrukturen hinter ihm schauen muss. Vor allem: so wenig wie die meisten wichtigen Politiker: er ist nicht dumm, im Gegenteil. Aber das waren die wichtigsten Faschisten auch nicht. Und ihre Handlanger und Pundits konnten ruhig dumm sein, wenn sie nur die Ideologie der Herrschaft vertreten und umsetzen konnten.

Dazu kann man ja Analogien zur Gegenwart ziehen. Mir geht es auch darum, den Diktatoren in der Politik und den Influencern der Kultur und Zivilisation gleichermaßen keine Adjektive umzuhängen, denn es gehört zur Machtausübung, seine Erscheinung beliebig zu verändern. Wen hat Mussolini, Goebbels, Stalin, …aber auch Trump und Xi und Putin „zufällig“? gefördert, begnadigt, fliehen gelassen oder eben nicht verfolgt?

Und da ist ein wichtiger Unterschied für uns, konkret für uns in Deutschland, im meisten Teil der EUÖ wer können und sollten diese Frage nicht so stellen. Das ist in den Diktaturen anders. Deshalb: Dem Wolfram Weimer kann man schon ein paar Eigenschaften zusprechen, aber versucht es mal aufrichtig? Gar nicht so einfach. Noch hat er sich nicht durchgesetzt, aber mit ihm und anderen untergräbt die Lenzregierung das Vertrauen der Kultur in die Politik und vice versa. Das ist auch wichtig.

Hinweis: «Deutschland verrecke bitte» – Bremer Buchhandlung in Kritik

Freitag, der 13. – Glück oder Malheur?

Der Aberglauben nimmt zu, weltweit. Aufgeklärte Vernunft macht Fehler und wird abgelegt. Nicht aufgeklärte Unvernunft ist falsch und wird bestens gehegt, damit sich unbegründete Macht leichter durchsetzt. Besonders am Freitag, dem 13.

Es gibt keine Waggon-Nummer 13, ist euch das aufgefallen? Man könnte ja in den Unglückswagen einsteigen und pünktlich am Unglücksort ankommen. Oder entgleisen…lieber im Waggon 12 oder 14. Wer am Freitag, dem 13., Aktien kauft, wird reich, oder geht pleite. Wer an diesem Tag einen Partner oder eine Partnerin kennenlernt, riskiert sein Lebensglück. Und glauben kann man heute sowieso niemanden. Ich finde aber das unheimliche Datum gut, weil es sichtbar und diskutierbar ist. Soviel Aberglauben lebt aktiv in den Winkeln der Seele und des Denkens, man wird erst darauf aufmerksam, wenn jemand mich darauf hinweist: an dem Tag, in der Konstellation, bei dieser Erscheinung – kein Wunder. Ob einzeln oder in der Gruppe, da ist schon was dran, weil man ja immer „die Anderen“ des Aberglaubens und der Zauberei verdächtigen kann – und sich selbst damit schuldfrei und verantwortungslos bleichen kann.

Schluss damit. Die Wirklichkeit ist selbst unheimlich, war es gestern und wird es morgen sein. Oft sind die Daten unheimlich, weil sich an ihnen neu ereignet oder gar wiederholt, was einmal in die Geschichte eingeschrieben und verfestigt ist. Ein typisches Datum ist der 9. November, bis heute. (Dazu habe ich 1996 geschrieben: „Schicksalstage der Geschichte werden gemacht“, in einem Oberstufenschulbuch, bei Cornelsen). Die Wiederholung von Daten, nicht von Ereignissen, wirft auch ein Licht auf die eigene Lebensdauer, so nebenbei. Und im Aberglaubenwinkel gibt es immer noch und immer wieder die Ahnung, dass da jemand mit den Daten hantiert. Und manche Daten bleiben im Gedächtnis haften, über die Generationen hinweg, sie werden „begangen“ oder heimlich über Texte und Berichte weitergegeben (als Kind habe ich Hitlers Geburtstag immer wieder gehört, 20. April, der gleiche Geburtstag von Bundespräsident Adolf Schärf war mir schon aufgefallen, auch anderen, aber das Hitlerdatum saß fest). Man kann da weit ausschweifen in die Kulturgeschichte der festen und der flexiblen Feiertage, und wer sie festgelegt oder aufgelassen hat, und was man diesen Tagen tut oder besser unterlässt…natürlich nützen Religionen und Staatsführer solche Daten besonders. Witzig sind die hunderten Inhaltszuweisungen zu Daten durch die Vereinten Nationen, da haben wir jeden Tag etwas zu bedenken, zu feiern oder uns abzuwenden. Na und? Noch in meiner Jugend waren Geburtstage und Namenstage wichtiger als heute, aber sie sind nach wie vor sehr relevant, da mag der Namenspatron oder die Patronin längst aus dem Verzeichnis gestrichen sein. Geburtstage hingegen stärken die Bürokratie…da haben wir es mit Freitag, dem 13., einfacher.

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Natürlich bewegt mich das nicht sehr, aber immerhin fällt es mir auf. Die Ordnungsmacht der Daten geschieht in jeder Gesellschaft anders, manchmal übergreifend, manchmal nur lokal und kleinsträumig, aber eigentlich geht es um die Gliederung unserer Lebenszeit und des Überdauerns von Staat und Macht. Aber das ist ja ernst und passt nicht zu Freitag, dem 13., an dem die Kartenleserin und Glaskugelexpertin auch ihre Aktivität haben, wer weiß?

Früh gelernt, spät erkannt

Alles hängt von der Klasse, der Schicht, den Umständen des Aufwachsens ab, fast alles. Wo man nicht reich, aber gesettelt war, konnte Bildung einen Aufstieg befördern, und das musste früh beginnen. Ich hatte da Glück und deshalb wurde früh und viel gelesen, von mir, nicht vor-gelesen. Und natürlich zählte schon früh die Lyrik zum Einstieg, bei mir waren es Rilke und Trakl und erst später Brecht, und eine frühe Abneigung gegen Goethe. Auf den Rilke will ich zu sprechen kommen. Denn so gut ich ihn schon früh gelesen hatte und nachahmen wollte, so wenig ist mir seine wirkliche Biographie eingegangen, aber es gehörte auch zur „Bildung“ etwas über Worpswede, Paris, Rodin, Russland zu erfahren…In Soglio saß ich an seinem Schreibtisch, zu seinem Grab bin ich nach der Alpenüberquerung später gewandert, aber da hatte ich auch schon seine komplizierte Biographie etwas genauer gelesen und gekannt, seine Anbiederung an den Faschismus in Italien, und ganz neu war mir, aus anderen Biographien entnommen, Heideggers Verbindung mit Rilke.

Das hat mich – wie auch anderswo – durchaus gelehrt, zwischen dem Lebenslauf und dem Werk zu differenzieren, und es gilt natürlich immer.

Warum schreibe ich das, und hier? Weil mir auffällt, dass auch in der Kunst, aber vor allem in der Politik, die Vermischung von Persönlichkeit und Produkt seltsame Auswüchse erzielt, vor allem, wenn einem Politiker/innen unsympathisch sind, dann können sie oft gar nicht richtig handeln, und bei beliebten Angehörigen dieses Berufs sind viele Entscheidungen, auch wenn sie erkennbar falsch oder unsinnig sind, schon akzeptiert. Die populistische Abkehr von der Politik, die dann weitgehend, aber nicht nur, ins rechtsradikale Lager führt, verallgemeinert die Antipathie zu scheinbar politischen Entscheidungen.

Warum ich mich damit auseinandersetze, ist klar: Die Qualität von Arbeit, Politik, Literatur etc. wird unmittelbar an die Produzentin oder den Akteur gebunden, und dann kommt der Kurzschluss: der schlechte Politiker ist dümmer oder bösartiger als – „ich“, „wir“. Man hat nur dann Schwierigkeiten, wenn ein verachteter, böser etc. Politiker oder Künstler doch etwas unablehnbar gutes produziert, das man auch dann anerkennen muss, wenn man den Produzenten ablehnt. Übrigens, im Nebensatz: das funktioniert im etwas anachronistischen Links-Rechts-Bewusstsein am schnellsten und wirksamsten. In der Literatur ist das mittlerweile nicht nur bekannt, sondern wird auch kritisch und mit Varianten bearbeitet. Aber in der Politik hat man den Eindruck, als drifteten die Positionen und damit die persönlichen Zuordnungen immer weiter auseinander. Das bedeutet nicht, dass die richtige Politik immer schon mit einem Durchschnittskompromiss gemacht werden soll. Es bedeutet, dass zustimmende und abgelehnte Ansichten auch dann Kommunikation und weitere politische Praxis bedeuten, mwenn man nicht jedes Ergebnis in Macht und Dominanz umdeuten kann. Ein negatives Beispiel dafür ist die FDP in der alten Regierung, die sich weder in den Kompromiss noch in ihre Herrschaftseinbindung einbringen konnte und wollte. Aber auch andere Parteien geben genügend Beispiele dafür her. Und es profitieren immer die radikalen Randparteien, die sich nur aus der negativen Bewertung des Vorherrschenden entwickeln.

Ein politischer Freund, der hier eine präzise und wirksame Position dagegenhält, ist Daniel Cohn-Bendit, jetzt schon über 80, der daran festhält, dass und wie man nie mit einem Kompromiss zu verhandeln beginnt, sondern ein Ergebnis braucht, das dann natürlich meist die eigene reine Lehre nicht abbildet.

Und an den denke ich auch, wenn ich das mit Rilke begonnen habe. Dessen Lyrik wird für mich vielleicht differenzierter aber nicht schlechter, wenn ich seine politischen Verknotung auch aufnehme, die ich früher nicht gekannt habe.

Fenster auf, frische Gedanken – keine vorschnellen Antworten

Hören Sie erstmal das Gespräch von Ronen Steinke mit dem konservativen und klugen Verfassungsrechtler Di Fabio: SZ 4.3.2026 über „Verfeindlichung“. So etwas ist wichtig, um den „Abriss der Verständigung“ als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu verstehen, nicht sich daraus zurückzuziehen. 🎧 SZ-Podcast: “Ist das gerecht?” – SZ.de . Man kann lernen und sich selbst beobachten. Solche Gespräche sind wichtig, damit man nicht selbst an den Rand hinflippt. Für mich wichtig ist der Begriff der Verfeindlichungstendenz, heute, vor dreißig Jahren wäre die Verfreundlichung weltrepublikanisch besser gewesen, heute „stehen die Demokratien“ am Ende des freundlichen Zeitalters“. Ein Abdanken unserer Freiheit…sagt er, und das Wiederauferstehen von Carl Schmitt. Immerhin in unseren Medien…“Heute agonale Konstellation“. Nicht schlecht…

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Ich äußere mich zum Krieg der USA und Israels gegen den Iran, begründet mit dem Krieg der Iraner gegen die eigene Gesellschaft und der Steuerung von Angriffen auf Israel. Schon dieser Satz ist unvollkommen und begrenzt, und die historischen Zusammenhänge der Diktaturen im Iran sind ebenso wichtig wie die jüngsten Aktionen der beteiligten Nationen, zB. die Vertragskündigung mit dem Iran durch Trump oder die wirksamen Positionen des Iran in der Nahostauseinandersetzung. Aber bleiben wir beim ersten Satz: die Verkürzung der globalen Realität sollte eigentlich die vorschnellen Kommentare zu den Ereignissen im Iran und gegen den Iran etwas abbremsen. Die Begründungen für den Konflikt sind natürlich stärker ideologisch als realistisch…

Versuchen Sie die Bezeichnungen zu kritisieren und ggf. zu ver- oder entschärfen. „Diktatur Trump“ (groß, stark, größer nuklear) und „Diktatur Netanjahu“ (mittelgroß, mäßíg stark, kleiner nuklear), „Diktatur Iran“ (groß, geschwächt, vornuklear) und arabische, anti-israelische Diktaturen. Die anderen großen Diktaturen, Putin, Xi, und ihre kleineren Mitwirkenden…so wie Trump natürlich auf Mitwirkende hat, nicht nur in der EU, aber auch hier in Deutschland.

Ha`aretz in Israel ist hier deutlich „With these developments, the war brought Europe to a turning point, pressuring it to define its position at the edge of a new world order. The principles long seen as restoring stability after World War II – democracy, solidarity, human dignity, the rule of law, and diplomacy‑driven foreign policy – now seem to have lost much of their power and appeal in the shadow of Trump’s strongman moves.“ (3.3.2026)

Dies ist ein Grund, warum ich als politischer Laie, wenn auch beobachtend, nicht gleich Schlussfolgerungen hinaustrompete, vor allem aber, weil ich mir über die Reaktionen der Empfänger nicht im Klaren bin. Viele meiner bekannteren Kommentatoren schreiben und erklären im Augenblick für sich und nicht für jemanden Konkreten, dessen Verhalten sie mit ihrer Meinung beeinflussen könnten, und sei es eine NGO, eine GO, ein Parteikollegium…Gerade die sind entweder vorsichtig (gut) oder erkennbar unterwürfig (zB. unter Trump). Die besonders schwierige Diskurssituation in Deutschland gegenüber Israel sollte aufgebrochen und kritisch diskutiert werden, nicht weiter so unscheinbar eingeebnet bleiben. Damit meine ich auch, dass es nicht direkt, sondern über politische Gelenke in der Politik Israels gegen den Iran geht, und das lässt sich nicht einfach auf „Juden“ projizieren.  

Eines meiner Probleme ist, dass viele, nicht alle, Analysen zugleich die realen Ereignisse relativieren. Das ist aber nicht der Fall, Erklärung und Bewertung sind auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Konkret wird die Unmenschlichkeit des 7. Oktober durch die Hamas nicht durch die Vorgeschichte von Netanjahu und der Hamas relativiert und konkret werden die israelischen Angriffe auf die Siedler nicht durch die Abkehr von der langjährigen zionistischen Politik relativiert. Aber, das ist mir wichtig, man sollte diese ernsthafter studieren, um sich realistische Urteile bilden zu können. Im Fall Israels berührt mich das als jüdischen Menschen und als politischen Experten zum Thema gleichermaßen. Im Fall Trump und der USA mehr noch als politischen Laien, aber global natürlich betroffen. Im Fall Putin vielleicht doch im Vorfeld eines nuklearen Angriffs, vielleicht auch nur europäischer Disruption. Dass die UN leiden, zeigt noch zu wenig Wirkung im europäischen Bewusstsein.

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Ich weiß nicht, welche Ausblicke die wirksamen und richtigen Diskurse befördern, das versuchen andere, teils besser, vielfach schlecht. Aber wir sollten, wir müssten, diese Diskurse weiter entwickeln, nicht beschränkt auf die politischen Blasen, in denen wir uns ohnedies zuhaus fühlen…Das klingt seltsam, wie? Es ist seltsam. Viele scheinen schon das Ende zu wissen, bevor sie es bedenken. Da spielt verdeckte Angst eine Rolle, und auch die absurde Hoffnung, selbst nichts drangeben zu nüssen, um z.B. für sozialen und kulturellen Frieden zu kämpfen (ja, kämpfen, nicht nur am Abendtisch diskutieren), das bedeutet, auf die hinzuweisen, die nicht unserer Meinung sind zu den großen Fragen, die ja groß bleiben, wenn sie nur hier lokal auch beantwortet werden. Zwei Vorschläge:

  1. Studiert die Vorschläge zu religiösen Feiertagen (gerade heute im Rundfunk für Berlin veröffentlicht) und diskutiert die Frage, was einzelne Religionsgemeinschaften mit gesellschaftlichen Frieden bzw. Unfrieden zu tun haben.
  2. Was deutsch-israelische Geschichte betrifft, die ja nicht identisch mit der jüdisch-deutschen Geschihte ist, so informiert euch über die Grundtatbestände ab 1948. Material dazu gibt es sehr viel.

Das ist alles nicht global. Aber unser Bewusstsein kann es sein, sollte es sein. Wir sind nicht das Zentrum der Welt. Komisch? Naja, wenn man die Passivität der Nachkriegszeit ab 1945 in vielen Fragen betrachtet, dann vielleicht doch.

Dienst vor Asche.

Nachdem ich euch mit Fasching politisch und Carneval kulturell geärgert habe, was ihr ja anhand des Fetzenzugs unfeierlich angenommen habt, Hauptsache, die hochgeworfenen Beine waren nicht lustig, setzt heute Abend wieder der Alltag ein, ernsthaft und weitläufig.

Dienstag, eigentlich nicht mehr Faschings-D., hat mit Dienst nichts zu tun. Tiu ist der Namenspatron: „The English name is derived from Middle English Tewesday, from Old English Tiwesdæg meaning „Tīw’s Day“, the day of Tiw or Týr, the god of single combat, law, and justice in Norse mythology. Tiw was equated with Mars in the interpretatio germanica, and the name of the day is a translation of Latin dies Martis.“https://en.wikipedia.org/wiki/Tuesday

Aber auch „Der Dienstag ist ein sehr agiler Tag, an dem wir auch Dinge in Angriff nehmen können, vor denen wir sonst vielleicht zurückschrecken, die wir ewig vor uns herschieben“ (https://mein.yoga-vidya.de/profiles/blogs/ die-urspr-ngliche-bedeutung-der-wochentage-dienstag-marstag-tag).

Das alles ist mir eigentlich egal. Fasching ist vorbei, die Kirchen bereiten uns schon auf die Fastenzeit vor. Ich bleibe beim Dienst, einen Augenblick lang: wir haben doch tage- und wochenlang Dienst an der Freude, am Trinken, am Wegschauen und am Hinschauen geübt, das muss ein Ende haben. Wir haben unseren körperlichen und geistigen Extremen gedient, Tag und Nacht getanzt, und manche Witze haben den Abend überlebt. Der Opernball hat Wien zur Hauptstadt der Halbwelt gemacht, und so lustig wear die Welt, dass die Wirklichkeit sich bei den Säuerlingen verborgen hatte. Äh, was erzähle ich da? nur, was ich beobachte und seit Jahrzehnten kenne. Aber es war nicht so lustig wie früher, sagen selbst die Kölner und Mainzer oder die Düsseldorfer. Warum? Wir Älteren wissen, das wurde jedes Jahr gesagt. Geändert hat sich die Lust im Lustigsein. Dafür schreibt bestimmt mindestens eine Philosophin ein Essay.

Ö24 sagt, der Fetzenzug findet am Rosenmontag statt. Nach meiner Erinnerung haben nur Touristen diesen Montag jemals so geflüstert. Die Absetzung von Ö24 ist angesagt. Auch ein Reiseführer spricht vom Rosenmontag. https://www.nachrichten.at/oberoesterreich/salzkammergut/fotogalerie-impressionen-vom-fetzenzug-in-ebensee;art71,4139390

Jetzt aber wird es ernst, also lustig: https://traunsee-almtal.salzkammergut.at/ebensee/artikel/detail/1327/der-fasching-in-ebensee.html
„Der Faschingsdienstag in Ebensee ist ein Höhepunkt der Faschingsveranstaltungen, der von der UNESCO in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Am Faschingsdienstag wird der Fetzenzug gefeiert, bei dem die närrische Gesellschaft mit alten Lumpen, bunten Fetzen und Holzmasken verkleidet ist und humorvoll über Politiker, Kollegen und Nachbarn gespottet. Der Faschingsdienstag beginnt um 15 Uhr beim Gasthaus Neuhütte in Ebensee.“

Sucht weiter…bitte nicht weitersagen. Irgendwann, Dienstag um 23.59 Uhr, ist der Fasching vorbei und der Aschermittwoch beginnt in einer Minute. Niemand jault, aber die religiösen Sendungen in den Rundfunkeln haben schon Voraussicht geübt. Es lohnt, die Details zu lesen, zB. https://de.euronews.com/2026/02/17/beginn-der-fastenzeit-warum-christen-den-aschermittwoch-feiern . Warum? bedeutet nicht Wozu. Nur so nebenbei. Jedenfalls freuen sich die Meisten auf Ostern O *. Während dieser Freude kann man wieder auf die Umwelt, die Kriege, die Gefahren achten. Der „politische Aschermittwoch“ ist eine Verdopplung, er war immer politisch. Und in Bayern besonders. https://www.bing.com/news/search?q=politischer+aschermittwoch+2026&FORM=EWRE

Ich denke mir das alles, weil natürlich viele Bräuche und verinnerlichte Verhaltensweisen bei vielen Menschen weiter verloren gegangen sind, ohne dass es vor dem Verlust besser gewesen wäre, – nur anders. Und die Erinnerungen an diese andere Zeit sind gar nicht so sinnlos. In der Politik hat sich ja auch etwas geändert. Das kann man jetzt wieder genauer bedenken, hungrig.

USA ohne Grund

Ich werde nicht mehr in die USA reisen, jedenfalls nicht, solange Trump oder ein Trumpist an der Macht ist. Die allgemeinen Gründe für so eine Entscheidung sind bekannt, Amerika entwickelt sich zu einem partiellen Unrechtsstaat, der von einem senilen Hypernarzissten regiert wird. Ich möchte nicht auf dem Donald Trump Airport in Washington DC landen, durch den Arc de Trump in die Stadt fahren und später in New York am Donald-Trump-Bahnhof ankommen. Ich bin ein großer Freund skurriler Dinge, ich habe den Herausgeberrat der SZ 15 Jahre lang ausgehalten, ich lese Ezra Pound und Ernst Bloch. Aber weil ich jenen nicht unbedeutenden Teil Amerikas, der Trump gewählt hat und bis heute unterstützt, für zutiefst disreputable halte, werde ich die Canyonlands, Seattle und Sante Fe nicht mehr sehen. (Kurt Kister, SZ 13.2.2016)

Viele werden nicht mehr in die USA fahren, nicht zum Studium, nicht auf Urlaub, nicht zu Besuchen, und auch nicht um zu arbeiten. Einige werden das alles ertragen und doch hinfahren, weil sie sich etwas erhoffen oder erwarten. Aber die meisten werden Kisters zusammengefasste Argumente gegen die Diktatur von Trump teilen und nicht hinfahren. Auch gut. Damit wird die Erinnerung an das frühere Amerika wieder belebt, und es wird allen klar, dass das Land vor Trump auch nicht ideal war, dass Dellen und Wunden in Demokratie, Wirtschaft und Kultur auch schon vorher gab, dass das Soziale vielfach abschreckend war, und dennoch: ein schönes Land mit einer beachtlich kultivierten demokratischen Struktur, auch Geschichte, von der wir in Europa lange Zeit gelernt und wohl auch profitiert hatten. Vieles an dieser demokratischen Ambivalenz kennen wir, in Variationen, bei uns auch. Das alles wird in diesen Tagen teilweise umfänglich hervorgeholt, soll begründen, was evident ist – dass wir an dieser mächtigen Diktatur nolens volens auch abhängen, macht uns die realistische Wahrnehmung noch schwieriger und unangenehmer (mit der russischen oder chinesischen Diktatur haben wir es da leichter, in die muss man nicht hineinriechen, die kann man als feindlich ablehnen. Aber die USA sind vielfach ein Gegner, den wir brauchen, auch wenn wir ihn ablehnen, den wir ablehnen, auch wenn wir ihn brauchen. Wie alle wirklichen Diktatoren ist Trump Teil einer vielköpfigen faschistischen Oligarchie, die er weitgehend beherrscht . und die ihn weitgehend beherrscht. Das gilt auch für kleinere Diktaturen, deren Diktatoren weniger absolute und objektive Macht haben und die meistens von großen Drei abhängen. Nicht mein Thema im Diskurs. Aber nur, weil viele von uns, sehr viele, so gute Erfahrungen und Erinnerungen an die USA haben, ist Trump nicht besser als Putin oder Xi, eher schlechter, weil er eine besondere Demokratie ruiniert.

Nun hat er uns angegriffen. Seit gestern sind die Umweltprinzipien der USA außer kraft. Seltsam, wie wenig und undifferenziert auch bei uns die Medien darauf reagieren. Resignation oder Gleichgültigkeit, also passive Unterordnung unter den Diktator – schaut euch die Autobauer, Kohlenmineure, Ölmagnaten an, die um Trump herumstanden, als er das verkündete. Das will ich nicht analysieren, aber dass die FAZ bei uns ihm zur Seite springt, muss man schon erwähnen. Nun, wir werden die Folgen verspüren, aber sie werden unseren terrestrischen Niedergang nur beschleunigen, nicht wirklich abändern. Dazu ein andermal.

Der melancholische Abschied von der früheren Neuen Welt soll nicht in die Arroganz münden, dass wir ohnedies alles – zum Teil, wenigstens – besser mach(t)en, und dass wir jetzt erst recht Umwelt so hoch halten und beschützen wie Soziales und Kultur. Solange Politik und Ökonomie gegeneinander ausgespielt werden, hilft die scheinbare Kritik nur wenig. Geht mal in den nächsten Tagen die Kommentare dazu durch und schützt euch vor dem Außenanstrich der Sicherheitskonferenz, dass wir doch, bei allen Differenzen, an der Seite der USA stehen. Nichts leichter, als dass der Gegner zum Feind wird.

Warum nicht? Wortkampf versus Wortkrampf

Wer darf welches Wort verwenden, in welchem Kontext, und für welche Adressatinnen und Adressaten? Dazu gibt es wissenschaftliche, mediale, stammtischlerische und triviale Antworten und Ansichten, oft nicht ganz öffentlich, oft nicht ganz verallgemeinert, oft geradezu angewendet um breite Wirkung zu erzielen, Hotspots oder um zu teilen in gute und böre Reaktionen.

Ein gutes Seminarthema. Brauch ich nicht. Aber in diesen Tagen fällt mir besonders auf, wie eine scheinbare Vorsicht in Wirklichkeit unscheinbarer Rückzug von der Auseinandersetzung ist. Rückzug vom Kampf gegen den Faschismus, in seinen vielfachen Variationen, Putin, Trump, Meloni, Orban, AfD, FPÖ…x+ 1. Seit 65 Jahren setze ich mich mit dem Begriff auseinander, der ja nicht identisch mit der jeweiligen Wirklichkeit ist, und ich habe hinreichend Sprache studiert, um jetzt als Laie dazu mich zu äußern. KEINE ANGST: Das wird keine Vorlesung. Aber ein Hinweis. FASCHing, FASCHe, FASCHIERTES…jeweils andere etymologische Wurzeln als das Wort FASCHISMUS. Zuerst einmal die ersten drei Worte, aus meiner Heimat, ich komme später noch einmal drauf: Fasching heißt bei uns in Österreich, was die Deutschen im Norden und Westen Karneval nennen, und es ist etwas anderes. Eine Fasche ist bei uns eine Verletztenbinde. Und Faschiertes heißt im weiten Norddeutschen Hackfleisch. Kein Mensch assoziiert mit einem dieser drei Begriffe auch Faschismus. Normaler-weise. Wie komme ich denn da drauf, jetzt? Nächste Woche ist Fasching – und da assoziiere ich den Begriff Faschismus. Nein, eben nicht, und habs 70 Jahre lang nicht getan. Auch ein Mitschüler, der so hieß, hat nie darunter gelitten. Aber wenn ich in der Tiefe des Halb- und Unterbewussten bohre, dann gab es diesen Begriff Faschismus immer, als den Begriff des „NICHT“ so. Man durfte ihn nicht assoziieren mit den anderen Begriffen s.o., und man tat es nicht. Aber ich erinnere Begriffswitze, da tauchte der Faschismus im Fasching auf, neutralisiert. Reicht es, um auf sorgfältige Verwendung, Rücksicht, Sensibilität etc. hinzuweisen?

Begriffe sind nicht alles. Sätze, Absätze, Kapitel, rhetorische, oft politironische Ausflüge gehören zu einer umfassenden Taktik, und die ist natürlich bei den Faschisten anders als bei den Demokraten. Bei den Faschisten…da fängt das Problem an. Umgangssprachlich und in der medialen Wortfindung sind AfD und FPÖ und andere nicht „Faschisten“, sondern Rechtspopulisten, Rechtsextreme, Rechtsradikale…mit der Schwäche, dass die nicht alle „rechts“ sind, dass rechts-links oder rechts-mitte-links andere Koordinaten sind. Und schaut mal auf den außenpolitischen Umgang mit Meloni, je nach Kommunikationspartner aus dem Ausland und bisweilen aus Italien ist sie alles mögliche, nur nicht faschistisch. Sie selbst und ihre Parteienkoalition ist hier transparenter. Und schaut auf die großen Diktatoren, Putin, Trump, da kann man gut das Wort „faschistisch“ anwenden – Kontext braucht man immer, und die Adressaten sollte man schon kennen – aus Vorsicht, diplomatischen Gründen usw. verwendet man das Wort nicht, damit es nicht zu einem Begriff wird, der an einem hängen bleibt, wenn man mit den Faschisten verhandelt. Ich verstehe das sogar, in Grenzen. Aber darauf will ich hinaus: auf die Grenzen. Und auf das eigene Verhalten, wenn es darauf ankommt, Begriffsbildungen und -abgrenzungen öffentlich zu machen. Anders gesagt: wenn man mit Faschisten umgehen muss, wie geht man mit ihnen um? (Viele, die hierauf keine gute Antwort wissen, sind relativ aggressiver, wenn Jugendliche oder bestimmte Randgruppen den Begriff „leichtfertig“ verwenden. Hier muss man weiterlernen).

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So, und jetzt zum Fasching. Seit meiner Kindheit ein großes und gutes Erlebnis, auch wenn ich beim Fetzenzug am Montag immer nur Zuschauer war, auch später, als Erwachsener. Ich war ja nicht das ganze Jahr vor Ort und irgendwie gehörten wir nicht zu den Faschingspräpara-toren…Warum ein gutes Erlebnis? Weil die Masken, die Verkleidungen viel ausgesagt haben, weil man Haltungen und Gegnerschaften schon bald verstanden hatte. Gegnerschaften? O ja, das wurde/wird am Montag schon auch ausgelebt und kenntlich gemacht, wobei sich der Gehörnte auch einmal mit seinem Gegner bekämpft. Es wird sozusagen Jahreskehraus gemacht.

(Nur mehr milde: https://ebenseerfasching.at/, zu schön? https://www.ardmediathek.de/video/unter-unserem-himmel/fasching-in-ebensee/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL 2Jyb2FkY2FzdC9GMjAxOVdPMDIzMTA2QTA , aber schaut euch selbst Geschichte und Auftreten an)

Und was hat das mit dem ersten Kapitel zu tun, mit dem Faschismus? Für mich jedenfalls war und ist der Fasching anti-faschistisch in seiner Grundhaltung der Befreiung nicht nur vom Winterfrost, sondern mit einer Art von Humor, die Faschisten nicht aich anmuten können, selbst wenn sie es wollten. Aber darum gehts ja auch nicht…

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Faschen gibt es gleich mehrere: 1. D, A, fachsprachlich, Architektur] Rahmen aus meist heller Farbe um Fenster und Türen an einer bunt gestrichenen Fassade 2.[Medizin, umgangssprachlich, veraltend, A] Synonym zu Binde (1 a, 1 b) (Quelle DWDS)

Ich muss lachen, weil mir der Begriff schon als Kind beigebracht wurde.

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Faschiertes: Kann ich gut zubereiten und versuche immer, den Begriff in Norddeutschland anzuwenden https://www.omas-haushaltstipps.com/was-bedeutet-faschiertes-38060.html aber besser ist, es zu essen als zu beschreiben.

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Und wozu brauche ich die Faschismus-Nebenerzählung? Weil der Begriff ohnedies präsent ist, nur in den Falten der öffentlichen Vorsicht versteckt gehalten wird. Faschismus ist uns und der Demokratie gefährlich. So etwas muss an die Öffentlichkeit. Dann braucht man mit dem Begriff keine Witze machen, im Ernst.