Lernt man etwas dazu, kann man seine Position bestätigt sehen oder man kann sie korrigieren. Trivial?
Was heißt „etwas“ und wozu dient das „Dazu“?
die billigen Bestseller über unsinnige Inhalte knallen an diesen Fragen vorbei. (gebt einmal „Unsinn“ ein, die Liste ist unübersehbar…). „Etwas“ ist nicht irgendetwas, sondern ich suche mir schon etwas aus, oder Leserin sucht sich etwas aus, oder etwas wird uns auferlegt….
und wenn es um Dazulernen geht, dann hat dieses Etwas eine offene Flanke, die mir wichtig ist, nicht irgend eine.
Das wird aber jetzt didaktisch und beleuchtet die Schulbildung und den ansonsten langweilen Feierabend, an dem es besser ist, etwas dazuzulernen als nur in die Glotze zu schauen? Nein, so billig ist der Gedanke nicht.
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Ich bin draufgekommen, mich zu fragen, was ich warum dazugelernt habe, an drei sehr realen politischen Ereignissen der letzten Jahre: meinem Abschied von Afghanistan, dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, und der Situation zwischen Israel und dem Gaza. (Es gibt natürlich noch viel mehr, aber die Dauer und Intensität der Korrekturen treten vor alle anderen). Keine langen Abhandlungen, ein Fazit:
Afghanistan: Nach Fertigstellung des Archivs und seiner Vergabe an eine Universität eigene Umstufungt von einem Experten zu einem Laien. Das hat(te) schon eine Menge Auswirkungen auf Kontakte, Kommunikation, aber für mich auch eine Verengung der hinzukommenden Informationen und eine große Menge von allmählich verflachten Erinnerung, vieles geht verloren, manches muss ich selbst nachlesen, um es wieder zu wissen. Zeit: Vergangenheit. Was das mit meinem Leben zu tun hat? Naja, immer mehr wird mir klar, dass die Jahre 2003-2016, genauer mit Archiv 2024. doch viel Lebenszeit gedauert haben, in der andere Beziehungen, Handlungen und Reflexionen zu kurz gekommen sind und kaum mehr nachgeholt werden können. Im Ergebnis nicht zufriedenstellend.
Russland / Ukraine: Ich kannte Russland seit 1987 hauptsächlich akademisch, Moskau bis weit nach Osten (Irkutsk), Schwerpunkt Novosibirsk. Die Ukraine lernte ich aus der Literatur und punktuell in Odessa kennen, projektbezogen, unpräzise. Das änderte sich zwar mit dem russischen Angriffskrieg, aber es wäre übertrieben, jenseits der grundlegenden Fakten des Kriegs seit 2015 wirklich etwas über die Ukraine zu wissen, gar sie zu kennen. Meine Parteinahme beruht auf Informationen durch glaubwürdige Bekannte und wichtige Literatur, und auf politischen Einschätzungen, auch hier politisch laienhaft, wenn auch ziemlich präzise.
Israel: Seit 40 Jahren war ich oft in Israel, aus verschiedenen familiären, freundschaftlichen, politischen und wissenschaftlich Gründen. Ich kannte auch die Westbank und ihr verschlechterter Zustand, ich erfuhr unterschiedliche Besatzungsstadien, aber kaum direkt und persönlich Gaza. Umso mehr lernte ich darüber schon vor dem 7. Oktober 2023, und erst recht in der Zeit danach bis heute. Dass ich die Situation heute als Israel und Gaza bezeichne ist ein Lernergebnis, das sicherlich durch mehr als laienhafte Literatur, Geschichtsstudien, Kommunikation, Forschungsteile, akademische Lehre bestimmt ist. Hier kann ich das Ergebnis von jahrzehntelanger intensiver Studienarbeit in einem meiner beruflichen Bereiche ebenso angeben wie die Erkenntnis, dass das nach vorne offene wissenschaftliche und persönliche (subjektive) Ergebnis kein Ende finden kann und darf, und deshalb beides ist: brauchbar für andere und angreifbar.
Auf die Frage „wozu“ das dient, kann ich bei den bei Afghanistan und der Ukraine sagen, sie helfen meiner politischen moralischen Allgemeinbildung. Israel hat etwas mit einer Identität zu tun, die im Strauß meiner Identitäten immer wichtiger wurde:: Jude vs. jüdisch, Zionismus vs. Anti-, Revisionistischer, etc. Zionismus, Religion vs. ethnischer Entwicklung etc. Und wenn ich heute Israel und Gaza sage, und nicht Juden und Araber, oder jüdisch vs. islamisch etc. so sind das alles Ergebnisse von denken und von lernen, vor allem von ständiger Selbstkorrektur durch Bildung.
(Das klingt konservativ-deutsch, Bildung…aber ich betone die Korrektur, und die fällt bei Israel und Gaza kontinuierlich und ohne Rücksicht auf Reaktionen aus, bei Afghanistan ist sie früher so gewesen und seit längerem nicht mehr, und bei der Ukraine gar nicht im Sinne gebildeter Autorität).
Von diesen drei Varianten leite ich auch meine Offenheit gegenüber den Kommentaren zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen ab, und mittlerweile kommentiere ich nur mehr die Kommentare zu Israel und dem Gaza. Früher war das zu Afghanistan auch, aber eben als Laie nicht mehr.
Hinter diesen Gedanken steht auch die fast aggressive Abwehr der diktatorischen „alternative news, truths etc.“, die Wirklichkeit muss die Wahrheiten überbauen, und unerträglich konkurrierenden Wahrheiten muss etwas überbaut werden, das im Singular wirklich zählt, z.B. Gerechtigkeit.
Das kann zu Praktiken führen, führt zu Kontroversen, zu Informationspraxis und Kritik. Es trägt dazu bei, beim Älterwerden nicht stehen zu bleiben (etwas gemein, wenn ich sage, dass bei vielen die Standpunkte eine Abwehr von Wirklichkeit bedeuten – Beispiele habe ich in meinen Blogs viele gebracht, heute ist also „meta“. Ich lade euch zum Nachlesen ein.
Literaturhinweise zu Afghanistan und zu Israel gebe ich gerne, fragt nur an.
