Korrekturen, standfest

Lernt man etwas dazu, kann man seine Position bestätigt sehen oder man kann sie korrigieren. Trivial?

Was heißt „etwas“ und wozu dient das „Dazu“?

die billigen Bestseller über unsinnige Inhalte knallen an diesen Fragen vorbei. (gebt einmal „Unsinn“ ein, die Liste ist unübersehbar…). „Etwas“ ist nicht irgendetwas, sondern ich suche mir schon etwas aus, oder Leserin sucht sich etwas aus, oder etwas wird uns auferlegt….

und wenn es um Dazulernen geht, dann hat dieses Etwas eine offene Flanke, die mir wichtig ist, nicht irgend eine.

Das wird aber jetzt didaktisch und beleuchtet die Schulbildung und den ansonsten langweilen Feierabend, an dem es besser ist, etwas dazuzulernen als nur in die Glotze zu schauen? Nein, so billig ist der Gedanke nicht.

*

Ich bin draufgekommen, mich zu fragen, was ich warum dazugelernt habe, an drei sehr realen politischen Ereignissen der letzten Jahre: meinem Abschied von Afghanistan, dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, und der Situation zwischen Israel und dem Gaza. (Es gibt natürlich noch viel mehr, aber die Dauer und Intensität der Korrekturen treten vor alle anderen). Keine langen Abhandlungen, ein Fazit:

Afghanistan: Nach Fertigstellung des Archivs und seiner Vergabe an eine Universität eigene Umstufungt von einem Experten zu einem Laien. Das hat(te) schon eine Menge Auswirkungen auf Kontakte, Kommunikation, aber für mich auch eine Verengung der hinzukommenden Informationen und eine große Menge von allmählich verflachten Erinnerung, vieles geht verloren, manches muss ich selbst nachlesen, um es wieder zu wissen. Zeit: Vergangenheit. Was das mit meinem Leben zu tun hat? Naja, immer mehr wird mir klar, dass die Jahre 2003-2016, genauer mit Archiv 2024. doch viel Lebenszeit gedauert haben, in der andere Beziehungen, Handlungen und Reflexionen zu kurz gekommen sind und kaum mehr nachgeholt werden können. Im Ergebnis nicht zufriedenstellend.

Russland / Ukraine: Ich kannte Russland seit 1987 hauptsächlich akademisch, Moskau bis weit nach Osten (Irkutsk), Schwerpunkt Novosibirsk. Die Ukraine lernte ich aus der Literatur und punktuell in Odessa kennen, projektbezogen, unpräzise. Das änderte sich zwar mit dem russischen Angriffskrieg, aber es wäre übertrieben, jenseits der grundlegenden Fakten des Kriegs seit 2015 wirklich etwas über die Ukraine zu wissen, gar sie zu kennen. Meine Parteinahme beruht auf Informationen durch glaubwürdige Bekannte und wichtige Literatur, und auf politischen Einschätzungen, auch hier politisch laienhaft, wenn auch ziemlich präzise.

Israel: Seit 40 Jahren war ich oft in Israel, aus verschiedenen familiären, freundschaftlichen, politischen und wissenschaftlich Gründen. Ich kannte auch die Westbank und ihr verschlechterter Zustand, ich erfuhr unterschiedliche Besatzungsstadien, aber kaum direkt und persönlich Gaza. Umso mehr lernte ich darüber schon vor dem 7. Oktober 2023, und erst recht in der Zeit danach bis heute. Dass ich die Situation heute als Israel und Gaza bezeichne ist ein Lernergebnis, das sicherlich durch mehr als laienhafte Literatur, Geschichtsstudien, Kommunikation, Forschungsteile, akademische Lehre bestimmt ist. Hier kann ich das Ergebnis von jahrzehntelanger intensiver Studienarbeit in einem meiner beruflichen Bereiche ebenso angeben wie die Erkenntnis, dass das nach vorne offene wissenschaftliche und persönliche (subjektive) Ergebnis kein Ende finden kann und darf, und deshalb beides ist: brauchbar für andere und angreifbar.

Auf die Frage „wozu“ das dient, kann ich bei den bei Afghanistan und der Ukraine sagen, sie helfen meiner politischen moralischen Allgemeinbildung. Israel hat etwas mit einer Identität zu tun, die im Strauß meiner Identitäten immer wichtiger wurde:: Jude vs. jüdisch, Zionismus vs. Anti-, Revisionistischer, etc. Zionismus, Religion vs. ethnischer Entwicklung etc. Und wenn ich heute Israel und Gaza sage, und nicht Juden und Araber, oder jüdisch vs. islamisch etc. so sind das alles Ergebnisse von denken und von lernen, vor allem von ständiger Selbstkorrektur durch Bildung.

(Das klingt konservativ-deutsch, Bildung…aber ich betone die Korrektur, und die fällt bei Israel und Gaza kontinuierlich und ohne Rücksicht auf Reaktionen aus, bei Afghanistan ist sie früher so gewesen und seit längerem nicht mehr, und bei der Ukraine gar nicht im Sinne gebildeter Autorität).

Von diesen drei Varianten leite ich auch meine Offenheit gegenüber den Kommentaren zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen ab, und mittlerweile kommentiere ich nur mehr die Kommentare zu Israel und dem Gaza. Früher war das zu Afghanistan auch, aber eben als Laie nicht mehr.

Hinter diesen Gedanken steht auch die fast aggressive Abwehr der diktatorischen „alternative news, truths etc.“, die Wirklichkeit muss die Wahrheiten überbauen, und unerträglich konkurrierenden Wahrheiten muss etwas überbaut werden, das im Singular wirklich zählt, z.B. Gerechtigkeit.

Das kann zu Praktiken führen, führt zu Kontroversen, zu Informationspraxis und Kritik. Es trägt dazu bei, beim Älterwerden nicht stehen zu bleiben (etwas gemein, wenn ich sage, dass bei vielen die Standpunkte eine Abwehr von Wirklichkeit bedeuten – Beispiele habe ich in meinen Blogs viele gebracht, heute ist also „meta“. Ich lade euch zum Nachlesen ein.

Literaturhinweise zu Afghanistan und zu Israel gebe ich gerne, fragt nur an.

Kampf um das „Jüdische“ bei Juden und Nichtjuden

Nur ein Nachschlag. Mir geht es nahe, wenn jüdische Stimmen, nein, die Stimmen von Juden und Jüdinnen, nicht wirklich jüdisch, sich jetzt an die Seite des Faschistenführers Netanjahu und seinem rechtsradikalen Kabinett stellen, wenn sie meinen, dass Kritik an Israel automatisch der Hamas und anderen Verbrechern hilft, als könnte man nur einen Gegner haben.

Ruth Beckermann, Jüdin und eine starke intellektuelle Stimme in Österreich fasst etwas zusammen: https://www.derstandard.at/story/3000000271150/gazakrieg-wenn-der-hass-zu-gross-ist Davon ein Absatz mit den wichtigsten Begriffen, die ich hervorhebe.

Nicht, weil mir viele Juden meine Interviews kurz nach dem 7. Oktober vorwarfen, in denen ich trotz allem Entsetzen versuchte, das Massaker in einen historischen Kontext zu stellen. Seither ruft das Wort „Kontext“ immer wieder einen Aufschrei hervor, so als würde man den Opfern die Schuld geben, wenn man das Massaker in eine Geschichte der Besatzung einschreibt. So verständlich, wenn auch schrecklich, die Haltung eines Großteils der israelischen Bevölkerung ist, die von zensurierten Medien mit einseitigen Nachrichten gefüttert wird und so gut wie keine Bilder und Filmaufnahmen aus Gaza zu Gesicht bekommt, so unverständlich scheint mir die Haltung eines Teils der Juden in der Diaspora, die doch zu Analyse und Kontextualisierung fähig sein sollten. Und zu Kritik an einer faschistischen Regierung, die in unser aller – aller Juden – Namen zu handeln vorgibt. Die uns für ihr Morden und ihre Eroberungspläne vereinnahmt.

Um etwas besonders konkret zu machen: es geht nicht „nur“ um die Geschichte der Besatzung, es geht um Netanjahus Unterstützung der Hamas gegen die zivilen palästinensischen Bemühungen um Zweistaatenlösung (Dass die Hamas dem israelischen Premier entglitten ist stimmt. Und dass dem Massaker vom 7. Oktober nichts an Ablehnung zu ersparen ist, einschließlich der Folgen für die mehr als 1000 Toten und die hunderten Geiseln, braucht niemand in Zweifel ziehen).

Das könnt ihr alle wissen, und im Detail.

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Mir (jüdisch, deutsch, österreichisch) geht es um etwas anderes: wenn innerhalb des diasporalen Judentums – und den rechtsextremen Regierungsunterstützern in Israel – ein Konflikt um die „richtige“ Position der Juden und Jüdinnen weltweit, also auch in Deutschland, entstanden ist, so ist das weder Zufall, noch besonders neuartig. Seit Theodor Herzl geht der Konflikt, und viele haben den Schritt vom Judenstaat zum jüdischen Staat bis heute nicht verstanden. Der reaktionäre Rückschritt zum Judenstaat (das sind nicht nur Katz und Ben Gvir, das sind viele, vor allem Siedler und Ultrareligiöse) ist am besten zu verstehen, wenn man die Bindung dieser Menschen an Diktatoren wie Orban oder Trump analysiert – Ultrareligiös widerspricht der jüdischen Religion, und die Siedler sind überwiegend eroberungssüchtige Faschisten. Als Jude verwende ich diesen Begriff ungern, aber das Juden Menschen wie alle anderen sind, können sie auch faschistisch sein.

Lest aber wirklich die Geschichte des Judenstaats, lest Oz, Grossmann, Segev, Kepel, Neyer u.v.a., auch Ruth Beckermann, denen manche Juden das Jüdischsein absprechen, klingelt da nicht etwas?

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Wenn ihr deas gemacht habt, dann bitte ich um eure Aufmerksamkeit für eine These: nicht alle Juden sind jüdisch. Dabei beziehe ich mich bei Juden (d.h. Juden und Jüdinnen im weitesten Sinn) auf die anthropologische und ethnologische Geschichte, könnt ihr gut ab Abraham verfolgen, aber dort gibt es schon die Spaltung…Und da alle Juden Menschen sind, können sie alles repräsentieren, was eben Menschen repräsentieren.

„jüdisch“ ist ein Adjektiv oder Adverb, das sich auf eine bestimmte Qualität bezieht. Und bei dieser Qualität behaupte ich, dass sich ein Begriff herausentwickelt hat, der ethische, moralische, kulturelle und soziale Dimensionen hat, die nicht zuletzt aus dem Widerstand und der Überwindung von Diskriminierung, Verfolgen, Vertreibung und Lebensbedrohung erwachsen ist. Kein Privileg, kein Makel am Judentum, sondern eine ihrer Entwicklung entsprechende Konsequenz, hochdifferenziert, und für viele in eine Perspektive von Freiheit(en) eingemündet. Für viele, d.h. zu einem Zeitpunkt, aber für viele vor 130 Jahren.

Wenn sich Netanjahu und sein Kabinett und seine Hilfstruppen den ethischen Dimensionen, den moralischen, sozialen, kulturellen entziehen und faschistische und unterdrückende Politik betreiben, dann sind sie nicht jüdisch im Sinne der historischen Entwicklung, auch wenn sie Juden bleiben. Darum muss man sie dort kritisieren, wo sie unmoralisch handeln, wo sie sich mit Faschisten einlassen, kein Wunder, und von Demokraten abwenden, und das alles innerhalb des Judentums und von außen.

Deutsch-Israelische Verbindung, ergänzungsbedürftig

Der Krieg im Gaza weckt viele Assoziationen. Wissenschaftliche, kulturelle, journalistische. Alles, was dazu gesagt und geschrieben wird, bekommt eine gewisse Entfernung zu unseren festgelegten Vorstellungen und dem, was wir zu wissen meinen, und je nach Distanz dann zu positiven und negativen Urteilen. Wenn wir einigermaßen viel wissen, dann erweitern wir diese Urteile um Beziehungen, z.B. von Gaza mit der West Bank, oder zwischen Netanjahu und seinen faschistischen und ultrareligiösen Koalitionären: das befestigt beides, Urteile und Vorurteile. Omer Bartov rezensiert 11 Texte zum Gaza, und schreibt einen harten zwölften (Bartov 2025). In einer langen und extrem genauen Einleitung vor den Rezensionen vergleicht Bartov die Struktur des aktuellen Konflikts mit den Deutschen und Hereros 1904. Er vergleicht, setzt nicht gleich. Aber die Herabsetzung der Hamas, zum Teil als Tiere (drusischer Generalmajor), und ihre Gleichsetzung mit Nazis (Dina Porat 2023) zeigen die Wirklichkeit der Auseinandersetzung, keine hegelianische Draufsicht auf eine Schlacht. Bartov erwähnt nicht die frühere Beziehung von Netanjahu zur Hamas, aber er geht weit in der Assoziation des jetzigen Kampfes in die Gewaltgeschichte, und was es mit der Tatsachen von den Juden als Weiße und der Hamas eben nicht-weiß auf sich hat. Dann ein Paradigmenwechsel, den ich schon wusste: Peter Beinart wandelte sich vom Israel-Fan zum scharfen Kritiker des Zionismus. Unbedingt lesen Peter Beinart – Wikipedia (25.5.2025) – und Bartov steigt jetzt in die Geschichte der Beziehungen zwischen Zionisten als immigrierte Juden und Palästinensern ein, mehrere wichtige Autoren, darunter der Enkel von Zygmunt Bauman, der sich – m.E. zu Unrecht – für „Apartheid“ ausspricht. Es steht hier noch mehr, aber wichtig ist die Rezensionskultur jenseits der politischen Verbarrikadierung, und wichtig sind zwei Bemerkungen: a) meine Geschichte der Zuneigung zu Israel ist ungebrochen, gerade und vielleicht zur Zeit weil ich Netanjahu ohne heimische Rücksicht angreife. Es geht bitte um Israel und um die Palästinenser und nicht einfach um deutsch-israelische Beziehungen. b) Bitte lest an dieser Stelle meinen Blog vom 25.5. zu Berest und vor allem zu Amos Oz. Zu Bartovs Essay eine Coda, wonach die jetzige Entwicklung des „Genocide in Gaza will finally liberate Israel of its status as a unique state rooted in a unique Holocaust“ (Weil der zweite Satzteil so nicht stimmt, kann die Prämisse auch nicht richtig sein, aber sie ist ein rhetorisch gefährliches Argument, was Bartov meint, ist klar.

Ich lese viel Kommentare und Metakommentare zu den Ereignissen in Israel, Gaza und der Region. Und immer, welche politischen Intentionen die beteiligten Großmächte ihrerseits kommentieren, USA, UN, Türkei, Iran, Saudis, Ägypten, etc. und wie das in Deutschland hervorgehoben oder minimiert wird. Kein Zweifel, einige Finger zeigen immer auf unser Land, wie soll Hegels Heimat objektiver sein als der Rest der Welt – oder moralischer?

Dazu schreiben Shimon Stein, ehemaliger Botschafter, und Moshe Zimmermann, Wissenschaftler und Journalist, eine heftige Kritik am wohlgepflegten Umgang der beiden Länder miteinander (Stein and Zimmermann 2025). Der komplexe Rückblick auf die Beziehungen wird analysiert und dann resümiert: „Jeder Rückblick muss sich auch von Mythen verabschieden, vor allem von dem Mythos, das Primat der Erinnerung an den Holocaust sei der entscheidende Faktor (oder Störfaktor), erst auf dem Weg zu diplomatischen Beziehungen, dann auf dem Weg zur erhofften „Normalisierung“ dieser „besonderen Beziehungen“ gewesen“. Die Normalisierung in „“ ist wichtig, denn was an den Beziehungen ist „normal“, inclusive der Formel von der Staatsräson?

Und noch etwas, eher nicht alltäglich. Wenn man die Geschichte und Wirkung des Zionismus (bitte hier nicht des revisionistischen Zionismus und der Antizionisten) auf- blättert, dann ist die Rückseite der Trumpfkarte, Palästina, unerlässlich, schon lange vor der Staatsgründung und Nakba und den vielen Konflikten und Kriegen davor und danach ((Segev 2001, Segev 2005, Khalidi 2024) u.v.m. Und zwar auch, wenn man auf israelischer Seite des jüdischen Staates steht, nicht des Judenstaates. Und heute ist die Hamas eben nicht deckungsgleich mit Palästina und den -ensern, aber ihre Geschichte geht auch zurück bis lange vor der Nakba und dem Wechsel von der Avoda zu den Revisionisten.

Natürlich reagieren sehr viele jüdische Intellektuelle auf den 7. Oktober, viele, die ich sehr schätze und etliche, die ich nicht wertschätze oder auch nicht verstehe. Reaktionen wie bei Eva Illouz oder Delphine Horvilleur beleben das Nachdenken. Dazu später. Beide kommen auch bei Lea Streisand vor (Streisand 2025), und da passiert mir typischerweise etwas, das immer häufiger vorkommt. Ich verstehe fast jeden Satz, aber ich verstehe den Kontext des Essays nicht, die Schlussfolgerungen, das eigene Befinden, das sich mitteilt. Beispiel: „Verzweiflung ist jeher Bestandteil der Jüdischen Kultur“ – Unsinn. Natürlich jeder Kultur. Nun bin ja nicht dumm oder oberflächlich lesend. Ich nehme die Verwirrtheit des Textes wahr, die nicht einer der Autorin ist, sondern das Resultat einer zu umfangreichen Verwirrung der Phänomene des 7. Oktober, aber mit dem Fehlen seines Zustandekommens. Man kann sagen, dass die Kritik der Handlungen und Ereignisse für sich nicht viel über das Zustandekommen aussagt. Das ist nicht trivial, bedenkt man Netanjahus frühe Verbindung zur Hamas.

Es gibt viele verwirrte, verwirrende Texte zur Wirklichkeit in Israel und Palästina, und es gibt doch Einsichten, oft unangenehme. Nicht nur persönlich, auch politisch, auch Deutschland in seiner besonderen Beziehung betrifft (als Österreicher sage ich, in meiner Heimat gilt das auch, aber anders. Darüber an anderer Stelle). Wenn es um Wahrheit(en) geht, halte ich Omri Boehm für wichtig: es gibt nicht eine Wahrheit, aber es gibt Gerechtigkeit (Boehm 2023, Boehm 2025). Immer wichtig ist, dass Kommentare zum Judentum und zu Israel, Gaza etc. nicht deckungsgleich, sondern überschneidend sind. Das wird in Deutschland schon kritisch verarbeitet, vor allem in der liberalen Presse: Israel und Gaza auch als Tandem (Vgl. SZ 7.5.2024 Kristiana Ludwig), oft auch hier historisch etwas zu kurz. Auch politisch-theologische Rahmenerzählungen sind für nichtjüdische Beobachter schwer zu verstehen, für jüdische oft verwirrend (z.B. ZEIT 10.4.2025 Avner Ofrath: Wo geht’s zur Freiheit?“).  Was wir verstehen, sind tatsächliche Maßnahmen für Menschen gegen den Strom, z.B. (Wahba 2025). Soviel Rettung, die von der Bürokratie in vielen Fällen verweigert wird, nicht nur in Israel und Gaza.

Nun ist seit wenigen Wochen die weltweite demokratische Kritik am Regime Netanjahu gegen die Menschen in Gaza, nicht nur gegen die Hamas, differenziert und universell, hat mit Judentum wenig zu tun. Aber gerade deshalb ist es wichtig, falsche Anklagen gegen Israel zu erkennen und zu kritisieren: „Warum der Vorwurf des Genozids und des Aushungerns gegen Israel historisch falsch, unehrlich und antisemitisch ist“, lautet der Untertitel eines längeren Aufsatzes von Eva Illouz (Illouz 2024) „Völkermord? Im Ernst?“.

Das nimmt nichts von Netanjahus Grausamkeiten, aber es muss sie einordnen. Illouz analysiert hier vor allem Völkerrecht, sie kritisiert die Verbindung der Klage des IGH von Israels  Regierungschef („extrem unehrenhafter Mensch und ein grauenvoller Staatschef“) mit dem Hams-Führer Mohammed Deif und nicht Mohammed Sinwar. Da muss man sich aber schon auskennen! Das alles analysiert und beschreibt Illouz ein halbes Jahr vor den Angriffen und der Aushungerung durch Israel in den letzten Wochen, und das ist auch wichtig: wann wer welches Urteil fällt. Die Zusammenlegung von Zeitspannen und Augenblicken ist ein oft probates Mittel, die Urteile über Konflikte zu verschieben oder zu verzerren.

Ich verlasse hier alle meine Analysen, laienhaft in vieler Hinsicht, der ausländischen Eingriffe in die israelische Politik, auch die offenkundig verlogenen und im Kern antisemitischen des Diktators Trump. Aber wichtig ist eine Verbindung des Diktators mit seiner Zerstörung von Wissenschaft und Kritik: Yale-Philosoph Jason Stanley: „Trump sieht die Universitäten als Feind“. Trump gehe es bei seinem Feldzug gegen die US-Universitäten nicht um Ideologie, sondern um Macht, sagt der US-Philosoph. Trumps Ziel sei es, das Universitätssystem zu zerstören, so wie es alle Autokraten tun. Der Satz ist wichtiger als vieles: denn es rechtfertigt nicht, auch in Fragen des Judentums und Antisemitismus, den USA Vorzug vor anderen Diktaturen zu geben.

Und wieder mein Zusatz: wie soll man denn mit den pro-Hamas meist ausländischen Studierenden umgehen? Das gilt für die USA wie für Europa, wie für Berlin. Diese Bande ist auch ein Produkt falscher Toleranz statt kritischen Umgangs mit Eingewanderten – v.a. aus dem Nahen Osten insgesamt. Jetzt ist der Korridor der Abwehr schmaler und geschwächt, hier wie dort.

Das ist nicht mein letzter Kommentar zur Wirklichkeit des deutsch-israelischen Konflikts, der Frage nach dem Sinn der Staatsräson, der Kritik an den lückenhaften historischen Festlegungen. Er ist auch unfertig, lasst das Judentum, mich jüdischen Menschen, auch dazu lernen, aber nicht ahnen.                                                                                                                              

Deutschland und Israel: Antisemitismusbeauftragter warnt vor Missbrauch der „Staatsräson“ 25.5.2025 (RND)

Bartov, O. (2025). „Ìnfinite License.“ `NYRB LXII(7): 54-58.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Boehm, O. (2025). „“Schaut auf Buchenwald“.“ ZEIT 2025(15).

Illouz, E. (2024). „Völkermord? Im Ernst?“ SZ(29.12.2024).

Khalidi, R. (2024). De hundertjährige Krieg um Palästina. Zürich, Unionsverlag.

Segev, T. (2001). One Palestine, complete. Jews and Arabs under the British Mandate. London, Abacus.

Segev, T. (2005). Es war einmal ein Palästina. Berlin, Siedler.

Stein, S. and M. Zimmermann (2025). „Wir sprechen unterschiedliche Sprachen.“ ZEIT 2025(19).

Streisand, L. (2025). „Antisemitismus: Empathie ist nicht die Lösung, Empathie ist das Problem.“ FAZ.

Wahba, A. (2025). „Sie waren still. Fast gespenstisch still“ ZEIT 10.4.2025

Oz, Berest, vorgestern und heute

Autobio Biofiction Biojüdisch

Zwei Bücher haben mich animiert, biographische und jüdisch-israelische Themen zu verbinden. Keine Rezension, allerdings, sondern Wirkungsgeschichte und ihre Folgen.

(Oz 2016, Berest 2023) :Amos Oz: Eine Geschichte lon Liebe und Finsternis, Ffm 2016, Suhrkamp; Anne Berest: Die Postkarte. Berlin 2023, Berlin Verlag

Oz`Buch erscheint 2002, da ist er 53 Jahre alt, und der Schwerpunkt des Buches ist seine Familiengeschichte und seine Kindheit und Jugend. Da ich viele Bücher von ihm kenne und gelesen habe, ist sowohl die Retrospektive (alle Großeltern und ihre Geschichte, die Verwandtschaft) ebenso wichtig für mich wie der Einblick in die wirkliche Geschichte Israels vor und nach der Unabhängigkeit. Und die Tatsache, dass viele Textstellen heute zugerechnet werden können.

Anne Berest ist 1979 in Paris geboren, ihr Buch ist einer der autofiktionalen Romane, die die Biographie verdichten und auf die wirkliche Geschichte hin verdichten. Hier liegt eine Beziehung zu Oz`Kultur, und für den Leser ist es wichtig, auf beiden Ebenen beider Texte zugleich zu sein: einer jüdischen Familiengeschichte, incl. der Frage, was ist jüdisch?, und die Frage, was mich/jemanden an der Gesellschaftsgeschichte interessiert, warum und vor allem wie.

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Oz schreibt sein Buch mit 52, seine Lebensorte waren Jerusalem, Kibbuz Hulda und Arad, und er geht von seiner Kindheit aus, um die Geschichte seiner Großeltern und des Rests der Familie und näheren Bekannten zu rekonstruieren, oft mit genauen Details, aber nicht als Dokumentation, sondern es hat immer etwas zu tun mit seiner Lebensgeschichte und ihrer (ersten?) Revision, eingebettet in die Geschichte Israels, dessen Staatsanfänge er ja als Kind miterlebt. Er ist klug, frühreif, und agiert als Kind, mit und zwischen Vater und Mutter nicht nur wie Kinder agieren, sondern wie er selbst mehr als 30 Jahre später dies im Kontext von Familie, Gesellschaft bewertet. Von hier versteht man den Titel, und „Liebe und Finsternis“ sind keine übertriebenen oder pathetischen Worte, wobei die Finsternis tiefe Schatten auf die Liebe wirft, sie aber nicht auslöscht; umgekehrt kann die Liebe die Finsternis nicht aus dem wirklichen Leben vertreiben, wenn Oz genial die Beziehungen der Familienmitglieder und anderer Konstellationen beschreibt, aber nicht glättet. (Zur Geschichte des berühmten Onkel Joseph Klausners müsste ein eigener kritischer Artikel geschrieben werden, da bin ich noch nicht). Nicht parallel, sondern verbunden damit ist die Entstehung des Staates Israel, seinen Vorgeschichte in vielen Fächern der Familie, aber auch deren Vorgeschichte in einer Welt, von der wir heute keine Vorstellung mehr haben, und die Oz 2001 auch nur rekonstruieren kann.

Oz erklärt, als wäre es heute. Seine Abwendung von den revisionistischen Zionisten und Menachem Begin ist beeindruckend gegenwärtig. Aber auch: es gibt natürlich keine eindimensionale Geschichte des Zionismus, und rechtslinks ist die zweifelhafte Dimension, ebenso wie Religion und Abstammung, Sepharden vs. Ashkenasim. Und das alles vor 25 Jahren, seine Geschichte geht also mehr als 50 Jahre zurück. Und er bleibt Zionist, und da kann die gegenwärtige Diskussion viel lernen, aber auch die Übernahme der Geschichte in all ihren Dimensionen, und nicht nur in den glättenden, opportunen (Vgl. Amos Oz – Wikipedia , die kurze Biographie lohnt wirklich).

So berühmt, vielfach geehrt und rezipiert, bedarf es keiner Metarezension. Sondern vielleicht einer Wahrnehmung, die sich an die Regel hält, sich als Leser mit dem Text und nicht mit dem Autor zu verbinden. (Oz S. 54ff.) Was mir unter anderem auffällt, sind viele Analogien der Verwandtschaft (inclusive der seltsam genauen Übereinstimmung von familiären Geburtsdaten der Großeltern und nahen Verwandten: S. 288: Familiendaten der Mutter Fania. Analog zu meiner Familie), aber keine der Biographie selbst, jedoch wiederum etliche der Reflexion auf diese Biographie, Jahrzehnte später. Die nachholende Festlegung von Wirklichkeit, die man nachträglich ohnedies nicht ändern kann, ist beeindruckend, wenn es um wirklich tragische persönliche Ereignisse geht, aber auch positive Zustände in einer komplexen Situation. Mich fasziniert auch die Erzählung der Familiengeschichte in zweiter und dritter Dimension, etwa von seiner Tante Sonja, der Schwester seiner Mutter. Die Verbindung zur Politik wird früh sichtbar, als gäbe es keine nichtpolitische Herkunftsgeschichte, und das wird später aufgegriffen: (z.B. 314 f. Nationalismus der Jugendlichen damals. Wichtig „Das hatte sehr, sehr viel Ähnlichkeit mit dem, was man heute hier bei den Palästinensern erlebt, nur ohne das Blutvergießen, das sie anrichten. Bei den Juden sieht man heute kaum noch solches Nationalbewusstsein“. (Erzählt Tante Sonja über Rowno, ihre Herkunft – 20er 30er Jahre)). Aber all das ist von einem überragenden Autor komponiert, so dass man unterhalb der bewussten Ereignisse Einblick in die Existenz der Betroffenen hat, die immer beides ist: persönlich und gesellschaftlich).

Hier kann ich eine Brücke auch zur Lektüre von Berest einrichten, für die es ja Hier kann ich eine Brücke auch zur Lektüre von Berest einrichten, für die es ja weitgehend um einige Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geht, als rekonstruierter Rückblick, und vielfach hat ihre Mutter die Rolle von Oz‘ Tante Sonja. Für mich als Leser ist einer Unterschiede, dass ich bei Berest keine Vergleiche mit meiner Biographie anstellen kann (außer in der Frage, was eigentlich ist, wenn man „Jude ist“), während die Differenz zu Oz‘ Biographie sich ja wie ein alternative Text, wie eine andere Melodie liest und man schon seine Interessen an seiner Geschichte bei sich überprüfen muss. Und eine wichtige Frage: was wissen WIR von Israel, auch was wissen WIR von Frankreich, wirklich? Und wieweit glätten wir, was wir wissen, um unserer Anschauung willen, um der Wahrheit, nicht der Wirklichkeit willen?

Sein Buch ist natürlich nicht nur die Geschichte der Kindheit und Jugend, vom 50jährigen erzählt und reflektiert und nach weiteren 25 Jahren gelesen und kommentiert. Aber diese Geschichte muss sein. Ergänzt durch Berest, aber Oz nimmt mich retro auf, in Arad, dann sprechen wir über die Kindheit und ihre Politik und dass es nicht möglich ist, irgendetwas aus dem Kontext „wieder gut zu machen“, so gut wie nichts.

Am Freitag 23.5.2025 äußerte sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Gegenüber der „Kronen Zeitung“ sagte er, dass zwischen einer „unverrückbaren Haltung zum Staat Israel“ und der Kritik an der aktuellen Regierung des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu „speziell im Fall Gaza“ unterschieden werden müsse. (ORF 23.5.2025). Es ist erstaunlich, wieviel Oz vorhergesehen hatte, und wie er manche seiner Positionen im Lauf seines Lebens und seiner Reflexionen änderte oder korrigierte, aber immer seiner politischen Ethik und Kritik treu blieb. Vielleicht ist es das, was mich zum zweiten Mal und ausführlich diesem Buch von Oz zugetrieben hatte. Ich habe gelernt und korrigiert. Zum Beispiel die Lektüre von Samuel Agnon. Und da treffe ich mich mit der jugendlichen Selbstdarstellung des Oz: die kann man als Erwachsener zurücknehmen…

Und zur heutigen Debatte über das Verhältnis Israels zu Deutschland, zum Reparationsabkommen zwischen Adenauer und Ben Gurion. Es wird zwar dauernd zitiert, aber es fehlt etwas – dass Israel die Zusammensetzung der deutschen Regierung, Justiz unter den Umständen deutscher Reparationen akzeptiert. Das sagt in Deutschland heute niemand in der Politik, obwohl wir alles wissen könne, zu Globke (Adenauers rechte Hand), und vgl. Stein/Zimmermann, ZEIT 8.5.2025). Dazu S. 807f. bei Oz.

Und wir können nicht anders als die Beziehung zu Israel, die Wertung des Kabinetts Netanjahu und seiner rechtsradikalen, zT. faschistischen und rechtsreligiösen Kabinettsmitglieder und Gefolgschaft auch mit den Kriterien zu messen, die Oz ein Leben lang in einem Korridor von Wertungen entwickelt und vertreten hat. (Nur Zyniker können dem vorwerfen, man würde Palästinenser bewusst ausklammern und verkleinern im Vergleich zur Kritik an Israels Regierung. Immer die Geschichte der Hamas zeitgleich mit der Geschichte Israels im richtigen Kontext bemessen(.

Ich empfehle beide, Oz und Berest.

Für meine Freunde in Israel

Jüdisch versus Israel?!(!)

Fangen wir einfach an: „Wissenschaftler bekennen sich zu Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus: „Antwort auf die Mängel““ (FR 16.5.2025). Es liegt schon lange in der Luft bzw. in den Diskursen, jetzt geht die FR einen Schritt weiter. Sie veröffentlicht eine Stellungnahme für die Jerusalemer Erklärung JDA, gegen die ältere IHRA Stellungahme. Ich gehe jetzt nicht wieder einmal auf die Unterschiede zwischen beiden Resolutionen ein, beide verweisen auf die schwierige Überlagerung von Israel durch das Judentum. Ich gehe auch nicht darauf ein, dass viele Regierungen und Politiker eher die IHRA unterstützen, zum Teil autoritär, und dass die meisten Intellektuellen und WissenschaftlerInnen )die meisten, nicht alle) eher zur JDA neigen. Mir geht es um etwas anderes.

Fangen wir nochmal an. Amos OZ hat 2002 seine gewaltige autobiographisch-essayistische „Geschichte von Liebe und Finsternis“ geschrieben, viele Auflagen und Übersetzungen. Auf den ersten 100+ Seiten (von mehr als 800) beschreibt Oz seine Kindheit und vor allem die Begegnung mit Joseph Klausner, dem Onkel. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Klausner). Schon hier erfährt man viel über die Richtungen des Zionismus, und man wird über Klausners philosophische, literarische und politische Karriere noch viel erfahren. Auch, dass es zwischen der intellektuellen Superiorität und einer national-liberalen Einstellung, incl. zu Menachem Begin, durchaus Brücken gab, ist spannend. Mir geht es aber darum, Klausner in der Vielfalt des Zionismus zu erkennen und darin, dass Amos, vor 25 Jahren schon, folgendes in seine damalige Geschichte einschreibt: “ In Vaters Jugendzeit stand an jeder Wand in Europa „Juden, ab nach Palästina„. Fünfzig Jahre später, als mein Vater Europa wieder besuchte, schrieb es von allen Wänden „Juden raus aus Palästina“. (S.113). Das war 2002. Und Oz klärt auch auf, warum und wie seine Familie sich damals zu Jabotinsky und Menachem Begin wandten (was man heute schwer versteht, aber verstehen muss, sonst ist es schwierig, über den wirklichen Zionismus der damaligen Zeit kein idealisiertes, sondern ein vielschichtiges Urteil zu haben. – Ich schreibe das hier, um zu zeigen, wieviel man wirklich an Geschichte wissen muss, um das heutige Judentum in Israel wenigstens teilweise zu verstehen – hier aus der Analyse des Zionismus. Es gibt noch mehr.

*

Zurück zu den Manifesten: worüber sollen wir jüdischen Menschen, wo auch immer wir sind, im Kontext Judent(tum) und Israel, uns auseinandersetzen? Es gibt viele Menschen, einige von ihnen sind Jüdinnen und Juden. Den Satz umzudrehen, ist entweder blöde oder faschistisch.

Es gibt viele Jüdinnen und Juden, die ein gespaltenes Verhältnis zu Israel haben: das Land, ja; die Regierung, nein. Die finale Heimat, ja. Eine Gesellschaft von Mehrheiten für Siedler, Faschisten und Ultrareligiöse eher nein, wenn man befürchten muss, dass eine Rückkehr zur Demokratie wenig wahrscheinlich ist.

Der ethnische Zusammenhalt erscheint umso enger, je kleiner und gefährdeter eine Ethnie ist – trivial, nachprüfbar. Aber die Konflikte innerhalb des Judentums, und je zeitnäher umso mehr, lassen sich nicht mit einer erpressten Außenverteidigung zudecken.

(Nebenaspekt: Hier zeigen sich Analogien zur Erscheinungsform der Palästinenser, aus ganz anderen Gründen als denen des Judentums).

Es gibt gute Gründe, warum sich Israel dagegen verwahrt, ins Meer getrieben und ausgelöscht zu werden. Netanjahu beschädigt diese Gründe erheblich, und wenn sie nicht ausreichen, wird Israel für Juden und Jüdinnen viel weniger erheblich sein. Keine gute Voraussicht. Aber wer weiß, Judentum ist auch ein Symbol und eine Hoffnung für Widerstand.

Soweit also, wenn es um „Juden“ geht, also den Stamm der Jüdinnen und Juden. Was aber bedeutet „jüdisch“? Da möchte ich strenger sein als die oberflächliche kulturelle Selbstbeschwichtigung. Jüdisch bedeutet nicht mehr und nicht weniger als jedes ethnisch-kulturelle, ethnisch-soziale und ökonomische Attribut, das als zentral für die eigene Zugehörigkeit, sozusagen die innere Heimat in der Hierarchie der Identitäten verstanden wird. „Verstanden“, das heißt nicht nur gefühlt, sondern durchdacht, abgewogen, für uns selbst geformt. Und hier gibt es Maßstäbe, historische, kulturelle, religiöse, lebenspraktische – und nicht alles, was hinter der Bezeichnung stehen kann, ist schon deshalb akzeptabel.

Was sicher Ärger macht, ist die Behauptung, dass jüdisch und faschistisch durchaus zusammengehen können, aber dann eben nicht das „Jüdische“ sind, das ich meine, wenn es um das Weiterleben, Überleben des Jüdischen und damit des Judentums geht. (Hier könnte ich scharfe Kritik an einebnenden Vermittlungen, sozusagen Judaism light, üben; mache ich aber nicht, lenkt ab). Aber Jüdisch kann auch mit ganz anderen Anschauungen, Kulturen etc. zusammengehen, im Übrigen ist deshalb der Jüdische Staat und nicht der Judenstaat die richtige Hoffnung gewesen, ist es hoffentlich weiterhin. Jüdisch ist an den Humanismus gebunden, und nicht an den Judaismus. Das ist eines der wichtigsten Kriterien, welche Position man einnimmt, z.B. zur Frage Antisemitismus, siehe oben.

Radikal extrem normal

Manche Medien und viele Klugosophen drücken ihre Begriffe immer mehr an den äußersten Rand, weil sie glauben, damit noch mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen und überhaupt für sich Deutlichkeit einfordern zu können. Rausrudern, das macht Eindruck. Zurückrudern…naja, da ist schon wieder die erste Strecke vergessen, und man will sich ja retten (lassen).

Also: Los gehts….sagt doch was ihr denkt, dass der Merz und andere sagen, wie ihr sagt, dass es anders besser wäre oder nicht. Jetzt haben wirs gehört, und ich bin dabei.

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erste Wahrnehmung: wenn auch nichts wirklich besser bei der Wiederholung des Regierungsprogramms ist, so doch keine neuen Fehler. Also, Was wird kommentiert? Das wir nicht schon vorher gehört und gelesen haben.

Es wird insgesamt in Deutschland, Europa, vielleicht global, eine Rückwärtsschleife geben. Wie die aussieht, kann man teilweise konstruieren, teilweise ist sie aber unbekannt in Form und Auswirkung. Das bedeutet, dass Widerstand und Reaktion gelernt werden müssen. Material und Anschauung, beides ist in Fülle vorhanden. Widerstand – der sollte sich nicht so sehr auf den Lebensstandard beziehen als auf die entmenschlichte Flüchtlingspolitik, die sich nicht nur gegen die gesamte Spezies richtet, sondern zum Beispiel in Deutschland dazu führen wird, dass medizinische und soziale Versorgung zusammenbricht. Man wünscht nicht nur der AfD Hunger und Verrottung, leider sind noch mehr PolitikerInnen am Ausländerhass und an der Asyldestruktion beteiligt. Geht mal zurück in die 20er Jahre und die Zeit nach 1930 im letzten Jahrhundert…

Natürlich könnte Merz und seine Regierung hier wenigstens kleine Schritte tun. Das kann aus der humanistischen und zivilisierten Gesellschaft gegen die Politik aufgebracht werden, deren falsches Ziel ja die Trennung von Politik und Ökonomie ist. Leider kann uns da die Linkspartei nicht viel Unterstützung liefern, eher die Grünen. Aber mir geht es um die Zivilgesellschaft vor allem. Da kann man auch mal schärfer argumentieren. Vgl. auch https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/merz-bundestag-ukraine-bundeswehr-regierungserklaerung-e320045/?sc_src=email_4270972&sc_lid=410690635&sc_uid=e0yncBQNf7&sc_llid=104443&utm_medium=email&utm_source=emarsys&utm_campaign=SZ_am_Morgen_150525&sc_eh=

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Die ernstgemeinten Kommentare und Kritik an der Regierung werden zunehmen und die Diskurse in und um die Demokratie werden zunehmen und die dauernde Fokussierung auf die Faschisten (AfD) werden abnehmen. Das reicht nicht. Neben der endlich notwendigen wirklichen Bildungsreform brauchen wir auch weniger Filter bei den Nachrichten über die Wirklichkeit. Das klingt abstrakt. Aber man sollte die Bürgerinnen und Bürger nicht mit der Wahrheit schonen und schon gar nicht mit der Wirklichkeit. Die Berichterstattung zu Herzog und Steinmeier ist so ein Beispiel. Ich führe das an, weil die Ursprungsgeschichte der Nachkriegsbeziehung zwischen der BRD und Israel ja im Detail zugänglich, und man in die (damalige) Vergangenheit bis in die 20er und 30er Jahre zurückgehen kann und was sich nach 1945 zwischen Adenauer und dem entstehenden jüdischen Staat abgespielt hatte, ist ja keine alleinige Fortschrittsgeschichte, sondern bis heute schwer beladen. Aber auch mit richtigen Elementen versehen. Und wo stehen wir heute?

Was hat das mit Merz und seinem Team zu tun? Doch viel: die müssen nicht nur nach vorne handeln, die müssen auch den Boden, auf dem sie stehen, erkunden und kennen, damit sie nicht schwanken und stolpern (am Beispiel oben: Merz und Netanjahu-Einladung). Und ich finde, man sollte den Diktator Trump von der dankeswürdigen US Nachkriegsgeschichte abtrennen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass praktische Dankbarkeit – nicht die Rhetorik – sich mit der Zeit ausdünnt, ausdünnen muss. Wenn mein symbolischer Vergleich „1984“ angewendet wird, US, Russland, China, dann ist schon die Frage, wie die Mittelmacht Deutschland das überlebt, durchsteht. Sich einer der Diktaturen anschmiegen bringt wenig. Gefährdet uns alle.

Schön ist es, bleibt es nicht

Die letzten Tage: kühle Frühlingstage, meist wolkenloser Himmel, kaum Wind, stundenlang Sonne. So herrlich Anfang Mai, man vergisst März und Merz, man kann auch von erfülltem Lenz sprechen. Oder auch nicht, ich kann das schöne Wetter, die langen sonnigen Tage, die fröhlichen Ausläufe mit dem Hund, den Blick über den Park sehr wohl genießen, und doch kaum ertragen. Seit Wochen kein Regen, die Meteorologen sagen, dass die Pflanzen jetzt schon aus ihrer Reserve leben, und es wird trocken im Sommer. Das Unglück des Klimawandels zeichnet sich ab, es wird politisch.

Natürlich, es wird politisch, weil diese Regierung nicht nur fremdenfeindlich ist, sondern auch naturfeindlich. Zur Freude der PKW Hersteller und Staubbürger. Ich bin zu alt um noch zu erleben, was die direkten Folgen dieser Politik und damit des Klimawandels sein werden, die Vorboten können wir noch erleben und diskutieren. Aber wenn es 2,5° oder mehr hat, wie werden meine Kinder und Enkelinnen leben? Und die Mitverursachen werden zwar schon tot sein, aber nichts mehr davon wissen oder spüren.

Wenn wir uns politisch dagegen wehren, kann das wahrscheinlich nur mit gewalttätiger Konfrontation erfolgen, gegen die maximalen Energieverbraucher und Atmosphären-Verpester. Wissen wir. Die Säusler sagen, wir müssen das Volk mitnehmen, nur wenn die Leute überzeugt sind, tun sie etwas fürs Klima. Sie sollen nichts fürs Klima tun, sondern für das Überleben der Menschen. Das Klima kann auch für sich selbst sorgen, nur eben nicht für uns, solange wir noch auf der Erdoberfläche so herumleben wie wir das jetzt tun.

Das Nachtparkverbot am Ostufer des Attersees könnte erst der Anfang sein. Während mehr und mehr Gemeinden um den See überlegen, ebenfalls Parkflächen zu sperren, häufen sich auch an den umliegenden Seen im Salzkammergut Beschwerden. Dort sind illegale Camper vor allem in der Gemeinde Ebensee ein zunehmendes Problem. Ebensee ist mein Heimatort, die Nachricht ist korrekt.

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Alles Mögliche ist schön, und man soll es nicht verdüstern, wenn man es wahrnimmt. Vieles bleibt schön, Menschen vor allem, die einem näher stehen, und manchmal auch Natur, in die nicht ernsthaft eingegriffen wird, und ein Text oder Bild oder eine Tonfolge…Nicht alles Schöne bleibt schön, oder hinter der Schönheit lauert schon der Abgrund. Trivial, ich weiß. Aber wichtig. Im Fernsehen gibt es eine Menge Sendungen, die wirklich schöne Landschaften, Tier- und Pflanzenwelten zeigen, ja, wie Märchenerzählungen. Manchmal werden auch die ökologischen Gefährdungen angesprochen, aber selten die Abschiedsmelodie: Ihr werdet das so nicht mehr sehen. Es wir im letzten Rest von Gegenwart noch gezeigt, was eigentlich schon Vergangenheit ist (und was man früher vielleicht gemalt hätte oder beschrieben, aber in der Überzeugung, es bleibt).

Ist doch herrlich, nicht wahr? genügend Schnee? Zur richtigen Zeit? Wissen wir wir nicht zu sagen, d.h. ich weiß es, weil ich zur richtigen Zeit dort war.

Nach 50 Jahren kann man bestimmte Landschaften nicht wieder erkennen. Und was wird in zehn, fünfzig, hundert Jahren sein. Die Heuchler machen Jahrhundertsprünge und hoffen, dass DAZWISCHEN etwas richtiges geschieht.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen faschistischer bzw. faschistoider bzw. rechtslastiger Ausbreitung, auch einen zwischen anscheinend linker Sozialpolitik im Zentrum, und Umweltignoranz. Das ist meist keine Dummheit oder Unwissenheit oder Verantwortungslosigkeit, sondern die politische Einschätzung, wenn man die Feinde besiegt hätte, sei noch immer Zeit für die Umwelt. Dieses falsche Argument korreliert mit der empathielosen Flüchtlingsfeindschaft der christlichen und anderen Asylpolitiker bei uns und anderswo. Erstmal diese Menschen loswerden und dann ihre Creme de la Creme wieder einladen, so wie Trump die weißen Südafrikaner zu sich bittet, zur Verstärkung des rassistischen Rahmens für den Diktator.

Hirn und Praxen müssen wachsen

Wie zu erwarten, stehen immer schneller immer mehr Fragezeichen vor der Politik von Merz und Klingbeil, man traut ihnen und der sogenannten Koalition nicht viel zu, der Start war ein schlechtes Vorzeichen, und man hat, vorausschauend, schon die Sündenböcke. Derweil organisieren die rechtslastigen Schwergewichte Dobrindt und Jens Spahn den wirklichen Schwenk der Regierung von der demokratischen linken Mitte zu einer eher retrospektiven rechten Mitte. So oder so werden die Ränder und Überschneidungen mit der AfD eine große Rolle spielen, auch wenn, wie ich hoffe, die Faschisten nicht dauernd von den Medien bevorzugt werden, nur damit ja nicht das Gleichgewicht der Öffentlichen gestört wird. Und in der ZEIT präsentiert Anna Mayr einen gefährlichen Anstifter: Wer bremst, regiert. „Der Herausgeber der „Welt“, Ulf Poschardt, will das Land retten, indem er die linke Hegemonie zerbricht, die er in Staat und Kultur sieht. Unterwegs mit einem, der sich selbst keine Ruhe lässt.“ (ZEIT 19/2025). Eine miese Stimmung, nimmt man den Springeroiden ernst, nimmt man die Regierung ernst, nimmt man die Wirklichkeit ernst, vor allem wenn die globale Anarchie der Diktatoren Trump, Putin & Co. bis in unsere Innenpolitik durchleckt.

Und jetzt, wenn das alles richtig beschrieben ist, wird am Profil der Merzkaste und der EU gezweifelt, weil man denen ohnedies richtige Politik nicht zutraut. Stimmt der Zweifel, tritt die baldige Katastrophe ein, ohne vorausgesagt worden zu sein, und stimmt er nicht….egal, wenn kümmert die Prersse von gestern. Die Faschisten der AfD werden sich freuen.

NEIN; UMGEKEHRT MUSS GEDACHT WERDEN

Und nicht gleich das Ergebnis des Denkens – nicht viel mehr als Meinungen – herumposaunen. Wir wissen, – wissen, nicht ahnen oder stellen uns vor – wir wissen, dass die neue Koalition zweitrangig sich konstituiert hat, dass es mehr Ausbremser als Koordinatoren gibt, dass manches im Programm menschenfeindlich, ausländerfeindlich, asozial ist. Das wissen wir. Und? stört es die neue Regierung? falsch gefragt. Richtig wäre zu fordern: bevor die Regierung handelt, braucht sie mehr Wissen, Einsicht, Handlungsstrategie. Und das bekommt sie, wenn man sie – in toto – unterstützt, und – im konkreten Detail – kritisiert und alternative Vorschläge unterbreitet. Ja, WIR MÜSSEN DER REGIERUNG ERFOLG WÜNSCHEN – oder wollt ihr eine Koalition von Spahn und anderen mit der AfD? Natürlich sollen Wünsche grundiert werden, und da nicht zu erwarten ist, dass die lokalen Pfingstgottheiten in den nächsten Wochen das Bewusstsein und die Weltkenntnis der Merzoiden wirklich erleuchten, müssen WIR etwas zur Wirklichkeit sagen. Weil wir eine Demokratie sind, nicht obwohl, weil wir eine sind, müssen wir diese Regierung nicht einfach ertragen und hinnehmen, wir müssen sie sowohl kritisieren als auch stützen können. Revolution ist nix, Rücken zukehren auch nicht.

Ein gutes Beispiel heute: die Gesellschaft hat begonnen zu streiten, ob die Beamten endlich in die Arbeitsgesetzgebung einbezogen werden. (Berliner Morgenpost 11.5.2025 U.a.). Ein gar nicht so kleines Beispiel, aber eines, wo nicht nur die Interessenverbände und Lobbies aktiv werden können….Es gibt viele Beispiele. Ihr merkt schon, es geht mir um die Re-Politisierung des Alltags als Korrelat und Korrektur zu einer ungeliebten Regierung, deren Unterstützung natürlich ihren Preis hat. Natürlich, d.h. dazu muss die Demokratie nichts dazu erfinden, sie muss es nur anwenden (wie Die Linke bei der Kanzlerwahl – Chapeau!). Nur, wenn man diese Grundeinstellung hat, kann man mit Härte und Schärfe etwa die Umweltpolitik reaktivieren. Der Preis fürs Regierung muss hochgehalten werden, keine Rabatte. Nur dann kann die Mehrheit des Nichtpöbels und der Nerds akzeptieren, dass sich die Koordinaten des Wohlstands und der sozialen Absicherung verändern werden, dass das globale, also auch europäische, Kriegsgeschehen keine Vorwegnahme der Unterwerfung bedeutet.

Die Denkfähigkeit und die Praxis der neuen schwarz-roten Regierung müssen wachsen; sie müssen, nicht nur sie sollen. Dabei können sie von intelligenten BürgerInnen und Bürgern unterstützt werden – und von einer gewissen patriotischen Loyalität, die, siehe oben, eine Regierung nicht mögen muss, aber in der Demokratie akzeptieren sollte, angesichts der faschistischen und rechtslinkspopulistischen Alternativen. Und, was konfliktträchtig ist, wir sollten uns gegen die rechtsradikalen Rhetoriker wehren, die eine links-elitäre Kultur unterstellen und diese beseitigen wollen, zugunsten der rechten Volkskultur – was die Attacken auf die demokratischen Regierungen oft übersehen: es bräuchte keine Regierung, wenn das Volk tatsächlich als ganzes regierte. Gemeint von den Rechten ist gar nicht das Volk, sondern nationalistische Eliten, die den Pöbel zusammenfassen, damit endlich Deutsch wieder über und gegen die Menschen herrscht.

Fast alles, sofort und überall

Die Medienhypes überschlagen sich. Papstwahl – ist ja spannend (mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass viele sich freuen, endlich etwas anderes, neues kommentieren zu können, für ein paar Tage), Regierungsbildung – ist ja spannend für die Beteiligten. Das Volk schaut erstmal zu, wer zu früh kommentiert, wird durch den zweiten Wahlgang ernüchtert, und auch hier ist Zurückrudern angesagt. Trumpzölle – seid mal ehrlich, kommt ihr noch mit? Zölle, Gegenzölle, Zollaufschub, Zollrevanche, Abbau und Überzollung…Wir spüren oder werden spüren: die Wirkungen, aber was sich jetzt abspielt ist ein Marionettentheater.

Die Kriege, Gaza, Westbank, Libanon, Kongo, Sudan, und natürlich UKRAINE, alles wird verpackt in kurzfristige Ereignisse, von denen aus man auf die politische Wirklichkeit schaut, z.B. Papstwahl, Regierungsbildung. Man merkt, dass die wirkliche Multipolarität nicht schon deshalb eine Landkarte entwirft, in der man sich zurechtfindet. Gerade höre ich im Rundfunk die Aufnahme und Kritik von Aufnahme und Kritik des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – was stört die Hörerinnen und Hörer an der Wirklichkeit, Kontrovers: zu viel Krieg – zu wenig Krieg in allen Variationen.

Ich rede gar nicht von mir. Ich beobachte die Reaktionen auf Ereignisse und die Kritik an den Medien. Wenig Diskussionen darüber, woher man weiß, was man in den Medien so oder nicht so oder überhaupt erfahren möchte. Das wäre für mich der Zugang zu einer spannenden Auseinandersetzung. Zur Zeit schaut es so aus, als würde man überwiegend die Boten angreifen, nicht die Botschaften…

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Ich bin nicht plötzlich konservativ und zurückhaltend geworden, dann bräuchtet ihr meine Blogs nicht mehr zu lesen. Aber ich bin dabei, die unglaublich verwirrte weltpolitische wie deutsche, lokale Situation für mich, zunächst, und dann für das Angebot im Blog zu ordnen. Und dazu ist es wichtig, die Wirklichkeit immer bloßzulegen – was geschieht wirklich, wer hat was in welchem KONTEXT WIRKLICH GESAGT; WAS FOLGT DARAUS? Sonst müsste man keine Blogs schreiben oder die Medien so ausweiten. Und das bedeutet, vorschnelle Meinungen und Ergebnisse wegzuräumen, wenn sie den Blick auf die Wirklichkeit verschatten oder ablenken.

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Mein Beispiel wird euch nicht überraschen. Ich habe viel und und genau über Faschismus und seine derzeitige Ausbreitung geforscht und gelernt. Ich werde dazu auch weiter arbeiten. Und mir ist wichtig, dass das alte R-L Rechts Links Schema nicht einfach passt, es gibt auch Linksfaschismus, aber natürlich ist seine Mehrheit rechts. Was wissen wir dazu, historisch und aktuell?

Und dann eine heikle Frage: wieweit gibt es hier Überlappungen und Überschneidung zur neuen rechtsorientierten deutschen Regierung? Um es klar zusagen: die Politik gegenüber Migrantinnen und Migranten ist rechtslastig, sie ist in Deutschland vielen EU Ländern unterschiedlich empathielos und ausländerfeindlich. Sie ist also politisch rechts, aber nicht notwendig faschistisch. Genauso wenig, wie bestimmte faschistische Politiken, z.B. Melonis Außenpolitik, rechts sind. Das nun ist keineswegs trivial, es kann politisch enorm einflussreich und kontrovers sein. Ich sag jetzt nicht gleich, Faschismus studieren und die RechtsLinks-Bewegung analysieren. Aber wissen sollte man dazu einiges.

Hinweise für diesen Lernauftrag kann ich natürlich geben, faschismusdidaktisch ist dieser Blog nicht. Und eben auch nicht an Extremen orientiert, die die Auseinandersetzung entweder trivial oder zerstörerisch gestalten. Deshalb auch mein Misstrauen gegen vorschnelle Kommentare zu den Kommentaren. Beobachten hilft dem Hirn auch. Und wenn niemand im Raum ist, dem man seine Beobachtungen sofort mitteilt, dann muss man sie nicht umgehend hinschreiben, man kann sie etwas durchdenken. Abstand ist manchmal nicht nur ein Gebot der Klugheit, manchmal ist Abstand auch hilfreich, um zu Ergebnissen zu kommen.

Hat das mit heute zu tun?

Michael Köhlmeier:

In einer umfassenden kurzen Auszeit der letzten Wochen lese ich ein Buch. Michael Köhlmeier, Spielplatz der Helden, 1988: einer seiner ersten Romane. In der Nachbereitung dieser Lektüre wird mir erst klar, wie viel dieser Autor * 1949 geschrieben hat, wo er politisch und wie sich geäußert hat, und ob er oder das Buch über die Antarktis, Südtirol und eine Beziehungsgeschichte mich stärker für Autor interessiert. Es kann der Umstand der Auszeit sein, der mich tiefer in das Buch hat einsteigen lassen, und jetzt, hier, folgt keine literarische Kritik. Ich kannte ein paar wenige Bücher des Autors, wusste um seine endlose Preis- und Ehrungsliste so wenig wie seine politischen Positionen. Fragt mich jemand nach Autor und Buch, nenne ich ihn einen guten Schriftsteller, wobei gut nicht auf- oder abwertend ist, sondern eben gut, anders als sehr gut oder ganz gut oder schlecht. Ausgangspunkt für das Romanthema war eine Grünlandexpedition von drei Südtirolern. 1983 wurde Robert Peroni „…international bekannt durch die Erstdurchquerung des grönländischen Inlandseises an seiner breitesten Stelle. Diese Nordtransversale unternahm er 1983 gemeinsam mit den Südtirolern Pepi Schrott und Wolfgang Thomaseth. Die 88 Tage währende Expedition unter extremsten Bedingungen ist auch Gegenstand seines Buches „Der weiße Horizont“. Die 1400 km lange, lebensgefährliche Durchquerung Grönlands wurde ohne Hilfsmittel und Versorgungsdepots durchgeführt“.[ Köhlmeier hat die Expedition bewundert, das Buch ist den drei Expeditionsteilnehmern gewidmet, allerdings mit anderen, erfundenen Personen. Das habe ich alles erst im Nachhinein genauer durchleuchtet, das Buch hat mich über die Zeit gebracht.

Da nun keine literarische Kritik folgt, also keine eigentliche Rezension, ist es vielleicht nur eine Überlegung in einem ungewöhnlichen Zustand, und ein Abschluss mit einem zweiten Buchhinweis, zu Adalbert Stifter, den man vielleicht hier nicht erwartet hätte, und der mich am Ende dieser Lektürephase, sehr beschäftigt hat.

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Es gäbe sehr viele thematische Ausgänge, die in ganz andere Sphären führen könnten, aber die vorhandenen reichen. Wenn man ein bisschen etwas über Expeditionen weiß, freut man sich über die karge und schmale Vorbereitung ebenso wie über die nicht im Mindestens abgeschlossene psychosoziale Vorbereitung dessen, was überhaupt funktionieren kann. Was in der Familie, im Umfeld vor dem Aufbruch abgeht, Das Eindringen des journalistischen ist spannend. Und wie es zu Ende geht, gut, würden wir sagen und nicht nur Überleben, sondern es lebt sich weiter (womit zwei Drittel des Buches einen Rahmen haben, in dem sich dann ganz anderes abspielt: Beziehungen, Politik etc.). Die gegenwärtige soziale und individuelle Situation der Berteiligten, Südtirol, das Private, die Studienexkurse nach Marburg, RAF etc., das kann alles rein, die erfolgreiche Beziehung des Journalisten mit Pia bis zur letzten Zeile ist wie ein Gegenbild zum Erzählstoff, obwohl die Beziehungsgeschichte oft wie die Grönlandwüste ihre Unfassbarkeiten hat. Ich habe mich beim Lesen mit den Situationen, dort wie hir, eher identifiziert als mit den Personen. Und das fertig gelesene Buch beiseite gelegt, dankbar für die Überbrückung der Auszeit…wären da nicht Nachwirkungen gewesen. Ich kanns nicht aufschlüsseln, aber einige Beschreibungen haben mich (wieder einmal) zum erstklassigen Adalbert Stifter gedrängt und zu dessen bestem Text „Bergkristall“. Auch hier geht es um eine in Frage stehende Rückkehr. Das reicht für die Verbindung nicht, hier sind es Kinder in den österreichischen Bergen, und obwohl keine tragfähige Ortsbeschreibung vorhanden ist, weiß ich doch so ungefähr, wo sich was abspielt. In meinem Studium und seither spielt Stifter eine wichtige Rolle, aber hier geht es um Vergleich auf der nicht positivistischen Beschreibung. Die Landschaftsbeschreibung ist so großartig und umfangreich, wie die Soziologie der Familienbeziehung präzise ist, um die beiden Welten – Welten! Zwei Dörfer, diesseits und jenseits des Sattels, über den die Kinder gehen, um die Familie auf der anderen Seite zu besuchen. Irgendwie kommt mir das Ganze heute noch bekannt vor…Landschaft, Gesellschaft, die in die Irre führende Wanderung – und nur ganz wenige Seiten werden der Rettung der Kinder gewidmet, bevor sie wieder nach Hause geholt werden und daheim sind. Sie haben sich am Leben erhalten, weil gutes Wetter (Schneefall!) war und kein Wind ging, das wird genau beschrieben. Das kurze Dankesgebet der Retter ist aufgeklebte Formalie. Keine Romantik.

Die Erinnerung an das strenge Seminar zu Stifter bei einem weniger fortschrittlichen Hochschullehrer ist nicht völlig überblendet, aber von ihm hängt fast nur mehr die Zählung der „Ja“ und „Nein“ Kommentare des Mädchens zu dem älteren Bruder…

Insgesamt ist dem Köhlmeier schon zu danken, für die Aufnahme des ja jetzt aktuellen Grönlands, vielleicht auch für seine frühromantischen Beziehungsgeschichten, und dafür, dass ich wieder „Bergkristall“ gelesen habe, Juwel nach der Romantik. Der Realismus macht die Wahrheit eher besser.

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Nun könnte man fragen, warum ich dieses Leseerlebnis hier ausbreite. Was ich sonst alles lese, beschreibe ich hier ja auch nicht. Aber da man mir die Grönlandgeschichte vor Augen gebracht hat, habe ich sie gelesen, und schon der Unterschied zu den Expeditionsbüchern meiner Jugend war frappierend, positiv: weil die Reiseumstände und Vorbereitungen keinen gewaltigen Rahmen für das Bild der Entdeckung darstellen, und auch, weil das Meiste, das geschieht und dargestellt wird, mit der Expedition wenig bis nichts zu tun hat, es sind Dialoge, Monologe dreier Akteure, die wer weiß warum zusammengefügt die Durchquerung der Insel geschafft hatten. Also wird der Phantasie und den Assoziationen ein weiter Raum gegeben, den meine etwas gelockerte Disziplin eben bis nach hinten zu Stifter ausgenutzt hat.

Ich kann beide Texte empfehlen.