Winterspiele

Ich habe schon lange keine Freude mehr an sogenannten OLYMPISCHEN WINTERSPIELEN: ich begrtünde das nicht, schaue einfach selten hin und zu. Die POLITISCHEN WINTERSPIELE sind auch Wettkämpfe, und zu denen braucht man keine Freude haben, auch keine Gefühle. Aber mal ehrlich: wer von uns hätte das alles so sehr vorausgesehen? Ich hatte ja, oft kritisiert, den dritten Weltkrieg vorhergesagt, und begründet, wie anders er sich von den beiden vorigen unterscheidet, und bin bis vor kurzem ziemlich allein damit geblieben; und ich hatte eher unterschätzt, wie schnell und erfolgreich die drei Nukleardiktaturen kleinere Tyranneien zerstören oder unterwerfen können oder sich diese Diktaturen hilfreich untergeben machen. Das führt nicht zur Melancholie, sondern zur polit-depressiven Realität. Die Reaktion aber sollte nicht depri sein, sondern wir müssen im Bewusstsein den Widerstand aufbauen, bevor wir darüber reden, welche Hypermacht wir wie ablehnen und nicht de facto unterstützen. Und dazu schreibe ich jetzt nicht. Bedenke es, und ziehe bald Schlüsse, aber nicht sofort … Israel, Gaza, Grönland, Ukraine…dazu sind spontane Urteile vielleicht zu leichtgewichtig.

NEIN: WINTER, DAS IST MEHR ALS GEFRORENE VERNUNFT. Es ist kalt, man kann nur vorsichtig gehen, die Kliniken sind vollgestopft mit Glatteisopfern, selbst- und fremdverschuldet. Dabei ist dieser Wintertag schön wie lange nicht. Straßen und Gehwege sind weiß, nicht nur die Bäume. Es wie eine Erinnerung an unsere Winter. Denn natürlich hindern diese Tage nicht die Welt oder nur unseren Kontinent, wärmer denn je zu werden. Aber dieses früher war nicht nur wintriger im Winter, es hat unser Gefühl für Jahreszeiten anders geprägt als die heutige Klimaentwicklung. Schuberts Winterreise war eben keine Sommerreise, und Rilkes Herbstgedichte passen nicht in die Osterzeit. Nebbich? Die scharfkantige Erinnerung ist so ein Element des geänderten Zeitbewußtseins. Der Meteorologe im Fernsehen ist geradezu lyrisch bei der Ausnahmeprognose auf das Wetter in den nächsten Tagen. Und wenn ich mich nicht mit dem Wetter befasse, sondern es genieße, ungestört lesen und hören zu können, dann will ich mich nicht grämen, bestimmte „Arbeiten“ nicht zu machen, sie aufzuschieben…damit meine ich konkret, die spontanen politischen Urteile vielleicht etwas zu untermauern, sie zu stärken und nicht lächerlich jeden Tag Ergänzungen oder Widerruf hinzufügen zu müssen . Schaut man n-tv, dann erfährt man wie todkrank Trump ist und zwei Meldungen weiter wie fanatisch die US Diktatoren zuschlagen, man erfährt jeden Tag, wie Putin abgesetzt wird und zugleich, welche kriegerischen Aktionen er macht. Solche Faktenfakes zerstören das politische wie das kulturelle Denken.

Leider lebe ich ja in der norddeutschen Tiefebene, aber selbst hier reichen die kleinsten Hügelchen, dass mit Rodeln Kinderfreude ausgelöst wird, und zwar massenhaft, und das erfreut das Gedächtnis: eine Sache, die noch nicht ganz ausgestorben ist. So etwas ist wichtig, um weiterberichtet werden zu können, an Kinder und Enkel. Denn vieles, das wir kennen, gesehen, gehört, gefühlt haben, können wir nur mehr berichten, aber nicht mehr gegenwärtig zeigen…Tiere, Landschaften, Blickwinkel in die Stadt und auf das Feld, und Kleidung. Für ein paar Tage ist Winterbekleidung en vogue, wer weiss, zum vorletzten oder letzten Mal? Egal, Nebensache. Ich hab schon berichtet, dass die Feiertage, Silvester, Neujahr etc. nicht so befeiert werden wie in den letzten Jahren, Politik hin oder her. Langsam dringt die Wirklichkeit in die Gefühle und ins Bewusstsein. Schluss mit der Verlagerung des Grauens auf die fernen Kontinente. Deshalb schauen wir uns jetzt einmal bei uns um, damit wir Kraft gewinnen für die wirklich wichtigen Umstände.

Davon lass ich mich nicht abbringen, wenn man schaut, wie sich Europa seinen Abstieg auch noch durch die Machtlosigkeit gegenüber Trump und Putin mitbeschreiben muss, um endlich politisches Bewusstsein für die Realität zu bekommen. Das wird eines meiner Themen der nächsten Zeit sein. Und natürlich: Winterkultur statt allzugrelles Tageslicht. Schaun wir einmal.

Juden, Jüdisch, und.

Ich habe mehrfach beschrieben wie man die anthropologische, ethnische Bezeichnung „Jude“ (incl. Jüdin“) vom Adjektiv bzw. Adverb „jüdisch“ trennen kann, manchmal muss. Eine These war, dass viele Juden nicht jüdisch sind. Diese Feststellung beruht darauf, dass es zu den jüdischen Erscheinungs- und Haltungsformen ethische, kulturelle etc. Entwicklungen des Bewusstseins gegeben hat, während man ja an seiner ethnischen Abstammung individuell so gut wie nichts ändern kann.

Diese Überlegungen haben zu Beginn des Zionismus schon eine Rolle gespielt, sie sind immer schon kontrovers im ethnischen, im religiösen, im kulturellen, im sozialen…also im politischen Sinn. Darüber lohnt es, nicht nur zu beobachten und zu kritisieren, sondern auch Schlüsse auf die eigene Haltung zu ziehen. Wie man da einsteigen kann? Von überall her: Ashkenasen versus Sepharden, in Israel, weltweit; politische Ausrichtung, je nach Situation in der eigenen Gesellsch; aft und der Position innerhalb des soziopolitischen und soziokulturellen Netzes etc. Ich beziehe mich soziologisch stark auf Bourdieu, und jüdisch historisch…naja, da kann ich ja meine Literatur- und Diskursliste endlos aufblättern, aber es lohnt sich hier einzulassen.

Ich schreibe das, weil mich zum einen der Singular ärgert: „der Jude“ ist, handelt, denkt, verhält sich, erscheint … Wenn es also um Moral, Kultur, Politik geht, ist der Plural, die Jüdinnen und Juden, notwendig. „Also“ bedeutet, dass ich denke, worum es in erster Linie geht, also nicht gleich um Religion, die kann auch dazutreten.

Zum anderen gibt es, nicht nur in und aus Israel, jüdische Stimmen, die Verallgemeinerungen zum Judentum in der Gegenwart, vor allem in Politik und Kultur, sich anmaßen, und damit für nichtjüdische und manche jüdischen Beobachter eine allgemeine Richtigkeit anstatt einer differenzierbaren und kritisierbaren Meinung ausdrücken. Sich dabei auf Pressefreiheit, aber auch auf Überzeugungen berufen, die von den nichtjüdischen Leserinnen und Lesern spontan schwer zu analysieren sind )obwohl das schon möglich ist). Zur Zeit geht es natürlich darum, dass solche Stimmen zum Beispiel meinen, wer Netanjahu kritisiert, stehe auf der Seite von Hamas (grausiges Beispiel ist Korenzechers „Jüdische Rundschau“ (Monatszeitung); subtiler, aber auch einseitig etwa der Botschafter Ron Prosor, der sich schon von seinen Vorgängern unterscheidet usw. Mein Problem ist, dass diese Linien es nicht zulassen, wenn wir beide Seiten, Hamas und Komplizen und Netanjahu und Komplizen kritisieren, und auch die Verbindungen der beiden in naher Vergangenheit deutlich benennen. Wenn ich als jüdischer Jude den israelischen Premier als Chef eines teilweise faschistischen Kabinetts bezeichne, kann ich doch mit gleichem Vokabular die Hamas als faschistisch bezeichnen? Oder? Meinetwegen in umgekehrter Reihenfolge. Aber mir geht es darum, dass Israel zur Zeit, hoffentlich nicht mehr lange, eine peinliche und teilweise rassistische Untergebenenrolle bei Trump und in außenpolitischen Aktionen wie in antijüdischer Siedlerpolitik spielt – und dass die Hamas, die lange Zeit von vielen offen oder verdeckt gefördert wurde, zur Zeit weniger anerkannte Sponsoren und Hilfsherren hat, aber natürlich auch weiter gefährlich ist. Nicht nur für uns jüdische Menschen.

Das ist schlecht für jüdische Menschen in Israel, im Nahen Osten, weltweit, also auch für uns. Und es besch#digt beides: Bild und Kritikfähigkeit von Juden und der Qualität von „jüdisch“. Intern und nach außen.

Verzieht nicht euer Gesicht, wenn ich einen Ratschlag gebe: studiert einmal die Geschichte der jüdischen Siedlung seit 1906. Und vor und nach 1948, und während der britischen Besatzung und mit und nach der Staatsgründung Israels. Es geht hier nicht (nur) um Kriege. Es geht auch darum, wie wir im Kontext weiter hier und dort jüdisch sein können, also auch kritisch und selbstkritisch, und eben jüdisch, und nicht als der Jude uns den falsch-Autoritären unterwerfen dürfen.

Der Plural, Jüdinnen und Juden hat schon seine Bedeutung. Im übrigen: Eco, Horvilleur, … das geht schon.

POSTSCRIPTUM – wichtig:

Bitte lest „Transitionen und Transition“ von Monika Wohlrab-Saar in SOZIOLOGIE 2026, # 1, v.a. S. 10-14 über den Umgang mit Irsael und den Palästinensern, v.a. mit den Folgen für Wissenschaft und Kultur, also für Menschen, die sich der Realität wissenschaftlich annehmen. Ich zitiere hier nichts, weil der Text sehr dicht und kontextreich ist, aber ich empfehle ihn, nicht nur für die Wissenschaft. Doch, eines muss ich erwähnen: Ich schätze Eva Illouz (israelisch-französische Wissenschaftlerin) sehr und kenne viele ihrer Werke aus den letzten Jahrzehnten. Hier steht, „…sie wurde wegen ihres Protests gegen die Behandlung von Palästinensern in der Westbank der Israel-Preis verweigert“ (S.13). Das schmerzt, pars pro toto. Zum Abschluss schreibt die Autorin: „Wie müssen vom „ja, aber“, das das „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält“ (S.14). Ja.

Neue Zeit, kein Neues Jahr

Glückwünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Schwarzmalerei, eine Freundin wartet schon mit Tageszählung auf 2027…und ich freu mich bloß, dass es draußen schneit. Endlich einmal Schnee.

Ziemlich einstimmig ziehen die seriöseren Medien ein depressives Kalkül, was sich 2025 alles zum Schlechteren geändert hatte, wie wenig Widerstand geleistet wurde, wie wenig auf die Demokratie und den Wohlstand geachtet wurde etc. Kernaussage: 2026 kann nur besser werden. Und wie: die Ratgeberlawine schwillt noch an. Wie in allen Vorfeldern von um sich greifenden Diktaturen bereiten sich viele darauf vor, dass die neuen Machthaber vielleicht doch bald auch über sie herrschen (was sie ja längst tun, aber nicht so direkt), und dass demokratische Widerstände auch ihnen gegenüber tolerant sein werden…

Der Winter geht vorbei, es drängen sich die Kulturabende und Nachmittagsspaziergänge. Vier Tage auf der Insel Rügen haben auch erholsam geholfen, weil wir wenige Böller gehört haben, das schöne Feuerwerk über Stralsund gesehen haben und ansonsten gut gewandert und gegessen haben.

Mich sollte niemand nach Vorhaben für den Neue Jahr fragen, ich habe keine neuen oder schichte alte ab, weiter so heißt ja auch, dass die Zeitgrenzen anderswie sind als an das rituelle Datum gekettet, das kann man schon auch begehen, wenn man nicht zum Murmeltier wird. Also gehts mir subjektiv nicht neu, nur genauso gut wie vorher. Das heißt nicht ganz so. Die Diktatoren und ihre Subalternen nutzen wie früher die Feiertage zu besonderen Grausam-keiten, und sie hoffen auf mangelnde Aufmerk-samkeit. Die werden wir ohnedies bald brauchen, wirtschaftlich, sozial, politisch und vor allem kulturell widerständig, gegen Kitsch und zu viel Pathos und hinreichend Ironie (die braucht man für die Boden-haftung). Warum ich das schreibe? Weil ich einen wichtigen Ausblick von Winfried Kretschmann teile, wonach, laut Hannah Arendt, seinem Vorbild, Politik nicht der politischen Klasse vorbehalten bleiben soll, sondern für alle aktiv sein muss, will und soll man die Demokratie weiterhin betreiben. W.K.: Der Sinn von Politik ist Freiheit“, Patmos 2025, v.a. Kap. 2, u.a. S. 40-42). Am Anfang war das Buch gar nicht leicht zu lesen, aber die Projektion von H.A. auf seine eigene politische Praxis wird immer einleuchtender und glaubwürdiger. Das ist keine Trivialität, sondern eine komplizierte und scharfe Waffe, die viel mehr Gleichbehandlung von Gegnern verlangt, bevor es Kompromisse geben kann. Teilweise also das Gegenteil der Freund-Feind-Dualität (am Beispiel Carl Schmitt, S. 35). Dabei war für mich auffällig, dass Kretschmann wenig zusagen hat, warum so viele Linke Schmitt als Vorbild und Anerkennung nutzen…ein anderes Thema. Mir gefällt die Arendt’sche und Kretschmanns „politische Freundschaft“ als ein wichtiges Element der Lebensgestaltung. Was allerdings zu Konflikten führt nicht einfach als Wunsch sich verwirklicht.

Das ist keine Rezension. Aber dass man Arendt durch einen aktiven Politiker – nicht einen einfach Intellektuellen – Zeile für Zeile differenziert und nicht einfach „von oben“ rezipiert, ist schon etwas in der Zeit der schwierigen Kommunikation als Voraussetzung für Kompromisse (siehe aktuelle Regierungen in D und Ö).

Wenn wir jetzt ein besseres 2026 haben wollen und sollen, beides, dann liegt nicht viel, aber „etwas“ an unserem Verhalten Nur richtig wählen, das ist ja in aller Munde für diese Jahr in D, reicht nicht. Und nur bis zum Jenseits ausdiskutieren geht nicht, wegen unserer Sterblichkeit und dem bevorstehenden Erduntergang, also bedarf es der Handlung (Arendt) neben und mit dem Programm. Wir als PolitikerInnen, das ist schon verblasst, oder? aber nein, das sollte es nach der Arendt sein. Und deshalb dürfen wir nicht auf die Bahnsteigkarte zur politischen Bewegung warten oder gar hoffen, und diese Haltung zur Mittätigkeit ist eine andere Form der Mitbestimmung – ihre Gegner wissen genau, warum). Mir fallen da viele mir bekannte Personen ein, mehr aus meiner Umgebung also weiter oben in der Politik, aber auch dort. Aber das ist, was im Neuen Jahr auch Hoffnung machen kann.

Bitte lacht nicht, wenn ich sage, wie das leicht krittelnd meine erste politische Praxis in den 1970er Jahren beiseite schiebt: erst die Kontroverse austragen, bevor man einen Beschluss fassen kann, das Gegenteil der Haltung auf der R-M-L Schiene. Also nicht vom erhofften Ende die Kontroverse beleuchten. Das war damals meine, „unsere“ Profilierung.

Jahresbeginn. Empfehlung für Arendt, Empfehlung für Kretschmann, und vor allem, macht etwas, damit es zu den erfolgreichen Wahlen kommt, und berechnet nicht die jetzt erwartete Stimmen- verteilung. Damit sind natürlich auch die Konfron-tationen und Kontroversen jetzt gleich dabei. Das kann verletzen, ausgrenzen und marginalisieren, aber nur so können wir erkennen, wer von den Andersdenkenden und Andershandelnen für den Kompromiss in der Demokratie, für die Freiheit in der Lage ist. Ein Wagnis, in das wir uns politisch begeben. Zum Beispiel in nächster Zeit.

Neues Jahr – alter Schrecken? Altes Jahr – neuer Rückblick?

Ehrlich: ich kann das Weihnachtsgesülze, die Silvesterdramaturgie, die hoffnungslosen Erwartungen auf das „Neue Jahr“ nicht wirklich hören oder lesen, und zugleich kann ich dem so wenig entkommen wie alle anderen. Die Rituale um die Jahresendzeit sind ideologisch und religiös fest verankert, eingepasst in gesellschaftliche Vorgehensweisen und Redewendungen, und etwas milder fragt man sich: warum eigentlich nicht? Lass sie doch, zwei Wochen nach Jahresbeginn rauchen, essen, trinken, schwafeln sie wie früher … und so geht eben der Jahreszyklus des homo sapiens. Das ist jetzt schon fast eine Intervention in den Medien, die ironisch verpackt, was man ohnedies nicht ändern will. Na gut.

Aber dann. Drehen wir das einmal um. Man kann, wir können, doch ohne Häme allen anderen „alles Gute“ zu ihren Festen und Visionen und Träumen wünschen; wir können Toleranz nicht nur predigen, sondern im Jahres- und Lebenskreis auch anwenden, und dabei uns selbst-stärkend beleuchten; wir können das, sicher, und viele fordern wir sollen das. Aber dann. Die drei großen und viele kleine Diktatoren nutzen dieses Bild zur weiteren Trennung von unmenschlicher Praxis (Krieg, Aushungern, Folter, ethnische Säuberung, Rassismus, Eroberung, Infiltration) und menschlicher Programmatik (Frieden, Versöhnung, Kompromiss). Da stocke ich: der Kompromiss bedeutet im Großen etwa Gebietsabtretung an den Aggressor (Russland gewinnt, die Ukraine verliert, und Trump nennt das seinen Friedensschluss), oder ethnische Unterdrückung (Netanjahu und Hamas sind Verbündete gegen ethnische Freiheit), oder schlicht Begrenzung der Entwicklungshilfe gegenüber denen, die wir nach wie vor exportierend, chemisch, plastik-verbreitend etc.) weiterhin ausbeuten, postkolonial. Das „mag“ irgendwie stimmen, klingt aber schräg, ist nicht deckungsgleich mit der globalen, und noch mehr mit der lokalen, Entwicklung. Das liegt ja auch an der Zusammenfassung, an der wirklichkeitsfernen Abstraktion von Politik. Damit die Menschen diesen Analysen „zustimmen“, was dann die Politik rechtfertigt, wo sie große Vermittlungslücken hat. Das hilft dem globalen Aufwuchs von Faschismus und schwächt weiterhin die Demokratien. Und die Diskurse haben sich schon weit gegenüber dem wirklichen Zustand der Lebenswirklichkeit abgehoben. Na ja…nun kein Theorie darüberstülpen. Feiertagsruhe, frierend den klaren Himmel bewundern und sich im Park bewegen? Schon, aber das hat damit wenig zu tun. Und allein dies zu erfahren, macht schon Sinn.

Lassen wir einmal, versuchsweise, die „Guten Vorsätze“ zum jetzigen, bestimmten Zeitpunkt beiseite.

Ich lese und höre jetzt einmal die politischen Stellungnahmen auf facebook, gerade wie sie ankommen. Listet man das auf, landet man zwei Absätze weiter oben. Sehr viel konkreter als die Rundfunk-„Nachrichten“ an den Feiertagen. Meine Themen, weiter oben, viele Kommentare. Nicht alle gleich gut, oder gleich richtig. Aber auf die Wirklichkeit und nicht auf die Kulissen bezogen. Das hilft schon für die nächste Zeit, über die guten Vorsätze hinaus, incl. Spenden, „sich einbringen“, nicht über den Dingen auf dem Feldherrnhügel sitzen und kritisieren, was da nicht richtig läuft. Sich einbringen kann nachgedacht werden. Da fällt mir auf, wie sehr es praktisch sein kann. Und dann erst reden wir über Moral und Politik.

Globalfaschismus, Eurofaschismus, Lokal?

In der letzten ZEIT haben Robert Pausch und Bernd Ulrich die Besonderheiten des gegenwärtigen Faschismus der AfD in Vergleich zu anderen europäischen Faschismen analysiert und zu erklären versucht (ZEIT 2025 #54, S.4). Da steht viel analytisch richtiges, leider fehlen viele Bestandteile eines sich global ausbreitenden Faschismus. Die deutsche Sonderrolle wird teilweise zutreffend beschrieben, aber kaum erklärt. Schade, denn der Ansatz ist gut und wichtig.

Ich habe mich seit Jahren an wissenschaftlichen und literarischen Festlegungen auf Faschismus orientiert, nicht zuletzt auf Eco 2020, aber auch auf Canetti, und in Bezug auf Italien vs. Deutschland auf Bach u.a. 2010, und insgesamt auf viele andere. Das Beispiel der beiden Faschismen in Österreich ab 1933 bzw. 1938 ist noch einmal ein Ansatz. Natürlich bin ich kein Experte, aber auch kein Journalist. Faschismus, als Herausforderung von Demokratie, vor allem von Freiheit und Selbstbestimmung, passt insgesamt weniger in Parteienanalyse als in Bewegungskritik. Die ZEIT-Autoren haben mit der „Besonderheit“ des Nationalsozialismus recht, vor allem mit der späten Umsetzung der aufgeklärten Gesellschaft in Staat und Politik, aber wie und warum das nach 1945 und nicht nur in Deutschland immer wieder aufwächst, sollte genauer erklärt werden, auch globale Analogien sind wichtig, ich nenne nur Trump, Putin, Meloni, Netanjahu.. Nicht alle Diktatoren sind faschistisch von Anfang an, aber viele werden es in der Abneigung gegen Demokratie, in der ethnischen Hierarchisierung, auch in der nationalen Besonderung, die den globalen ethnischen Grundlagen der Kooperation nicht unterworfen werden soll. Und da ist die AfD keine Ausnahme, und Meloni beweist, dass der oberflächliche Rückbau der faschistischen Partei in Italien eben nicht zentral, sondern peripher war und ist.

Die AfD ist auf dem besten Weg, die Sonderrolle der NSDAP innerhalb der Faschismen wieder aufzuneh-men. Sie ist da nicht allein, europäisch und global. Der Widerstand kann nicht in ihrer Normalisierung bestehen, sondern im Widerstand durch Demokratie, wobei Demokratie ja nicht die einzige Qualität unserer politischen und sozialen und ethischen Gesellschaftspraxis ist, ja. sie allein kann faschistisch überbaut werden – wie man vielfach in Europa sieht. Und da hilft die pragmatische Außenpolitik gegen wertebasierte wenig, wenn man so wenig Macht hat. Die großen Diktatoren haben die Macht und ihre Anhänger bekommen davon etwas ab. Darum kann man viele faschistische Details auch in demokratischen Nischen entdecken. Die im ZEIT-Artikel erwähnte langjährige „Entteufelung“ des Faschismus in Europa ist ein wichtiger, aber nicht ausschlaggebender Sektor seiner Politik. Das Ausspielen von Kultur gegen Soziales gehört dazu, und das Wegschauen, wenn man sich faschistisch beschützt sieht – wie gut man mit der Türkei in der NATO umgeht und wie sanft mit faschistoiden Regimes in Osteuropa…Da ist mehr Rückgrat und Aufrichtigkeit erforderlich. Auch wenn ich zugebe, dass uns das temporär eher schwächt, v.a. gegen faschistoide Machthaber, die mit demokratischer Gesellschaft gegen die Herrschaft ohnedies wenig anfangen können.

Austria erit in orbe ultimo? AEIOU

Zu diesem Patriotissimo hat es immer hunderte ironischer, böser, platter Varianten. Allen Ernstes ist Oesterreich unbegreiflich….Das also ist nicht neu. Aber was aus Österreich wird, wenn es so weitergeht in Europa, und mit der Welt? Putin möchte Österreich, Italien, Polen und Ungarn von der EU separieren und sich untertan machen, nicht Ostblock, das rentiert nicht, aber eben auch nicht loyal zur EU. Sind diese Länder ihm politisch, nationalistisch, undemokratisch einfach näher? Naja, sie unterscheiden sich vielleicht doch.

Putin und Trump interessieren sich nicht für Länder, Menschen, Beziehungen. Es geht nur um Geld und Herrschaft für Trump und Putin, und die unterwürfigen Gefolgschaften folgen dem einen lieber, oder dem andern, oder beiden, die ja auch in einander stecken. Macht euch nichts vor. Passt das auf Österreich?

AEIOU, nein. Schon seit der Verbindung mit den Burgundern, nachlesen! war Österreich anders an der Macht interessiert als andere. Aber das ist Geschichte. Ich denke an heute. Was kann ein Diktator mit Österreich anfangen, was anders als es wie eine Isoliermatte zwischen andere Nationen zu zwängen? In vielen europäischen Ländern ist die Rolle in der EU zu wenig durchdacht. Dass überall der neue Nationalismus wächst, obwohl er objektiv chancenlos ist – die drei großen Atommächte bestimmen, was wie weit „Nation“ sein darf, – zeigt, wie begrenzt das Verständnis für die Weltmacht Europa ist, siehe auch Mercosur Diskurs in Frankreich und Italien.

Österreich hatte schon ein Europa first geschaffen, das im 19. Jahrhundert korrodierte und im ersten Weltkrieg zerbrach, nachdem es schon früh von Preussen auch deshalb attackiert wurde. Spannende Geschichtsstunde…Und nach 1955 war/ist das neutrale, aber doch zivilisatorisch profilierte Land, im Guten wie im Schlechten, nicht einfach ein Blockmitglied schwächerer Position. Um das zu verstehen, kann man zum Beispiel regelmäßig den FALTER lesen (Falter.at).

In letzter Zeit verfolge ich eine wichtige Differenz Österreichs zu Deutschland: die rechte, faschistoide FPÖ unterscheidet sich wesentlich von der AfD und von vielen rechtsextremen Bewegungen, u.a. in Bayern. Sie ist gefährlich und nicht besser als die AfD, aber anders. Und diese Differenz muss man genauer analysieren, um zu verstehen, wie sich Staat und Gesellschaft versuchen, ständig zu konsolidieren, und um die wichtige Differenz zu Deutschland, abgesehen von der Wirtschaft, wahrzunehmen. Die drückt sich im Konflikt zwischen Kultur und Politik aus, die ist historisch noch lange nicht abgearbeitet: Österreich hatte zwei, einander bekämpfende Faschismen, in Deutschland folgte eine Spaltung auf den einen Faschismus, die bis heute Widersprüche in der Politik auslöst. Das schreibe ich, weil ich als Doppelstaatsbürger fast verpflichtet bin, die Differenzen zwischen den beiden Gesellschaften nicht einfach der Außendarstellung von Regierungen abzulesen. Mein Vorbild ist Van der Bellen, der Bundespräsident in der Hofburg, auch in seiner Geschichte. Von hier aus kann man retrospektiv vergleichen, beide Länder, beide Lager. Ich erachte die Differenz für notwendig, damit man versteht, warum Österreich für die beiden Lager Russland und USA wieder interessanter als seine bloße Wirtschaft wird.

Na gut. Bleiben wir beim AEIOU. Es geht eben nicht um „nationale“ Differenzen, sondern um die besondere, gesonderte Konfrontation von Politik und Kultur. Der Schul-Songtext AEIOU ist vielleicht einfältig, aber er zeigt seine Präsenz. Die eigentliche Bedeutung ist kontrovers, sagt auch wikipedia: „A.E.I.O.U. ist ein habsburgischer Wahlspruch, den Kaiser Friedrich III. (1415–1493) als Signatur bzw. Devise auf seinem Besitz anbringen ließ. Seine Bedeutung wird bis heute kontrovers diskutiert.“

Abgesehen von allen möglichen ironischen Buchstabenverdrehungen ist das AEIOU auch in der heutigen Kunst aktiv „


A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe – 2022, Nicole Krebitz. , mit Sophie Rois u.a.

Mich freut so etwas, weil es mein Gedächtnis stützt. Als Kosmopolit kann und will ich kein Patriot sein. Aber Österreich der russischen oder amerikanischen Destruktion zu überlassen, die ohnedies schon fortgeschritten, ist geht mir gegen den Strich.

Dagegen muss man etwas machen, d.h. aber erstmal denken und hinschauen, hinhören und beiden Kulturen gerecht zu werden. Einheit ist oft ein Paradox.

Deutsche Abgaser

Wer bei dieser Überschrift an eine bestimmte DEUTSCHE Vergangenheit denkt, liegt knapp daneben. Deutschland will weiter Verbrenner in seine Karosserien einbauen und den Tod der Generationen durch Erderwärmung beschleunigen. Deutschland, Vorreiter in der EU, die Konservativen vorne, weil sie den Tod weniger fürchten als die anderen. Die EU will die Umwelt noch mehr beschädigen. Darum muss man den Abgasern ein hohes Lebensalter wünschen, damit sie Folgen ihrer Verbrecherpolitik an den eigenen Kindern und Enkeln erleben – nur werden sie sich nicht bestraft fühlen, weil sie ihre Kinder und Enkel ohnedies im Abgasuniversum aufwachsen lassen. Zu lasten unserer Kinder und Enkel, aber was kümmert das die Abgasgreise?

Das war eine metaphorische Facette der wirklichen Politik, so wie die Regierung auch Tiere sterben lassen möchte, um schneller betonieren zu können.

Der Krieg entfaltet sich, militärisch, wirtschaftlich, religiös. Das wird nicht wahrgenommen, weil sich die einzelnen Sektoren allesamt normal tarnen und sich die faschistischen Gotteslästerer ebenso auf die Meinungsfreiheit berufen wie die Umweltmörder. Wenn alle dürfen, darf auch jeder, sagen sie. Heiliger Trump, beten die einen, seliger Putin die anderen, und in der Provinz erst…Verbal mag ich mich da nicht mit den illiberalen Demagogen streiten. Aber die Tatbestände muss man schon verbreiten.

Das kann man, und noch gibt es die Medien und kommunikativen Plattformen dazu. Wenn heikle Themen im öffentlichen TV aber um 5.00 früh gesendet werden – wie zu den faschistischen Christen vor drei Tagen am morgen, dann ist das zu zögerlich, erreicht zu wenige. Es erfordert gleich mehrerer PolitikEN, und vieles müssen wir erst lernen.

*

Im eigenen Kopf gibt es Grenzen dafür, wie Wirklichkeit und Fakten und Umstände und Alternativen bewertet werden und entschieden werden können. Ja, trivial. Aber das ist ein guter Grund, bestimmten Kommunikationen nicht auszuweichen. Obwohl einen das möglicherweise stört oder runterzieht. Man kann auch sagen, dass wir unsere Blasen verlassen sollten, um diese Kommunikation zu erreichen, und das ist schwierig. UND JETZT KOMMT WEDER THEORIE NOCH DIDAKTIK, sondern der Hinweis, dass ich ja oft aus der so genannten großen Politik im Diskurs aussteige, um mir ein paar Wirklichkeiten anzuschauen, sie zu hören und sie zu erinnern.

Ich habe in den letzten Wochen einige Menschen getroffen, die ich viele Jahre, Jahrzehnte, nicht gesprochen habe. Dabei war es unvermeidlich, aber auch unerwartet, was sich in den vielen Jahren in ihren Augen, in ihrem Bewusstsein ereignet hat. Und wie das von den eigenen Vorstellungen davon abweicht, die man hat, wenn man sich in andere hineindenkt. Das ist wichtig, denn über solche Differenzen stolpert man besser als das man sie umgeht, sozusagen außen vor lässt. Und wenn die Beziehungen durch die Differenzen nicht verlieren, sondern gewinnen, umso besser – und das bekräftigt ja unsere Kommunikation im Alter.

Das ist wichtig, weil Erscheinungen wie Kriegsangst, Zukunftsvisionen usw. ja nicht im privaten Rückzug verbleiben (können). Und aus der privaten Diskussion ins eigene Handeln mit dem freundschaftlichen Rückhalt hinüberzugehen, ist auch wichtig )auch wenn man nicht jeden Schachzug gleich an alle herumpostet).

Es ist verrückt: in diesen Stunden beraten die westlichen Untergebenen von Trump, wie sie dessen enge Verbindung zu Putin abmildern können. Mittlerweile hat doch die eigene Kriegsangst die Zuwendung zur Ukraine überbaut. Manche sprechen das sogar aus. Aber hier lässt sich die Frage WAS TUN? nicht am Stammtisch auf den Bierdeckel schreiben. Es ist verrückt: jetzt müssen wir auf Bildung und Kultur setzen, in dem Sinn, endlich, endlich aufgeklärt über die Wirklichkeit zu sprechen, und sie nicht über Ölflecken, Aktienkurse und seltene Erden provisorisch, wie die Massengräber, zuschaufeln zu lassen.

Es ist verrückt, dass wenigstens kein denkender Politiker schon eine Prognose wagt, wie es mit dem Krieg gegen die Ukraine weitergeht, wenn er durch die Gewinnvorstellungen der Einen, die Herrschaftsphantasien der Anderen immer enger für die echten Menschen wird, die von diesem Krieg betroffen sind, Putin und Medwedew, Trump und Familie ja gerade nicht.

Aber wir dürfen uns auch nicht verrückt machen lassen, müssen beobachten, hören und sehen und denken. Das bedeutet auch, Unsinniges abzuschalten und nicht dauernd zu kommentieren, vor allem, wenn es das Denken einschränkt. Ich weiß, das klingt altmodisch. Aber wenn eintritt, was sich schon abzeichnet, sollte man nicht auf Soforthilfe durch eine machtarme Politik oder gar von „oben“ hoffen. Dann gibt es auf einmal nur uns, dann haben wir die Westen längst ausgezogen (bekommen).

Abschied auf Raten

Im Privaten ist es, wenn nicht lebensbedrohlich, einfach: Beziehungen ausdünnen, verblasen und verblassen (lassen), kein Machtwort, wo die Wahrheit reicht. Politisch geht das nicht so einfach. Der Übergang von der Demokratie zum Faschismus, von der Umwelterhaltung zu Verrecken, vom Frieden zur Vernichtung geht in Stufen (Quanten vielleicht), fast nichts ist umkehrbar – und das, was wir schon wissen oder als wirklich erachten, erleben wir teilweise selbst nicht mehr – oder aber unerwartet schnell. Daraus folgt so ziemlich alles, das wir bedenken.

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Erderwärmung auf 3°…erleben wir nicht, unsere Kinder vielleicht, unsere Enkel sicher. Das ist ein wichtiges Beispiel. Die Verbrennertrottel werden es nicht erleben, sie werden ihre Kinder nicht leiden sehen, und ihre Enkel werden den Großeltern nur Flüche nachrufen, wenn überhaupt.

Die Kriege werden anders, bleiben aber tödlich. Wer sich den Machthabern freiwillig ergibt, wird erleben, wie sich Unfreiheit nicht leben lässt. (und wenn die meisten Westeuropäer lieber in den Trump hineinkriechen als in den Putin, ist das kein Zeichen von Fehlstrategie, sondern nur eines für ihre objektive subalterne Position. Das kann man mittragen, als befristetes Mittel, ohne jeden berechtigten Zweck. Aber frei werden wir so nicht.

Meine These wird bestritten. Wir sind gegenüber den Drei Atomdiktatoren wie Karthago III gegenüber Rom. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich durch Marienbad laufe, mir die Zukunft dieses Ortes vorstelle und seiner Geschichte vor zehn Jahren, als ich das erste Mal hier war, nachtrauere. Chicago II, wenn ich darf…(Zufall und notwendig: die Karthago-Legende stimmt so nicht, und einige Jahrhunderte später war es (wieder) äußerst groß und wichtig, römisch beherrscht: Catherine Conybeare: Augustine the African). Egal, der Mythos trägt die Wirklichkeit.

Vor zehn Jahren haben meine Frau und ich Marienbad bei Regen kennengelernt. Nur so gestreift, wir waren in Karlsbad. Wieder gekommen, vor ein paar Jahren beinahe ein Haus gekauft, aber im letzten Moment darauf verzichtet. Gut so. Der Ort hat eine gewisse Anziehung, und damals war er, erklärbar, russisch durchzogen, und aus Deutschland, vor allem dem Osten, heftig besucht. Natürlich haben wir die Geschichte etwas genauer studiert, die belle epoque, mit Kaiser Franz Joseph und dem Englischen König Edward, mit Künstlern und hohem Publikum, aber auch der oberen Mittelschicht. Kurhäuser, Hotels **** und ***, Gastronomie und eben die Quellen und Bäder, und dazu die Legenden und Goethes etwas absurde Altersflirtation, von der angestrebten Schwiegermutter abgebrochen, ein etwas seltsamer, etwas romantischer, etwas künstlerischer Ort, in dem man gerne die Vergangenheit etwas lustig studiert und bei einigermaßen gutem Wetter wirklich eine Menge schöner Ausflüge machen kann, mit und ohne Hund. Weil wir die Möglichkeit eines Hauskaufs erwogen hatten, haben wir den Ort natürlich genauer studiert. Schöne Architektur, besucherfreundlich, touristophil, naja…aber wenn man genauer hingeschaut hat, war damals schon viel Fassade, manchmal sogar nur die Fassade und dahinter Leerstand und Verfall. Aber schön, sonst wären wir jetzt ja nicht mehr für ein paar Tage wiedergekommen. Die Russen sind weitgehend fort, und – das ist der Fokus – der Abbau, noch sage ich nicht: Verfall, geht weiter. Mehr Geschäfte geschlossen, mehr Hotels stillgelegt, mehr Fassaden ohne Hintergrund, Drogen, und eine gewisse Leerung. Noch immer schön, darum sind wir ja hier, aber eben in einem Status des Abbaus. Als ob fast alle Leute hier das wüssten, Einheimische und Touristen. Minimalistische Soziodetails sind sinnvoll. Noch ist fast alles so, wie es vor zehn Jahren, vielleicht vor zwanzig Jahren war, und Sozialismus gibt es ja keinen mehr, darum passen die anderen Stadtteile auch nicht mehr zum Gesamtbild. Es geht auch anderen Kurorten so, nicht nur in Tschechien, aber hier haben wir Erfahrung. Kommen wieder, aber nicht unaufmerksam.

Verallgemeinern, was im Anfangsabschnitt beschrieben ist. Der Übergang zu Karthago III. Sagen wir: weltweit.

Ohne eigene Erfahrung und Wahrnehmung werden die politischen Theorien seltsam körperlos, früher hätte man gesagt „seelenlos“, abstrakt sowieso, das muss ja sein. Aber wenn man sieht, wie manches sich dem Ende zuneigt, dann wird einem klar, nicht nur selbst, sondern unsere Gesellschaft, vielleicht „alles“ ist auf einem abschüssigen Weg. Vorsicht: kein Spengler, kein Weltuntergang, kein Kitsch oder Vorbote einer religiösen Endzeit, – nein, eher eine durchaus materiale Evolutionsmüdigkeit, von uns Menschen, homines sapientes, herbeigeführt, indem wir uns endlich haben überholen lassen von unseren fortgeschrittenen Produkten. Das steht so nicht nur in der Philosophie. Aber ich schreibe es in der Trauer, dass meine möglichen Urenkel die Entwicklung von Marienbad vielleicht nicht erleben wollen und werden.

Zurück in die Gegenwart. Dass soviele Mernschen, politische, ökonomische, private, nicht mehr Umweltpolitik machen, sondern glauben, wirtschaftliches Wachstum kann die Heilkräfte für ein vielfältiges Universum besser als die Evolution befördern, gibt mir unsichere Gedanken. Die teile ich mit vielen Rezensionen, die nicht zaghaft, aber höflich eben diese Entwicklung beschreiben, und vor allem: Dieses Ende kann von einem Atomschlag oder Diktatorenkrieg beschleunigt werden, von selbst kommt es auf leisen Sohlen, unumkehrbar. Wir haben nicht mehr viel Zeit, die haben wir. Darum denke ich das überhaupt.

Faschistische Welt – nicht eindeutig

Lasst uns nicht über enge oder weite Definitionen des heute gebrauchsfähigen Begriffs Faschismus streiten. Es gibt kaum mehr als randständige Alternativen des Begriffs. Mark Lilla, auf den ich zu sprechen komme, braucht auch das F, um vielleicht Trumpism als Ausweichbegriff zu verwenden. Ich habe in letzter Zeit oft genug meine F-Auffassung hier eingeblogt. Jetzt einmal anders.

Da ist spannend, wie Mark Lilla zwei Bücher rezensiert: „Storm Warnings“ NYRB 8.11. 18-22, über John Gans und Laura K. Field, das notiere ich. Aber für mich wichtig: vor allem rezensiert er die Effekte der Leo Strauss Schule (LS konnte mit Hannah Arendt!…), und die neue weiße rechtsradikale Mehrheit der Paläokonservativen wird von Lilla abgehandelt. Linke Überheblichkeit, Blindheit, und zwischen den Zeilen, r-l funktioniert ja gar nicht. Jetzt einmal Leo Strauss. Leo Strauss – Wikipedia 28.11.25) „Schon seit seiner frühen Auseinandersetzung mit Spinoza besaß er die Überzeugung, dass ein philosophisches Leben nur wenigen vorbehalten ist, während die Menge den Halt der Religion benötigt und in Vorurteilen befangen bleiben muss, um Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Daher gebe es ein Recht der Vernünftigen, die Masse zu belügen und Mythen zu erfinden, um Zustimmungsprozesse abzukürzen. „ Das ist ein Vorgriff auf die spätere politische Position des Philosophen, der kein Politiker jemals war. Aber: Wieder einer, der sich Carl Schmitt anschließt. Über den müsste man auch in Deutschland sehr viel mehr als seine zwei Thesen wissen. Lilla zerlegt die rechte und liberale US Ideologie gegen die Neokons vierzig Jahre zurück, vieles kenne ich nicht, aber es leuchtet ein. Es gibt mehr als Lilla, aber schon viel Klarheit. Mal ehrlich: hab ich den Demokraten nicht selbst immer Ambiguität zugesprochen, Kennedy, Clinton, Biden, am wenigsten Carter und Obama, aber ja schon sozial, aber auch neokapitalistisch und bürokratisch. Und US Demokratie ist ja ohnedies ambivalent. Lillas rezensierte Quellen sind offenbar wichtig, die Schleier vom Bewusstsein nicht nur amerikanischer Liberaler, gar Linker, gegen den Konservatismus zu reißen. Ganz und Field werden vielleicht bei, für uns bekannt und wichtig.

Mir geht es, abgesehen von der Wirkung Carl Schmitts und Leo Strauss` vor allem darum, nicht den Erklärung des sich ausbreitenden Faschismus nachzuhecheln. Wir wissen ja, wie er sich festsetzt, ausbreitet, wirkt, noch aus der Opposition. Würde ich Leo Strauss folgen, wäre das einfach: die breite Masse versteht ohnedies nichts von Politik, und die intellektuelle Elite darf sie auch belügen, wenn es um Ordnung und Unterordnung geht. Natürlich folge ich ihm nicht, aber allein mit Aufklärung ist er nicht zu widerlegen, da brauchen wir schon Sozialanthropologie, Medienkultur, IT-Kritik und vieles mehr. Aber anthropologisch müssen wir schon weltweit, auch bei uns, wahrhaben, wie sehr der Kampf gegen die ethnischen, ethischen, religiösen „Anderen“ im Volk Fuß gefasst hat, weiterhin Fu ß fasst, und wir statt für Gegenargumente nur gegen die Faschisten anhecheln, ohne unsere eigene Position öffentlich und durchschaubar einmal in Frage zu stellen. Das geht tief in die Evolution und unser Entwicklungsvermögen, das wir auch so gerne abflachen, damit es nicht so schmerzt.

Rechtzeitig oder Recht zeitig?

Vieles wollen und sollen wir rechtzeitig erledigen, nicht wahr? Das gilt für die eine Hälfte der Menschen, die andere wartet ab, ohne Endpunkt im Visier. Wenn sich Probleme von selbst erledigen, warum soll man in den Verlauf eingreifen. Das findet die erste Gruppe lächerlich oder gefährlich. Wir gehören natürlich zur dritten Gruppe, einmal so und einmal so. Wenn wir bei beiden jeweils ein schlechtes Ergebnis haben, ist das schlecht, das Gegenteil wäre gut. Schluss mit diesem Gedankenspiel, mehr trägt es nicht…aber wie ich drauf komme?

Die abenteuerlichen Drehungen und Windungen bei den Verhandlungen über und meist gegen die Ukraine: da werden Ergebnisse und deren Konsequenzen oft taktisch hinausposaunt, bevor die Betroffenen sie durchdenken und kommentieren können – zur Zeit sind das die wieder aufgeschnürten, aber erstmal abenteuerlich russischen 38 Punkte. Sagen die Europäer: da haben wir erfolgreich darauf eingewirkt. Da muss Selensky sagen: da habe ich gut verhandelt. Da sagt Rubio: es geht schon gut weiter so. Und wenn es bei Trump endet, wird er es den Russen vermitteln können?

Das ist Politik als Spiel. Die Gebrauchsanleitung wird von den Mitspielenden nur teilweise wahrgenommen und auch nur geringfügig beeinflusst. Spieltheorie wird durchaus auf die Gesellschaftstheorie angewendet. Nichts neues also, aber da gibt es ja Reaktionen auf das Machtspiel Ukraine (Varianten der Reaktion auch zu Israel, Sudan, Kongo etc.). Die Spielregeln sind immer ex post nach den Entscheidungen der jeweils herrschenden Machthaber festgelegt und auch da nicht immer einsichtig. Nun folge ich Bourdieu in zwei Aspekten: innerhalb eines (hier: politischen) Feldes kommt es darauf an, wie alle Akteure und Gruppen auf das Ziehen oder Drücken eines Mächtigen, eines herrschenden Akteurs reagieren müssen (das ist wichtig: nicht was sie wollen, sondern wozu sie gedrängt werden). Nehmt ein Kristallgeflecht, drückt, zieht: alles ändert sich, aber nicht gleichmäßig oder vorhersehbar…(ich weiß, keine besonders gute Analogie, aber man kann sie sich vorstellen). Der zweite Aspekt: auch von Mächtigen agiert und reagiert keiner ohne seine soziale, und damit politische Prägung, er ist nicht einfach der „Führer“, sondern auch ein dorthin geformtes und geleitetes Produkt, – nur entschuldigt das nicht sein Handeln. Es sagt vielmehr, womit sich auch Herrschende befassen müssten, wenn sie Entscheidungen und Praktiken durchsetzen. Das ist bei den Diktatoren jeweils verschieden, und bei ihren Vasallen ebenso wie bei den kritischen Beobachtern, im Zweifel bei uns. Wie können wir das beurteilen, wenn wir uns nicht auch selbstkritisch mit unserer Entwicklung auseinandersetzen? Das tun die Diktatoren offensichtlich nicht aktuell. Oder nur insoweit, als sie die Macht haben, sich unentwegt neu zu verhalten, niemand kann ihnen in den Arm fallen – dürfen täten wir das schon, aber um welchen gefährlichen Preis. Das ist nicht trivial, weil wir sehr unterschiedlich gefährdeten Diskussionsgruppen natürlich über den Widerstand nachdenken und sprechen.

Zurück zum Anfang: ob und wie wir nach unseren Entscheidungen oder dem „Bauchgefühl“ handeln oder eben (nochnicht nochnicht) etwas tun, kann schon je nach Sachverhalt ziemlich böse Folgen haben. Wenn man im Rückblick Merkel heute nachsagt oder vorwirft, sie hätte bei diesen und jenen wichtigen Sachen in ihrer Regierungszeit nicht gehandelt, so ist das ein komplexes Urteil. Wenn man Merz analoges Gegenteil in der Innenpolitik nachsagt, usw. usf. Nein, diese Urteile sind schwierig und sie können gar nicht wirklich logisch im Augenblick des gegenwärtigen Ereignisses gefällt werden. Was beeinflusst aber nicht alles das „Später“…? Jedenfalls alles, was unser eigens Handeln besser begründen lässt.

Liebe Blogleserinnen und -leser: warum ich das so trocken abhandle? Weil ich versuche, mich aus den Kommentaren der letzten 24 Stunden aus PutinTrumpSelensky & Unterakteuren freizuhalten, um zu verstehen, was ich wirklich beobachte. Das trocknet auch mich aus.