Furcht, keine Angst. Politik

Ich fürchte, Trump gewinnt die Wahl, egal, ob real knapp, gefälscht oder als Produkt amerikanischer Vorliebe für weiße Männer.

Ich fürchte, Netanjahu und seine faschistischen Koalitionspartner zerstören Israel, bevor es eine demokratische Zweistaatenlösung oder eine Föderation mit Palästina gibt.

Ich fürchte, Russland besiegt die Ukraine, weil der sog. Westen nicht Widerstand leistet, und die Russen stehen an der Grenze der EU, unterstützt von faschistoiden EU Mitgliedern wie Ungarn.

Ich fürchte...

Es gibt noch viel mehr, das ich fürchte. Aufgrund von Nachdenken, Analysen, Gesprächen, Vergleichen.

Aber ich habe keine Angst.

Wie denn auch. Ich bin persönlich nicht direkt in die Konflikte, und man kann sie umfangreich vermehren, einbezogen. Ich kämpfe nicht, man verfolgt mich nicht, politische Schmähung oder gar Gegnerschaft hält sich in Grenzen. WENN etwas davon Wirklichkeit würde, bekäme ich Angst. Dann würde ich mich nicht nur vor dem, was wirklich geschieht, fürchten, sondern vor dem was mir geschieht. Und das müsste ich ausweiten, auf Kinder Verwandte Freunde Kollegen Partner etc., auch – innen natürlich.

Für die Literatur gilt: Schreine, als wäre man unter der Folter, auch wenn man weiß, dass man es ist nicht ist (ich finde gerade die Stelle bei Peter Weiss nicht, aber er sagt das, immer wieder). Und über viele Jahre, nach 1945 bis zu seinem Freitod 1978 hat Jean Améry immer wieder seine Geschichte, seine eigene Geschichte des Weiterlebens nach dem Leben unter der Folter dargestellt, um die Unumkehrbarkeit solchen Schicksals deutlich zu machen (U.a. im letzten Kapitel von „Jenseits von Schuld und Sühne“, 1966, später Klett-Cotta 1977). Dass einem selbst dies geschieht, davor darf und kann man mit Gründen Angst haben, aber es in eine allgemeine Furcht einzupacken, das geht nicht. Schon gar nicht, wenn es nicht um Literatur geht, sondern um unser alltägliches Leben.

Wenn man aufwacht, und die Mörder, die Folterknechte, oder schlicht „die Verbrecher“ sind da, dann werden alle Bekenntnisse zu Mut und Furchtlosigkeit hinfällig. Andererseits: selbst die realistische Vorstellung, wie das wäre, wenn…hat mit der Wirklichkeit solchen Geschehens nur bedingt zu tun.

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Vervollständigen wir die Liste am Anfang dieses Abschnitts, wir kommen damit zu keinem Ende, aber wir verwirren die Ereignisse, deren Eintritt wir fürchten, zu einem globalen Knoten. Das nützen sie aus, die Faschisten, der Pöbel, die Wunderheiler, auch viele Religionsgurus und Esoteriker. Flucht vor der Furcht. Nur keine Angst, sagen sie dann, nur keine Angst….Aber Angst ist eben so unkonkret, dass sie Objekte der Furcht – Trumpsieg, Russeneinmarsch – nicht konkret so benennt, dass man sie behandeln kann, dass wir damit umgehen. Wenn ich jetzt sage, dass es zu jeder Furcht eine konkrete Politik gibt, die sie entweder ausschaltet oder bearbeitbar macht, dann macht das nur Sinn, wenn ich darüber nachdenke, was ich oder was wer (konkret) wirklich tun muss und kann um die Objekte der Furcht abzuwehren.

Dieses Nachdenken hat über Jahrtausende zu unserer Zivilisation, zu unserer Bildung beigetragen und tut es weiterhin, aber dann muss ich soweit in der Politik sein, dass ich die Objekte der Furcht auch anordnen kann, sie sozusagen der Politik konkret zugänglich machen, was nicht nur Vor- und Nachdenken erforderlich macht, sondern Handeln. Darum fängt vieles mit der Umweltpolitik an, die im Augenblick von denen verdrängt wird, die auf den Knoten der politischen globalen Gewaltpunkte starren.

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Das, werte Leserinnen und Leser, sind keine hohen Ziele, wie sie an Neujahr geäußert und tags darauf vergessen werden. Das ist Alltag. Um den gehts mir immer mehr, je weniger Zeit zum Leben ich vor mir habe: denn was immer ich als furcht-erregend wahrnehme, es hat seine Geschichte, seine Entstehung. Und in ihrer Aufdeckung sind viele Problemlösungsansätze wahrnehmbar. Nur Hinschauen und dann den Kopf abwenden, gelangweilt oder aus Furcht, reicht dazu nicht.

Herbstschatten

Ich hatte mehrfach den Hinweis auf den den Terror der Aktualität (Améry) gegeben. Ein wichtiges großes Beispiel: wer das Verhalten Israels aus der Geschichte ausblendet und nur wahrnimmt, wie der kleinkriminelle Ministerpräsident Netanjahu heute handelt, blendet die Geschichte, wie es dazu gekommen ist, aus. Hier mein Ratschlag: bevor ihr entweder Milde walten lasst oder noch grimmiger vorzugehen ratet, denkt euch ein Experiment: ab dem 7. Oktober 23 regieren demokratische Parteien und die diplomatischen Beziehungen nicht nur zu den USA, auch zur EU und zur UNO sind intakt, d.h. auch dort agieren tadellose demokratische Kräfte. WIE ANDERS hätte die israelische Regierung auf den terroristischen Angriff der Hamas reagieren können, müssen, sollen? Die Antwort kann nicht mit einer Reaktion auf die aktuelle Lage heute sinnvoll gegeben werden.

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Ein kleines Beispiel: in Brandenburg möchte der Ministerpräsident Woidke mit dem linksfaschistischen BSW Koalitionsgespräche führen. Vgl. https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/brandenburg-spd-und-bsw-billigen-koalitionsverhandlungen/ar-AA1t39Ji?ocid=msedgntp&pc=U531&cvid=ba2c70b7350e4077b1e77d1a4562fa60&ei=14 und https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/erste-pl%C3%A4ne-vorgestellt-spd-und-bsw-wollen-in-brandenburg-gemeinsam-regieren/ar-AA1t3vaO?cid=msedgntp&pc=U531&cvid=6bad4398fe3c4c8ba820a6f404620236&ei=66. Das kann man nur erklären, wenn man die jüngste Geschichte, also die Wahlvergangenheit in diesem Land Brandenburg und Woidkes Verhalten gegenüber Grünen und CDU wieder aufruft und – vor allem – versteht. Da wollte einer Nr. 1 werden, oder abtreten. Und wie er Nr. 1 wurde, hat er sich in Abhängigkeit vom BSW begeben. Ohne die Vorgeschichte ist das nicht zu verstehen, also verdrängt die letzten Monate nicht.

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Wendet euch für einen Augenblick vom dauernden Räsonnieren, und Kommentieren, und Kritisieren der permanenten Kriegs- und Wirtschaftskrisen ab. Für einen Augenblick, nicht dauernd. Bedenkt nur, wer euch beim Nachdenken zum Dialog verhilft, wer euch zusieht oder zuhört. Es sind nicht nur Selbstgespräche, ich weiß, „man denkt“ ja nach, aber es scheint, dass man sich oft in der endlosen Schleife des Reiters in der Prärie am Jacinto befindet (Charles Sealsfield 1905). Je öfter man in der eigenen Spur reitet, desto breiter und richtiger erscheint einem die Hauptstraße – nur führt sie an kein Ziel als ihre eigene Wiederholung. Es lohnt wirklich, den eigenen „Ort“ des Nachdenkens über Politik und tatsächliches Geschehen einmal zu reflektieren, auch wenn das sich wie seltsame Philosophie liest. Aber der Test ist einfach: warum interessiert mich der Krieg der Russen gegen die Ukraine, warum beunruhigt mich der Nahostkonflikt, wie kann man den afghanischen Frauen wirklich helfen? Alles richtige Fragen, aber: die Antworten setzen nicht nur auf Lernen, Wissenserweiterung usw., sondern auf bestimmte Formen des Dialogs, der Auseinandersetzung und nicht nur auf die eigene Selbstvergewisserung (ich erkenne meine eigene Spur, wenn ich zum x-ten Mal in ihr reite….). Und deshalb meine Aufforderung: wendet euch einen Augenblick davon ab, in dieser Endlosschleife euch zu vervollkommnen oder zu resignieren, weil man so natürlich nichts tun kann. Also: was tun? Ich habe ja keine Ratschläge wie: geht spazieren, lüftet euren Kopf aus, lest etwas lustiges oder kocht eine gute Suppe. Das meine ich ja nicht. Sondern: schaut einmal wirklich auf die Antworten zu den obigen Fragen.

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Die Antworten sind euch eingeschrieben, und sie verweisen auf etwas wichtiges: alle Kriege, Ungerechtigkeiten, internationalen Spannungen etc. gehen zu Lasten der Umwelt, und wenn die nicht das wirkliche Ziel ist, bleiben viele Meinungen zur Politik, was sie sind, Meinungen.

Das ist realistisch, nicht philosophisch (schon wieder muss ich mich verteidigen, aber es geht mir auch um Begriffsstrenge). Da gibt es ja noch eine Frage: warum haben die Faschisten überall so viel Erfolg? weil sie keine Zukunft kennen, an ihre jeweiligen Führer gebunden sind und sich keine Gedanken darüber machen, was nach ihnen kommt. Können sie nicht und wollen sie nicht. Jetzt herrschen, jetzt Macht ausüben, und noch kann man atmen.

Faschismus allerorten. Schaut hin, bevor ihr ihn leugnet

Da wählen die Österreicher einen FPÖ-Mann, Herrn Rosenkranz, zum Präsidenten des Parlaments (Nationalrat). Lest in der SZ von heute 26.10. Cathrin Kahlweit zu Walter Rosenkranz, der in einer extrem faschistischen Studentenverbindung den Ton angibt und ansonsten eben ein gebildeter Rechtsradikaler ist, kein Randalierer. Die Vorstellung, Nazis und Faschisten seien in Staatsämtern leichter zu ertragen, wenn sie sich normal benehmen, ist eine bereits fortgeschrittene Infektion.

Europa ist in meisten und wichtigsten Ländern von faschistischen Parteien regiert oder mitgesteuert, nicht nur die EU. Und dass es engere Beziehungen europäischer Faschisten zu Putin, und von Putin zu Trump starke Verbindungen europäischer Konservativer mit faschistischen Parteiangehörigen sowohl in der Kommission als auch im Parlament gibt, kann man täglich und gut belegt lesen oder hören, also wissen.

MONITOR vom 23.05.2024: Europas extreme Rechte: Partner für die Union? CDU stimmt mit AfD für Grenzzäune: Fällt jetzt die „Brandmauer“ im EU-Parlament? BZ 24.10.2024 Werte LeserInnen… sucht selbst Belege. Es gibt sie, vielfach.
*Und es gibt sie, diese Belege, weil die Wirklichkeit sich nicht von den Irrlichtern fehlgedeuteter Wahrheiten irritieren lässt. Dazu habe ich hier schon einiges geschrieben und – ich sage es auch öffentlich, und die Reaktionen fallen eher desinteressiert aus als ablehnend. So ein wenig: ach, nicht schon wiiiiieder.

Weil der Faschismus schon längst wieder Fuß gefasst, er ist oft keine Mehrheit, manchmal aber schon, und wie Hitler gezeigt hat, braucht man, um machtvoll einzusteigen keine 50%.

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Die Demokraten selbst machen die Grenzen zu Diktatoren oder rechtsradikalen Partnern transparent, Wirtschaft, Arbeitskräfte, Flüchtlingsabsonderung etc. dominieren pragmatisch, wozu sich demokratische Politiker wie Scholz in Ankara oder Delhi gar nicht ideologiekritisch äußern müssen. Auch ist wahrscheinlich, dass Trump die Wahl doch gewinnt (wie geht man in Deutschland mit den Autos und Fabriken von Elon Musk um, vorher und nachher?)

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Aber nach der großen Theorie ist mir nicht zumute, und nicht in diesem Format. Ihr wisst ja, was heute ist? der 26. Oktober. Lest https://www.stadt-wien.at/politik/nationalfeiertag-in-oesterreich-26-oktober.html , was sich da alles tut. Die Intention, kurz und knapp:

„Schließlich und endlich war der 26. Oktober 1955 der erste Tag, an dem keine fremden Truppen mehr auf österreichischem Hoheitsgebiet standen.

Am 26. Oktober 1955 beschloss der österreichische Nationalrat in Form eines Verfassungsgesetzes die immerwährende Neutralität.“

Wie wir diesen Tag begangen haben und weiterhin feiern, lohnt mehr als einen Text. Hinschauen und Nachdenken von Anfang an. Immerhin hat das Fest schon viel früher begonnen als der 3. Oktober in Deutschland, und war auch anders begründet. Ö ist nicht D. Zehn Jahre lang hieß dieser Tag „Tag der Fahne“…

Österreich ist eines der wenigen Länder, die zwei Faschismen hintereinander durchmachten, und damit war auch die Bandbreite zwischen Austrofaschismus und Nazismus ab 1938 markiert. Dazu jetzt nichts historisches, aber gegenwärtig verbindet die FP?Ö beide Faschismen, die sich eigentlich nicht vertragen, und die ÖVP unter dem derzeitigen Kanzler ist eher auf dem austrofaschistischen Gegenwartsflügel als in der konservativen Demokratiebewegung.

Davon habe ich als Kind am Tag der Fahne wenig geahnt. Meine politische Erinnerung hat etwas früher begonnen, beim Staatsbesuch des äthiopischen Kaisers 1954 (https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Staatsbesuch_von_Kaiser_Haile_Selassie_von_%C3%84thiopien) und wurde sehr schnell aktiviert durch den Ungarnaufstand 1956 https://de.wikipedia.org/wiki/Ungarischer_Volksaufstand , mit dem mehr als nur die politische Erinnerung sich mir einschrieb. Aber zum Tag der Fahne, zum ex-Faschisten Drimmel, zur Innenpolitik des neutralen Landes und zur Neutralität konnte ich als Kind natürlich nichts sagen. Aber in Nebentönen habe ich damals schon gehört, dass zum Beispiel der Drimmel gebildeter war als die andern Politiker.

Die Nachwirkungen des Doppelfaschismus sind erheblich, bis heute. Der Widerstand dagegen zeigt sich nicht nur hauptsächlich in der Kultur – deutlicher und prägnanter als in Deutschland, – sondern auch in erfahrungsbezogenen Abwägungen zwischen beiden Faschismen, besonders deutlich beim großen Kanzler Kreisky. Und solche Widerstände gegen Anmutungen zum Faschismus wie der österreichische Präsident van der Bellen sind beispielhaft.

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Wenn sich heute in Europa Faschismen wieder breit machen, sollte man ihre Struktur genauer durchdenken. Meloni ist das beste Beispiel, vor allem innen- und kulturpolitisch, und in Österreich kann man die Unterschiede zwischen Wien und den Bundesländern als Studienobjekt einbringen. In Deutschland ist die teilweise, im Osten noch besser erklärbare, Hinwendung zur linksfaschistischen Variante BSW ein ganz aktuelles Problem, – man meint, es genüge, gegen die AfD zu sein – und weltpolitisch ist die Achse Putin-Trump ja keine Chimäre.

Ich schreibe das nicht aufgeregt, eher deprimiert über das kurzfristige politische Gedächtnis nicht nur des Pöbels. Der Hinweis auf den Geschichtsunterricht ist notwendig, und auf die politische Facette der Kultur, die sich nicht juristisch zur Gesinnungslosigkieit eindämmen lässt.

Und was uns allen eigentlich klar sein müsste: jeder Mensch kann sich faschistisch entwickeln. Und jeder Mensch kann sich antifaschistisch entwickeln. Aber natürlich reicht Antifaschismus nicht zur demokratischen Entwicklung…das haben wir doch schon gelesen.

Schuldig? Böse? Trotz und Rotz.

Manchmal kann man in und an Deutschland (ver)zweifeln. Wäre man anderswo, würde man dort verzweifeln, aber jetzt bin ich hier.

Wenn ein Migrant ein Verbrechen begeht, ist das böse, er ist schuldig. Wenn ein Deutscher das Gleiche tut, ist das auch böse, und er ist auch schuldig – nachdem alle entlastenden sozialen und psychischen Probleme geprüft wurden.

Wenn ein Migrant ein Verbrechen begeht, stärkt das die nicht-empathischen ausländerfeindlichen Deutschen. Denen kann ich zunächst nur wünschen, dass sie nicht mehr von Nichtdeutschen ärztlich behandelt, ernährt, betreut werden. Warum sollen Migranten keine Verbrechen begehen? sind sie bessere Menschen als die Deutschen? sind sie klüger? sind sie darauf angewiesen, gut zu sein?

Wir haben alle Antworten auf diese Fragen. Die Faschisten in AfD und BSW haben andere Antworten, aber dass die Demokraten drauf reinfallen und die Kluft zwischen Deutschen und migrierenden Menschen erweitern ist böse und wird weitere Folgen haben – weniger Zuwanderung, weniger Arbeitskräfte, weniger Betreuung, dafür werden die Deutschen noch deutscher – und gottseidank weniger.

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Ersetzt das Wort Migrant durch das Wort Jude.

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Warum sollen Juden klüger sein als alle anderen Menschen, warum sollen sie besser sein, warum sollen sie bestimmte Dinge nicht sagen, tun, denken und wahrnehmen dürfen? Das hat schon speziell mit der deutschen Geschichte, nicht nur 1933-45 zu tun, aber nicht nur. Um dieses Nichtnur geht es mir.

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Ich schreibe gerade ein Buch, in dem es unter anderem um die Differenz zwischen dem ethnologischen Begriff Jude und dem sozialen Begriff jüdisch geht. Das ist langwierig und komplex und hat viel damit zu tun, wann sich wer und wie mit „den“ Juden befasst hat und die sich mit ihm. Aber dieses große Thema hat wenig mit meiner alltäglichen und genervten Kritik zu tun, dass man es sich mit der Umkehrung der Verallgemeinerung von Migranten und Juden aufgrund besonderer Wahrnehmung zu einfach macht und damit radikalisiert.

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Ich habe in diesem kurzen Statement nur männliche Formen und keine „“Anführungszeichen bei Juden und jüdisch verwendet. Überlegt, warum? und jetzt ein Labyrinth. Seit vielen Jahren erkläre ich, warum man nicht von deutschen Juden sprechen soll, sondern von jüdischen Deutschen. Warum die Juden nicht automatisch begrifflich erklären was jüdisch und was nicht jüdisch ist. Das kann man auch auf die Migranten übertragen.

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Was ich hier schreibe, gilt mit kleinen Variationen auch für Österreich. Und: wenn ich mich für Migranten einsetze, bedeutet das nicht, dass ich sie nicht kritisieren darf und kann. Wenn ich bestimmte Juden kritisiere, bedeutet das nicht, das ich antisemitisch bin. Wenn ich jüdisch argumentiere, steckt dahinter Kultur und Moral. Wenn ich mich für Flüchtlinge einsetze, oder Migranten, steckt dahinter Empathie, nicht das Verlangen, dass sie sich besser verhalten sollen und können, als die Deutschen. Es gibt eben nicht „Die Deutschen“. „“ „“ „“ !

Goldener Oktobär brummt

Man würde ja gerne den wirklichen Oktober genießen, kühl, hell, trocken, farbiges Laub und letzte Spaziergänge zwischen den Herbstzeitlosen und ersten Nebelkerzen.

Aber es ist ja nur kühl, und nicht herbstlich. Grönland zerfließt – noch ist das den Liberalen egal, das Meer wird erst in 50 Jahren die Börsen wegschwemmen; die Bäume nehmen kein CO2 mehr auf, dann bleibst es für uns. In diesem erweiterbaren Umfeld uns einschränkender „Natur“ brauchen sich Politik und Macht nur mehr wenige Regeln geben, es ist ja zu spät. Für die Faschisten in Italien, mit den Geflüchteten umzugehen, für den den deutschen Cumex-Kanzler zu anständigen Kontakten (statt dessen biedert er sich an Diktatoren an, nur weil die in der NATO sind – ist er doch aber auch), und die Kontrahenten weltweit halten sich für unangreifbar (Vorsicht mit den Beispielen: viele dieser Akteure haben richtigere und schlechtere Seiten, das bestärkt die „Lager“ in ihrem Selbstverständnis).

Meine lieben Leserinnen und Leser, nein, jetzt kommt keine Litanei, die überlasse ich den Unglückspredigern und dem ausgetretenen Grünjugendvorstand, der neue machts besser. Ich beobachte und warte darauf, dass die demokratischen Gegenseiten ihre emanzipatorischen Raketen abfeuern und nicht das Gewissen der Nerds treffen, sondern uns Rückenwind geben. Wobei? fragen die Hinterhältigen. Das sagen wir bestimmt nicht in den Medien. Aber wie gesagt, mir gehts um den Herbst, den sonnigen Sonntag.

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Das Ganze ist keine missglückte Metapher. Natürlich würde man, würde ich mich, gerne in politische Auseinandersetzungen einmischen, und….? was sagen? den narzisstischen Brandenburger, der die demokratischen Parteien geschädigt hat, beschimpfen, wie er sich an die BSW ranwanzt? Wozu denn, er kann ja gar nicht hören. Solche Beispiele gibt es viele, nach Österreich schaue ich gar nicht, also: Herbst und Sonnenuntergang.

Der Ausblick nach Westen, aus dem Arbeitszimmer, beruhigt. Ich muss weder am Computer noch auf dem Papier Nachrichten schauen, jede Stunde die gleichen, mit einer signifikanten redaktionellen Variation: was wird wie zuerst gemeldet, was versteckt sich hinter anderen Meldungen, aber im Grunde reichtes, um 7 Uhrt morgens einmal DLF zu hören, die Wahrheit wird durch Wiederholung nicht wirklicher. Geht man dann hinaus, sieht man viele, die wie man selbst, mit und ohne Hund, im Laub gehen, die klare Luft atmen (außer die Laubbläser ersetzen die Morgenpkwrallies), man freut sich über fallende Blätter und versteht die Menschen, die den Herbst besser verstehen als den verregneten Frühling und den trockenen Sommer. Und man denkt nicht an die Kriege und sozialen Umbrüche, sondern wie der Herbst die Menschen zähmt. Das ist eine zugegeben absurde Behauptung, die ich nur marginal ernst meine. Aber wir wissen ja, selbst im Krieg und bei Unwettern und in Katastrophen gibt es immer kleine Flecken, Orkanaugen, wo nichts passiert, wo man sozusagen von der Welt ausgespart wird und sich nur mit sich und der unmittelbaren Umgebung abgeben kann. Und wenn man genug frische Luft geatmet hat, wieder zuhaus, hat man gelernt nicht sofort den Sender wieder einzuschalten um die Wiederholunge4n von Gaza, Kiew und Kabul zu hören. Sie werden nicht relativiert, wenn man sie stündlich hört. Für die Natur gilt nicht der Terror der Aktualität. Die hat andere Zyklen und Zeitmaße, keine wirklich beruhigenden, aber sie lässt uns die Nischen, in denen wir über Erfahrungen vor langer oder kürzerer Zeit nachdenken und nachfühlen können, in und mit der Natur, – bevor wir die Muren und Überschwemmungen und vertrockneten Bäume wieder der Gesellschaft zuschreiben, das kommt in den Morgennachrichten ohnedies nicht vor, sondern zwischen den Wahrheiten, häufiger. Die Nischennatur macht uns zu Kleinbürgern. Die großen Schwärmer denken da schon die Zukunft im Weltall, wenn die Erde nicht mehr bewohnt werden kann. Nur, wie lange sollen wir im Raumschiff reine Luft atmen, bis wir aussteigen dürfen? Und wenn wir bei der Weltflucht keine Kinder zeugen, ist der Zeitgewinn kaum der Rede wert. Aber solche Assoziationen hört man auch zwischen den Nachrichten.

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Warum ich das schreibe? Es gibt da einen Clou. Man kann, ich kann, in den harschen Ereignissen des politischen und gesellschaftlichen Niedergangs zwiefältig denken, politisch und kulturell. wenn man so will, in beidem kritisch, emotional und sachlich. Wenigstens zwiefältig. Ist das etwas besonderes? nein. Alle könnten es, nur tun es nicht alle.

Wenn man es nur nicht gleich hinausposaunt, was man von dem und jenem hält, wen und was man verurteilt, begrüßt. Ich nenn das halt einmal den Verzicht auf nicht-enden-wollende Kommunikation, immer gleich sagen, posten, verkünden und die Repliken nicht einstecken, weil man schon wieder am sagen ist. Ich reibe mich immer am Terror der Aktualität, wie ihn Am’ery nennt, denn, bitte schön, was ist denn an der Zerstörung der Natur in den letzten 40 Jahren aktuell, was ist denn an der Katastrophe im Nahen Osten aktuell oder am Konflikt zwischen Nord- und Südkorea. Lange Wellen sind auch wirklich, aber nicht wirklich aktuell. Da wäre meine Kritik an den Medien – wenn sie Aktualität vorspielen, behindern sie die historischen Analysen. Ohne die man sich besser nicht spontan zu dem äußert, was einem den schönen Herbsttag verdirbt.

Alterstabu – Jugendtabu

Sich auf Wahlen zu konzentrieren, wird oft als DIE demokratische Tugend angesehen. Stimmt ja, im Prinzip…aber in Maßen. Die meisten Parteien konzentrieren sich in der Wahlwerbung auf die die Bevölkerungsgruppen, von denen sie mehr Stimmen erhoffen – und erwarten können.

Das sind, nicht nur bei uns in Deutschland, überwiegend und zunehmend ältere Menschen. Die werden immer mehr, und jüngere Deutsche immer weniger, und nicht alle jüngeren Zuwanderer werden rasch Staatsbürger. Das heißt: Ältere und Alte bestimmen unverhältnismäßig die Wahlergebnisse und damit die Politik der Wahlsieger.

Nein, das ist keine umfassende Erklärung dafür, dass die Faschisten AfD und BSW überproportional jüngere WählerInnen anziehen, aber es ist Teil einer weiter ausgreifenden Analyse.

Anlass dieser kurzen Einleitung ist die heutige zutreffende DLF Meldung, dass es berechtigten Protest gegen die lächerlich kleine finanzielle und personelle Unterstützung von KITAS gibt, (Das hängt nicht nur mit der Sparpolitik des neoliberalen FDP-Clans zusammen, sondern auch mit der disproportionalen Macht der älteren WählerInnen).

Sofort wird mir entgegengehalten, dass ich kaum verdeckt die Generationengerechtigkeit unserer Demokratie angreife. Und ich antworte: nicht verdeckt, offen.-Es wird zu wenig für Kinder und Jugendliche getan: Kitas, Schulen, allgemeine Bildung und Berufsbildung sind weit schlechter, als es sich das reiche Deutschland leisten kann. Keinen Konjunktiv, bitte.

Ein Kommentator sagte, dass LehrerInnen und SchülerInnen und Kinder eine zu geringe Lobby haben. Damit hat er Recht. Nur: warum ist das so?

Eine ausweichende Argumentation: wir wissen, dass die 48% Rente erbärmlich niedrig ist und deshalb vom Staat mit Almosenzuzahlung für viele aufgebessert werden muss. Spräche das nicht für eine primäre Sanierung der Älteren, nicht der Jüngeren? Ja, aber dann müsste man das österreichische oder skandinavische Modell ernster nehmen, die Altersbezüge dürften dann nicht bei 48% liegen, sondern bei 65% oder höher. Und das ginge nur, wenn die Gewerkschaften nicht einfach die Altersbezüge aus ihren Tarifverhandlungen zu sehr ausklammern würden. Natürlich MÜSSEN und nicht nur SOLLEN dann die Sozialbeiträge für ALLE steigen bzw. eingeführt werden, die Nettolöhne werden gedämpft, aber das Alter wird besser sorgenfreier….

Alles nur, weil eine Gesellschaft, die die jungen AsylantInnen vertreiben will und selber wenig Kinder zeugt, sich zu wenig um Kinder, Schulen, LehrerInnen, Bildung kümmert…wie sollte sie es auch, wenn sie es nicht gelernt hat.

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Es wir4d am allgemeinen Wahlrecht – 1 Person –> 1 Stimme nichts ändern, das ist ok. Aber es sollte an der Wahlwerbung und -orientierung etwas ändern, und an dem falschen Ausspielen von Alt gegen Jung. Ich weiß schon, da gibt es noch viele Elemente, die man in die Berechnungen einbeziehen muss, aber wenigstens die Aufrichtigkeit kann man einfordern: wenn es immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt, dann MUSS man den Jungen die Zukunft erleichtern und nicht beschweren.

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

Schaut erstmal nach, mit religiösen oder ganz säkularen Gefühlen, immerhin: DER Feiertag. Nachdenktag.

Jom Kippur – Wikipedia; Jüdisches Lexikon Bd. III, Frankfurt/M. 1987, S. 310ff: Jom kippur;

Entscheidend in der Geschichte dieses Tages ist, dass ein Schulderlass durch Gott erst auf die Versöhnung der Menschen miteinander folgen kann und darf. In vielen Variationen.

Der Jom kippur-Krieg (6.-25.10.1973) begann am Feiertag. Auch hier kann man anfangen nachzudenken, was dieser Tag auf sich hat. Wer an diesem >Tag angreift, kämpft, sich verweigert.

Der 7. Oktober 2023 hat eine tiefe Kerbe gegraben. Zum Jom kippur bewegen sich auch andere mit aufklärenden Ideen, z.B. (New Israel Fund: Zu Yom Kippur: Rückblick auf den Jahrestag des 7.10. & Einladung zu zwei Veranstaltungen)  und viele andere.

Aber das muss ich euch und Ihnen ja nicht erklären. Nur: heute kann man nicht darüber hinwegsehen, ohne an diesen Tag zu denken, wenn man schon an ihn gedacht hat.

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Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen des konkreten Feiertags gehört, ordentlich und kritisch zu unterscheiden: Judentum, Staat Israel, israelische Gesellschaft, Regierung, Zionismus, Palästina…Begriffe sind nicht einfach wegweisende Aufschriften. Wenn man hier nicht genau ist, versteht man den 7. Oktober nicht. Das Verbrechen der Hamas wird durch Einsicht in die Wirklichkeit nicht geringer. Auch die Vorgeschichte, die mehrere Schuldige kennt, entschuldigt nichts. Aber sie lässt uns verstehen, wie und warum es zu diesem Verbrechen gekommen ist, und Verstehen ist immer an Kritik und Selbstkritik gebunden.

(Hier gibt es eine Linie zu Jom kippur: wenn ich mich in der Familie, meinem persönlichen und sozialen Umfeld ent-schuldigen soll, dann fragt sich schon, wofür).

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Netanjahu, die Geschichte des Likud, die Zusammensetzung der israelischen antizionistischen Politik seit 1978, die faschistischen und ultrareligiösen Politiken der Siedler und Ultraorthodoxen gehören zusammen und sind nicht als weißer Elefant im Laden zu verkleinern. Sie sind teilweise, aber eben nicht kausal und dominant für die Verbrechen und Aktionen der Israelfeinde mit verantwortlich. Das ist auch Politik, und solange man es nicht weiß, kann man es nicht verstehen. Man muss es aber verstehen, um die Politik Netanjahus zu begreifen, der ja als kleiner Rechtsbrecher nicht einfach Weltpolitik machen konnte, auch wenn er das wollte.

Die Vorgeschichte und Erklärung des Handelns der Hamas, der Muslime in Israel und im Westjordanland, in den umgebenden Staaten, vor allem in Syrien, im Iran, auch das Handeln der Hisbollah wird, fatal und zu Unrecht, der Israelkritik eingeschrieben, weltweit, oft bei den UN, oft aus Halbwissen. Schon die Verlegung des Staates Israel und der Terrororganisation Hamas auf eine diskursive Ebene ist grauenvoll und teilweise wirklich ein Schutzschild für den Antisemitismus.

(Jom kippur: schau genau, wer woran wirklich schuld ist, und dort verhandle, bevor du die Überzeugungen verfestigst, wenn du dich in Schuldfrage plötzlich selbst siehst, als Einzelner, als Staatsbürger, Religionsmitglied, Überzeugungstäter usw. Das ist schmerzhaft).

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Ich schreibe das heute. Mit der aktuellen Geschichte und Politik Israels setze ich mich seit Jahrzehnten auseinander, seit einem Jahr ist das noch schwieriger geworden als es immer war, und jetzt geht es um noch mehr als je zuvor: nämlich die Existenz Israels und die jüdische Unversehrtheit. Warum es mich interessiert und betrifft, ist heute nebensächlich, aber ich arbeite schon länger daran. Das ist der eine Fokus, der andere ist die Empathie für alle betroffenen Menschen, da tritt das Jude/Jüdin-Sein hinter die Menschlichkeit. Die und Empathie müssen eine Waffe gegen den Antisemitismus sein.

(Jom kippur: Buße und Versöhnung. Beides hat wenig mit Glauben zu tun und wird von der Religion nur so gefasst, wie eben die Gemeinschaftsbildung es möglich macht, mit Grenzen zu sektiererischen Extremen. Entscheidend ist die Praxis und nicht die Hoffnung auf eigene Rettung durch den richtigen Glauben).

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Heute wie an kaum einem anderen Tag wiederhole ich: Das teuflisch falsche Quadrat pro-Israel, anti-Israel, pro-Palästinenser, anti-Palästinenser kann sich nicht einen Moment lang begründen.  Allein die intervenierenden Akteure (=Variable!) verzerren jeden Blickpunkt von einem Standpunkt aus. Aber auch für uns ist das alles nicht eindimensional: wenn Israel das letzte Rückzugsland auf Erden bleiben soll, dann darf es nicht vernichtet werden. In meinen Augen sollte das weniger eine nicht mehr realisierbare Zweistaatenlösung ergeben, sondern eine Föderation (wie das z.Zt. Omri Boehm vorschlägt, oder wie sich das Tony Judt vor Jahrzehnten gedacht hatte). Dafür kann darf soll man sich einsetzen, öffentlich und laut und vor allem präzise. Und wenn Israel erhalten bleibt, dann muss es eine Demokratie und eine friedliche Nation (wieder) werden, sonst vernichtet es sich selbst.

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לשנה טובה תכתבו ותחתמו das kann man so UND so wünschen für ein gutes Leben, über das Jahr hinaus.

7. Oktober

Der 7. Oktober ist niemals vorbei. Er hat schon früh begonnen und er wird immer wiederkehren.

Am 7.10.1571 hat die Heilige Liga die Osmanen in der Schlacht von Lepanto besiegt. Schon der Begriff, und dann seine mehrfache Wiederholung, ist seltsam – und 1571 von Bedeutung (Heilige Liga (1571) – Wikipedia). Die Vorherrschaft der Osmanen ist erstmals beschädigt und wird sich weiter reduzieren, über die Jahrhunderte hinweg. Aber diese Schlacht hat nicht nur für die europäischen Reiche, Fürstentümer, Ökonomen eine große Bedeutung, auch für das Judentum – die Inquisition ist noch auf der Höhe ihrer Wirksamkeit – auch für einzelne jüdische Familien. Hier einmal das Beispiel einer reichen Familie, die von Beatriz de Luna (1510-1569) und ihrem Mann Francisco Mendes (1485-1535) und ihren Nachkommen handelt, „Kryptojuden“ oder Marranen. Ihre Lebensstationen sind Spanien, Portugal, die Niederlande, Venedig, Ferrara, Saloniki, Istanbul. Sie kaufen ihr Überleben den Herrschenden ab, sind von den Päpsten, der Inquisition und geldgierigen Fürsten abhängig, und reich genug, um dennoch Menschen zu retten und sozial Gutes zu tun. Mir geht es um die Fluchtpunkte der Juden. In der Globalgeschichte der frühen Neuzeit spielt diese jüdische Geschichte eine besondere Rolle (Behringer 2023). Immerhin von S. 336 bis 349 wird die Geschichte dieser jüdischen Familie genau beschrieben. Religion, Politik, Geld.

Warum ich das mit dem 7. Oktober verbinde: viele jüdische Menschen, in Israel und weltweit, müssen in diesen Tagen befürchten, dass Israel doch nicht der entscheidende Fluchtpunkt, das Ziel, eine letzte Heimat zu finden bleiben kann – wenn seine Feinde den Mehrfrontenkrieg gewinnen; oder dass es ein Land wird, das nicht als jüdische Heimstatt ohne weiteres erstrebenswert bleibt, unter Netanjahu und seinen faschistischen Koalitionspartnern. Aber natürlich: Israel kann und soll erhalten bleiben und seine Demokratie absichern, auch mit der nötigen Distanz zur religiösen Herrschaftsideologie. Dass das möglich ist, zeigen nicht nur die Demonstrationen.

Wenn normale religiöse Jüdinnen und Juden ihre Identität in Deutschland verbergen, zB. wenn Männer keine Kippa tragen, weil sie angegriffen werden, so ist das schlimm – moralisch, politisch, alltäglich. Wenn einzelne Gruppen – es gibt ja nicht viele Jüdinnen und Juden im Land, gerade einmal 0,2% – versuchen, entweder eine Einheitslinie, man möchte fast sagen: Einheitsgemeinde, zu schaffen, so wie die antisemitischen und antiisraelischen Gruppen sind homogenisieren wollen, dann spricht das gegen die Entwicklung der Demokratie in unserem demokratischen Land. Dass die antisemitischen Gruppen zahlenmäßig die Anzahl der Jüdinnen und Juden bei weitem übertreffen, sei schon angemerkt – es wird in den Nachrichten oft übergangen.

Man darf nicht zurückweichen von den Forderungen, die alle mit einem Waffenstillstand beginnen müssen, der aber in weiter Ferne scheint: die Geiseln müssen befreit werden, die Zweistaatenlösung oder die Alternative einer Einstaatenunion müssen politisch gewollt und vom Ausland unterstützt und beschützt werden (Interview mit Rula Hardal und Omri Boehm: „Die Zwei-Staaten-Lösung wäre ein Desaster“ – Kultur – SZ.de (sueddeutsche.de) 7.10.2024; schon früher: Binationale Föderation – Ein alter, neuer Lösungsansatz für den Nahost-Konflikt (deutschlandfunk.de) 28.1.2021; und noch früher die Gedanken meines Freundes Tony Judt (Tony Judt – Wikipedia), ab 2003 und stark umstritten.

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Ich komme immer wieder auf Omri Boehm zurück. Der ist ein politisch versierter Philosoph, kein Politiker. Seine schon schwierige Ableitung, dass es jenseits der Wahrheiten etwas Wichtigeres, Gerechtigkeit, geben müsse, kann man umsetzen in Praxis, man muss es nicht diskutierend zerfasern (Boehm 2023). Boehm fasst zusammen: „Das Problem…besteht nicht darin, dass Israel nur eine unvollkommene westliche liberale Demokratie ist, sondern darin, dass es so ist, wie westliche liberale Demokratien nun einmal sind: Sie sind für immer auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (152). Und darauf folgt unmittelbar die Kritik des Identitätsdogmas, die dem Stärkeren immer auch Macht über die Schwächeren gibt.

Ich habe seit langem schon meine Kritik an der einen Identitätskonstruktion oder an einer vertikalen Hierarchie von Identitäten entwickelt. Das ist keine philosophische Spielerei, sondern heute wirklicher Ernst, wenn man die entsetzlichen Aussagen der Kontrahenten in den Nahostkriegen zur Kenntnis nimmt. Aber um gegen die Identitätspolitik zu kämpfen, reicht es nicht sie zu kritisieren. Man muss die Schwächen der „westlichen liberalen Demokratien“ aufgreifen, um sie zu stärken, z.B. indem man die scheinbar liberale, de facto aber neoliberale ökonomische Machstruktur ebenso angreift wie die Vorstellung, dass autoritäre Bindungen an Religion und andere Ideologien den Weg zur Stabilisierung abkürzen.

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Uns stehen Wanderungen, Fluchten, Abschiebungen ebenso bevor wie Ankommen, Lagerungen und starres Ausharren dort, wo wir sind. Nicht nur uns jüdischen Menschen, uns Menschen.

Behringer, W. (2023). Der grosse Aufbruch. München, Beck.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Der jüdische Wald

Gerade zurück aus den Alpen: erneuert schon durch Anblicke und Perspektiven. Im Urgestein zieht sich der Wald hoch hinauf, bevor die Felsenbeginnen, auch die Almen sind hoch und es scheint fast zu schön um wahr zu sein. Es ist nicht wahr. Schaut man genauer auf die großen Wälder, sieht man größere Flächen abgestorbener, entnadelter Fichten; man sieht, wie sich die steilen Hänge nach den wilden Stürmen vor 8 Jahren wieder bepflanzen, das werden aber keinen Nadelwälder, und irgendwie ändert sich vieles mehr, Erdrutsche, Trockenheit, Überschwemmungen, das Detail verändert das Ganze, aber die Perspektive bleibt.

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Schaut man aufs Judentum, so ist da etwas ähnliches: der Blick auf die jüdische Geschichte ist wie ein Panorama, das man sich sattsehen kann…wie? fragt der Skeptiker: Jüdische Geschichte, das ist Verfolgung, Demütigung, Shoah…da kann man nur sagen: das auch, leider und immer wieder, ABER eben nicht die ganze jüdische Geschichte. Die darf auch heute weder mit der Shoah noch mit dem 7. Oktober 2023 noch mit der Regierung Netanjahus noch mit dem Auftritt unsäglicher jüdischer Aktivisten religiöser oder auch faschistischer Struktur festgeschrieben werden. Die jüdische Geschichte wird aus den Situationen, in denen sie jetzt scheinbar stecken geblieben ist, wieder ausbrechen, in eine Zukunft, von der wir nicht alles wissen oder genau vorhersagen können – z.B. wie entwickelt sich die Geiselopposition in Israel, oder wie formieren sich die kleinen Minderheiten wie in Deutschland zu größeren humanistischen Koalitionen, oder wie emanzipieren sich jüdischen US WählerInnen vom Trumpismus etc. Wenn es nicht um „Juden“ ginge, wären solche Fragen bei jeder anderen Ethnie politisch, kulturell, „ethnologisch“ ganz alltäglich, normal?!

Aber die Juden. Was sich zur Zeit im Nahen Osten abspielt, nicht nur in Israel, ist ohne die Geschichte des Staates Israel, seine Vorgeschichte, seine Etablierung, seine Verteidigung, seine Diplomatie, seine Wirtschaft, seine widerspruchsvolle Einwanderung etc. nicht verständlich. Wir können da vor langer Zeit zB. religionsgeschichtlich anfangen, um die ultrareligiösen Politiker richtig kritisieren zu können; wir können aber auch ins 20. Jahrhundert gehen und sehen, wie der Zionismus der Staatsgründung umgeschlagen hat in eine ethnisch und politisch ganz andere politische Richtung, die nicht nur die Siedler und die Landnahme, sondern auch das Verhältnis zu den Palästinensern stark beeinflusst, und diese Menschengruppe müssen wir, was Israel betrifft, natürlich auch verstehen, historisch, politisch, religionskritisch, was ist denn der Unt5erschied von PLO und Hamas etc.?

Glauben denn die arroganten Israelkritiker wirklich, einen Staat, dessen Gründung in einem Krieg begann, nach 75 Jahren bewerten zu können? Schaut euch die Deutschen an: seit 1871 angeblich EIN Staat, aber die Leute bezeichnen sich weitgehend heute noch als Bayern, Sachsen und Hamburger. Jaja, ich weiß schon, der Vergleich hat dünne Stellen, aber gerade die muss man füllen, mit der wirklichen Geschichte Israel und nicht den vielfältigen Narrativen der politischen und kulturellen Akteursgruppen.

Eine Konsequenz ist, dass es geradezu moralisch und ethisch verboten ist, ein dogmatisches Quadrat zu praktizieren: Pro-Israel, Pro-Palästinensisch, Kontra-Israel, Kontra-Palästinenser. Das geht nicht, und wird es trotzdem gemacht, ist es ein Anlass zu weiteren Kämpfen. Auch die Zuordnung des Antisemitismus zu den Positionen ist meist fatal, weil Israelkritik und Antisemitismus so wenig deckungsgleich sind wie das komplizierte Gegenbild auf muslimischer oder palästinensischer Seite (Vorsicht, das ist nicht analog, und noch komplizierter…).

UND WAS HAT DAS MIT DEM WALD ZU TUN?

Die Analogie ist einfach: die Perspektive, das Panorama der jüdischen (Welt?)geschichte ist schon beachtlich. Aber es ist auch wichtig, genau hinzusehen, die Verwerfungen, die durch Religion und ethnisch Antagonismen hervorgerufen wurden, nicht zu ignorieren, und – in der Gegenwart – nicht ideologisch Politik und Ethnie unrecht zu vermischen. Darum übrigens schreibe ich gerade an einem Buch, in dem ich „die Juden“ (Ethnie( und „jüdisch“ strengt unterscheide.

Umgekehrt, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, kann man keine Politik der Erhaltung und Zukunft machen.

Dazu kommt noch einiges, aber keine Analyse des gegenwärtigen Kriegs. Erstmals, ganz aktuell: Meron Mendel https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/meron-mendel-wir-juden-brauchen-nicht-den-holocaust-um-in-deutschland-solidarit%C3%A4t-zu-fordern/ar-AA1rLF5N?ocid=msedgdhp&pc=U531&cvid=d218c936e58147499a1c691932366098&ei=28

Schluss mit neofaschistischer Verkleinerung

Vorspiel 1932

„Die NSDAP wurde mit 37,3 % stärkste Partei, sie erhielt also keine absolute Mehrheit. Die Zahl der Mandate stieg von 107 auf 230 an…Ein Großteil der Wähler der bürgerlichen Parteien sowie die der verschiedenen Interessen- und Kleinparteien waren in das Lager der NSDAP übergegangen. Auch konnte Hitler zahlreiche bisherige Nichtwähler für sich gewinnen…Eine irgendwie geartete parlamentarische Mehrheit war auch nach der Wahl nicht in Sicht.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Reichstagswahl_Juli_1932#Wahlergebnisse)

Vergleiche sind notwendig und begrenzt

Die Umstände der Wahlen 1932 in Deutschland und der Wahlen in der EU, in Deutschland, in Österreich u8nd anderswo sind teilweise unterschiedlich. Aber es gibt auch vergleichbare Strukturen. Vergleiche sind keine Gleichsetzung. Grundsätzlich kann man feststellen, dass sich die faschistischen Bewegungen über ganz Europa ausbreiten, und vor der EU Spitze so wenig Halt machen wie von EU Regierungen und NATO Mitgliedern.

Warum Verkleinerung?

Das sind ein paar „große“ Brocken, aber die Verkleinerung tritt ein, wenn sich DemokratInnen immer an den Rechten reiben und zu wenig an sich selbst und ihrer politischen Umgebung arbeiten. Kritik an anderen ersetzt weder Selbstkritik noch Programmatik, die glaubwürdig vermittelt werden kann. Wird sie von DemokratInnen aber nicht, weil die sich gegen die Vorwürfe des rechten Pöbels verteidigen (–> dem Volk aufs Maul schauen!), anstatt ihre Praxis und Programme zu vermitteln.

Beispiel: da wird gerätselt, warum die Jugend den Grünen davonläuft und bei den Faschisten andockt. Viele Kommentatoren analysieren den Blick der Jugendlichen, ihre Ängste und Vorurteile. Aber ganz wenige fragen (sich und andere), wie das mit den Eltern dieser Generation, mit der Schule, mit der Kultur gelaufen ist – der rechte Steigbügelhalter Lindner kürzt weiter Bildung, Kultur und Soziales. Hier gibt es einen direkten Zusammenhang.

Beispiel: Diskurspolitik zu Covid, vor drei Jahren, gestern und heute. Die Freiheit der Schwurbler wird auch gerichtlich höher bewertet als die empirischen Befunde.

Beispiel: viele demokratischen KritikerInnen regen sich auf, dass und weil die AfD und BSW die Podcasts und Medien erobert haben, teilweise regen sie sich zu Recht auf. Aber sie tun nichts, um selbst vermittelbar zu werden.

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Jetzt sagt der Wirtshausmitredner: und WASTUSTDU? Na, ich schreibe diesen Blog. Andere sollen und können berichten, was ich sonst noch tue.