Jetzt gebt mal Ruhe…

Seid endlich still. Respektiert, dass viele Menschen die „stillste Zeit im Jahr“ so richtig ausleben möchten, bis am Abend im Lichterglanz der Tannenbäume die Mischung aus Kerzen und Erwartung die Annäherung an Geschenke, Gesangs-Verzögerungen, wahlweise Würstchen & Kartoffelsalat oder feine Platten in feste Bahnen lenkt. Ein sachkundiger Beobachter wird alle Spötter belehren, dass es ohne Rituale in keiner Gesellschaft zu keiner Zeit gegangen ist und geht, und da seien doch die Bräuche Bestandteil einer Leitkultur, die man getrost akzeptieren kann, auch wenn sie einem persönlich gegen den Strich gehen. Kritische Ethnologie, gestern und heute im DLF und anderswo, unterstützen diesen heiligen Abend, dessen Geschichte selbst ja ein spannendes Kapitel zur Dekonstruktion der Leitkultur wäre. Aber keine Angst, ich reihe da nur ganz am Rand in dieses Ritual der Ritualkritik ein.

(Anlass ist allerdings ein gewisses Unbehagen and en Weihnachtspredigten und Ansprachen, die schon vor Kerzenlicht an alles an uns, in uns und über uns appellieren, was sonst nicht so wahrnehmbar ist, worauf Bischöfe und Präsidenten nicht müde werden hinzuweisen: wenigstens heute sollen wir von der Kälte Abstand nehmen, mit der wir uns und die Erde zugrunde richten. Amen).

Natürlich bin ich nicht frei von Erinnerungen, deren Analyse zu weit ginge und wirklich viel zerstörerischer wäre als eine unpersönliche Kulturkritik. Die ironisch-sentimentale Literatur besorgt diese Kritik schon ganz gut. Weil jeder, auch ich, anknüpfenswerte Erlebnisse hat. Seht ihr, es ist etwas daran, an der kulturübergreifenden Wirkung der Weihnachtserzählung, die ja in der Tat eine der besseren Projektionen unseres Überbaus ist. Die Selbstprojektion ist gut geeignet, das Sentimentalische mit der eigenen Geschichte zu verbinden – Ein Beispiel, wie das geht, ist Weihnachtsfrau von Bodo Kirchhoff, und so wird man milde. Wie auch ertragen wird, dass alle möglichen Spötter sich einen Baum zulegen und ihn besonders schön schmücken. Wieder andere investieren Phantasie in die Krippen, zumal wenn sich Kinder daran erfreuen.

Genug. Die Weihnachtsgeschichte wird zum Allgemeingut, dem auch Diktatoren, Nationalisten, Staatsreligionsverfechter und andere Widerlinge etwas abgewinnen können, weil viele Menschen denken, dass solch eine Reverenz vielleicht Besserung verheißen könnte…so viele auch wieder nicht, aber der Tyrann vor dem Christbaum hat schon etwas sadistisch-komisches an sich. Ich habe die letzten Predigten zum heutigen Tag ein wenig analysiert und sie vergessen. Niemand nennt die, die bekehrt werden sollen oder sich wenigstens benehmen müssten, beim Namen. Denn alle sind sie vor der Krippe versammelt, bevor es wieder ans Foltern, Betrügen und Profitieren geht.

Die wunderschönen Krippen zeigen, was religiöse Volkskultur oft zeigt, die Verbildlichung der Bedürfnisse, Nöte, aber auch Arbeitszusammenhänge usw. Und diese lassen sich den Kindern nun wahrlich besser erklären als die Darstellung der Herrschaft im Hintergrund.

Genug. Wir machen solches bis zu einem gewissen Grad mit (Ritual), weil es lockere Zusammengehörigkeit zeigen kann, ohne dass der Grad der Ernsthaftigkeit sichtbar wird.

*

Warum ich mich damit abgebe, heute zumal, und vielleicht Ärger derer auf mich ziehe, die dennoch althergebracht feiern (wogegen ich übrigens nichts habe)? Mein Blog hat ja immer ein Oberthema, finis terrae, das Ende von allem.

Mich giftet die jährliche Einmaligkeit der verdünnten Friedensbotschaft, alles andere – Brauchtum, Ritual, Feiertagslegitimation, meinetwegen auch der Einzelhandel und das Kriegsspielzeug neben der Krippe, all das ist eben auch Kultur, und die sozialen Gruppen dürfen das. Nur das eine, dieses Friedensgeblubbere, grad heute, nur heute, das was als BOTSCHAFT Einigkeit, gar Einheit stiften sollte, offenbart so deutlich wie selten, dass die beiden großen Konstruktionen der Zivilisationsgeschichte, die Gotteskonstruktion und die Todeskonstruktion, arg verbogen werden müssen, um daraus eine Friedensbotschaft abzuleiten. (Dass sich die Religionsgemeinschaften nicht einfach der Erzählung bemächtigen, sondern sie in den Dienst einer politischen Umkehrbotschaft stellen, macht die Religionskritik an Weihnachten so wichtig, ohne dass man die Erzählung gleich mitzerstören müsste).   Da sagt der gute Kleriker dann: aber ihr hört doch, Frieden, denen die guten Willens sind[1]. An allem ist der Große da oben Schuld oder wenigstens beteiligt, und jetzt haben wir die Freiheit zum guten Willen…Da schließt man gern die Augen und schaut sich die Krippe an.  UND JETZT WERDE ICH POSITIV, und freu mich erst einmal: der Deutschlandfunk (DLF),  den ich besonders gern höre, hat in den letzten Tagen, bis heute, an der Dekonstruktion von Weihnachten klug, kritisch und unpolemisch mitgewirkt, gute Sendungen zu Ritualen und – jetzt wichtig – zum  Jubiläum von „Stille Nacht, Heilige“ à 200 Jahre). Dass das ein durchaus politisches Lied für die „Völker“ war (6. Strophe), wird heute ebenso ignoriert, wie dass der evangelische Autorität à Wiechert eigenmächtig „Jesus“ durch „Christ“ ausgetauscht hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Stille_Nacht,_heilige_Nacht#Originaltext_und_gebr%C3%A4uchliche_Fassung), bis h – Quellenreicher EIntrag), heute also der transzendente Herrscher im Lied und nicht der Menschensohn.  Daran knüpften sich wichtige Überlegungen zur Funktion und Überlieferung dieses Welthits, das die Grenzen christlicher Frömmigkeit weit überwunden hat. Mich hats gefreut, dass die BOTSCHAFT so dekonstruiert wurde, und dass nicht nur auf die seltsamen und teilweise abstoßenden Kulte hingewiesen wurde.

Das habe ich miterlebt, bei den bombastischen Inszenierungen im Salzburger Festspielhaus, Lesung von à Karl Heinrich Waggerl, einem sehr rechtsnationalen Hamsunverschnitt mit ungeheurer und teilweise anstößiger Popularität. Es war mir in seinem Kitsch unverständlich, aber zugleich hatte es die Anziehung zu süßer Bonbons, wenn man den Widerstand überwunden hatte. Das Tagebuch von damals sagt anderes.

UND JETZT GEBT RUHE. Das ist ein Wunsch, der dann ganz leicht in Erfüllung geht, wenn man schon am 24.12. abschaltet und nicht gleich am 25. wieder rotiert. Das ist, gar nicht paradox, ein Ansporn sich gegen den meisten Schmus der oben bereits genannten Ansprachen und Predigten aufzulehnen, die die Botschaft an einem Abend im Jahr zur Beruhigung der Völker abspulen. Weiterhin DLF hören (Produktplacement! Vorsicht), und schon das Sich-Gedanken-machen ist ja auch nicht laut.

Man kann, wir können,  aus einer gewissen Distanz aus der ganzen Weihnachtsgeschichte etwas sehr praktisches machen: sich der Sentimentalität hingeben – es ist ja ein wirklich gelungenes Narrativ, verglichen mit anderen –  und die gesamt politische und kulturelle Kontextualität dieses Feiertags und seiner Rituale als Beispiel dafür nehmen, dass eben nicht nur die eingefahrene Meinung dazu, sondern die intellektuelle, oft schmerzhafte Seite der Wirkung des jüdischen Jeshua seit langer Zeit bedacht, analysiert werden muss (gegen diese Intellektualisierung wenden sich vor allem die, die die „Ursprünglichkeit“ der Rituale schätzen. Das läuft schon in Bethlehem, wenns ein gutes Jahr ist, ganz anders: Volksfest und Zirkus).

Viele  andere Friedensrituale sind nicht so gänzlich unterschieden von dem Weihnachtsnarrativ, nur meist flacher oder pathetischer. Darum eher Widerstand gegen die Instrumentalisierung einer wichtigen Erzählung durch die Religion im Dienste unmenschlicher Politik. Dieser Widerstand kann uns besänftigen, wenn wir uns in der Weihnachtsruhe fragen, wie es sein wird, fast unabweisbar sein muss, wenn wir aus der Narkose erwachen.

Und diese Besänftigung wünsche ich euch und allen meinen Bloglesern ebenso herzlich wie ein gutes Jahr 2019.

 

 

[1] Aber es heißt  doch „…und den Menschen ein Wohlgefallen“ oder „den Menschen seines Wohlgefallens“ (Jesaja 57.19) (Lukas 19.38) (Epheser 2.14) (Epheser 2.17). Die Weihnachtsbotschaft vom Frieden als politische würde viel verlangen von denen, die unter Frieden nicht die Befriedung durch Herrschaft mit dem Patriarchen an der Seite verstehen. Das gilt übrigens säkular durchaus für all die, die in diesen Tagen besonders nachhaltig vom Frieden reden, aber ihre Positionen im Herrschaftsgefüge wenigstens diskursiv nicht verändern.

….So einfach kann man die Erzählung weiter spinnen.

Widerstand und keine Angst II

Also weiter. Die etwas unreife Vorstellung vom Widerstand als Barriere, Barrikade gegen ungeliebte Herrschaft, als legitimes Attentat birgt die Gefahr, wirkliche Gefahren zu unterschätzen und schon gefangen zu sein, bevor man gefangen wird. Widerstand empfinde ich zunächst als einen gegen meine Neigung, nicht aktiv Widerstand leisten zu wollen, ihn zu meiden, aufzuheben, bis es wirklich notwendig ist. Als Teil der Vita activa ist es notwendig, sich zu wehren, – aber mit Verlaub, man sollte doch wissen, wogegen und zu welchem Zweck und gegen welche Personen und Strukturen.

Ich verfolge mit Aufmerksamkeit einen fiktiven Widerstand gegen Israel, getragen von der Auffassung, mit bestimmten Aktionen den Palästinensern zu helfen. In vielen meiner jüdischen Einsprüche habe ich Kritik an Israel geübt, ohne dem linken Antisemitismus auf den Leim zu gehen, aber ich bin sehr vorsichtig bei der Frage,  wie und wobei man den Palästinensern helfen sollte, und ob es tatsächlich der Widerstand gegen Israel ist, der ihnen hilft. Immer wieder kommt diese Diskussion auch bei Teilen der Friedensbewegung und des „linken“ Parteienspektrums wie ein Wiedergänger ihrer selbst (meine unwillige politische Korrektheit hindert mich, die Debatte bei den Grünen zu reproduzieren). Israel muss genauso kritisierbar sein wie jedes andere Land, ja, genauso heißt aber, den Kontext der Kritik über das Niveau „man wird ja noch sagen dürfen“ zu präzisieren. Landnahme, Westjordanland-Besetzung, Zensur, Lobbyismus, Diskriminierung kann ich so scharf kritisieren, wie es nötig ist. Wieweit ich dabei Partei oder wenigstens Empathie für die palästinensische Sache produziere, ist aber fraglich. Ich halte Israels Politik für falsch, ohne dass ich dazu die Palästinenser brauche, deren Politik ich auch für falsch halte. Mein Widerstand gilt einerseits denen, die Israel verteidigen, ohne seine falsche Politik auch nur im Kontext zu begreifen, geschweige denn den Anteil von anderen, incl. der palästinensischen Führer, an dieser Politik wahrzunehmen; andererseits denen, die Israel so kritisieren, dass berechtigte Kritik nur als Tarnung eines tiefsitzenden antisemitischen Ressentiments dient, weil sie einem Palästina damit zu helfen meinen, das es gar nicht gibt; so nicht. Politik, die sich daraus ergibt, ist Widerstand gegen eine Vereinnahmung der eigenen Geschichtslügen („Staatsräson“), aber auch gegen eine ambivalente Nicht-Unterstützung der demokratischen Palästinenser gegen ihre Regierungen und Religionen.

(Dazu setze ich mit Teilen meiner Partei vehement auseinander, das gehört nur am Rande hierher: auch ein Stück Widerstand).

Dieses Beispiel habe ich gewählt, um zu zeigen, dass man in des Teufels Küche kommt, wenn man sich das Widerstandsargument anzieht und meint, es folge daraus schon eine Belohnung oder gar Ruhe. Nichts als angestrengten Ärger handelt man sich ein, und dann muss man wirklich argumentieren.

*

Auch der mikrosoziale Widerstand ist politisch. Unten ist die Angst größer. Im Grunde geht es immer um Macht- und Bedeutungsverlust, den man sich einbrockt in dem sozialen Raum, in dem man agiert – und also Widerstand ausübt, du hast ja Recht, aber du Querulant…Im Alltag kommt es darauf an, sich die Objekte der Opposition zu wählen, leichter gesagt als getan.  Wenn es um Verhalten geht, kann ich das getrost der Beraterliteratur überlassen. Wenn es aber um Positionen geht, deren Verlust oder Beschädigung nicht trivial ist, dann wird Widerstand oft zum Wagnis. In jeder Beziehung, in jedem Berufskonflikt, aber auch in vielen subjektiven Entscheidungen wird Opposition zum Wagnis mit ungewissem Ausgang. Widerstand mit Kalkül ist auch legitim, aber nicht eigentlich Widerstand. Wenn die Aufklärung, die Vernunft von mir Besitz ergreift, und nicht einfach umgekehrt, wird es spannend. Widerstand gegen Bedeutungsverlust ist auch einer gegen sich selbst. Trennung, Austritt, Ablehnung, Verweigerung einer ansonsten gebotenen Geste – wenns Kinder machen, ist es kindisch, wenn wir es machen, ist es Politik. Widerstand ist das Heraustreten aus dem Wir, um als Ich wieder einem Wir beitreten zu können, diesmal vielleicht einem anderen. Politik?

Die eingefahrenen Gleise der Alltagsbewältigung infrage stellen, und sich außerhalb positionieren, und sei es auch nur, um Klarheit zu bekommen. Oft ein way of no return. Freundschaften und mehr zerbrechen an so etwas, anderes ist schwierig zu reparieren.

Das war aber ein weiter Weg von Israel da hinunter in die Ebene des Vereins- und Beziehungslebens. Oder gar nicht. Ich erfahre selbst, wie wenig das Widerstandsargument zählt, wenn‘s darum geht, bei mir dem jüdischen Gegenüber, vorsichtig zu sein. Zum Beispiel in einer Diskussion über Netanjahu oder die Orthodoxen. Vorsicht? Ich provoziere ja auch nicht gern einen Unbedarften, wenn ich denke er ist mir unterlegen, und dann kommt das Machtargument hinein und alles ist schwierig. Israelkritik ist folgenlos. Den Antisemiten decouvrieren, kann Folgen haben. Und Folgen akzeptieren, die man nicht gleich oder ganz voraussieht: da hilft keine Ängstlichkeit…und ist doch so gegenwärtig.

Noch ist das ein Thema in Deutschland, in Österreich, vor dem einer Angst haben kann.

Widerstand ist nicht Angst

Eine Selbstverständlichkeit?

So wenig wie mein Leitspruch unter anderen: Hoffnung ist nicht Zuversicht (Ernst Bloch).

Widerstand aus Angst heißt Panik oder Ausrasten oder wildes Umsichschlagen. Aufrufen zum Widerstand ist vielleicht schon ein zu starkes Verb: es reicht, Widerstand als Option, als Möglichkeit so genau wie möglich immer wieder darzustellen. Vor allem: Widerstand ist nicht Meinung, sondern das Umschlagen von Meinung in Handlung, auch Sprache kann Handlung sein.

Ich habe mehrfach zu verschiedenen Formen des Widerstands aufgerufen oder mich geäußert. Immer bedacht, den emotionalen Tonus nicht auszuschließen, aber niedrig zu halten (in dieser Hinsicht ist Robert Habeck eine Orientierung).

Es gibt Aufrufe zum Widerstand, die ich für unproduktiv halte: (Hessel: Empört Euch!) und solche, die ich bekämpfe, also ihnen Widerstand entgegensetze. Wenn die Doppelgängerin von Frauke Petry, Sarah Wagenknecht, mit ihrer Aufsteh-Kampagne sich an den Gelbwesten in Frankreich orientiert, dann macht sie, was ich für besonders gefährlich halte: den Schließmuskel zwischen links (z.B. Melenchon) und rechts (le Pen) auch praktisch, auch gewaltorientiert, betätigen.

Auch ist das „Verständnis“ für die Gelbwesten nicht genug, um sich politisch zu positionieren. Natürlich verstehen wir alle, dass viele Millionen Französinnen und Franzosen unter schlechten sozialen Bedingungen, in großer Ungleichheit und vor allem in sehr mangelhaften sozialen Netzen leben. Aber schon bei genauerem Wissen über die Umstände sehen wir, dass das Verständnis sich zwar individuellen Lebensschicksalen – Abgehängte, Hoffnungslose – zuwenden kann, aber nichts mit Problemlösungen zu tun hat.

Ein ganz wichtiger Vergleich: das war vor Hartz IV genauso. Und Hartz IV war weder eine Wohltat noch lustig im Sinn einer ständig wachsenden Wirtschaft mit sozialen Wohltaten im reformbereiten Kapitalismus. Die Erfolge von Hart IV werden heute von denen bekämpft, die aufgrund dieser Reform überhaupt sozial gefestigt sind und so etwas wie Sozialreform machen können (was bei 5+ Millionen Arbeitslosen nicht so einfach wäre, wie Kevin Kühnert, Nahles und die oppositionellen Jugendorganisationen so gerne tröten).

Anders gesagt: überall kann Kapitalismus nur durch Widerstand und nicht durch Systemgegnerschaft zu Veränderungen gebracht werden, bisweilen sogar gezwungen.

Sozialistische Systemgegnerschaft hat sich empirisch erledigt oder diskreditiert. Lokale Verinselung baut auf Einschlüsse erfolgreicher Selbstregulierung zu lasten größerer sozialer Gruppen, privilegiert also wieder nur eine kleine Menge. Wie Gelbwesten zeigen, ist der Hufeisenschluss der äußersten Linken und der äußersten Rechten keine blasse Theorie, sondern Realität, bei der die Rechten gewinnen werden und die Linken erodieren. Dieser Schluss ist bittere Realität.

(Das heißt nicht, dass Macron in allen sozialen und Wirtschaftsfragen Recht hat; aber in vielen, vor allem Europa betreffenden, liegt er richtig).

Verständnis ist wichtig für eine Überprüfung ethischer Einstellungen und moralischer Urteile über Mitmenschen. Aber ganz radikal formuliert: ich verstehe ganz gut, warum in den 20er Jahren viele Menschen in den Nazis ihre Heilsbringer gesehen haben, trotzdem hatten sie a) nicht Recht und b)  war der Widerstand gegen die Nazis schon in der Frühzeit deren Bewegung teilweise falsch orientiert. Politisch Unrecht haben ist eine Folge mangelnder Aufklärung, aber auch (tatsächlich oder eingebildet) erlittenen Unrechts und  nicht zuletzt einer unrichtigen Selbsteinordnung in den sozialen Raum (à Bourdieu: Sozialer Raum und Klassen).

Widerstand ist nicht gegen den Rechtsstaat, sondern ohne ihn (Kirchenasyl) oder als praktische Kritik, die ihn weitertreibt (Debatte um Abtreibungswerbung).

Widerstand ist auch Verletzung der Formen, die als Konsens immer von denen eingefordert werden, die sie von der Kritik, dem anderen anderen “Wir“, d.h. uns gefährdet fühlen. (Was agte ein Leitkulturdepp: bei uns sagt man Grüß Gott!… nu, manchmal, wenns passt sag ich das in Österreich auch, aber in der politischen Öffentlichkeit ist es natürlich eine Verspottung, wenn ich das sage, und das „Man“ des reaktionären Diskurses ist verdächtig). Darum sage ich auch: Man muss mit Unholden wier Trump verhandeln, Deals machen etc., aber man muss mit ihnen nicht festlich dinieren oder, wie weiland Schröder und Berlusconi beim Fußball einander umarmen). Kleinigkeiten? Unser Alltag besteht fast nur aus solchen.

Widerstand kommt fast immer über Sprache und Zeichen. Es ist ja gut, wenn einige gegen die “Verrohung“ von Sprache ankämpfen. Aber das darf nicht bedeuten, dass geglättet wird, wo der Begriff und der Kontext spitz und verletzend sein sollen. Ich mache das am Beispiel „Nazi“ deutlich. Nicht jeder AfD Mensch und nicht jeder FPÖ Wähler ist ein Nazi. Aber beides sind Nazi-Parteien und zwar bezogenen auf die historische Analogie von 1923-1933, nicht danach. Das ist noch nicht einmal eine böswillige Interpretation, sondern eine Tatsachenbehauptung, die ich vielfach begründen kann – und dies relativ unabhängig vom Publikum, begründe. Verrohung bedeutet nicht Gebrauch krasser oder unangemessener Worte, sondern die Ausschaltung von Kommunikation durch solche Worte: was soll einer auf einen bestimmten Begriff, auf ein Schimpfwort oder einen Tonfall sagen, wenn der Kontext ihn oder sie einschnürt. Die Sprache verroht, wenn sie Sprachlosigkeit auslöst. Mir ging das geradezu physisch so, als Kellyanne Conway von „alternative facts“ redete. Auch der Vogelschiss von Gauland gehört in diese Kategorie. Aber das gleiche Wort, der gleiche Begriff kann in anderen Umständen, ironisch, pathetisch, wiederum gebrauchsfähig sein.

Ich sag das auch zu meinem Schutz, weil ich weiterhin schimpfen und ab und an gezielt beleidigen oder provozieren will. (aber eben nicht in roher Sprache („In die Fresse“, Frau Nahles) und nicht auflösbar (schimpf doch zurück)).

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So einfach ist Widerstand nicht zu begreifen. Er sollte in viele Ritzen und Unebenheiten der Gesellschaft eindringen und dort sich ausbreiten, als Illoyalität und vor allem als Verweigerung dem gegenüber, das Man von uns erwartet. Daraus wird Politik.

Ernsthafter Einwand: mache ich damit Widerstand zu leicht, verniedliche ich damit nicht die Leistungen des echten, des großen Widerstands, der Weißen Rose oder …Ich denke nein. Jede Gewalt, jede Unmenschlichkeit erfordert ihre je besondere Form von Widerstand. Und die muss sich entwickeln, und das nicht zu langsam (Das „Nein“ des Herrn Egge bei Keuner (Bert Brecht) kommt ein wenig spät auf die Frage, ob er dem Agenten dienen möchte à Maßnahmen gegen die Gewalt).

Das alles führt nur scheinbar weg von dem Widerstand, den wir üben müssen, bevor es zu spät ist (es IST bereits zu spät, bedenken wir Kattowitz und was dort NICHT geschieht). Widerstand heißt im einfachsten Fall einmal zu wissen, wo man sich gerade befindet. Wer meint, das sei einfach, irrt.

Wer weiß, wo er oder sie sich im sozialen Raum befindet, kann auch wissen, gegen welche Gewalt sich zu wehren richtig ist, und bei der Wahl der Mittel zu fragen, welche sich lohnen.

(Auch hier gibt es eine bestimmte Verzichtethik. Man kann nicht allem nur deshalb widersprechen, weil es falsch ist.  Die Wirkung, die Konsequenzen könnten oft nicht kleiner sein, und Rechthaberei ist manchmal rechts, auch wenn sie von links kommt, und umgekehrt).

Bevor ich aphoristisch werde, breche ich ab. Der Weg der Gelbhemden ist falsch. Aber wir haben verstanden?

Shit, it is the global finance system…?

In dieser dunklen Zeit, in der sich der Gott des Einzelhandels als kleines Kind tarnt, um den Konsum anzustacheln; in dieser dumpfen Zeit, wo es schon zu Erleichterung führt, wenn ein Blackrockbonze einer gemäßigten Marktwirtschaftlerin unterliegt; in dieser Zeit gibt es auch etwas Gutes zu vermelden.

am 7.12. hat Anne Pettifor den diesjährigen Hannah Arendt Preis der Heinrich Böll Stiftung und der Stadt Bremen erhalten. Ihre Rede und die Preisumgebung werden demnächst veröffentlicht, hier lege ich erst einmal einen Zugang:

Aus der Pressemitteilung vom 29.11.2018:

Die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises 2018 an Ann Pettifor findet am Freitag, den 7. Dezember 2018 um 18.00 Uhr im Bremer Rathaus statt. Den Preis überreichen die Bremer Bürgermeisterin und Senatorin Karoline Linnert, Ellen Ueberschär, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Ole-Sören Schulz, Vorstand des Hannah-Arendt-Preis e.V.. Der Hannah-Arendt-Preis wird von der Stadt Bremen und der Heinrich-Böll-Stiftung vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert.

Ann Pettifor ist Ökonomin und Direktorin von Policy Research in Macroeconomics (PRIME) sowie Mitglied der Organisation New Economics Foundation in London. Sie lehrt am Political Economy Research Centre der City University London. Als geschäftsführende Direktorin von Advocacy International berät Ann Pettifor Regierungen und Organisationen in Fragen von unabhängiger Schuldenrückführung, internationalen Finanzen und nachhaltiger Entwicklung. (Begründung der Jury )

Ihr Buch „Die Produktion des Geldes“, Hamburger Edition 2018, ist gut lesbar, provokatdes iv, regt zur politischen Praxis an. Ich schreibe hier keine Rezension, sondern mäandere von Veranstaltung zur Diskussion am nächsten, von einigen wichtigen Sätzen zu politischen Assoziationen und vom Glück einer geglückten kritischen Veranstaltung zu Überlegungen, die sehr wohl den Zustand unserer Gesellschaften und Politik zum Inhalt hatten. Das Lesen des Buchs erspare ich euch nicht, aber manche Hinweise könnt ihr auch ohne das Durcharbeiten als Motivation aufgreifen.  Als Mitglied der Jury weiß ich mich mit der Entscheidung für Anne Pettifor einig, und meinen Themen hilft sie auch.

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Einige Assoziationen.

Nicht weit vom Diskussionsort an der Contrescarpe in Bremen liegt das Finanzministerium am Rudolf-Hilferding-Platz. à Rudolf Hilferding[1]? War da was? Bei der Veranstaltung meinte ich nicht ihn, wenn meine Mitschrift R.H. vermerkte, à Rudolf Hickel[2] ist gemeint, einer der beiden Kommentatoren, der andere war Dieter Rucht[3] vom à WZB.

Selten hat es eine Preisverleihung gegeben, bei die Namensgeberin Hannah Arendt soviel Erwähnung und Zuordnung erfuhr wie in der Laudation von Monika Tokarzewska und im Vortrag der Preisträgerin. Bei beiden drehte es sich um den Sinn der Politik, die Freiheit.

Antonia Grunenberg, ohne die der deutsche zeitgenössische und -gemäße Bezug zu Hannah Arendt nicht vorstellbar ist, moderierte die Diskussion am zweiten Tag. Bei ihr ist die Verbindung von Politik und Freiheit, und der Zug zum Handeln in jeder Frage sichtbar.

Pettifor macht sich die Kritik des global vagierenden Finanzkapitals, der Banken, nicht leicht, sie setzt gleichwohl auf die Veränderbarkeit der bestehenden Systeme, das bedeutet Politik zu machen, politisch zu sein.

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Mir hat der Nebensatz gefallen, wonach Ökonomie ohnedies keine Wissenschaft sei, wie wissenschaftlich sie auch daherkomme; und wie unsichtbar sich das Kapital global bewege, ganz anders als die Erscheinungen der Missstände, die sinnlich wahrnehmbar und attackierbar sind. Pettifors Rahmen ist die Aufklärung, naja, das wundert nicht, aber sie ist dezidiert, wenn es um das Wissen, das Kennen der Strukturen geht, und da rangieren die zwei Bereiche Frauen und Umweltpolitik gut begründet ganz oben. Wobei mich die Analyse der Steuerleistung berufstätiger Frauen – mehrheitlich im Gesundheits- und Bildungswesen – beeindruckt; und stieß auf eine der Diagnostik bedürftige Ableitungskette: Weil man überall auf der Welt mit der Karte an Geld kommt, steigern wir selbst über Konsum eine bestimmte Form wirtschaftlicher Dynamik, alles ist easy in der „Easy-Markenfamilie“

: Easyenergy, Easyproperty, Easyshopping, Easyjet…unsere Verhaltensdispositionen wurden bei der Diskussion durchaus erwähnt, kamen aber zu kurz. Wir sind, wir agieren als Verbündete eben dieses Kapitals – und ich denke an die anthropologischen Diagnosen, die not tun, warum so handeln, obwohl wir es besser wissen könnten. Das erscheint mir eine entscheidende Hürde auf dem Weg zu wirkungsvollem Handeln aus Widerstand, politischer Einsicht und Zeitnot.

Und das, was „leicht“ erscheint, weil als Schmiermittel zum Kauf und zur Verschuldung angepriesen, sollte in diese kritische Anthropologie einbezogen werden, weil es auch die leichte Durchquerung großer Räume und Überbrückung von Zeiten beinhaltet, die unser wirkliches Leben überholt. Und damit auch demonstriert, wie wenig wir tun können, auch wenn wir mehr zu sagen haben.

Erst politische Bewegungen, – man wird auch sagen: Parteien – verstehen, dass man das Finanzsystem ändern muss und die eigenen Verhaltensweisen, Konsum, Lifestyle, Habitus. Soweit so gut, aber wie kommt man da hin? Bei der Diskussion am nächsten Tag treten dann die Brüche auf. Die Dialektik von „Leadership“, aber ohne „Leader“, und demokratischer Teilhabe am politischen Prozess, z.B. der Bankenregulierung, ist offen, wenn es konkret wird. Leadership ist eine voraussetzungsreiche Konstruktion, Leader sind reale Personen – die oft Institutionen ersetzen à letzte Blogs. Ohne die Ordnung der politischen Ziele – und ihrer praktischen Konsequenzen – können die besten Bedürfnisse und Wünsche („1000 Blumen“) zu keinem Erfolg führen (Beispiel: Klimagipfel Kopenhagen). Aber wer führt die Ziele wie zusammen? Die Vorstellung der naturwüchsigen Demokratie wurde noch nicht einmal vorgebracht, und ob  jeder angesichts drohenden Klimazusammenbruchs besondere Verantwortung „fühlt“, ist mehr als fraglich. Also bedeutet Leadership auch Anführen, Lenken, Macht erobern und gestalten – wieweit die dann legitim(iert) ist, hängt nicht nur vom demokratischen Prozess ab (Teure Spritpreise sind ein Beispiel, bei dem man die Gelbjackenargumente, die dauernd vorgebracht werden, gut studieren könnte).

In der Differenz von sozialen Bewegungen ist spannend, wieweit erste Systemänderung auch mit Gewalt fordern bzw. initiieren dürfen. (Gesa Lindemann hat über notwendige Gewalt argumentiert, sie binde widersprüchliche gesellschaftliche und staatliche Politiken zusammen, was wenig über Legitimät und Anlässe aussage, zB. beim G20 in Hamburg).

Mir ist bei der Diskussion an beiden Tagen aufgefallen, dass zwei Begriffe nicht gefallen sind: Republik und Establishment. Die Republik, den Republikanismus, braucht man aber, um den öffentlichen Raum zu bestimmen, in dem Demokratie wirken kann und ausgehandelt wird. Auch wo sich demokratische „Leadership“ entfalten kann oder verbietet. Und der Kampf der Bewegungen gegen das Establishment verbindet „rechte“ und „linke“ Bewegungen, im Populismus, es kommt immer weniger auf Inhalte an, wenn es um die bloße Dynamik gegen die da oben geht bzw. darum, sie am regieren zu hindern. Ein Wagenknecht-Anhänger hat das in der Diskussion deutlich gemacht, eher ohne Argumente single issues hervorhebend, aber ungewollt löste er die Diskussion darüber aus, ob denn die Grünen, wieder an der Regierung, nicht sich genauso dem Finanzkapital unterwerfen würden wie sie das vor 2005 getan hätten –  und etwas gewittrig war die Zustimmung zu diesem Zweifel.

Hier schließt sich ein Kreis: wenn man die aufgeklärte Bevölkerung über identifizierbare Ziele zur Änderung von Strukturen animiert, kann das gelingen, links wie rechts. Welche Art diese Änderungen sein sollen, dürfen, – Beispiel: Klima und Finis terrae – hängt von der Macht ab, die in die à time of useful consciousness, also jetzt, also politisch eingebracht wird. Ob das Handeln am Abgrund und mit ungewisser Zukunft demokratisch sein wird, kann, ist ebenso ungewiss wie die Antriebe, es geschehen zu lassen angesichts der Dynamik des Zuspät, und der unsichtbaren Macht des Geldes (Letzteres muss ironisch sich verkleiden).

Ich fand interessant, dass und wie Frauen in die politische Ökonomie dieses komplexen Zusammenhangs hinein ermächtigt werden können und damit politisch handlungsfähiger werden. Und wie sich dies möglicherweise dynamisierend auf den zweiten Handlungsbereich, die Ökologie, verstärkend auswirken könnte. Hickel hatte die Parteien als dritte Ebene (der konsolidierten Demokratie, schränke ich ein) eingebracht, die die Interessen zusammenfassen und in Machtstrukturen umwandeln sollen. (Dann würde der Druck der Zivilgesellschaft und vor allem der Wissenschaft auf sie wirken, für die Pettifor und Rucht stehen).

Und ich frage mich, wie man Globalisierung kritisieren, sie anerkennen und in der Lokalität über viele Anlässe hinaus umgestalten kann; von gelingenden wichtigen Einzelfällen abgesehen. Es muss wohl noch in letzter Minute einen Sprung in der Evolution geben.

 

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Mir war keinen Augenblick dieser Veranstaltung langweilig, was selten vorkommt. Ich habe auch weder Handy gelesen noch etwas anderes geschrieben. Ein Lob der Heinrich Böll Stiftung also, Aufklärung im besten Sinn, und die Formen des verbindenden Diskurses pflegend. Das ist auch für künftige Jurysitzungen wichtig, wenn wir eine neue Preisträgerin für 2019 aussuchen.

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[1] Hilferding passt nur beschränkt zu Pettifor. Aber manches bei ihm ist wie ein antizipiertes Wetterleuchten. Erste Hinweise bei https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Hilferding#Theorie

[2] Rudolf Hickel erschließt sich schon beim Aufsuchen seines Namens im Netz, und sein medialer Einfluss ist so groß wie sein theoretischer. Man muss bei ihm unter die Oberfläche seiner umfassenden Kommentierung von allem und jedem schauen, um die Zusammenhänge klar herauszuarbeiten, und dann lohnt es sich. Bei unserer Veranstaltung hat mich sein ambiger Kommentar zur Griechenlandrettung/verdrängung überzeugt. Dass er auf allen polit-ökonomischen Hochzeiten tanzt, ist auch ein Zeichen dafür, wie wenige ernsthafte Ökonomen es in unserem Land gibt.

[3] Einer, der sich intensiv mit den sozialen Bewegungen beschäftigt hat. Erfahrungenmit Attac waren in der Diskussion hilfreich, und der Ernst seiner Ableitungen aus der Kantischen Aufklärung überzeugt, wenn Wissenschaft und Politik einander gegenübergestellt werden. https://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Rucht

Pause beim Abstieg

 

Beim Aufstieg zum Gipfel will man seine Kräfte einteilen, oder sich erholen, bevor man den Stein ganz nach oben drückt. Es gibt viele Gründe, beim Abstieg zu bremsen, um nicht zu früh anzukommen oder auch, um nicht zu schnell zu werden, zu stolpern und endgültig bergab zu stürzen.  Das gilt nicht nur für den heutigen Sisyphos, das gilt nicht nur für Bergsteiger; das ist auch richtig, wenn wir in Richtung Finis terrae gleiten.

Bevor man zu müde wird, um seine Bewegungen, seine Politik kontrolliert einzusetzen, ist es wichtig anzuhalten. Über die a habe ich schon mehrfach geschrieben. Zusätzlich kommt es auch darauf an, bei sich zu sein, wenn man alternativlos handelt. Das gilt jetzt bei den Klimaverhandlungen, das gilt beim Kampf gegen die zusammengeschlossenen linken und rechten Plebejer in Frankreich (deren vereinte Forderungen ein Nullsummenspiel ergeben), das gilt beim globalen Endkampf um die Strukturen, in denen wir Finis terrae aufhalten könnten. Könnten, können, nicht werden.

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Sich bestätigt wissen, ist nur dann ein Hochgefühl, wenn es um eine außergewöhnliche Einsicht geht. Mein sehr früher Befund, dass mit der fatigue de democracie die Institutionen unterlaufen und durch Personen ersetzt werden, die deren Funktion sich auszuüben anmaßen, ist nicht außergewöhnlich, sondern empirisch. Die Beobachtung muss nicht sogleich verstanden, analysiert und begründet werden. Ihr Ausmaß und ihre Folgen sind vor jeder Erklärung sichtbar.

Diese Personen sind meist Männer; sie üben Regierungsämter aus – an der Spitze wie Trump oder Putin oder Xi – oder im Orchester – wie Salvini oder Kickl, sie sind Wirtschaftsführer (wie die Autovorstände), sie sind Lobbyisten, nicht selten vertreten sie die Medien, die die anderen Medien angreifen, und sie stehen an solchen Positionen, von denen aus sie die Diskurse lenken und die daraus sich ergebende Politik gegen die Demokratie, und damit gegen die Institutionen orientieren können. Sie sind selten durch einen Putsch oder eine Revolution an die Macht gekommen, häufig durch demokratische Wahlen. Demokratie schwimmt an der Oberfläche politischer Systeme, sie kann nur wirken, wenn sie auf einer republikanischen, aufgeklärten, rationalen Gesellschaftsstruktur aufbaut und nicht formal aufgesetzt ist auf eine Bevölkerung, die sich nicht als das Volk konstituiert hat, von dem das Recht ausgehen kann.  Große Worte, ….ich weiß. Und? Sags kleiner.

Wenn die Leute nicht bereit sind, sich zu dem zu verfassen, was demokratische Strukturen trägt, dann kann man sie nicht auf direktem Weg dazu zwingen (das haben ja einige sozialistische Staaten versucht – Ergebnis? Sachsen…und schlimmeres).  Warum sind die Leute dazu nicht bereit? Weil sie befürchten, in kurzer Zeit das zu verlieren, was ihnen jetzt wertvoll ist. Was langfristig kommt, interessiert sie wenig a) weil und wenn sie ans Jenseits glauben, b) weil und wenn sie an das Nichts nach ihrem Tod glauben, c) wenn ihnen die Lebens- und Überlebenschancen anderer gleichgültig oder äußerlich sind.

Man kanns aber auch anders sagen: demokratische Wahlen und Verfahren sind als Teil, nicht als Ensemble, demokratischer Gesellschaften nur dann eine Legitimation von Herrschaft, wenn diese Gesellschaft darauf ausgerichtet ist. In der fatigue de democracie ist genau dies nicht der Fall.

Die Personalisierung verschmilzt Führer und Volk. Deutschland, Deutschland über alles ist nichts anderes als America First unter Trump. Das Brechen von Verträgen ist ein Kennzeichen dieser Legierung, und zwar nicht als „Ausnahmezustand“  (Carl Schmitt), sondern als Normalität von Herrschaft im Namen des Volks, das es nicht gibt. So wenig wie Gott als Patron eines Volkes (Reaktionäres Russland).

Die Blindheit gegenüber dem notwendigen Instrument der Demokratie besteht unter anderem darin, dass eine aufgeklärte Verantwortungsethik als etwas angesehen wird, das den Bereich individueller, d.h. personaler Handlungsmöglichkeit, „ohnedies“ ausschließt – der einzelne kann eh nichts machen, sagen die Gelbjacken. Und ähnlich erleben die Besucher des Glacier Nationalparks in Montana (70% Trumpisten) das Glück, die sterbende Spezies noch zu erleben; die nächsten Generationen werden dort keine Gletscher mehr sehen. Aber weil diese Menschen dann eh nicht mehr leben werden, ist das doch egal. Demokratie hieße im konkreten Fall, eine Meinung öffentlich zur Politik werden zu lassen, die z.B. der Enkelgeneration das Anschauen von Gletschern ermöglichen sollte.

Ist das alles so schwierig zu begreifen? Wahrscheinlich ja. Was haben wir über die Erziehungsdiktaturen von Rousseau und Herbert Marcuse gerätselt…was haben wir über die Verkürzung nachgedacht, dass man niemanden zu seinem Glück zwingen darf und kann. Es kommt  auf die Betonung an. Zu seinem Glück – oder zu seinem Glück – oder zwingen.  Offensichtlich dürfen die neuen Zwingherrn sehr wohl viele oder gar alle zu ihrem Unglück zwingen, und werden dafür noch zu Dinners eingeladen und schauen auf dem Gruppenfoto alle so deppert aus, wie sich die Betrachter fühlen. Mit Ehrenkompanie…das nehmen wir übel.

Die Pause geht langsam zu Ende. Wir packen unsern Ethikvorrat wieder ein – Ethik ist die Idee vom guten Leben. Noch ein Schluck, dann geht’s weiter bergab. Und die Schleimknechte bauen weiter ein SUV Werk in den USA. Währenddessen finden in den Parteien im demokratischen Deutschland überall Kandidatur-Debatten statt, die einen oft an den demokratischen Verfahren zweifeln lassen, und das belegt nur, dass auch bei uns Demokratie noch nicht tief wurzelt – oder gar nicht verstanden wird.

Ich wollte ja eine Pause einlegen. Aber bei den nächsten Schritten bergab stellen wir alle fest

  1. Demokratie tut mindestens so weh wie die Liebe (–> Eva Illouz, und zwar aus ähnlichen Gründen)
  2. Der Stein ist so schwer zu bremsen und unser demokratisches Fitnessstudio ist eine Bruchbude
  3. Nur in den Abgrundspringen ist noch schlimmer

Grausame Provinz

„ZWEITER MIME: Morgen habe ich einen Funk … Kinderstunde … ‚Schneewittchen‘ … Ich spiele einen Zwerg …
ERSTER MIME: Welchen?
ZWEITER MIME: Den vierten …
ERSTER MIME: Wie legst du ihn an?
ZWEITER MIME: Hintergründig …“
(„Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben“, S. 139)[1]

Die Übereinstimmung der folgenden Beobachtungen mit wirklichen Menschen, Orten und Situationen ist beabsichtigt, könnte aber rein zufällig auch ganz anderswo sich ereignet haben und beansprucht keinen Anspruch auf objektive Überprüfbarkeit außer durch Theaterbesuch und Kritikoffenheit.

*

In einer deutschen Landeshauptstadt gibt es ein renommiertes Stadttheater, das durchaus ein Staatstheater sein könnte, weil es ja die erste Bühne des Bundeslandes ist. Ich gehe gerne ins Theater, ca. 50 mal im Jahr treibt es mich zu den Bühnen des Sprech- und Musiktheaters, in jener Stadt oder in den großen Metropolen. Gewohnt bin ich das aus meiner Jugend und Studienzeit in Wien, und seitdem hat es mich nur verlassen, wenn ich beruflich lange Zeit in mimenfreien Gebieten war. (Ähnliches gilt auch für Kino und Konzerte).  So nimmt es kein Wunder, dass ich großen Anteil an der Entwicklung und den Geschicken jenes Stadttheaters genommen habe, in den letzten 12 Jahren, davon 10 Jahre unter einem Intendanten, mit dem mich eine Freundschaft, und oft, nicht immer, künstlerische Übereinstimmung verband, ebenso wie mit einigen der wirklich sehr guten Schauspieler*innen und vielen Produktionen des Hauses.  Man kann sagen, dass dieses Theater alles andere als ein provinzielles Stadttheater war, und es hat neben Furcht und Mitleid auch Bildung, Kritik, Widerstand und eine gewisse ästhetische Grundbildung vermittelt, die ja die deutsche Provinz nicht gerade auszeichnet. Der Intendant hat die Stadt verlassen, mit ihm mussten ganz viele der Mimen auch gehen. Eine neue Intendantin trat ihr Amt an, eine Frau aus dem Osten, was zu Hoffnung Anlass hätte geben können, wäre der neuen Leiterin nicht der künstlerische Bericht aus der westdeutschen Provinz vorausgeeilt und ihr Schwerpunkt auf politisch korrekte Kommunikation im Umfeld des Theaters läge, aber nicht drin, im Großen Haus.

Nun habe ich die letzten drei Premieren in ebendiesem Haus gesehen. Und werde in der laufenden Spielzeit diese Spielstätte nicht mehr besuchen, was keine Drohung ist, weil ich ohnedies keine Kritiken schreibe und veröffentliche. Ein Stück von Brecht, aufwändig grausam realistisch inszeniert, um eine platte Botschaft zu vermitteln. Langweiligst. Ein Stück von Shakespeare, eine Schändung eines der großartigsten Theatertexte, unlogisch und langweiligst. Ein Schwank aus der vorletzten Jahrhundertwende, mühsam aktualisiert, deprimierend, obwohl eine Dorfzeitung schrieb, er hätte sein Publikum „erheitert“.  Eine Inszenierung schlechter als die vorige, sodass auch die Hoffnung, das nächste Stück würde besser werden, enttäuscht wurde. Einige sehr gute und gute Schauspieler*innen mussten sich der jeweiligen Regie beugen, die meisten weniger guten fanden das Konzept wohl angemessen. (Ausnahme, um gerecht zu bleiben, gute Musik, bestens gespielt, ob sie nun dazu – wozu, eigentlich? – passte, oder nicht).

Diese Beobachtungen reichen für sich nicht einmal für einen Blog. Vergiss es, fahr nach Berlin, geh in die Schaubühne, ins DT,  ins BE, ins HAU, in die Volksbühne …. Dort gibt es auch einmal Mist oder ein missglücktes Konzept. Ja schon, ABER: das besagte Theater hatte sich weit über die Kategorie „Stadt-„theater“ herausgearbeitet gehabt und gab der Zuordnung neuen, lebendigen Sinn. Und jetzt das. Provinz muss nicht provinziell sein, aber wenn sie es ist, müssen andere Fragen gestellt werden. Zum Beispiel ob es richtig ist, Millionen an Subventionen für ein etabliertes Haus dieser Qualität zu zahlen, wenn die freien Bühnen und Theater am Existenzminimum herumkrebsen. Zum Beispiel ob die künstlerische Distanz zwischen beiden Klassen tatsächlich an der sozio-kulturellen und ökonomischen Differenz zu bemessen ist (ich habe genügend Vergleiche aus dem Off-Bereich um zu sagen, dass einiges dort eindrücklicher und eindringlicher ist als im Großen  Haus).

Wenn ich bloß an die grausame Inszenierung des Schwanks denke, bei dem ein Teil  des Publikums auch tatsächlich spontan gelacht hatte (man müsste die Stellen analysieren, oft ging es zum Beispiel darum, wie eine Behinderung erheiternd wirkte), dann kommt einem in den Sinn,  wie lustig das Groteske, das Ernste, das Tragische sein kann, von Qualtinger über Monty Python bis Loriot, und wie schrecklich die Klamotte wirkt, wenn sie für „leicht“ (o Ihr Musen) oder entlastend erachtet wird.

Beim Brecht hatte ich gedacht, Abituriententheater und gut gemeint sei das Gegenteil von Kunst. Bei Shakespeare hatte ich gedacht, dass Regietheater es auch vermag, einem Stück seinen Inhalt zu rauben. Beim Schwank kam beides zusammen. Der brutale Realismus, der der Phantasie keinen Raum bot, aber nicht die Abgründe, nur das Niedrigwasser der plebejischen Kultur zeigte, der auch noch jede Anspielung erklärte, weil man selbst das dem Publikum nicht zutraue, vor allem in der Zusammenfassung vor dem letzten Vorhang, dieser Realismus entbehrte nicht nur des Humors – kann man ja so machen – aber auch dessen Umkehrung in die Farce der Polaritäten gesund-normal-wahnsinnig, Stadt-Land, romantisches versus geldgieriges Begehren – nichts, aber nichts von all dem auch nur dramatisiert.

*

Natürlich erzähle ich das nicht herum, ich habs schon verdaut, aber mich geärgert. Warum? Weil wir genügend andere Stoffe im urbanen Diskurs haben, die dringender und folgenschwerer zur Praxis drängen als diese Bühne. Schade nur für die guten Schauspieler*innen, und die Chance für die andern, besser zu werden. (In der Pause habe ich mitbekommen, dass ich mit meinen Wahrnehmungen nicht allein war, aber beim freundlichen und enden wollenden Schlussapplaus bekommt man ja dann doch Hemmungen, gleichmäßig apathisch auf das Ende zu warten, ohne jegliche Anerkennung für die, die sie verdienen…das wird einem dann als Zustimmung  ausgelegt, wie die Bemerkungen, „Sie haben da ja auch doch gelacht/geklatscht“, ohne zu fragen worüber und warum).

*

Auch in der Provinz kann großes Theater geschehen. Nicht immer, nicht wallfahrtsmäßig entrückt, sondern einfach,  weil Kunst gesellschaftlich sich vermitteln kann, und das ist in einer komplizierten gespaltenen Stadt oft wichtiger als in der Konkurrenz der hundert Bühnen in den großen Metropolen. In Wien, Berlin oder Hamburg kann ich mir aussuchen, ob ich am Abend ins Theater gehe und wohin…das ist anderswo nicht ganz so einfach. Und Theater muss uns nachlaufen, wenns ums Angebot geht,  aber es muss uns nicht nachlaufen mit einer Anmutung, den vorhandenen Geschmack zu bedienen. Es muss schon provozieren, meinetwegen mit Leichtigkeit, aber nie ohne die Distanz, die die Kunst uns voraus hat, voraus haben muss.

Aus dem eingangs zitierten Dialog zwischen Qualtinger und Sklenka:

Erster Mime: Hast du Girardi noch gesehen?
Zweiter Mime: Ausgesprochen überschätzt.
Erster Mime: Er hatte gute Beziehungen zur Presse.
Zweiter Mime: Nur so kommt man nach Wien.
Erster Mime: Wien … Josefstadt … Volkstheater.
Zweiter Mime: (nachdenklich): Mährisch-Ostrau war besser als Teplitz-Schönau.
Erster Mime: Vom neuen Jedermann habe ich furchtbare Verrisse gelesen.
Zweiter Mime: Ich habe immer gesagt, das Stück passt nicht zu Salzburg.
Erster Mime: Vielleicht zu Linz … In Linz müsste man sein.

 

 

[1] Ilse Walter: Best of Qualtinger.Wien, München: Deuticke, 1999. S. 139

 

Jüdischer Einspruch VI: zur Kritik muss man nicht Antisemit sein, zur Migration kein Nationalist

Es geht in diesem Blog um zwei anscheinend weit voneinander liegende Probleme. Eine sich „links“ gerierende Israelkritik, die ich als antisemitisch empfinde; und die skandalöse nationalistische Interpretation des UN Migrationspaktes.

Beides hängt zusammen, enger als man denkt. Wie ein großes, müdes Wasserrad dreht sich eine Welle des Antisemitismus aus dem linken Lager seit vielen Jahrzehnten, in unterschiedlicher Verpackung und durchwirkt von allen möglichen gesellschaftlichen Machtstrukturen. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, schöpft  dieses Rad neue Nahrung in einen politischen Organismus, der keineswegs ein „neuer“ Antisemitismus, sondern stets in neuen Erscheinungsformen die ursprüngliche Aversion regeneriert. Zu all dem gibt es soviel wissenschaftliche fundierte Forschung und Erkenntnis, dass es reicht, ausgewählte Erkenntnisse – weitgehend gesichertes Wissen – anzuwenden um in den Diskurs einzusteigen.

Der UN Migrationspakt ist ein groß angelegtes kluges Kompromisspapier, das im Grunde alle rationalen und ethischen Voraussetzungen einer globalen Migrations- und Fluchtdiskussion bietet, die eine ebensolche globale Politik rahmen können und sollen. Das Beharren von Nationalisten auf nationalen Entscheidungen ist ein Bumerang: wenn globale Lösungen abgelehnt werden, sind Konfrontationen die notwendige und nicht nur eine mögliche Folge. Auch dazu können wir fast alles wissen.

Die Themen verbinden sich. Der Nahe Osten, genauer die Landbrücke zwischen Ägypten, der Türkei und „Arabien“, ist ein ständig von Migration durchzogenes Land, aber seit 150 Jahren ein ausgesprochenes Einwanderungsgebiet. Nicht nur jüdische, auch arabische Eiwanderer haben sich im zerfallenden osmanischen Reich dort sesshaft gemacht. Die Zahlen sind oft nicht vergleichbar, auch die Zeiträume und Intensitäten schwanken, aber die Siedlungsgeschichte ist eindeutig. Der Unterschied mag für die immigrierenden Menschen oft gering erscheinen, für die kollektive jüdische Einwanderung – mit und ohne Zionismus als Leitbild – war sie eine andere Form von endgültiger Flucht als für die Araber. Nicht besser, nicht schlechter, nur sehr anders (oder doch nicht?).

Aus unserer Kulturerzählung sind das jüdische Exil, die Judenverfolgungen, der staatstragende Antisemitismus und die gesellschaftliche Diskriminierung ein dominantes Element des europäischen – wenn man will, des westlichen kulturellen Gedächtnisses. Die jeweiligen Verfolgungen, Migrationswellen und Fluchtziele im arabischen bzw. muslimischen Raum sind Element von anderen Narrativen, die sich durchaus mit dem jüdischen Strang berühren, aber ganz andere Grundlagen haben.

Ich hatte diesen Blog schon zu schreiben begonnen, da kam die neue ZEIT, und im Magazin lese ich die Geschichte von dem jungen Mann mit Kippa, der zusammengeschlagen wurde. Und ein Framing zum Antisemitismus. Das passt ganz gut, bis auf die Tendenz, bei den Fallbeispielen von Antisemitismus die Aggressoren irgendwie rechts zu verorten, die linke Israelkritik kommt da nicht vor, und deren Beziehung zum Antisemitismus auch nicht. Na gut, passt auch nicht zur Story. Aber etwas anderes fällt auf: wenn man die Geschichte der jüdischen, arabischen, israelischen, palästinensischer „Herkunft“/“Heimat“/“Selbstzuordnung“ der handelnden Personen durchliest, dann bleibt nichts klares, konturiertes und gegeneinander profiliertes übrig.

Verlasst den Text, lest die Ethnogeschichte von Hebräern und Arabern, Ivrim und Aravim („Juden“, Yehudim, das kommt später), lest die Sprachgeschichte der Bezeichnungen und ein bisschen dazu. Warum die einen so und die andern so? (und scheinbar haben ja die Israeli mit ihrem jüdischen Staat gesiegt in einem Konflikt, der so gar nicht in die Zivilisationsgeschichte passt –  ich sage scheinbar, weil es darum nicht geht).

Ja, und dann lese ich bei einer linken Gruppe alle die Vorurteile, die wir den Arabern zutrauen, und wie immer vermischen sich bei Rechten wie Linken religiöse, ethnische und kulturelle Vorurteile zu einem festgefügten Panzer von Ressentiments. Unterschiedslos, bis auf die Differenz, dass die linken Antisemiten aus scheinbarer Empathie mit den Palästinensern gegen Israel sich positionieren, während die rechten Antisemiten um Israel werben, um nicht ausgegrenzt zu werden (wie jüngst die österreichischen Nazis von der FPÖ).

Zurück zum ZEIT-Text, wo alle vorkommen, Juden, Christen, Muslime, Israeli, Marokkaner, Deutsche, Syrer etc.

Die Geschichte des Staates Israel ist auch die Geschichte eines Jahrtausende währenden Migrations- und Flucht- und Vertreibungsprozesses. Die Geschichte arabischer Migrationen hängt stärker mit der Verbreitung einer Religion ab dem 7. Jh. zu. Zusammen, die der jüdischen jedenfalls nicht mit der Mission des konkurrierenden Monotheismus – das wäre der christlich-muslimische Konflikt, der nur teilweise in der Gegend spielt. Aber diese Differenz kann doch nicht zum antisemitischen Versteinerungsprozess des Ressentiments geführt haben? Hat sie auch nur sehr marginal.

Bevor ich zum Bundestag und Migrationspakt komme, kurz zum Anlass für diesen Blog: eine kleine Gruppen sich links verortender politischer Netzwerker*innen einer demokratischen Partei dreht an einem Verstärkerrad der Art, dass sie sich in ihrer Kritik an Israel schon vor dem ersten Argument absichern, sie seien nicht antisemitisch, und damit wollten sie sagen, dass, wer ihnen dies unterstellt, in Wirklichkeit ihre linke Position in der Partei marginalisiere. Kompliziert? Wenn Linke Israel kritisieren – das wird man doch noch sagen dürfen?! Äh?! – dann ist das über den Verdacht des Antisemitismus erhaben, der ja den Rechten anhaftet. In der Psychologie nennt man das Double-Bind: wann hören Sie auf, Ihre Frau zu schlagen?

Wann ist nicht-antisemitische Israelkritik, wenn sie von links kommt, von anderer Israelkritik abzuheben? Kein Zögern: schaut mal, worin diese Kritik besteht,  oder lest meinen Jüdischen Einspruch #1-5 oder…da gibt es genug. Jetzt aber zum Migrationspakt.

Es gibt kaum eine soziale Gruppe oder ein Volk, das sich derart durch Migration und Exil, durch Flucht und Assimilation oder aber Dissimilation, konstituiert und am Leben erhalten hat wie die/das jüdische. (Warum ich hier nicht von Juden spreche: vgl. meine Argumente in „Der Antisemitismus macht Juden“, 2006, und die letzten Einsprüche). Es gibt aber neben der jüdischen auch eine Vielzahl anderer Migrationswirklichkeiten und Narrative. Und dann stehen ein paar Stiesel, auch von der CDU/CSU, auf und betonen, dass der Migrationspakt die nationale Souveränität nicht schmälern oder binden dürfe. Wenn das die armen Länder sagen oder die stalinistischen Diktaturen oder andere Schurkenländer, dann heißt das Ausreiseverbot (Kennen die Deutschen bis 1989 gut). Wenn die reichen Länder aber nur Einreisen verbieten, dann nennen sie das Souveränität. Man mag das der Unbildung zuschreiben, die auch im Parlament um sich greift, aber man kann auch sagen, dass dies der Konstitution eines absterbenden Herrschaftsvolkes dient – weil ja ohne Migration in Deutschland keine Babys mehr gezeugt werden und kein Spargel gestochen wird, dazu sind sich die Nationalisten zu fein. Die 26 Stimmen der GroKo, die gegen den UN Migrationsppakt gestimmt haben, sollten deportiert werden. Erstmal nach Bayern, und wenn das nicht hilft, in ein Kikl-Lager in Niederösterreich.

Und zurück zur Israelkritik. Wer die Migrationsgeschichte des jüdischen Volkes nicht begreift, sollte zu Israel ganz leise sein. Wer die Nachgeschichte der Nakba nicht akzeptiert, sollte erst ihre Vorgeschichte studieren, ab den Massakern von Ramle 1929, aber jedenfalls 1947/48. Dann, und nur dann, kann man solidarisch mit den Palästinensern sein, und Israels Okkupationspolitik kritisieren, ohne den Antisemitismus zu brauchen. Aber scheinbar ist der ein wirksames und notwendiges Instrument für bestimmte Linke. Für die Rechten sowieso.

Nachtrag: In der Psychoanalyse geht der Spruch: wenn der Analysand alle Frauen aufzählt, aber sagt: die Mutter wars ganz bestimmt nicht, dann war es die Mutter. Wenn einer sagt,  ich bin gewiss kein Antisemit, aber das und jenes an Israel kritisiere ich, dann ist dieser ein Antisemit, sonst braucht man das nicht dazu sagen.

 

 

Zurück, ihr Wiedergänger!

Wenn einer der Wiedergänger eines anderen ist, und dieser furchtbar war, der neue aber furchtbarer – oder lächerlich, dann kommen die Vergleichsforscher und verweisen auf die Unterschiede; die politischen Menschen konzentrieren sich eher auf die Gemeinsamkeiten.

Da hatte HME einmal daneben gegriffen, bei Hitler und Saddam Hussein (Der Spiegel 6/1991, 4.2.1991 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13487378.html (28.11.2018), aber als kluger Analytiker nicht ganz. Und sein Abschluss schwingt oft mit: Woran Hitler und Saddam gescheitert sind, am Endsieg, das heißt, an der Endlösung – ihrem nächsten Wiedergänger könnte sie gelingen.

Saddam und Hitler, schräge Vergleiche und schräge Schlussfolgerungen, aber dann doch: wem kann die Endlösung aller Endsiege gelingen? Ich wüsste heute mehr zu nennen als Enzensberger damals zur Verfügung standen, Finis terrae allemal.

*

Wiedergänger sind ja beliebte Figuren: bei der einen Tür raus, bei der andern wieder rein. Trotz des gruseligen Themas habe ich eine Farce entdeckt, die an drastischer Komik kaum zu überbieten ist, traurig aber wahr. Der Seehofer, natürlich, der fremde Blindgänger, hat als Minister plakatieren lassen, Migranten, geht zurück in eure Heimat, wir zahlen euch dort ein Jahr lang die Wohnung und wollen ja nur, dass  ihr dort für eure Heimat etwas macht, etwas richtig gutes.

Sagt eine junge Frau: Stehe hier und möchte mich bei jedem Passanten, der verstört auf das Plakat sieht und sich adressiert fühlt, entschuldigen. #Fremdschämen für meine derzeitige Regierung und die Tage bis zur nächsten Wahl zählen.

 

An vielen Bahnhöfen kann man die Plakate finden: „Dein Land. Deine Zukunft. JETZT!“ – mit dieser Werbebotschaft will die Bundesregierung Geflüchtete zur Ausreise bewegen.

 

Dabei ist das ganze ja ein wunderbares Missverständnis. Der Seehofer will Migranten loswerden, damit sie das, was sie in Deutschland gelernt haben, in ihrer Heimat vergessen oder anwenden, er kanns ja nicht lenken und kontrollieren. Dafür bezahlt er jedem/r ein Jahr lang die Miete, z.B. in Aleppo, Kabul oder Mali. Dann vergisst er den Einzelfall, es zählt ja nur die Nummer des Transports. Der Migrant wird zum Brain Gain für seine Heimat, bevor der Mietvertrag ausläuft; danach wird er zum Brain Drain und will wieder nach Deutschland. Recht hat er, die deutsche Wirtschaft ruft ja nach ihm oder ihr. Schließen waren die ja alle einmal in Deutschland ausgebildet. Und deshalb plakatiert der Seehofer, oder sein Parteifreund, der Müller, in den Fluchtherkunftsländern: geht nach Deutschland, dort bekommt ihr Arbeit! Aus den Wiedergängern werden Wiederkommer. Und Wohnungen können wir denen doch auch anbieten, die nehmen wir nämlich den Deutschen weg, die für dieses Geld ohnedies nicht arbeiten wollen.

Und darüber regen sich jetzt auf a) die Migranten (undankbar) b) die Deutschen (Gutmenschen), c) die Wirtschaft (Transaktionskosten steigen), d) die Polizei (die kommen ja alle wieder, jetzt als Billiglöhner, Gefährder oder Attachés).

Ich find den Seehofer gut, tätige Reue: hält die Zirkulation des Humankapitals am Laufen. Drehtür: Haut ab – kommt her – haut ab – kommt her!

*

Aber da ging es doch zuerst um Hitlers Wiedergänger. Neue Saddams gibt es dutzendweise. Neue Hitlers ? – wissen wir nicht so genau, die entpuppen sich, wenn es zu spät ist. Und was hat das eine mit dem andern zu tun? Das ist der Grund, warum ich so begonnen habe und jetzt weiterschreibe.

Keiner kommt so wieder, wie er gegangen war. Natürlich nicht, sagt die Biologie, und die Metaphysik der zyklischen Geschichtsverständnisse möchte wenigstens, dass er in anderer Gestalt wiederkommt, ob er sich nun weiß oder nicht. Wissen wir so genau, wie unterschiedlich die Gemütsverfassung eines Orban oder Putin oder Trump sich zum jeweiligen Vorgänger verhält, wissen wir das wirklich? Eine Menge von Paralytikern hatte sich zu Zeiten für Napoleon, Goethe oder auch Gott gehalten. Eine Menge von Diktatoren möchte heute vollenden, was die Frühvollendeten übrig gelassen haben. Viele aufmerksame, sensible!, Beobachter nehmen die „andere Gestalt“ besorgt, verängstigt wahr.

Einschub: eine recht konservative Dame, Jg.  1928, pflegte zu stöhnen, dass es „so etwas unter dem Hitler nicht gegeben hätte“, z.B. Taschendiebstahl, Prostitution und herumlungernde Jugendliche (alles falsch, aber richtig erinnert…). Nun sagt deren Wiedergängerin vielleicht, da komme einer daher, unter dem dies alles wieder nicht geben solle – und der erfährt es, und fühlt sich bestätigt. „So etwas“ ändert sich weniger als die Erscheinungsform der Wiedergänger. Sehr dialektisch: an den Objekten könnt ihr erkennen, wessen Herrschaft gewünscht wird. Taschendiebstahl, Pornographie, unpünktliche Züge…und was es alles damals nicht gegeben hatte.

Gegen die Wiedergänger helfen die Wiederkommer. Leute, wir schaffen das.

Nachtrag:

Die Frage, wie ich Hitler/Saddam/Enzensberger mit dem angstblühenden deutschen Innenminister in Beziehung bringen kann, hat viele Antworten, je nachdem, wie tief jemand gräbt. Seehofer ist kein Hitler, kein Saddam, kein Nazi…obwohl, wer wusste wann, was aus jemandem werden konnte? Nein, dass ich beiden Erzählungen verzwirbelte, hat andere Gründe, nicht zuletzt um die Aufmerksamkeit zu schärfen. Nicht nur, warum ist etwas gekommen, sondern: was wird werden?

Des weiteren: heute vor 125 Jahren wurde Ernst Toller geboren. Im DLF wurde anlässlich der Werkausgabe bei Wallstein, eine sehr gute biographische Darstellung. Und zentral für meine Argumente ist eine Schrift in der Weltbühne 1930:

7. Oktober: In der „Weltbühne“ erscheint Tollers Artikel „Reichskanzler Hitler“, der die Ereignisse ab 1933 vorwegnimmt.Und fast alles, was kurz danach geschah, wird dort vorweggenommen. Von wegen: wir hätten das nicht erwartet, wie denn auch? So, Herr Seehofer, Herr Salvini? So, ihr dünnbrettigen nationalen Kleinstgeister (über 100 Stimmen im Bundestag heute beschwören die Unverbindlichkeit des UN Migrationspakts, und natürlich lehnen die Nazis von der AfD ihn ab; die meine ich nicht, die anderen, so genannten Demokraten,  – ich wünsche diesen Menschen, dass sie  in ihrem Leben noch einmal flüchten müssen und dann auf sich selber stoßen. und zwar in  den von Herrjn Seehofer angebotenen Deportationsländern.

Prüde, zur Sonne, zur Freiheit

Aufgrund eines seltsamen Bündnisses von strenggläubigen Leitkulturaposteln und gendersensiblen Korrektheitseliten hat die Bundesregierung mit der Zustimmung aller Parteien und vor allem dem Schamgefühl der Bevölkerung beschlossen, zusätzlich zur Sozialgesetzgebung endlich die Sexualgesetzgebung in die Hand zu nehmen und Sexualgesetzbuch zu verfassen. Kleinen Minderheiten gegen dieses Vorgehen steht natürlich im Rahmen der Meinungsfreiheit Widerspruch zu, der aber in züchtig angemessener Form vorzutragen und zu den Akten zu legen ist. Protest ist auch im Rahmen der sittlichen Priorität durch Veröffentlichung von Namen und Wohnort der Kritiker gesellschaftlich abzusichern.

Kerngedanke ist, die Sexualität, ein wilder Überrest der Evolution von Säugetieren, gegenüber der Zeugungsverantwortung des Homo Postsapiens abzugrenzen. Weshalb die Maxime lautet: Fortpflanzung darf nur in vitro und ohne direkten geschlechtlichen Kontakt zwischen den Elternteilen erfolgen. Leihmutterschaft ist zu begünstigen. Kinder, die durch die veraltete traditionelle Methode des –> Geschlechtsverkehrs gezeugt werden, sind entweder Halbmenschen i.S. der Wortwahl von –> Lewitscharoff[1], und damit vom Erbrecht ausgeschlossen, oder werden als Gefährder in Abschiebeprozeduren eingepasst, sofern ein oder beide Elternteile nicht deutschen Blutes sind.

Die Verhinderung geschlechtlicher Kontakte im Zusammenhang mit der erwünschten Vertiefung sozialer Bindungen schließt begehrensgestützte Kommunikation („Flirt“) aus. Deshalb  ist der zweite Grundsatz ein generelles Flirtverbot. Dies muss natürlich strafrechtlich ausgestattet werden, z.B. durch § 6969 StgB: „Wer mit anderen flirtet oder diese zum Flirten verleitet, oder sich verleitet dem Flirten hingibt, wird mit nicht unter zwei Wochen Rosamunde Pilcher bestraft“. Die sogenannte Anmache wird dann schnell ein Ende haben, und die verlogene MeToo! Debatte ebenfalls: die will ja nur den Missbrauch, aber nicht den Gebrauch der Geschlechtseigenschaften beenden und ist verkappter Feminismus, also ein Angriff auf die Manneswürde.  (Immanuel Kant: Ehe (matrimonium), das ist die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften. (Metaphysik der Sitten I))[2] (Derselbe: Das Weib wird durch die Ehe frei; der Mann verliert dadurch seine Freiheit. (Anthropologie 2, B), Na, das ist ja eine Freiheit…Das sind doch schöne Aussichten. Aber wie kommen die beiden, Mann und Weib, von den anderen  gar nicht, zusammen? Ganz einfach: entweder durch unzugängliche Vorsehung und Geschick: Rousseau hat seine fünf Kinder mit Therese Levasseur eher durch die Enge der Umstände gezeugt und wohl deshalb ins Waisenhaus gebracht (wogegen ja nichts spricht?)[3] oder aber durch eine leitkulturgesättigte Politik, die zusammenfügt, was zusammen gehört. Steuerlich begünstigt wird hier nur die so genannte Initialehe, d.h. geheiratet wird die erste Kontaktperson, weil ja mathematisch jede spätere ohnedies nicht besser wäre (man kann hier auch ein Auswahlverfahren a la  Paris ins Auge fassen: bei seiner Wahl war ja Flirt auch nicht vorgesehen. Für Verfassungsrechtler ein weites Feld….).  Kontaktanbahnung entweder traditionell (landbesitzende Cousins/Cousinen) oder urban (man trifft sich vor der Sonntagsmesse und geht danach zu den Schwiegereltern) oder naturalistisch (Als sie am Morgen erwachten, war sie schwanger und er noch  da).

Die neue Verordnung reinigt endlich auch die Literatur: Ulysses, Lolita, Lady Chatterley, und ca. 5412  lieferbare Titel werden verboten oder in gereinigter Form (z.B. die Mutzenbacherin als Bambi und nicht nur wie Bambi) einem erwachsenen Markt angeboten (ab 23 Jahren, mit Leumund des Vaters). Geschlechtsteile und Augenwimpern werden im Film und TV geschnitten und durch Sinnsprüche ersetzt. Z.B. Matth. 5, 28: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen (Textbibel 1899). Ist doch klar, senkt eure Blicke, und die Sittenpolizei wird euch wohlgefällig weitergehen lassen.

Die Verordnung wird weiterhin ein Verhüllungsgebot beinhalten. Das hat allerdings den Nachteil, dass man, wenn es nun zu einer Enthüllung kommen muss, zB. beim Autofahren oder beim Arzt, zu Überraschungen kommen kann, denen Menschen mit dem Flirtroulette – man flirtet sozusagen auf Verdacht – zu entgehen suchen, welches also auch bestraft werden muss.

*

Dafür habe ich euch am 11.11. um 11 Uhr einigen Spaß vorenthalten.

[1] „Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/lewitscharoff-ueber-kuenstliche-befruchtung-halb-mensch-halb-kuenstliches-weissnichtwas-12834554.html (26.11.2018)

[2] https://www.aphorismen.de/suche?f_rubrik=Aphorismen&f_thema=Ehe&f_autor=1993_Immanuel+Kant

[3] https://300jahrerousseau.wordpress.com/start/wer-war-therese-levasseur/, Zu diesem Problem sollte man weniger die formalen Biographen zu Rate ziehen als vielmehr Ludwig Harigs Kapitel: Rousseau und Therese Levasseur schlafen in einem Bett in: L.H. Rousseau – Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn, München 1981 (dtv), 85-99

Universität findet statt. Republik auch.

Kaum zu glauben, wie sehr Worte und Begriffe gesellschaftliche Begebenheit überbauen.  1968 ist in vieler Munde, als Jubiläum (hä….?), als Anlass Geschichte zu korrigieren, auch die eigene, als Merkposten in der Gegenwartsdiagnose. Ein Wort hat sich eingegraben: „Studentenbewegung“. Weltweit, europäisch, vor Ort. Studenten haben sich bewegt, Ho-Ho-Ho-Chi Min skandiert oder andere rhytmische Chöre den Bewegungen ihrer studentischen Körper angepasst.

Das alles hat mit einem der Ausgangspunkte – Orten in meist urbanem Umfeld – zu tun: den Universitäten. Darüber wurde einiges geschrieben, geforscht und vergessen, und in diesem Jubiläumsjahr: 1918 steht da vorne, 1968 ist ein wichtiges Datum, es gibt ohnedies kein Jahr ohne Gedenken, in diesem Jubiläumsjahr wird also auch der Universität gedacht, die nach 1968 nie mehr so werden sollte wie sie davor war. Ein willkürliches Datum,  je nach Staat, Gesellschaft und Hochschulsystem variabel, aber dann zusammengefasst in einem Jahr, das scheinbare Gleichzeitigkeit und deshalb Wirkung anbot.

Studenten, das konnte man damals noch sagen, heute ist man korrekter bei Studierenden, Student*innen usw., auch das Gendern begann irgendwann im Nachzug der Studentenbewegung.

Nicht mein Thema heute. Sondern: gabs außer den Studis nicht noch andere – Assistenten, Professoren, Verwaltungsmenschen, Hochschulpolitiker, – und natürlich gab es Hochschulpolitik. Die Trennung von Bildungspolitik und Hochschulpolitik wurde weder systematisch noch logisch stringent gemacht, und Rollenwechsel im Kontext – man könnte von einem „Theater“ sprechen – waren an der Tagordnung. Auch bei mir.

Vor mir liegen zwei Bücher, die mich sozusagen einholen. In beiden setzen sich die Autoren als wichtioge Akteure – damals – und Interpreten – heute in Szene.  Ich kenne beide ziemlich gut, deshalb ist das Folgende weniger eine Rezension als eine Überlegung zu zwei Thesen, je einer von Jürgen Lüthje und Ulrich Teichler.

Lüthje nennt die Anthologie seiner Reden und Aufsätze „Die Universität als Republik“ (Berlin-Hamburg 2018, Reimer). Teichler holt aus: „Der studentische Protest der 1960er Jahre und die Entstehung der Hochschulforschung in der Bundesrepublik Deutschland“, in Hechler/Pasternack 2018, 179-203[1].

Ich bin parteilicher Leser. Lüthje wurde 1991 Präsident der Universität Hamburg, nachdem er 1986-1991 „mein“ Kanzler an der Universität Oldenburg gewesen war. Davor war er dort schon Kanzler gewesen, hatte mit meinem Vorgänger um die Unileitung konkurriert, und war noch früher ein wichtiger Hochschulpolitiker und Reformer im Umfeld der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Bundesassistentenkonferenz. Teichler, ein maßgeblicher und jahrzehntelang dominierender Hochschulforscher, hatte einen ähnlichen gewerkschaftlichen Hintergrund, war am MPI für Bildungsforschung in Berlin und später an der  Gesamthochschule Kassel tätig.

Teichler kommt selbst aus der Friedensbewegung und sein erster beruflicher Lebenslauf vom Studenten hin zum und im MPI für Bildungsforschung unter Dietrich Goldschmidt ist nicht untypisch. Goldschmidt war nun ein Professor und Präzeptor der Hochschulforschung. Teichlers Hauptthese ist, punktuell gut belegt, dass die spezielle Hochschulforschung aus der studentischen Politik hervorging – und die Verfasser von Hochschule in der Demokratie (1965) allesamt später Professuren erhielten. (am ehesten war noch Wolfgang Nitsch ein Hochschulforscher, UK Preuss und Claus Offe gewiss nicht, Uta Gerhardt in between).  Im Lauf der historisch differenzierten Darstellung verschiebt sich der Fokus: das protestgestützte Anvisieren der Hochschule durch die Studenten hatte schon früher begonnen, und begann nach 1968 zu dissoziieren, während der Hochschulforschung diesen Protest als Katalysator und nicht kausal nutzte. Ich empfinde die Darstellung als etwas einseitig, weil sie einerseits die Hochschuldidaktik zwar erwähnt, aber als ein Korrelat zur polit-ökonomischen Reformpolitik ab den 1960er Jahren die wichtige Differenzierung zwischen Hochschul- und Wissenschaftssystem nicht wahrnimmt: diese Differenz, die sich im etwas sinnarmen „Forschung und Lehre“ deutscher Tradition niederschlägt (anstatt Forschung und Studium  zu einander in Beziehung zu setzen). Teichler war ein großer Bildungsökonom und hat ein ganzes Forschungsfeld auch der vergleichenden Hochschulforschung und ihrer Schnittstelle mit der wissenschaftlich fundierten (Berufs)tätigkeit geöffnet. Teichler vermag weniger die kausale Linie von Studentenbewegung und Hochschulforschung zu präzisieren als er einen tiefen und wichtigen Einblick dazu gibt, wie die Hochschule als Problem zum Thema ihrer selbst wird und dort institutionell sich verankert, um Wahrnehmung, Anerkennung und Wirkung mit anderen konkurriert. Wenn man die meisten der hier erwähnten Akteur*innen kennt – und auch die nicht erwähnten in ihrem Handeln und ihrer Wirkung einbezieht – hat Teichler einen sozialen Raum geschaffen, in dem auch die Akteur*innen ihre Machtpositionen und ihre Marginalisierung erfahren. Liest man sehr genau, erkennt man, warum sich an deutschen Hochschulen einiges verändert hat, wir aber im Wissen um den Antagonismus von Wissenschaft, Forschung, Studium und Statuszuweisung eher nicht an der Spitze der marktgängigen Rankings sind.

Der Diskurs, das verästelte Reden über die Universität, in allen Fasern der Gesellschaft, kommt hier zu wenig vor: aber er bringt ja auch eine Generation nach der nächsten von Studierenden und ihren Lehrenden hervor, und hält sich unheimlich starr am Leben. In meiner Zeit in Oldenburg gabs einmal eine Studiliste, die sich „Links und unbelehrbar“ nannte, naja, nicht erfolgreich, das waren aber die andern Listen auch nicht. Und die Lebensbedingungen mit der Wissenschaft, an und um die Hochschulen herum, also die Kultur und den gesellschaftlichen Austausch, hatte Teichler früher einprägsam mit dem „Eigentlichen“ und dem „Uneigentlichen“ der Hochschule beschrieben.

Hier setzt der Titel von Lüthje an, die Universität als Republik. In dem Jahr, als Lüthjes Textsammlung einsetzte, erschien bei der Heinrich Böll Stiftung ein kleiner Band: Mein Beitrag im Titel lautete: „Entstaatlichung und Veröffentlichung. Die Hochschule als republikanischer Ort“, Jürgen Lüthje und Henning Schrimpf steuerten das Programm bei: „Eine neue Hochschulpolitik: ökologisch, demokratisch, sozial“ (Daxner 1991). Von daher, nicht zufällig,  Lüthjes Titel zur Republik. Mich hatte das Thema nie verlassen, und in meinem wichtigsten Buch zur Hochschulreform heißt ein Kapitel Programmatik: republikanisch, ökologisch, sozial (Daxner 1993). Das Motto meint ein republikanisches Prinzip, formuliert von Alfred Grosser, bei einem Vortrag in Oldenburg: „Der Bürger muss sich regierend denken, um zu wissen, was er von der Regierung fordern kann“ (S. 54). Dies ist auch ein Motiv für Lüthje, der ja immer an der Schnittstelle von Politik, Verwaltung und Wissenschaft nicht aus der letzteren kam, sondern in sie hineinwirkte. Es ist sehr schade, dass Lüthjes Texte mit einer Ausnahme (Wissenschaftsfreiheit durch Mitbestimmung 1970) alle erst im Vorfeld von und mit seiner Präsidentschaft in Hamburg beginnen. Seine Hochschulreformvorstellungen sind in einem komplizierten Vermittlungsprozess eingebettet, in dem er der Stadt Hamburg  klar machen will und muss, was sie an der Universität hat und was sie von ihr wollen soll. Angesichts der seit 100 Jahren vorherrschenden Skepsis des gehobenen Wirtschaftsbürgertums gegenüber einer Universität kein leichtes Unterfangen. Lüthje kommt zugute, dass er nicht aus der Wissenschaft, sondern in sie hinein politisiert, ihr eine „Form“ geben will, die demokratische, partizipative, republikanische – und dazu eben dieses Bürgertum braucht. In seinem Buch steht ein Katalog von Forderungen an Staat und Gesellschaft, aus dem Teichlers Hochschulforschung ihre Themen und Aufträge nur zum Teil erhält. Der andere Teil geht in die Wissenschaften, für die die Hochschule ein Objekt, aber nicht ihre lebensweltliche Wirklichkeit ist. Was mir an diesem Buch fehlt ist die Geschichte, wie Jürgen Lüthje Präsident einer Universität werden wollte und konnte. Denn da steht ja der Anspruch des politischen Bürgers, dorthinein regieren zu wollen, wo sich Elfenbeinturm oder professionelle Wissensvermarktung ihre Domänen so gerne sichern.

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Das liest man beides mit dem etwas grantigen Interesse, nach 45 Jahren Wissenschaft und Universität die Veränderungen des Systems Hochschule sich so wenig verändern zu sehen; sie ist halt ein langsames System, in dessen Fugen und Brüchen unentwegt interveniert wird – von Politik, von Partikularinteressen, von Verlagen, studentenfreien Forschungsinstituten, Think Tanks, der Presse, aber auch Eltern, Berufsverbänden, Fachgesellschaften und einer unglaublich zählebigen Verwaltung, die ihren Habitus so langsam ändert wie der Homo Academicus (Bourdieu 1988). Dass der noch immer gültige Grundlagenliteratur zum Verständnis der Universität ist, stimmt so wenig fröhlich wie die Tatsache, dass die Wissenschaftsfreiheit und die Autonomie der Hochschule zwei Seiten einer Medaille sind, die im nationalen und supranationalen Verständnis noch immer an staatliche Regeln gebunden sind, die zu wenig Republik und zu viel Machterhalt zeigen.

Lüthje hatte in seiner Amtszeit den Vorteil, dass er die Sozio-Ökonomie und die Politökonomie einer Universität besser verstand als viele seiner Professor*innen. Das hatte er in den langen Jahren des studentischen Protests, der parteipolitischen Wissenschaftspolitik, der Arbeit in der Verwaltung von Wissenschaft gelernt und vor allem praktiziert.  In den hanseatischen Habitus und den einer großen und erfolgreichen Universität einzusteigen, war sicher schwierig und durfte in den seltensten Fällen gezeigt werden. Die Stadt-Republik ist noch etwas anderes als die Uni-Republik, und die Osmose habe ich oft selbst miterlebt.

Die Reformschwäche der deutschen Universität ist nicht nur teilweise selbst verschuldet, sie geht systemisch auf den großen Humboldt zurück, dessen Reformen ja auch darauf gerichtet waren, in der preußischen Monarchie eine französische Revolution zu verhindern, ohne auf die Aufklärung verzichten zu müssen. Das war über lange Zeit ganz erfolgreich, hat aber das Unsichere, das Risikoreiche, und zugleich das fundamental Widerspenstige des wissenschaftlichen Denkens nie aus der staatlichen Kontrolle entlassen, bis heute gilt der Artikel 5 (3) des Grundgesetzes als Garant eben dieses Verhältnisses. Lüthje und Teichler haben auf ihre Art dazu beigetragen, dass sich der Klammergriff etwas lockert, aber bei Haushalt und Berufungen sitzt der Staat noch immer im Wächterhäuschen. Heute sehe ich viel gefährlicher an, dass die außeruniversitäre Forschung die Hochschulen zunehmend austrocknet, dass die Studienbedingungen den erwachsenen Student*innen von heute in Deutschland schlechter gerecht werden, als anderswo, dass die bibliometrische Hysterie und der Kontrollzwang der Reviews  jede Eventualität marktgerecht reduzieren, und dass alles in formalisierten Verfahren aufgelöst wird, die nicht mehr, sondern weniger legitimieren. Dazu kommt der Klassenkampf, dass nichtstudierte Bevölkerungsmehrheiten durch ihre Steuern ein kostenloses (und auch deshalb schlechteres) Studium finanzieren, dessen Ergebnisse sich oft gegen sie wenden…Mit einer bloßen Steigerung der Immatrikulationen kann man dem nicht begegnen.

Die Republik in der Republik. Mehr Beteiligung der Bürger*innen an der Wissenschaft, mehr Autorität der Wissenschaft gegenüber den Regierenden (Klimawandel!), weniger restaurative Professorenabschottung gegenüber denen, die ihnen folgen müssen und doch kein Nachwuchs sind, sondern Wissenschaftler*innen wie sie selbst…Go back to square one. Viele verlorene Jahre und wenig stabile Erfolge…naja, ein paar Sachen sind schon gelungen: die Genderfrage ist offenbar, das Nichteigentliche der Hochschule, also das lebensweltliche Umfeld, ist bedeutsamer geworden, und der Legitimationsdruck auf die Wissenschaft wächst – zu Recht. Schade nur, dass vieles erkauft wurde, statt gut republikanisch im öffentlichen Raumausgehandelt worden zu sein.

 

 

Bourdieu, P. (1988). Homo academicus. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

Daxner, M. (1991). Entstaatlichung und Veröffentlichung: die Hochschule als republikanischer Ort. Köln, Heinrich-Böll-Stiftung.

Daxner, M. (1993). Die Wiederherstellung der Hochschule: Plädoyer für eine Rückkehr der Hochschulen in die Politik und die Gesellschaft. Köln, Heinrich-Böll-Stiftung.

 

[1] Die Zeitschrift „die hochschule“ erscheint im 27. Jahrgang,Heft1-2/2018 befasst sich mit dem Verhältnis von „Innen“ und „Außen“ der Hochschule  unter dem Titel „Arbeit an den Grenzen“. Herausgeber Peer Pasternack kommt aus der ostdeutschen Studentenpolitik und hat u.a. bei mir promoviert. Das HoF (=Institut für Hochschulforschung) Halle-Wittenberg hat eine von der westdeutschen stark abweichende Geschichte, die von Pasternack nachdrücklich geprägt wurde und ein seltsames Produkt der Vereinigung ist.