Wieder ein Abschluss

Gestern, am 4.11.2022, habe ich meine Mitgliedschaft im Hochschulrat der Philipps-Universität Marburg (PMU) beendet, früher als meine Amtszeit gelaufen wäre, aber nach 10 Jahren und über 50 Sitzungen. Damit wird eine Erneuerung des Hochschulrates erleichtert und ich muss mich nicht in die Medizin des Uniklinikums einarbeiten, was Angelegenheit des ebenfalls zurückgetretenen Vorsitzenden war. Was mich – neben den wirklichen Abschiedsgefühlen – beschäftigt hat, war der Abschied von der Hochschulpolitik an der Uni, an der ich mich 1973 erstmals auf eine Professur beworben hatte (die Stelle wurde kurz nach meiner Anhörung gestrichen, ich wurde kurz darauf nach Osnabrück berufen). Der Kreis schließt sich, und vieles, das vor 50 Jahren aktuell war, ist heute hochschulpolitisch noch nicht viel weitergekommen – Deutschland insgesamt verliert im Bereich der wissenschaftlichen Bildung und Ausbildung, auch in vielen Bereichen der Forschung. Nun ist Marburg nicht nur 600 Jahre alt, sondern eine sehr angenehme, studierendenfreundliche, soziale und politisch gut platzierte Universität in einer guten Stadt, es ist auch ein Ort der wissenschaftlichen Freundschaften geworden (Kosovo, Konfliktforschung, Ethnologie) und ich konnte meine eigenen Erfahrungen mit Universitätsleitung und -Politik gut vergleichen mit der Entwicklung 20 Jahre danach. Also kein trauriger, sondern ein pragmatischer Abschied, der zugleich einen biographischen Kreis schließt, der noch mehr persönliche Bezüge aus der Vergangenheit enthält. Nun ist das von einem Tag auf den andern zu Ende, die Erinnerungskultur beginnt und wird vielleicht bei einem Kolloquium oder einem Sommerfest aufgerufen, aber das Kapitel ist geschlossen.

Das hat eine persönliche Seite, aber auch eine politische. Wissenschaftspolitik und Hochschulpolitik führen in Deutschland ein Schattendasein, trotz enorm verwendeter und verschwendeter Geldmittel. Allzulange hat man auf eine konstruierte und teilweise erfolgreiche Tradition gebaut, und als wir um 1968 eine echte Reform versucht haben, ist diese an vielen, widersprüchlichen Spezifika der deutschen politischen Kultur und des Staatsüberhangs gegenüber der Wissenschaft gescheitert (Vgl. Michael Daxner: Die Wiederherstellung der Hochschule, Köln 1993, Böll). Heute wäre meine These, dass hier auch die gesellschaftliche Indifferenz und nicht nur eine abwegige Staatsverwaltung eine echte Autonomie und vor allem Verantwortung gegenüber den Studierenden behindert hatte, auch dass der Föderalismus die Ausbildung behindert hatte und die außeruniversitäre Forschung durch Bundespolitik begünstigte. Egal…ich hatte mich schon lange aus der europäischen Hochschulpolitik zurückgezogen, jetzt auch aus der deutschen.

Finis, das ist auch biographisch eine Wende, denn ab jetzt kann ich erzählen, und ab jetzt hat die Erzählung wenig Einfluss auf meine Praxis.

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Am Ende bleibt ein doch erinnerungswertes Rundumgemälde meiner Präsenz im Hochschulrat: eingeleitet und nach einigen Stunden beendet durch eine Bahnverbindung, deren summierte Verspätungen ein Seminar über ein Semester ermöglicht hätten; oft musste ich übernachten und das war gut, weil es mir ermöglichte, vor den Sitzungen durch die morgendliche Stadt zu streifen oder einfach mich weiter vorzubereiten, und abends konnte man Freunde und Kollegen treffen, die man sonst lange nicht sieht. Manchmal nach Wiesbaden, ins Ministerium, unter der jetzigen Ministerin besonders angenehm, grün bleibt grün, und so war auch das eine gute Zeit.

Das schreibe ich, weil es etwas abschließt, das nicht mit meinem Alter und meiner Lebenskurve zu tun hat, sondern mit zehn Jahren des lebendigen Lebens.

P.S. Ich glaube, ich hatte nie jemandem erzählt, dass ich am Abend nach meiner ersten Anhörung im Wirtshaus um meine Brieftasche erleichtert wurde, weil ich stundenlang auf den späten Nachtzug warten musste. Das hat mit der Uni nichts zu tun, und eigentlich mit mir auch nicht.

Religion schadet? Global, lokal,…

Nicht alle Konservativen sind Faschisten. Nicht alle Faschisten sind Nazis. Nicht nur die Linken bestimmen, was rechts ist und wo der Faschismus beginnt, nicht nur die Rechten bestimmen, wo sie zum nicht-demokratischen Populismus legitimiert sind. Trivial?

Untersucht man nur die Sprache und die politischen Diskurse, fallen oft die flachen und unlogischen Strukturen auf; man sollte dabei auch auf sich zeigen, und die eigenen Urteile einer Identitätskritik unterziehen: denn der Blickwinkel ist ja nie objektiv, sondern müsste stärker kritisch untersucht werden.

Die Vorsicht, mit der mehr oder weniger wichtige PolitikerInnen mit diesen Totschlagbegriffen umgehen, ist auch außerhalb der Diplomatie häufiger peinlich als nichts sagend.

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Die Analogien von Putin zu Hitler, von beiden zu Stalin, die Unterschiede und Analogien zu China, und die oft unangebrachte Vorsicht, die Unterschiede zu den USA klar zu benennen, sind im globalen Diskurs schon ziemlich befestigt.

Auf der Weltebene ist das halt so übermächtig, da kann man eh nichts machen, raunzt der Wiener. Da schmiegt man sich eben an die kurzfristigen Apportierer von Dividenden an, ohne die geht’s den Uiguren, Kongolesen und anderen Unterdrückten auch nicht besser, und die Neoliberalen bestimmen auch dann das Feld, wenn sie diesen Titel von sich weisen oder nicht buchstabieren können.

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Wenns nicht global ist, sondern nur aus der Weltsicht betrachtet wird, dann mischt sich die praktische Lähmung auch noch mit Blindheit. Im Letzten Blog hab ich einige Fenster zum Thema in Südtirol geöffnet. Jetzt packt gerade der Hamburger Hampel seine Tasche für China, und hört nicht auf Annalena Baerbock oder Bütikofer, sondern nur auf die Alsterschmarotzer, jetzt muss man mit den Faschisten Erdögan als Vermittler für die Weizenschiffe schonen, jetzt sieht man, wie die jüdischen Menschen genauso blöd sind wie der Rest der Menschheit (Wahlergebnisse rechts von Netanjahu), jetzt sind die Palästinenser wieder Zeugen ihrer eigenen inhumanen Selbstsicht, JETZT…Schauen wir noch einmal auf Netanjahu:

„Denn diese Partner sind höchst problematisch, weil sie das Schwergewicht der Macht an die Ränder der Gesellschaft verschieben. Da sind zum einen die beiden ultraorthodoxen Parteien Schas und Vereinigtes Torah-Judentum, die Politik aus Prinzip allein für ihre fromme Klientel betreiben. Statt fürs Gemeinwohl kämpfen sie für die Befreiung ihrer Wählerschaft von der Wehrpflicht oder die staatliche Finanzierung ihrer religiösen Schulen.

Zum anderen – und noch bedrohlicher – gilt das für Netanjahus Bündnis mit den politischen Pyromanen, die als „Religiöse Zionisten“ nun zur drittstärksten Kraft im Land aufgestiegen sind. Diese Truppe von radikalen Siedlern, waffenschwingenden Araberhassern und Homophoben preist dies als göttliche Fügung. Doch in Wahrheit sind auch sie Geschöpfe Netanjahus, der sie aus Machtkalkül aus dem Dunkeln ins Licht holte.“ (SZ 3.11.2022). Und das muss man erklären, nicht hinnehmen.

Die besonders klugen (Profs, Studis) erklären mir jetzt, JETZT, wie alles mit allem zusammenhängt. Dies kann man, kann ich, widerlegen, aber es ist nicht einfach.

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Demokratien sind so gut und lebenswert, weil sie auch dann erfolgreich sind, wenn sie „schwach“ sind. Aber was heißt „schwach“? Sie haben, wir haben Feinde im Inneren, weil die Interessen die Einsicht übertönen, und im Äußeren, weil nur die Ökonomie global ist, und die Politik dahinter zurückbleibt. Man kann auch Marx und Hannah Arendt dazu lesen, aber noch näher läge die Frage, warum sich die menschliche Evolution der Einsicht in die Wirklichkeit verschließt. Mein Lieblingsthema: Wahrheit unterliegt der Wirklichkeit, nicht umgekehrt.

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Offenbar haben Aufklärung und Evolution eine Vielzahl – nicht die Mehrzahl? – von Menschen dazu gebracht, sich politisch eher rechts und gegen die Verantwortung des freien Willens zu engagieren. Hättet ihr das von Israel gedacht, oder von den nachkolonialen Gesellschaften im Nahen Osten und Asien, oder von Ungarn und Polen und vom sozialdemokratischen Vorbild Schweden? Oder von der österreichischen Volkspartei?

Die ÖVP erwähne ich, weil sie aus zwei Diktaturen, dem Austrofaschismus und den Nazis, ganz unterschiedliche Materialien zur Weiterexistenz gezogen hatte. Und weil ihre austrofaschistische Vergangenheit, wie bei vielen konservativen Parteien, eng mit Religion verbunden war. Dass alle Religionsgemeinschaften Faschismus-affin sind, kann man beweisen, es bedeutet nicht, dass jeder Glaube so ist. Aber die Kirchen, v.a. die monotheistischen sind das, immer im Kampf mit ihren vernünftigen, aufgeklärten Gegnern. Nicht nur die christlichen Kirchen, Islam und auch das Judentum (siehe nationalzionistische teilweise kriminelle Parteien in Israel). Wie ich im Kontext darauf komme:

Tim Parks beschreibt in seiner erschreckenden Rezension „The Pope’s Many Silences“ (NYRB20.10.2022) das Verhalten des Papstes Pius XII anhand zweier kontroverser Historiographien (vernichtend kritisch von David Kertzer, apologetisch von Michael Hesemann). Die letzten Archive sind ja jetzt offen, den europäischen Katholiken laufen die Gläubigen davon – und was hat das mit Pius XII zu tun? Der war in meiner Kindheit durchaus präsent, als antikommunistische und segensreiche politische Ikone, aber was hat er getan? Lest das im Detail nach. Ich spreche bewusst von der Faschismus-Affinität. (Dem steht die karitative Praxis nicht entgegen, das ist die Crux im Alltagsdiskurs).

Die Differenz zwischen Religion und Glauben ist politisch, sie ist die Differenz ums Ganze. An der Wirklichkeit muss man den Papst und die Kirche messen, nicht an der göttlichen Wahrheit.

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Und wenn die Kleingeister ihre Lokalität weltweit ausleben, bedarf es gar keiner polemischen Diskussion um Religion mehr. Oft genügt der Gebrauch der Vernunft. Nur spielen die Religionen nach wie vor in die politischen Diskussionen und Praktiken unzulässig hinein.

Und jetzt lest bitte den ersten Absatz noch einmal

Südtirol – eine gute Woche

Normalerweise schreibe ich keine Tagebücher in meinen Blog, Persönliches muss draußen bleiben. Diesmal war eine besondere Woche, auch politisch, auch anregend für meine Reflexion der eigenen Geschichte, also auch Erinnerungen vor Ort (6 Jahre Südtirol) und in der Nachbarschaft, aber darüber muss ich nicht schreiben.

Ich habe gerade ein sehr gute Woche mit Familie, Geburtstagsfeiern, Postcovid-Erholung und der immer erfreulichen Wiederbegegnung mit dem Ahrntal – Val Aurina – am Alpenhauptkamm hinter mir. Es lohnt durchaus, sich der Ausblicke auf die Gipfel und der Eindrücke von erstaunlich vielen Faltern, Raupen, Raben und Pilze noch längere Zeit zu erinnern, mehr als nur ein Rahmen zu den schönen persönlichen Erlebnissen. Es war sehr warm, 22°, der Schnee ist weiter zurückgegangen, und so war der Klimawandel ein Thema. Aber mein Zustand muss euch ja nicht interessieren. In den täglichen Nachrichten und in einigen zum Tal gehörenden Recherchen erhält dieser Rahmen noch einen weiteren. Nicht, dass wir nichts gewusst hätten über Südtirol im Faschismus, im Krieg, nach dem Krieg, nicht dass die jüdische Tauernquerung von 1946-7 nicht thematisiert wurde, die Geschichte des Alto Adige ist gar nicht zu verdrängen. Wird ja auch seltsam freimütig in den Geschichts- und Kulturbüchern z.B. der Hotelbibliotheken oder der Tageszeitung Dolomiten abgehandelt. Aber die Zeiten sind anders. Nun regieren die Faschisten auch in Rom. Auf den Namen Meloni kann man keine Witze machen. Seltsam unkritisch reagiert das demokratische Europa auf die Koalition von Rechtsradikalen, Nationalisten und Europafeinden; ähnlich schon nimmt man die faschistische Wende in Schweden hin, von der EU Hege der Orbans und Kaczynskis ganz zu schweigen. Aber bleiben wir bei Italien. (SZ 29.10.2022 „Der lange Schatten des Duce“ von Oliver Meiler, das denke ich auch. Und „Tausende Mussolini-Anhänger feiern 100 Jahre „Marsch auf Rom“: Tausende Anhänger des früheren italienischen Diktators Benito Mussolini sind am Sonntag an dessen Geburtsort aufmarschiert. Schätzungen der Polizei zufolge versammelten sich etwa 2000 Menschen in dem kleinen Bergdorf Predappio in Norditalien, wo der Faschistenführer begraben liegt. Dabei bekundeten einige Teilnehmer ihre Sympathie für die neue italienische Regierungschefin Giorgia Meloni. Tagesspiegel 31.10.2022). Aber: Das war ja nicht Meloni allein, die dieses Ergebnis politischen Absturzes herbeigeführt hatte, sie ist nur aufgesprungen. Seit Berlusconi erodiert das demokratische Italien, auch seine kulturelle und soziale Struktur. Analysen gibt es genug dazu, seit Jahren, und es gibt natürlich auch eine nicht faschistische demokratische Widerstandskultur, aber ich will darauf hinaus, dass dieser Antifaschismus nicht links ist, nicht liberal, sondern eher einer politisierten gebildeten Schicht zuzurechnen ist, die sich längst nicht mehr einer Klasse zuordnet, wenn sie sich gegen den Pöbel wehrt. Der von den Medien, dem Einzelhandel, den Erziehung im post-berlusconischen Raum, vor allem von den Medien, gegen Demokratie und Kritik immunisiert. Das muss man gar nicht durch switchen der x RAI Programme beweisen, man kann auch noch einmal nachlesen, was z.B. in Südtirol politisch sich verworfen, überworfen hat, an italienischen, tirolischen, österreichischen, deutschen Ideologien, die sich politisch niedergeschlagen haben im Überbau und in dessen Schattenseiten. Ich habe mir nun keine Geschichtsstunde verordnet, sondern nur die Luftwurzeln und die Erdhaftung von Tagespolitik anhand der Umgebung, der Erinnerungskultur, der geförderten und der marginalisierten Kunst angesehen, noch einmal Ezra Pound in Südtirol nachgelesen, und mit wem der befreundet war, Bildhauer, Architekten etc. Vieles ohne direkten Bezug zum Faschismus (ah, doch ein Bischof), zu den Nazis (viele der ins Reich gezogenen Südtiroler sind nicht heimgekehrt), die nicht enden wollende Autonomiedebatte, mit der Meloni die Politköpfe ködert….

Wenn ihr da Urlaub macht, merkt ihr von all dem wenig, obwohl man dauernd darüber stolpert.

Damit wir zu diesem Man werden, können, wenn wir es denn wollen, lohnt nicht nur ein Blick in die politische Geschichte: die Wirtschaftsgeschichte, die Kirchenregime, die Abgeschlossenheit und der ungleich verteilte Reichtum, veramente Reichtum!, der Bergwerksregion – all das erklärt neben den herrlichen Anblicken, neben der bemerkenswerten Kohabitation von Landwirtschaft, Tourismus, einer Menge Industrie, – es erklärt, wie besonderen Strukturen entstanden sind, die heute den Wohlstand gefördert und vermehrt bekommen, obwohl es so viele nette, freundliche, arbeitssame, bodenständige Bauern und Zimmervermieter gibt. Natürlich trifft unsereins nicht auf jemanden, der oder die jemals die Faschisten gewählt hätte. Darin unterscheiden sich die Leute nicht von den deutschen AfD Wählern. Aber die Geschichte der SVP Südtiroler Volkspartei ist dann anders als die deutscher Parteien, die Beziehung zum keineswegs vorbildlich demokratischen österreichischen Tirol ist eben auch speziell, – und, sehr subjektiv, ich habe hier doch eine Menge regierungskritischer, demokratischer Gesprächspartner getroffen, die vielfach befreiend wirken, ökologisch, gebildet, aber eben nicht links oder liberal in den abgegriffenen Schablonen dieser Begriffe. Womit ich wieder oben bin. Die Samthandschuhe, mit denen die Faschisten nicht nur in Italien von denen gestreichelt werden, die auch ihre eigene verlogene Fragmentdemokratie glauben, ist ärgerlich, weil das schon so wahrgenommen wird in der politischen Oberklasse.

Das also liest sich zwischen den Wanderungen, den Mahlzeiten, den Ausblicken und den wichtigen persönlichen Gesprächen.  Dafür schaut man nicht ins TV, auch nicht ins deutsche, und führt wenige abstrakte politische Gespräche. Wie gesagt, man stolpert über die Geschichte.

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Im zweiten Teil werde ich etwas über die Berge und Almen schreiben. Die Diskussionen darüber, ob man mitten in vielfältigen Krisen und unter Wahrnehmung von globalen und lokalen Katastrophen einen Urlaub genießen, sich der Natur und der Geschichte zuwenden, Kunst und Kultur aufnehmen, Kritik üben kann und vor dem Einschlafen auch noch diskutiert oder ein Buch liest – diese Diskussion ist kindisch und zugleich gefährlich. Erstens: man kann, wir können. Zweitens: gerade das richtige Leben im Falschen, die friedlichen Tage im Krieg, die Freude am guten Leben lassen ja das Übel nicht verschwinden, es ist ja präsent, man kann es nicht verdrängen und soll es auch nicht. Aber es hat keinen Sinn so zu tun, als könnte man Lösungen ausdiskutieren, anstatt seine Umgebung wahrzunehmen. Also: man macht sich nicht dadurch schuldig, dass man sich in den guten Abschnitten des richtigen Lebens nicht jede Bewegung den Schrecken seines Lebensrahmens unterwirft.

So gehe ich, oft langsamer als die anderen, weil noch etwas geschwächt, und kann mich nicht sattsehen. Herbstfarben sind anders als Sommerfarben, überraschend viele Schmetterlinge, und Einblicke in die langsame Heilung der grauenvollen Schäden des Sturms Vaia 2019. Wir haben die kaputten Berghänge damals gesehen, jetzt, vier Jahre später, beginnen die Aufräumarbeiten erste Erfolge zu zeigen, es wächst wieder etwas, anderes als die Nadelbäume, und vielleicht wird man in ein paar Jahren neue Mischwälder sehen. Aber die Narben bleiben. Manche Wege sind erst jetzt wieder begehbar. Eine lange Fußwanderung durchs Tal von Luttach nach Steinhaus, 10 km an den Bauernhäusern und den Siedlungen der Talindustrie vorbei (Holz, Keramik, Möbel), da entkommt man der Geschichte gar nicht, aber der Anblick der Gegenwart ist auch wichtig: viel gute Architektur, Solardächer und Bioelektrik, und man sieht es im Detail. Als wir auf die Tauernalm stiegen, konnte man sich auf dem Plattenweg nicht nur die Fluchtroute vorstellen, sondern auch die bis heute funktionierende Herdenwanderung jenseits aller Staatsgrenzen, und auch daraus Themen machen, die die Ausblicke recht eindrücklich machen. Genauso beeindruckt war ich als ich mit zwei Enkelinnen in der Kletterhalle von Bruneck den Künsten an den Kletterwänden zuschaute, nicht nur beeindruckend, was die beiden (11 und 16) schon können, sondern welche gewaltige Ausdehnung und Anlage hier eingerichtet wurde. Nachgebildete Natur, 20 m hoch und mit unendlich vielen Variationen, einschließlich raffinierter Sicherungen für alle Qualifikationen (Stolz ist hier durchaus angebracht und die Gewissheit, dass die beiden in den echten Felsen auch ihre Freude haben (werden)).

Bilder werden erst zusammengefasst und verdichtet. Bei der Abfahrt sieht man noch einmal die Ziele an einem vorbeigleiten, die man nächstes Jahr angehen wird. Nicht die Politik holt einen spätestens im Schnellzug nach Norden ein, sondern die Nachwirkungen dieser Woche befreien den Kopf auch für weitere Politik und Arbeit. So kann man der Familie und der Natur dankbar sein.

Literatur: Kulturmeile Tauferer Ahrntal. Lana Tappeiner 2004 (antiquarisch)

https://www.faz.net/aktuell/reise/ezra-pounds-letzte-jahre-in-der-brunnenburg-in-suedtirol-17614229.html

https://www.sueddeutsche.de/kultur/ezra-pound-ausstellung-meran-1.5681605?reduced=true

https://www.zeit.de/1989/10/so-kam-es-zur-option

Das Gespenst ist wieder da. Durs Grünbein, SZ 27.9., derselbe: Von der Machtübernahme ebda.

Interesse…Dabei sein ist alles?

Manche denken, ich sei Pessimist. Bin ich so wenig wie Optimist.

Manche denken, ich habe nichts Besseres zu tun als Nachdenklichkeit zu fördern.

Manche sind eben Manche.

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Ich habe gehört, wie ein Psychologe erklärt, warum viele und nicht nur Manche sich gar keine Nachrichten, keine Politik, keine Klimameldungen, keine Brandstiftungen mehr anhören wollen. Dass sie endlich etwas Gutes, aufbauendes, erwärmendes hören und erfahren wollen, sonst kann man doch überhaupt nicht richtig leben. Kann man nicht?

Diese chronische Unterschätzung der eigenen Bewältigung von Wirklichkeit macht mich etwas ratlos, weil ich ja auch bestimmte Sachen nicht mehr dauernd hören, lesen, sehen und fühlen möchte. Aber ich will sie auch nicht ersetzt haben, nur weil ich sie schon kenne. was aber will ich wahrnehmen? Der Krieg ist kein Normalzustand, trivial. Aber er zeigt deutlich, was man vermisst und was man plötzlich schätzt, obwohl man es lange vernachlässigt hat. Zum Beispiel alte Briefe und Bilder, die man aufbewahren möchte, weil man sie bisher aufbewahrt hatte. Warum eigentlich? damit sie für unsere Kinder und Enkel da sind – kein schlechter Grund. Jetzt muss man sie schützen (nicht nur die Museen mit ihren Millionenwerten; wir sind keine Museen). Und wenn ich diese Ordner und Briefe und Bilder anschaue, dann frage ich nach den vergangenen Jahren, nach den vielen Ereignissen, an die ich mich kaum mehr erinnere. Jetzt, plötzlich?

Nur wenn es hart auf hart kommt, nur dann, fragt man sich, was und wer man bisher gewesen ist. Meist ist man ja zufrieden, dass es WEITERGEHT, und wenn ja, dann ist es ja nicht zu spät. Davor fürchten sich viele, zu spät….

Die Nachdenklichkeit über sich selbst ist kein Zustand, der nur wegen der verheerenden Situation um uns, „in der Welt“ provoziert wird, aber natürlich fragt man sich in diesen Tagen genauer und eindringlicher über den eigenen Platz in der Welt, nicht nur, wer man ist, vor allem, was man tun kann und soll. Und wozu man es tut.

So wenig man das Elend der Wirklichkeit ignorieren kann, so wenig soll man sich hinunterziehen lassen, das wäre eine maßlose Selbstüberschätzung. Und so bleibt einem nur, die zu unterstützen, die das richtige tun, und sie zu beglückwünschen und hochzuverbreiten, wenn sie es tun. Das erfordert gar nicht so viel Mut, meistens, und doch muss man sich überwinden, ein Attentat auf Putin zu loben, die iranischen Frauen zu unterstützen und nicht gleich sich als siegreicher Feldherr auf die russischen Soldaten stürzen zu wollen, die man ja fiktiv ohnedies nicht unter die Erde bringt. In Zeiten des Kriegs ICH zu sagen, bevor man sich für das eine oder andere WIR entscheidet, ist gar nicht so dumm…denn auch meine Zeit ist beschränkt, und die meiner Kinder und Freunde. Und da bedeutet auch, dass wir abweisend, böse, aggressiv gegen Russland sein können, und hilfreich für die Ukraine, dass wir von der Politik genervt sind, dass wir aber, was uns selbst angeht, nicht resignieren dürfen, sonst können wir nicht helfen. Klingt pathetisch, ist aber so: aus der Verzagtheit kommt keine Unterstützung. Aus dem Ernst, dem Nachdenken, kann Politik kommen, aber die muss nicht gruftig sein, denn wir sind ja, bis jetzt, nur am Rande im Krieg und können helfen und ermutigen.

Ich schreibe das, weil es uns nicht unverschämt, aber doch ziemlich gut geht. Und daraus solidarische Politik zu machen ist einfacher als unter Zwang, der kommt früh genug, vielleicht. Aber wenn wir uns mit dem Krieg, wenn wir uns mit den Faschisten in Schweden, Italien und Ungarn auseinandersetzen wollen, dann dürfen wir uns nicht anstecken lassen vom Unglück der Welt, sonst können wir gleich aufgeben.

Vorkriegskrieg und Hampeln

Da sich fast niemand auf seine oder ihre Erlebnisse in einem Krieg erinnern kann, werden Bilder bemüht, solche von anderen Kriegen, früheren oder weit entfernten; Filmen und Texten; und Bilder der eigenen Phantasie. Die Vorstellung simuliert, was (noch) nicht der Fall ist.

Ein paar Stunden von hier wird gestorben, getrauert, gefroren. Das hat natürlich mit uns auch zu tun, aber nicht so gradlinig, einfach, wie das die Diktatoren propagieren. Es geht nicht einfach Ost gegen West, Nord gegen Süd. Dass es nicht einfach ist, kommt den Tyrannen entgegen.

Und dass es der letzte Sommer, der letzte Herbst vor der manifesten Gewalt bei uns ist, das kann die Psychologie besser erklären. Warum auch nicht, fragt man sich in den Urlaubstagen, den Herbstferien, bei den Kultur- und Sportereignissen. Der simulierte Frieden kann durchaus die Widerstandskräfte stärken, kann uns auf schlimme Tage vorbereiten, kann uns aufrichtig machen.

Natürlich nicht so wie die verantwortungslosen Hamburger Pfeffersäcke mit ihrer Unterwerfung unter die chinesischen Diktatoren (Cosco: Scholz, Tschentscher….Hauptsache, die Konten stimmen bis zum Grabschmuck). Aufrichtig heißt noch nicht einmal immer hungern, frieren, sich ängstigen: aber auch das wird möglich. Aufrichtig heißt, unser eigenes Leben etwas anders einrichten.

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Und ist das so schwierig? Es kommt darauf an. Bachmanns „Alle Tage“ (1953) habe ich schon mehrfach zitiert, und Hölderlins „Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!/Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,/Dass  williger mein Herz, vom süßen/Spiele gesättigt, dann mir sterbe!“ (1798) wird zu Unrecht verspottet, dass man wohl wenig Zeit habe. Zeit wofür?

Ich denke, man kann politisch unser aller Zeit darauf einrichten, den Klimawandel zu bekämpfen, und damit Krieg, Hunger und Diktatur. Und nicht den Krieg vorziehen und die Energieversuchsspiele und die roten Linien gegen die Demokratie dauernd hin und herschieben. Man kann = wir können, weil wir müsse4n. Das setzt Konfliktbereitschaft ebenso voraus wie Abkehr von den gefälligen Prognosen. Und dazu können wir nicht nur denken, darüber sollen wir reden und vielleicht streiten. Und? Macht das unseren Alltag schlechter?

Ich denke, das ist eine Fragen, die wir gegen den ausweichenden Hedonismus stellen müssen, der ja im Grunde nur sagt, weil ohnedies „alles“ VERLOREN IST; KANN MAN JENSEITS ALLER Moral und Regeln noch einmal so richtig den privaten Ballermann und den sozialen Ballermann ausleben. Weil der Kater auch dann kommt, wenn mans nicht tut.

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Keine Privatphilosophie, bitte. Vielmehr Politik. Das bedeutet, dass die Meinungen hintan stehen müssen, sie haben nur wenig Anteil an der Freiheit. Cosco und Hamburg sind so ein Beispiel.

Nicht alle Flüchtlinge sind weiß,

das weiß man.

Die weiße Faeser ist sich mit schwarzbraunen Söder einig: Den weiteren Zuzug von Asylbewerbern aus europäischen Nachbarländern wollen sie verhindern. … Auch diese Menschen fliehen vor dem Krieg in ihrer Heimat und erhalten in der Regel in Europa Zuflucht (SZ am 12.10.2022).

Das bedeutet, dass die in der Regel nicht-weißen Kriegs- und Diktatur-Opfer nicht so menschlich behandelt werden wie die zu Recht aufgenommenen Menschen aus der Ukraine. Die Österreicher sollen mitspielen, die haben ohnedies schon Grenzkontrollen zur Slowakei und Bayern, letztere werden verlängert (leider kann man das Einströmen von Bayern nach der Alpenrepublik nicht verhindern).

Wenn es nicht so peinlich und unmenschlich wäre, könnte man ein Kabarett draus machen. Nichts lernen aus der Geschichte (zB. 1933 oder 2014/5), nichts lernen aus der weltweiten Attacke auf die Demokratien (Chinazögling Orban ist noch immer in der EU, von Scholz betätschelt), nichts lernen aus der Tatsache, dass wir längst im Krieg SIND und uns auf lange Zeit einstellen müssen, die nicht nur von Wohlstandsverlust gekennzeichnet sein werden.

Nun übertreibst du aber, sagen dann auch Freunde. Wenn man ARD und ZDF sieht, ja. Schon die arte-Nachrichten sind da weniger „diplomatisch“. Diplomatie ist keine Nervenberuhigungsapotheke, nebenbei.

Gut, ich übertreibe. Was machen wir dann mit den Flüchtlingen nicht-ukrainischer Herkunft. Zurück zu den Taliban? Zurück zum IS? Oder Nach Myanmar – die sind nicht so viele, zurück nach Ungarn, sind ja nur Roma?

Das Schlimme ist, dass die Asyl- und Rettungspolitik noch immer zwischen AA und BMI zerrieben wird. Und zwischen Bund und den Kommunen. So, es ist DAFÜR zu wenig Geld da? Das ist die von den so genannten Liberalen der FDP vertretene Analogie zwischen den Privathaushalten und dem Staat. Der Staat kann noch ganz andere „Schulden“ machen, die werden, abgesehen von Zinsen, ohnedies nicht zurückgezahlt, wenn sichs um reiche und wirtschaftsstarke Ländern handelt.

Natürlich können wir in Deutschland nicht ALLE Flüchtlinge aufnehmen, kein Land kann das. Aber es können jetzt schon viel mehr sein, und es werden ohnedies bald viel mehr sein: Kriege, Klima, Hunger sorgen dafür.

Und ebenso „natürlich“ hätte Frau Faeser dies noch sehr viel genauer analysiert darstellen können. Auf der Ebene der Wahrnehmung des gestern geführten Bund-Länder Diskurses zu den Flüchtlingen hat sie das unterlassen. WEIL wir zu Recht die ukrainischen Flüchtlinge aufnehmen und mit besonderen Vergünstigungen für ihren geretteten Aufenthalt bei uns ausstatten, MÜSSEN wir das bei den anderen genannten Flüchtlingsgruppen auch entsprechend umgestalten, damit diese nicht innerhalb der Flüchtlingswelt diskriminiert werden. Gut gehts ihnen bei uns sowieso nicht.

Machen wir doch

In einem gerade fertig geschriebenen Buch, das demnächst erscheint („Flanieren im Mythos“)[1], schreibe ich: Im Übrigen ist das eine entscheidende Grundlage für meinen negativen Ausblick auf die kommende Geschichte: was wird alles geschehen, bevor die Menschen wirklich da sind, „wirklich da“, bevor sie unumkehrbar in die inhumane Natur abstürzen?

Das ist keine pessimistische Attacke auf die Gaspolitik oder die Ausrottung der meisten Insekten zugunsten des Wachstums (Truss-Tussy: „Grow, grow, grow!“ 4.10.2022). Ich denke, nur eine nicht vollendete Evolution der Menschen kann sich so verhalten, wie es alle tun (mich eingeschlossen), und dann wird die Spezies nicht still verbleichen, sondern einen ungemütlichen Abschied feiern. Feiern müssen?

Negative Utopien, auch resignative Zukunftsszenarien sind nichts neues, sie unterhöhlen die positiven, selbst-tröstenden Vorstellungen, wann und wie sich das Rettende auch zeigen wird.

In dieser Situation drehen die meisten PolitikerInnen der Wirklichkeit den Rücken zu und predigen, sie wollten ohnedies das Nächstliegende tun, und was liegt näher als das zu tun, was die meisten kennen, ohne sich dafür verantwortlich und haftbar erklären zu müssen. Der Gasverbrauch stieg im Herbst, weil es ohnedies „egal“ ist. Egal heißt, man kann entweder nichts machen oder, was man macht, kehrt wie Entwicklung nicht wirklich um. Das „Wirklich“ ist ein Schlüsselwort, hinter dem jede(r) Einzelne die Nichttätigkeit versteckt. Die Philosophie nennt das Teil der schlechten Unendlichkeit. (Gas war eine Metapher, ich mache hier keine Energiedebatte).

Wahrscheinlich ist, dass es demnächst allen schlechter geht, gemessen am Wohlstandsdogma (das sagt der humane Ausnahmeliberale Gerhard Baum angesichts des Schuldenbremsers Lindner, aber seine Wahrheit hatte wenig Wirkung). Was heißt „schlechter gehen“? Noch mehr Menschen werden verhungern, noch mehr Menschen werden hungern, die Rückzugsgebiete der Superreichen werden flächenmäßig kleiner, und die Menschen dazwischen werden allmählich die Abnehme ihres bisherigen Lebensstandards wirklich spüren, nicht nur von 20° auf 19°. Und? Wird das die Diktaturen mäßigen, wird es die Kleriker von ihrer Gottesdiktatur abbringen, wird es die Börsen schwächen? Wird es der zunehmenden Faschisierung der Demokratien Einhalt gebieten in ihrer Abwehr gegen die Diktaturen? Wird es die Geburtenrate rasch senken?

Natürlich nicht. Natürlich, weil wir noch nicht so weit in der Evolution sind.

Und, was soll dieser düstere Ausblick?

Nichts. Wenn ich hoffentlich nicht Recht habe, bleibt uns ja gar nichts anderes übrig, als kontrafaktisch, als gegen diesen Ausblick so zu handeln, als wären die 1,5° erreichbar, als könnte man Putin und XI und den Supreme Court und und und stürzen, und die Faschisten bei uns unter 15% halten und und und.


[1] Flanieren im Mythos – Sexualität und Gewalt. Edition Splitter, Wien 2022

Das Ende von Grün? Neuer Anfang.

Analysen allein bringen uns nicht weiter. Wir müssen nicht nur erklären, warum sich etwas ändert, sondern auch bewusst machen, was wir selbst wollen, um die Wirklichkeit beurteilen zu können.

Konkret: In Österreich sinken die Zustimmungswerte zu den Grünen. Und in Deutschland führt die Debatte um die Energiepolitik zu einer Menge von Unmut, die den strahlenden Spiegel der besten Partei, die wir haben, in Splitter und blinde Flecken bersten lässt, wenigstens teilweise.

Wenn Habeck und andere die AKWs ein paar Monate am Netz lässt, ist das Verrat – am Programm, an den Überzeugungen, an der Glaubwürdigkeit? Und wenn die Antwort korrekt lautet, ja UND nein, dann frage ich, was denn Politik anderes sei als dieses „Und“ immer wieder gegen die Grundüberzeugungen zu stellen und zu prüfen wo man noch handeln kann und soll und wo man sich in die Opposition begeben muss.

Natürlich sind die Energiefrage und die AKW Laufzeit nicht das Ende von Grün.

Aber an diesem kleinen Beispiel kann man sehen, dass wir nicht immer im gleichen Fluss treiben und uns nicht auf die Arché (den Anfang und die Herrschaft) unseres Gründungsprogramms und unserer Überzeugungserfolge berufen können. Gerade wenn wir keine „Realpolitik“ wollen, müssen wir realistisch sein, und das heißt in der Politik über die Gegebenheiten hinauszudenken und tätig zu sein. Denn gerade das, was wirklich gelungen ist, erzeugt neue Widersprüche und wiederholt nicht die alten.

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Ich schreibe das anlässlich des faschistischen Vormarschs in ganz Europa. Der macht zurecht und drängend unsicher. Wie wenig (oder schon viel?) bedarf es, um aus der gefestigten Demokratie eine volatile, unterwerfungswillige Mehrheit oder große Minderheit zu schaffen? Die Leichtfertigkeit der Meinungsdiktatur wirft um eines, gerade aktuellen, Aspekts willen eine ganze demokratische Struktur um (Italien, Schweden sind nur Beispiele), und wenn sich Nationalismus mit Religion oder Spielen paart, ist die Reduktion des Brotes sekundär.

Und da waren und sind die Grünen gegen die traditionellen und etablierten Parteien angetreten, um aus der Programmeinung in den ständig erneuerbaren Diskurs zu treten – und zwar erfolgreich auch dort, wo sie keine unmittelbaren Erfolge hatten oder wirkliche Opposition sind und waren. Dass dies angesichts der Größe und des Wachstums der Partei z.B. in Deutschland oder Österreich nicht mehr ausgedeutet und analysiert Parteitage bestimmt, ist verständlich, wenn auch schade. Regierungsdisziplin ist etwas altmodisches, manchmal.

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Wir sind im Krieg. Und wir drohen die Abwendung des 1,5° Ziels im Klimakampf zu verlieren. Also das Ende der europäischen Zivilisation, wenn der Krieg der Diktatur Russland so weiter geht, als Vorläufer eines Endes der Menschheit? Ich schreibe das weder pathetisch noch ironisch. Das IST die realistische Ansicht gegen alle realpolitischen Kompromisse. Diese Ansicht muss und kann man vielleicht nicht teilen. Aber sie mehr als eine Meinung, weil sie z.B. große praktische Folgen für Wirtschaft und Kultur hat.

100 Jahre Faschismus, und seine Zukunft

Mussolini in aller Munde. Der Wahlsieg der Faschistin Meloni belebt das Geschichtsbewusstsein, dessen Verlust unter anderem zum Fortbestehen faschistischer Programme und Einverständnisse führt. Dazu hat klug Durs Grünbein in der SZ (28.10.22) geschrieben. Viele, auch Sekundärschreiber, zeigen zu diesem Wahlergebnis zwei Hauptseiten: den Unterschied der neuen Faschisten zum Nationalsozialismus und die Frage, wie man mit diesem Pack, das ja parlamentarisch legitimiert ist, umgehen soll. Fast allen ist eine seltsame Contenance eigen, als hätte MAN ohnedies mit einem Erstarken des Faschismus und einer rechten Hegemonie gerechnet, ohne Vorschau auf das Wie?

Man kann vieles erklären, das man nie richtig verstehen wird, zB. den Sie der Faschisten im ehemals sozialdemokratischen Schweden oder die Demokratiefeindlichkeit des ehemaligen DDR-Sektors der Bundesrepublik. (Ja, ich rechne das auch für eine Vorstufe faschistoider Grundhaltungen). Es gibt überraschend viele stimmige oder erwägenswerte Teilerklärungen für diesen Gesamttrend der so genannten westlichen Hemisphäre und seine Parallelen im globalen Süden.

Ich stecke für einige vereinfacht ausgedrückte Grund-Sätze Kritik ein, selten aber die Möglichkeit, sich in der Erwiderung ebenso kritisch auszutauschen; dazu gehören u.a.

  • die bewusste und nachdrücklich Analogie Hitler und Putin, und weitere strukturelle Hierarchien mit Xi und den anderen Diktatoren
  • die Zusammenhänge und Differenzen von Nationalsozialismus und den Faschismen
  • die Vermutung, dass es nicht die jeweilige soziale Lage ist, die die faschistoiden Trends befördert, sondern eher die Situation in Kultur und Politik (das ist mir wichtig, weil sich die Kapitalismuskritik auch verändert hat und verändern muss, zB. Wachstum vs. Klimapolitik).

Hier geht es nicht um mehr oder weniger nachweisbare Expertise versus Laienverstand, sondern um das Bewusstsein von praktischer Theorie. Praktisch, weil ich, weil wir uns ja verhalten müssen zu diesen Phänomenen des sich faschistoid verhärtenden „Westens“ und der relativen Hilflosigkeit gegenüber einem „Osten“, der noch weniger fassbar erscheint als früher (die Gabe auch von WissenschaftlerInnen und Intellektuellen, bei warnenden oder alarmierenden Texten wegzuschauen, ist einen eigenen Blog wert. Die Kassandrisierung der Warnungen, solange die Temperatur bei 20° liegt, habe ich immer als ärgerlich empfunden, und oft wurde ich selbst eben deshalb aus dem Diskurs genommen, was mich bis heute nicht beleidigt, aber ärgert).

Tenor: man wird sich irgendwie mit den Faschisten arrangieren („müssen“, sie sind ja in der EU, in der NATO, im Weltkirchenrat usw.). So gelingt es Kaczynski und Orban, so gelingt es den faschistischen Parteien, sich im Gewebe demokratischer Grundregeln festzusetzen, manchmal mit mehr, bisher meist mit weniger Erfolg.

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Die Medien wissen oft genau, was „die Politik“ mit diesen Phänomenen anfangen soll. Ich kann das bedenken, dazu zustimmen oder kritisieren. Aber die Frage ist, wie gehe ich, wie gehen wir damit um. Nicht mehr in diese protofaschistischen Länder auf Urlaub fahren? Familienstreit bei vielen vorprogrammiert. Bestimmte Produkte nicht mehr kaufen? Wenn wir wüssten, was von „dort“ wo drin ist. Cancel Culture zuspitzen, ausladen. Die Diskussion um russische Kunst und Kultur ist gespenstisch. Lest Sorokin. Natürlich ist die Frage falsch gestellt. Wie gehen wir damit um bedeutet eine Antwort nach der politischen (Neu)verortung von jeder/m von uns in der Zivilgesellschaft und gegenüber dem Staat. Wer nur sich antifaschistisch fühlt, ist kein Antifaschist, (Paraphrase Erich Fried), das antifaschistische Verhalten darf ja nicht taktisch angemessen sein, sondern sollte etwas mit unserer Wahrnehmung von Gesellschaft und Lebenswelt zu tun haben.

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Ein auf den ersten Blick seltsamer Ratschlag. Ich komme gerade aus Südtirol zurück, war da häufig und jetzt, bis zur Wahl am letzten Sonntag, wieder einige Wochen. Ich habe die Geschichte des Verhaltens der Südtiroler seit Tolomei 1906 über die Pariser Verträge 1919-23, über die Zeit Mussolinis, Hitlers, nochmals Mussolinis, dann die Nachkriegszeit (De Gasperi und Gruber), Attentate und Bomben, Kreisky, UN und Moro, nachgelesen. Auch was deutsch-freundlich, was österreichisch, was verlogen und was aufrichtig war…Nein, es geht hier nur wenig um Analogie bis heut, bis auf die Folgen der Wahl Melonis und die Schwächung der SVP. Es geht darum, wie die Menschen, Familien und Gruppen mit den verschiedenen Stadien der Faschismen, der Nazis, des Widerstands umgegangen sind.

Das Problem der „politischen“ Lebensführung hat uns 1968 +/- sehr bewegt und zu viel Unsinn in der Praxis geführt. Aber die Grundfrage war nicht falsch. Damals ging es auch stark um die Geschichte der Eltern und Großeltern. Scheinbar hat sich die friedlich umhegte spät- und Postmoderne davon emanzipiert, solange MAN ordentlich mit einander umgeht. SOLANGE, fein, aber WIE LANGE? ist das, war es, ist es? Hier geht die Antwort in das Detail, das sich in der persönlichen Diskursumgebung tatsächlich auswirkt, mit den Kindern, Freunden, Gruppen und Partnern….Kurz: Meinungen sollten überwunden werden, wenn wir nicht tatenlos uns überwältigen lassen wollen vom Dialog der Guten (Demokraten) mit den Bösen (Faschisten).

Man kann diese Frage kritisieren; u.a. weil ich ja hier NICHT darauf verweise, was für kluge Ratgeber und Anweisungen zur nicht protofaschistischen Lebensführung es gibt bzw. welche davon auf dem Markt sind. Aber das ist ja der Zweck dieser Überlegungen gewesen. Im Aufsuchen des Widerstands kann man auch lernen, sich zu entscheiden.

Betreten, Durchgang, Durchfall verboten…

Salzburger Elegie, möchte man sagen. Aber endlich regnet es, wenigstens für Minuten, und der Himmel entzieht dem Blau den Farbstoff. Ich bin auf der Durchfahrt und hab an sich wenig mit der Stadt zu schaffen heute, aber als Salzburger Staatsbürger (ja, da schauen die Wiener, wie der Wiener am Meldeamt vereinnahmt wird, obwohl bei vielen Einkäufen die Frage kommt: Sind Sie Wiener?). Man kann sich und seinen Dialekt halt nicht ablegen.

Am Morgen gehe ich mit den beiden Hunden meines gastgebenden Freundes durch die Wiesen und Villen am Stadtrand, entlang der Hellbrunner Allee und über die bis in die Universität hineinreichenden Freisaalgründe: ich nenne das, weil es fußläufige Empfehlungen sind. Bei fast jeder Hauseinfahrt eine Tafel: BETRETEN VERBOTEN! DURCHGANG VERBOTEN! EINFAHRT FREIHALTEN, AUCH GEGENÜBER (!, SALATSCHÜSSL FÜR MEINE KUH, KEIN KLO FÜR IHREN HUND,,,): das ist nicht so ungewöhnlich, die harschen Strafandrohungen schon eher, und die Wandersperre für Wiesenquerungen auf schönen Wegen ganz absurd. Salzburg hat 1803 mit dem Ende des liberalen Kirchenstaates (Fürsterzbischof, Primas Germaniae) seine Liberalität abgelegt und wurde ernsthaft konservativ bis ganz braun, konterkariert durch etliche Kulturgrößen, die das 20. Jahrhundert, abschnittweise glänzen ließen. Die so genannten Festspiele sind eine Mischung aus all dem. Und weil mein coming of age mit den Sommern in dieser Stadt ebenso verbunden ist wie spätere Kulturschizophrenie, gehe ich mit größerem Interesse durch die nicht von Touristen- und Parkplatzsuchenden verstopften Bezirke. es ist ja eine der schönsten Städte überhaupt, aber unheimlich durch die Salzburger, die Besucher, die Verunstaltungen (kein Wortspiel, Veranstaltungen gibts angeblich auch woanders).

Warum ich das überhaupt schreibe? weil mich die Verbotstafeln so genervt haben, die hier die Idylle noch mehr stören als anderswo, aggressive Kleinhäusler.

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Für meine Forschungen zum demnächst erscheinenden Buch über Mythos, Sex und Gewalt, setzt Salzburg sozusagen einen Legendeneintopf frei, aus dem sich Mythen herausfischen lassen, man glaubt gar nicht, wie viele sich da anordnen, als ob die vielen, die meisten Touristen darauf ausrichten. Warum wurden die Protestanten vertrieben? (Potsdam hat davon profitiert. https://www.sn.at/wiki/Protestantenvertreibung#), wie wurde Morat (wieder) zum Mythos (https://mythos-mozart.com/de/ueber-mythos-mozart)? Und wir rechts waren die Salzburger unter Dollfuss und Hitler? Und es ist dieses angeklebte Vergangene, das mich fast überall einholt und zu Salzburg wird es noch Gedanken geben müssen.

Die holen mich jetzt, eine Woche später, in den Bergen, im Ahrntal ein. Aus dem Gastzimmer sieht man auf den Friedhof und den südlichen Kircheneingang einer gotischen Kirche. Der Parkplatz ist vor der Sonntagsmesse ganz voll, und viele gehen, im Regen, an die Familiengräber, Kerzen auswechseln. Kaum jemand bleibt länger als eine halbe Minute, das Ritual ist der Grablichtbesuch vor der Messe.

Das hat mehr mit den Gedanken zur Geschichte von Salzburg zu tun als es den Anschein hat. Südtirol, dieses tirolisch-bairisch-österreichisch-italienische Alpinprezios erlaubt ähnliche Ausflüge in die politischen Kulturabgründe, nicht nur zwischen Italien und Österreich im ersten Krieg und danach, bis Bruno Kreisky die Autonomie über die UNO befestigen konnte. Die nostalgischen Österreicher vergessen ihre imperiale, vielleicht nicht koloniale, Geschichte als Herrschaft über Oberitalien, sie vergessen Bündnisse und Verrate und Niederlagen, die Alpen und der Isonzo, und wie es war, hat Karl Kraus besser als andere in den Letzten Tagen der Menschheit festgehalten, und heute noch findet man aufgetaute Leichen im schmelzenden Marmolada Gletscher. Und die „deutsch-österreichischen, tirolischen“ Terroristen der Nachkriegszeit, Georg Klotz u.a. (https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Klotz) und es hatte seit meiner Schulzeit immer neue Deutungen gegeben, und an der Oberfläche merkt man nichts. Oder doch, dass die Wahlplakate für die fascista Meloni runtergrissen und wieder angeklebt werden. Das Tal war ja auch für die jüdische Geschichte über den amerikanischen Sektor Österreichs für eine kurze Zeit ganz wichtig: https://www.sn.at/wiki/Krimmler_Judenflucht . (warum die Briten und Franzosen die Juden nicht rausgelassen haben…). Über Triest gings dann nach Palästina. An der Oberfläche merkt man nichts. Oder doch, in der Hotelbibliothek, und ab und an eine Gedenktafel, und die SVP (Südtiroler Volkspartei) ist heute nicht so rechtsdeutsch wie die Rechten in Deutschland, man kann die Dolomiten täglichen lesen. Das liegt alles unter den guten Wandertagen hier, unter der guten Kulinarik, der reichhaltigen EU Förderung der autonomen Provinz, unter der Gegenwart.

Es tut gut, sich an das zu erinnern, was in der Kindheit schon zur Erinnerung angeboten und nicht verstanden worden war, einschließlich des ultrakonservativen Andreas Hofer, der sogar dem Kaiser zu radikal war, und einschließlich der Wirklichkeit. Aber wenn man bestimmte Wege geht, ist das nicht nur Erinnerung. Und so gehts mir in Salzburg und in St. Jakob. Eben nicht „überall“.