Zähember / Jänner usf.

Das Jahr dunkelt, und religiöse wie retrovertierte wie völlig normal kultivierte Menschen schrauben überall Glühbirnen dazu oder beleuchten die Räume mit Paraffinkerzen. Auch gut. Jeder Spott über die Traditionen der Traditionen sei mir fern, auch wenn sie heute digital und ziemlich überall die gleichen sind. Mir geht es nicht um Weihnachten. Christian Morgensterns Monatsnamen fangen ja lustiger an als sie enden, Jaguar, Zebra, Nerz, Mandrill, aber der Zehenbär ist auch nicht besser als der Zähember.

Der letzte Monat eines unglücklichen Jahres entwickelt eine Dynamik, die nur durch den syrischen Umbruch besser beleuchtet wird, aber ansonsten dem ehernen Zeitalter alle Ehren erweist, was wiederum die Presse zu Jahresrückblicken seltsamer Schönfärbung veranlasst, damit man nicht zu depressiv das Jahr verlässt, um Trump und andere Monstren wahrzunehmen. Begrüßt wird nicht.

Ich reihe mich nicht in die Klagenden und schon gar nicht in die Sowohlalsauch Riegen ein (Doolittles Stoßmichziehdich passt da besser). Vor unseren Augen bröckeln die Demokratien, wachsen die rechten und linken Faschismen wie die Unkräuter in den vernachlässigten Ziergarten, und der Feind des Feindes wird zum Freund des Freundes, und umgekehrt. Ausweglosigkeit hat einen Vorteil: man kann und muss nicht entscheiden – oder es gibt sie nicht. Dann aber muss man den Ausgang aus der Not suchen, und sich nicht in Opiatsträumen aus der Wirklichkeit blenden, wie denn welche neue Regierung was an der Demokratie verbessern kann und will, wenn schon ihre Programme eher an der Wirklichkeit der Überlebenszeit vorbei gehen.

Auswege gibt es nur bei klarem Verstand und nicht abwegigen Emotionen. Beides braucht man )Wenn man sich die menschenverjagenden Kurzschlüsse gegen die syrischen Menschen in Deutschland anhört, dann ist das Fehlen von Empathie wohl ein Merkmal nicht nur der sogenannten christlichen Parteien – oder wenn die Anbiederung ansonsten vernünftiger Menschen an den Putinklon (.clown) Wagenknecht als Ausweg gepriesen wird, von den Verbeugungen vor Musk ganz abgesehen.

Die Flucht vor den Auswegen ist ein gutes Mittel, sich der eigenen Freiheit zu entledigen und so zu tun, als wäre die Wirklichkeit ein Naturereignis, gegen das man eh nichts machen kann. Eine Ausweg ist nicht einfach die Realität zu reformieren (Einsparungen, neue Hierarchien von Schwerpunkten, Austausch von Personen, mit denen bestimmte Hoffnungen verbunden sind, oder eben nicht…). Auswege muss man suchen mit dem Ziel vor Augen, das man erreichen möchte, wenn man den Ausweg gefunden hat. Na, welche Ziel denn? Demokratie, natürlich. Als ob unser System wirklich schon am Ende wäre, und die Faschisten naturgemäß die Demokratien ablösen. Nicht „sollen“, aber „werden“. Der interne Ausweg ist, dass wir auch das überleben, und dann befreit auftauchen, nach Trump, nach Netanjahu, nach … Aber der interne bleibt in uns, nicht einmal Literatur oder andere Kunst macht ihn wahrnehmbar, wenn er nicht in den Dialog, in die Auseinandersetzung, in den Streit um die besten Türöffner führt. Das kann schmerzhaft sein, ist es, Sackgassen öffnen, tut es, aber es kann auch weitergehen. Widerstand, Resilienz, und die Empathie für die Geschundenen jetzt und die Nachkommen morgen zugleich, sind geboten.

Klingt wie ein säkulare Predigt, aber ich stehe ja nicht am Hyde Park Corner und rufe das ins Leere. Ich hole tief Atem, bevor ich sofort und pausenlos auf den rasanten Wandel in der Weltpolitik reagiere (so viele Fehlmeldungen wie in den Medien der Letzten Woche, die wichtige Wirklichkeit im Nahen Osten beschatten, hat es nicht oft gegeben…langsam setzt sich das Nachdenken durch, wo wir jedenfalls nicht dem Vordenken gehuldigt haben, oder? seid mal ehrlich).

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Ich werde demnächst drüber schreiben, weil ich meinen Blick natürlich nicht von Israel abwenden kann. Lange vor dem Terror der Hamas am 7. Oktober hat Eva Illouz ein bahnbrechendes Buch geschrieben: Undemokratischer Emotionen, 2022. Deutsch Berlin 2023 (Suhrkamp). Es nützt ja nichts, wenn man Netanjahu verachtet oder kritisiert, wenn man die Entwicklung der israelischen Gesellschaft zu diesen Gfrastern nicht kennt und analysiert. Und das steht, verallgemeinerungsfähig, in diesem Buch. Man lernt nicht aus.

Was sind die Gefühle, die man für die und in der Demokratie braucht, nicht nur „will“?

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