„N“, „I“, kann man darf man?

Wenn man historische oder soziale Fachliteratur liest – nicht Belletristik – dann ist die Wortwahl oft schwierig, natürlich kann man nicht von Negern sprechen, und auch nicht von anderen Volksgruppen in den Worten früherer kolonialer Ableitung. Aber damals, nicht so lange her, war die Wortwahl auf allen Seiten anders, nicht nur bei Negern, auch bei Eskimos, bei Indianern usw. Und die Auseinandersetzung damit kann politisch wichtig sein. Für mich jedenfalls auch im Rückblick auf meine Begriffe, längst über die Jugend hinaus.

Hier geht es um Neger und Indianer, und ich sage nur: lest das im Kontext der „Besichtigung einer Epoche“, wie Karl Schlögel den Untertitel seiner „American Matrix“ präzisiert (Hanser, München 2023). Man glaubt es nicht, dass dieses Buch erst drei Jahre, schon drei Jahre alt ist, und was sich in den USA und unter Trump getan hat und tut. Aber wer wenig von diesem Land weiß, sollte diese Sozial- und Kulturgeschichte von anfang an lesen. Weil selbst gute, kritische und umfassende amerikanische Revision der allgemein bekannten Geschichte nicht so virtuos mit einer Vielzahl von Vergleichen, zeitlich, inhaltlich, mit den USA umgeht, die ja nicht Schlögels lebensbearbeitender Schwerpunkt sind – Osteuropa! – und das macht dieses Buch so besonders lesenswert. Ja, und wieso N und I? Nachdem man schon fast alles und bestens erfahren hat, kommen zwei Kapitel, S. 671-736, und man erfährt, was man vielleicht allgemein weiß oder gar aus den USA kennt. Nicht nur die Geschichte, die Auswirkungen, die Widersprüche usw. der Schwarzen im Land der Weißen, und erst recht die der Indianer, nein, auch das Gewebe der USamerikanischen Gesellschaft jenseits aller rassenbezogenen Plattitüden. Ich lasse die Schwarzen mal außen vor, die Literatur ist sehr gut und man erföhrt manches, das man nicht so gern aufnimmt. Mich hat völlig verblüfft, wie genau das Kapitel „Archipel Amerika“ mit dem ersten Abschnitt „Indianerland: Die große Abwesenheit“ (S. 705) beginnt. Und dann eine Geschichte durchhält, in der es keine Variable gibt, die auch der weißen, von alten Männern vertretenen Welt genüge täte, damit es vielleicht doch erträglich und ausgewogen wirkt. Die minutiöse Darstellung der Vernichtung eines Volkes hat genaue Daten und Thesen, 713ff. im Kern, aber man muss zurückgehen, zum Präsidenten Jefferson und seinen Nachfolgern, zu den Siedlern, zur Dialektik der Vernichtung mit juristischen und gewalttätigen Mitteln, um zu wissen und zu verstehen, was wie wirklich geschehen ist – und die Reste davon heute im 2004 eröffneten Museum kritisch anschauen, – obwohl, das schreibe ich 2026, nicht 2023, Trump alles versucht, auch dies auszuwischen.

Alles gut und wichtig, kritisch mehr zu wissen und gegenüber den USA und global zu vernetzen. Aber ich selbst habe auch ganz spannende Erinnerungen, vom Indianerspiel im Fasching 1952, mit Federn im Haar, bis zu vielen Büchern von Karl May, nicht nur Cooper u.a., und daran anschließend die Filme, – aber zu keinem Zeitpunkt hat meine akademische Ausbildung das Thema auch nur gestreift…Trotzdem habe ich mich etwas daran gemacht, nach den ersten beiden Reisen in den Südwesten der USA, genaueres zu erfahren, und die tourismus-relevante Darstellung der tribalen Vergangenheit ist ein weiteres Kapitel des Halbwissens. Natürlich haben wir seit den 70ern die afroamerikanische Geschichte bis zu den Black Panthers und danach nicht nur erfahren, auch diskutiert. Bei den Indianern war das so nicht der Fall, die erste tiefer gehende Nachdenklichkeit begann mit der Einwanderung aus Asien auf den amerikanischen Kontinent (Die Literatur bei Schlögel ist mehr als reichlich, einiges hatte ich lange davor erfahren, als ich in äußersten Osten Russlands die ethnische Geschichte erstmals erfahren habe). Was ich spannend für mich finde, wieviel Literatur und Beschreibungen dieser Geschichte für die ganzen amerikanischen Kontinente jetzt einfach aufzuklicken ist, teilweise recht gut verständlich. Aus unserer jugendlichen Sozialisation konnten wir uns befreien. Wir – und da steckt in der amerikanischen Geschichte, der Geschichte einer Volksvernichtung über mehr als 200 Jahre, ein schwerer Brocken unterbewusster (oder auch ganz offener) Selbstverhärtung – nicht zuletzt in globalen US Kommentaren zu anderen ethnischen Kontroversen. Die Psychoanalyse des USamerikanischen Gesellschaftsbewusstseins hat hier ein großes Feld. Und auch wenn es nicht alles erklärt, vieles bleibt unentschuldigt.

Ich finde das wichtig, weil es in das Halb- und Unterbewusste schauen lässt, und es entschuldigt nichts an USA, aber natürlich sind die Analogien zu anderen, vor allem zu uns, um eine Facette reicher.

Zuföllig gibt es gerade im Netz Info Wichtige Ereignisse und Helden in der Geschichte der amerikanischen Ureinwohner (30.5.2026)

Aus den Fugen…?

Was bedeutet das Sprichwort wirklich? „Die Redewendung „aus den Fugen geraten“ bedeutet,  aus dem Gleichgewicht zu geraten oder aus der Ordnung zu fallen. Sie wird oft verwendet, um Situationen zu beschreiben, in denen etwas, wie ein Verhältnis … ein System, nicht mehr stabil oder in Ordnung ist. Beispiele für die  Verwendung sind: „Die Welt gerät aus den Fugen“ oder „Das Leben der Familie gerät aus den Fugen“. “ (sagt des Lexikon…bing.com). Ich hänge mich daran, weil so viel aus den Fugen geraten ist, in der Weltpolitik, in der Regierungsarbeit, in der Wahrnehmung von Umwelt, also „überall“, und wenn alles zerfällt, dann ist die Vision von Neuaufbau ja fragwürdig (was früher die Ökonomie begeistert hatte: Schumpeter und andere…

Ich hänge mich daran, weil es ja sein könnte, dass das allgemeine Desinteresse daran liegt, das es kaum konkrete Wiederherstellungsinteressen zu geben scheint. Scheint? Wo man hinschaut, überall Auflösung und Trümmer?! Also, sagt der Entmündigte, nicht hinschauen. Das ist die Strategie nicht nur der Faschisten, aber ihr beständiges Prinzip. Und wenn Demokraten es imitieren, bleibt das Ergebnis doch unsinnig. Denn wenn ich nur von den Ergebnissen her bewerte, dann fallen mir die Opfer auf dem Weg zum Erfolg, die Weggeworfenen und aus der Gesellschaft Abgetriebenen gar nicht auf, ich kann sie nicht bedauern und muss nicht mit Moral gegen die Politik arbeiten.

Jetzt könnt ihr sagen: ganz schön abstrakt und verwinkelt. Klar, dass die Gegner von Freiheit und Gleichheit nicht mit offenen Karten ihre Strategie mitteilen. Und zusätzlich führt die Engführung von Bildung, Sozialisation und Erziehung dazu, dass vieles gar nicht mehr beim Einzelnen ankommt, man kann ja nachschauen…Nach schauen, gar kein dummes Wort. Aber, als Beispiel, wenn die o,8 Merzregierung für den Wohnbau (Einfamilienhäuser!…) Umwelt und Lebensqualität hintanstellt, dann ist das genau die ökonomische Unterwerfung der sozial und ethisch abgesetzten Massen durch die, die weiterhin gut und grün leben werden können, bis die Erdzeituhr abgelaufen ist. Kommt früh genug. Das Weiterhin fehlt der konservativen Regierung allerdings, bitte nicht einfach links-rechts-Achse aufmachen, es ist schon komplizierter. Faschisten und andere Engführer des Lebens berufen sich auf die unmittelbaren Zwänge der Gegenwart, und sie verdrängen beides: Vergangenheit als Belehrung und Zukunft als Hoffnung. Wenn wir nach dieser Regierung ohnedies nichts zu erwarten haben, brauchen wir auch nicht zu hoffen, dann konsumieren wir uns lieber jetzt. Und wenn es nur die Gegenwart gibt, hat die Demokratie keine Chance, und die Faschismen verankern sich.

Mich würden Einwände gegen diese Ableitung interessieren. Natürlich ist das alles intern kompliziert, aber nicht komplizierter als die Verengung des Blicks. Also unseres Blicks, nicht die Verengung der objektiven Wirklichkeit…Eine solche Verengung hat es immer schon gegeben, nach 1945 im ehemaligen Deutschen Reich, vgl. Ransmayer: Morbus Kitahara, also diese Verengung…). Der Vergleich „nach“ 1945 passt zur Welt aus den Fugen vor den Weltkriegen. Und auch wenn wir es vielfach nicht erinnern können, so bedeutet unsere Freiheit, dass wir es rekonstruieren, wissen können – anders als die, die schon gänzlich in den Diktaturen eingebunden sind. Und diese Freiheit, paradox, siehe oben!, ist ja das Moment der Hoffnung, also auch der Zeit – Vergangenheit und ZUKUNFT, die den Faschisten so völlig abgeht.

Nur so: die AfD kommt mit Programm, ohne Umwelt und Kultur

  1. Faschismus dreht der Umwelt und der Kultur den Rücken zu

Der Streit, ob Diktaturen, Demokratiefeinde, Illiberale etc. „faschistisch“ sind, ob sie so genannt werden sollen (müssen, können) deckt die Realität zu. Ich lasse mich auf diesen Streit ein, wenn nötig, bis dahin verwende ich meinen Faschismusbegriff wie bisher. Das ist wichtig, weil es mir um den sich entwickelnden und entfaltenden Faschismus in Deutschland geht.

In diesen Tagen wird viel an Wissenschaft, Vernunft, Kritik gemäkelt, weil es in das Schema der der Großen Diktatoren Trump, Xi, Putin passt. Wenn es um Umwelt geht und der Vorhersage, dass es in den nächsten 60 Jahren um 4° oder 5° oder 3,5 ° wärmer wird, was aber bedeutet: irreversible Zerstörung der Erdoberfläche für Menschen. Die drei Diktatoren spielen sich gegenseitig die Bälle der Herrschaft zu und die Gefolgschaft beugt sich ihren jeweiligen Herrn. Europa, NATO also eher Trump…Am Diskurs der Umwelt kann man die dünne Oberfläche der rationalen, vernunftgeleiteten Analyse gut studieren.

Die Ausgrenzung von Umwelt teilen die noch demokratischen Parteien mit den faschistischen Gegnern der Demokratie, auch in allen Übergangsstadien. Und diese Faschisten – lasst mal die Nazis als Extrementwicklung außen vor  – also: diese Faschisten arbeiten sich an vielen Fronten gegen ihr demokratisches Umfeld, und sie sind schon weit fortgeschritten.

2. Der Faschismus bereitet sich auf Herrschaft, nicht auf Mitreden vor

Das verfolge ich seit langem, immer wieder beleuchte ich solche Erscheinungen. Aber plötzlich wird es deutlich, nicht mehr verdeckt. „Im Versuchslabor der AfD“,  von Anant Argawala und Martin Spiewak, ZEIT #22, 13.5.2026, S. 29. Hier wird die faschistische Strategie der AfD personalisiert: Hans-Thomas Tillschneider, verortet in Sachsen-Anhalt. Man erfährt, was sich im Bereich der Hochschulen, der Bildung, der Kultur nach einem AfD Sieg ändern wird. Sachsen-Anhalt als „Labor“ der AfD Durchsetzung. Juristen, Mediziner, Maschinenbauer – da meint er besser angreifen zu können als in den Geisteswissenschaften. Dazu fällt mir nur auf, dass gerade dort die demokratische Hochschulpolitik ja in den letzten Jahren auch nicht aktiv reformiert hatte, weder innen noch landespolitisch…aber es fällt mir natürlich ein, dass und warum die AfD genau hier ansetzen will: weil sie eine Schwachstelle der Bundes- und Landespolitik und der nur scheinbaren Hochschulautonomie erfolgreich angreifen kann.

Das kann man hier präzise lesen, Umwelt kommt übrigens nicht vor. Das erwähne ich, weil alle sinnvolle Politik sich immer am Umweltfokus und nicht am Wirtschaftswachstum primär ausrichten sollte. Die demokratischen Gegner der AfD bereiten sich hier und in anderen Ländern auf Reaktionen gegen einen Sieg der Faschisten vor. Sie sollten sich m.E. viel stärker auf die demokratische Weiterentwicklung von Demo0kratie und Republikanismus konzentrieren als den Faschisten ihren Widerstand rhetorisch aufs Menu zu schreiben. Das brauchen die nicht (mehr).

Rechtslinks Judejüdisch Wahrfalsch

  1. Banal? „Ich bin ein nichtjüdischer Jude“, ein berühmter Satz aus Daniel Cohn-Bendits neuem Buch[1]. Wenn man die autobiographische Wirklichkeit des 80-Jährigen liest, reicht schon das Vorwort, um zu verstehen, dass man Jude sein kann, und zugleich nicht jüdisch. Und nicht nur bei Cohn-Bendit geht es auch darum, jüdisch sein zu können, wenn man vielleicht kein „Jude“ ist. Ein Thema vieler meiner Blogs. Hier verläuft ein Canyon, der nicht trivial ist. Die FAZ, also eine sehr konservative Presse, stellt fest: „Warum die Rechtsradikalen Daniel Cohn-Bendit brauchen[2]. Das Thema ist nicht trivial, liest man sich ein, ist „Jude“ ethnisch“, aber jüdisch, wie nicht nur ich es vertrete, ist ethisch, moralisch, sozial, … offen.
  2. Banal? Rechts – Links ist keine politisch oder ideologisch gerade Linie zwischen den Linken und den Rechten, und schon gar nicht mit einer ausgleichenden durchschnittlichen Mitte. (Über diese Abirrung der 0,8 Bundesregierung argumentiere ich hier nicht, kommt wieder…). Aber dass sich im etwas überkommenen Hufeisenmodell[3] die äußersten rechten und linken Positionen nahe sind, kann man täglich wahrnehmen.
  3. Es ist nicht trivial, dass wir täglich miterleben, wie sich Parteien, Politiker, Medien eher gegen die rechtsradikalen Gegner der Demokratie abgrenzen, als sich der Demokratie und ihrer möglichen Entwicklung zuwenden. Nicht zufällig verweise ich auf Haaretz, wo die liberale europäische Demokratie im tödlichen Absturz begriffen sein kann[4], und wo Frankreich, England und andere europäischen Länder, natürlich mit Italiens „neo-fascist right“ als Beispiele gelten. Ha’aretz deutet natürlich auch auf die Entwicklung in Israel, von der ich behaupte, dass sie durchaus faschistisch sein kann, weil Juden Faschisten sein können, ohne dass Israel weiterhin mehrheitlich jüdisch im obigen Sinn verbleibt…
  4. Wenn die Eingangsthese von 3. zutrifft, dann versteht man doch noch nicht, warum – zum Beispiel – in Deutschland die Normalisierung der AfD so heruntergespielt wird[5] und wie Normalisierung der AfD auch mit der Jugend zusammenhängt[6]. In den letzten Tagen hört man, wie die AfD die studentischen Verbindungen in ihre Konzepte einbaut, nach dem Vorbild Österreichs[7] aber schon länger.
  5. So wie Italien unter seiner faschistischen Regierung oft aus dem Blick gerät, sind die USA vielfach noch nicht das, was sie immer mehr sind: eine gewalttätig gegen die Demokratie angehende Republik. Da treffen plötzlich bei uns seltsam verzerrte Positionen aufeinander, die nur zeigen, wie wenig der Begriff der „Mitte“ Sinn macht: Das Beispiel Kiesewetter versus Trittin ist nicht links-rechts. Sondern betrifft unterschiedliche US-Wahrnehmungen[8].
  6. Zurück zu meiner These 1. Geht es um Juden und die Differenz zu jüdisch, wenn wir über Israel und Palästina nachdenken? Wie müssen über beide zugleich nachdenken, unabhängig, welche Position wir zu … ja, zu wem? – einnehmen. Die Geschichte der „Juden“ ist einfach insofern, als wir 4000 Jahre, oder 2000, oder 120 oder 80 zurückgehen. „Jüdisch“ bedeutet, jedenfalls seit der wirksamen Aufklärung schon etwas nicht in der Geschichte festgelegtes, „jüdisch“ hat sich entwickelt und kann eigentlich nicht vor diese Entwicklung zurückgehen, wie denn?

Aber darum geht es mir in diesem Blog nicht. Mir ist wichtig, wie man sich der eigenen Emanzipation zuwendet, anstatt ständig sich in der Abwendung von den Gegnern derselben aufzureiben. Und das geht unter anderem nicht einfach über Theorie, sondern durchaus angestrengt über Praxis, über Lebenspraxis und über politische Praxis, und die hat immer mit Freiheit, und eben mit dem zu tun, was jüdisch ist, ob es nun mit den Juden konform geht oder nicht.

  • 7. FORTSETZUNG FOLGT

[1] Erinnerungen eines Vaterlandslosen, 2026 Jacoby & Stuart.

[2] Christian Geyer: Cohn-Bendit und <Compact>, FAZ

[3] Hufeisenmodell: Was ist die Hufeisentheorie: Definition und Kritik ; ich verwende den Begriff alltagsrhetorisch und nicht hochwissenschaftlich. Wichtig: wenn „Rechtsradikale“ und „Linksradikale“ das Gleiche sagen, heißt das noch nicht, das sie das Selbe meinen. Vgl. aber auch WD-1-007-20-pdf-data.pdf . Natürlich bin ich auch gegen „Gleichsetzung“. Aber wenn es die Bedeutung identisch ist, kann man sie nicht durch seine Priorisierung verändern.

[4] Joshua Leiffer nach dem Verlust Orbans in Ungarn: Ha’aretz today 20.5.2026

[5] Robert Pausch und Bernd Ulrich: Sie wollen ein anderes Land. ZEIT #54 2025, vgl. meinen Blog 20.12.2025

[6] Simon Schnetzer „Mit Protest hat das nichts mehr zu tun“, ZEIT #14, 26.3.2026

[7] Lucia Heisterkamp u.a. : Rechte Reserve. SPIEGEL #42/2025

[8] Kiesewetter vs. Trittin: Ist das auch unser Krieg? ZEIT #12, 2026

Der Bund: Sozialistische Weltbürger, konkret

Ein Rezension und meine Gedanken

So einen Titel möchte ich gerne meinem Wissen geben, aber das wäre etwas übertrieben. Was weiß ich schon vom „Bund“?

Der Begriff ist scheinbar ungenau. Es lohnte, seine Geschichte erstmal zu lesen, als weniger gegenwärtige jüdische Erinnerung und Gegenwart. Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund – Wikipedia . Man, d.h. ich, wusste    schon einiges, professionell, akademisch und über jüdische Schnittmengen, aber genau und politisch war es nicht mein Thema. Nun gibt es in letzter Zeit zunehmend Kritik am jüdischen, bzw. israelischen, Zionismus, dazu habe ich schon einiges geschrieben. Aber die Abwehr des Zionismus durch den Bund hat mir einen aktuellen Druck versetzt. In einer Rezension beginnt die Beschreibung eines wichtigen Textes mit einer sehr aktuellen Beziehung, der zwischen „Shoah“ und „Nakba“. Adam Hochschild schreibt eine Rezension: Molly Crabapple Here Where We Live is OUR Country: The Story of the Jewish Bund. One World 2025. („A Dream of a Socialist Commonwealth“. NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue 9). Auf den ersten Blick nur eine Ergänzung dessen, was ich schon wusste. Aber extrem klar und deutlich: unter anderem ist die Verbindung zwischen Holocaust und Nakba nicht zu trennen, wie Omer Bartov meint, und es verstärkt meine, unsere, Kritik am Umgang des heutigen Israel mit den Palästinensern. Aber dieser Aspekt gewinnt erst an Gewicht durch die Kritik an der antisemitischen US-Einwanderungspolitik nach dem Ersten Weltkrieg, also vor 100 Jahren, in die USA, gut belegt, und dem unangenehmen Riss in der jüdischen Gemeinschaft der USA: „Astonishlingly, a Fortune poll that same year (1939, MD) showed that 25,8 percent of American Jews opposed increasing the tiny quota for refugees, because thez feared it would provoke antisemitism“. Über den letzteren, v.a. nach dem Krieg, habe ich öfter geschrieben. Vgl. auch den konservativen Bernard Lewis 1999_ Semites and Anti-Semites. An Inquiry into Conflict and Prejudice oder Nathan und Ruth Perlmutter: Antisemitism in America 1982, u.a. eine Menge eigener Erfahrung. Wenn man die heutige Politik der israelischen Regierung historisch analysiert, etwas mehr als 100 Jahre zurückgeht oder in die Zeit vor 1947 und die Zwischenkriegszeit, dann muss man bedenken, dass der Bund damals überall wirken wollte, wo Juden eine Heimat hatten, also nicht Palästina…das wird hier erklärt, aber auch die politische Kultur des Zionismus in Opposition zur jiddischen Kultur des Bundes „In the society the Bund envisaged, everyone would have the right to speak their own language“ )ich teile das nicht, aber diese Kritik am Hebräischen geht weit zurück…auch zum Zionismus und zu Herzl). Völlig korrekt beschreibt der Rezensent, dass der Bund, was die Klassenpolitik betrifft, letztlich versagt hatte, aber weniger „Ist members fought for their egalitarian, secular, profoundly cosmopolitan vision in the very darkest of times and places“. Tja, das kann man Netanjahu entgegenhalten – und den Palästinensern, die keine friedliche Vereinbarung mit den Zionisten vor 1948 eingegangen sind, warum ist übrigens auch wichtig, aber soll hier nicht ausgebreitet werden – außer in dem Aspekt, dass gerade heute die interne Kritik des Zionismus bis zu seinen Wurzeln, also auch Herzl, Antworten auf der Unverständnis geben kann, sagen wir Teilantworten, warum der Zionismus von den rechten bis rechtsradikalen Israelis praktisch abgesetzt worden ist.

*

Ich könnte mich hier an die mittlere und spätere Hannah Arendt halten, an meine Freunde in Israel, an meine jüdischen Freunde usw. Aber wichtiger scheint mir, auch diesen Aspekt der jüdischen Geschichte wirklich aufzublättern, nicht zuletzt, was die USA betrifft. Ich stimme mit der Kritik am Zionismus nicht weitgehend überein, aber an der Realität seiner Durchsetzung sieht man schon die Alternativen, die nicht eingetreten sind, während den Gegnern des weltoffenen jüdischen Kosmopolitismus Tür und Tor geöffnet wurden. Dazu muss man sich auch politisch und kulturell verhalten.

Himmelfahrt – Höllensprung

Nein, nichts zum Feiertag. 40 Tage nach Ostern, immer am Donnerstag Christi Himmelfahrt: Christen feiern leibliche Aufnahme von Jesus in Himmel – religion.ORF.at – das reicht. Die Himmelfahrten gehen heute ins Weltall, hunderte, tausende, Fluchkörper, die sich selten treffen, aber insgesamt einen gewaltigen Müll anrichten bzw. selbst darstellen. Was für ein Glück, dass das nur in einem kleinen Winkel des großen Weltraums sich ereignet, obwohl – doch ziemlich weit und nicht wirklich erfreulich. Naja, das Wetter sagen sie besser voraus, und die Kommunikation geht einfacher durch die Welt und rund um die Erde. Aber das Wichtigste: die Elite der Elite sucht jetzt schon Wege, wie sie oder ihre Nachkommen unbeschädigt in den Weltraum entkommen können, wenn die Erde unwirtlich oder unbewohnbar wird…nur, wenn sie dort im All sind, dauert es statistisch 1,2 Millionen Jahre, bis sie den nächsten Wohnplaneten erreichen, der heißt „terra“…

Drehen wir das um. Ohne Religion, ohne Weltraum, ohne Erkundung oder Flucht. Man geht die Straße entlang, bei einem bestimmten Deckel hält man an, steigt in den Untergrund und ist für die meisten verschwunden. Jetzt stellt euch vor, wohin man dann kommen kann, wenn man nicht nur Rohre und Kabel und Wasserleitungen erreicht, sondern plötzlich im umgekehrten Weltall gelandet ist. Der Mythos, dass wir in der Innenseite der Weltkugel leben, ist natürlich alt und leider nicht ironisch genug, um zu überleben.

Warum mich das interessiert? Weil die religiösen Feiertage, beispielhaft, Assoziationen in die voraufgeklärte Welt erlauben – da kann man sich noch vorstellen, was früher die Einbildung, aber auch die Gläubigkeit an das Unverständliche geprägt hatte.

Und natürlich gegen die Aufklärung richtet sich, was heute politisch angestrebt und mit Mythos ummantelt wird, nicht nur Peter Thiel, sondern eigentlich noch alle Kirchen, Sekten und reaktionären Programme. Was bleibt denn dann „positiv“ übrig, sozusagen „real“? Eine ganze Menge, und wir basteln unsere immer neuen Mythen ja ständig und immer wieder.

Mit anderen Worten: so weit sind wir noch gar nicht entwickelt. Wenn wir uns an die Aufklärung halten, bedarf es auch der Neugierde, des Interesses hinter die Vorhänge zu schauen. Und dann ist natürlich die Historiographie der religiösen wie der wissenschaftlichen Begründungen schon spannend: Wie kommt es zu den Vorstellungen vom Universum und vom Weltraum und von der interstellaren Reise (oder eben vom Gegenteil: von der Reise zum Erdmittelpunkt oder in den Körper). Die Bilder vom Jenseits des Lebens richtung Hölle sind sicher im Tunnel anschaulicher als im unendlichen Universum (Lest einmal Dürrenmatts „Tunnel“), aber mehr Phantasie kann man im Weltraum schon entwickeln, nur – dort herumzurasen ist ja nicht unbedingt eine Erlösung, auch nicht die Himmelfahrt des Gottessohnes.

Die heutige Ökonomie, Musk & Co., baut genau diese Phantasie ab, um interglobale Märkte zu imaginieren, die ihr ja doch nur die Macht hier auf Erden erweitern würde, – aber die Erde geht ja gerade kaputt. Das wiederum verführt viele zum Mythos zu greifen.

Dass Christus auch zur Befreiung in die Hölle gefahren ist, eine volkstümliche Marginalie, aber tiefsinnig (ER muss ja die bislang vor ihm Abgestiegenen befreien (Wilhelm Maas: Gott und die Hölle – Studien zum Descensus Christi. Einsiedeln 1979). Es lohnt aber auch, die Höllenfahrt bis in das gegenwärtige Kino zu verfolgen (Höllenfahrt – Wikipedia), denn Hälle ist in jedem Fall spannender als die einschränkende Vorstellung vom Leben im Himmel. Unglück lässt sich eben menschlicher übersetzen als Glück, das wissen sogar wir.

*

Der Spaß, Feiertage zu dekonstruieren, geht natürlich weiter, wenn man die Biographien von Heiligen, echten Menschen und anderen Wesen zerlegt. Mein Vorschlag: sucht euch einen besonderen Feiertag aus und feiert seine Geschichte.

Naive Vergleiche – und sinnvolle Differenzen

Fast schon ein Kalauer: die EU mit dem römischen Reich, Imperium Romanum, zu vergleichen; oder Stalins Sowjetunion mit Gorbatschows Russland – oder mit Putins? oder die AfD mit NS oder Meloni mit Mussolini oder…Wenn es „private“, persönliche Vergleiche sind, kann und soll man darüber diskutieren, Klarheit schaffen, warum jemand einen bestimmten Vergleich erfindet oder übernimmt, ihm zustimmt oder ihn ablehnt. Heute sind derartige Vergleiche fast immer in den Medien und haben größeren Einfluss nicht nur auf private, sondern auch auf öffentliche Bewusstseinsbildung, mit Einwirkung auf die Politik – oder nicht.

Oder nicht. Auch darauf kommt es mir an. Wer akademische Logik studiert, kann Vergleiche in allen Varianten verstehen, erkennen, gestalten. Nur: das ist nicht einfach und auch gebildeten Laien nicht einfach zugänglich. Wikipedia ist da streng: Vergleichende Methode – Wikipedia

  • der formalen Beschreibung (Vergleich von Strukturen, Regierungssystemen etc.),
  • der darauf aufbauenden Erklärung (von kausalen Zusammenhängen, Ursache-Wirkungs-Beziehungen im engeren Verständnis),
  • einer auf der Analyse basierenden Prognose (zur Vorhersage möglicher Entwicklungen, etwa durch den historischen Vergleich), sowie
  • der bewertenden Interpretation (speziell für normative Aussagen zum politischen System).

Das meine ich „eigentlich“ nicht, aber Vergleiche in der Alltagskommunikation haben den gefährlichen Nachteil, oft ganz anders weiterzuwirken, als ein vergleichender Einwurf es vorhatte. Andererseits: ohne Vergleiche gibt es keine Wissenschaft, schon gar keine Geschichtswissen-schaft, schon gar keine…Aber im Alltag gehts nicht um die Wissenschaften, da sind es oft Erfahrungen und Eindrücke, oft Überlieferungen, oft irrige Vorstellungen, die Vergleiche dauernd anstellen. Und ohne sie wäre Kommunikation ganz und gar unmöglich und jedenfalls schwierig.

WARUM ich das so einsetze? Weil im politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen Diskurs über Vergleiche mehr als nur Haltungen und Überzeugungen erzeugt werden, sondern wiederum Politik, Ökonomie etc. beeinflusst und geprägt werden.

*

Macht selbst ein Experiment: Vergleicht Hitler mit Stalin, mit Putin, Trump mit Putin und Hitler usw. und vergleicht eure Kriterien mit dem Nachdenken, wie ihr drauf kommt, und welche Quellen sich da als erste vordrängen. Diese Vergleichsvorgänge sagen etwas über eure Bildung, eure Standpunkte, eure Vorurteile…

Eines meiner wichtigsten Beispiele ist ganz aktuell: Womit können wir Israelis mit Palästinensern vergleichen, weiterhin Israelis sich und Palästinenser, diese sich mit Arabern, die Israelis mit Juden oder als Juden oder als jüdische Mehrheit etc. Ihr erkennt, dass hier eine lange Entwicklung von Fragen und Vergleichen sofort möglich ist, aber dass es auch unmöglich ist, ein- oder wenig-dimensional Schlussfolgerungen zu erzeugen und zu kommunizieren. Aber es kann ja sein, dass solche notwendig sind, um das, was in Israel, Gaza, dem Nahen Osten, dem Kampf gegen Iran etc. sich ereignet, nicht nur zu verstehen, sondern darüber mit einer Meinung, einer Haltung sich zu verständigen. Wenn ich z.B. die gute Informationssendung des DLF am 13.5. um 7.50 zur rasanten Entwicklung der radikalen israelischen Rechten auch bei Militär verstehen will, reicht es nicht, allein die Daten festzustellen. Wo kommt die religiöse Verbindung mit dem Zionismus historisch her? Und kann ich von „dem“ Zionismus überhaupt sprechen? Die Antworten sind, darauf bestehe ich, zu komplex für Schlagworte; sie zu verstehen, bedarf es ziemlich viel Wissen, und früher hätte man gesagt, es bedürfe einer breiteren Bildung, um die Beziehung der Juden (Ethnos) bzw. der jüdischen gesellschaftlichen Strukturen (ethis, sozial, kulturell, historisch etc.) zu einander und „nach außen“ )in die nicht-jüdische Welt und Umwelt zu verstehen und sich zu positionieren.

Bei diesen Bemerkungen denke ich an Diskussionen mit dem gerade verstorbenen Micha Brumlik, mit vielen meiner jüdischen Freunde, mit Studis und KollegInnen…und die möglichen und wirklichen Kontroversen untereinander konstituieren geradezu das, was so einfach „Judentum“ heißt. Nun, dazu habe ich hier viel geschrieben, und wenn wir zurück an den Anfang dieser Mitteilung gehen, dann zeigt sich auch, womit man Juden und Palästinenser „vergleichen“ kann und soll, und womit nicht.

Wisst ihr, wer Daniel Libeskind ist? ein auch mit KI verfasster Text von gestern weist auf ihn hin („Sollte es besser wissen“: Star-Architekt Libeskind mit Warnung an Deutschland). Warum ich das aufrufe? Weil es schon zeigt, in wieviele Ritzen und Falten der Gesellschaft das Thema geht. Und ihr wisst, warum ich bei diesem Thema bleibe. Das heißt aber nicht, dass es das gedankliche Zentrum der Welt ist, es muss da immer so viele geben, wie für die Zukunft wichtig sind. Umwelt an erster Stelle. Und dazu kann man den altmodischen Begriff der Bildung exhumieren, zum Beispiel.

Ich hatte ja begonnen über VERGLEICHE zu schreiben. Und wenn ihr immer die Vergleiche heranzieht, die euch wichtig sind und nicht die, die gerade diktiert werden, dann kommen spannende Themenmuster zustande, die schon Einfluss auf das politische Selbstverständnis haben. Vergleiche enthalten den Begriff der Gleichheit, eine Folge von Freiheit, nicht ihren Ausgang. Das macht sie so spannend.

Frühlingsdepression

Wenn man vieles durchschaut, manches besser weiß als andere, wieder manches gar nicht kritisieren möchte, mit einem Wort – wenn man ein wacher, kritischer Mensch mit entsprechenden Wahrnehmungen ist, wie kann man sich schützen vor der Abschleifungen durch immer das Falsche, das Schlechte, das unangreifbar Unsinnige`? Darauf will ich hinaus: dass man nur kritisieren soll, was man kritisieren kann. Aber kann man den rechten Flügel der Bundesregierung kritisieren? Ich bin ganz seriös, wenn ich sage, dass ich nicht kritisieren will, wen ich verachte, und dass ich niemanden verachte, der eine reale politische Rolle zu spielen vorgibt. Das ist ein logisches Dilemma. Dem ich nicht entkomme. Aber ich schreibe es euch, weil ihr vielleicht aus der Zwickmühle rauskommt. Ich könnte natürlich die verachtenswerten Gestalten aufwerten, dann kann ich in Widersprüchen sie kritisieren und alles wäre ok…hab ich probiert, und es wurde lächerlich, hat mich befleckt und niemanden beruhigt. Also zieh ich mich zurück und widme mich den Frühlingswinden und den frühen Blüten und der Täuschung, man könne die Natur noch retten und sich damit auch. Probiert das einmal, geht spazieren. Dann hört ihr die Vögel, der Tau liegt auf dem Gras, das Reh beäugt euch und der Habicht schaut. Natürlich wehrt sich der Realismus gegen diese Simplizität, aber lasst das einmal zu.

Wenn man abstumpft, weil man ständig bei wiedreholter Wahrnehmung die Kommentare auch wiederholt, dann ist eine Alternative, sich zurückzuziehen. Philosophisch einfach, real und politisch schwierig. Der Wal erregt mehr Aufsehen als die Verhungerten im Sudan, das ist ein richtiges Beispiel. Ich bin nicht allein mit einem Begriff, der um sich greift: Biedermeier. Hat natürlich kulturelle Folgen, gute wie schlechte, soziale ohnedies. Politik gibt es da nicht so direkt, was ich von Merz sage, ein 0,8 Politiker, gilt irgendwie für das System. Die Innenpolitik regiert die Kultur, Außenpolitik gibt es für die Abhängigen ohnedies kaum, und Soziales kommt mit der stagnierenden Wirtschaft ins Rutschen. Nebbich, so ein negatives Szenarion, bleibt einem ja nur die zerstörte Hinwendung zur Kultur. Das ist eine Wiederholung früher Reaktionen der Grünen: ohne Gewalt und Gegen-schläge auf eine zu große Barriere zu reagieren. Ich nenne das produktives Aushöhlen: wenn diese Staatsform gewinnt, kann niemand sagen, über wen und was sie gewonnen haben wird. So drehen sich auch Demokratien in Richtung Diktatur. Und wer aushöhlt, leistet den Widerstand für morgen, nicht für heute. Am Ende des Biedermeier steht die Revolution, man weiß nicht, ob sie erfolgreich ist. Aber was ich weiß: die Wappnung gegen die depressive Unterwerfung ist wichtig. Im Privaten wie im Öffentlichen: wenn man schon sterbenskrank ist, soll man sich dem Leben, dem Lebendigen zuwenden. „Pathetische“ Worte, aber ja, da kann ich ironisch sein. Nur nicht 0,8.

Zurück zum Naturerlebnis. Umwelt als (einzige?) Hoffnung für das Agieren von Politik. Das ist kein Ausweichen. Die 0,8 er, nicht nur bei uns, zerstören schon die Zukunft unserer Enkel, schon in diesem Jahrhundert. Am Beispiel des Waldiskurses kann man das durchexerzieren. Unsere Kinder und Enkel werden noch leben müssen und lernen können, wie man die jetzigen Wohlstandskoordinaten verändert, sie haben nicht viel Wahl. Und da ich sonst nichts prophezeie, wirklich nicht: lest zurück, dann wenigstens dies: es wird größere Völkerwanderungen geben, weg von Hunger und Dürre, auch weg von Diktatur, die durch die 0,8 Politik, auch der EU, nicht aufgehalten werden kann (ich war vor 40 Jahren in Kairo, damals lebten da 5 Millionen, heute sind es 25…). Europa ist nicht Karthago, aber zwischen dem 2. und 3. Krieg wird der kontinentale Abstieg um sich greifen. Man kann dagegen etwas tun. Politik als Herstellung von Freiheit. Der Kreis schließt sich, die Umwelt als Anregung die Welt zu retten.

Das waren auch einmal GRÜNE Diskussionen. Können wieder kommen. Es hat wenig Sinn, sich am verachtenswerten Wirklichen abzuarbeiten, wenn der Widerspruch ins Leere verpufft, so wie eine Rakete ins Weltall. Aber wir dürfen das Ganze ja nicht vergessen, um den richtigen Augenblick, politisch zu agieren, nicht zu verpassen.

K. – Der Abend lohnt sich

K.

Drei Stunden im BE Theater, nach einer Enttäuschung zwei Tage davor sollte keine zweite kommen. K. Viele scheinen doch zu wissen, dass das Kafka meint. Übrigens: woher? Ist keine unheimliche Bildungsfrage. Zu diesem K. komme ich gleich, jetzt einmal der Regisseur Barrie Kosky – Wikipedia . Da wusste man schon vorher, dass es spannend würde, ob gut oder nicht, entscheidet sich ja auch in den Zuschauern. Ich sage es gleich: großartig, verstörend und ja, so will ich Theater immer wieder neu sehen, erleben. Mehr als drei Stunden, dann der Applaus.

Zu Kafka habe ich eine lange Beziehung, deren biographische Elemente ich hier weglasse. Aber schon der Untertitel des Stücks verbindet mich „Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas Prozess“.  Und selten hat man, alters- aber auch bildungsbedingt, so empfohlen, den Kommentar des Regisseurs vor allen anderen Kommentaren zu lesen, und dann zu Kafka wieder zu greifen, jedenfalls zum Prozess, zur Strafkolonie, zum Hungerkünstler, auch wenn man meint, das alles schon zu kennen. Kennen schon, aber was weiß man….Da ich keine Kritiken schreibe, kann ich alle, die an dieser Aufführung mitwirken, nur loben, und Kathrin Wehlisch als K. natürlich mehr als feiern. So, genug der Einleitung.

*

Wie gegenwärtig der über hundert Jahre alte „Prozess“ ist, spürt man, erfährt man irgendwie, und doch ist man nicht in eine zeitlose Tragödie hineingezogen, in allen Geschichten Kafkas, so empfinde ich das, wird erst klar, was der Prozess, der Hunger, die Strafe ist, wenn es sich – endlich? Endlich – mit sich selbst auseinandersetzt. Endlich hat mehrere Seiten. Das geht eben mit allen Menschen nicht durch Schuldzuschreibung vor sich und nicht nach einem gesellschaftlichen Muster, das anscheinend alle kennen, man aber im konkreten Fall nicht versteht (Wo ist die Anklage?). Das wirkliche Urteil braucht keine. Der Hungerkünstler endet überzeugend. Wie wir alle, wenn wir uns nicht die Abwicklung unserer Lebendigkeit in die Hände anderer begeben. Gar nicht einfach, nicht so. Ich wüsste nicht, was ich nicht von K. immer wieder lesen wollte, und irgendwie weiß man schon vorher, dass man nicht Zugang zur Befreiung durch ein bewachtes Tor haben kann. Man weiß es, aber meist kennt man keine alternativen Zugänge zur von anderen nicht gewährten Freiheit. So einfach ist das, wenn es so schön dargestellt wird, wie auf der Bühne.

(Gerade kümmert sich die SPIEGEL-Kultur um den ersten Satz des „Prozess“, wie ihn Kafka selbst auf das Niveau gebracht hatte, das nun Welterbe ist (Schöner schreiben: Der berühmteste erste Satz der Welt – und wie Franz Kafka ihn verbesserte)).

Das Bühnenstück verfolgt mich, weil es soviel K., das ich gelesen und wiedergelesen hatte, hochverdichtet zusammengeballt auf mich losließ, und ganz viele Erinnerungen reaktivierte. Die erinnern eben nicht nur den Text, sondern man sieht das Bild von Kafka in all diesen Beschreibungen aktiviert, als wäre er überall dabei und würde uns den Text als eine Biographie rübergeben, die nur für uns, für mich da steht – ein wirklich guter Autor, nic ht einfach einer von vielen.

*

Während ich das niederschreibe, fällt mir auf, wie lange ich schon auch Sekundärliteratur und deren Kritik gesammelt habe, Kosky selbst verweist u.a. aufEvelyn Beck zu Kafka und dem jiddischen Theater. Unbedingt lesen: Hans Gerd Koch (Hg): Kafkas Familie. Ein Fotoalbum, Berlin (Wagenbach), mit Hinweisen auf die gesamte Kafka-Arbeit von Koch und Wagenbach. Ich nenne noch Giuliano Baioni: Kafka, Literatur und Judentum, Stuttgart 1994; Ritchie Robertson: Kafka – Judentum Gesellschaft Literatur, Stuttgart 1988, und etliche wichtige Texte von Frantisek Kautman, z.B. Svet Franze Kafky, Prag 1990 (vieles nicht übersetzt). Aber immer wieder Kafkas Texte lesen, auch ohne andere Kommentare, – es verbessert uns.

Franz Kafka bibliography – Wikipedia

Franz Kafka – Wikipedia

Demokratie verspiegelt, keine Alternative?

Als Jugendlicher wäre ich gerne nach Elmau eingeladen worden, ein sehr exquisiter Treffpunkt von Eliten, nicht nur vom Kapital, auch von Kultur und sozialen Ansprüchen. Jetzt weiß ich zwar, warum ich nie dorthin eingeladen wurde, aber es ist ja nicht ganz auf der andern Seite, wie die Juwelen und Handtaschen im SPIEGEL #18 „Die Luxusfalle“. Aber mit dem SPIEGEL hat es zu tun, ich hab ihn sogar hier gelobt, vor allem wegen der Diskussion in Elmau: „Verdient es die Demokratie, dass sie überlebt? Ja, aber…“, verfasst von Lothar Gorris, der auch dort diskutiert hat (SPIEGEL 17a, 21.4.2026, 8-21). Ich hatte vor ein paar Tagen diesen Bericht in meinen Blogs gelobt, jetzt kommen ein paar Details.

Elmau, das kann sich leisten, wer seine Zugehörigkeit zu einer oder mehrerer Eliten nicht verdecken will, ein anderes Thema. Ivan Krastev, ein Bekannter aus seiner Befestigung als einer der gescheitesten unabhängigen Intellektuellen, jetzt gerade 60, dirigiert eine weitgehend anerkannte Runde von Intellektuellen zum Thema Demokratie, wir können uns testen, wie viele der im Bericht zitierten Diskutanten wir namentlich und vielleicht inhaltlich gekannt haben, und als Auftakt ein Name, der querliegt, querliegen soll: Curtis Yarvin, lest erst, was im SPIEGEL über ihn steht, und dann mehr über ihn (Curtis Yarvin – Wikipedia, *1973, jemand zu J.D.Vance und Peter Thiel gehört….). Wurde er als Provokateur, als Provokation oder als Vertreter einer Wirklichkeit eingeladen, die mit unserer vielleicht nicht deckungsgleich sein kann oder soll? Er passt irgendwie zum Elmauer Szenario, so als würde dort wichtiges und wirkliches durchaus von sich gegeben, aber irgendwie auch „gespielt“. Ich denke an Casanova.

Ausführlicher wird über Krastev eingeführt, und dann sind da benannt Timothy Garton Ash, Mark Leonard, Peter Sloterdijk, David Runciman, Avril Haines, Lothar Gorris, Natalia Tocci, Alex Soros, vielleicht noch mehr? und Eva Illouz. Die nenne ich als letzte, weil sie sich als Einzige so verhält, wie wir uns vorstellen könnten, nicht in Elmau zu sehr verpuppt zu sein. Weil ich kein neidischer Junger, auch kein Jünger bin, aber auch kein abgeklärter Alter, stelle ich mir die Diskussionen rund um die gute Ernährung und Betreuung irgendwie so vor, wie ich sie aus anderen Zeiten und Umgebungen kenne, mit der Erwartung, dass nicht viel aufregend Neues, aber nicht nur breitgetretener alter Quark herauskommt. So gesehen, richtig.

Mit einigem Abstand frage ich mich, was tragen wir davon, jetzt schon, wird sicher veröffentlicht? Ich sehe einen Widerspruch: die Diskutierenden schauen irgendwie „von oben auf die Demokratie, sie analysieren sie aber, als würde sie in der Wirklichkeit, meinetwegen, „unten“ angekommen sein und – gar nicht so die Beste (relativ Beste) sein, ach ja, dann gibt es Alternativen, – für uns gegenwärtig, vielleicht verständig, die italienische MP Meloni, vielleicht aber ganz viel härtere Diktaturen.

Die meisten politischen Vorschläge kann man schon liberal, nicht neo-, einordnen, und rechts-links ist ohnedies keine Bruchstelle. Aber Demokratie weiter um-, neu- anders bauen, das wissen wir ja. Wenig lernt man, wie man die retrovitale Angst der Betroffenen beseitigt, damit sie endlich etwas tun und nicht nur reflektieren, das wäre ja in Krastevs Sinn, nur wie? Weil wir ja da auch, ehrlich!, mitbeteiligt sind.

Leider ist es nicht nur „natürlich“, dass wir Jarvins zehn Punkte ablehnen, aber unter anderem auch, weil wir uns unser Leben in der Diktatur nicht gut vorstellen können, da wir nicht die gescheite Elite sind, sondern „zu blöd für Demokratie“. Gut, dass der SPIEGEL das ungeschönt wiedergibt. Klar, einiges von vielen kann man durchaus als restaurativ für eine zukunftsorientierte Demokratie herauspicken.

Wenn die liberale Demokratie wirklich gescheitert ist, was ja wohl ein Grundton des Essays ist, dann muss man etwas erfinden, schaffen, experiemntieren, das durchaus demokratisch sein sollte, aber eben keine Demokratie ist, sondern das, was unsere Zukunft hält und die Zukunft unserer Kinder. Mir fielen dazu nur starke ökologische Strukturen ein, die nicht im herkömmlichen Sinn demokratisch und egalitär sein können, und mir fielen schon Geschwisterlichkeit über dem egalitär Konstruierten (dazu wird zu wenig geschrieben, wäre aber nahe liegend). Und Eva Illouz, die der Anbetung der materiellen Strukturen die Funktion und Option der Emotionalität entgegensetzt. Eben nicht wie Trump und Yarvin auf dem Kopf gehen, und von dort Gefühle austeilen, oder deutlicher: Hass und Verachtung, sondern Zuneigung und Achtung . Das ist eben nicht reaktionär, aber es grenzt auch nicht aus, wovor wir uns auch fürchten: dass gleiche Ziele angestrebt werden mit anderen Mitteln, als wir sie zu haben meinen.

Ich hätte mit einigen schon mitdiskutieren wollen, mit anderen vielleicht nur das Dessert teilen. Aber Krastev hatte schon irgendwie recht, den Feind als gleichberechtigt auftreten zu lassen, denn nur dann kann man er nicht sich als Opfer der abgeschotteten Oberschicht inszenieren. Die sind wir ja nur in seinen Augen. „Wir“, auch nir in Trumps Augen…Das ist auch mein Punkt: die Auseinandersetzung, den Streit ohne Gewalt, wieder einzuüben. Dazu muss man nicht nur kämpfen, sondern sich schon klar sein, worum es „eigentlich“ geht. Endlich passt das Wort