Naive Vergleiche – und sinnvolle Differenzen

Fast schon ein Kalauer: die EU mit dem römischen Reich, Imperium Romanum, zu vergleichen; oder Stalins Sowjetunion mit Gorbatschows Russland – oder mit Putins? oder die AfD mit NS oder Meloni mit Mussolini oder…Wenn es „private“, persönliche Vergleiche sind, kann und soll man darüber diskutieren, Klarheit schaffen, warum jemand einen bestimmten Vergleich erfindet oder übernimmt, ihm zustimmt oder ihn ablehnt. Heute sind derartige Vergleiche fast immer in den Medien und haben größeren Einfluss nicht nur auf private, sondern auch auf öffentliche Bewusstseinsbildung, mit Einwirkung auf die Politik – oder nicht.

Oder nicht. Auch darauf kommt es mir an. Wer akademische Logik studiert, kann Vergleiche in allen Varianten verstehen, erkennen, gestalten. Nur: das ist nicht einfach und auch gebildeten Laien nicht einfach zugänglich. Wikipedia ist da streng: Vergleichende Methode – Wikipedia

  • der formalen Beschreibung (Vergleich von Strukturen, Regierungssystemen etc.),
  • der darauf aufbauenden Erklärung (von kausalen Zusammenhängen, Ursache-Wirkungs-Beziehungen im engeren Verständnis),
  • einer auf der Analyse basierenden Prognose (zur Vorhersage möglicher Entwicklungen, etwa durch den historischen Vergleich), sowie
  • der bewertenden Interpretation (speziell für normative Aussagen zum politischen System).

Das meine ich „eigentlich“ nicht, aber Vergleiche in der Alltagskommunikation haben den gefährlichen Nachteil, oft ganz anders weiterzuwirken, als ein vergleichender Einwurf es vorhatte. Andererseits: ohne Vergleiche gibt es keine Wissenschaft, schon gar keine Geschichtswissen-schaft, schon gar keine…Aber im Alltag gehts nicht um die Wissenschaften, da sind es oft Erfahrungen und Eindrücke, oft Überlieferungen, oft irrige Vorstellungen, die Vergleiche dauernd anstellen. Und ohne sie wäre Kommunikation ganz und gar unmöglich und jedenfalls schwierig.

WARUM ich das so einsetze? Weil im politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen Diskurs über Vergleiche mehr als nur Haltungen und Überzeugungen erzeugt werden, sondern wiederum Politik, Ökonomie etc. beeinflusst und geprägt werden.

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Macht selbst ein Experiment: Vergleicht Hitler mit Stalin, mit Putin, Trump mit Putin und Hitler usw. und vergleicht eure Kriterien mit dem Nachdenken, wie ihr drauf kommt, und welche Quellen sich da als erste vordrängen. Diese Vergleichsvorgänge sagen etwas über eure Bildung, eure Standpunkte, eure Vorurteile…

Eines meiner wichtigsten Beispiele ist ganz aktuell: Womit können wir Israelis mit Palästinensern vergleichen, weiterhin Israelis sich und Palästinenser, diese sich mit Arabern, die Israelis mit Juden oder als Juden oder als jüdische Mehrheit etc. Ihr erkennt, dass hier eine lange Entwicklung von Fragen und Vergleichen sofort möglich ist, aber dass es auch unmöglich ist, ein- oder wenig-dimensional Schlussfolgerungen zu erzeugen und zu kommunizieren. Aber es kann ja sein, dass solche notwendig sind, um das, was in Israel, Gaza, dem Nahen Osten, dem Kampf gegen Iran etc. sich ereignet, nicht nur zu verstehen, sondern darüber mit einer Meinung, einer Haltung sich zu verständigen. Wenn ich z.B. die gute Informationssendung des DLF am 13.5. um 7.50 zur rasanten Entwicklung der radikalen israelischen Rechten auch bei Militär verstehen will, reicht es nicht, allein die Daten festzustellen. Wo kommt die religiöse Verbindung mit dem Zionismus historisch her? Und kann ich von „dem“ Zionismus überhaupt sprechen? Die Antworten sind, darauf bestehe ich, zu komplex für Schlagworte; sie zu verstehen, bedarf es ziemlich viel Wissen, und früher hätte man gesagt, es bedürfe einer breiteren Bildung, um die Beziehung der Juden (Ethnos) bzw. der jüdischen gesellschaftlichen Strukturen (ethis, sozial, kulturell, historisch etc.) zu einander und „nach außen“ )in die nicht-jüdische Welt und Umwelt zu verstehen und sich zu positionieren.

Bei diesen Bemerkungen denke ich an Diskussionen mit dem gerade verstorbenen Micha Brumlik, mit vielen meiner jüdischen Freunde, mit Studis und KollegInnen…und die möglichen und wirklichen Kontroversen untereinander konstituieren geradezu das, was so einfach „Judentum“ heißt. Nun, dazu habe ich hier viel geschrieben, und wenn wir zurück an den Anfang dieser Mitteilung gehen, dann zeigt sich auch, womit man Juden und Palästinenser „vergleichen“ kann und soll, und womit nicht.

Wisst ihr, wer Daniel Libeskind ist? ein auch mit KI verfasster Text von gestern weist auf ihn hin („Sollte es besser wissen“: Star-Architekt Libeskind mit Warnung an Deutschland). Warum ich das aufrufe? Weil es schon zeigt, in wieviele Ritzen und Falten der Gesellschaft das Thema geht. Und ihr wisst, warum ich bei diesem Thema bleibe. Das heißt aber nicht, dass es das gedankliche Zentrum der Welt ist, es muss da immer so viele geben, wie für die Zukunft wichtig sind. Umwelt an erster Stelle. Und dazu kann man den altmodischen Begriff der Bildung exhumieren, zum Beispiel.

Ich hatte ja begonnen über VERGLEICHE zu schreiben. Und wenn ihr immer die Vergleiche heranzieht, die euch wichtig sind und nicht die, die gerade diktiert werden, dann kommen spannende Themenmuster zustande, die schon Einfluss auf das politische Selbstverständnis haben. Vergleiche enthalten den Begriff der Gleichheit, eine Folge von Freiheit, nicht ihren Ausgang. Das macht sie so spannend.

Frühlingsdepression

Wenn man vieles durchschaut, manches besser weiß als andere, wieder manches gar nicht kritisieren möchte, mit einem Wort – wenn man ein wacher, kritischer Mensch mit entsprechenden Wahrnehmungen ist, wie kann man sich schützen vor der Abschleifungen durch immer das Falsche, das Schlechte, das unangreifbar Unsinnige`? Darauf will ich hinaus: dass man nur kritisieren soll, was man kritisieren kann. Aber kann man den rechten Flügel der Bundesregierung kritisieren? Ich bin ganz seriös, wenn ich sage, dass ich nicht kritisieren will, wen ich verachte, und dass ich niemanden verachte, der eine reale politische Rolle zu spielen vorgibt. Das ist ein logisches Dilemma. Dem ich nicht entkomme. Aber ich schreibe es euch, weil ihr vielleicht aus der Zwickmühle rauskommt. Ich könnte natürlich die verachtenswerten Gestalten aufwerten, dann kann ich in Widersprüchen sie kritisieren und alles wäre ok…hab ich probiert, und es wurde lächerlich, hat mich befleckt und niemanden beruhigt. Also zieh ich mich zurück und widme mich den Frühlingswinden und den frühen Blüten und der Täuschung, man könne die Natur noch retten und sich damit auch. Probiert das einmal, geht spazieren. Dann hört ihr die Vögel, der Tau liegt auf dem Gras, das Reh beäugt euch und der Habicht schaut. Natürlich wehrt sich der Realismus gegen diese Simplizität, aber lasst das einmal zu.

Wenn man abstumpft, weil man ständig bei wiedreholter Wahrnehmung die Kommentare auch wiederholt, dann ist eine Alternative, sich zurückzuziehen. Philosophisch einfach, real und politisch schwierig. Der Wal erregt mehr Aufsehen als die Verhungerten im Sudan, das ist ein richtiges Beispiel. Ich bin nicht allein mit einem Begriff, der um sich greift: Biedermeier. Hat natürlich kulturelle Folgen, gute wie schlechte, soziale ohnedies. Politik gibt es da nicht so direkt, was ich von Merz sage, ein 0,8 Politiker, gilt irgendwie für das System. Die Innenpolitik regiert die Kultur, Außenpolitik gibt es für die Abhängigen ohnedies kaum, und Soziales kommt mit der stagnierenden Wirtschaft ins Rutschen. Nebbich, so ein negatives Szenarion, bleibt einem ja nur die zerstörte Hinwendung zur Kultur. Das ist eine Wiederholung früher Reaktionen der Grünen: ohne Gewalt und Gegen-schläge auf eine zu große Barriere zu reagieren. Ich nenne das produktives Aushöhlen: wenn diese Staatsform gewinnt, kann niemand sagen, über wen und was sie gewonnen haben wird. So drehen sich auch Demokratien in Richtung Diktatur. Und wer aushöhlt, leistet den Widerstand für morgen, nicht für heute. Am Ende des Biedermeier steht die Revolution, man weiß nicht, ob sie erfolgreich ist. Aber was ich weiß: die Wappnung gegen die depressive Unterwerfung ist wichtig. Im Privaten wie im Öffentlichen: wenn man schon sterbenskrank ist, soll man sich dem Leben, dem Lebendigen zuwenden. „Pathetische“ Worte, aber ja, da kann ich ironisch sein. Nur nicht 0,8.

Zurück zum Naturerlebnis. Umwelt als (einzige?) Hoffnung für das Agieren von Politik. Das ist kein Ausweichen. Die 0,8 er, nicht nur bei uns, zerstören schon die Zukunft unserer Enkel, schon in diesem Jahrhundert. Am Beispiel des Waldiskurses kann man das durchexerzieren. Unsere Kinder und Enkel werden noch leben müssen und lernen können, wie man die jetzigen Wohlstandskoordinaten verändert, sie haben nicht viel Wahl. Und da ich sonst nichts prophezeie, wirklich nicht: lest zurück, dann wenigstens dies: es wird größere Völkerwanderungen geben, weg von Hunger und Dürre, auch weg von Diktatur, die durch die 0,8 Politik, auch der EU, nicht aufgehalten werden kann (ich war vor 40 Jahren in Kairo, damals lebten da 5 Millionen, heute sind es 25…). Europa ist nicht Karthago, aber zwischen dem 2. und 3. Krieg wird der kontinentale Abstieg um sich greifen. Man kann dagegen etwas tun. Politik als Herstellung von Freiheit. Der Kreis schließt sich, die Umwelt als Anregung die Welt zu retten.

Das waren auch einmal GRÜNE Diskussionen. Können wieder kommen. Es hat wenig Sinn, sich am verachtenswerten Wirklichen abzuarbeiten, wenn der Widerspruch ins Leere verpufft, so wie eine Rakete ins Weltall. Aber wir dürfen das Ganze ja nicht vergessen, um den richtigen Augenblick, politisch zu agieren, nicht zu verpassen.

K. – Der Abend lohnt sich

K.

Drei Stunden im BE Theater, nach einer Enttäuschung zwei Tage davor sollte keine zweite kommen. K. Viele scheinen doch zu wissen, dass das Kafka meint. Übrigens: woher? Ist keine unheimliche Bildungsfrage. Zu diesem K. komme ich gleich, jetzt einmal der Regisseur Barrie Kosky – Wikipedia . Da wusste man schon vorher, dass es spannend würde, ob gut oder nicht, entscheidet sich ja auch in den Zuschauern. Ich sage es gleich: großartig, verstörend und ja, so will ich Theater immer wieder neu sehen, erleben. Mehr als drei Stunden, dann der Applaus.

Zu Kafka habe ich eine lange Beziehung, deren biographische Elemente ich hier weglasse. Aber schon der Untertitel des Stücks verbindet mich „Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas Prozess“.  Und selten hat man, alters- aber auch bildungsbedingt, so empfohlen, den Kommentar des Regisseurs vor allen anderen Kommentaren zu lesen, und dann zu Kafka wieder zu greifen, jedenfalls zum Prozess, zur Strafkolonie, zum Hungerkünstler, auch wenn man meint, das alles schon zu kennen. Kennen schon, aber was weiß man….Da ich keine Kritiken schreibe, kann ich alle, die an dieser Aufführung mitwirken, nur loben, und Kathrin Wehlisch als K. natürlich mehr als feiern. So, genug der Einleitung.

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Wie gegenwärtig der über hundert Jahre alte „Prozess“ ist, spürt man, erfährt man irgendwie, und doch ist man nicht in eine zeitlose Tragödie hineingezogen, in allen Geschichten Kafkas, so empfinde ich das, wird erst klar, was der Prozess, der Hunger, die Strafe ist, wenn es sich – endlich? Endlich – mit sich selbst auseinandersetzt. Endlich hat mehrere Seiten. Das geht eben mit allen Menschen nicht durch Schuldzuschreibung vor sich und nicht nach einem gesellschaftlichen Muster, das anscheinend alle kennen, man aber im konkreten Fall nicht versteht (Wo ist die Anklage?). Das wirkliche Urteil braucht keine. Der Hungerkünstler endet überzeugend. Wie wir alle, wenn wir uns nicht die Abwicklung unserer Lebendigkeit in die Hände anderer begeben. Gar nicht einfach, nicht so. Ich wüsste nicht, was ich nicht von K. immer wieder lesen wollte, und irgendwie weiß man schon vorher, dass man nicht Zugang zur Befreiung durch ein bewachtes Tor haben kann. Man weiß es, aber meist kennt man keine alternativen Zugänge zur von anderen nicht gewährten Freiheit. So einfach ist das, wenn es so schön dargestellt wird, wie auf der Bühne.

(Gerade kümmert sich die SPIEGEL-Kultur um den ersten Satz des „Prozess“, wie ihn Kafka selbst auf das Niveau gebracht hatte, das nun Welterbe ist (Schöner schreiben: Der berühmteste erste Satz der Welt – und wie Franz Kafka ihn verbesserte)).

Das Bühnenstück verfolgt mich, weil es soviel K., das ich gelesen und wiedergelesen hatte, hochverdichtet zusammengeballt auf mich losließ, und ganz viele Erinnerungen reaktivierte. Die erinnern eben nicht nur den Text, sondern man sieht das Bild von Kafka in all diesen Beschreibungen aktiviert, als wäre er überall dabei und würde uns den Text als eine Biographie rübergeben, die nur für uns, für mich da steht – ein wirklich guter Autor, nic ht einfach einer von vielen.

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Während ich das niederschreibe, fällt mir auf, wie lange ich schon auch Sekundärliteratur und deren Kritik gesammelt habe, Kosky selbst verweist u.a. aufEvelyn Beck zu Kafka und dem jiddischen Theater. Unbedingt lesen: Hans Gerd Koch (Hg): Kafkas Familie. Ein Fotoalbum, Berlin (Wagenbach), mit Hinweisen auf die gesamte Kafka-Arbeit von Koch und Wagenbach. Ich nenne noch Giuliano Baioni: Kafka, Literatur und Judentum, Stuttgart 1994; Ritchie Robertson: Kafka – Judentum Gesellschaft Literatur, Stuttgart 1988, und etliche wichtige Texte von Frantisek Kautman, z.B. Svet Franze Kafky, Prag 1990 (vieles nicht übersetzt). Aber immer wieder Kafkas Texte lesen, auch ohne andere Kommentare, – es verbessert uns.

Franz Kafka bibliography – Wikipedia

Franz Kafka – Wikipedia

Demokratie verspiegelt, keine Alternative?

Als Jugendlicher wäre ich gerne nach Elmau eingeladen worden, ein sehr exquisiter Treffpunkt von Eliten, nicht nur vom Kapital, auch von Kultur und sozialen Ansprüchen. Jetzt weiß ich zwar, warum ich nie dorthin eingeladen wurde, aber es ist ja nicht ganz auf der andern Seite, wie die Juwelen und Handtaschen im SPIEGEL #18 „Die Luxusfalle“. Aber mit dem SPIEGEL hat es zu tun, ich hab ihn sogar hier gelobt, vor allem wegen der Diskussion in Elmau: „Verdient es die Demokratie, dass sie überlebt? Ja, aber…“, verfasst von Lothar Gorris, der auch dort diskutiert hat (SPIEGEL 17a, 21.4.2026, 8-21). Ich hatte vor ein paar Tagen diesen Bericht in meinen Blogs gelobt, jetzt kommen ein paar Details.

Elmau, das kann sich leisten, wer seine Zugehörigkeit zu einer oder mehrerer Eliten nicht verdecken will, ein anderes Thema. Ivan Krastev, ein Bekannter aus seiner Befestigung als einer der gescheitesten unabhängigen Intellektuellen, jetzt gerade 60, dirigiert eine weitgehend anerkannte Runde von Intellektuellen zum Thema Demokratie, wir können uns testen, wie viele der im Bericht zitierten Diskutanten wir namentlich und vielleicht inhaltlich gekannt haben, und als Auftakt ein Name, der querliegt, querliegen soll: Curtis Yarvin, lest erst, was im SPIEGEL über ihn steht, und dann mehr über ihn (Curtis Yarvin – Wikipedia, *1973, jemand zu J.D.Vance und Peter Thiel gehört….). Wurde er als Provokateur, als Provokation oder als Vertreter einer Wirklichkeit eingeladen, die mit unserer vielleicht nicht deckungsgleich sein kann oder soll? Er passt irgendwie zum Elmauer Szenario, so als würde dort wichtiges und wirkliches durchaus von sich gegeben, aber irgendwie auch „gespielt“. Ich denke an Casanova.

Ausführlicher wird über Krastev eingeführt, und dann sind da benannt Timothy Garton Ash, Mark Leonard, Peter Sloterdijk, David Runciman, Avril Haines, Lothar Gorris, Natalia Tocci, Alex Soros, vielleicht noch mehr? und Eva Illouz. Die nenne ich als letzte, weil sie sich als Einzige so verhält, wie wir uns vorstellen könnten, nicht in Elmau zu sehr verpuppt zu sein. Weil ich kein neidischer Junger, auch kein Jünger bin, aber auch kein abgeklärter Alter, stelle ich mir die Diskussionen rund um die gute Ernährung und Betreuung irgendwie so vor, wie ich sie aus anderen Zeiten und Umgebungen kenne, mit der Erwartung, dass nicht viel aufregend Neues, aber nicht nur breitgetretener alter Quark herauskommt. So gesehen, richtig.

Mit einigem Abstand frage ich mich, was tragen wir davon, jetzt schon, wird sicher veröffentlicht? Ich sehe einen Widerspruch: die Diskutierenden schauen irgendwie „von oben auf die Demokratie, sie analysieren sie aber, als würde sie in der Wirklichkeit, meinetwegen, „unten“ angekommen sein und – gar nicht so die Beste (relativ Beste) sein, ach ja, dann gibt es Alternativen, – für uns gegenwärtig, vielleicht verständig, die italienische MP Meloni, vielleicht aber ganz viel härtere Diktaturen.

Die meisten politischen Vorschläge kann man schon liberal, nicht neo-, einordnen, und rechts-links ist ohnedies keine Bruchstelle. Aber Demokratie weiter um-, neu- anders bauen, das wissen wir ja. Wenig lernt man, wie man die retrovitale Angst der Betroffenen beseitigt, damit sie endlich etwas tun und nicht nur reflektieren, das wäre ja in Krastevs Sinn, nur wie? Weil wir ja da auch, ehrlich!, mitbeteiligt sind.

Leider ist es nicht nur „natürlich“, dass wir Jarvins zehn Punkte ablehnen, aber unter anderem auch, weil wir uns unser Leben in der Diktatur nicht gut vorstellen können, da wir nicht die gescheite Elite sind, sondern „zu blöd für Demokratie“. Gut, dass der SPIEGEL das ungeschönt wiedergibt. Klar, einiges von vielen kann man durchaus als restaurativ für eine zukunftsorientierte Demokratie herauspicken.

Wenn die liberale Demokratie wirklich gescheitert ist, was ja wohl ein Grundton des Essays ist, dann muss man etwas erfinden, schaffen, experiemntieren, das durchaus demokratisch sein sollte, aber eben keine Demokratie ist, sondern das, was unsere Zukunft hält und die Zukunft unserer Kinder. Mir fielen dazu nur starke ökologische Strukturen ein, die nicht im herkömmlichen Sinn demokratisch und egalitär sein können, und mir fielen schon Geschwisterlichkeit über dem egalitär Konstruierten (dazu wird zu wenig geschrieben, wäre aber nahe liegend). Und Eva Illouz, die der Anbetung der materiellen Strukturen die Funktion und Option der Emotionalität entgegensetzt. Eben nicht wie Trump und Yarvin auf dem Kopf gehen, und von dort Gefühle austeilen, oder deutlicher: Hass und Verachtung, sondern Zuneigung und Achtung . Das ist eben nicht reaktionär, aber es grenzt auch nicht aus, wovor wir uns auch fürchten: dass gleiche Ziele angestrebt werden mit anderen Mitteln, als wir sie zu haben meinen.

Ich hätte mit einigen schon mitdiskutieren wollen, mit anderen vielleicht nur das Dessert teilen. Aber Krastev hatte schon irgendwie recht, den Feind als gleichberechtigt auftreten zu lassen, denn nur dann kann man er nicht sich als Opfer der abgeschotteten Oberschicht inszenieren. Die sind wir ja nur in seinen Augen. „Wir“, auch nir in Trumps Augen…Das ist auch mein Punkt: die Auseinandersetzung, den Streit ohne Gewalt, wieder einzuüben. Dazu muss man nicht nur kämpfen, sondern sich schon klar sein, worum es „eigentlich“ geht. Endlich passt das Wort

Deutsches Widerstreben – der Aprilscherz

Ich bin nicht nur Österreicher, auch Deutscher (Staatsbürger), aber im Prinzip Kosmopolit und kein Nationalist. Diese Bemerkung ist wichtig, weil die Kritik am Neu-Nationalismus vieler auch europäischer Staaten viele Gründe haben kann. Alles Mögliche an der 0.8 Regierung des Merz kann einem die Galle hoch treiben, aber man bleibt der Demokratie loyal, dann erst kann Kritik Fuss fassen. Mit dem Sonderheft des SPIEGEL kann man sich auseinandersetzen, da geht es weder um Zustimmung noch um Ablehnung. Die Demokratie zu thematisieren, anstatt an der Oberfläche der AfD herumzukratzen, ist schon wichtig. Und die rechts- wie linksradikalen Hufeisenschlüsse auch in den anderen Parteien nicht nur sichtbar zu machen, sondern einzuordnen in die eigene Position, gehört eben nicht einfach zum Privaten. Eine mir wichtige These: alle Aussagen – von Parteien, PolitikerInnen und Medien, dass es einen demokratischen Zusammenschluss aller in der Mitte geben müsse, um gegen die radikalen Ränder zu agieren, sind, wenn nicht falsch, so irreführend. Denn was die Mitte ist, kann nicht ideologisch fixiert werden und ist nicht besser oder schlechter als irgendeine Position auf der Achse des längst fragil und unrealistischen Rechts-Links-Schemas.

Warum ich das heute schreibe, wo ich doch „eigentlich“ über den Frühling, also nicht Merz, sondern April schreiben möchte? Das Problem ist u.a. daß „eigentlich“ das verfremdende Adverb ist, wenn man eigentlich etwas anderes denkt oder sagen will, aber da hin getrieben wird…zum Beispiel durch die Nachrichten oder aus heftigen Diskussionen, nicht zwischen Gegnern, sondern unter Freunden und Genossen. Die Frage war, was wir „eigentlich“ machen würden, wenn z.B. die AfD verboten würde, oder wenn sie an der Regierung deutscher Staaten beteiligt wäre, oder wenn ihr radikalerer Flügel weiter politische und kulturelle Erfolge verbuchen könnte. Soll man die Faschisten verbieten? Es gibt Gründe dafür und dagegen, aber eines ist klar, die Bewegung lässt sich schwerer ausschalten als eine politische Partei altmodischen Musters, wie CDU/CSU SPD FDP und teilweise GRÜN. (Ich erinnere mich an Gründungsdiskussionen der Grünen bei beginnendem Aufstieg, 1980 + , ob Partei oder Bewegung der richtige Ansatz sei…, deshalb „teilweise“; vgl. auch zur AfD Zur Debatte um das AfD-Verbot – wie gefährlich ist die AfD in Niedersachsen? – GRÜNE Braunschweig es geht da nicht um Zustimmung oder Kritik).

Was sich aus den rechtsnationalen, rechten und teilweise faschistischen Elementen innerhalb der demokratischen Parteien doch deutlich erkennen lässt, ist die gewollte und offene Umordnung von Kultur und Sozialsystem. Das ist in der CDU deutlicher als bei den anderen, aber nicht monopolig. Zugleich dient die Politik dieses Flügels, nicht der ganzen Partei!, dazu, die kommende34 soziale Verarmung und kulturelle Einengung sozusagen um die Ecke vorzubesprechen, „eigentlich“ geht es um etwas anderes. Und das meinte ich mit meinem Blogtitel. Noch ist unser Land so wohlständig, dass wir noch immer nicht der Realität ins Auge schauen können und wollen, umgeben von den Rauchwolken des selbst fragil gewordenen politischen und kulturellen Systems. Dazu muss man schon etwas denken, wenn wir die Demokratie erneuern wollen und uns nicht vom Blick auf die Faschisten erstarren lassen.

Deshalb der Hinweis auf den SPIEGEL. Und noch etwas typisch „Deutsches“ Der Umgang mit den Juden, mit Israel, mit der Differenz von Juden und jüdisch, ist hier so anders als in allen anderen Ländern, und im Gegensatz zur Rhetorik ist das nicht mit der deutschen NS Geschichte, nicht mit der Shoah zu begründen, sondern mit der Herstellung eines dazu passenden panzerigen Selbstbewusstseins nach 1945, das allen Angriffen standhält…die Erklärung, warum das so ist, beschäftigt nicht nur mich, sondern die ganze Forschung der deutsch-jüdischen Geschichte seit Jahrzehnten und weiterhin. Und paradoxerweise hängt auch das zusammen mit der „eigentlichen“ Distanz zur demokratischen Weiterentwicklung, die ja auch Geschichte implizieren muss. Warum? Schaut darauf, wie die Sichtweise der israelischen und palästinensischen Politik von der 0,8 Regierung eingeengt wird, und schaut, wie die Kultur durch diese Regierung eingeengt werden will, ohne dass es den Hinweis auf Selbstkritik und eigene Veränderung wirklich gibt – das wäre auch eine Aktion in der Demokratie und nicht einfach gegen d8ie AfD und andere Faschisten.

Dazu demnächst ein zweiter Teil, konkreter und analytisch. Aber heute schon: die nachweisliche Abwendung von der Umwelt, die ja „eigentlich“ im Zentrum des Überlebens steht, gibt dauernd, auch heute, die Themen vor.

Irrsinn und Strafjustiz

Nicht nur die die Unterschichtmedien, auch manche seriöse Berichterstattung und Kommentare beschreiben Trump und Putin, oft auch andere PolitikerInnen, als wahnsinnig oder dement. Sie wollen damit deutlich machen, dass man diese Diktatoren nicht mit den Mitteln aufgeklärter Vernunft und Erfahrung bewerten dürfe, schon gar nicht „nur“ so. Wenn Trump oder Putin, oder einer von beiden, geisteskrank sind, ist das keine Diskriminierung, sondern eine Entlastung. Wenn ein Verbrecher an etwas nicht (gänzlich, gar nicht) schuld ist, dann kann man ihn nicht richtig bestrafen oder auch nur beschuldigen, man muss mit ihm umgehen wie mit einem geistesschwachen Menschen auch sonst (solche Menschen landen oft vor ihren Prozessen bereits in Irrenanstalten, nein, Gefängniskliniken natürlich) spätestens danach). Klingt doch ganz durchschaubar und vernünftig, nicht wahr?

Vor vielen Jahren schon hat sich Maren Hoffmeister des Themas angenommen: Emotionen im Fokus des Deutungsmusters Lustmord, vgl auch Maren Hoffmeister, Emotionen im Fokus des Deutungsmusters Lustmord – PhilPapers . Nun, es geht scheinbar nur um die Differenz zwischen psychopathischer und juristischer Wertung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber im Kern ist die Frage der Schuldzuweisung mit juristischer und/oder pathologischer Beurteilung immmer politisch und damit auch gesellschaftlich, oft gesellschaftlich gegen die Staatlichkeit. Ob die Kirchen früher bei Hexen oder die Antisemiten bei Juden oder ob der Anschein schon die Verurteilung oder Einweisung vor einem (rationalen) Urteil ihre Macht in die Urteile haben einfließen lassen, ob Urteile auf Vorurteilen beruhen, das ist nicht geheimnisvoll, aber mühsam zu bedenken…zurück zu Trump und Putin, früher zu Hitler und Stalin oder…

Warum soll ein Diktator nicht verrückt sein, wenn er nur seine Macht zum Aufrechterhalten seiner Position nutzen kann? Umgekehrt, warum soll ein Psychopath nicht n+1 Menschen für sich einnehmen, von seinem Irrsinn überzeugen, weil sie Angst haben, weil sie ihn fürchten, weil er es ihnen bequemer macht, seine Sündenböcke als die ihren zu benennen (nicht notwendig: zu begreifen). Dass Sloterdijk dazu etwas schreibt, das nicht einfach die Fürsten des Machiavelli in der Gegenwart aufgreift, ist kein Zufall (Neues Buch – Peter Sloterdijk). Und auch andere, wie Da Empoli oder Ann Applebaum). Also: es geht um die Wirkung der Handlungen der Herrscher – früher der Fürsten – und nicht so sehr um unseren Schluss auf ihren Geisteszustand.

Dass sich die meist faschistischenm oder kriminellen Untergebenen der Diktatoren in die Dialektik von Strafe und Pathologie einmischen, verwundert nicht, ist aber bis zum Sturz des Diktators Nebensache. Aber wartet, bis Vance sich auf Trumps Sessel setzt….

Die Strafjustiz erreicht die Diktatoren so wenig wie das Völkerrecht. Wer sich den Diktatoren anbiedert, muss mehr oder weniger deren Diktat der „Normalität“ und nicht die eigene Einschätzung, was normal sei, akzeptieren. Das ist schwierig und verlangt von uns einiges Verständnis für unsere Regierung, auch wenn sie nur 0,8 % ist. Aber wie man an Meloni sieht, die kann auch anders. Die rechtslastige Sektion unserer Bundesregierung handelt jedenfalls kontrafaktisch, sowohl in der Justiz als auch in der Sozial- und Gesundheitspolitik. Was nicht bedeutet, dass die Opposition gerade wirklich gute gegenteilige Pakete schnürt, leider. Beide Gruppen, Regierung wie Opposition, ignorieren die Wahrnehmung, Denkfähigkeit und Leidensentscheidung der Bevölkerung – mit Ausnahme der Begünstigten und der noch immer Umnebelten, die auf sozialen und wirtschaftlichen Verzicht nicht im Mindesten vorausdenken. Schade, die sind jetzt schon rechts, und werden es bei den wirklichen politischen Ereignissen erst recht. Vorweggenommen von einigen Regierungsmarginalisten.

Hoffnung schillert durch den Nebel

Natürlich: die Ungarn Wahl, man kann und soll sich freuen, aber Vorsicht: auch hier siegt die konservative Demokratie über die „illiberale Demokratie“ des Faschisten Orban. Warum sollte es auch einen „linken Durchbruch“ geben, wenn einfach nur Demokratie angesteuert wird, und die ist nicht originäre links oder rechts.

Die Wucherungen faschistoider Einbrüche in scheinbar sichere demokratische Strukturen sind gefährlich, oft nicht erklärbar, und je weniger sicher die Demokratie erscheint, desto weniger sicher ist sie. Das ist kein Paradox. Die oft schwer erträgliche Diskussion um die gefährdete demokratische Struktur behandelt die Demokratie oft als Ideal, oft aber auch als beschädigte Realität, in beiden Fällen statisch. Das ist meine Kritik am Diskurs.

Zu keinem Zeitpunkt war Demokratie optimal und/oder für alle Menschen die fraglos beste Lösung. Sie ist „nur“ das beste Herrschaftssystem, verglichen mit anderen, aber nicht das beste an sich. Und sie bleibt nur das beste System, wenn sie sich immer weiter entwickelt. Das ist trivial, ich weiß. Ich will aber hier nicht auf die endlose oder endgültige D-Theorie hinaus, sonsern auf eine bestimmte Wahrnehmung: dass zum Beispiel das besondere an der demokratischen Republik, nicht irgendeiner anderen, so schwer diskutiert wird – da hat Ungarn uns einen Anstoß gegeben. Oder dass Demokratie im Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit nicht die Lösung in sich trägt, sondern die Ausgangsdifferenz, der Konflikt muss gesellschaftlich immer wieder gelöst werden, das ist Politik. Und nicht die Berufung auf die jeweiligen zehn Gebote der Politik als Religion der hoffnungsvollen, friedlichen Vorstellung. Die sollen wir schon haben, aber nicht als Fundament unseres Realismus.

Worauf ich hinaus will, ist etwa anders, verschoben. Vieles, nehmen wir einmal Deutschland, wird von einer 0,8 Regierung mit einem doch radikal rechten – (noch) nicht faschistischen Flügel – gegen die Einsicht sowohl des liberalen Kapitalismus als auch des sozial- und kulturpolitischen Widerspruchs gegen den Schrebergarten der oberen Mittelschicht, gar der Oberschicht, durchgesetzt (wie das teure und sinnlose Verbrennermotorevangelium der Großen Koalition). Die Ärmeren und Armen werden in nächster Zeit durch diese Politik viel verlieren – in Gesundheit, Bildung, Sozialsicherung – und das zu reparieren braucht es mehr als eines punktuellen Wahlerfolgs. Es braucht eine Weiterentwicklung der Demokratie – und eine Kritik am Faschismus dort, wo er wirklich faschistisch ist und nicht dort, wo er auch nur eine Variante der o,8 Politik verbreitet.

Seltsam: wenn und wo immer ich diese These verbreite und diskutiere, wird sie eher zustimmend akzeptiert, aber offiziell, d.h. staatlicher und parteipolitischer Seits, ist sie eher neblig verhüllt. Aber man sagt mir schon, ich sei seltsam. In diesem Fall hilft es mir, die Abwehr der Faschismen zu begründen und zu sagen, wo reden allein nichts nützt, man muss auch handeln. Demokratie tun heißt sie weiter zu entwickeln.

Jüdische Kritik notwendig, depri.

Israels teilfaschistische Regierung hat ein Todesurteilsgesetz gegen Palästinenser durch die Knesseth gebracht, mit einer peinlich großen Mehrheit (68 Stimmen), rassistisch, wie nicht nur die Opposition sagt. „Zivilisatorischer Rückschritt“: Scharfe Kritik an Israel wegen Todesstrafe – news.ORF.at; Israel Passes Bill Mandating Death Penalty for Palestinians Convicted of Lethal Acts of Terrorism – Israel Political News etc. Es gibt im Land Kritik, mäßig? und international folgenlose Ablehnung. Israel ist der globale Sonderfall, scheinbar begründet, und die deutsch-israelische Selbstbindungen – kennt ihr die Gründe? – ist geradezu peinlich – für uns Juden, und für andere Menschen. Es geht Israel nicht darum, Terroristen zu bestrafen, abgesehen von der Unsinnigkeit der Todesstrafe, es geht darum, die Zweistaatenlösung zu verunmöglichen und womöglich die Palästinenser zu vertreiben, ebenso wie die Menschen aus dem südlichen Libanon. Israel ist nicht jüdisch, in dem Sinn, dass jüdisch nicht rassisch, sondern moralisch-kulturell definiert ist, historisch und gesellschaftlich. Die Differenz zwischen Juden und jüdisch bestimmt auch mein Bewusstsein, und damit Teile meines Lebens und der Geschichte, wie es dazu kam.

Israel und Palästina sind so wenig im Zentrum meines Alltags wie der Zionismus, die Kritik daran, und der Antizionismus, aus dem auch Netanjahu kommt. Aber das reicht nicht. Und es zerteilt und zerfurcht mein jüdisches Selbstbewusstsein, das ja zum Lebensvollzug gehört. Ich bin da nicht allein, berufe mich nicht nur auf Hannah Arendt und meine Familiengeschichte und auf Erfahrungen in Österreich, Deutschland und Israel, auf Freunde und Gegner.

Dany Cohn-Bendit schreibt: „Ich empfinde zutiefst die Legitimität sowohl der Israelis als auch der Palästinenser, und mit Sorge stelle ich fest, wie völlig abgeschottet sie gegeneinander sind. Auf beiden Seiten ist jeder am Ende einer „Die-oder-wir“-Logik angelangt., bei der es nur noch darum geht., sich für eine Seite zu entscheiden. Niemand hört mehr zu, niemand will sich überhaupt noch verständigen. Und ich, ich fühle mich eingekeilt zwischen diesen beiden Denkweisen, die beide, die eine wie die andere, gleichermaßen legitim wie verrückt sind und miteinander kollidieren“ (Cohn-Bendit 2026, 12-13; lest den ganzen Absatz davor). Hinweis auf Omri Boehm, auf die israelische Opposition, auf die Geschichte und Entwicklung des Zionismus, und auf uns jüdische Juden, deren Eltern und Großeltern den Faschismus, den Weltkrieg, Gulag überlebt hatten.

Israelkritik reicht nicht. Die Staatsräson, der Zentralrat, Ron Prosor, die Hamas, … all das sind Ergebnisse, nicht Gründungspotenziale falscher Politik und Ideologie. Ebenso wenig reichen die Erklärungen und Marginalisierungen der antisemitischen, antiisraelischen, rassistischen und oft islamistischen und propalästinensischen Agitation und Demonstration. Und gerade in Deutschland fehlt nicht nur Wissen, fehlt Bildung, fehlt auch die Identifikation mit einem Humanismus, der nicht gerade die deutsche Geschichte zum Leitbild hat.

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Was tun? richtig gefragt. Es geht nicht nur um das Bedenken, um die Kritik, sondern um das lebendige Handeln als jüdische Menschen, nicht einfach als „Juden“. Dazu habe ich jahrelang geschrieben, vorgelesen, gehandelt und mich mit meinen Freunden in Israel auseinandergesetzt, das heißt überwiegend zusammengesetzt. Auch mit meinen jüdischen Bekannten in Deutschland und Österreich, auch mit den palästinensischen Bekannten, die ich eben kenne. Aber im Kern bedeutet Israelkritik auch Kritik an der Geschichte des Landes, das erst 1948 ein Staat wurde. Und das ist nicht die Geschichte des verschnürten britischen Koloniallandstrichs, sondern beides: Weltgeschichte und Geschichte der jüdischen Selbstbefreiung (nicht ganz allein….) aus dem Antisemitismus, der Unterordnung unter die landlose Menschlichkeit, und der Deutung, Entwicklung, Stärkung und Schwächung von Zionismus.

Literatur dazu findet ihr vorletzte Woche im Blog Israel, Gaza, Zionismus, – und wir?

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Als Jude kann man sich vom Judentum nicht befreien. Aber ob und wie man jüdisch lebt, kann man schon entscheiden. Darum werbe ich meinem Blog nicht. Die Hinweise können reichen, euer und ihr Bewusstsein zu schärfen und zu stärken. Die paar Zeilen von Dany Cohn-Bendit sind wie ein Eintritt in eine Welt, deren Spaltung wir nicht mit einfachem Willen aufheben können.

Meloni wankt? Weimer schwankt?

Unsinn mit Hintergrund:

„…Now Ms. Meloni’s authority is suddenly in question. Voters on Monday rejected her plan to overhaul Italy’s judiciary — after a referendum race in which she had seemed so confident of victory that, until just weeks ago, she left most campaigning to allies. Italy’s disorganized opposition now senses a moment to regroup, while the national press describes a newly hobbled government.“ (Motoko Rich, NYT 24.3.2026). Sowenig, wie punktuelle Abenteuer private Beziehungen grundsätzlich beschädigen, sowenig ruiniert ein Ereignis ein Regierungssystem. Klar, eine Delle, eine akute Beschädigung. Und klar, die Italiener sind alerter als viele andere. Aber jetzt Schadenfreude, und von welcher Seite?

Und bei uns:

„Auf Kritik am Kanzler folgt der Förderstopp: Geldentzug für ein Berliner Demokratieprojekt: Straft das Innenministerium unliebsame Meinungen ab? „ (SZ 26.3.2026). Natürlich ist der Innenminister, natürlich der Kulturminister, natürlich die Regierung nicht am kulturellen Fortschritt interessiert. Wundert das? Und wenn ja, wen und warum?

Warum sollten Alleinherrscher wie Trump auf unsere Gerechtigikeitsideen eingehen?

Warum soll eine faschistische Politikerin sich demokratischen Regeln unterordnen, wenn sie die grundsätzlich nicht anerkennt?

Warum will eine deutlich rechtslastige Regierung in der Demokratie nicht ihre Position und Verankerung rechts von der bisherigen politischen Verhaltensgeschichte verbessern?

Das Problem der Antworten ist die seit Jahren erfolgende Infiltration faschistischer und populistischer Gegenpolitiken in Demokratien, auch wenn sie weder die Regierungsmacht noch die antidemokratische Volksmehrheit haben. Wenn die Faschisten regieren, ist es noch einmal anders, da versuchen sie oft, eine Anhaftung an Demokratien für ihre Anerkennung zu demonstrieren. Dazu muss man auch die Geschichte der Faschismen ein wenig genauer studieren…

Das gilt für die EU, für die meisten europäischen Staaten, also auch für uns. Dass es eine besondere Kommunikation zwischen den christsozialen und -demokratischen Parteien zu den Faschisten gibt, ist nicht neu, auch die Differenzen und Brüche sind bekannt. Dass es zur Zeit mehr faschistische als demokratische PolitikerInnen gibt, die wahrhaftige und überzeugende Verhältnisse auch persönlich repräsentieren, ist ein besonderes Problem, für mächtige Staaten wie Deutschland mehr als für kleine Länder. Meloni muss man als politische Person jedenfalls ernster nehmen als die deutsche 0,8 Politik…dazu später einmal.

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Selbst wenn man all das akzeptiert, sollte man einsehen, dass das demokratische Überleben und die Reduzierung der Abhängigkeit von Diktaturen nicht ohne eigene Beiträge gehen kann, und ob ich sie Opfer oder Investitionen nenne, ist eine ideologische, keine reale Frage. Befreiung ohne eigenen Beitrag wird wohl nicht gehen. Einer der ersten Schritte sollte das Selbst-Bewusstsein der eigenen Realität und der Vernachlässigung in der Vergangenheit der letzten Jahrzehnte sein, noch vor einer ohnedies weltweiten Kritik an den drei Nukleardiktatoren. Darum beschimpfe ich den Diktator Trump, unseren Zügelhalter, auch schon lange nicht mehr, er ist ein Selbstherrscher, der über unsere politischen Grenzen verfügt, – auch wenn uns das nicht passt. Aber um uns weiter zu befreien, müssen wir schon etwas tun.

Opposition gegen die Regierung ist dabei nur eine Facette. Wir werden und sollen nicht wiederholen, wie absurd die Pronomina ich und wir in der 68er Politik waren, und wie gescheit Dany Cohn-Bendit das von heute aus beleuchtet (Cohn-Bendit and Van Renterghem 2026). Aber die eigene Widerstandskraft gegen die Faschisten muss doch vor allem auf der intra-rationalen Identifikation mit einer weiter zu entwickelnden Demokratie bestehen, und nicht auf Kompromissangeboten als Ausgangspunkt der Auseinandersetzung. Natürlich kann, aber muss nicht, eine Reihe von Kompromissen als Ergebnis von Politik sich entwickeln. Da können wir besser sein als die Faschisten, aber dazu müssen wir etwas einsetzen, nicht erwarten.

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Vor drei Monaten am 20.12.2025 hatte ich in einem Blog darüber geschrieben, wieso und wie sich die AfD normalisiert, um ein „anderes Land“ von innen her zu erobern )ZEIT 17.12.2025). Mittlerweile nimmt die Normalisierung der Faschisten zu. Mittlerweile ist die Einsicht schon präziser und härter, bleiben wir bei der liberalen ZEIT: „Mit Protest hat das nichts mehr zu tun“ – Die politische Mitte verliert, die AfD gilt vielen als normal, man zieht sich zurück. Das zeigt die neue Jugendstudie (Simon Schnetzer, 20.3.2026, ZEIT #14).Mir scheint, dass die Vieldeutigkeit der Mitte ein Problem ist: wenn sie als Kompromiss vor dem Konflikt angeboten wird, kann sie nicht gewinnen, sie kann ein Ergebnis sein.Mitte ist auch nicht ein ideologischer oder gar liberaler Punkt zwischen „rechts“ und „links“, weil diese beiden Begriffe ja immer weniger bedeuten, siehe oben. Aber man wird Einzelpersonen und Gruppen daran messen, wie sie mit der normalisierten Faschistenpartei umgehen. Und dabei soll man nicht beiseite sehen, warum es mit diesem Umgang geht. Wenn sich Demokraten mit Faschisten über die Wetterprognose oder die Höhe von Wohnhäusern austauschen ist das etwas anderes als Rassismus, Faschismus und vertikale Herrschaftsansprüche. Eigentlich wissen wir das ja, aber in der Kommunikation tritt oft das Nebensächliche, der Rahmen, hervor und nicht das Bild.

Manchmal braucht man Anleitungen zum kritischen Diskurs, Habermas, Kluge werden jetzt vielleicht auch genauer gelesen, Auf die letzten Kapitel bei Cohn-Bendit weise ich hin, immer weiter auf Hannah Arendt, aber auch auf die Wahrnehmung der Entschleierung der selbst-täuschenden deutschen Wahrnehmung von Politik im Globalen (lest mal Peter Sloterdijk, „Der Rückfall in die Seriosität wird schrecklich sein“, ZEIT 24.3.2026, #14). Aber ja, wenn sich der Nebel aus dem Bewusstsein schleicht, wird die Welt nicht schöner. Aber man bekommt Boden unter den Füßen.

Cohn-Bendit, D. and M. Van Renterghem (2026). Erinnertungen eines Vaterlandslosen. Berlin, Jacoby & Stuart.

Der Lenz des Faschismus + Ergänzung

Über den Frühling zu schreiben, ist vielfach attraktiv. Beim Anblick des trockenen, schon tagelang blauen Himmels kann man die Politik verdrängen, man kann die Klamotten austauschen gegen luftigere, und irgendwie ist es doch gut, dass es früher hell wird, auch unromantisch. Und wenn schon politisch, so muss man ja nicht in die dumpfen Gesänge vernebelter Retromanie verfallen.

Fangen wir bei einfachen Fakten an. Dem Absturz der SPD in Baden-Württemberg, 5,5%, kann man nicht kommentieren. Den Absturz in Rheinland-Pfalz kann man schon kommentieren, nach 25 Jahren mag es einen demokratischen Machtwechsel ja schon geben. Aber ich halte mich an einem spannenden, oder eher: peinlichen Fakt fest: Die Statistik bestätigt, was die SZ so sagt: „Arbeiter haben in Rheinland-Pfalz eher AfD als SPD gewählt“ (SZ, 23.3.2026, S.6). Das kann man verallgemeinern, in Deutschland, ich denke, in Europa, vielleicht global.

In Tschechien sind jetzt die Faschisten an der Macht. In Ungarn schon länger und wirkungsvoll (Illiberale Demokratie!?), in der Slowakei…aber nicht nur erklärbar, aber widerlich, im Osten, auch in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas haben die Faschisten starke Positionen gegen die demokratische Herrschaft, oder sie regieren mit, oder sie regieren. Mir ist wichtig, dass weithin vergessen wird, wie die Demokratie auch als Befreiung vor 30 Jahren Europa und uns bewegt hat. Warum ist das ins Gegenteil gekippt?

Als Gegner der Demokratie breitet sich Faschismus, ergänzt durch andere rechts- und linksradikale Bewegungen aus. Dazu drei Vor-Sätze:

  1. Trotz mehrfacher Aufforderung haben viele meiner LeserInnen keine alternativen Begriffe zum Faschismus angeboten, obwohl sie das Wort als zu weitgreifend kritisieren.
  2. Deutschland und teilweise Österreich spielen eine Sonderrolle, weil sie Faschismus eingeengt aus der Ableitung des Nationalsozialismus (NS) 1933-1945 sich definieren und dann jede Faschisierung jenseits der faschistischen Parteien strikt von sich weisen. Mit anderen Worten: sie wollen Faschismus nicht verstanden haben.
  3. Faschismus folgt weniger einem Parteien- als einem Bewegungskonzept. Das hat erhebliche Folgen für die Verortung der faschistischen Bewegungen innerhalb eines eher altmodischen RechtMitteLinks-Schemas, wenn das jemals wirklich so gegolten hat.

Wenn wir uns die Realität des Vor- und Durchdringens von Faschismus anschauen, dann fällt eines auf: es geht nicht um eine Partei, sondern um viele, oft einander teilweise bekämpfende Bewegungen. Aus der reichhaltigen politischen und kulturellen Definition des Faschismus wähle ich als Grundlage die kurze Festlegung von Eco „Der ewige Faschismus“, ursprünglich 1995 auf English an der Columbia gehalten (Eco 2020). Die zusammenfassenden Thesen auf S. 30-40 geben mehr her als viele Theorien zum Faschismus. Aber wir müssen auch verstehen, dass und wie der Faschismus als Grundlage für durchaus widersprüchliche politische und kulturelle Praktiken sich verwirklicht hat, z.B. zwischen Österreich und Deutschland 1933 – 1938. Das ist noch heute, nicht nur in Österreich, wirksam, wenn man die kulturpolitische Bewertung von Faschismus und NS nach 1945 verstehen will, und natürlich deren Vorgeschichte. Das ist mir wichtig, wenn es z.B. darum geht, warum die sog. Arbeiterklasse die sozialistische Partei – im Westen, bitte! – zugunsten der Faschisten verlässt, und wo z.B. in Italien die Grundlagen für Mussolini herkommen (Bach and Breuer 2010). Zu Mussolini hilft die frühe linke Biographie von Saager (Saager 1931). Aber wenn man nicht in die antike Herkunft des Begriffs und seiner Symbole (Fasces – Wikipedia) einsteigt, sondern die Entstehung des konkreten Faschismus genauer anschaut, dann hilft der Fall Dreyfus (spannend bei (Begley 2009), gut bewertet vom Faschismusforscher Robert Paxton). Und mit einer sehr aufregend ganz aktuellen Beschreibung incl. Beziehung zu den USA Ende des 19. Jahrhunderts durch Mark Lilla – Der Blick auf Trump nicht nebensächlich, aber marginal (Lilla 2026).

Also die sicher nicht erwartete Zusammenfassung: Man sollte die Faschismen ernsthaft studieren, um ihre Angriffe auf die Demokratien (Plural!) nicht einfach abzuwehren, sondern zu verstehen, was man da abwehrt, wie eine lernäische Schlange mit vielen Köpfen.

Noch eine weitere These, muss hier nicht ausführlich diskutiert werden: die globalen Diktatoren Trump, Putin, Xi, sind keine Faschisten, sie sind in ihrer Struktur „offene“ Diktatoren, die sich aller Varianten annehmen können, aber von Faschisten aller Art unterstützt werden und letztlich auch die Demokratien, die von ihnen abhängen, bekämpfen.

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Nach Deutschland: Ich hatte schon früher von einem faschistoiden Flügel innerhalb der demokratischen Parteien, vor allem der CDUCSU geschrieben. Dass die konservative Partei nicht fortschrittlich ist, gehört zur Bandbreite der Demokratie. Dass sie unterwandert wird, ist nicht automatisch „konservativ“. Dobrindt, Klöckner, Weimer u.a.gehören dazu. Interessant und auch historisch unterlegt, dass rechte Politiker wie Markus Söder sich von der AfD und den Faschisten scharf abgrenzen, das erinnert an den rechten Gegner früherer faschistischer Parteien, ein Gärungs- und Klärungsprozess. Um es klar zu machen. Nur die AfD und kleine lokale Gruppen sind Faschisten. Aber es ist nicht zu leugnen, dass der Faschismus und faschistische PolitikerInnen in die demokratischen Schwachstellen, ich nenne sie einmal „Dünnhäutigkeit“, eindringen und dort agieren.

Weimer agiert um das kulturelle Eck herum: er will mit einer Fülle von Drohungen, Diffamierungen und finanziellem Druck die Freiheit der Kultur in der Demo0kratie beschränken und die Kultur autoritär verändern. Adresslisten, Namenslisten sind da mindestens so gefährlich wie der verlogene Bezug zum Verfassungsschutz bei Buchhandlungen. Interessant sind die liberalen Kommentare der Süddeutschen Zeitung vo vom 21.3.: „Die Rache der Buchbranche“ und „Extremisten überall“, S.9. Es geht um mehr als um Rüpeleien. Und in Bezug auf unterschiedliche Handlungskonzepte kann man ja die Kulturpolitik von Mussolini vor Hitler mit der von Hitler und mit der anderer Staaten damals wie heute vergleichen. Aber lasst euch nicht davon täuschen, dass Weimer nur zum rechtlich einwandfreien konservativen Kulturschwenk der Regierung Merz zählt. Hier kann viel an Lebensumwelt zerstört werden.

Ergänzung;

Sehr aktuelle Faschismus-Überlegungen hat Prof. Rainer Mühlhoff, Philosoph an der Uni Osnabrück, auch im Zusammenhang mit A1 geleistet. Wichtig, weil zu wenig im Vordergrund der kritischen Überlegung (DLF 22.3 8.3.)

Und: erstaunlich, wie wenig die Menschen hier über die Unterordnung deutscher Politik (Bundesländer, wahrscheinlich bald auch Bundespolitik) unter Palantir wissen (Home | Palantir). Sein rechts–libertärer Industrieller, deutsch-amerikanischer Unternehmer und Mythologe Peter Thiel hat erheblichen Einfluss, auch wenn er angeblich nicht bei Palantir eingreifen wird Peter Thiel – Wikipedia, Palantir: Warum die Firma von Peter Thiel so umstritten ist ; https://www.focus.de › wissen › der-unterschaetzte-milliardaer-hinter…