Glück im Wegschauen?

Es lohnt immer, Kurt Kister zu lesen, und auch wenn man nicht in allem übereinstimmt. Ich teile seine Kritik an der Verächtlichmachung der Regierungskoalition Süddeutsche Zeitung , obwohl: mache ich das nicht auch mit meiner 0,8 These, also dass die Koalition noch nicht das Standardmaß 1,0 erreicht…? Nein, das ist keine Verachtung, es ist ein Maß an Verständigung. Ich kann diese Regierung nicht gegen eine bessere austauschen, und wollte ich es, wie soll das gehen? Aber das ist nicht Verachtung, denn aus der heraus kann man nicht, soll man nicht kritisieren. Bei einzelnen Personen habe ich da schon anders geurteilt. Aber politisch setzt diese Regierung fort, was seit der Wiedervereinigung ein großes, gesamtstaatliches Problem ist: dass die DDR einfach aufgekauft und als zweitrangig eingebaut wurde (ich erinnere an die Kritik von UK Preuß, damals). Und dass sich das in den rechtsextremen, bisweilen auch linksradikalen, Widerständen gegen die Demokratie der Bundesrepublik ausdrückt, was natürlich von den Faschisten und anderen ausgenützt wird. Dazu habe ich auch gestern und vorgestern zwei Deutungen veröffentlicht, und ich teile die Aussicht auf die mehrheitlich konservative gesellschaftliche Grundstruktur der deutschen Bevölkerung. Wie wehren sich Minderheiten? Nicht immer demokratisch, wirksam, nicht immer gut.

Dazu habe ich jetzt mehrfach mich geäußert, jetzt lasse ich das einmal sacken – ich konzentriere mich ohnedies auf den Widerstand gegen die 0,8 Politik, die immer mehr verspricht als sie halten will und kann – zum Widerstand gehört ENDLICH die Bildungsreform, die sozial noch immer ständestaatlich ist und die soziale Umformung des Beamtenstatus. (Dazu das heutige Interview mit dem früheren österreichischen Kanzler Wolfgang Schüssel – sicher kein Vorbild für mich, aber was die Integration von Beamten in das Sozialsystem vor Jahren betrifft, hat er einfach recht, gemeinsam mit den österreichischen Strukturen).

**

Wie immer treibt mich die Unterwanderung von Kultur und der noch weiter erfolgreiche Widerstand der Kultur um. Natürlich wollen die Konservativen, nicht nur die Rechten, Kultur und Kommunikation zur Anleitung der Volksmehrheit sich gefügig machen, Geld, Angst, „Brot & Spiele“ etc., kennen wir. Aber der kulturelle Widerstand ist weiterhin aktiv und wichtiger. Übrigens sind es nicht nur die Rechten, auch viele sich links oder widerständig verstehende und formierende Kulturkritiker wehren sich gegen die Kultur, die immer, notwendig, den staatlichen und soziostrukturellen Vorgaben ausweichen, sie überschreiten muss. Nicht elitär, nicht populistisch, aber eben nicht konform. Das ist nicht revolutionär oder reformistisch, das ist einfach die Wahrnehmung, dass Kultur nicht einfach die Gesellschaftsstrukturen kopiert, sondern sie im Wortsinn „angreift“, also sich ihrer annimmt, nicht notwendig attackiert, aber doch kritisch und widerständig sein muss, um als Kultur sich weiter zu entwickeln. Darum ärgert mich Minister Weimer so, weil er Kultur abbiegt ins Universum der Medien und Kommunikation (Dort könnte man auch ansetzen…). Und paradox: das betrifft nicht nur mich, oder uns, das betrifft alle, und damit auch viele, die andere Vorstellungen vom kulturellen Alltag ihres Lebens haben. Ja, das gehört doch zum Leben dazu, oder? Dass sich die Rechten besonders gegen die Kulturdominanz der Elite wehren, kommt davon, dass sie die Elite definieren, als Gegner, und sie sich als Volk verkleiden. Sind sie aber nicht.

Vor vielen Jahren habe ich mich wissenschaftlich mit dem Unterschied von Elite und Avantgarde auseinandergesetzt, und das ist heute noch politisch und kulturell interessant. Aber hier kommt es darauf an, wer sich wie gegen die Eliten wendet, und warum sich die Rechtsextremen auf die Konstruktion eines Volkes konzentrieren (übrigens ist Trump mit der Kulturpolitik der alten, weißen Männer, unterstützt von jungen Rechtsradikalen beider Geschlechter, geradezu ein Modell für diese Art des Völkischen Anti-Elitismus – passt so gar nicht zum US Jubiläum).

Der Irrtum, dass der „Staat“ inhaltlich mitsprechen darf oder gar muss (Weimer et al.), wenn er finanziell oder gar rechtlich fördert, ist genau die Verengung des Problems, das die Rechtsradikalen ausnützen, nicht nur sie. Der Staat muss Kultur fördern, um sich der Kritik aus der Kultur, aber auch ihrer Qualität stellen zu können. (Das ist kein Freibrief für Kunst und Kultur, sondern auch eine sozialethische Verpflichtung, das spielt auch eine Rolle).

Wie ich gerade jetzt auf dieses Thema komme? Jetzt ist falsch, es begleitet mich immer. Aber ich musste es zusammenfassend bedenken, als ich vorgestern beim Potsdam Festival im Raffaelsaal der Orangerie, die gerade renoviert wird, ein herrliches Konzert gehört habe (Die Unsichtbaren Städte) und mir nicht nur in Pause, sondern auch in der Konstruktion der Aufführung klar wurde, wie sehr Gesellschaft, Staat und Individuum zusammenagieren müssen, nicht einfach „-spielen“, um so etwas zu ermöglichen, zu erhalten…Und, wie am Beispiel Trumps beschrieben wird, es schnell geht Kultur zu zerstören, und wie lange es dauert, sie aufzubauen und zu erhalten. Was heißt Trump, die jetzige Bundesregierung, ihr rechter Flügelschlag vor allem, gefährdet natürlich auch unsere Kultur. O, 8, wie ich sage.

Rechts in Deutschland (2)

Danke für eure erste Ansicht der Überlegungen über Deutschlands Rechtsradikale am 13.6., zu Martin Langebachs bpb Sammelwerk. Ich hatte ja gesagt: keine Rezension, wen das Thema interessiert, dem oder der kann man Lektüre, auch Zeitabschnitte oder Textherkunft nur zumuten und empfehlen.

Aber was mir weiter Gedanken macht: wie kann eine bestimmte Ideologie so popular-eingeprägt sein, dass sie Widerstand, Widerspruch und neue Entwicklungen unterwandert oder ignoriert. Ein scheinbar unpolitisches Beispiel: Deutschland ist das einzige Land ohne Tempobegrenzung auf den Autobahnen, und nicht nur die Autolobby setzt das seit Jahrzehnten durch, sondern eine politikmächtige Bevölkerungsminderheit. Minderheit. Darum geht es mir auch: man kann viele Dinge ändern, und den Widerstand der Minderheiten in Kauf nehmen. Das wäre Demokratie. Viele typisch „deutsche“ Aspekte kann man in der Süddeutschen lesen: Christian Zaschke: Deutschland, wer bist du? Süddeutsche Zeitung, zum Beispiel die Verbindung des Scheiterns im Sicherheitsrat und die kaputte Brücke über den Rhein in Bonn. Nicht trivial: fast alles hängt mit fast allem zusammen. Und was hat das mit der faschistischen Kontinuität zu tun? Leider viel, wobei es nicht einfach um Mehr- und Minderheiten geht.

Eine mir wichtige didaktische Korrektur. Viele, vor allem deutsche politische HistorikerInnen beschreiben Faschismus immer aus der Bewertung der Nationalsozialisten 1933-1945, – das ist problematisch. Faschismus beginnt doch vor der NS Zeit, übrigens die NS auch, begleitet diesen Sonderfall von Faschismus, bzw. rahmt ihn ein, und nach 1945 besteht weiterhin ein faschistisches Netz, das nicht deckungsgleich mit dem NS-Netz ist. Theoretisch lässt sich das gut belegen, noch besser an politischen und kulturellen Entscheidungen und Maßnahmen. Ganz klar: das entlastet Faschismus nicht. Aber wir wollen ja die sich revitalisierende Politik der Rechtsradikalen nicht nur erfahren, sondern auch verstehen. Wir müssen die rechtsradikalen Netze und Praktiken auch empirisch nachvollziehen, damit wir sie praktisch und nicht nur rhetorisch kritisieren und bekämpfen können. Beispiel: warum sind die Rechtsradikalen in der Rockmusik und bei vielen jüngeren Musikfans erfolgreich? Beispiel: warum sind die Rechtsradikalen bei der Durchdringung kleiner, vor allem aber nicht nur ländlicher, Gemeinschaften soviel erfolgreicher als traditionelle politische Parteien wie CDU, SPD und etwas anders Grüne und FDP. Man kann, selbst ich könnte, parteipolitische Einzelakte als Teilbegründung nennen, aber zusammengefasst: reicht das als Mittel zur Aktivierung von demokratischem Widerstand gegen die Neonazi-Szene? Eine sehr harte Frage, weil die Antwort jenseits des Nein sehr schwierige Kursänderungen verlangt. Die Mutlosigkeit vieler PolitikerInnen, die AfD und andere Faschisten nicht in die demokratischen Diskurse einzubeziehen, wirkt sich auf das Volk aus. Man kann die wirklich demokratischen Optionen der Nichteinbeziehung von Faschisten auch juristisch übernehmen, z.B. bei Friedhelm Hufen Friedhelm Hufen – Wikipedia . Demokratie heißt nicht, dass man gleich gerecht gegen alle Schwurbler und Antidemokraten agieren muss – allerdings, da gibt es wirklich selbstkritische Maßstäbe – man muss das schon belegen und begründen (und lange Zeit hat der Verfassungsschutz uns hier zu wenig und unrichtiges Material gegeben; aber es ist klar: wenn von dort Besseres kommen soll, muss man den Vf unterstützen und nicht verächtlich machen; ähnlich, für mich noch wichtiger, ist der Umgang mit der Polizei und ihrer ständig notwendigen Weiterbildung). Auch der Umgang, selbst von Wehrdienstverweigerern, mit der Bundeswehr steht hier zur Korrektur. Es geht ausdrücklich nicht um ja/nein oder Zustimmung bzw. Ablehnung. Es geht um begründbare Positionen, und die sind angstvoll – oder, Vorsicht, typisch deutsche Haltungen – etwas lahm gegenüber rechts, neofaschistischen, NS-nahen oder linksfaschistischen Entwicklungen. Das hat viel zu tun mit den Abwertungen des Erziehungswesens in der Hierarchie der Lebensqualitätsaktionen, aber auch mit den politischen Fehlentscheidungen: nichts zu korrigieren, um keinen Volkszorn zu erregen – das ist einer der Gründe für den Reformstau. Profitieren tun dabei vor allem die AfD und teilweise der rechtslastige Flügel der Regierungsparteien.

Mir geht es bei dieser Retroanalyse auch darum zu wissen, was und wie man etwas zur Dynamisierung und Aktivierung von Demokratie tun kann, und sei es durch Korrektur der Kommunikation, des Arbeits- und Freizeitverhaltens und der Selbstbildung, die ja nicht mit dem Erfolg aufhört, der angeblich das Land erfahren hatte – hatte, nicht hat. Wie können Arbeitgeber und Gewerkschaften beispielsweise ihre Ruhestandsideo-logien der Zeit vor 50 Jahren und länger korrigieren, als abwertend fortsetzen? Das ist nur ein Beispiel.

Solche Beispiele, im dauernden Konvolut, verändern nicht nur die Demokratie, sie stärken auch den Widerstand gegen die verschiedenen, vor allem rechtsradikalen Aktionen durch eigene Handlungen. Natürlich verlangt das auch eine Korrektur der eigenen Anschauungen und des Bewusstseins von gesellschaftlicher Wirklichkeit, – das ist nicht neu, aber es verlangt schon, dass man sich selbst einbringt.

Recht kompliziert: Rechts

Die ZEIT ist im besten Sinn „liberal“, nicht neo- im Sinn der Börse oder der FDP. Die ZEIT ist auch nicht links-liberal oder Mitte-Rechts-liberal. Mit einem mäßig breiten Diskurs- und Kontrovers-Spektrum. Man muss nicht alles lesen, aber oft erfreut das Feuilleton mehr als die politische Analyse von Politik und Kultur. Diesen Vorspruch brauche ich heute.

Wie lässt sich die AfD stoppen? „Wir haben diese Frage klugen Menschen aus Kunst, Literatur und Wissenschaft gestellt. Dies sind ihre Antworten – in 14 Texten und zwei Bildern“. (ZEIT 28.5.2026 #24, S. 41ff). Ich habe schon reagiert, bevor ich gelesen habe. Was heißt „stoppen“ und wer soll stoppen und wie?

Die AfD ist eine faschistische Bewegung, eine von vielen in Europa und weltweit, von vielen Deutschland. Sie gilt vielen auch als Partei und genießt deshalb bestimmte Rechte in der Öffentlichkeit, den Medien, zumal den staatlichen. Parteien und Bewegungen kann man unter juristischen Umständen stoppen, abbrechen – das ist in der Demokratie schwierig und immer etwas einseitig. (Mir fällt dazu die Parteilichkeit juristischer Menschen im Vergleich zu KI Computern ein, wie sie Yuval Harari beschreibt – leider keine Ironie, und Parteilichkeit heißt natürlich nicht, dass unser juristisches Feld schon parteilich feststeht, es heißt nur, dass kein Mensch jenseits seiner eigenen Meinungsgrundsätze steht, und darauf „objektivierend“ und emanzipatorisch reagieren müsste). In der ZEIT reagiert darauf spannend und befreiend Lya Yu, Philosophin: Das Gehirn ist gegen Brandmauern. Auch Nele Pollatscheks Verbeugung und der Bezug zu Hannah Arendt ist hilfreich. Und als eine der Wenigen verbindet Eva Illouz das demokratische Verbotsrecht gegen die AfD mit der Pflicht zur demokratischen Einbeziehung von Minderheiten (nicht nur muslimischer!). Das ist inhaltlich deutlich („Ein Parteiverbot als Exempel“). Hier ist eine große Schwäche in Deutschland, bestimmte Minderheiten aus der politischen Demokratieherrschaft auszunehmen. Von den anderen Beiträgen kann ich nur noch Matthias Brandt und Steffen Mau akzeptieren. Ist doch nicht schlecht, oder? Aber darum geht es (noch) nicht.

Zunächst: kann man die AfD stoppen, will man sie stoppen? Bedeutet das, dass sie uns mit 30-40% erhalten bleibt, aber nie an die Regierung kommt, als dauernder Stachel, wie manche der BeiträgerInnen meinen? Oder dass sie verschwindet, wenn sie nicht an die Regierung kommt, und die bisherige Wählerschaft sich läutert und vielleicht demokratischer wird? Klingt ironischer als ich es meine. Wie konvertiert man denn AfD und andere Faschisten zur Demokratie, wenn diese sich nicht selbst reaktiviert und weiter entwickelt? Recht haben nur diejenigen, die wollen, dass wir (alle) uns in die Demokratisierung der Gesellschaft einbringen, und das ist – auch bei uns – ein Risiko. Geringer als in Diktaturen, aber groß genug, siehe Einreise in die USA oder deutsche Grenzideologie. Also: Stoppen der AfD bedeutet sie abbauen zu wollen, und wer sie verlässt, muss doch umgebildet, verändert, demokratisiert werden. (Wie kompliziert das nach 1945 mit den übrig gebliebenen Nazis – bis heute, aber seit damals – war, kann man gut nachlesen (Martin Langebach: Deutschlands Rechtsradikale 1945 bis 2025, BpB 2026). übrigens zerlegt dieses Buch recht gut sowohl die Differenz von Partei und Bewegung, auch BRD und DDR, und damit die Brüchigkeit der älteren rechts-links-Bandbreite).

Na gut, gehen wir das Risiko ein. Dann fragen wir schon, wie es zur Auswahl der ZEIT Stellungnahmen kommt, lassen wir einmal meine obige Meinung beiseite. „Kluge Menschen“, da spiegelt sich die redaktionelle Auswahl – kann man so machen, aber…ich hätte zwanzig oder mehr alternative Namen, vertikal geht nicht mit intellektuell dàccord, und horizontal – soviele soziale Sektionen…die Auswahl kann man rechtfertigen, aber sie ist gefährlich. Der kritische Eingriff wäre gut, wenn die 16 Menschen sich gegenseitig und untereinander kritisch beurteilten, zum Beispiel. Aber so? Nur wenige, siehe oben, haben tiefer geschürft. Finde ich. Und andere finden das vielleicht konfliktbereit und gegensätzlicher. Eine Alternative wäre, dass nicht-deutsche, ausländische oder gerade eingewanderte Menschen, ihr Urteil gegenüber der AfD und der deutschen Demokratie abgeben und ggf. verknüpfen.

In der gleichen ZEIT äußert sich Franz Müntefering – was bringt sein Interview? – und fragen sich Anne Hähnig und Bernd Ulrich: „War es das schon?“ (Politik, S.2). Einfach über gesellschaftliche Begriffe Zugang zum Thema suchen, gar nicht schlecht: Verbot, Klassismus, Liebe und viele andere…so kann man die eigene Voreingenommenheit aufbrechen.

Menschen versus Artificial Intelligence

Die Medien sind voll mit Hinweisen, Erklärungen, Schulungen und Prognosen zur künstlichen Intelligenz. Seit Jahren verfolge ich einige für mich verständliche historisch-prognostische Beschreibungen dessen, was uns umgibt. Vor allem hat es mir Yuval Noah Harari angetan, „Sapiens“, „Homo Deus“ und andere. Jetzt aber seit Monaten Nexus, „A Brief History of Information Networks from the Stone Age to AI“ (Vintage 2025). Das Buch ist 2024 geschrieben, also ziemlich zeitnah.

Die Wissenschaftsgeschichte ist spannend, besonders aber für mich das spannend, das III. Kapitel „Computer Politics“, ab S. 305, die Theorie der historisch-analytischen Beschreibung, wenn man so will. Er kennt sich schon aus, vereinfacht vielleicht zu sehr für die Experten, aber nicht für die Laienleser. Spannend: Konservativ (nicht reaktionär) ist historisch einleuchtender als progressiv (nach linkem Aufstand siegt der mächtigere rechte…). Hitler und Stalin waren äquivalent. Hitler und Roosevelt machten gleichzeitige unterschiedliche Entwicklungen. Jetzt aber Trump: Zerstörung der demokratischen Progressivität (ohne neuen Aufbau, wie vor hundert Jahren…. Gefahren für die Demokratie durch die neuen AI und Roboterentwick-lungen, aber auch Hoffnung auf Erneuerung…Demokratie muss die Veränderungen der Geschichte wissen und vor allem verstehen. Bürokratie, so gefährlich sie war, war „human“ und beschränkt. Da ist jetzt eine Gefahr, dass sie von AI überbaut wird.

Es gibt die menschliche Möglichkeit, den Rassismus von Verfassung und Bibel zu korrigieren. Algorithmen werden von Gerichten nicht verstanden. Das trifft auf Juristen zu, aber auch auf mich. Und: Spielzüge von AI-Akteuren können, auch wenn sie erfolgreich sind, nicht erklärt werden: Das unterwandert Demokratie. Andererseits können Algorithmen leichter durchschaubare Urteile fällen als „Humans“. Und die wiederum müssen verstehen, was Algorithmen aussagen, bedeuten. Die Vermutung Hararis, dass die  Algorithmen mit sehr vielen Quellen ehrlichere Schlussfolgerungen auch im juristischen Bereich ziehen können, nicht immer und nicht müssen, ist im Vergleich zu den Humans deprimierend, aber nicht unlogisch. Die Analyse von diktatorischen Systemen im Umgang mit AI kennen wir etwas besser…Interessant ist, dass im 21. Jahrhundert sich die Struktur früherer HighTech wiederholt, ob analog oder elektronisch spielt in der Beschreibung keine Rolle, aber die Beziehung von politischer Macht und privater Entwicklung ist so einsichtig wie der koloniale Abhang gegenüber den nicht-globalmächtigen Staaten außerhalb der drei oder vielleicht vier oder fünf. Der Abschnitt „Data Colonialism“ heisst zu Recht so. Die Aufteilung der Welt, nicht nur der Erde, zwischen China und den USA über AI wird unsere Aufmerksamkeit verlangen. Keine Vorhersagen, sondern eine Reise durch Möglichkeiten, die nicht sicher so sein werden oder anders, aber möglich sein können…Harari ist vorsichtig und weitsichtig. Der Abschnitt über Religion bräuchte den AI Rahmen gar nicht, der Körper wird in Zukunft auch wichtig(er) für die Möglichkeit verschiedener Identitäten. Die Coda: lass unserer kritisches Bewusstsein, unser innovatives Bewusstsein nicht der AI unterordnen…naja, schwierig genug. Aber dafür brauchen wir Nexus.

***

Das ist keine Rezension, ich habe auch keine Seiten angegeben, oder Zitate eingebaut. Was mich fasziniert ist die Begrenztheit der Evolution menschlicher Vernunft, aus der heraus die scheinbare Überlegenheit der künstlichen Intelligenz produziert wird, und die uns ja offensichtlich stärker einengt als unsere Optimisten und Philosophen es wollen: politisch, kulturell, ökonomisch und umweltorientiert. Natürlich schreibt Harari nicht über den Erduntergang bzw. das Verschwinden der Menschen von der Erde – ob es dann noch eine natürliche Erholung gibt, ohne uns? Aber die Endzeitanalogie ist schon sehr durchsichtig im Text. Ob wir nun KI, Algorithmen, Roboter und künstliche Intelligenz verstehen oder gar durchschauen, oder nicht. Wenn uns das dann nur scheinbar und nicht wirklich überlegen ist, dann darf die Evolution nicht in der Gegenwart zu Ende gehen, wie die Faschisten aller Kulturen es gerne hätten. Die gibt es natürlich auch bei uns, Resilienz reicht nicht, politische Praxis ist schon angesagt.

Der Abstieg Europas und Deutschlands. Real.

Eine Einigung zwischen EU-Parlament und Mitgliedstaaten soll die Zahl der Rückführungen erhöhen. Abgelehnte Asylbewerber, die nicht in ihr Heimatland zurückkehren, sollen künftig in speziellen Zentren außerhalb der Union untergebracht werden können. Berlin sucht bereits nach geeigneten Drittstaaten.(ntv 2.7.2026). „Versprechen erfüllt“, schreibt Manfred Weber auf der Plattform X. Und tatsächlich trägt der in Brüssel nach stundenlangen Verhandlungen gefasste Beschluss die Handschrift der vom stellvertretenden CSU-Vorsitzenden geführten Europäischen Volkspartei (EVP). SZ 2.7.2026. „Versprechen“ des rechten bayrischen Gegners von Söder, Versprechen nach rechts.

Es ist nicht schwierig, überall in Europa rechtsradikale, faschistische oder auch demokratiefeindliche Entwicklungen wahrzunehmen. Kritik an einzelnen Begriffen ist möglich, aber sie ändert nichts an der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Dass die EU menschenfeindlich gegen Ausländer agiert, ist Teil eines Abstiegs von Europa. Zumal ja die Einbürgerung anderer, „richtiger“ Ausländer auch nicht wirklich funktioniert und die eigene Bevölkerung in vielen Staaten, auch Deutschlands, diskriminiert wird (bei uns die bildungsfeindliche Bafög, Demontage durch die bildungsfeindliche Frau Bär – nur ein Beispiel von vielen). Nun kann man vermuten, dass die EU Ausländerzentren „außerhalb der Union“, wenn überhaupt, dann nur in Diktaturen findet. Dann ist der neue Beschluss taktisch und hilft nur den Radikalen am Rand.

Bafög hat mich Jahrzehnte lang beschäftigt, hauptberuflich und politisch. Natürlich kann weder Frau Bär noch ein Neoliberaler beweisen, dass Studierende, die nebenbei arbeiten müssen, besser, schneller und geistig erfolgreicher studieren, egal, wie man das in der Vergangenheit nachvollzieht. Ich selber hatte da auch handeln und Kompromisse denken und anbieten müssen, aber natürlich wäre es immer besser gewesen, man hätte „richtig“ studieren können und dann wäre man in die Berufe eingetreten. Aber heute sind die Studiengänge anders geworden, die Abschlüsse, die Qualitätsbewertung und das Aufnahmeurteil der Arbeitgeber und Institutionen (v.a. Schule für LehrerInnen, oder Justiz). Also, alles in allem kompliziert und nicht eindimensional lösbar. Deshalb behaupte ich, dass das Hintreten gegen Studis von Frau Bär nicht ernst gemeint ist, sondern eine anti-geistige, anti-intellektuelle, anti-Studierende Nirdrigkeit, die dem Niverau der 0,8 Politikerin und ihren Koalitionsfreunden entspricht, analog zur EU Politik gegen Nichtdeutsche,

Mir geht es nicht einfach um die Ausbreitung der Kritik. So ist der Rechtskurs global, in USA und Russland und bei uns in der EU. Das könnt ihr überall und gut belegt weiter studieren. Mir geht es vielmehr um eine Frage, warum sich die humane, fortschrittliche Entwicklung als Möglichkeit globalen Widerstands gegen die Diktaturen so zögerlich und zaghaft entwickelt.

***

Einer der besten und gescheitesten gegenwärtigen Analytiker, Yuval Harari, hat in Nexus einen umfassenden, teilweise schwierig zu lesenden, faktenreichen Überblick gegeben, wie wir mit künstlicher Intelligenz umgehen können, müssen, sollen – und w2as gegenwärtig dagegensteht. Inclusive weiträumige Rückblicke, aber auch Kompression bis 2023. Und auch hier, global gilt: das ist so komplex, dass man es nicht als Programm des demokratischen Überlebens in ein paar Punkten zusammenfassen kann: Nexus, Vintage 2025. Das letzte in einer Reihe seiner Texte, die ihn von den meisten seiner Zeitgenossen hervorheben. Warum ich das hier schreibe? Weil es Antworten auf meine Frage wegen der Zögerlichkeit des Widerstands gibt.

Und meine erste Antwort ist, dass wir den Angriff und die Macht der AP Diktatoren mit ihren Algorithmen und dem „Alignment“ und ihrem Übergang zu Herrschaft, inclusive der neuen Art der Bürokratie durch AP unterschätzen. Das Alignment ist wichtig, die Positionierung und Aufstellung, in mehrfacher Hinsicht. Anpassung, Ausrichtung, jedenfalls auf etwas anderes, und das spielt eine große Rolle. Die Unterschätzung ist nicht trivial, weil frühere Neuerungen wesentlich weniger komplex und „fremd“, neu und neuartig waren. Und nicht nur meine Generation kennt sich nicht gut aus, auch die Jüngeren unterschätzen die Macht der AP Diktatoren, die binnen kürzester Zeit Millionen Menschen in ihre Information und Überwachung führen. Das ist der zweite Punkt: die Überwachung verändert die innere und intellektuelle, die Verhaltens-Struktur. China ist hier schon weit, und sicher die USA weiter als Russland. Google, Facebook, YouTube…das sind nicht einfach Diktaturen, es sind Lenkungen der Anthropologie, die vielleicht dafür verantwortlich sind, dass der Widerstand nicht wirklich real wird. Unser Widerstand, der sich doch dieser AP-Strukturen nicht entziehen kann. Und diese Dialektik unterschätzen viele, zu viele.

Und das spielt sich auch in der europäischen, in der deutschen, in der lokalen Geschichte ab. Wie im Mittelalter, nur sehr viel schneller. Und meine – nicht Hararis, nicht der AP – Schlussfolgerung: Europa wird das nicht so überleben, wie es Europa ist, gewesen ist. Global muss das nicht so sein, aber „wir“ werden die Flüchtlingsströme, die Asylsuchenden, weder abweisen noch aufhalten noch abschieben können…abgesehen davon, dass es unsere Gesellschaft(en) noch mal spaltet, da sind schon viele Asylkohorten fest verankert. Und, fragt ihr? Na, dann ohne Europa. Das ist nicht der Grenzpunkt der Zivilisation. Nur wie wir – Individuen – dahin uns bewegen und was wir politisch tun, das ist nicht unwichtig. Und dazu sollten Bildung und Information schon beitragen.

„N“, „I“, kann man darf man?

Wenn man historische oder soziale Fachliteratur liest – nicht Belletristik – dann ist die Wortwahl oft schwierig, natürlich kann man nicht von Negern sprechen, und auch nicht von anderen Volksgruppen in den Worten früherer kolonialer Ableitung. Aber damals, nicht so lange her, war die Wortwahl auf allen Seiten anders, nicht nur bei Negern, auch bei Eskimos, bei Indianern usw. Und die Auseinandersetzung damit kann politisch wichtig sein. Für mich jedenfalls auch im Rückblick auf meine Begriffe, längst über die Jugend hinaus.

Hier geht es um Neger und Indianer, und ich sage nur: lest das im Kontext der „Besichtigung einer Epoche“, wie Karl Schlögel den Untertitel seiner „American Matrix“ präzisiert (Hanser, München 2023). Man glaubt es nicht, dass dieses Buch erst drei Jahre, schon drei Jahre alt ist, und was sich in den USA und unter Trump getan hat und tut. Aber wer wenig von diesem Land weiß, sollte diese Sozial- und Kulturgeschichte von anfang an lesen. Weil selbst gute, kritische und umfassende amerikanische Revision der allgemein bekannten Geschichte nicht so virtuos mit einer Vielzahl von Vergleichen, zeitlich, inhaltlich, mit den USA umgeht, die ja nicht Schlögels lebensbearbeitender Schwerpunkt sind – Osteuropa! – und das macht dieses Buch so besonders lesenswert. Ja, und wieso N und I? Nachdem man schon fast alles und bestens erfahren hat, kommen zwei Kapitel, S. 671-736, und man erfährt, was man vielleicht allgemein weiß oder gar aus den USA kennt. Nicht nur die Geschichte, die Auswirkungen, die Widersprüche usw. der Schwarzen im Land der Weißen, und erst recht die der Indianer, nein, auch das Gewebe der USamerikanischen Gesellschaft jenseits aller rassenbezogenen Plattitüden. Ich lasse die Schwarzen mal außen vor, die Literatur ist sehr gut und man erföhrt manches, das man nicht so gern aufnimmt. Mich hat völlig verblüfft, wie genau das Kapitel „Archipel Amerika“ mit dem ersten Abschnitt „Indianerland: Die große Abwesenheit“ (S. 705) beginnt. Und dann eine Geschichte durchhält, in der es keine Variable gibt, die auch der weißen, von alten Männern vertretenen Welt genüge täte, damit es vielleicht doch erträglich und ausgewogen wirkt. Die minutiöse Darstellung der Vernichtung eines Volkes hat genaue Daten und Thesen, 713ff. im Kern, aber man muss zurückgehen, zum Präsidenten Jefferson und seinen Nachfolgern, zu den Siedlern, zur Dialektik der Vernichtung mit juristischen und gewalttätigen Mitteln, um zu wissen und zu verstehen, was wie wirklich geschehen ist – und die Reste davon heute im 2004 eröffneten Museum kritisch anschauen, – obwohl, das schreibe ich 2026, nicht 2023, Trump alles versucht, auch dies auszuwischen.

Alles gut und wichtig, kritisch mehr zu wissen und gegenüber den USA und global zu vernetzen. Aber ich selbst habe auch ganz spannende Erinnerungen, vom Indianerspiel im Fasching 1952, mit Federn im Haar, bis zu vielen Büchern von Karl May, nicht nur Cooper u.a., und daran anschließend die Filme, – aber zu keinem Zeitpunkt hat meine akademische Ausbildung das Thema auch nur gestreift…Trotzdem habe ich mich etwas daran gemacht, nach den ersten beiden Reisen in den Südwesten der USA, genaueres zu erfahren, und die tourismus-relevante Darstellung der tribalen Vergangenheit ist ein weiteres Kapitel des Halbwissens. Natürlich haben wir seit den 70ern die afroamerikanische Geschichte bis zu den Black Panthers und danach nicht nur erfahren, auch diskutiert. Bei den Indianern war das so nicht der Fall, die erste tiefer gehende Nachdenklichkeit begann mit der Einwanderung aus Asien auf den amerikanischen Kontinent (Die Literatur bei Schlögel ist mehr als reichlich, einiges hatte ich lange davor erfahren, als ich in äußersten Osten Russlands die ethnische Geschichte erstmals erfahren habe). Was ich spannend für mich finde, wieviel Literatur und Beschreibungen dieser Geschichte für die ganzen amerikanischen Kontinente jetzt einfach aufzuklicken ist, teilweise recht gut verständlich. Aus unserer jugendlichen Sozialisation konnten wir uns befreien. Wir – und da steckt in der amerikanischen Geschichte, der Geschichte einer Volksvernichtung über mehr als 200 Jahre, ein schwerer Brocken unterbewusster (oder auch ganz offener) Selbstverhärtung – nicht zuletzt in globalen US Kommentaren zu anderen ethnischen Kontroversen. Die Psychoanalyse des USamerikanischen Gesellschaftsbewusstseins hat hier ein großes Feld. Und auch wenn es nicht alles erklärt, vieles bleibt unentschuldigt.

Ich finde das wichtig, weil es in das Halb- und Unterbewusste schauen lässt, und es entschuldigt nichts an USA, aber natürlich sind die Analogien zu anderen, vor allem zu uns, um eine Facette reicher.

Zuföllig gibt es gerade im Netz Info Wichtige Ereignisse und Helden in der Geschichte der amerikanischen Ureinwohner (30.5.2026)

Aus den Fugen…?

Was bedeutet das Sprichwort wirklich? „Die Redewendung „aus den Fugen geraten“ bedeutet,  aus dem Gleichgewicht zu geraten oder aus der Ordnung zu fallen. Sie wird oft verwendet, um Situationen zu beschreiben, in denen etwas, wie ein Verhältnis … ein System, nicht mehr stabil oder in Ordnung ist. Beispiele für die  Verwendung sind: „Die Welt gerät aus den Fugen“ oder „Das Leben der Familie gerät aus den Fugen“. “ (sagt des Lexikon…bing.com). Ich hänge mich daran, weil so viel aus den Fugen geraten ist, in der Weltpolitik, in der Regierungsarbeit, in der Wahrnehmung von Umwelt, also „überall“, und wenn alles zerfällt, dann ist die Vision von Neuaufbau ja fragwürdig (was früher die Ökonomie begeistert hatte: Schumpeter und andere…

Ich hänge mich daran, weil es ja sein könnte, dass das allgemeine Desinteresse daran liegt, das es kaum konkrete Wiederherstellungsinteressen zu geben scheint. Scheint? Wo man hinschaut, überall Auflösung und Trümmer?! Also, sagt der Entmündigte, nicht hinschauen. Das ist die Strategie nicht nur der Faschisten, aber ihr beständiges Prinzip. Und wenn Demokraten es imitieren, bleibt das Ergebnis doch unsinnig. Denn wenn ich nur von den Ergebnissen her bewerte, dann fallen mir die Opfer auf dem Weg zum Erfolg, die Weggeworfenen und aus der Gesellschaft Abgetriebenen gar nicht auf, ich kann sie nicht bedauern und muss nicht mit Moral gegen die Politik arbeiten.

Jetzt könnt ihr sagen: ganz schön abstrakt und verwinkelt. Klar, dass die Gegner von Freiheit und Gleichheit nicht mit offenen Karten ihre Strategie mitteilen. Und zusätzlich führt die Engführung von Bildung, Sozialisation und Erziehung dazu, dass vieles gar nicht mehr beim Einzelnen ankommt, man kann ja nachschauen…Nach schauen, gar kein dummes Wort. Aber, als Beispiel, wenn die o,8 Merzregierung für den Wohnbau (Einfamilienhäuser!…) Umwelt und Lebensqualität hintanstellt, dann ist das genau die ökonomische Unterwerfung der sozial und ethisch abgesetzten Massen durch die, die weiterhin gut und grün leben werden können, bis die Erdzeituhr abgelaufen ist. Kommt früh genug. Das Weiterhin fehlt der konservativen Regierung allerdings, bitte nicht einfach links-rechts-Achse aufmachen, es ist schon komplizierter. Faschisten und andere Engführer des Lebens berufen sich auf die unmittelbaren Zwänge der Gegenwart, und sie verdrängen beides: Vergangenheit als Belehrung und Zukunft als Hoffnung. Wenn wir nach dieser Regierung ohnedies nichts zu erwarten haben, brauchen wir auch nicht zu hoffen, dann konsumieren wir uns lieber jetzt. Und wenn es nur die Gegenwart gibt, hat die Demokratie keine Chance, und die Faschismen verankern sich.

Mich würden Einwände gegen diese Ableitung interessieren. Natürlich ist das alles intern kompliziert, aber nicht komplizierter als die Verengung des Blicks. Also unseres Blicks, nicht die Verengung der objektiven Wirklichkeit…Eine solche Verengung hat es immer schon gegeben, nach 1945 im ehemaligen Deutschen Reich, vgl. Ransmayer: Morbus Kitahara, also diese Verengung…). Der Vergleich „nach“ 1945 passt zur Welt aus den Fugen vor den Weltkriegen. Und auch wenn wir es vielfach nicht erinnern können, so bedeutet unsere Freiheit, dass wir es rekonstruieren, wissen können – anders als die, die schon gänzlich in den Diktaturen eingebunden sind. Und diese Freiheit, paradox, siehe oben!, ist ja das Moment der Hoffnung, also auch der Zeit – Vergangenheit und ZUKUNFT, die den Faschisten so völlig abgeht.

Nur so: die AfD kommt mit Programm, ohne Umwelt und Kultur

  1. Faschismus dreht der Umwelt und der Kultur den Rücken zu

Der Streit, ob Diktaturen, Demokratiefeinde, Illiberale etc. „faschistisch“ sind, ob sie so genannt werden sollen (müssen, können) deckt die Realität zu. Ich lasse mich auf diesen Streit ein, wenn nötig, bis dahin verwende ich meinen Faschismusbegriff wie bisher. Das ist wichtig, weil es mir um den sich entwickelnden und entfaltenden Faschismus in Deutschland geht.

In diesen Tagen wird viel an Wissenschaft, Vernunft, Kritik gemäkelt, weil es in das Schema der der Großen Diktatoren Trump, Xi, Putin passt. Wenn es um Umwelt geht und der Vorhersage, dass es in den nächsten 60 Jahren um 4° oder 5° oder 3,5 ° wärmer wird, was aber bedeutet: irreversible Zerstörung der Erdoberfläche für Menschen. Die drei Diktatoren spielen sich gegenseitig die Bälle der Herrschaft zu und die Gefolgschaft beugt sich ihren jeweiligen Herrn. Europa, NATO also eher Trump…Am Diskurs der Umwelt kann man die dünne Oberfläche der rationalen, vernunftgeleiteten Analyse gut studieren.

Die Ausgrenzung von Umwelt teilen die noch demokratischen Parteien mit den faschistischen Gegnern der Demokratie, auch in allen Übergangsstadien. Und diese Faschisten – lasst mal die Nazis als Extrementwicklung außen vor  – also: diese Faschisten arbeiten sich an vielen Fronten gegen ihr demokratisches Umfeld, und sie sind schon weit fortgeschritten.

2. Der Faschismus bereitet sich auf Herrschaft, nicht auf Mitreden vor

Das verfolge ich seit langem, immer wieder beleuchte ich solche Erscheinungen. Aber plötzlich wird es deutlich, nicht mehr verdeckt. „Im Versuchslabor der AfD“,  von Anant Argawala und Martin Spiewak, ZEIT #22, 13.5.2026, S. 29. Hier wird die faschistische Strategie der AfD personalisiert: Hans-Thomas Tillschneider, verortet in Sachsen-Anhalt. Man erfährt, was sich im Bereich der Hochschulen, der Bildung, der Kultur nach einem AfD Sieg ändern wird. Sachsen-Anhalt als „Labor“ der AfD Durchsetzung. Juristen, Mediziner, Maschinenbauer – da meint er besser angreifen zu können als in den Geisteswissenschaften. Dazu fällt mir nur auf, dass gerade dort die demokratische Hochschulpolitik ja in den letzten Jahren auch nicht aktiv reformiert hatte, weder innen noch landespolitisch…aber es fällt mir natürlich ein, dass und warum die AfD genau hier ansetzen will: weil sie eine Schwachstelle der Bundes- und Landespolitik und der nur scheinbaren Hochschulautonomie erfolgreich angreifen kann.

Das kann man hier präzise lesen, Umwelt kommt übrigens nicht vor. Das erwähne ich, weil alle sinnvolle Politik sich immer am Umweltfokus und nicht am Wirtschaftswachstum primär ausrichten sollte. Die demokratischen Gegner der AfD bereiten sich hier und in anderen Ländern auf Reaktionen gegen einen Sieg der Faschisten vor. Sie sollten sich m.E. viel stärker auf die demokratische Weiterentwicklung von Demo0kratie und Republikanismus konzentrieren als den Faschisten ihren Widerstand rhetorisch aufs Menu zu schreiben. Das brauchen die nicht (mehr).

Rechtslinks Judejüdisch Wahrfalsch

  1. Banal? „Ich bin ein nichtjüdischer Jude“, ein berühmter Satz aus Daniel Cohn-Bendits neuem Buch[1]. Wenn man die autobiographische Wirklichkeit des 80-Jährigen liest, reicht schon das Vorwort, um zu verstehen, dass man Jude sein kann, und zugleich nicht jüdisch. Und nicht nur bei Cohn-Bendit geht es auch darum, jüdisch sein zu können, wenn man vielleicht kein „Jude“ ist. Ein Thema vieler meiner Blogs. Hier verläuft ein Canyon, der nicht trivial ist. Die FAZ, also eine sehr konservative Presse, stellt fest: „Warum die Rechtsradikalen Daniel Cohn-Bendit brauchen[2]. Das Thema ist nicht trivial, liest man sich ein, ist „Jude“ ethnisch“, aber jüdisch, wie nicht nur ich es vertrete, ist ethisch, moralisch, sozial, … offen.
  2. Banal? Rechts – Links ist keine politisch oder ideologisch gerade Linie zwischen den Linken und den Rechten, und schon gar nicht mit einer ausgleichenden durchschnittlichen Mitte. (Über diese Abirrung der 0,8 Bundesregierung argumentiere ich hier nicht, kommt wieder…). Aber dass sich im etwas überkommenen Hufeisenmodell[3] die äußersten rechten und linken Positionen nahe sind, kann man täglich wahrnehmen.
  3. Es ist nicht trivial, dass wir täglich miterleben, wie sich Parteien, Politiker, Medien eher gegen die rechtsradikalen Gegner der Demokratie abgrenzen, als sich der Demokratie und ihrer möglichen Entwicklung zuwenden. Nicht zufällig verweise ich auf Haaretz, wo die liberale europäische Demokratie im tödlichen Absturz begriffen sein kann[4], und wo Frankreich, England und andere europäischen Länder, natürlich mit Italiens „neo-fascist right“ als Beispiele gelten. Ha’aretz deutet natürlich auch auf die Entwicklung in Israel, von der ich behaupte, dass sie durchaus faschistisch sein kann, weil Juden Faschisten sein können, ohne dass Israel weiterhin mehrheitlich jüdisch im obigen Sinn verbleibt…
  4. Wenn die Eingangsthese von 3. zutrifft, dann versteht man doch noch nicht, warum – zum Beispiel – in Deutschland die Normalisierung der AfD so heruntergespielt wird[5] und wie Normalisierung der AfD auch mit der Jugend zusammenhängt[6]. In den letzten Tagen hört man, wie die AfD die studentischen Verbindungen in ihre Konzepte einbaut, nach dem Vorbild Österreichs[7] aber schon länger.
  5. So wie Italien unter seiner faschistischen Regierung oft aus dem Blick gerät, sind die USA vielfach noch nicht das, was sie immer mehr sind: eine gewalttätig gegen die Demokratie angehende Republik. Da treffen plötzlich bei uns seltsam verzerrte Positionen aufeinander, die nur zeigen, wie wenig der Begriff der „Mitte“ Sinn macht: Das Beispiel Kiesewetter versus Trittin ist nicht links-rechts. Sondern betrifft unterschiedliche US-Wahrnehmungen[8].
  6. Zurück zu meiner These 1. Geht es um Juden und die Differenz zu jüdisch, wenn wir über Israel und Palästina nachdenken? Wie müssen über beide zugleich nachdenken, unabhängig, welche Position wir zu … ja, zu wem? – einnehmen. Die Geschichte der „Juden“ ist einfach insofern, als wir 4000 Jahre, oder 2000, oder 120 oder 80 zurückgehen. „Jüdisch“ bedeutet, jedenfalls seit der wirksamen Aufklärung schon etwas nicht in der Geschichte festgelegtes, „jüdisch“ hat sich entwickelt und kann eigentlich nicht vor diese Entwicklung zurückgehen, wie denn?

Aber darum geht es mir in diesem Blog nicht. Mir ist wichtig, wie man sich der eigenen Emanzipation zuwendet, anstatt ständig sich in der Abwendung von den Gegnern derselben aufzureiben. Und das geht unter anderem nicht einfach über Theorie, sondern durchaus angestrengt über Praxis, über Lebenspraxis und über politische Praxis, und die hat immer mit Freiheit, und eben mit dem zu tun, was jüdisch ist, ob es nun mit den Juden konform geht oder nicht.

  • 7. FORTSETZUNG FOLGT

[1] Erinnerungen eines Vaterlandslosen, 2026 Jacoby & Stuart.

[2] Christian Geyer: Cohn-Bendit und <Compact>, FAZ

[3] Hufeisenmodell: Was ist die Hufeisentheorie: Definition und Kritik ; ich verwende den Begriff alltagsrhetorisch und nicht hochwissenschaftlich. Wichtig: wenn „Rechtsradikale“ und „Linksradikale“ das Gleiche sagen, heißt das noch nicht, das sie das Selbe meinen. Vgl. aber auch WD-1-007-20-pdf-data.pdf . Natürlich bin ich auch gegen „Gleichsetzung“. Aber wenn es die Bedeutung identisch ist, kann man sie nicht durch seine Priorisierung verändern.

[4] Joshua Leiffer nach dem Verlust Orbans in Ungarn: Ha’aretz today 20.5.2026

[5] Robert Pausch und Bernd Ulrich: Sie wollen ein anderes Land. ZEIT #54 2025, vgl. meinen Blog 20.12.2025

[6] Simon Schnetzer „Mit Protest hat das nichts mehr zu tun“, ZEIT #14, 26.3.2026

[7] Lucia Heisterkamp u.a. : Rechte Reserve. SPIEGEL #42/2025

[8] Kiesewetter vs. Trittin: Ist das auch unser Krieg? ZEIT #12, 2026

Der Bund: Sozialistische Weltbürger, konkret

Ein Rezension und meine Gedanken

So einen Titel möchte ich gerne meinem Wissen geben, aber das wäre etwas übertrieben. Was weiß ich schon vom „Bund“?

Der Begriff ist scheinbar ungenau. Es lohnte, seine Geschichte erstmal zu lesen, als weniger gegenwärtige jüdische Erinnerung und Gegenwart. Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund – Wikipedia . Man, d.h. ich, wusste    schon einiges, professionell, akademisch und über jüdische Schnittmengen, aber genau und politisch war es nicht mein Thema. Nun gibt es in letzter Zeit zunehmend Kritik am jüdischen, bzw. israelischen, Zionismus, dazu habe ich schon einiges geschrieben. Aber die Abwehr des Zionismus durch den Bund hat mir einen aktuellen Druck versetzt. In einer Rezension beginnt die Beschreibung eines wichtigen Textes mit einer sehr aktuellen Beziehung, der zwischen „Shoah“ und „Nakba“. Adam Hochschild schreibt eine Rezension: Molly Crabapple Here Where We Live is OUR Country: The Story of the Jewish Bund. One World 2025. („A Dream of a Socialist Commonwealth“. NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue 9). Auf den ersten Blick nur eine Ergänzung dessen, was ich schon wusste. Aber extrem klar und deutlich: unter anderem ist die Verbindung zwischen Holocaust und Nakba nicht zu trennen, wie Omer Bartov meint, und es verstärkt meine, unsere, Kritik am Umgang des heutigen Israel mit den Palästinensern. Aber dieser Aspekt gewinnt erst an Gewicht durch die Kritik an der antisemitischen US-Einwanderungspolitik nach dem Ersten Weltkrieg, also vor 100 Jahren, in die USA, gut belegt, und dem unangenehmen Riss in der jüdischen Gemeinschaft der USA: „Astonishlingly, a Fortune poll that same year (1939, MD) showed that 25,8 percent of American Jews opposed increasing the tiny quota for refugees, because thez feared it would provoke antisemitism“. Über den letzteren, v.a. nach dem Krieg, habe ich öfter geschrieben. Vgl. auch den konservativen Bernard Lewis 1999_ Semites and Anti-Semites. An Inquiry into Conflict and Prejudice oder Nathan und Ruth Perlmutter: Antisemitism in America 1982, u.a. eine Menge eigener Erfahrung. Wenn man die heutige Politik der israelischen Regierung historisch analysiert, etwas mehr als 100 Jahre zurückgeht oder in die Zeit vor 1947 und die Zwischenkriegszeit, dann muss man bedenken, dass der Bund damals überall wirken wollte, wo Juden eine Heimat hatten, also nicht Palästina…das wird hier erklärt, aber auch die politische Kultur des Zionismus in Opposition zur jiddischen Kultur des Bundes „In the society the Bund envisaged, everyone would have the right to speak their own language“ )ich teile das nicht, aber diese Kritik am Hebräischen geht weit zurück…auch zum Zionismus und zu Herzl). Völlig korrekt beschreibt der Rezensent, dass der Bund, was die Klassenpolitik betrifft, letztlich versagt hatte, aber weniger „Ist members fought for their egalitarian, secular, profoundly cosmopolitan vision in the very darkest of times and places“. Tja, das kann man Netanjahu entgegenhalten – und den Palästinensern, die keine friedliche Vereinbarung mit den Zionisten vor 1948 eingegangen sind, warum ist übrigens auch wichtig, aber soll hier nicht ausgebreitet werden – außer in dem Aspekt, dass gerade heute die interne Kritik des Zionismus bis zu seinen Wurzeln, also auch Herzl, Antworten auf der Unverständnis geben kann, sagen wir Teilantworten, warum der Zionismus von den rechten bis rechtsradikalen Israelis praktisch abgesetzt worden ist.

*

Ich könnte mich hier an die mittlere und spätere Hannah Arendt halten, an meine Freunde in Israel, an meine jüdischen Freunde usw. Aber wichtiger scheint mir, auch diesen Aspekt der jüdischen Geschichte wirklich aufzublättern, nicht zuletzt, was die USA betrifft. Ich stimme mit der Kritik am Zionismus nicht weitgehend überein, aber an der Realität seiner Durchsetzung sieht man schon die Alternativen, die nicht eingetreten sind, während den Gegnern des weltoffenen jüdischen Kosmopolitismus Tür und Tor geöffnet wurden. Dazu muss man sich auch politisch und kulturell verhalten.