Schweigen, lautstark

Noch wirkt die Realität nicht wirklich, man bleibt bei der ideologischen Selbstbetrachtung. Ich höre im Radio Koalitionsvorüberlegungen, inhaltsleer, nicht unfreundlich, aber unwirklich. In Ostdeutschland haben die Faschisten fast alle Wahlkreise gewonnen. Man hofft, dass es in vier Jahren nicht so schlimm wird, und beschwört das Wachstum der AfD, wie einst die NSDAP gewachsen war. Ich weiß schon die Unterschiede, aber auch die Analogien. Faschisten im sich ausbreitenden Faschismus, das wäre die einfache Formel. Also: erstmals mit den Analysen vorsichtig sein, den Bodensatz abwarten (Heute im DLF um 7.50: AfD in Sachsen…verallgemeinern? Dann wird höflich und ohne Kritik ein AfD Politiker befragt, das ist „Normalisierung“ (siehe gestrigen Text).

Nathan Gardels schreibt in Noema: Instead of expressing outrage at China’s plans to take Taiwan, Russia’s bloody attempt to seize Ukraine or Israel’s vision of annexing the West Bank, Team Trump is openly considering its own Anschluss of other people’s territory in Greenland, the Panama Canal and even Canada. From what we can tell so far, the president’s idea of any peaceful settlement to these conflicts entails giving the stronger power what it wants. (22.2.2025)

Wir bekommen die trinäre Weltaufteilung, mit einem schwächeren Russland, starken USA und China und drängenden weiteren Starken, Indien etc. Und dazu muss man nicht sagen Na und? und Abwehr! Sondern sich selbst für die Zeit des dritten Weltkriegs vorbereiten, nicht einfach rüsten. Wenn es besser im Schlechten kommt, umso besser, aber wenn es schlechter kommt, als die Skeptiker erwarten, umso schlechter für unsere Kinder und Enkel. Dass sich die Gegner ökologischer Zukunft, Typus Lindner, zurückziehen, ist fast Nebensache, auch seine Kinder werden ersticken, und zwar nicht am Geldmangel. Dass sich Habeck zurückzieht, ist schlimmer. Wir brauchen Menschen, die einen Blick auf Verteidigung des ordentlichen Lebens in Zukunft haben.

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Ein Stück Resilienz, Widerstand, Weitblick über unsere Lebensgrenzen hinweg…das kann man auch herstellen. So entsteht Politik, im übrigen. Wichtig ist dabei, über die eigenen Meinungen und Anschauungen hinweg zu handeln, ironisch die Kritik der kritischen Kritik hinter sich lassen und auch nicht darauf hoffen, dass man nach dem eigenen Tod doch noch irgendwo weiter lebt oder denkt oder fühlt. Das klingt pathetisch, ist es im Wortsinn auch, angesichts der schmalen Option eines Weiterbestands der sogenannten Menschheit auf dem nicht in Frage stehenden Planeten. Die Metapher wäre, Umweltschutz gegen Verbrennermotor, alles in Wirklichkeit schwieriger und nicht auf Einzelpersonen allein herunterzubrechen. Nein, Kommunikation und Assoziation sind schon wichtiger, Bündnisse fürs Überleben bedeuten manchmal auch aufgeklärte Gewalt, aber immer Einsicht in das Überwinden der eigenen Begrenztheit zugunsten unserer Kinder und Enkel.

Dazu gehört auch, Abstand zu den unfertigen Analysen und Meinungen zur gegenwärtigen Politik zu gewinnen….siehe oben.

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Da es ohnedies offenbar keinen Staat mehr gibt, in den man gegen den wachsenden Faschismus wird fliehen können, absehbar für uns Juden auch nicht Israel, müssen wir uns auch – AUCH, nicht ganz oder exklusiv – in die Kultur und Kommunikation der demokratischen Absenz von der illusionären Scheinpolitik zurück-ziehen, oder, wie ich denke, vor-ziehen. Das heißt gerade nicht unpolitisch zu werden, sondern Politik gegen die illusionäre Programmankündigung der Heilung durch Programme zu betreiben. Eine psychologische Beraterin würde sagen: auch durch Verhalten, auch durch Kommunikation, durch praktische Empathie. Hier schließt sich der Kreis.

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Der Frühling bricht auf, es wird früher hell. Man ahnt das Grün im Park mehr als man es sieht, aber im Selbstgespräch mit dem Hund belehrt man die Sturköpfe und Nerds, sich von den Brunnenvergiftern abzuwenden und wieder aktiv zu leben, inklusive Empathie für Geflüchtete und die Notleidenden um die Ecke. Die Vögel hören mir zu, und ich verbessere meine Sätze. Noch ist das keine Politik, ich weiß. Aber es schadet nicht, die Klippen und Abgründe unfertiger Gedanken sich selbst vorzutragen, damit stört man wenigstens niemanden sonst. Im Ernst: Der Schritt von der Meinung in die Politik tut uns not, nicht dauernd auf die Faschos schauen, sondern uns selbst aktivieren. Geht doch? Geht doch. Muss.

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