Wenn man sich zu viel ärgert, verflachen alle Gründe und Anlässe, man bleibt ein missgelaunter Zeisel, und niemand nimmt einen ernst oder auch nur wahr, wenn die Texte und Ansprachen des ständig grummelnden Kommentators überhaupt noch aufgenommen werden.
Wenn man sich zu viel amüsiert, kann auch niemand mehr lachen, weil die Anlässe oft zu doppelbödig, altbekannt oder komisch, aber nicht lustig sind.
Ärgern, sich amüsieren etc. sind oft Reaktionen, die neben der Wirklichkeit auf den Boden fallen und dort Lacken bilden, in die man dann auch noch reintritt, und sich wieder ärgert.
So geht es mir in den letzten Tagen, wenn ich über die Akteure und Situationen in Gaza, Israel, Nahost, D.C., bei uns lese. Wer sich über Trump wagt zu ärgern, ist herzlos zu den Geiseln, wer sich über ihn lustig macht, verkennt seine Friedensmacht, wer sich zu weit aus dem allgemeinen Brei herauswagt, wird verurteilt, bevor die Folgen seiner Aussagen auch nur abgeschätzt werden.
Ganz wenige Analysen zur Situation beruhen auf der Wirklichkeit, viele sind so gebildet, dass man seine Erwartungen mit dem, was gerade eintritt, vergleicht. Na und? Und wenn man dann bemerkt, dass man falsch lag, ärgert man sich wieder > siehe oben.
Mich beunruhigt das. Kann man nicht einem Diktator auch einmal eine richtige Handlung zugestehen – wie man ja einem Demokraten immer gern einen Irrtum erlaubt. Wenn der nicht zu langfristig wirksam ist. Der Diktator bleibt Diktator, auch mit dem Denkmal des Verdienstes. Der Demokrat stürzt vielleicht ab…
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Ich wollte aber über ÄRGER schreiben, der oft anstelle von Kritik oder Unverständnis öffentlich wird und dann die eigene Position irrelevant oder lächerlich macht. Ärgert mich der Diktator, weil ich ihn in Wirklichkeit fürchte? Weil ich nichts gegen ihn tun kann und er mich vielleicht noch, oder schon, unterwirft? Die Unschärfe des Begriffs Ärger ist ärgerlich. Denn was spontan ja noch verständlich ist, ich ärgere mich über die Zugverspätung, mit Recht, kann ich nicht aufrechterhalten im jahrelangen Verspätungsgehabe der DB, ich muss mich drauf einstellen. Die Analogie gilt für politischen und anderen Ärger.
Das bringt mir Améry nahe, der immer kritisch zum Jetzt, der sogenannten Gegenwart war. Mein aktuelles Beispiel: ist Ärger eigentlich für den 7. Oktober angemessen? Schrecken, Furcht, Entsetzen, auch Unverständnis sind da besser als Ärger, einschließlich der Frage: über wen? Ärger über die Hamas ist irgendwie verflachend –> siehe oben.
Seit Wochen und Monaten gehe ich diesem Thema nach, dem nicht-jüdischen Gehabe von Netanjahu und seiner faschistischen Truppe und dem terroristischen Gehabe der Hamas. Mittlerweile haben sich Namen, Ereignisse, Konstellationen und Zufälle bei mir eingegraben, und die Kritik und die Ohnmacht haben den Ärger längst verdrängt, wenn er je dominiert hätte. Hat er nicht, auch nicht am entsetzlichen Tag des 7. Oktober. Aber je genauer ich nachforsche, desto schwieriger wird es , auf dem Feld der Geschichte, des wirklichen Geschehens, die Schuldigen, die Inaktiven, die Profiteure und die Unterlegenen dieser Ereignisse in bloße zwei Gruppen, die Guten und die Bösen, zu teilen, sozusagen als Maßstab für die Kommentare von heute –> s.oben.
Das ist keine postmoderne Relativierung, natürlich gibt es Schuldige und Opfer, aber eben nicht schwarz/weiß. Und darum entziehe ich mich dem Hierundjetzt, packe meine Zuneigung zu Israel und meinen Freunden dort in den gleichen Korb mit Kritik am Zionismus wie am Antizionismus, mit Kritik am Konflikt zwischen Sepharden und Ashkenasen, zwischen Arabern, Beduinen, Palästinensern, zwischen Muslimen und Juden und Christen und Drusen, und mit den Beziehungen fast aller wichtigen politischen Staaten seit langer Zeit. Mit anderen Worten, es gibt in der Gegenwart einen Common sense, aber kein Wissen und keine Erkenntnis, die nicht auf die Zeit und den Kontext angewiesen sind. Das verdirbt mir einiges, aber es macht keinen Ärger.