Krieg und … runter von der Illusion

Als wäre es wichtig, ob und dass jetzt ein dritter Weltkrieg sich anbahnt, schon entwickelt , oder erst droht. Als ob der Diskurs die Krieg/Friedenspolitik dirigieren könnte. Es ist auch nicht wichtig, geistige Defekte bei den Diktatoren festzustellen oder zu leugnen, was sie tun zählt, und nicht wie sie es sehen. Auch die Vorschau, wie lange sie als Personen noch leben werden, ist egal, es geht nicht nicht um ihren molekularen Körper, sondern um den zweiten, den symbolischen, der im Mittelalter die Gesellschaften fokussierte.

Analytisch stimmen wir kritischen Geister schon ziemlich überein. Nuancen sind verschieden, ob die Analogie etwa stimmt, Hitler – Stalin, Trump – Putin (ich sehe es eher umgekehrt, und da gibt es noch Xi, und damals gabs keine Nuklearmacht.

ABER

Wen kümmert es wirklich, wie wir gerade über den Tag, über die Zeit denken? Ob drittklassige Politiker dem Trump in den Putin kriechen oder dem Putin in den Trump, macht den beiden so wenig aus wie Lob und Kritik aus subalternen Mündern. Ist Trumps Nobelarroganz wirklich weltpolitisch wichtig? Oder spielt er auch sie, um die Politiker der 0,8 Qualität zu beeindrucken, gar zu beeinflussen.

Ein Deutschamerikaner, ein guter Professor, machte heute morgen deutlich, wie faschistisch die USA sich mittlerweile gerieren. Über Giuliano da Empolis Einsicht in die Stunde der Raubtiere habe ich hier schon berichtet. Und bald, jetzt, merken es die eher freigeistigen, liberalen Medien, wie wenig bedeutsam Einsichten und Meinungen sind.

Zur Zeit sind die Analysen, was wir europäischen Demokraten gegenüber dem Westen, den USA, versäumt haben, sekundär. Wie kann man korrigieren, was uns in den Krieg, konkret in Hunger, Armut, Weltwirtschaftskrise, Nuklearopfer etc. treibt, in welcher Kombination auch immer?

Wir können es nicht. Wir werden sehen, wie und ob die Ukraine Spielball des Trumputin-Pakts der Aufteilung Europas wird, morgen werden die Heuchler ihre Prognosen bestätigt sehen oder sich wundern, was wirklich beschlossen wird, aber das alles hilft uns in Europa wenig. Die Faschisten aller Länder werden noch nicht einmal triumphieren, sie werden ihre Beziehungen zu einander überprüfen, koordinieren. Die Demokraten werden darüber sprechen, wie sie ihr Gesicht wahren können, wenn sie sich schon unterwerfen – müssen, nicht „können“.

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Wenn jemand aus dem Dämmerschlaf der Opiumsession aufwacht, dann schaut die Wirklichkeit dem wachen Auge SELTSAM entgegen. Seltsam sieht die Welt schon aus, richtig, aber wir können sie nicht mehr einfach weg-denken. Keine Philosophie, keine Religion, keine Ratschläge bitte, heute einmal nicht. Aufwachen und daran denken, was einem selbst, dir, mir, uns, wirklich wichtig ist zum weiterleben und dann auf die Politik schauen, die wir offen (kaum) oder verdeckt (eher) tun können.

Jetzt könnt ihr sagen, das alles ist negativ und entmutigend und deprimierend und hilft nicht weiter. Was folgt daraus, wenn ihr das sagt? Es gibt kein großes Portfolio an Optionen und Alternativen. Es kommt auch nicht so sehr darauf an, wie die jeweilige Unterwerfung kaschiert oder umschrieben wird. Es geht um die Lebensqualität der wirklichen Menschen und ihrer sozialen und emotionalen Zusammenhänge. Bekanntlich können Diktatoren sehr viel, auch nicht Zusammenpassendes. Sie können aber die wirkliche Wahrheit aus keinem ihrer Opfer so herausbringen, dass sie daraus eine Bestätigung ihrer Diktatur ablesen können.

Wenn Trump den Friedensnobelpreis bekommt, wird es danach keinen mehr geben. Na und?

Ich weiß, es ist unfreundlich, im hellen Sonnenlicht des Tages so düster zu denken. Aber freundlich den Farben der Eroberer zuzustimmen, bevor man selbst abgeführt wird, ist auch nicht besser.

Darüber kann man auch nachdenken, wenn man im Sonnenlicht spazieren geht und aufwacht.

(Lest Daniel Brössler, SZ von heute, und die 6 Punkte am Ende. So können Unterworfene sich wenigstens in den Spiegel schauen).

Pakistan, Deutschland, Taliban

Kurz und sehr betroffen: Deutschland hat – über den Innenminister, über andere Ministerien, über die Bürokratie und die Diplomatie die afghanischen Unterstützer unseres Landes seit fünf Jahren zu wenig und teilweise nicht beschützt und die Ausreisepflichtigen, auch gerichtlich Bestätigte, nicht hergeholt, also gerettet. Pakistan hatte angekündigt und wahr gemacht, im neuen Jahr afghanische Flüchtlinge abzuschieben.

Jetzt sind die Taliban gegen diese Zwangsheimkehrer aktiv geworden. Daran tragen das Kabinett, vor allem der sogenannt „christliche“ Innenminister und die Bürokraten Schuld. Wenn afghanische Unterstützer Deutschlands von den Taliban gefoltert und getötet werden, wird diese Schuld evident.

Im Rundfunk wurde das nach 6.30 kurz erwähnt, dann in den Nachrichten nicht mehr.

Wir müssen verfolgen, was unser politisches und moralisches Versagen alles bewirkt.

P.S. Ich war von 2003 bis 2016 aktiv in Afghanistan. Ich habe über lange Zeit die afghanische Beschäftigung in deutschen Bundeswehrkorps, Diplomatie und GOs, NGOs wahrgenommen. Hier geht es um Mernschenleben, nicht um Prinzipien der deutschen Bürokratie.

P.P.S. Bislang habe ich zu wenig Information. Es wird noch weiteres kommen, wenn wir mehr wissen können.

Verhöre und Schikanen: Taliban dringen in deutsches Schutzhaus ein

Artikel von Friederike Böge, Istanbul

…Die Personen, die in dem Hotel untergebracht sind, hatten ursprünglich in Pakistan auf eine Ausreise nach Deutschland gewartet. Sie gehörten zu den 248 Schutzsuchenden, die in den vergangenen Monaten von der pakistanischen Polizei abgeschoben wurden, obwohl ihre Verfahren in Deutschland noch nicht abgeschlossen waren. Manche hat die Bundesregierung zurückgeholt. Diese Menschen nicht. Sie sind seither mit Unterstützung der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in dem Hotel untergebracht.

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Widerstand gegen IQ

Gegen Ende des Jahres 2025 habe ich mein intellektuelles Buch des Jahres ausgewählt, aus vielen guten. Ich muss das nicht begründen, ich kann es: Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere (Beck 2025). Ein Italo-Schweizer, Politikberater, Professor, intellektueller Analytiker, und – unbeirrt kritisch. Das Buch reißt die Abdeckungen und Verkleidungen der normalen, also allgemein akzeptierten, wissenschaftspolitischen Diskurse ab. Das Muster ist bedenkenswert: er vergleicht die Herrschaft von Borges mit der heutigen, der dunklen „Tech-Lords“, nicht allein Musk gegen Trump, und mit vielen, ganz konkreten Machtausübungen der Herrschaft in Saudi-Arabien oder bei den VN oder … konkret global, bis hinein in eine französische Gemeinde nahe Paris. Es ist aber keineswegs ein politikwissenschaftlicher Überblick über die jeweils mächtig (en) Herrschenden, sondern den Ersatz der wenigstens minimalen Einigung auf globale Herrschaftsregeln. Diese gelten für die Herrn der digitalen Instrumente nicht, also kümmern sie sich de facto nicht um sie, auch wenn sie bisweilen taktisch Macchiavelli folgen und sich verhalten, als würden sie wirklich verhandeln. Die Vorherrschaft der Tech-Lords über die Politiker und Rolle der IT sind gleichermaßen unromantisch, fast positivistisch dargestellt, ich habe kaum einen Namen dieser Herrschenden (LeCun, Eric Schmidt, Nix, Bengio…) je gehört. Aber Empoli beschreibt das nicht für eine intellektuelle Elite, sondern für normale, also gebildete Menschen. Natürlich tröstet das Buch nicht über die wirkliche grausame Herrschaft der gegenwärtigen Diktatoren. Wenige seiner Markstein-Politiker fallen aus dem Schema, das die Raubtiere überwältigen, Kissinger, Malaparte, Cossiga…aber nicht als positive Idole. Sondern jenseits der eingefahrenen Regeln gesellschaftlicher Ordnung. Glaubhaft gut beschrieben Trotzki gegen Stalin 1917: die herrschende Regierung der Bürgerlichen ignorieren, mit Fachleuten die Infrastruktur erobern, einnehmen.  Beeindruckend zwei besondere Quellen: Kafkas Schloss, und Italo Calvino (Die unsichtbaren Städte). Was sich vorhersagen lässt, zählt in der Raubtierdiktatur nicht. Wenn das global so ist, kann man mich, kann man uns, sagen und denken lassen, was wir wollen, wir werden gleichgezogen. Das Schloss ist für die Herrschenden noch eine Hypothese, für uns Menschen aber die reale Auswirkung, dessen, was wir nicht verstehen.

Ausweglos? Ziemlich, nicht ganz. Der Kampf der humanen Menschen gegen die KI Macht „geht weiter“ (Letzter Satz, S.121).

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Ich zitiere nichts, obwohl es mir scherfällt. Aber ich kann das Buch nicht abschreiben. Außerdem muss man zwei Dinge sich verständig machen: Jetzt kommt wieder, wie bei den Borgia, die Raubtiermacht über Politik, wir haben also eine Struktur, die fast unerträglich ist zu verstehen, zu wissen, aber wir müssen ja in ihr leben. Auf wen hat das noch nicht zugetroffen?: „Die App zieht ihre Schlussfolgerungen und fällt ihr Urteil. Der gesunde Menschenverstand und die Sensibilität wurden mit Absicht außen vorgelassen“ (115). Mit Absicht, von der IT. Und das andere: Da Empoli schreibt als indianischer Schreiber, als Untergebener“. Warum, kann man am Untergang der Indianer bei der Landung der Spanier am Anfang des Buches lesen. Der Schreiber, mehr in Bildern als Theorien, versucht „den Atem einer Welt in dem Augenblick einzufangen, in dem sie in den Abgrund stürzt – und die eiskalte Machtergreifung einer anderen, die an ihre Stelle tritt“ (9).

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Heute verhandelt die EU, wie sie sich neuen Machtergreifung entgegenstellt. Beten hilft da nicht. Die Schwelle: „Es gibt da nur ein Problem: Damit die KI die Herrschaft antreten kann, muss der Glaube an die Stelle des Wissens treten“ (113).

Nicht umkehren, eher Vergangenheit und Zukunft wieder ernst nehmen.

Diktaturen auf dem Markt

Natürlich kann man auch im Kapitalismus gegen den Kapitalismus sein. Natürlich – im Wortsinn und symbolisch, politisch. Aber nicht vergessen, dass wir ja keine wirksamen Hebel zur Änderung haben, weder ökonomisch noch weltpolitisch. Ich zitiere einen marktwirtschaftlichen, aber gesellschaftlich kritischen Experten, der immerhin in Witten Herdecke lehrt und Familientherapeut ist:

Nachdem er sich nachhaltig für „Rechtssicherheit, die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Wissenschaften“ eingesetzt hat, resümiert er „Insgesamt gesehen haben sich in der Geschichte der letzten Jahrhunderte (! MD) autokratische Systeme ökonomisch als weniger erfolgreich als demokratische, (mehr) auf die Intelligenz von Märkten setzende Systeme erwiesen – zumindest, was die Höhe des Bruttosozialprodukts angeht. Dass dies nicht unbedingt mit der Zufriedenheit und der Lebensqualität der Bevölkerung korreliert ist, muss an dieser Stelle in Erinnerung gerufen werden…“ (Fritz B. Simon: Wie Diktaturen funktionieren. Carl-Auer 2025, S. 265). Der zweite Satz spricht von der Marktwirtschaft auf uns Menschen. Und im Resümè, steht ganz unerfreulich. „So werden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die noch heute bestehenden westlichen Demokratien (das sind wir! MD) zu Pseudo-Demokratien verkommen, in denen de facto Tech-Milliardäre eine neue Oberschicht von Oligarchen bilden )Musk u.a. MD), die sich ihre Politiker halten, die ihnen mehr oder weniger bereitwillig zu Die4nsten sind…(271).

Kein Optimist, der Simon. Der letzte Satz ist wichtig, denn die Umkehrung, etwa Trump behrrscht Musk und seinesgleichen, geht wegen der intellektuellen und innovativen Vorherrschaft auch der Tech-Bonzen, nicht nur der Akademiker, nicht lange gut. Übrigens: das ist auch bei uns ein Moment der Einsicht, noch nicht ganz so weit).

Dazu kann man eine Menge Varianten spätkapitalistischer Beschreibungen lesen, aber diese Varianten sind keine wirkliche Politik, nur Vorstellungen über bessere umstände (Das Problem der Diktatoren ist anscheinend größer als das der Tech-Bonzen (Vgl. Anne Applebaum, aber auch Giuliano da Empoli).

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Warum ich das schreibe, warum ich? Seit langem misstraue ich den Ökonomen, die die politische Ökonomie entpolitisieren und wirtschaftliche Alternativen aufblättern. Kritische Geisteswissenschaftler verstehen davon mehr, aber auch Polit-Ökonomen. Aber warum schreibe ich darüber? Weil mich nervt, auf welchen Nebenschauplätzen unsere 0,8 Regierung und viele halbherzige Regierungen der verbliebenen Demokratien ihr Volk dadurch beruhigen, dass sie eben halbherzige Themen bearbeiten, um von der globalen weltweiten Gefahr durch die Diktaturen abzulenken. Klar, wir im sog. Westen, brauchen Trump für unser Militär, noch eine Zeit lang jede3nfalls, da dürfen wir ihn nicht gleich zum erklärten Feind machen, obwohl, naja eigentlich, und ohnehin weiß man das ja, äh. Aber die anderen Diktatoren sind ja keine Hilfe und noch nicht einmal wirklich kapitalistisch, siehe oben. Nein, ich will nicht ironisch sein. Das Unterlaufen von Umwelt und Wohlstand durch Krieg und Dominanz ist nicht neu, hat im Gleichen immer Erscheinungsunterschiede. Darum ist Geschichte so wichtig und der soziale Kampf gegen Geschichtsvergessenheit. Aber das kann ja nicht im Zentrum unserer Politik stehen, „unserer“, d.h. die eigene Politikbereitschaft (dazu hat Winfried Kretschmer in Bezug auf Hannah Arendt wirklich fast alles geschrieben). Die „Eigene“ bedeutet, „alle“. Wir müssen um die Politisierung aller werden, dann wird unsere Kultur wirken (also nicht „politische Kultur“ als Ersatz für Politik, wie früher und auch heute).

Die Diktaturen werden sich durchsetzen, wenn auch immer nur auf Zeit. Aber die ist lang, 12, 20, 40 Jahre? Ironisch kann man da nur sagen: die Evolution ist noch nicht so weit…Aber sie zu unterlaufen, erhöht unsere Lebensqualität und schränkt sie nicht ein. Siehe oben.

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Wissenschaftsfreiheit – dafür kann man kämpfen und gerade so veröffentlichen, dass es die Laien und die Politik erreicht. Das bedeutet auch die Freiheit der Kritik, nicht jeden Blödsinn gleichberechtigt neben die Wahrheit stellen, wie das die USA mit ihrem verbeulten Freiheitsbegriff so gern tun. Meinungsfreiheit – analog. Sie muss bestehen, auch wenn sie oft unangenehm ist, aber demolierte Meinungen sind von anfang an nicht „frei“. Da sind sich die drei großen und viele kleine Diktaturen einig: die politisch durchgesetzte Meinung gilt. Und dazu können wir, im Großen wie im Kleinen, nein sagen und Widerstand öben – indem wir den Unterschied zwischen freier Meinung und dem Streben nach Wahrheit immer, ja, immer!, deutlich machen. Das kann zu Konflikten führen, uns vielleicht bedrohen, v.a. in der Lehre und Sozialisation der nächsten Generation. Aber der Konflikt ist auch politisch…

Winterschlaf der Vernunft

Es ist glatt draußen, nur ein paar wirklich unsinnige Radfahrer gleiten über eisige Straßen, die Temperatur steigt von -14° auf +7°, bald wird es zu viel Wasser geben, noch ist alles eingefroren. Gut so, wie lange hatten wir gar keinen Winter? Wo die Kälte herkommt? Egal, erst wenn Trump Grönland besetzt und ausgebeutet hat, werden wir etwas über die Arktis-Strategie der Weltmächte wissen. Den Satz meine ich ernst, nicht ironisch, denn noch – noch – sind wir uns nicht wirklich im Klaren, wie die Zerstörung der Weltpolitik durch drei Nuklear-Riesen, vor allem Trump und Xi, aber auch der schwächere Putin, uns marginalisiert, auch das reiche Deutschland, auch die reiche EU, auch Mercosur. Da wir abhängig von den USA sind, dürfen wir gar nicht die Wahrheit auf den Punkt bringen, maximal höflich uns annähern, um als Subalterne besser behandelt zu werden als offene Opponenten – oder eben die nächsten Beuten der drei Diktaturen. Oder beides. Nicht schimpfen, nicht beleidigend querulieren, aber auch nicht lecken und sich übergeben, im doppelten Wortsinn. Wer keinen Trumpf hat, sollte nicht Zweitmacht simulieren. Ich sage nicht, dass Trump oder Putin ihre Herrschaft dauerhaft aufrechterhalten, aber ich sage auch nicht, dass ihre Nachfolger besser sein werden als sie selbst. Die lernäische Hydra ist ein Vorbild. Ein anderes Hitler und Stalin, im neuen Dreieck mit Xi. Darüber machen sich die Kommentatoren verschlungene Figuren, um – ja was? – uns zu beruhigen? aufzuwecken? zum Widerstand oder zur Unterwerfung zu bringen? Ich lese diese Sachen wirklich, nicht alle, viele aber, und bin entmutigt. Wer die Wahrheit nicht sagen darf, wird glaubwürdiger, wenn er schweigt. Ist es so schlimm? ja, denn nicht nur wird die Umwelt dauerhaft zerstört, sondern auch die Demokratie, wo sie noch bis heute den Faschisten verschiedener Grade Widerstand leisten. Aus dieser Wahrheit ziehe ich weder Stärke noch traumatische Depression. Fast positivistisch beschreibe ich, wozu es nicht viel zu sagen gibt. Einige, ich nenne sie global-grün-demokratische Pragmatiker sagen dann doch manchmal die wirkliche Wahrheit, und das liest sich oft kleinteilig und gar nicht aufregend. Was man tun kann, wenn man untergeben ist oder wird. Ich nenne jetzt keine Namen, damit kein sekundärer Streit entsteht. Aber es gibt sie, bei uns und anderswo. Wir werden wohl, wenn wir es so wollen, die Herrschaft der drei Despoten nur unterlaufen können, nicht offen bekämpfen. Das übt sich moralisch und ironisch ein, bevor gehandelt wird. Hoffentlich bei vielen.

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Das macht für sich noch keinen Mut, auch bereitet es keinen Widerstand. Ich weiß. Aber vor ein paar Tagen habe ich ein paar Stunden lang etliche Menschen gesehen und vor allem gehört, die eine Variante von Fahrenheit 491 repräsentieren und einüben. Natürlich sind sie fast alle sehr viel jünger als ich, teilweise wie meine Enkelinnen, aber manchmal entkommt ihnen ein politischer oder moralischer Satz, den man über Putins und Trump sagen wird müssen und über den Gräbern ihrer Nachfolger. Der Satz entkommt ihnen, weil er an sich noch in ihnen im Entstehen ist, nicht als übernächste politische Generation, sondern mit einer Hoffnung, die sie in Zuversicht wandeln möchten, also in Politik, also in Handeln. Man kann nur beispielhaft beitragen, man muss nicht korrigieren und sich gar kritisierend überhöhen. Im Gegenteil: man kann die kurzzeitige Zukunft, die uns Menschen noch gegeben ist, auch denen an die Hand geben.

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Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ausrutschen, uns nicht verletzen, auch ohne dass wir direkt angegriffen werden. Der Winter handelt nicht strategisch, er ist einfach, kalt und glatt. Die menschenfeindlichen Selbstherrscher sind keine Naturgewalt. Wir können nicht nur ihre Enden absehen, sie erzeugen auch keine Wirklichkeiten wie Natur und Zeit. Manchmal, wenn sie das für einen Moment begreifen, versuchen sie uns zu täuschen. Nicht drauf reinfallen, aufpassen bei Glatteis, und wenn es schmilzt, die Gelegenheit nutzen zum Überqueren des Unglücks.

Über Details reden wir, wenn sich die Zwangsklammern lockern. Jertzt müssen wir sie unterwandern, um sie zu überstehen. Und, nicht nebenbei, für die frierenden, hungernden und gequälten Opfer der drei Tyrannen mehr spenden und mehr helfen, das geht noch immer.

Winterspiele

Ich habe schon lange keine Freude mehr an sogenannten OLYMPISCHEN WINTERSPIELEN: ich begrtünde das nicht, schaue einfach selten hin und zu. Die POLITISCHEN WINTERSPIELE sind auch Wettkämpfe, und zu denen braucht man keine Freude haben, auch keine Gefühle. Aber mal ehrlich: wer von uns hätte das alles so sehr vorausgesehen? Ich hatte ja, oft kritisiert, den dritten Weltkrieg vorhergesagt, und begründet, wie anders er sich von den beiden vorigen unterscheidet, und bin bis vor kurzem ziemlich allein damit geblieben; und ich hatte eher unterschätzt, wie schnell und erfolgreich die drei Nukleardiktaturen kleinere Tyranneien zerstören oder unterwerfen können oder sich diese Diktaturen hilfreich untergeben machen. Das führt nicht zur Melancholie, sondern zur polit-depressiven Realität. Die Reaktion aber sollte nicht depri sein, sondern wir müssen im Bewusstsein den Widerstand aufbauen, bevor wir darüber reden, welche Hypermacht wir wie ablehnen und nicht de facto unterstützen. Und dazu schreibe ich jetzt nicht. Bedenke es, und ziehe bald Schlüsse, aber nicht sofort … Israel, Gaza, Grönland, Ukraine…dazu sind spontane Urteile vielleicht zu leichtgewichtig.

NEIN: WINTER, DAS IST MEHR ALS GEFRORENE VERNUNFT. Es ist kalt, man kann nur vorsichtig gehen, die Kliniken sind vollgestopft mit Glatteisopfern, selbst- und fremdverschuldet. Dabei ist dieser Wintertag schön wie lange nicht. Straßen und Gehwege sind weiß, nicht nur die Bäume. Es wie eine Erinnerung an unsere Winter. Denn natürlich hindern diese Tage nicht die Welt oder nur unseren Kontinent, wärmer denn je zu werden. Aber dieses früher war nicht nur wintriger im Winter, es hat unser Gefühl für Jahreszeiten anders geprägt als die heutige Klimaentwicklung. Schuberts Winterreise war eben keine Sommerreise, und Rilkes Herbstgedichte passen nicht in die Osterzeit. Nebbich? Die scharfkantige Erinnerung ist so ein Element des geänderten Zeitbewußtseins. Der Meteorologe im Fernsehen ist geradezu lyrisch bei der Ausnahmeprognose auf das Wetter in den nächsten Tagen. Und wenn ich mich nicht mit dem Wetter befasse, sondern es genieße, ungestört lesen und hören zu können, dann will ich mich nicht grämen, bestimmte „Arbeiten“ nicht zu machen, sie aufzuschieben…damit meine ich konkret, die spontanen politischen Urteile vielleicht etwas zu untermauern, sie zu stärken und nicht lächerlich jeden Tag Ergänzungen oder Widerruf hinzufügen zu müssen . Schaut man n-tv, dann erfährt man wie todkrank Trump ist und zwei Meldungen weiter wie fanatisch die US Diktatoren zuschlagen, man erfährt jeden Tag, wie Putin abgesetzt wird und zugleich, welche kriegerischen Aktionen er macht. Solche Faktenfakes zerstören das politische wie das kulturelle Denken.

Leider lebe ich ja in der norddeutschen Tiefebene, aber selbst hier reichen die kleinsten Hügelchen, dass mit Rodeln Kinderfreude ausgelöst wird, und zwar massenhaft, und das erfreut das Gedächtnis: eine Sache, die noch nicht ganz ausgestorben ist. So etwas ist wichtig, um weiterberichtet werden zu können, an Kinder und Enkel. Denn vieles, das wir kennen, gesehen, gehört, gefühlt haben, können wir nur mehr berichten, aber nicht mehr gegenwärtig zeigen…Tiere, Landschaften, Blickwinkel in die Stadt und auf das Feld, und Kleidung. Für ein paar Tage ist Winterbekleidung en vogue, wer weiss, zum vorletzten oder letzten Mal? Egal, Nebensache. Ich hab schon berichtet, dass die Feiertage, Silvester, Neujahr etc. nicht so befeiert werden wie in den letzten Jahren, Politik hin oder her. Langsam dringt die Wirklichkeit in die Gefühle und ins Bewusstsein. Schluss mit der Verlagerung des Grauens auf die fernen Kontinente. Deshalb schauen wir uns jetzt einmal bei uns um, damit wir Kraft gewinnen für die wirklich wichtigen Umstände.

Davon lass ich mich nicht abbringen, wenn man schaut, wie sich Europa seinen Abstieg auch noch durch die Machtlosigkeit gegenüber Trump und Putin mitbeschreiben muss, um endlich politisches Bewusstsein für die Realität zu bekommen. Das wird eines meiner Themen der nächsten Zeit sein. Und natürlich: Winterkultur statt allzugrelles Tageslicht. Schaun wir einmal.

Politische Freiheit, Kretschmann

Meine GRÜNE PARTEI hat noch keine lange Tradition, wie die sozialdemokratischen oder christlichen Volksparteien – die sind ja im Abstieg, und was mit den GRÜNEN geschieht, wird man noch abwägen und sehen. Hoffnung besteht und Zuversicht. Dazu trägt ein Gründer besonders bei: Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von BaWü und ein nachdenklicher Praktiker. Und Intellektueller. Er hat ein Buch zu seinem bevorstehenden Abschied aus dem Amt geschrieben: Der Sinn der Politik ist Freiheit. (Patmos 2025). Ich empfehle das Buch wie auch die wirkliche Geschichte des Ministerpräsidenten sei 2011, weil sie eine wirkliche Alternative innerhalb der Grenzen des Möglichen in einem Land ist, das seine Begrenzungen an sich zu eng zieht. Ich kenne Kretschmann seit frühen politischen Tagen, er hat mich sicher aus den Augen verloren, das macht nichts. Immerhin kann ich ihn hier als Kretsch abkürzen.

Auf den ersten Blick ist das Buch eine umfangreiche Analyse der Wirkung von Hannah Arendt auf die Einsichten und auf die Politik von Kretsch, und nur ganz am Anfang verwirrt diese Zitation, die ja auch eine Selbstzitation wird, ab dem 2. Kapitel immer wichtiger – weil Kretsch immer stärker seine politische Praxis als Folge von Einsichten auch konkret darstellt, und das kann man ja in BaWü nachvollziehen. Es ist sozusagen der Einfluss von Arendt über den Politiker auf die Politik, und auf die kommt es ja an. Mich hat neben Arendt besonders gefreut zu lesen wie Noah Yuval Harari und Ivan Krastev zur Politik beitragen, neben einer sehr ausführlichen Liste von anderen Bezugspersonen – und dabei geht es nicht um die Bildung des Autors, sondern um eine Politik. Dieser Punkt berührt mich besonders, weil viele Politiker ihre Position mit Zitaten sozusagen ornieren wollen, und Kretsch eher seine Praxis mit Hinweisen auf ihre Legitimation beschreibt. Zu dieser Praxis in BaWü übrigens merke ich an, dass es oft kleine, aber langdauernde Schritte sind, die eine großflächige Mitgestaltung der Demokratie durch die Bürgerinnen und Bürger bewirken. Das ist auch eine wirksame und nachhaltige Bewertung von Kretschmanns politischer Praxis im Vergleich zu vielen anderen spontanen Aktionismen.

Man muss nicht mit allem einverstanden sein. Aber wie die politische Praxis begründet wird und wie man sich aus vielen dogmatischen Definitionen befreien kann, das zeigen beide, Arendt und Kretschmann.

Werte Leserinnen und Leser: das ist keine klassische Rezension und geht nicht in Details, Vielmehr ist es eine Empfehlung für beides: Theoretische Orientierung und nachvollziehbare politische Praxis in einem guten Teil unseres Landes.

Juden, Jüdisch, und.

Ich habe mehrfach beschrieben wie man die anthropologische, ethnische Bezeichnung „Jude“ (incl. Jüdin“) vom Adjektiv bzw. Adverb „jüdisch“ trennen kann, manchmal muss. Eine These war, dass viele Juden nicht jüdisch sind. Diese Feststellung beruht darauf, dass es zu den jüdischen Erscheinungs- und Haltungsformen ethische, kulturelle etc. Entwicklungen des Bewusstseins gegeben hat, während man ja an seiner ethnischen Abstammung individuell so gut wie nichts ändern kann.

Diese Überlegungen haben zu Beginn des Zionismus schon eine Rolle gespielt, sie sind immer schon kontrovers im ethnischen, im religiösen, im kulturellen, im sozialen…also im politischen Sinn. Darüber lohnt es, nicht nur zu beobachten und zu kritisieren, sondern auch Schlüsse auf die eigene Haltung zu ziehen. Wie man da einsteigen kann? Von überall her: Ashkenasen versus Sepharden, in Israel, weltweit; politische Ausrichtung, je nach Situation in der eigenen Gesellsch; aft und der Position innerhalb des soziopolitischen und soziokulturellen Netzes etc. Ich beziehe mich soziologisch stark auf Bourdieu, und jüdisch historisch…naja, da kann ich ja meine Literatur- und Diskursliste endlos aufblättern, aber es lohnt sich hier einzulassen.

Ich schreibe das, weil mich zum einen der Singular ärgert: „der Jude“ ist, handelt, denkt, verhält sich, erscheint … Wenn es also um Moral, Kultur, Politik geht, ist der Plural, die Jüdinnen und Juden, notwendig. „Also“ bedeutet, dass ich denke, worum es in erster Linie geht, also nicht gleich um Religion, die kann auch dazutreten.

Zum anderen gibt es, nicht nur in und aus Israel, jüdische Stimmen, die Verallgemeinerungen zum Judentum in der Gegenwart, vor allem in Politik und Kultur, sich anmaßen, und damit für nichtjüdische und manche jüdischen Beobachter eine allgemeine Richtigkeit anstatt einer differenzierbaren und kritisierbaren Meinung ausdrücken. Sich dabei auf Pressefreiheit, aber auch auf Überzeugungen berufen, die von den nichtjüdischen Leserinnen und Lesern spontan schwer zu analysieren sind )obwohl das schon möglich ist). Zur Zeit geht es natürlich darum, dass solche Stimmen zum Beispiel meinen, wer Netanjahu kritisiert, stehe auf der Seite von Hamas (grausiges Beispiel ist Korenzechers „Jüdische Rundschau“ (Monatszeitung); subtiler, aber auch einseitig etwa der Botschafter Ron Prosor, der sich schon von seinen Vorgängern unterscheidet usw. Mein Problem ist, dass diese Linien es nicht zulassen, wenn wir beide Seiten, Hamas und Komplizen und Netanjahu und Komplizen kritisieren, und auch die Verbindungen der beiden in naher Vergangenheit deutlich benennen. Wenn ich als jüdischer Jude den israelischen Premier als Chef eines teilweise faschistischen Kabinetts bezeichne, kann ich doch mit gleichem Vokabular die Hamas als faschistisch bezeichnen? Oder? Meinetwegen in umgekehrter Reihenfolge. Aber mir geht es darum, dass Israel zur Zeit, hoffentlich nicht mehr lange, eine peinliche und teilweise rassistische Untergebenenrolle bei Trump und in außenpolitischen Aktionen wie in antijüdischer Siedlerpolitik spielt – und dass die Hamas, die lange Zeit von vielen offen oder verdeckt gefördert wurde, zur Zeit weniger anerkannte Sponsoren und Hilfsherren hat, aber natürlich auch weiter gefährlich ist. Nicht nur für uns jüdische Menschen.

Das ist schlecht für jüdische Menschen in Israel, im Nahen Osten, weltweit, also auch für uns. Und es besch#digt beides: Bild und Kritikfähigkeit von Juden und der Qualität von „jüdisch“. Intern und nach außen.

Verzieht nicht euer Gesicht, wenn ich einen Ratschlag gebe: studiert einmal die Geschichte der jüdischen Siedlung seit 1906. Und vor und nach 1948, und während der britischen Besatzung und mit und nach der Staatsgründung Israels. Es geht hier nicht (nur) um Kriege. Es geht auch darum, wie wir im Kontext weiter hier und dort jüdisch sein können, also auch kritisch und selbstkritisch, und eben jüdisch, und nicht als der Jude uns den falsch-Autoritären unterwerfen dürfen.

Der Plural, Jüdinnen und Juden hat schon seine Bedeutung. Im übrigen: Eco, Horvilleur, … das geht schon.

POSTSCRIPTUM – wichtig:

Bitte lest „Transitionen und Transition“ von Monika Wohlrab-Saar in SOZIOLOGIE 2026, # 1, v.a. S. 10-14 über den Umgang mit Irsael und den Palästinensern, v.a. mit den Folgen für Wissenschaft und Kultur, also für Menschen, die sich der Realität wissenschaftlich annehmen. Ich zitiere hier nichts, weil der Text sehr dicht und kontextreich ist, aber ich empfehle ihn, nicht nur für die Wissenschaft. Doch, eines muss ich erwähnen: Ich schätze Eva Illouz (israelisch-französische Wissenschaftlerin) sehr und kenne viele ihrer Werke aus den letzten Jahrzehnten. Hier steht, „…sie wurde wegen ihres Protests gegen die Behandlung von Palästinensern in der Westbank der Israel-Preis verweigert“ (S.13). Das schmerzt, pars pro toto. Zum Abschluss schreibt die Autorin: „Wie müssen vom „ja, aber“, das das „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält“ (S.14). Ja.

Kommentar-Los

Viele mir bekannte Intellektuelle, meist Männer, übereilen sich mit Kommentaren, deren Gegenstände sich während des Schreibens oder Lesens schon wieder verändert haben, was weitere Kommentare nach sich zieht, etc. – ad infinitum, und kostet nicht nur meine Lese-, auch Lebenszeit. Vieles geschieht, gewiss, und wie sich was entwickelt, deutet sich je nach Vorfall oder Ereignis schon an, aber eben nicht so präzis, dass man es kommentieren könnte außer mit Fragezeichen und einer Bandbreite der Interpretation. Das verwirrt die Unkundigen und verwirrt die, die es besser wissen und deshalb sich zurückhalten. Der Durchgriff des großen Diktators Trump gegen den kleinen Diktator Maduro ist so ein Beispiel, und fast alle Kommentare sind verfrüht, fehlorientiert oder sinnlos.

Aber um diese Kommentare gehts mir heute gar nicht, sondern um die Anlässe. „Etwas geschieht“, und viele haben eine Meinung dazu. Ein fatales Beispiel: der schreckliche Unfall in Crans Montana hat tagelang die Hauptnachrichten vor allen anderen Ereignissen dominiert, bis hin zu Vermutungen über die weiterführenden Kommentare. Das zu berichten, ist in Ordnung. Der Platz in der Nachrichtenhierarchie ist peinlich. Wenn so etwas nicht in einem europäischen Nobelurlaubsort geschieht, sondern, wie so häufig, in der Dritten Welt, wird es kaum oder nebenbei erwähnt und kaum kommentiert. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, scheint mir spannender als das Faktum, dass der Discobrand x-mal mitgeteilt wird, und vergleichbare Katastrophen, menschlich genauso trist, so gut wie kaum.

Das führt zum nächsten Punkt: was steht uns als Information und Bewertung zu, und wer sind wir in diesem Kontext? Ist es die geographische oder kulturelle Nähe, oder sind es bestimmte Menschen, deren Schicksal uns näher geht als das von anderen? Nicht abstrakt werden, wer die Medien lenkt? Sondern konkret: diesen Vorfall so auszuwalzen bedeutet, dass es ein großes Publikum gibt, das sich hineinversetzen kann. Wenn ein Schiff in Ostasien untergeht oder ein Hochhaus in Seoul abbrennt, dann versetzen sich bei uns wenige, dort aber viele, in das Ereignis?! Stimmt das wirklich, dann sollte man das humanistische Umrahmen der Tatsachen besser lassen. Crans Montana ist schrecklich, ja. Und wie reagieren wir auf vergleichsweise Schreckliches anderswo? Ich weiß schon, welche Bedeutung die soziogeographische Nähe oder Ferne vergleichbarer Ereignisse hat, aber dann geht es doch auch um die Reihenfolge der Nachrichten, und da ist ein noch so schrecklicher Discobrand nicht so prominent – und prekär – wie die politischen Ereignisse der letzten 48 Stunden, der letzten Tage. Das führt mich zurück zum Anfang: wenn die Überlegungen zu Ereignis und seiner relativen Aufmerksamkeitsposition stimmen, dann sollte man das auch an die Kommentare anwenden.

P.S. Manchmal sind einzelne Unglücksfälle weltweit signifikant, sie haben große symbolische Bedeutung. Wenn man sie dann allen anderen Informationen vorzieht, kann man schon sagen wozu und warum. Das kann aber dann auch Widerspruch auslösen…

WICHTIGER NACHSATZ: In meiner gut gelesenen Zeitschrift SOZIOLOGIE, 2026 #1, S. 7-14, beschreibt Monika Wohlrat-Sahr genau die Diskurse um Trump, die Ukraine und – das ist jetzt wichtig – Israel (Transitionen und Transition). S. 10 – 14 sind ein selten in unserem Land so klar dargestelltes Beispiel, wie sich Kritik, hier an Israel UND der Hamas, in der Wissenschaft und als Wissenschaft ausdrücken muss, auch ausdrücken kann. Ich zitiere nicht einzelne Sätze, der Kontext muss erhalten bleiben. Mich hat die Erwähnung von Eva Illouz, der man den Israel-Preis verweigert hat (S.11) besonders getroffen, denn von ihr können wir viel, fast alles wissen – meines Erachtens richtig. Und doch ein richtiges Zitat am Ende „Wir müssen vom „ja, aber“, das ein „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält (S. 14). Ja.

Neue Zeit, kein Neues Jahr

Glückwünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Schwarzmalerei, eine Freundin wartet schon mit Tageszählung auf 2027…und ich freu mich bloß, dass es draußen schneit. Endlich einmal Schnee.

Ziemlich einstimmig ziehen die seriöseren Medien ein depressives Kalkül, was sich 2025 alles zum Schlechteren geändert hatte, wie wenig Widerstand geleistet wurde, wie wenig auf die Demokratie und den Wohlstand geachtet wurde etc. Kernaussage: 2026 kann nur besser werden. Und wie: die Ratgeberlawine schwillt noch an. Wie in allen Vorfeldern von um sich greifenden Diktaturen bereiten sich viele darauf vor, dass die neuen Machthaber vielleicht doch bald auch über sie herrschen (was sie ja längst tun, aber nicht so direkt), und dass demokratische Widerstände auch ihnen gegenüber tolerant sein werden…

Der Winter geht vorbei, es drängen sich die Kulturabende und Nachmittagsspaziergänge. Vier Tage auf der Insel Rügen haben auch erholsam geholfen, weil wir wenige Böller gehört haben, das schöne Feuerwerk über Stralsund gesehen haben und ansonsten gut gewandert und gegessen haben.

Mich sollte niemand nach Vorhaben für den Neue Jahr fragen, ich habe keine neuen oder schichte alte ab, weiter so heißt ja auch, dass die Zeitgrenzen anderswie sind als an das rituelle Datum gekettet, das kann man schon auch begehen, wenn man nicht zum Murmeltier wird. Also gehts mir subjektiv nicht neu, nur genauso gut wie vorher. Das heißt nicht ganz so. Die Diktatoren und ihre Subalternen nutzen wie früher die Feiertage zu besonderen Grausam-keiten, und sie hoffen auf mangelnde Aufmerk-samkeit. Die werden wir ohnedies bald brauchen, wirtschaftlich, sozial, politisch und vor allem kulturell widerständig, gegen Kitsch und zu viel Pathos und hinreichend Ironie (die braucht man für die Boden-haftung). Warum ich das schreibe? Weil ich einen wichtigen Ausblick von Winfried Kretschmann teile, wonach, laut Hannah Arendt, seinem Vorbild, Politik nicht der politischen Klasse vorbehalten bleiben soll, sondern für alle aktiv sein muss, will und soll man die Demokratie weiterhin betreiben. W.K.: Der Sinn von Politik ist Freiheit“, Patmos 2025, v.a. Kap. 2, u.a. S. 40-42). Am Anfang war das Buch gar nicht leicht zu lesen, aber die Projektion von H.A. auf seine eigene politische Praxis wird immer einleuchtender und glaubwürdiger. Das ist keine Trivialität, sondern eine komplizierte und scharfe Waffe, die viel mehr Gleichbehandlung von Gegnern verlangt, bevor es Kompromisse geben kann. Teilweise also das Gegenteil der Freund-Feind-Dualität (am Beispiel Carl Schmitt, S. 35). Dabei war für mich auffällig, dass Kretschmann wenig zusagen hat, warum so viele Linke Schmitt als Vorbild und Anerkennung nutzen…ein anderes Thema. Mir gefällt die Arendt’sche und Kretschmanns „politische Freundschaft“ als ein wichtiges Element der Lebensgestaltung. Was allerdings zu Konflikten führt nicht einfach als Wunsch sich verwirklicht.

Das ist keine Rezension. Aber dass man Arendt durch einen aktiven Politiker – nicht einen einfach Intellektuellen – Zeile für Zeile differenziert und nicht einfach „von oben“ rezipiert, ist schon etwas in der Zeit der schwierigen Kommunikation als Voraussetzung für Kompromisse (siehe aktuelle Regierungen in D und Ö).

Wenn wir jetzt ein besseres 2026 haben wollen und sollen, beides, dann liegt nicht viel, aber „etwas“ an unserem Verhalten Nur richtig wählen, das ist ja in aller Munde für diese Jahr in D, reicht nicht. Und nur bis zum Jenseits ausdiskutieren geht nicht, wegen unserer Sterblichkeit und dem bevorstehenden Erduntergang, also bedarf es der Handlung (Arendt) neben und mit dem Programm. Wir als PolitikerInnen, das ist schon verblasst, oder? aber nein, das sollte es nach der Arendt sein. Und deshalb dürfen wir nicht auf die Bahnsteigkarte zur politischen Bewegung warten oder gar hoffen, und diese Haltung zur Mittätigkeit ist eine andere Form der Mitbestimmung – ihre Gegner wissen genau, warum). Mir fallen da viele mir bekannte Personen ein, mehr aus meiner Umgebung also weiter oben in der Politik, aber auch dort. Aber das ist, was im Neuen Jahr auch Hoffnung machen kann.

Bitte lacht nicht, wenn ich sage, wie das leicht krittelnd meine erste politische Praxis in den 1970er Jahren beiseite schiebt: erst die Kontroverse austragen, bevor man einen Beschluss fassen kann, das Gegenteil der Haltung auf der R-M-L Schiene. Also nicht vom erhofften Ende die Kontroverse beleuchten. Das war damals meine, „unsere“ Profilierung.

Jahresbeginn. Empfehlung für Arendt, Empfehlung für Kretschmann, und vor allem, macht etwas, damit es zu den erfolgreichen Wahlen kommt, und berechnet nicht die jetzt erwartete Stimmen- verteilung. Damit sind natürlich auch die Konfron-tationen und Kontroversen jetzt gleich dabei. Das kann verletzen, ausgrenzen und marginalisieren, aber nur so können wir erkennen, wer von den Andersdenkenden und Andershandelnen für den Kompromiss in der Demokratie, für die Freiheit in der Lage ist. Ein Wagnis, in das wir uns politisch begeben. Zum Beispiel in nächster Zeit.