Hinschauen – Wegdenken – Herschauen

Ruhiger ist es, die guten Blätter zu lesen: Eine lange Fahrt, maskiert, im ICE. Ein Stapel Zeitungen neben mir. Ich muss mich zwingen, wirklich zu lesen, die feinen Unterschiede zwischen den Artikeln wahrzunehmen, nicht nur zu wissen. “ Dabei reicht der politische Teil nicht, die wichtigen Diskurse sind oft abgedrängt in Wirtschaft, Kultur, Soziales, darin liegt, genau soviel Wahrnehmung und Beschreibung. Corona ist verschwunden, man stirbt mit Hilfe der Liberalen und der Leugner, das ist gut für die Rentenkasse und das Gewissen der Populisten; im Ernst, ich bin froh, diesen zu erwartenden Dauerzustand nicht kommentiert zu haben. Bleibt, „bleibt?“, die Ukraine. Auch zu diesem Krieg keine direkte Meinungsäußerung, was ich dazu denke, ist oft nicht straflos sagbar, und was ich tun würde, ist Unsinn, machtlos bedenkt man, was ist. Hinschauen ist gut, aber die Bilder sind gefährlich. Ja, wir müssen den Diktator Putin mit Hitler, Stalin und anderen seinesgleichen, auch Trump, vergleichen, wir dürfen, wir sollen, wir müssen. Aber hinter der Personalisierung stehen viele Menschen mit partikularen Interessen, und noch mehr, deren Interessen schon längst verzerrt, zerstört oder ersetzt wurden. Dass aber auch eine alte, wichtige Kultur zerstört wird, eine Zivilisation, ein europäisches Gedächtnis, wird hinter den Bildern oft mit-verdrängt. Ohne die Bilder geht seit My Lai gar nichts mehr, aber sie sind trügerisch und wahr in einem. Hinter den Bildern sind nicht nur Opfer, Sterben und Zerstörung wissbar, sondern auch die Vernichtung des Anderen, um deretwillen die Diktatoren alles Recht außer Kraft setzen, in ihrem „Exceptionalism“,m worin sich alle gleichen, auch kleine, wie Erdögan, Kaczinsky oder Orban.

Über die drohende Vernichtung des Gedächtnisses einer Kultur schreibt Wladimir Sorokin unermüdlich.

Indem ich das alles immer wieder nach-lese, schaue ich anders hin als beim spontanen Hinschauen. Die Gedanken schweifen ab in das, man schon kennt oder selbst erinnert. Auch hier Vorsicht: 1968, im August, in am Vor-Tag des russischen Einmarschs raus, eine Woche später Demo am Heldenplatz in Wie. Vorladung zur Polizei, man darf nicht auf Englisch gegen die Russen aufrufen…sonst nichts. Nichts? 1956 war ich ein Kind, aber ich weiß noch, wie man Pakete für die Ungarn macht, und wer Imre Nagy war. Die Tschechen habe ich jahrelang in Wien beim Neuen Forum getroffen, und das war eben nicht anti-russisch, sondern gegen die Kremldiktatur. Die sich immer wieder neu aufbaut, wie die lernäische Hydra. Es hilft eben nur bedingt, wenn man die Köpfe abschlägt, solange Millionen hinter dem Führer stehen, und heute auch noch hinter dem Gott des Uhrendiebs Kyrill. Die unkultivierte undemokratische Gewalt(bereitschaft) wächst nach, und hat die kurze Zeit der Hoffnung nach 1989 nicht mit einer Rekonvaleszenz bereichert, wenigstens teilweise.

Die Verteiodiger von Putin argumentieren, dass der Führer nur beantzwortet, was ihm ide USA und die NATO eingebrockt haben, und das Stück Wahrheit, das in jeder Lüge steckt, wird umgedreht bis zurm demagogischen Glaubensbekenntnis, hier treffen sich die linken und rechten Extreme, – bitte nicht die Radikalen, die sind eher sprech- und sprachlos im Formulieren der wirklichen Friedensziele (Lest Slavoj Zizek).

*

Hinschauen, wenn Menschen ermordet und vergewaltigt werden, bedeutet auch, die Täter und Taten wegdenken, sonst verliert man die Empathie. Sonst wird es ein Schlachtengemälde. Sieht man doch gerne? im Museum. Hinschauen, das kann und soll nicht nur, das muss wehtun.

Keiner wird mehr lebendig, kein Vergewaltigungskind wird ohne Trauma aufwachsen, keine Mutter dazu. ABER. Zum einen wird die Ukraine letztlich siegen, aber letztlich ist wie der Sieg der Sowjetunion und der Westallierten im 2. Weltkrieg. Atomkrieg? kommt er, dann verkürzt er die Zeit bis zum Klimatod unserer Erde, vielleicht sind wir verstrahlt, das bedeutet noch früher Sterben. Dann macht er die Politik noch mehr schwarz-weiß. Kommt er nicht, auch gut. Gestorben wird trotzdem.

Die lächerlichen Ängste um den Wohlstand verkürzen die Furcht vor der globalen Verelendung. Die ist grausam, wird noch schlimmer, sie hat nur ein Gutes: es gibt wenige Handlungsalternativen. Das Jenseits ist erstmal keine Hoffnung, länger Überleben wird nur geringfügig zur Klassenfrage und schon gar nicht zur Identitätsoption. Wenn die Überlebenden Recht haben (Jean Améry), dann muss sich jeder denkende und solidarische Menschen das Recht zu überleben erarbeiten, verdienen. Das kann einfach sein, karitativ, mitfühlend, kommunikativ, oder herausfordernd, kämpfen, verwundet werden, sterben, allein lassen und allein gelassen werden.

Und die Kultur bis zum letzten Neuron im Gedächtnis bewahren (Fahrenheit 451 von Bradbury empfiehlt sich). Dann sind wir wieder bei den wichtigen Kommentatoren, bei Sorokin. (Und bitte nicht bei Scholz, der sich hinter dem Wegschauen duckt, ohne etwas zu sagen.).

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Herschauen, sich selbst erblicken, warnend fragen, und was machst du? et tu Brutus? Das wir zahlt für Gas in den Krieg ein und mildert mit Krediten die Folgen ab. Hauptsache, die Wirtschaft warnt und die Aktien bleiben konstant. Wer sagt denn, dass unser ethischer Pelz nicht nass werden darf, wer bitte? das ist nicht die NATO, nicht die weit entfernten USA und nicht die Opposition. Das sind wir selbst. Solange das nicht wirklich wird, tut es nicht weh, diese Wahrheit hinzuschreiben. Aber wenn sie da ist, wer wird sie dem Pöbel opfern und auf dem Heldenplatz, pardon: auf dem Roten Platz, jubeln und wer wird das nicht tun? Gegen die Exceptionalists, die Ausnahmestaaten, sich auflehnen, heißt auch es muss nicht gleich unser Leben sein. Wir müssen und werden etwas riskieren. Zwischen uns und der Zelle sind sie, die Assanges, Nawalnys, Cavallas, Etwas riskieren, heißt: darüber, darüber müssen wir uns schon verständigen.

Und daran denken, dass hier, bei uns, auch wir mitbeteiligt waren und sind, unseren Kindern eine weniger friedvolle Zukunft zu überlassen wie wir sie erlebt haben.

Was tun?

Um diese Frage kann und darf man sich ruhig beunruhigen. Sie an sich heranlassen.

Am 10. Mai 2018, 2018!, habe ich einen Blog geschrieben, „Krieg, wieder“. Ausführlich. Darin zitiere ich auch Zeilen von Georg Kreisler: „und wer zäh ist, wird mit jedem Tag noch zäher / und die Tränenlieferanten rücken näher / dreh das Fernsehn ab, Mutter /es zieht“ . Das lässt einen nicht so leicht los, von Krieg zu Krieg, und vom Weltkrieg unterscheidet ihn nur, dass nicht alle gleichzeitig dasselbe tun, unter demselben leiden, sterben, ob sie nun getötet haben oder – meistens – gerade nicht.

Dass man den Tag noch negativ erinnert, nach einem dreiviertel Jahrhundert, ist Ergebnis der Bildungsgeschichte des Nachkriegs. Ich weiß noch von der allgemeinen Erwähnungsmanie, von Führers Geburtstag zu sprechen und zu bedauern oder sich zu verwundern, dass auch der österreichische Bundespräsident Adolf Schärf an diesem Tag geboren wurde. Heute ist das Datum kein Engramm mehr der öffentlichen Erinnerung, das ist gut so. Wenige andere Lebensdaten von Menschen mit extremen Biographien haben sich eingeprägt, man hat sich an die digitalen Nachschlagwerke gewöhnt, wo man immer alle Geburtstage öffentlicher Menschen einsehen kann.

Mich stört diese Erinnerung an meine Bildungsgeschichte, das ist nicht hysterisch und nicht pusselig, sondern angesichts meiner altersbedingten fortgeschrittenen Vergesslichkeit ein Ärgernis: so ein Datum wird man nicht los.

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Nachkrieg haben wir erlebt, und unsere Kinder. Diese Kinder und unsere EnkelInnen werden Nachkrieg erwarten müssen, jetzt ist er nicht. Das ist natürlich Teil einer Erzählung, die so eine europäische, westeuropäische Inselgeschichte in ein Narrativ einbaut, das meint, man würde „davonkommen“, nach so viel Unglück, Schuld und Katastrophen. Zur Wahrheit gehören die unzähligen großen und kleinen Kriege, die nur an uns vorbeigegangen sind, aber an vielen waren wir indirekt doch beteiligt. Und zur Wahrheit gehört die Hoffnung, die zu 1989 geführt hat und deren abnehmende Strahlkraft von manchen schön gefärbt, von andern gleich in Zweifel gezogen wurde.

In diesen Zeiten will man den Rest nicht aus den Augenverlieren, der Blickwinkel wäre zu eng, nur auf Mariupol zu starren, um den Erhalt von Lemberg zu bangen, um die große Konfrontation abzudrängen im Bewusstsein der eigenen Ohnmacht. Viele Diskussionen werden den heute und morgen Überlebenden noch auf den Kopf fallen, wenn, ja wenn, wieder wirklicher Frieden eingekehrt ist und das russische Morden ein Ende gefunden haben wird.

Eine tschechische Autorin fasst zusammen: Süddeutsche Zeitung 20.4.2022 „Es gibt einen Krieg in den Köpfen“, das Interview kann man aufrufen.

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Wir können damit nicht gut umgehen. Die Kriegsdiskurse und die Friedensdiskurse haben uns gleichermaßen eingenebelt, dass wir vor lauter Wahrheiten die Wirklichkeit gar nicht wahrhaben können. Gibt es einen Ausweg? Außer, dass wir ertragen müssen, dass auch in der Nähe viele Menschen sterben müssen, nicht nur im Jemen, in Afghanistan, im Kongo….und und und. Nein, gleich drüben im Osten, nur die Angriffslust der Russen nicht noch mehr steigern, dieses Bild geht um in den Medien. Beim Sterben helfen, kann man auch sagen, und das ist nicht die schlechteste, aber keine gute Lösung. Es gibt keine gute Lösung, weil Krieg nicht vernünftig zu beurteilen ist, wenn er einmal da ist.

Helfen, helfen kann man immer, sollen wir auch tun, unterhalb und jenseits der Politik. Aber aus dem Krieg in den Köpfen folgt auch die Pflicht, sich der Politik zu stellen, mitzumachen. Es nicht bei Meinungen zu belassen, sondern Handlungsalternativen möglich zu machen. Welche das sind? Jedenfalls nicht die Analysen, die alle Schuld, Verantwortung, Haftung und die Folgen aus dem was, getan wird, auflösen in eine Welt, eine bunte Welt.

Den Krieg in den Köpfen zu Friedensverhandlungen führen, spenden, wenn man kann auch direkt helfen hier und die unterstützen, die noch oder immer wieder dort helfen können. Das scheint abstrakt, aber seid mal ehrlich: jeder und jede kann das sofort mit wirklichen Inhalten füllen, dazu, was alles getan werden kann. Dreh das Fernsehn ab, Mutter, es zieht.

Kein Osterfeuer

Aber

Die beste oder schlechteste Ausrede ist immer, wenn jemand sagt „ich habe verstanden“ und die Zuhörer glauben es. Das gilt im Privaten und es gilt für historische Vergleiche, die man anwenden darf oder nicht, wer sagt’s denn?

Die Liturgien des Verstehens fallen in diesem Jahr zusammen, Pessach, Auferstehung, Ramadan…und alle verstehen, was sie glauben, aber sie glauben nur, was sie meinen zu verstehen. Das Gleiche gilt für Politik, für Krieg und Vernichtung; die Hoffnungen auf Erlösung und auf Konfliktregelung und auf Problemlösung kommen in diesem Jahr sehr viel dünnsohliger, unglaubwürdiger daher als sonst.

Aber wir wissen, nicht nur von Hannah Arendt, die Lüge gehört dazu, zur Wahrheit und zu unserem Drängen nach Wahrheit.

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Ein makelloser Himmel, frisch gewässertes Grün lässt die vergangene und die angekündigte Trockenheit vergessen. Es muss doch besser werden…nichts muss, das sehen selbst die Theologen und die Fraktionsführer ein. Der Schrecken ist bei uns (noch) gar nicht angekommen, da wird er schon besprochen, bedichtet, vertont. Dort wo er ist, klingen auch Lieder, sagen auch Menschen Gedichte und Gebete, aber die kommen bei uns an Frontberichte, nicht wie Botschaften. „Dort“, das ist das Losungswort dieser Tage. Nicht da, nicht hier, nein: dort.

Die Fähigkeiten sich auszuklinken sind beachtlich, überlebensnotwendig. Um wieviel mehr bei Menschen unter Lebensgefahr, in Angst, im Wegducken vor der Gefahr, im Nichtdenkenkönnen, was den Kindern, den Nächsten geschieht. Aber vom Ausklinken gibt es immer den Rückweg in die Wirklichkeit. Die Wahrheit kann ich verdrängen, die Wirklichkeit nicht. Oder, wenn doch, mit massiven Beschädigungen.

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Man schaut hinaus, man geht in den Park, man läuft am Wasser entlang, und die Welt schaut aus, als hätten die Feiertage die Alpträume vertrieben. Versuchs mit dem Gegenteil: viele reden, wie sich zum Tode Verurteilte aufführen, wenn das letzte Gnadengesuch abgelehnt wurde. Kostenloses Beruhigungsmittel sozusagen…Und dagegen anzugehen, macht mehr Sinn als noch so feinfühlige Kritik der kritischen Kritik, sonst platzt man. Und dann kann man auch nicht mehr den Möglichkeitssinn einschalten und darauf vertrauen, dass man einiges verbessert, wenn man selbst überlebt.

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Das schreibe ich am Ostermontag. Morgen wird hier bei uns wieder gearbeitet, und dort geht es wiederum um den Abgrund. Aber um den herum arbeiten sie auch, als ob sie nicht getroffen werden könnten. Das macht uns vielleicht so viel Mut wie die dort haben. Und brauchen.

Wenn es ab morgen wieder in Lehrveranstaltungen, Einkäufe, Textproduktionen, Hundeausgang, Freizeit, Diskussionen, geht, spielt es eine böse Melodie als basso continuo dazu. Wer den überhört, dem ist nicht zu helfen, und er und sie können nicht helfen. Hört man es aber, so kann es verändern, auch Politik, auch Meinungen, auch Handlungen.

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Die Blogleserinnen und -leser mögen sich fragen, warum sie mein Gemähre lesen sollen; er kann sich doch einfach zurückziehen, wenn ihn das Kommentieren der Kommentare zum Krieg so nervt. Das hieße aber, dass man souverän über das Unbewusste herrschen kann. Geht nicht, sagt die Wirklichkeit. Es gibt keinen Tod, keinen fürs Vaterland, keinen für die Heimat, keinen für die Religion und schon gar nicht, weil der Tod „tröstet und belebt“, wie der seltsame deutsche Dichter sagt. Es wird gemordet, vergewaltigt, gesprengt und dann gestorben. Danach kann man wieder über den Tod reden…aber es nervt schon.

Krieg ist.

Ob wir im Dritten Weltkrieg sind, oder gerade vor seinem Ausbruch stehen, oder ihn dadurch vermeiden, dass wir Russland nicht direkt angreifen – egal. Bis diese Phase des Kriegs vorbei sein wird, werden zig-Tausende Menschen sterben, verwundet werden, ohne Eltern und Kinder bleiben, und die verlorene Ehre aller denkbaren Vaterländer, vor allem Russlands, ist scheißegal, weil es ja Krieg ist.

Mein liebstes wichtigstes Gedicht seit 60 Jahren handelt davon, dass damals der Kalte Krieg dem Zweiten Weltkrieg gefolgt war:

INGEBORG BACHMANN 1953

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

(Ingeborg Bachmann: Werke Bd. I: Gedichte. Piper Verlag. München 1978)

Wenn dieser unerklärte Krieg auch nur in einen brüchigen Waffenstillstand übergeht, ist das noch nicht der „Frieden“ des Kalten Kriegs. Aber es wäre schon einiges besser, oder? Oder gerade nicht. Die Söldner Putins sind noch nicht so weit, dass sie den Stern der Hoffnung tragen (dürfen); und die sich verteidigen, und die sich und ihr Leben und das ihrer Angehörigen verteidigen, sind weder Helden noch schwach.

*

Der Krieg bringt Phantasien hervor, die nur im wirklichen Frieden verblassen bis hin zur Unscheinbarkeit. Zu den wichtigsten dieser Irrlichter gehört die Konsequenz aus der Schuld, so wie wir ja auch nur fiktiv am Richterstuhl sitzen und den schuldig sprechen, der schuldig ist, und mit ihm alle, die zu seiner und ihrer eigenen Schuld beitragen. Dann halluziniert man, was man mit diesem Verbrecher alles würde gern anfangen, lieber heute als morgen. Und kommt er nicht vor Gericht, dann bleibt wohl nur das Eine.

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Oder auch nicht. Die Literatur zum Tyrannenmord ist im Kern erstaunlich schmal. Und wirklich ausführlich wird die Ethik solcher Taten eher im religiösen Zusammenhang erörtert. Darf man das? Und wenn ja, welche Folgen hat das für das (ggf. sehr kurze) restliche Erdenleben der Täter?

Putins Sturz oder Tod: Was dann passieren würde | WEB.DE (die Webseite, die Putin in diesem Kontext nennt, ist sehr lang und sehr kontrovers).

Tyrannenmord – Wikipedia (diese Website ist erstaunlich flicken- und lückenhaft)

Am intensivsten ist die Auseinandersetzung nicht juristisch, sondern wenn es um die religiöse Ethisierung geht, oder eben jenseits der unmittelbaren Handlungsmöglichkeit (kann „ich“ der Attentäter sein?). Aufgeklärt kann man dazu auch Schiller lesen, aber in unserer Kultur führt das alles in die Nazizeit, zum 20. Juli, und zum Widerstand. Der kann richtig oder falsch sein, aber jedenfalls kein MORD, denn dazu fehlen die Qualitäten der Heimtücke und besonderen Grausamkeit.

Der Alltag fragt, sofern anständig, ob nicht die Ausschaltung des Tyrannen an der Spitze der Gefolgschaft besser sei als der letztlich unvermeidliche Sieg über diese Gefolgschaft in einem zermürbenden Krieg. Noch dazu, wenn Zweifel an der Unvermeidlichkeit gegeben sind. (Der Alltag, das ist großer anständiger Teil des Wir, aber auch der ist nie rein und frei von dunklen Flecken unmoralischer oder auch opportunistischer Ethik). Es geht natürlich um die vielen, die den Tyrannen erst hochgebracht haben, um dann von ihm unterworfen und geknechtet zu werden (selbst wenn es ihnen jetzt leid täte, wäre es zu spät). Es geht gegen sie. Das ist Krieg.

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Je mehr die Zeit und die Technik der Geheimdienste fortschreitet, desto weniger Chancen haben die personalen Attentate auf die Führer. Wahrscheinlich bringen sie auch nicht mehr viel außer einer kurzfristigen scheinmoralischen Erleichterung. Dafür inszenieren diese Führer umso ungenierter die Morde an den kleinkalibrigen Gegnern, die es wagen, sich gegen sie aufzulehnen.

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Angesichts der Vielzahl von Kriegen und Kriegsdrohungen und damit verbundener Verschlechterung von großflächigen Lebenssituationen sind Diskussionen über die Größe und Bearbeitbarkeit von Schuld eher müßig. Man muss bei den meisten „Schuld“ sagen, und es nur ohne Anführungszeichen bei denen lassen, deren Schuld das Maß der politischen und juristischen Bewältigung hinter sich gelassen hat.

Beim Attentat auf den Verbrecher sind die geschichtlichen Begründungen jedenfalls nicht im Vordergrund, es geht darum, ihn zu hindern, sein Tun fortzusetzen. (Es sind fast immer Männer, also kein Gendern). Oft wird aber im Narrativ das Motiv der Revanche als Legitimation verkündet.

Und hier denke ich, liegt die Verbindung zur persönlichen, privatisierten Phantasie, die sich vorstellt, man können an den Tyrannen Rache nehmen. Und damit noch etwas Gutes bewirken.

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Jeder Kalte Krieg wird auch durch diese Phantasie beflügelt, es ist die ideologische Streumunition, die z.B. die politischen und ideologischen, auch religiösen, nationalistischen Differenzen etc. zur Legitimation der Attentate einebnet, wohlgemerkt: es geht um die Vorstellung, nicht um eine aktive Beteiligung. Daraus entstehen Diskurse, Theaterstücke, Kontroversen in Familie und Partei. Aber eben auch das Eingeständnis der individuellen Ohnmacht. (die aber ist nicht „alternativlos“, nur hat das schon Folgen für das eigene Bewusstsein):

Bei uns kann man damit nicht nur im linken Spektrum punkten, beim Tyrannen landet man mit denselben Argumenten im Lager oder Grab. Diese Auseinandersetzung findet statt, aber ein wenig abseits von der öffentlichen Wahrnehmung.

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Der „gelungene“ Tyrannenmord bewirkt meist wenig bis nichts. Der versuchte und „missglückte“ schafft Märtyrer, Heilige und eine weitere Resignation. Eine ethische Debatte dazu findet nicht mehr statt, wenn man sich der demokratischen Verfassung und dem aufgeklärten Studium der eigenen Regierungsform versichert. Also: Es gibt keine Vorbilder für das, was die Einbildung fordert und die Wirklichkeit nicht hergibt.

Auch das ist ein Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit.

Währenddessen sterben noch Hunderte, Tausende. Es bedarf nicht der Attentate, um das aufzuhalten. Man kann helfen, wir können das, aber nicht so eingreifen, wie die Phantasie es uns vorspielt. Und trotzdem gilt: „Peter Weiss hat einmal sinngemäß gefordert: Schreiben, als wäre man unter Folter, aber wissen, dass man es nicht ist. Das ist gegen die Folter gerichtet und nicht zur Sanierung der Psyche des Schreibenden“ (Blog Februar 2020). Schreiben, reden, denken, als wäre man im Krieg. Wir sind nicht IM Krieg, vielleicht VOR dem Krieg, aber Krieg IST. Er wird nur nicht mehr erklärt.

Verantwortung? – Is nich. Haftung – Kenn wa nich. Scham – passt nich zur CDU

Am falschen Tag, im falschen Kontext, mit absurden Argumenten: wenn sich die so genannte „Christlich-Demokratishe/Soziale“ Union darstellt, dann muss man Verachtung mobilisieren, um sich nicht distanzieren zu müssen.

Merkel verteidigen zu wollen, das geht natürlich. Aber wofür/wogegen? Dass sie sich zunehmend von Putin abgewandt hat – das geht in Ordnung. Aber das ist doch personalisierte Politik. Auch Herr Stalin war nicht allein. Schaut auf die Russenfreunde der CDU, SPD, FDP, ….Russlandfreunde, nicht Putinfreunde. Das ging lange so: Annäherung durch Wegschauen. Das hilft nicht nur der Wirtschaft. Das hilft auch dem eigenen Profil.

Ich will den Vergleich: Deutsche, in beachtlicher Zahl, nicht Herr Hitler (allein). Hitler brauchte seine Gefolgschaft in weit geringerem Maß zurichten, als das in Russland geschah und bis heute geschieht. Jetzt macht Czaja den Verbrecher Putin und seine Bande für alles verantwortlich, aber wer stützt denn diese Verbrecher? Nur der Uhrendieb Kyrill, nur die Geheimdienste? NUR…Wenn erst einmal die Herrschaft eingerichtet ist, dann wird die Gefolgschaft erzwungen und man kann nicht mehr genau unterscheiden, warum wer den Despoten folgt, d.h. gehorcht. Angst und Neigung sind zwei Fahrbahnen. Aber sie haben oft eine Schnittfläche.

*

Mich kümmert viel mehr, wie man die Opposition, die noch im Land ist und die, die hier ist, unterstützen kann. Nicht bloß ermutigen durch warme Worte. Es kümmert mich, aber ich kann mein Handeln nicht ent-schränken und ver-öffentlichen, weil ich nicht handle außer hier, im Land, soziale Unterstützung der Geflüchteten zu leisten, die kommen meist aus der Ukraine, nicht aus Russland…

Eine andere Lesart, Timothy Snyder, passt mir besser: https://snyder.substack.com/p/russias-genocide-handbook…

Das heißt aber auch, dass der Genozid lange nachdem wir, als Staat oder Staaten, zu handeln beginnen, noch weitergeht.

Antideutsch Hamsterdam

1.

Vorspiel. Vor dem Supermarkt sitzen zwei Männer und trinken Schnaps. Ab und an löst sich einer vom Steinsockel und bettelt Markteintretende an „Wir wollen grillen, haben Sie ein paar Euro für mich“. Vielen flößt er Angst ein und sie zahlen. Mit mir will er Streit anfangen, weil ich nicht zahle. Ich eile in den Supermarkt.

2.

Da gehe ich hauptsächlich für Produkte hin, die ich bei den kleinen Geschäften, Bioständen, oder beim „Türken“, der ein „Grieche“ ist, nicht bekomme. Gesamtwert unterb 50 € pro Woche. Aber es ist ein großer Markt.

Bis ich zur Kasse strebe, nach 15 Minuten. Nein. Die Schlange ist je Kasse ca. 25 Menschen lang. Das macht nichts, aber was in den Wagen ist. Die Hungersnot steht bevor. Größere Gebinde von Öl, Mehl, Zucker, haltbarer Milch und etliches mehr, als würden zwei lange Wochenenden zusammengekettet. War es zu Beginn der Pandemie Klopapier und Reis, sind es jetzt andere Vorsorgeartikel, ach ja, Butter ist auch dabei.

Ich erfinde das nicht. Der bereits von den Preissteigerungen profitiert habende Besitzer gibt alle paar Minuten durch: keine Versorgungsengpässe zu befürchten, kaufen Sie nur für den eigenen kurzfristigen Bedarf ein. Strenge, deutsche Gesichter setzen maskenhafte Ernsthaftigkeit auf und streben der Kasse zu.

Sie haben alle Bäckchen wie Hamster, wahrscheinlich, weil sie da Münzen horten, die sonst der Aggressor ihnen aus der Tasche nimmt….

3.

Wer die letzten Tage Innenpolitik verfolgt hat, so zur Ablenkung, dem barmt es um unser System. Die Flächen- und Insektenvernichter der Agrarindustrie, die ungehemmten Autoschnellfahrer, die Atomkraftlobby, … sie alle und mehr blasen zum Marsch gegen die Klimapolitik: nur weil sie selber nicht mehr erleben, wie ihre Enkel ersticken, „retten“ sie jetzt die deutsche Wirtschaft, damit diese anderen etwas Gutes antun kann. Ich weiß so gut wie ihr, dass das alles kompliziert ist, aber die neoliberale Vereinfachung macht das nicht besser. Und dann schaltet man um und sieht im Bundestag die Coronatrottelei. Aber Kubickis Redeausschnitt im Fernsehen müsst ihr schon sehen, es käme darauf an, dass jeder verantwortlich entscheide, wie er sich selber schützt. Dass man andere Menschen auch schützen könnte…Naja, Lichtblick. Heute, im Zug sowieso, aber auch im Café und beim Einkaufen, alle tragen Masken und verhalten sich trotz der vier Abstimmungen gegen die Demokratie anständig.

Es gibt nicht nur Dunkeldeutschland. Aber schattenreich ist der Horizont.

Vergessen? Afghanistan!

„Prioritäten abarbeiten“ ist so eine Phrase wie „alternativlos“. Beides gibt es so nicht. Innerhalb von Gleichzeitigkeit gibt es natürlich alle denkbaren und sinnvollen, leider auch unsinnigen, Vorrangsaktionen; aber auch dann muss und kann man zeitgleich an verschiedenen Themen und Problemen arbeiten, man kann sie in Grenzen sogar zeitgleich denken.

Die Deutsche Beteiligung am afghanischen Desaster wird im Augenblick vom Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht nur überschattet, sondern von Politik, Medien und oft auch von Fachleuten schlicht abgedrängt. Ins Ungenaue, Vergangene, Unterbewusste.

Allein im Hochschul- und Schulbereich wird eine ganze Gesellschaft zerlegt und in die Vergangenheit zurückgedrängt. Ja, es gibt Widerstand und Ausweichpolitik. Aber sie teilweise halbherzig, oft unkoordiniert und ganz sicher nicht im Prioritätenkatalog der deutschen Politik – sowohl was die Haltung gegenüber Afghanistan betrifft (das Land verhungert) als auch der Umgang mit Geflüchtete.

Einige wenige von uns, die das Land und die Probleme kennen, arbeiten an diesen Problemen weiter. Dazu einige Informationen:

I have given an interview for Boell:  Higher education in Taliban’s Afghanistan | Heinrich Böll Stiftung

Higher education in Taliban’s Afghanistan | Heinrich Böll Stiftung The unexpected ban of secondary school education of girls on 23 March 2022 by the Taliban authority was condemned…

And there is a very instructive contribution by Thomas Ruttig on former Afghan officials: 

Folterverantwortlicher spricht in Berlin: Zweierlei Maß

Folterverantwortlicher spricht in Berlin: Zweierlei Maß Thomas Ruttig: Afghanistans Ex-Geheimdienstchef Nabil war einst für Folter verantwortlich. Trotzdem ist er in Berlin als Experte…

Mit Böll und YAAR arbeitet auch ein neues Zentrum in Afghanistan und Deutschland zusammen: Factsheet of Science and Development Support Centre (SDSC): Wen das interessiert, der kann direkt Kontakt aufnehmen: Dr. Wahab Rahmani, dr.wahabrahmani@gmail.com ; oder mich anschreiben.

Wir haben noch eine Menge Haftung und Verantwortung abzutragen, bevor wir uns überlegen, wo sonst wir noch mit-verantwortlich, -schuldig, -beteiligt oder ungerührt sind.

Jüdischer Einspruch: Missbrauch auf mehreren Ebenen

Israels Regierung verliert überraschend Mehrheit

In Israel ist eine Abgeordnete der Regierungspartei Jamina überraschend zurückgetreten. Die Koalitionsvorsitzende Idit Silman habe das schriftlich Ministerpräsidenten Naftali Bennett mitgeteilt, bestätigte eine Sprecherin Silmans heute. Damit verliert Bennetts Bündnis seine hauchdünne Mehrheit im Parlament.

Die neue Regierung unter Bennett war Mitte Juni vergangenen Jahres vereidigt worden. Damit hatte die politische Dauerkrise in Israel mit vier Wahlen binnen zwei Jahren ihr vorläufiges Ende gefunden. Die Koalition wurde von insgesamt acht Parteien vom rechten bis zum linken Spektrum getragen – darunter ist erstmals eine arabische Partei.

Silman legte ihr Amt den Berichten zufolge wegen eines Streits über religiöse Angelegenheiten nieder. Es ging darum, ob während des jüdischen Pessach-Fests Gesäuertes (Chamez) in Krankenhäuser gebracht werden darf oder nicht. Oppositionsführer Benjamin Netanjahu sprach von einer „mutigen Entscheidung“ Silmans.“ (red., ORF, 6.4.2022) Das wird in den Nachrichten des DLF bestätigt.

Na, und? Die scheinbar religiöse Ausrede ist offenbar eine Lüge, weil Abweichungen von normiertem Verhalten durchaus ebenso religiös geregelt werden können. Hier wird eine politische Krise provoziert, die den unfähigen und unglaubwürdigen Netanjahu wieder an die Macht bringen sollen…oder Neuwahlen anstreben. Was für die israelische Gesellschaft zu dieser Zeit mehr als nur beschädigen wird.

*

Der Einzelfall lohnt zu jüdischen Überlegungen, denn gerade das Jüdische setzt sich – als stets unfertige Gemeinschaft, die auf Intention und nicht auf Offenbarung beruht – für die gebotene Menschlichkeit und gerade nicht für bewusstlose Befolgung von Regeln ein (was von den Ultra-Orthodoxen und anderen Sektierern bestritten wird, aber seit den Anfängen der Thora und im Talmud gut bestritten werden kann).

Zu diesen Überlegungen gehört, dass sich viele v.a. jüngere Israelis nach Deutschland abgesetzt haben, um dieser Sektiererei zu entgehen; dass viele Kontingent-Immigranten jüdischer Religion aus Russland und der Ukraine sich mit dieser Religion eher als sozialem Korsett denn als Glaubensangelegenheit befassen, so wie früher wie mit einer Partei; dass wir zu Israel endlich noch mehr als bisher eine lebendige jüdische Wechselbeziehung brauchen, die sich in ihren Argumenten nicht vorrangig auf die Shoah bezieht. Vorrangig, nicht nicht.

Wenn es hier um Kritik geht, dann um Religionskritik und nicht an Kritik an und im Judentum. Sich auf Religion beziehen, um Politik zumachen ist falsch. In diesem Fall ist es falsch von Frau Silman. Im Fall des Russenkriegs gegen die Ukraine ist es falsch, wenn der Uhrenanbeter Kyrill dem Kriegsherrn Putin huldigt. Jeder hat viele Beispiele zur Hand. Missbrauch der Religion schadet nicht nur den Gläubigen, sondern auch den demokratischen Staaten, die den Religionen zu viele Freiheiten und Privilegien einräumen. In den nicht-demokratischen Staaten ist die Religion ohnedies eine Waffe der Gewalttäter. Aber Achtung: In beiden Systemtypen kommt auch die demokratische Opposition aus den Religionen, nicht planbar von den Realpolitikern und Strategen.

Es regent…ebent

Sagen die Kinder. In diesen düsteren Tagen, mit Krieg, verantwortungsloser Covidhampelei und wohlständiger Selbstverteidigung, gerät der Alltag aus dem Blick. Alltag…das ist die rasante Vernachlässigung der Klimakatastrophe, die die Enkelinnen und Enkel der Kriegstreiber und der Kriegsopfer gleichermaßen noch früher ersticken lassen werden als das ohnedies zu befürchten ist.

Das ist Grund zur Sorge, zur Opposition in der Politik, zu Selbstbewusstsein und Selbstdisziplin. Aber keinen Grund sich triste der selbst auferlegten Depression hinzugeben und seine Untätigkeit zu rechtfertigen. Das gute Leben im Schlechten gibt es nicht nur in der Philosophie.

Heute regnet es.

Rappelle-toi Barbara
Il pleuvait sans cesse sur Brest ce jour-là
Et tu marchais souriante –> sagen wir, sie lächelt im Regen
Epanouie ravie ruisselante –> sagen wir: es fühlt sich gut an
Sous la pluie….

(Jacques Prévert)

Das Gedicht hat mich lange begleitet, und man stellt sich eingangs triefende Freude vor. Aber natürlich ging es darum nicht, sondern um den Regen der Geschoße, der die Freude der Liebenden zerstört. Lest das Ganze (https://www.bing.com/search?q=jacques+pr%c3%a9vert+barbara+po%c3%a8me& FORM=QSRE3). Daran dachte ich auch – auch – als es endlich, nach einem Monat der Trockenheit, in Potsdam zu regnen begann. Eine Stunde später war ich mit dem Hund im Park. Sonst mag sie den Regen nicht, heute war er willkommen und erfrischend, er prasselte nicht, sondern fiel auf die gerade erblühten Blumen und Sträucher, wenn er noch anhält, rettet er vielleicht die Bäume, die schon arg angegriffen sind vom Wassermangel. Wie ein Regenvorhang schob sich das Wetter vor die Wirklichkeit, die einen nicht auslässt, die einen immer wieder zurückkommen lässt. Es ist egal, ob es in Butscha geregnet hat oder regnet, oder welches Licht die Ermordeten zeigt (https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Butscha). Aber hier regnet es, und für einen Augenblich wölbt sich die Frage nach dem Fortbestand unserer Zivilisation, unseres Weiterlebens, unserer Zeit im Frieden über dem tagesaktuellen Grauen. Genaugenommen die Zeit im Frieden, nach dem „Frieden“, wie in Slavoj Zizek (siehe meinen letzten Blog) denunziert als das Stillhalten im Voranschreiten des längst begonnen Kriegs. Der Regen als befreite die Gedanken und Sinne für eine gute Stunde, nass werden kann auch ganz andere Assoziationen hervorrufen, friedliche. Wenn es aufhört zu regnen und man ist noch durchnässt, und die Sonne lässt das Wasser von den durchweichten Jacken und Hosen abdampfen. Der Schritt von klamm zu befreit, beim Bergsteigen ganz schön, außer man war so nass, dass auch die Sonne nichts mehr bewirkte, und man tagelang feucht und blasenfreudig gelitten hat (als Kind konnte ich noch nicht mal fluchen). Daran denke ich und ans Klima, da höre ich, dass im Süden schon wieder Hochwasser durch zu viel Regen droht….

Was hat das mit dem Krieg zu tun, 2 Stunden von Deutschland entfernt, wie Botschafter Melnik sagt. An sich hat es gar keinen Bezug, wenn wir nur ans Jetzt, an heute, denken. Aber so wie bei entfernteren Kriegen, die auch mit uns zu tun haben, bleibt die Frage, wie das gleichzeitig auszuhalten ist: die tödliche Wirklichkeit um uns und einen Augenblick des guten Lebens. Man kann das nicht wie einen Schalter 0/1 einmal so, einmal anders leben, erst die Arbeit, dann das Spiel, erst die Pflicht des solidarischen Denkens, dann die Freizeit der eignen Wünsche. Der wirkliche Schrecken liegt in der Gleichzeitigkeit. Der Regen stützt mich, sozusagen. In Butscha wäre das anders, aber da bin ich nicht, sind wir nicht. Dort gibt es andere Gleichzeitigkeiten, wie die täglichen Bilder und Nachrichten zeigen, aber auch dort gibt es sie. Es hat sie immer gegeben, und überall. Diese Differenz, zwischen der soft cloud, in der wir geschützt die Welt kommentieren, und dem Überleben und Sterben von Menschen, bestimmt uns heute. Wird der Schalter umgelegt, kommen keine Frühlingsgefühle auf.

Aber wir sollen, wir müssen uns vorstellen, was dort geschieht, um unsere gleichzeitige Lebensspaltung hier zu ertragen und nicht vor uns selbst lächerlich oder sinnlos zu machen. Das schließt Politik, Kritik an und in ihr, Kultur, Abgrenzung und Integration mit ein. Sonst machen wir uns, wie manche Wirtschafts- und Konsumapostel, klein oder mitschuldig an dem, was dort geschieht. Es geht um mehr als Meinungen.

Es hat geregnet. Hier ist das gut. Es blüht unter dem grauen Himmel. Man darf, ich darf, hoffen – aber das ist Zukunft.

Wir woll’n es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid
Dann wissen sie Bescheid

(Letzte Strophe von Wolf Biermann „Ermutigung“, 1968. Und dazu sollt ihr nicht nur das ganze Gedicht lesen, sondern die vielen, bis heute entsetzlichen Kommentare im Netz, die nicht nur die Diktatur preisen, sondern sich in die Diktatur einer Vergangenheit flüchten, in der sie jetzt auch nicht mehr leben können – es sei denn, sie flüchten zu Putin).

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Wieder die Nachrichten. Wieder die Bilder. Recht haben die Überlebenden, sagt Jean Améry, und gerade jetzt ist das wichtig: nicht alle Lebenden sind Überlebende, manche behindern das Überleben. Für die Dürre und das Hochwasser tragen wir Verantwortung, für das Überleben von anderen auch und noch viel mehr. Gleichzeitig.

Abschiede

Wer sich ein Leben lang politisch interessiert, vielleicht auch aktiv gezeigt hat, nimmt in Kauf, lange Zeit oder auch spontan falsche Konzepte verfolgt und falschen Bezugspersonen gefolgt zu haben. Nichts Besonderes, vor allem, wenn es sich um beobachtende, wertende Menschen aus der dritten Reihe handelt.

Dass man hinterher klüger ist, gehört zu den blöden oder scheinheiligen Sprüchen nicht nur der ersten Reihe, sondern der Stammtische, die Meinung mit Politik verwechseln.

In diesen Tagen des Kriegs in der Ukraine und der drohenden wirtschaftlichen und sozialen Abstiege hört man diesen Spruch ebenso häufig wie die Floskel vom Wechsel, vom Umdenken und Umstieg in eine neue Politik.

Wenn das beim Volk ankommt, dann kann man mit winzigen Korrekturen so tun, als hätte man die Situation begriffen, in der wir sind und in der andere leben müssen. Wir, da fängts schon an, prekär zu werden: wir die Deutschen, wir die Europäer, wir der Westen, wir die Wohlständigen, wir Ältere mit Sorgen um unsere Enkelinnen, wir Hilfsbereiten, die auch an andere denken und mit ihnen fühlen.

Wenn man hinterher klüger ist, dann könnte man erklären, warum man JETZT den Menschen aus der Ukraine (noch) uneingeschränkt und besten Gewissens hilft, und warum das bei den afghanischen und syrischen Flüchtlingen nicht so war und bei anderen gar nicht. Bei uns, in Europa, in anderen Teilen des Westens. Es kann sein, dass wir Fehler nicht nur bereuen, sondern korrigieren. Dazu gehört aber eine Aufklärung über das HINTERHER.

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Das ist keine Lebensberatung, wie sie manche PolitikerInnen versuchen, indem sie die Ära Merkel, manchmal auch die Ära Schröder-Merkel in Zusammenhang mit dem Krieg der Putinrussen gegen die Menschen in der Ukraine in Verbindung bringen und jetzt die falsche deutsche Politik seit 1989, vor allem seit der Eroberung der Krim, in den Fokus nehmen. (Manches erinnert sich an die katholische Beichte, man spricht die Sünde aus, bereut sie, bekommt eine Buße – kein Gas, teures Benzin, Getreideknappheit). Dass und wie wir (fast alle, das FAST wird hier immer wichtiger) diese Jahre von der deutschen Russlandpolitik, von der deutschen Chinapolitik profitiert haben, wird dabei nicht in den Vordergrund gerückt; ebenso wenig der Hinweis auf diejenigen, die davon nicht profitiert haben, und teilweise jetzt erst recht leiden. Das Leiden der Ukrainer wird anerkannt, die Leiden anderer, an deren Unglück wir (als Nation) direkt oder indirekt beteiligt waren, erfahren weniger Anerkennung. Es hat fast etwas mit religiöser, geographischer, ethnokultureller Sym- und Antipathie zu tun, machen wir uns nichts vor.

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Es ist eine Zeit der Abschiede. Wenn PolitikerInnen aus dem Amt scheiden, ist da selten ein personaler Abschied für uns BürgerInnen – das war bei Willi Brandt so, aber sonst… – es handelt sich um den Abschied von einer Ära, wenn‘s wichtig ist, sonst geht’s ab in die Mülltonne der Geschichte. Bei Merkel ist es besonders interessant, weil ihr Amtsende in die Zeit des neuen großen Kriegs fällt.

Ich habe mich in meinen Publikationen, Blogs etc. in den letzten Wochen aus verwandten, aber unterschiedlichen Gründen der Kommentare zu Corona und zum Krieg Russlands gegen die Ukraine enthalten. Zu diesem Krieg muss ich heute schreiben, weil er uns vielleicht bald mit mehr Schrecken überziehen wird als die Bilder aus Mariupol es ansagen; weil das Wir – wir Deutschen, wir Europäer – auf einmal konkret betroffen ist, und nicht nur zu politisch ko0rrekten oder eben unkorrekten Meinungsäußerungen gedrängt wird.

Ich schreibe also über zwei Abschiede: den Abschied von der Ära Merkel. Und den Abschied vom Kriegszustand in Friedenszeiten, wie Slavoy Zizek schreibt, einer meiner beiden Referenzen in diesem Blog. (Zizek 2022). Zizek ist eine bei mir häufig umstrittene, aber immer anregende Referenz, die in die transdisziplinäre Region freien Denkens gehört. Die andere Referenz ist eine Rezension von Fintan O’Toole einer ganz neuen amerikanischen Merkel-Biographie von Katie Marton. (O’Toole 2022). Die NYRB gehört zu einem Bildungskanon, der meine tägliche „politische“ Aktualisierung in jedem Bereich komplementiert.

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O’Toole und Marton beschreiben sehr genau die Parallelität von Putins und Merkels Sozialisation, aber mit sehr unterschiedlichen Ausgängen hin zur politischen Macht. Hier zum Missbrauch, dort zum demokratischen Aufbruch. Beide werden undiskutierte Anführer/in jeweils ihrer Sphären, er in Russland, sie in Europa (eben mehr als nur Deutschland), unter unterschiedlichen Prämissen allerdings. Hier kann man das Verhältnis relativer Lokalität zur Globalität (siehe meinen gestrigen Blog) genau studieren. Ob Merkel wirklich die „Letzte ihrer Art“ (O’Toole) war, bleibt offen, Sie war jedenfalls herausragend jenseits ihrer realpolitischen Verdienste und Fehler. Das Putin nicht der letzte Diktator ist, gehört zu den Abschieden einer weitverbreiteten Vorstellung, einschließlich der falschen Scheu, ihn mit Hitler und Mao und Stalin zu vergleichen, und nicht mit irgendwelchen kleinen Autokraten.

War der Wandel durch Annäherung prinzipiell falsch, also seit Willi Brandt, oder wurde er unangemessen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs? Teilweise geben die beiden Essays Antworten.

Zizek macht eine tiefschürfende Analyse, einen gewagten Dreischritt: 1. Ein neuer Krieg würde das Ende der Zivilisation bedeuten, „wie wir sie kennen“ – wobei er schon als Dritter Weltkrieg mit lokal beschränkten Kriegen begonnen hat (dem stimme ich zu). 2. „Wir müssen einen neuen großen Krieg verhindern, aber der einzige Weg dazu ist die totale Mobilisierung gegen den heutigen „Frieden“. Kriegszustand in Friedenszeiten. Vielleicht ist dies der Begriff, den wir für unsere heutige Lage verwenden sollten“. Zizeks Friedenskritik kann ich teilweise zustimmen, seiner Schlussfolgerung anderswie auch. Ob es bis dahin geht, dass wir uns überlegen müssen, ob und wieweit wir so für die Ukraine sterben wollen, wie die Ukraine ihrer Zugehörigkeit zu Europa, ist ein Schwergewicht. (Nebengleis: dass die Rechten sich da plötzlich flüchtlingsfreundlich draufsetzen, kann man nicht groß ändern. Bleiben wir im Hauptstrang). 3. Jetzt kommt der Hammer. Huntingtons Kampf der Kulturen „IST die Politik am „Ende der Geschichte““, womit er ihn mit Fukuyama zusammenbringt. Und deutlich macht, dass die liberale kapitalistische globale Gesellschaftsordnung dazu führt, dass „ethnische und religiöse Spannungen die einzig legitime Quelle von Konflikten“ wird (wenn ich das verstehe, stimme ich dem sehr zu, bis auf Zweifel am Wort „legitim“). Aber ich meine zu wissen, worauf es hinausläuft: dass man bei diesem globalen Kapitalismus nicht stehen bleiben kann. Und will man nicht überfallen werden, muss man sich wehren.

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Zizek unterstützt den Protest der Russen gegen die Politik ihrer Anführer, dieser Widerstand sei „Patriotismus“, richtig. Und hier drehe ich mich wieder nach uns um.

Dass und solange wir den Ukrainer auf allen – auf allen – Ebenen helfen, sind die Motive zwar nicht egal, aber auch nicht im Vordergrund. Was machen wir, wenn es zu einem heißen Frieden kommt, zu einem lokalen Kalten Krieg?

Spontane Antworten dazu sind schlecht, auch meine wären es. Wie denkt man darüber nach? Zunächst: zu einem gewissen Grad kann man personalisieren. Das Trio Schröder-Merkel-Scholz hat Deutschland über mehr als ein Jahrzehnt bewusst und reflektiert in russische Abhängigkeit gebracht (Energie): die Annäherung war eine ohne großen Wandel, aber mit einer Abspaltung der Ökonomie von der Politik (dazu darf man Hegel und Karl Marx, oder Zizek lesen). Den Abschied von Merkel muss man nicht als Fanal der Kritik inszenieren, weil die meisten von uns von der Politik der Großen Koalition profitiert haben. Die Selbstkritik am Profit muss aber genau hinschauen, wo Merkel NICHT Putin gefolgt ist, in der Politik sicher stärker als in der Wirtschaft. (Übrigens wäre ein ähnliches Muster gegenüber China angebracht).

Und jetzt? Es wird kälter, langsamer im Verkehr und weniger in der Warenzirkulation. Ja, und? Die Sozialpolitik ist gefragt, um denen zu helfen, die wirklich frieren und hungern werden. Aber nicht denen, die seit Jahren wissen, dass sie mehr Leisten müssen, um den Klimawandel abzuwenden, sonst können sie sich selber gleich Kriegerdenkmäler für ihre Nachkommen ausdenken.

O’Toole, F. (2022). „The Last of Her Kind.“ NYRB LXIX(6): 4-8.

Zizek, S. (2022). „Heißer Frieden.“ SPIEGEL(13): 46-49.