A:E:I:O:U zum Zweiten

Vor längerer Zeit hatte ich einen Blog AEIOU, Austria erit in orbe ultimo, und einige Sottisen. Heute fällt mir dazu nur der Kalauer ein „allen Ernstes ist Österreich unerträglich“, was auch blödsinnig ist.

Als Doppelstaatsbürger hab ichs leicht: sind die Österreicher blöder, dann freu ich mich, Deutscher zu sein, sinds die Deutschen, dann umgekehrt: ich bin ja Österreicher, gar Wiener. Man kann ganze Heimatdiskurse mit so einer Doppelmühle zerstören.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Bis auf gewisse sprachliche Nähe (85% des relevanten Vokabulars, aber 15% der wichtigen Dinge: Essen, Sex, Flüche sind eben doch verschieden) sind die beiden Ethnien (abgesehen davon, dass Österreich keine Ethnie ist wie die Deutschen, und der Migrationsanteil bei beiden zwar groß, aber unterschiedlich integrierbar ist) – von Völkern kann man ja bei beiden nicht so unbefangen reden – doch recht unterschiedlich. Eine Analogie z.B. zwischen den Monstren Seehofer, Maas, Scheuer….und den Monstren Kurz, Nehammer, Blümel…ist gar nicht so leicht herzustellen, weil die Monstrositäten durchaus schwer zu vergleichen sind. Das liegt an der objektiven relativen Bedeutungslosigkeit Österreichs in der globalen Politik, verglichen mit der selbstverschuldeten Bedeutungslosigkeit der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt. Das liegt auch daran, dass unsere Kulturen, unsere Sozialsysteme, unsere Landschaften, nicht zuletzt die Medien, schwer zu vergleichen sind…darüber wird ja jetzt jeden Tag berichtet. Übrigens ist die Süddeutsche das Brückenmedium zu Österreich, wen es wirklich interessiert.

In den letzten Tagen sticht Kurz mit seinen Finten die Hampelei der CDU und das Sondierungstheater aus. Niemand erwartet, dass Schallenberg die politische Richtung seiner Partei und eines Teils der Regierung auch nur einen Millimeter weit liberaler oder humanitärer macht. Aber er überschreitet auch die Grenze sowohl des Strafrechts als auch des Parteienpragmatismus nicht, da können die Grünen nur hoffen. Trotzdem geschieht in Wien, was Europa mindestens so schadet wie die deutsche Führungslosigkeit und der klerikofaschistische Angriff auf Europa durch PIS und der faschistische durch Orban und Bulgariens Weigerung gegen eine EU Erweiterung … Warum? So unwichtig ist Österreich nicht, wegen seines Reichtums, wegen seiner Lage zwischen den Blöcken. Machen wir uns nichts vor, die Blöcke gibt’s ja, und was der ehemalige kommunistische Block war, hat bis heute ein ganz anderes Europa im Sinn als der ehemalige Westen und der Süden. (Nur wird das in edler Sprache und sensibel abgehandelt, nicht so ranzig, wie ichs grad mache…es regt mich ja doch auf).

Österreich ist anders, aber anders als wer oder was? (Ich erspare euch meine nur scheinbar überhebliche Bemerkung, was Kultur, Sozialpolitik und die Bundesbahnen betrifft…). Österreich hat eine ganz andere Erinnerungskultur, meist eine Unkultur, und eine viel stärkere Trennung von Politik und subjektiven Selbstverortungen – das hat geholfen, manchmal gegen die Nazis von der FPÖ, manchmal gegen Übergriffe der Rechte, oft aber auch nicht geholfen, wenn alle hereingeholt (Kreisky/Peters, Waldheim, Kurz/Strache etc.) wurden, in ein Boot, das statt auf einem Weltmeer auf einer Bühne gerudert wird).

Was es gegen und zu Kurz zu sagen gibt, hat Heribert Prantl von der SZ Zusammengefasst. https://www.sueddeutsche.de/meinung/prantls-blick-kurz-oesterreich-1.5435597?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE (10.10.21). Ich sag dazu nichts, auch nichts aus der tiefgestaffelten Personalverklumpung aller drei großen Parteien. Lass mal die Grünen und die NEOs draussen…

Mir geht es um ganz was anderes: mein Mühlespiel – einmal sind die Deutschen korrupter, unfähiger etc., dann wieder die Österreicher, ist ja nur oberflächlich. In diesen Tagen bewegt mich der unendliche Stillstand in einer scheinbaren Krise, die keine ist, und für die Lampedusas Satz gilt, dass man die Dinge ändern müsse, damit sie die gleichen bleiben. Noch nicht einmal der Austausch von Personen bedeutet innerhalb eines „Systems“ etwas Grundlegendes, wie der neue Kanzler bei seiner Angelobung schon verkündete…

Mir geht es an die Nieren, mein Herkunftsland, das ja so wenig Heimat sein kann wie Deutschland, so beschreiben zu müssen, dass es in deutschen Ohren oft wie Verteidigung klingt, wenn fast das Gegenteil gemeint ist – dann müsste ich die deutsche Vergleichsvariante hervorholen, die Duldung von Mafia und Finanzkriminalität, die Mitschuld am Kriegsgeschehen in Afghanistan und die Opferung tausender Ortskräfte, die schräge Rolle im EU Einigungsprozess z.B. gegen Macron, usw. Das aber wäre Aufrechnen unter Vergleichbaren, und dann steht Deutschland schlechter da, weil mächtiger, und mein Österreich wäre eine wohlhabende Bananenrepublik. Ist es aber nicht, es ist die Herrschaft einer gesellschaftlichen Zerklüftung, die bis auf die Gründung der kaum überlebensfähigen Republik 1918 zurückgeht.

Mein Leitwerk war seit mehr als 5 Jahrzehnten Karl Kraus‘ „Letzte Tage der Menschheit“ (1926), aus dem ich bis heute Analogien und fortdauernde Verhaltensweisen ableiten kann…und jetzt einmal nicht zitiere. Was er an der österreichischen Gesellschaft beschreibt, ist das Gegenteil des Strebens nach Eindeutigkeit – kulturell, sozial, religiös, diskursiv. Man hat das Gefühl, es gäbe keine „Politik“ in Österreich. Das stimmt real natürlich nicht, hat auch nie so gestimmt, aber es wird bis heute oft so empfunden, weil das Politische zerlegt wird in die Mosaiksteine der Gruppen, die eben nicht sich an einer Ethnie, einer Ideologie ausrichten. Bis auf die jeweils echten Faschisten haben fast alle politischen Personen ihre schizophrenen Mehrfach-Zugehörigkeiten, die natürlich von der Kritik erkannt werden, oft ausgeschlachtet, oft aber hingenommen. Die Kritik ist übrigens seltsam intakt, in vielen Medien, in Kunst und Literatur (ich empfinde sie schärfer und tiefergehend als in Deutschland, aber oft ohne unmittelbare Wirkung – jetzt sind wir in der Gegenwart). Was da an Kurz kritisiert wird, ist arg, aber natürlich keine Staatskrise. Die gibt es schon längst woanders, etwa in der österreichischen Führungsrolle der EU-Feinde in Visegrad-Gruppe und in der Flüchtlingspolitik. Nein, die Kritik arbeitet sich oft auch ab an der nichtkritisierbaren Vielfalt des Objekts, in der Betäubungspolitik gegenüber den vielen, mittlerweile hingenommenen Vergangenheiten. Vieles an dieser Vielfalt war und ist ja vielleicht besser als anderswo, von der Wiener Wohnbaupolitik bis hin zu Vermittlerrollen in internationalen Konflikten und mehr Freiheit für die Kunst als in den meisten europäischen Ländern. Aber es bleibt beim Pluralismus der Mosaiksteinchen des zerbrochenen Spiegels.

Die Grünen sind in der Tat ein Keil in diesem Gewölle. Sie haben sich sozusagen Reforminseln erarbeitet, da geht es voran, aber es sind Inseln. (Dass sie das können, liegt an der Parteienautonomie eines Regierungssystems, wo die einen dies, die andern etwas anderes tun können, ja „dürfen“, solange sie sich gegenseitig nicht dreinreden…). Über den Unterschied wird in den Vergleichen kaum geredet.

Was mich jetzt umtreibt, ist auch ein Frust, dass ich mich nicht „richtig“ dem äußern kann, was ich wie in einer Kristallkugel sehr genau sehe und meine zu verstehen. Mich bewegt, als ein Beispiel, die nicht aufgearbeitete Folge zweier antagonistischer Faschismen (1933-1938, 1938-1945), die hingenommenen und wirksamen Reformen gegen die Folgen, und das ganz und gar nach Innen gerichtete Symptom der Selbstbeschäftigung. Meine These kennt ihr, dass Österreich ja seine Kolonien nie Übersee, sondern an den Bahnlinien hatte und deshalb sich ein Überschuss an Überbau in die Literatur, die Psychoanalyse, die Kunst hat eindrängen lassen – DA ist wirklich ein Unterschied – und eine „andere“ Form mitteleuropäischer Verarbeitung, d.i. Gegenwartsbewältigung, hervorgebracht hat. Zum Beispiel einmal den großartigen Bruno Kreisky, zum Beispiel Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, zum Beispiel einen Bundespräsidenten van der Bellen, der deshalb zum Land passt, weil er überhaupt nicht in diesem beschriebenen Gewölle von Uneindeutigkeiten verfangen ist, und deshalb einen weiteren, diesmal guten Splitter darstellt (wir hatten auch einen antisemitischen sozialistischen Bundespräsidenten (https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Renner) , der natürlich auch noch denkmalig erinnert wird.

Wenn ich in mein wirklich geliebtes Wien komme, bin ich immer „freier“ als anderswo, aber ich kann nicht genau beschreiben, was diese Insel, neben anderen im Land – siehe oben – so am Leben erhält, dass ich mir von Herzen ein Ende der Ära Kurz mit allen Anhängseln wünsche, nicht ahnend, was dann kommt. Vielleicht kanns ich erlesen und erschauen und erhören…

Ernst Jandl „Wir wurschteln, wir wurschteln immer weida…“ (Requiem).

Erinnerung ist nicht Gedächtnis

Aber sie hängt davon ab, wer sich woran wie erinnert. Das Gedächtnis ist kein Begräbnisort der Vergangenheit, den man aufsucht wie ein Museum oder eine Gedenkstätte.

So komplex die bio-psycho-physiologische Erklärung von Gedächtnis ist, Erinnern und Vergessen werden dauernd gebraucht und aufgerufen. Das Jahrwort ist ja nicht Sondierung, sondern Erinnerungskultur. Jetzt gerade ist Babin Yar an der Reihe, zu Recht, und das Gastarbeiterabkommen mit der Türkei, und die dauernd aufgerufene Erinnerung an die Shoah, die ein Anrennen gegen die Mauer des Vergessens ist. Niemand erinnert sich an die Shoah. Das heißt, fast niemand: der hundertjährige Lageraufseher von Sachsenhausen vor Gericht erinnert sich vielleicht, er sagt nichts, aber er erinnert uns, mich, an das Versagen der deutschen Justiz, fast 80 Jahre nichts gegen die Nazis im eigenen Nachkriegsland getan zu haben, gerade weil sie nichts vergessen haben, von den Globkes bis heute. Die Shoah wird oft aufgerufen, ja herbeizitiert, um das Vergessen zu bemänteln. Sie wird zur taktischen Konstruktion. Das muss beunruhigen, dann damit wird der Holocaust aus der Geschichte in eine randlose unbestimmte, manipulierbare Sphäre gerückt. Die ersten beiden Generationen voll „Survivor’s Guilt“ traten auch ab, die dritte hat es da schon schwerer. Was aber alles vergessen wurde, damit die Erinnerungen an die Shoah einen Platz in der eigenen Kultur (national, lokal, persönlich etc.) bekommen können, wird zu selten und oft ungenau aufgerufen, obwohl anscheinend immer mehr AkteurInnen mit der Erinnerungskultur beschäftigt sind.

Ich habe Aron Bodenheimers Satz schon mehrfach hier zitiert: Nur wer vergessen will, darf sich erinnern. Das bedeutet, dass man wissen muss, was man vergessen will, und dann kann man auch das erinnern, was sich sonst dem Unbewussten wie dem Bewusstsein sperrt und verweigert.

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Die Auswahl dessen, was vergessen wird – das ist ja ein Prozess – ist nicht zufällig. Was geschehen ist dringt auf vielen Wegen ins Subjektive, ins Gedächtnis ein, und der Löschvorgang bzw. das Wegsperren der Wahrheit haben sehr viele kulturelle und soziale Wurzeln. Mich interessiert dieser Vorgang weniger als die Probleme, die entstehen, wenn man dem Vergessen Wahrheiten entreißt, die noch gar nicht erinnert werden, wenigstens nicht vollständig und wahrhaftig.

Anlass zu dieser Überlegung ist unter anderem der Umgang mit dem Krieg in Afghanistan. Da setzt eine unbedarfte und unwissende Ministerin eine Konferenz an und umgibt sich doch nur mit Diskutanten, deren Interpretation mit am Vergessen beteiligt sind (teilweise von Anfang an. Das kann man in der Literatur gut verfolgen: z.B. ganz neu (O’Toole 2021) oder bei AAN; aber auch im eigenen Erleben. Was hat meine Arbeit über 20 Jahre mit Afghanistan gemacht, und was hat Afghanistan seit 2003 mit mir gemacht? Zwei ungleichgewichtige Fragen, die sich doch einige, viele? stellen können. Das Gedächtnis aktivieren, um erinnern und werten zu können. Erinnerungspolitik ist immer Legitimationspolitik, auch die Rechtfertigung, das kollektive Gedächtnis nur in bestimmten Bruchstücken der Wirklichkeit zu rechtfertigen – als ob sich vergessen ließe, was wir vergessen wollen.

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Hier liegt die Analogie, und auch die Begründung dafür, was ich heute schreibe. Beides, Erinnern und Vergessen, gehört zu jeder Kultur. Und was wir vergessen wollen, damit es sich nicht wieder ereigne, muss erst einmal erinnert werden, darf nicht verdrängt werden. Der inflationäre Umgang mit dem Erinnern (E-Kultur) ist so fatal wie das Zudecken des Erinnerbaren durch politisch motiviertes Vergessen (siehe oben: deutsche Justiz, siehe später: Afghanistan – über der „Aufarbeitung“ werden die todbringenden Ortskräftepolitiken der deutschen Regierung einfach verdrängt).

O’Toole, F. (2021). „The Lie of Nation Building.“ NYRB: 16-19.

Sondierungen ins Ungefähre – Nowhere/Now here

(Seit William Morris häufiges Wortspiel, aber nicht unsinnig).

Mit einer Panne hat auch die CDU zu kämpfen. Ein Sondierungs-Leak bei der Union ärgert die FDP. Aus einer vertraulichen Runde wurden Informationen öffentlich gemacht, berichtet mein Kollege Georg Ismar. Ob es heute besser läuft? Erstmals treffen sich Union und Grüne zu einem Sondierungsgespräch. (Tagesspiegel online 5.10.21).

Ich bin nicht die Sprachpolizei. Aber ich störe mich an der zeitweisen Heiligung von Begriffen, unter denen man eher Diffuses als konkret Profiliertes versteht. Darum verwenden die Beteiligten viel Aufwand, um dem Publikum zu erklären, was sie unter „Sondierung“ verstehen und worum es „eigentlich“ geht.

Die Verhandlung als Vorbedingung vor Verhandlungen als Bedingung von Koalitionsgesprächen ist selbstverständlich, weshalb ihre Betonung misstrauisch macht. Es wird ein Terrain erkundet, auf dem Widersprüche und Konflikte in einem vorher begrenzten Rahmen bearbeitet werden können, auch das ist normal. Wo es Übereinstimmungen gibt, müssen die Sondierungen inzestuöse oder ganz und gar personalisierte Konflikte ausschließen, damit nicht das Ziel durch personalisierte Machtkämpfe reduziert wird.

Ich bin misstrauisch, weil ich annehme, dass die Sondierung so eine Art Vorspiel auf dem Theater ist, die den erhofften und erwarteten Vertrauensbonus mitkochen oder mitservieren soll.

Im Faust wird das demonstriert:

DIREKTOR: Ich wünschte sehr der Menge zu behagen. (V.37) – ALLE BETEILIGTEN

LUSTIGE PERSON: Laßt Phantasie mit allen ihren Chören, / Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft, / Doch merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören (V.86-89). – PARTEIMITGLIEDER, DIE NICHT DEM SONDIERUNGSTEAM ANGEHÖREN, AUCH VERLIERER IM INNERPARTEILICHEN MACHTKAMPF

DICHTER: Oft, wenn es erst durch Jahre durchgedrungen, / Erscheint es in vollendeter Gestalt. / Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, / Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren. (V.71-74) MERKEL oder SCHOLZ‘ HOFFNUNG AUF WIEDERWAHL

DICHTER: Gib meine Jugend mir zurück! (V.197) CDU/CSU, CSU,

DIREKTOR: So schreitet in dem engen Bretterhaus  / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus, / Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle/ Vom Himmel durch die Welt zur Hölle (V.240-244). LINDNER, LINKE; LASCHET:::LLL

Die Passagen aus dem Faust sind eine Sondierung mit dem eigenen Unterfangen (ich habs aus einem Didaktikblog genommen, einfach so: https://bobblume.de/2019/03/14/unterricht-faust-i-vorspiel-auf-dem-theater-v-33-242/

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Zu sondieren, ob man überhaupt mit verhandeln kann und wenn ja, worüber, ist alltäglich und selbstverständlich. Aber das WIE? Bestimmt schon den Hintergrund. Nur nicht Kellner werden, immer mitkochen … das ist ja gut so. Der Menge allerdings behagt es, auch einmal mehr als die Vorspeise serviert zu bekommen.

Kurt Kister in der SZ (Deutscher Alltag, 5.10.21) macht das noch viel deutlicher. Und die Abendergebnisse der Gründschwarzen Erstsondierung dann noch mehr. Man braucht eine Magensonde. (aber nicht wegen dessen, was besprochen wurde, sondern dessen, was BILD durchgestochen erhält und was daraus in der Glaskugel gemacht wird).

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In diesen Tagen überbauen das föderale Herumgehampel mit Corona und die Pandora-Vermutungen die wichtigen Aspekte der Politik. Niemand regt sich wirklich darüber auf, dass in Afghanistan hunderte, vielleicht tausende Ortskräfte von der Bundesregierung in Lebensgefahr geschickt wurden und noch immer bürokratisch bedroht werden – das Thema wird mit der blöden Ansetzung der so genannten Afghanistan Evaluierung durch AKK noch nicht einmal öffentlich verknüpft. Eine abtretende Regierung verwischt die Spuren ihrer welt- und innenpolitischen Schwachstellen und tut so, als wäre Deutschland in jeder beliebigen Konstellation ein mächtiger Spieler in der ersten globalen Reihe. Die ehemaligen Volksparteien haben bundesweit nicht mehr Prozente als die Nazis von der AfD in manchen Bundesländern, aber keine Spur von Überdenken der eigenen Position als Altparteien der Älteren. Die Jungen sind wo anders und werden von anderen (FDP, Grüne) abgeholt – aber nicht, um nur zu Kellnern.

Im Sondieren wird man, so ist zu hoffen, auch die eine oder andere Wahrheit jenseits der Statistik entdecken. Dann wäre am besten Schluss mit der Vertraulichkeit, dann muss die Menge daran teilhaben.

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Die Grünen haben Recht. ALLES, ausnahmslos ALLES muss sich unter dem Fokus der Klimapolitik anordnen, auch wenn es die unterschiedlichsten Bereiche der Politik sind. Die Zusammenhänge herzustellen, kann bei den Sondierungen schon besprochen werden, das Aushandeln wird schwierig, aber – um Merkel zu zitieren, es ist alternativlos.

Anlass und Ergebnis: Paris

Ein Reisebericht

Paris: 60 Stunden, Anlass und Ergebnis

1.

Der deutsche ICE beschleunigt nach dem Grenzübertritt auf 320 km/h, was man sich im eigenen Land nicht zutraut. (Auf der Rückfahrt ist die Verlangsamung kurz vor Saarbrücken besonders auffällig). Ansonsten habe ich an der Fahrt im vollbesetzten Zug fast nichts auszusetzen, was meinen Freund Tom verwundert, weil ich Pofalla für den Schreckens des deutschen Verkehrs halte…

La douce France, kaum Dörfer, endlose Landwirtschaft, kaum Wälder. Man kann auch von hier die EU-Agrarpolitik bereden. Irgendwann beginnen die Vorstädte von Paris, es ist der Eintritt in eine andere Welt. Keine Phrase, denn: schlagartig sind die Erinnerungen an die 1970er, 80er Jahre wieder da, als ich oft, meist beruflich in Paris war, aber auch das Umland kennengelernt hatte, und die schattigeren Seiten dieser Stadt. Davon jetzt nichts, nur wenig ist sichtbar.

II.

Warum jetzt nach Paris? Wie viele andere wollten wir den verhüllten Arc de Triomphe sehen. Und wir wollten die Sammlung Morozow sehen, die im Museum der Stiftung Louis Vuitton gezeigt wird. Vorab: das zweite Erlebnis übertrifft für mich den ersten Anlass bei weitem, das war nicht zu erwarten gewesen, aber gut so.

Wir kommen kurz nach 18 Uhr an der Gare de l’Est an, es ist noch hell, wir gehen ein paar Kilometer zu unserem Quartier, man durchquert einige soziale Zonen im weißeren Teil von Paris, aber auch hier unvergleichlich mehr Nichtweiße und eine uns weniger bekannte Normalität. Für mich ein sehr gutes Gefühl des raschen Wiedererkennens bestimmter urbaner Perspektiven, die nicht benannt werden müssen, um zu wirken. Das Gelände steigt zur Place Pigalle an, von dort keine hundert Meter steil den Montmartre hinauf in der rue Houdon zu unserem Hotel. „Luxelthe“, Billig, sehr sauber, sehr einfach, mehr braucht man ja nicht, ruhig, vom Treiben auf der „sündigen“ Meile ist so wenig zu hören wie vom Balkon zu sehen. Nicht nur Covid hat das früher hektische Viertel beruhigt, wie wir spät abends merken, als wir von der ersten Inspektion des verhüllt Arc de Triomphe zurückkehren. Dahin fahren wir gleich nach Ankunft mit der U Bahn (2), nicht sehr weit, und schauen uns die Verhüllung bei Nacht an. Seltsam klein kommt einem das Monument am Rand der Schüssel – links gehen die Champs Elysées bergab, rechts geht’s runter zur Defense, steht schon gut in der Perspektive, aber eben, verglichen mit dem verpackten Reichstag, klein…Wir werden kontrolliert, wie überhaupt die Covidkontrollen recht dicht und die Menschen diszipliniert sind, fast überall…Ja, also Christo hat das gut gemacht, aber es dringt nicht ein. Dann wandern wir erst die Champs hinunter, so richtig exklusiv wird’s erst in den Nebenstraßen, die wir allmählich in unsere Richtung gehen, es dauert schon eine Stunde, rue de Rome, St Lazare, bvd. Clichy. Rund um die Place Pigalle hat kurz vor Mitternacht schon vieles geschlossen, Auch die zweite Vorstellung des Moulin Rouge ist vorbei. Aber man kann gut draußen sitzen und die Buntheit genießen.

III.

Die Stadt erwacht zwar früh, aber unsere Schicht gehört schon zur zweiten Schicht. Das klar definierte Frühstück, erstmal Sonne, und bergab geht’s in die teuren Viertel, ziemlich gerade zur Concorde und zur Oper. Mich freut es immer, wenn es kleine Geschäft in große Zahl gibt, erinnert eher an Wien als an Berlin, und mich wundert die rasante Fahrt der vielen e-Bikes, Vorsicht. Wir müssen im Louvre kaum anstehen, Wir konzentrieren uns auf die griechischen Skulpturen, v.a. die Nike von Samothrake, und die italienische Malerei, weiter Bogen um die Mona Lisa, da staut es sich. Caravaggio, Cellini. Der Endlosigkeit dieses Schlosses und seiner Sammlungen muss man sich entgegenstellen, nach zwei Stunden wieder raus, man geht da durch eine integrierte Einkaufspassage zur Pyramide zurück. Jetzt den Arc de Triomphe bei Tageslicht, gefällt mir besser, verführt aber nicht zu weiteren Interpretationen. Wir bekommen mehrere Quadrate des Verpackungsstoffes geschenkt, sehr massives Plastikgewebe. Weiter Richtung Defense, an der rue d’Orleans essen wir einen Snack und im anströmenden Regen geht es zum Bois de Boulogne, zur Avenue Ghandi, wo die Stiftung Louis Vuitton ihr neues Museum hat. Man kommt an einer Art Wurstelprater für Kinder vorbei und geht am Rand des Bois einen guten Kilometer. Die Karten sind bestellt, man steht eingeteilt in der Schlange und wird mit einem Schirm bedacht (die meisten Pariser haben ihren dabei), es schüttet. Pünktlich kommen wir hinein…Bevor ich das großartige Gebäude von Frank Gehry beschreibe, eine ideale Hülle für die Ausstellung, zu den „Icones de l’art moderne“, wie die Collection Morozow betitelt ist. https://www.fondationlouisvuitton.fr/en/programme : 8, Avenue du Mahatma Gandhi Bois de Boulogne, 75116 Paris,

Wenn man nach mehreren Stunden rausgeht, muss man wohl den 4 kg schweren Katalog mitnehmen…Die meisten der Bilder hat man nie gesehen, oder nur in Kunstbüchern. Es ist die Sammlung der beiden Brüder Ivan und Michael Morozow, (beide geboren 1870 bzw. 1871 und gestorben 1903 bzw. 1921); wirklich gesammelt und in ihren privaten Häusern präsentiert, die Revolution überstanden, heute verteilt auf die Museen Tretjakov, Eremitage und Puschkin. Bestens beschildert und kommentiert. So, das ist der Rahmen. Es war nicht überüberfüllt, man konnte alles in Ruhe anschauen. Und sollte es.

Was heißt schon „Impressionisten“. Einen besonderen Platz hat Pierre Bonnard, der auch einzelnen Räume gestaltet hatte. Monet, Sisley, Cezanne, ein paar Picassos, Matisse, Corot, Pissaro, Degas, Renoir … was so außergewöhnlich ist: die fast durchgängig besondere Qualität, man kann auch über der den Geschmack der beiden reichen Brüder nachdenken, die durchaus mit der Sammlung auch der Zeit etwas vorausgeeilt waren. Und ihre französischen Bilder und Skulpturen mit den zeitgenössischen russischen konfrontiert haben, die meistens nicht so gut waren, bis auf Ausnahmen, aber auch interessant im Kontrast. So, hier keine Kunstgeschichte, ich weiß nur als ersten Eindruck, dass mich die Bilder den ganzen Abend und die halbe Nacht nicht verlassen haben. Und – was ich nicht immer mache – den Katalog werde ich genauer studieren. Da kann man sich auch auseinandersetzen, was „sammeln“ und präsentieren bedeutet, und wie Stalin und die frühe SU damit umgegangen ist (Die „westliche“ Kunst…) und wie sich das alles erhalten hat:

Bei Gallimard, ISBN9782072904585, englisch oder französisch.

Das Gebäude der Stiftung hat durchaus rechteckige und quadratische Räume in einem sechsstöckigen Innenraum, der aber von einem Gespinst aus filigranen Stahl- und Holzkonstruktionen überbaut wurde, mit Gewicht und Gegengewicht, ein breiter stufenförmiger Wasserfall führt ins Gebäude hinein und man steigt von der Ausstellung im Souterrain systematisch nach oben, bis man im Freien steht und in die Konstruktion und die Umgebung schauen kann, selbst bei Regen schön.

https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Frank+Gehry+Louis+Vuitton , https://www.bauwelt.de/themen/bauten/Die-Konstruktion-der-Foundation-Louis-Vuitton-Frank-Gehry-Paris-2445253.html

Es lohnt, sich die Details und auch die Kritik des 2006 geplanten Gebäudes anzuschauen. Also, das war schon einmal ein guter Tag. Und die Tour ist durchaus weiter zu empfehlen, Bis zum Januar ist die Ausstellung zu besichtigen.

Naja, jedenfalls war das eine verdiente Müdigkeit, und der Regen hat auch aufgehört.

Das war die Reise mehrfach Wert. Regennass um die Ecke eingekehrt (Auffallend, wie stark das Bier den Wein zu Tisch verdrängt hat…), gutes Essen, aber ein wenig marginal unter der Wirkung der Ausstellung.

IV.

Am nächsten Tag steigen wir direkt von unserem Hotel den Berg hinauf, mit jedem Schritt mehr ins überlieferte Touristenmilieu von Montmartre und Sacré Coeur, man kann dem leicht entkommen. Es gibt eingesprengte kleine Parks, die Kirche St. Jean ist 1904 ein Unikat – das an die Kirche am Hohenzollerndamm in Berlin erinnert und nicht wegen der Schönheit, sondern wegen der Undefinierbarkeit interessiert. Natürlich teuerste Geschäfte, Gentrifizierung und Widerstand nebeneinander, viele Menschen schlafen auch hier auf der Straße und an den Stiegen, ein Zelt mit herumgeordneten Ausstellungsstücken gemahnt an Vernon Subutex (Und ich kenne von früheren Besuchen die Hinterseite nach Norden mit allen sozialen Problemen). Der Ausblick ist bestens, in die Kirche geht man besser nicht, und die vielen Hinweisschilder auf die öffentliche Toilette sind ein Irrtum: das schöne Häuschen ist geschlossen. Kaum ist man den Hauptwegen entkommen, noch immer sehr schön. Wir wandern weiter nasch Süden, die rue des Pyramides hat soviele gute Schokolade- und Käsegeschäfte, soviele Fleischereien, man möchte den ganzen Tag hier einkaufen, und wäre. Wir laufen den ganzen Weg, teilweise die rue Lafayette entlang, und vor dem Bahnhof genießen wir ein Kunstrasengärtlein – der ICE rast aus der Stadt, als hätte er eilig uns zuhause zu deponieren.

Reisebericht II: Bergsturz und flache Landung

Nein, ich bin nicht vom Berg gestürzt. Aber ich habe viele Bergstürze gesehen.

REISEBERICHT AHRNTAL  2021, 11.-27.9.2021

Seit zwei Wochen schweigt mein Blog. Die Begründung geht teilweise in diese neue Staffel meiner Mitteilungen und Reflexionen ein, teilweise bleibt sie bei mir, wohl noch längere Zeit. Ich hatte schlechte Monate, was meine Work-Life-Balance betrifft, und damit auch, was meine Kommunikation mit anderen, Familie, Freunde, Andere, angeht. Der Hauptaspekt sind die Ereignisse in Afghanistan, die ich unter der Rubrik UMSONST, ABER NICHT VERGEBLICH – oder umgekehrt zusammenfasse. Diese Neubewertung von zwanzig Jahren Arbeit an einem Schwerpunkt, es gab und gibt andere, gut so, ordnet andere Arbeiten und Schwerpunkt um, damit bin ich nicht zu Ende, und auch die Bundestagswahl spielt hier plötzlich keine große Rolle (die neue Regierung wird schon zur neuen Staffel gehören…Jetzt einmal Ahrntal. Mehr als nur eine Zäsur, ein Einbruch in die Zeitreihen. Und nach dem Regen zwei Wochen schönsten Wetters.

Die Fakten, die ein Tourenbuch aufzählt, sollen knapp, nachvollziehbar und für spätere Tourengeher und Bergsteiger brauchbar sein. Das Ferientagebuch würde dagegen Reflexionen aus einem Freizeitintervall wiedergeben, sozusagen die Anekdoten eines Zwischenbereichs, der sich von der vorherigen Arbeitsperiode erholt und auf die nächste vorbereitet. Beides geschieht hier nicht. Die Reise ins Ahrntal ist zu einem wiederholten Ritual geworden, seit fünf Jahren in den letzten beiden Wochen des September. Vor drei Jahren hat es die ganze Zeit geregnet und geschneit und war gut, dies mal hat bis auf einen Tag nur die Sonne geschienen und es war gut. Die Personenkonstellation war im Grunde gleich wie in den vergangenen Jahren, aber doch in einer kleinen Variation: 1-3 – 6 – 4 -2.

1 war ich, zwei Tage früher aus der Projektarbeit in Österreich kommend, die zwei am Ende sind Birgit und ich. Ganz stimmt das nicht, denn die beiden Hunde Fia und Mopsa, haben durchaus Gewicht, bei der Planung, beim Gehen und Rasten, bei der Anpassung an die Umstände des nach wie vor exzellenten Bühelwirts, wo man natürlich nicht möchte, dass die aufgeschreckte Fia sich mit anderen Menschen anlegt (weshalb Birgit und ich eines Tages schnell mit dem Bus nach Bruneck gefahren sind, einen Maulkorb für das edle Tier zu besorgen). Alles ok, die Hunde zeigen auch unsere Grenzen, die gestaffelt sind nach Alter, Laufbereitschaft und Alpinophilie. Zum Abendessen sind dann immer alle zusammen, und dieses Ritual, zwei Wochen lang erstklassiges Menu, beste Weine und freundlichstes Ambiente zu genießen, bedeutet wirklich viel. Zumal es selten ist, dass einem nichts einfällt, was man an diesem Haus kritisieren könnte oder gar sollte, und das nach so vielen Jahren.

Nun könnte man beinahe das Gleiche über das Ahrntal sagen, aber die Sache ist komplizierter. Finge ich mit der Kritik an, würde es dem Gesamterlebnis so wenig gerecht wie der Abwägung und Vergleichung mit anderen Gegenden, finge ich aber mit der Lobeshymne an, dann wäre das aus meinem Munde unglaubwürdig.

Also Potpürré. Dieses Tal jenseits des Alpenhauptkammes und konkret des Zillertals in Österreich liegt geologisch, historisch und soziologisch so komplex, dass man gar nicht auskann als immer wieder Knoten- und Anknüpfungspunkte zu festzustellen. Schon dass man nicht direkt hineinkann ins Tal, sondern aus dem Eisacktal ins Pustertal, von Bruneck nach Sand in Taufers und dann erst ins Ahrntal, quasi in einer großen Schleife zurück an den Hauptkamm, kommt, ist merkwürdig. Und ist man da, wird’s mit jeder Straßenbiegung schöner. Aber es ist kein Tal, das seit Jahrhunderten für Touristen geschaffen wurde. Es gibt sozusagen industrielle Inseln, und eine, wie subventioniert auch immer, sehr aktive Landwirtschaft, die die Traktoren schon um sieben den Feriengästen Prioritäten beibringen lässt, zumal in diesem Jahr, wo das jetzige Schönwetter die Regenperiode davor kompensieren muss. Jeder Heuballen zählt. Die wirklich großen Gebäude auf den Höfen sind die Ställe und Heulager, auch die modernsten subventionierten Maschinenparks gehören so dazu wie die Almstraßen, ohne die hier nichts liefe – da sollten Touristen mit dem Schimpfen über die einheimischen (wenigen) Autos vorsichtig sein: Anders wollen die meisten Almen nicht erreicht sein. Irgendwo, noch weiter oben, oberhalb von 1700 m, wird’s dann fahrweg- und autofrei, nur mehr ein paar Mountainbiker und e-Biker erzeugen noch Fragezeichen, aber man weiß schon, Natur als unberührte „Natur“ gibt’s natürlich nicht. Aber viel schöne Naturlandschaft.  Und zwar von ganzen unten im Tal bis ganz oben. Es lohnt die verschiedenen Kulturschichten von den Bauernwirtschaften bis zu den Almen genauer anzuschauen, auch die Waldschichten und die unentwegte Bewirtschaftung. Es lohnt unter anderem deshalb, weil man sehen kann, welche Vorsorgen und Nachbesserungen gemacht werden müssen, und zwar aus gegebenem Anlass (Kyrill, der Regen im Juli und August…) und den Folgen des Klimawandels. Die Narben von Kyrill, die mittlerweile nach Jahren gesäuberten und geräumten großen Waldflächen sind mittlerweile schonungslos einsehbar, und auf bestimmten Wegen kann man sie bis heute nicht durchqueren, was vor der Räumung noch möglich war. Der diesjährige Starkregen war verheerend, nicht nur für die Heuwirtschaft. Große Muren sind abgegangen, aber auch ganze Grasteppiche haben sich vom Untergrundgelöst und sind nach unten gerutscht, oft gefaltet wir Stoff. Es wurde und wird repariert, aber vieles wird sichtbar bleiben. Natürlich, wie ich schon früher schrieb, ist der Schwund der Gletscher sehr weit oben nochmals fortgeschritten, ich fürchte, ich werde es noch erleben, dass man in einigen Gebieten gar kein Eis mehr sieht. Und die grauen Geröllhalden ehemaliger Gletscher sind zwar auch Natur, aber ihre Ästhetik ist eher bedenkenweckend als Lernstoff. Das alles hat das Tal nicht hässlicher, nur bedenklicher gemacht. Die Bausubstanz ist natürlich weiter gewachsen, langsam zwar, aber immerhin hoch verdichtet, sodass ins Grün dazwischen nicht soviel eingegriffen wird, aber klar: das wächst (und muss wohl, wenn es bleiben will, was es ist – Landwirtschaft + Tourismus + lokale Ökonomie). Dafür, sagen mir Bekannte, gäbe es weniger Abwanderung und viele ausgelernte und studierte junge Menschen blieben oder kämen ins Tal zurück. So viele Arbeitsplätze brauchen die Höfe auch nicht mehr.

Solche Gedanken begleiten mich bei jeder Wanderung, sie sind auch Gesprächsthema. Aber: da ist ja noch die Anwandlung von Berg und Wald und Fels und Getier, mit jedem Schritt, mit jeder Anstrengung, als basso continuo oder als leise Oberstimme, wie letztlich der röhrende unsichtbare Hirsch, der begleitende Rabe, oder aber der kreisende Habicht oder Bussard. Man beobachtet das alles und zugleich spürt man sich, die Anstrengung, die nicht gleichmäßig mit der Gewöhnung an sie abnimmt. Steil allein macht nicht müde. Als wir zum Waldner See hochsteigen, haben wir schon eine lange Wanderung und den Ruhetag der Hütte hinter uns. Der hohe natürliche Wall, der den See daran hindert, das ganze Tal zu vermuren, ist praktisch, weil man so von oben aufs Wasser schauen kann und alle Spieglungen und Kräuselungen aus nächster Nähe sieht. Der Hund hat kein Bedürfnis, hinunter zu springen, weil sie ohnedies schon aus jedem Bächlein getrunken hat und gerne auch darin watet. Zuviel Wasser wird allerdings dem Berg entzogen, nicht nur für die Winterbeschneiung der (wenigen) Skipisten, sondern wohl für Wasserleitungen weiter nach unten. Man sieht einige Austrocknungserscheinungen. Aber es gibt in großer Höhe auch sorgfältige gepflegte Biotope, Hochmoore und Teiche, denen man bisweilen sehr nahe kommen kann. Ein Waldweg durch mehrere Schichten von Lawinensicherungen ist beeindruckend. So weit unterhalb der Felsgerölle im Wald und noch eine Lage Draht und Stahl nach der anderen. Wir kennen diese Gegend aus dem frühen Winter vor vier Jahren, die Schneemassen sind beeindruckend, aber der Laie unterschätzt ihre Gefährlichkeit. Die Drahtverhaue und mächtigen Stahlanker schauen aus wie moderne Skulpturen. Wo sie nicht gewirkt haben, sind die Abbrüche und Geröllmassen entsprechend erschreckend, und man kann sich das zugeröllte Dorf gut vorstellen. Franz Hohler taucht aus der Erinnerung auf. Auch die Schwarze Spinne des Jeremias Gotthelf, die das Tal über Generationen hinweg auf den richtigen Pfad bringen möchte. Und wenn ich nach der Sauna auf dem Rasen des Hotels ins Tal schaue, drängt sich auf, wie groß der See wäre, wenn man die wirklich enge Klamm bei St. Peter mit einer Staumauer verschlösse. Kein Kirchturm schaute noch heraus. Dieser Rasen wird zur Freude der Hunde von einem Computerrasenmäher mikroklein gehalten, wo sonst überall kundig gemäht wird.

In der letzten Nacht vor der Abreise hat es geregnet. Der Abschied fällt trotzdem schwer, zumal das Frühstück schon um 7 und nicht erst um 9 die neuen Lebensgewohnheiten auch hier möglich macht (worauf ich mich in Potsdam freue), jetzt gehts los: Schwer bepackt zu Tal, diesmal ohne auszurutschen, Bus, Lokalbahn, IC, ICE, just in Berlin Südkreuz die notwendigen zehn Minuten Verspätung, dass wir den Anschluss in Berlin nicht bekommen, dafür pinkelt der Hund und beginnt sich zu freuen. In Potsdam scheisst Fia freudig und fühlt sich wie verrückt freudig im heimischen Revier. Man merkt uns die Erholung schon an, das nachhaus Kommen ist keine Depression. Und am ersten Tag danach regnet es gerade stark genug, dass ich mich daran freue.

P.S. wir haben die Wahl am Sonntag natürlich verfolgt, aber selbst die internen Kommentare müssen warten. Das ist alles demokratiegerecht kompliziert und ich freu mich so oder so für meine Grünen und werde Herrn Scholz weiterhin nicht leiden können, Herrn Laschet noch weniger, und alles weitere bringt die Politik. Zurück zum Anfang des Berichts: die Nach- und Aufarbeitung geht weiter, beginnt vielleicht erst richtig.

Kein Reisebericht: Wien I

Die mit Furcht vor Unzulänglichkeiten angetretene Reise nach Wien war ein Erfolg: Pünktlich der BER2 Bus von Potsdam, problemlos das Einchecken bei easyjet (EIN einzelner Mensch dirigiert die vollkommen digitale Prozedur, nur die Gepäckklebebänder müssen richtig um den Griff gewickelt werden), schnell ist man bei der Sicherheit, und hier hat Securitas dazugelernt, höflich und kompetent und mehrsprachig. Ich möchte schon zu Toms Lachen sagen, so ganz anders als die blöde DB. Der Flughafen ist nach 13 Jahren Bauzeit nicht schön und bis auf die vielen Eincheckinseln recht übersichtlich und man geht halt lang, wenn die Laufbänder stillstehen. Kaufen tät ich hier eh nichts, und wenn der Flieger nicht verspätet gewesen wäre, lobte ich auch easyjet, die wirklich ordentlich alles machen und die Passagiere dazu bringen, ihren Müll wieder mitzunehmen. So entfällt die Bodenbordreinigung. Und so geht’s in Wien weiter, als ich aus dem Zoll rauskomme, ist mein Koffer schon am Band, nach ein paar Minuten bin ich im S Bahnzug und bin über die sich ausdehnende Industriestadt immer neu erstaunt. Vom EKZ, pardon: Wien Mitte, fahr ich mit dem O in die Laxenburger Straße und gehe eine halbe Stunde zu Hannes, Freitag nachmittags in einem Stadtviertel, das bestenfalls halb von der Stammbevölkerung belebt ist: sehr viele Türkinnen, Afrikanerinnen, Albanerinnen, fast alle diszipliniert doppelt maskiert, ein Volksfest für Vorurteile und das angenehme Gefühl, dass es neben dem rechtslastige Kanzler Kurz auch noch echte Menschen gibt. Ernsthaft, Migrationsphobie kommt hier nicht auf, allenfalls Fragen nach dem Hintergrund der vorurteilsgespaltenen Gesellschaft, so schlimm wie Deutschland, etwas anders – weil die Praxis multiethnisch angepasster ist, gut, aber sich auch ethnische Inseln bilden – weniger gut. Die Gesellschaft allerdings geht im Gleichschritt mit der globalen Entwicklung nach rechts, und Covid nach oben.

Wenn ich durch den früher und teilweise auch heute oberklassigen Dritten Bezirk fahre (Landstrasse, Ungargasse, Fasangasse), dann geht die Transformation in den Wiener ebenso schnell vor sich wie etwas später am Hauptbahnhof und dann durch endlosen Gemeindewohnungen, die Wien so sozial und unliberal auszeichnen, wie natürlich Protektion und Korruption blühen und grade jetzt aufgedeckt werden, wie so häufig. „Mein“ Wien ist auch eine Konstruktion, Heimat – nein, so wenig wie Stanisic seine wirklich beschreiben kann. Aber, anders als Berlin, ist das einer Stadt. Ich musste etwas zufrieden lachen, als abends im Fernsehen zufällig die erste Folge von Unterleuten wieder gesendet wurde. Das Land ist auch anders, auf das die Städter ziehen.

In der Wohnung des Freundes schnell eingezogen, alles angeschaltet und den hellen Himmel mit guten Wetterprognosen genossen. Das Nachlesen von einer Woche österreichischer Medien zeigt Parallelen zur Süddeutschen Zeitung, aber man erfährt „mehr“ als in Deutschland, was unkonventionelle Nachrichten betrifft. Natürlich meine ich noch immer Afghanistan, Flüchtlinge, aber auch kleinste und detaillierteste Kriminalfälle, die so geschildert werden, als gäbe es keinen Zusammenhang mit der grossen, globalen Krise (Karl Kraus hatte mit den Letzten Tagen der Menschheit am besten die Zeit vor und während der Katastrophe geschildert, nur stimmt heute Merkels Satz, dass man hinterher immer klüger sei, nicht mehr – und das reduziert die Hoffnung, lässt die Zuversicht schrumpfen.

Das also war der Abend des Nachbereitens. Ich melde mich nicht bei den Freunden, bis auf Jochen, und gehe morgen zu Batya in den Verlag. Es wird eine Arbeitswoche, geschmückt mit Toss, der Montag kommt, Fahrten nach St Pölten und Poysdorf, und eine hoffentlich disziplinierte Parallelaktion mit dem, was ich tatsächlich wahrnehme, denke und „fühle“, weil die Sicherungen im Alter ja bekanntlich schwächer werden. Lange Assoziation, erotischer intellektueller wissenschaftlicher und banalster Natur, keine Kommata, lassen den neuen Status der grösseren Gleich=Gültigkeit entstehen, Meissner oder Barnes…als Vorbilder. Abkehr vom Glück.

Ich hätte ja genug zu tun, aber ich überbrücke den Mittag mit einer Fahrt zu einer alten Freundin, die die Gefährten meines besten Lehrers und Mentors war, Renate. Die Badner Bahn durchquert ein Dienstleistungs-, Shopping- und Handwerksgebiet, das mich an die IS 80 von New York nach Rockaway erinnert, mindestens 20 Minuten lang, der Zug füllt und leert sich pulsartig, Parkplätze und Einkaufstaschen quellen über. Viele Ausländer, aber auch viele Hiesige, alle tätowiert. Zwei Kirchen aus dem 18. Jh. Stehen noch an den Durchfahrten der längst integrierten älteren Orte, die passen zu einer entkatholisierten Gesellschaft, in USA schauen Banken oft so aus.

Bei Renate war es nett, sie ist sehr gealtert, dabei erst 80, und gar nicht einmal noch kränker, sie kann halt nicht gehen, aber sie liest und nimmt Anteil und ist agil. Ich habe ihr mit meinem Besuch gefallen, eine Mizwah zu den Feiertagen. Ohne Hans wäre sie nicht glücklich und ich nie erwachsen geworden. Shana tova, da ist sie noch immer dabei, die Badner Gemeinde aber ist zerfallen.

Zurück in den sonnigen Samstag. Und weiter geht’s. Von der Oper zum Stephansplatz: es wälzen sich Tausende, halb nur Touristen, aber babylonisch. Vor dem Casino filmwürdige Einlasskontrollen. Bei P&C würden Gürtel 129 Euro kosten, dann lieber die eine, die sündige Burenwurst: da stand eine kleine Kolonne, die Wurst kostet noch immer 3,50. Ich staune am Graben, Knize ist im Vergleich zu 1993, mein schönster Anzug!, nicht teurer, sondern billiger geworden…Ansonsten greift der Luxus schon um sich, vor Dior mindestens 20 Wartende. Ich gehe zum Schottentor; die gentrifizierten und kommerzialisierten Palazzi in der Herrengasse von der NÖ Landesregierung befreit, nur mehr teilweise von diesem Land beschlagnahmt, treiben mich schnell voran. Dann gehe ich, andante sostenuto, die ganze Währinger Strasse bis fast zum Gürtel. Diese Strasse, aber auch die Parallelen Liechtensteinstrasse und ein wenig Alser Strasse und was dazwischen ist, bieten eine Häufung an wichtigen Symbol- und Realorten, manchmal jedes Haus, ich mache ine Stadtführung durch meine Vergangenheit. Mein erster Bankautomat. Das Institut, in dem drei Tage Pharamazie studieren wollte, bis mich mein Freund und Lehrer Hans Meissner davon abgehalten hat. Davor der wohl beste Würstelstand der damaligen Zeit, der macht jetzt nur am Abend auf. Gegenüber das Hotel Regina, damals nur betretbar, wenn eingeladen, später Übergangsort spätabends. Dahinter, in den Gassen rund um die Votivkirche wohnten Freundinnen und Freunde, Uni-nah und doch abgesetzt. Das Anatomische in der Währinger Strasse gehört jetzt zur Medizinuni, es schaut zeitlos aus und vielleicht rieche ich den Seziersaal bis hierher. Daneben ein neuer Äthiopier, sonst alles unverändert. Das herrliche Josephinum, spätes 18. Jahrhundert, stilecht renoviert, damals studierte meine Mutter in den Labors, heute natürlich ein Museum, neben so vielen anderen. Gegenüber war die Forschungssektion des Ministeriums, mit guten Freunden und unten einem der gern besuchten Cafés. Ich kannte die Gegend schon von Schulzeiten her: neben der Forschungssektion das Palais Clam-Gallas, französisches Kulturinstitut und Hauptsitz des Lycée Francais, das ich 1953-56 besuchte, nachdem ich das erste Schuljahr in der ölbodenbestreuten Breitenseerkaserne lernen durfte. Das für damalige Verhältnisse wahnsinnig moderne Schulgebäude konnte nur von unten betreten werden, die Strudlhofstiege mit allen Assoziationen führt am Palaisgarten hinunter, dort war ein anderes Zentrum meiner Wiener Geschichte. Wenn ich oben bleibe, dann steht da noch das gewaltig große Physik-Gebäude der Uni Wien, mit zahlreichen Instituten (Boltzmanngasse, mein Freund Peter Hille war lange Zeit da, es roch nach den präparierten Nobelpreisen und ab und an traf man noch auf Berta Karlik (1904-1990), die schon eine großartige Wissenschaftlerin war. Auch habe ich hier meine erstmaligen physikhistorischen Studien gemacht, die ich ja erst 1986 eingestellt habe, einstellen musste, man kann nicht alles machen…Gegenüber eine wirklich gute Kunsthandlung, die mir einiges an Erbe gerahmt hatte und heute z.B. Arik Brauer anbietet. Und daneben ein für Rendezvous aller Art geeignetes Café in bester Nähe zu allen universitären Einrichtungen und eben geeignet zum Abhandenkommen so viel wie zur Boheme des Verlassenwerdens. Daneben das Museum des damaligen Bezirksamts, langweilig, hingegen schräg gegenüber Doderer. Am Talpunkt kreuzen sich noch immer die wichtigen Strassenbahnen, ich bin oft hier durch nach Hause, die Währingerstrasse stadtauswärts bis fast zur Hockegasse in Gersthof, wo ich in den 90er Jahren eine Wohnung neben Hilles hatte. In jener Hockegasse, in der Jahrzehnte vorher geboren wurde, 1947 in der damaligen Semmelweis-Klinik, die heute ein Ausländerpassamt ist… gegenüber der Haltestelle sieht man heute noch die Bohrlöcher, da war jahrzehntelang eine Tafel: Ella Firbass, Gesangslehrerin.

Und das alles wäre eine Tagestour für eine Führung durch das wirkliche Wien schon wert. Mir fallen da noch ein paar Leute ein, ein paar vergessene Namen und ein paar Nebengassen, in denen sich abgespielt hat, was auch nicht mehr aufrufbar ist. Aber ich schreibe ja über die Systemumgebung von Daxner und nicht über mein System. Schade, eigentlich…primum scribere, deinde vivere.

Mit Jochen Fried bei Lechner herrlich gegessen, Robelzwistbraten. Ein sehr kleines Beisel, das unbeeindruckt von Sushithaifusionstarbucks weiterhin Kultur repräsentiert. Bei der Heimfahrt in den Zehnten angeregte Diskussion mit vier MaskenverweigerInnen, AlbanerInnen, deren Anführer erschrocken war, dass ich freundlich über die Verkürzung und Verlängerung der Ewigkeit bei frühem oder späteren Sterben mit ihm gesprochen habe und nicht mit Nehammers Bullen gedroht hatte.

Das Wiener Verkehrsnetz ist nicht zu überbieten. Auch das gehört zur Führung.

Bemerkenswert die Burgtheatereröffnung mit scharfer Kritik an der Afghanistanpolitik von Nehammer und Kurz. Das ist seltsam in Österreich: Teile des Establishments und der herrschenden klassenübergreifenden Kleinstbürgerei tragen durchaus post-austrofaschistische Züge, dem aber steht sehr viel mehr kritische und vor allem treffende Opposition der denkenden Klassen gegenüber, nicht so sehr an die politische Ökonomie gebunden als vielmehr an ihre Sublimierung.

Aus, aber nicht vorbei

Der letzte Tag im August. Herbst im Sommer, ein beliebtes Wiener Thema. Vorboten von Kühle, und gut, dass es regnet, der Park wäre beinahe vertrocknet.

Der letzte Tag im August, die Amerikaner sind weitgehend raus aus Kabul, und nur ein paar Spione und Unentwegte bleiben noch in Afghanistan. Natürlich sind die Deutschen früher raus, sie sind ja auch zu spät gekommen, um ihre Landsleute, die Ortskräfte und andere Ausreisewillige zu retten…dafür reden jetzt alle bis hin zur CSU im humanitärsten Jargon des schlechten Gewissens. Egal, Hauptsache ist doch die Rettung von weiteren Menschen.

Nie zuvor habe ich mehr als drei Blogs zum selben Thema hinter einander geschaltet, dies hier ist

DER LETZTE. Oder aber DAS LETZTE, für einige Zeit. Ich habe schon angedeutet, wie sehr mich fast 20 halb-verlorene, oder sagen wir besser: sich auflösende Arbeitsjahre belasten, aber ich kann es ja nicht lassen, die Chroniken weiterzuführen, primum scribere, deinde vivere, wie Doderer überspitzt. Man wird das Archiv noch brauchen, wenn Afghanistan wieder beginnt, vergessen zu werden.

Die Themen gehen mir nicht aus, aber ich muss mich disziplinieren, nicht den deutschen Wahnsinn im westlichen Wahnsinn im globalen Wahnsinn am Hindukusch dauernd herbeizurufen. Verlierer haben kein Recht über das Format der Diskurse zu vorlaut Forderungen zu stellen. Das wäre für Maas & Co. angemessen, diese leichtgewichtigen Nichtvertreter demokratischer Werte und Praktiken, und das ist für mich angemessen, der ich mich schnell habe überzeugen lassen, was es bedeuten könnte, einer Zivilisation, geschunden, aber nicht immer ohne Hoffnung, wieder auf eines der vielen Beine zu helfen, Hochschulen und Wissenschaft, „Bildung“, nicht „Mint“….würde man hier sagen. Nun gut, das ist nicht nur privat, aber persönlich.

Deshalb absehbar keine Blogs zu Afghanistan, und was die deutsche Problematik betrifft, das liederliche Kleeblatt in der Regierung und die dumpfen Schreibtischtäter dahinter, die sich jetzt mit Missverständnissen ent-schuldigen und nicht selten die Afghanen selbst be-schuldigen, was also die betrifft: wartet nur, balde…

FÜR ALLE, DIE DAS LAND UND DEN KRIEG DES WESTENS UND DEN DEUTSCHEN KRIEG AM HINDUKUSCH NICHT VERGESSEN WOLLEN. Materialien; Archiv und ähnliches biete ich weiterhin an. Aber eben nicht im Blog, nur in direkter Kommunikation.

Danke

Macht der Gewohnheit – Ohnmacht im Widerstand

Kramp-Karrenbauer umarmt Soldatinnen und Soldaten. Wie schön. Die haben natürlich ein paar Tage lang in Kabul richtig Gutes geleistet, Gutes, das diese sogenannte Ministerin vorher geschickt verhindert hat. Wir stoßen mit dem Bier auf sie an, das sie anstatt Menschen aus Afghanistan hat zurückholen lassen. Die Macht der Gewohnheit: die letzte Emotionalität verdrängt alle Schatten der Vergangenheit, für viele.

Bei allen Ministern wird nach wie vor eine typisch deutsche Frage gestellt: aber er hat doch auch etwas Gutes getan, oder? Oder umgekehrt wird festgestellt: na, so richtig hat er eigentlich nichts geschafft.

  • Mit dem Loblied auf die afghanische Aktion von BW und KSK (war da was?) wird die Diskussion der letzten Tage schon zuzudecken begonnen. Wir treffen uns wieder beim Zapfenstreich.

Das ist mehr ein Reflex als eine Reflektion. Als ob irgendein anständiger Mensch die Bundeswehr für diese Tage kritisieren würde… Die Macht der Gewohnheit bläst zum Angriff als Verteidigung vor der größeren, d.h. oft schlimmeren Wahrheit.

*

Zur Macht der Gewohnheit gehört nicht nur die Lüge, (siehe den letzten Blog), sondern auch der Versuch, mit „Einsicht“ oder „Verständnis“ frühere Untaten auszulöschen. Ist ja gut, dass selbst Seehofer jetzt Menschen retten will, aber dass er und andere deren Notlage mitverursacht hat, nicht nur verantwortet, sondern haftet, wird durch die späte Einsicht nicht getilgt (obwohl typisch christlich, wo über den bekehrten Sünder mehr Freude herrscht als über ohnedies gute=vernünftige Menschen, naja, im sogenannten Himmel). Alle wollen sie retten, von Merkel bis weit hinunter in die Kanzleien der Schreibtischtäter. Aber sie können ja nicht aus eigener Kraft. (Der wirklich gute Botschafter Pötzl ist zur Zeit einer der wenigen, die richtig und vor allem kompetent verhandeln, den sollten wir hochschätzen).

  • Manchmal zünden Feuerwehrleute eine Scheune an, um sie dann fachkundig zu retten…Gott, ist das eine schlechte Metapher. Aber Sie wissen schon, was ich meine

Die Ablehnung des Antrags zur Rettung von Ortskräften vom 23.6.2021 durch die CDU/CSU/SPD im März ist nicht rückgängig zu machen. Sie hat vielen Menschen Leben und Freiheit gekostet. (https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw25-de-afghanische-ortskraefte-846934)

Das ist nicht rückgängig zu machen, es wird auch nicht vergessen. Dagegen ist die Sauerei mit den geretteten Bierdosen nur ein Divertimento von AKK.

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Es gibt eine Partei, der man aufgrund eines Slogans eine Koalition mit anderen demokratischen Parteien empfehlen kann:

„Laut Umfrage wünschen sich 91% der Taliban Heiko Maas weiterhin als Außenminister“ (Die Partei, Ortsverband Cuxhaven, 23.8.2021).

Das ist eine verlockende und freundliche Einladung an die Gewohnheiten der deutschen Politik.

*

Was inmitten meiner Bitterkeit fehlt, bewusst: die Konsequenzen für mich, mit mehr als 15 Jahren Arbeitsschwerpunkt, nicht dem ausschließlichen, aber dem maßgeblichen. Dazu wserde ich mich äußern, aber noch ist selbst die Frage, ob die Gewohnheit von Tagebüchern an die Öffentlichkeit gehört, zweitrangig. Tagebücher sind Tabubrüche. JETZT geht es nur um jeden einzelnen Menschen, der gerettet werden kann, nicht so platt „den wir retten können“.

  • Die Verlierer eines langen Krieges – Deutschland hat wenige Verluste im Vergleich zu anderen Beteiligten, und schon gar gegen die Afghanen, aber wir haben diesen Krieg mitverloren – die Verlierer können keine oder nur ganz wenige Bedingungen stellen. Die Taliban wollen vielleicht unser Geld, aber sie brauchen es nicht, jedenfalls nicht dringend. Für nichtdemokratische Länder ist es einfacher, mit ihnen zu einem Ausgleich zu kommen. Aber es geht um eine verhungernde, teilweise binnenflüchtige, und entwurzelte Gesellschaft. Wir sind nicht der Westen, das müssen wir bei humanitärer Hilfe auch nicht sein.

Die Lüge der Könige…ist nicht die Wahrheit der Untertanen

Die Lüge der Könige…ist nicht die Wahrheit der Untertanen.

Wenn ich jetzt lüge und sage, das sei ein Spruch des Philosophen Kant, dann glauben das einige, und andere fragen nicht nach, und wenn schon, zucken wieder andere die Schultern.

Nur sind unsere Minister keine Könige, und die Ministerinnen keine Prinzessinnen. Und wenn sie lügen, kann das zu ihrer Regierungskunst gehören.

Ich muss wieder zu Hannah Arendt greifen: In einer guten Interpretation wird sie zitiert: „Weil Lügen immer den Versuch einer Änderung des Bestehenden, nämlich der Änderung von (vergangenen) Tatsachen darstellen, sind sie für Arendt im Gegensatz zum Aussprechen der Wahrheit von vornherein politisch: „denn er [der Lügner] sagt, was nicht ist, weil er das, was ist, zu ändern wünscht““[1]. Das ist gut herausgesucht, und darum geht’s mir. Wenn der Pofalla gelogen hat, als es um das gehackte Handy der Kanzlerin ging[2]; als der Scheuer gelogen hat, wenn es ihm die Maut geht[3]; und dergleichen Beispiele sind Legion. Was aber soll durch die Lüge geändert werden? Das Faktische, die Wahrheit? Oder die Position des Lügners (ich bleib beim männlichen Lügner, er ist zahlreicher). Seine Position durch eine Lüge absichern, die von anderen zu schwächen, Wahlen mit Lügen zu gewinnen usw. – altbekannt.

Zu Afghanistan hat die Kanzlerin heute, am 25.8., nicht gelogen. Sie hat vieles richtig beschrieben. Beschrieben – sie hat die Fakten genannt. Und sie hat diese Fakten monatelang zu spät aufgerufen, sodass sie keine Wirklichkeit, sondern nur unerfüllte Wünsche genannt hatte. Fakten aber waren und sind die Warnungen, die Weigerung der betroffenen Ministerien zu handeln – aus Wahlkampfgründen und zur Abwehr von Geflüchteten – und es nützt ja niemandem, wenn wir noch drei Tage lang Menschen retten, zu wenige, auch wenn es viele sind, wenn wir das Land letztlich verlassen, in der mehrfachen Bedeutung des Wortes. Die Begründungen für das Nichthandeln sind faktische Lügen. Die Ablehnung der Rettung von Ortskräften durch CDU/CSU/SPD im Juni 2021 hat die Fakten und die Lügen auf den Kopf gestellt. Man MUSS kritisieren, wo man handeln hätte KÖNNEN. Man=wir, gespalten in die handlungsfähige politische Macht und uns=die diese Macht legitimieren müssen oder eben entlegitimieren.

Es wird immer und überall gelogen, das ist nicht so sehr das Problem als die Lüge zum Stärken der Position des Lügners, als in Verbindung zur Macht. Die „Unterlassene Hilfeleistung“ ist eine Lüge, der USA, der NATO, Deutschlands und der Bundeswehr, auch der afghanischen Eliten. Das Zögern gegenüber den Hilfeleistungen war auch von Klatsch, also von Glaubwürdigkeit heischenden Lügen, begleitet: „Also gibt der Klatsch zumindest die Lüge wahrheitsgetreu wieder, oder, wenn es eine selbst erfundene Geschichte ist, was jeder gern glauben würde“ (Julian Barnes).

Die Lüge von Merkel & Regierung heute ist, dass „man“ hinterher immer klüger ist; die Lüge besteht darin, dass man spätestens vor zwei Monaten klüger hätte sein können. Wir waren und sind klüger gewesen.

Die zweite Lüge ist, dass man nur „konditioniert“ mit den Taliban verhandeln könne, als ob die Verlierer eines Krieges die Konditionen der friedensheischenden Verhandlungen setzen könnten. Was man dort sagen wird und was man tun wird, ist eine andere Frage.

*

Nur gibt es ein großes Problem. Wenn die hier geäußerte Kritik zutreffend ist, dann ist das eine politische Kraftprobe, eine moralische Kraftprobe, und auch eine pragmatische Kraftprobe. Nun kennt die Demokratie keine Könige, aber die republikanischen MachthaberInnen brauchen die Legitimation durch das Wahlvolk. Wir sind aber keine Untertanen. Und im konkreten Fall von Afghanistan nützt die Wahrheit, was man tatsächlich hätte tun können, wenig, wenn es darum geht, was jetzt getan werden muss und kann.

Dazwischen sterben Menschen, werden unterdrückt, entwurzelt. Auch diese Wahrheit kann im Prozess der „Aufarbeitung“ in ihr Gegenteil umgewandelt werden, weil wir nicht wissen können-wollen-sollen, was wir jetzt tun sollen. AfghanInnen aufnehmen, für sie sorgen und wo es geht, dort im Land, die unterstützen, die noch für ihre Gesellschaft arbeiten.

Man kann kein Versäumnis zurückholen.

Nach der Bundestagsdebatte sind einige Fronten klarer: die Koalition des Wegduckens ist zu Ende, bevor sie abgewählt wird. was jetzt noch bleibt, ist der Blick auf den Krieg der Lügen: https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-08-26/page_2.487106/article_1.5392164/article.html. Hubert Wetzel konzentriert sich auf die USA: „-–Aber man sollte ihn (Biden), MD) nicht dafür kritisieren, dass er der erste Präsident ist, der die Wahrheit sagt: Amerika hat den Krieg in Afghanistan verloren. Es ist Zeit heimzukommen.“. Das gilt auch für die Ortskräfte und andere, die auf Deutschland vertraut haben…und sich auf dem Lügenteppich nicht niederlassen können.

PS: Annalena Baerbock hat eine sehr gute Rede im Bundestag gehalten. Sie unterläuft die Mühsal, zwischen Wahrheit, Fakten und Lüge hin und her zu wechseln.

PS: nach wie vor: Marcus Grottian u.a. info@patenschaftsnetzwerk.de mit Konto!


[1] Arendt, Hannah: „Wahrheit und Politik“, in: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Übungen im politischen Denken I, 2. Aufl., München 2013, S. 327-370. Hier zitiert bei Judith Zinsmayer   https://www.praefaktisch.de/postfaktisch/hannah-arendt-und-das-postfaktische-zeitalter/

[2] https://www.welt.de/newsticker/bloomberg/article121224649/Merkel-steht-in-Handy-Affaere-hinter-Kanzleramtsminister-Pofalla.html

[3] https://www.gruene-bundestag.de/themen/mobilitaet/wie-die-pkw-maut-zum-fiasko-geriet

Dammbruch und Leere

Das ist ein pathetischer Titel, ich weiss.

Der Dammbruch des Politischen schwemmt immer die Massen an Unrat in das Private, zusammen mit den Überresten eben der Befestigungen, die unsere Loyalität und Teilhabe befestigt haben. Solidarität, aber auch pragmatische Handlungsperspektiven sind, wenn nicht zerstört, so doch ausgehöhlt, unglaubwürdig.

Noch ist der Zeitpunkt nicht gekommen, Prozesse gegen das liederliche Ministerkleeblatt anzustreben, mitsamt der korrupten Bürokratie, die sie befehligen. Noch sind es nur Ankündigungen, die auch einige Parteiheloten einschließen werden, die schon wieder abschieben, ausgrenzen wollen, noch um die letzte rechtsradikale Stimme der AfD weg- und sich zuzuschanzen. Aber die Anklagen werden kommen. Die Rücktrittsforderungen sind absolut richtig und seit dem 21. Juni 2021 hat die sogenannte Koalition jedes Recht verloren, sich zu verteidigen, alle drei Parteien. Tausende hätten seit damals gerettet werden können und werden jetzt geopfert.

„Der CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Generalstabsoffizier der Bundeswehr, Roderich Kiesewetter, hat die Bundesregierung für ihr verhaltenes Vorgehen in der Afghanistan-Krise kritisiert und lobte gleichzeitig die Weitsicht der Grünen. Im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderatorin Katja Burck, sagte Kiesewetter: „In diesem Fall haben die Grünen die Entwicklung geahnt und ich bedauere, dass wir (die Bundesregierung) hier nicht intensiver nachgefasst, diskutiert und auch entschieden haben.“ Das, was jetzt in Afghanistan passiert, sei „ein Trauerspiel“. Es sei in den letzten Wochen zu viel Zeit verloren worden. Bündnis 90/Die Grünen hatten im Juni einen Antrag in den Bundestag eingebracht, der unter anderem die „großzügige Aufnahme afghanischer Ortskräfte“ vorsah. Der Antrag war von CDU als Regierungspartei abgelehnt worden.“ (https://www.swr.de/swraktuell/radio/cdu-politiker-kiesewetter-zu-afghanistan-gruene-haben-entwicklung-geahnt-100.html), 16.8.21. Fast, aber nicht ganz richtig: die Grünen haben das nicht geahnt, sie haben es schon gewusst. BT Drucksache 19/28962. Wir haben es gewusst. Übrigens hat sich die SPD der Rettung ebenfalls verweigert, und das Innenministerium – meine Bezeichnung dafür wäre strafwürdig – hat die Aufnahme von Ortskräften im Juni verhindert. Das ist in Kauf genommene Tötung von Staats wegen.

Bierdosen und soldatische Gedenksteine durften heimkommen, heil Zapfenstreich.

*

In der Niederlage kann man, muss aber nicht den Sieger beschimpfen. Man kann ihn vorsorglich reinwaschen in der Hoffnung auf milde Behandlung.  Die Taliban werden der christlich-westlich-bayrisch-deutschen und amerikanischen Rhetorik nicht aufsitzen, auch wenn es noch immer Verhandler in Doha gibt, die glauben, wenn man nur an einem Tisch sitzt, hat man noch gute Karten in der Hand. Aber lass sie sitzen, denn abschotten wäre genauso fragwürdig – was die Verlierer tun, ist relativ weniger wichtig.

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Im letzten Blog habe ich versucht zu beschreiben, wie bei mir der Verlust von mehr als 15 Jahren afghanischer Erfahrung ausgelöst hat. Ich denke, die Erinnerungskultur an Afghanistan beginnt (wieder) und die an Krieg seit 2001 als besondere Variante. Dass die deutschen PolitikerInnen jetzt von deutscher Verantwortung faseln, geht noch durch, aber wo bleibt die Haftung, und wer haftet? Die Selbstbezüglichkeit dieser Frage ist bei Menschen, die nicht nur auf Befehl nach Afghanistan gekommen sind, anders: wie sind die Intentionen, zu helfen, zu gestalten, zu reformieren….entstanden, warum hat man sich ihnen angeschlossen, auch wenn etliches zuhause dann weniger gut geblieben ist, und vor allem wie und warum hat man weitergemacht, obwohl man sehr bald sehen konnte, was wohl das Ergebnis dieser Intervention sein würde, die unter den miserablen Vorzeichen der Bonner Konferenz von 2001 begonnen hatte. Noch sage ich „man“, aber ich meine schon auch mich selbst.

Wie war ich 2005 drauf, als der demokratische und kultivierte Freund Fayez als Wissenschaftsminister zurücktreten musste, von einer Reihe unfähiger Nachfolger beerbt, und wie war ich drauf, als Karzai das mühsam ausgearbeitete Hochschulgesetz nicht in Kraft setzen wollte (weil er den Widerstand der Nutznießer des rechtlosen Zustands fürchtete); wie war ich drauf, als sich die so hoffnungsvoll begründete Rektorenkonferenz schnell paralysierte…kurz: als sich alles, was „man“ meinte und ich vertrat, an Hochschulpolitik und Reform, auflöste bevor es noch feste Strukturen angenommen hatte?

Nein, nicht was ihr jetzt erwarten könnt, Enttäuschung oder gar Wut oder Resignation. Oder gar Abreise. Die Analyse und das Durchdenken dessen, was nicht geklappt hat, haben schnell gezeigt, dass eine Okkupation keine Reform durchsetzen kann.

Nur hat damals ein Lernprozess eingesetzt, der bis heute nicht zu Ende ist und in diesen Tagen den mehr als 15 Jahren nachtrauert, die einen anderen Weg hätten nehmen können.

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Über den Lernprozess, über die nächsten 15 Jahre, nicht jetzt. Aber eines ist mir ganz wichtig: noch heute wären die überraschten Regierungsmitglieder überrascht, könnten sie nachvollziehen, wieviel mehr die gebildeten und kritischen Eliten nicht nur die jungen, vom Westen, also incl. Russland, gewusst haben und wie wenig wir, der sog. Westen von Afghanistan wussten und wie langsam wir das Land gelernt haben. Für die meisten AfghanInnen hängt das nicht mit guter Zusammenarbeit zusammen, sondern mit Armut, Flucht, Vertreibung, Wiederkunft, oft mehrfach.

Viele geben heute den Eliten in Afghanistan die Schuld, dass die Taliban so leichtes Spiel mit der Rückkehr haben. Daran ist etwas richtiges, nämlich der durchaus egoistische und opportunistische Selbstbezug dieser Eliten. Aber warum das so ist, muss man sich fragen, wenn man nachvollzieht, wie sehr sich die Intervenierenden, im konkreten Fall auch die Deutschen, an ihrer eigenen Entwicklungshilfe bereichert haben und wie wenig Autonomie sie den AfghanInnen gelassen haben, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu definieren und zu regeln. Das gilt für viele der humanitären NGOs nicht, v.a. im Bereich Schulen und Gesundheit, aber die gehen mit Geld und Autonomie im Land auch anders um…Und wer hat denn kofferweise Dollars an die Warlords von den LKW abgeworfen, damit sich die Intervenierenden schrittweise durchsetzen konnten? Und wie kam es zu einer Verfassung, die vielem widersprach, was die Afghanen durchaus wollten und was wir, im Westen, wohl auch nicht wollten?

Ich weiß nicht, wir wissen nicht, wie sich die Taliban verhalten werden. Alle Spekulationen sind windig und beschädigen ihre Urheber. Wenn man jahre-, monate- und tagelang all das was wir wussten und hätten wissen können, ignoriert hat, dann soll man den Blick in die Glaskugel lieber lassen. Aber was ich weiß: dass noch immer nicht ehrlich mit einer Politik abgerechnet wird, die geschönt bis gefälscht (zum Beispiel Fortschrittsberichte des AA ab 2010); dass sich noch immer viele über den Freiheitssatz von Struck lustig machen, den sie nach wie vor nicht im Kontext kennen; dass Afghanistan wieder vergessen wird, wenn die Anlässe (Wahlen, Flüchtlinge, Abschiebungen) nicht mehr auf der Titelseite stehen.

Jetzt stehen praktische Rettungs- und Hilfsmaßnahmen an. Und dann der Aufbau einer politischen und kulturellen, politisierenden und kultivierenden Erinnerungskultur, die den Verantwortlichen keinen Bonus auf Erklärung und Rechtfertigung für ihre Überraschung gibt.