Wissen vom Untergang II: Universitäten in der Pflicht?

 

Am 21.1. fand in Hamburg ein Kolloquium zur Hochschulpolitik aus der Sicht von überwiegend altgedienten Hochschulreformern der 70er, 80er und 90er Jahre statt – also meine Kolleginnen und Kollegen aus den Zeiten, da wir noch meinten, Hochschulen wirklich für die Gesellschaft umgestalten zu können. Manche glauben das noch immer. Die Initiative geht von Jürgen Lüthje aus, mit dem ich viele Jahre in vielen Hochschulzusammenhängen zusammengearbeitet hatte.  Ich sehe, dass viele europäische Länder uns längst den Rang abgelaufen haben und Deutschland nur noch immer so gut ist, weil es eben ein so großes System ist, das durch Unterfinanzierung nur langsam abstirbt.

Bei diesem Kolloquium hielt ich einen von 5 Impulsvorträgen, dementsprechend kurz. Ich gebe ihn hier teilweise wieder und habe dazu einige Ergänzungen eingefügt. Kommentare willkommen, und lest bitte das Wissen vom Untergang im Blog vom 12.1.2019 zuvor.

Die Universität in der Wissensgesellschaft

„Das Wissen vom Untergang – Wissenschaft braucht Macht und muß sie wollen“. (VAS 1990)

So hieß eines meiner ersten Bücher[1]. Das Finis terrae Motiv ist damals im Vorwort präzis beschrieben, noch vor dem Klimathema, und ich verbinde es mit dem Problem, woher denn und wie das richtige Wissen kommen und angewendet werden soll. Der Zustand der Welt für die Menschen ist in der Tat „eine Zeit abnehmenden Lichts“. Ich bin über mich selbst erstaunt, wie langsam ich seitdem vorwärts gekommen bin. Aber auch: wie richtig ich ohne Prophetie und Kassandrismus in vielem gelegen habe. Und warum die Universitätsreform kein Politikfeld neben anderen ist, sondern ihre eigenen Gesetze hat.

Wissensgesellschaft. Scheinbar wird mit diesem Begriff die Arbeitsgesellschaft oder die Industriegesellschaft abgelöst. Scheinbar, weil die beiden ja nicht in einem linearen, chronologischen Verhältnis zu einander stehen; ähnliche Begriffe wie Informationsgesellschaft drängen auf den Markt. Nicht nur der Markt prägt solche Begriffe, auch die Tatsache, dass Politiker oft hinter diesen „Wieselworten“ verbergen, dass auch sie nicht wissen,  worum es sich handelt, wenn sie z.B. „Industrie 5.0“ sagen. Der Begriff wieselt weg, wenn man ihn fassen möchte. Das ist ernster als man meinen könnte. Ich komme gleich dazu, wenn es ums gefährliche Wissen geht.

*

Viele Gegenwartsdiagnosen sind eng geführt, um den Fokus auf etwas Wichtiges, Relevantes und Nachhaltiges zu lenken. Sie beruhen auf einem Wissen, dass globalisiert auch zu Differenzierungen führt, die früher – noch nicht so lange her, weniger deutlich waren. Zum Beispiel gibt es Dichotomien wie Klima vs. Wetter, Gefahr vs. Risiko, Realität vs. Diskurs etc.; die waren natürlich vor 30 Jahren so bekannt wie heute, aber nicht in der massenhaften Verbreitung präsent; das Vertrauen in positive Befunde der Forschung, empirische zumal, war tatsächlich früher größer; Fake-news und subjektive, individuelle Meinungen spielten zwar immer eine Rolle, aber heute sind sie wirkungsvoller und v.a. schneller am Tatort.  Und das Wissen ist viel weniger an traditionelle Institutionen gebunden als noch damals: da etwa die Universität als Ort, wo relevantes Wissen generiert wurde, noch viel wichtiger war als heute; als der Prozess der Kommunikation über neues Wissen nicht in sekundenschneller Echtzeit vor sich ging wie der elektronische Börsenhandel. Heute ist der Zugang zu Wissen und seine rasche Umsetzung ein Kriterium für weltweite Märkte und Arbeitsteilung, auch nichts wirklich Neues, und doch – durch die Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neuartige Prozesse der Ordnung von Wissen ziemlich relevant (ich verweise, wie öfter schon auf Yuval Harari, Homo Deus). Oft schaffen es auch große Universitäten nicht mehr, alle an einem Problem zu beteiligenden Wissenschaften adäquat zu versammeln – Probleme wie HIV oder das Klima oder die globale Migration müssen in der Synergie der Forschung selbst die globale Kommunikation suchen. Hier ist ein wichtiger Einschub zu machen: nie können alle Disziplinen in einer Universität vorhanden sein, aber es sollten schon so viele wie möglich sein, und nicht alle müssen „exzellent“ oder erstklassig sein, aber wenigstens sollten sie Zugang zu ihrem Wissensbestand haben. Die Verschlankung nach Ranking-Kriterien ist eine Verarmung. Und die globale Wissenskommunikation wiederum wird nach wie vor durch Macht und eine spezielle Governance gesteuert und strukturiert. Universitäten werden zunehmend ortlos.

Die Suchmaschine hat sich in die Prozesse des gefährlichen Wissens eingeschoben, sie ist das relevante Dazwischen. In ihr manifestiert sich, was ich 1990 das gefährliche Wissen genannt habe[1]. Ein Wissen, dessen sich die Herrschaft bedienen muss, das sie aber in ihrer Aneignung und schon gar nicht in den Erkenntnisprozessen und in der Wissensgeneration nicht mehr übersehen und kontrollieren kann. Das ist in der Wissenssoziologie nicht besonders originell, aber in der alltäglichen Politik, Wirtschaft und Kultur schon wichtig, weil es ja auch darum geht, ein bestimmtes Wissen anzuwenden, wenn es notwendig ist – und was notwendig ist, bestimmen verschiedene Herrschaften…und nicht nur eine. (Man könnte das in die Diskurse des Davoser Forums projizieren. Dort wird auch mit Wissen in großem Maßstab gehandelt, und der Unterschied wird sofort deutlich, wenn man sich die Milliardäre ansieht, die Hofnarren=eingeladenen Philosophen, und die besänftigungsbereiten Kritiker).

*

Es ist naheliegend, dieses Thema mit der Situation von Daten(un)sicherheit und der ungeschützteren Verbreitung des Wissens über einander zu verbinden. Was wissen Eltern schon von ihren Kindern, was wissen Menschen über ihre Nachbarn, was wissen Laien über Experten und die Bevölkerung über ihre Politiker? Und was müssen sie wissen, und was brauchen sie nicht zu wissen? Und wer bestimmt über die Grenze zwischen beidem?

Bei diesen Fragen und ihren Antworten geht es immer um Macht im sozialen Raum. Relevante ökonomische Theorien argumentieren mit asymmetrischem Wissen über Prozesse und den Markt, Naturwissenschaften haben lange über das Anwachsen des Nichtwissens mit dem zunehmenden Wissen gespielt (Hubert Markl war darin prominent), und das Aushebeln von evidenten Befunden durch die herrschenden Autokraten – eben die Fake-News als empirische Größe der Herrschaft – erzeugt das fundamentale Misstrauen gegenüber allem, was man weiß oder zu wissen meint. Die „Alternative facts“ sind nicht nur Anlass zu Misstrauen, sondern, wenn sie las Fakten angesehen werden, auch berechtigte Ursache dafür, dass allen Fakten misstraut wird. Es herrscht nicht nur Stimmungs- sondern auch Eindruckskonvention.

Antworten auf diese Fragen sollte man lernen, und dazu wäre meine Antwort früher gewesen: dazu sind Universitäten da, oder – weiter – dazu ist ja die öffentliche, gleiche, zugängliche Bildung da. Ich bin mir heute nicht mehr sicher. Universitäten sind in immer geringerem Maße die Orte, an denen die Schnittstelle zwischen dem relevanten und dem nicht wichtigen Wissen und Nichtwissen ausgedeutet wird, an denen Wissen gespeichert, geordnet, bewahrt oder auch abgelegt wird.

Eine Kritik an uns alle, die wir Hochschulreformer*innen waren und sind: viel mehr als um Wissens- und Wissenschaftssysteme ging es uns immer um das Hochschulsystem. Dieses ist ein gesellschaftliches Macht- und Statusverteilungssystem, sozusagen die Feinsteuerung für die, denen das Bildungssystem einen gewissen Aufstieg ermöglicht hat. (einen „gewissen“, denn Aufstieg durch Bildung insgesamt hat sich als Trugschluss erwiesen…Statuszuweisung bewirkt weniger als Wissen: das wäre ein wichtiges Thema).

Deutlich wird der Systemwandel nicht nur an der Verschiebung von Wissen zur Kompetenz. Deutlich wird er an einem ständig härteren Druck auf die Universitäten, anwendbares Wissen & Fertigkeiten & kommunikative Eigenschaften in Tätigkeiten einzubringen, die oft nur mehr am Rande etwas mit den früheren Berufen zu haben – oder gerade erst recht diese Form beibehalten. Über das Verhältnis von Wissen zu Tätigkeit und von Tätigkeit zu Beruf ist die Bildungspolitik längst hinweggeschritten oder noch nicht dort angekommen. Die Diskussion um die Berufsvorbereitungsfunktion der Universitäten (§ 2 des alten Hochschulrahmengesetzes) wurde vorschnell abgebrochen.

Ich habe die Universitätspolitik resigniert verlassen, weil die Marginalisierung der Institution, ihre Entpolitisierung und ihre mangelnde Bedeutung für die Wissensgesellschaft mich ermüdet, ja frustriert hatte.

Studiert man an der Universität, um zu überleben, genauer: um das Überleben der Gattung und der zivilisierten Beziehung von Mensch und Natur zu lernen? Kann man das lernen?

Man kann, und das heißt Politik machen, um das Wissen richtig einzusetzen, um das richtige Wissen –  d.i. ist immer kritisch, dazu hier kein Exkurs, – und das bedeutet, den Kreislauf des gefährlichen Wissens zu unterbrechen. Mit den studentischen Forderungen nach Verstärkung ihrer Privilegien geht das nicht[2]. Mit der Isolation des Professoriats vom Studium der ihnen anvertrauten Studierenden auch nicht[3]. Mit der Digitalisierung und Individualisierung des Studierens, wie es HRK-Präsident Alt vorschlägt, erst recht nicht.

Die Disziplinen brauchen die Universitäten immer weniger, und ihre Wissensverknüpfungen sind in dem noch immer herrschenden Organisations- und Strukturkonservatismus der Universitäten nicht mehr unterzubringen (was früher anders war). Das Wissen in und um die Universität konkurriert zunehmend mit dem Wissen außerhalb ihrer Sphäre und – kann vielleicht sogar die Spaltung in eine wissende Elite und eine abgehängte Bevölkerung reduzieren. Die wird mit Ergebnissen abgespeist, aber nicht mit dem Wissen. (das können ganz kluge, phantasiebegabte, denkwendige Menschen sein – wenn sie von den Tresoren des Wissens ferngehalten[2] werden, damit andere diese Zugänge behalten können, werden sie so behandelt als wären sie nichts als dummer Pöbel. Wen es trifft, dürfen Sie raten).

Und jetzt zu Finis terrae. Was muss man wissen, um dagegen anzuleben? Zunächst, dass das gefährliche Wissen Gegenstand der politischen Arbeit werden muss, um die Herrschaft der Herrschenden (und die Macht der Mächtigen)  über die Wissensgeneratoren ebenso in Frage zu stellen wie die Tatsache, dass nur kritisches Wissen diese Herrschaft in Frage stellen kann.

Warum wissen wir mehr über die Rückseite des Mondes als … (setzt doch selbst ein, worüber wir nichts oder zu wenig wissen)? Warum wissen wir nicht genug darüber, warum sich Menschen willig den Besitzern des gefährlichen Wissens überantworten, durch Wahlen, Loyalitätsübungen, Unterwerfung? Wir dürfen nicht immer erst lernen, was es zu wissen gilt, wenn es zu spät ist.

Dazu wird die Universität auch künftig gebraucht. Ohne sie wird Silicon Valley so austrocknen wie jeder Think Tank. Nur muss sich die Universität in den Konflikt über Aneignung und Verwertung von Wissen einschalten, politisch werden und eines herstellen: eine gescheite Gesellschaft. (Früher hieß das auch „Nachwuchs“). Die Antwort auf die Frage woher ich das weiß, woher wir wissen, was wir wissen, kann auch heißen: aus der Universität.

*

Die dieses Impulses Diskussion war, ohne den Legitimationsdruck auf Politik einwirken zu müssen, aufschlussreich und entspannt. Ich nenne hier keine Namen, weil ich gar nicht erreichen konnte für diesen Blog, ist auch nicht so wichtig, solange die Themen brennen:

  1. Die Uni soll (weiterhin, verstärkt) Wissen generieren, Leadership entsteht durch Lehre aus Forschung. Dem kann ich hinzufügen, dass dann Lehre in den komplementären, beidseitigen Prozess des Studiums überführt werden sollte, und das Humboldtsche Missverständnis Lehre und Forschung ad acta gelegt werden kann.
  2. China ist der größte Produzent von neuem Wissen, hat aber keine demokratische Wissensgenerierung (haben wir eine?). KI + Digitalisierung konvergieren.
  3. Die neue U hat keine Fakultäten oder Studiengänge wie früher à neue Matrix setzt aber aktive Partizipation aller Beteiligten voraus, einschließlich der externen Akteure.
  4. In Deutschland werden seit mehr als zwei Jahrzehnten die Universitätshaushalte gekürzt zugunsten der außeruniversitären Forschung. Die Autonomie wird den Drittmittelmechanismen geopfert. Deshalb meine Forderung, dass jede einzelne Hochschule autonom als Akteur den anderen gegenübertreten soll, mit dem Risiko des Scheiterns.
  5. Die Geisteswissenschaften sind das Ergebnis dieser Kürzungspolitik und drohen zu verschwinden.
  6. Universität soll Wissen erzeugen und (sc. Drehung und Hebung bei Ernst Bloch). Unis sind in beiden überfordert und deshalb zunehmend defensiv.
  7. Ein Ziel ist Ent-Ranking und Entspezialisierung.

Ein Problem scheint mir zu sein, dass der staatliche operationale Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit und die Hochschulgestaltung aufgrund der weitgehenden Steuerfinanzierung zu Unrecht und falsch legitimiert wird. Ein weiteres Problem bleibt, dass dem rechtswidrigen Numerus clausus eine unattraktive Studiensituation gegenübersteht, und dass die befristeten Verträge für Wissenschaftler*innen den professoralen zünftigen Positionen ebenso entgegenstehen – was demotiviert, die außeruniversitäre Forschung begünstigt, was wiederum die Universitäten schwächt.

*

Warum mich das heute noch animiert?  weil man an anderen Hochschulsystemen durchaus lernen kann, wie man es besser macht, u.a. in England und Skandinavien. Wilhelm Humboldt wird vielleicht in dieser Hinsicht überschätzt (im Gegensatz zu Alexander).

[1] Erstmals ausgeführt in M.D. Der Verlust der Natur oder das Ende des gefährlichen Wissens in der Naturwissenschaft. In Daxner, Bloch, Schmidt (Hg.) Andere Ansichten der Natur, SZD 1981. Der Begriff erfuhr (leider) keine unmittelbare Konjunktur, verbreitete sich aber eher im Umfeld der Theoriearbeit nach Ernst Bloch. 1990 war seine Anwendung schon politischer und genauer geworden. Wobei sich meine Terminologie nur wenig ändern musste: häufig sollte statt Herrschaft Macht gesagt werden, und die Verfügung über die Blackbox der Wissensherstellung ist durch die Mächtigen zu wenig deutlich geworden. Aber bedenkt: 1981…

 

[2] Hier müsste dringend ein Seitenhieb auf Bibliometrie und die Zitierkartelle der reviewed papers eingebaut werden; auch die tragen zur Erosion der Universität bei.

Die Arbeitsplatzverirrung: Kohlenstaub

In Brandenburg regiert „rot“-„rot“. Man kann auch rot vor Ärger über diese Anmaßung werden, das „Regieren“ zu nennen.

Kohle mit Subventionen verrechnen, bedeutet für diese Regierung Sozialpolitik.

Politiker der zweiten Reihe beenden ihre Reden, wenn sie der so genannten Arbeiterklasse oder den Bergleuten zu Ende ihrer Berufslaufbahn oder den Bewohnern bestimmter Reviere ihre Reverenz erweisen wollen, mit einem herzlichen GLÜCK AUF!

(Die Assoziation zu einem zweisilbigen Gruß erspare ich uns, aber wenn schneidig gerufen, klingt Glückauf schon fatal…eben schneidig).

Die Klassentheorie des alten Marx war genial, aber sie ist etwas überholt. Lesen!

Die Klassentheorie des Marxismus, Marxismus Leninismus, Staatssozialismus oder der akademischen „Ableitungs“-Experten ist schlicht unsinnig, halbgar, praktisch unbrauchbar, auch wenn gut verpackt. Nicht lesen!

Neuere Variationen, wie die Theorien von Bourdieu, nehmen bei Marx auf, was noch trägt, und verbinden es mit einer Gesellschaftstheorie, viel weiter weg vom traditionellen Herrschaftssystem, als Sozialisten dies wahrhaben wollten.

Um das alles zu verstehen, müsste man nicht die Klassenkonstruktion, sondern die Plattform untersuchen, die der ARBEIT ihren zentralen Platz in der Sozialanthropologie der Klassenpolitiker verleiht. Das würde mehrere Blogs sprengen. Aber so viel ist wichtig, auch im Moment:

Die unmittelbare Verbindung von abhängiger Arbeit mit der Würde „des“ Menschen ist so verquer wie weniges.

Das ist eines der Braunkohlenausstiegsprobleme: dass hier Arbeitsplätze verlagert werden, denen nicht mehr oder weniger Würde anhängt als anderen; pure Ideologie?

*

Schauen wir einmal. Arbeit zur Reproduktion des eigenen Lebens und derer, die mit einem Leben: Genesis 3,19. Arbeitszwang als Strafe für die Freiheit der Menschen, da sorgt niemand mehr für das gute Tier, das im übrigen ja auch seine Nahrung suchen oder jagen muss, aber eben nicht als bewusst geplante Reproduktion. Das Internet quillt über von Interpretationen. Die Würde der Arbeit ist eine Konstruktion, die vor allem dem Selbstbewusstsein des unfreiwillig zur Arbeit angehaltenen Menschen dient. Nichts dagegen einzuwenden? Als Einführung sollte man lesen: Hannah Arendt, Vita activa, 3. Kapitel.  Dabei interessiert mich der Aspekt der Flüchtigkeit des Arbeitsprodukts im Gegensatz zum dauerhaft Hergestellten. (Dann kann man zurück auf Marx‘ Gebrauchs- vs. Tauschwert greifen, muss nicht den Epigonen mehr Sinn abtrotzen). (Und im Nebensatz: „labour“) heißen im Englischen die Wehen von gebärenden Frauen (schaut euch die Bilder an: da arbeitet nicht etwas, sondern ein Mensch:

Schaut euch die Bilder an: da arbeitet nicht „etwas“, sondern ein Mensch: https://de.images.search.yahoo.com/search/images;_ylt=AwrLIwUM7ERcCSYAoh0zCQx.;_ylu=X3oDMTByZmVxM3N0BGNvbG8DaXIyBHBvcwMxBHZ0aWQDBHNlYwNzYw–?p=labour+women%27s&fr=mcasa .: ein Kind wird nachhaltig, und es muss ernährt und behütet werden…da ist kein Arbeitsplatz.  Aber um das Kind durchzubringen, wird von den Eltern und anderen „work“ verlangt.

Würde erlange ich nicht schon dadurch, dass ich arbeite. Was diese Tätigkeit bewirkt und was sie herstellt, wirkt sich auf meine Würde aus (und nicht auf die zweifelhafte Ehre, Arbeiter zu sein). Und keineswegs allein, vielleicht dominant. Aber da gibt es noch anderes.

Unsere Komposita sind da zwiespältig. Lohnarbeit, Beziehungsarbeit, Sozialarbeit. Wenn die Würde um die selbstbestimmte Arbeit angeordnet wird, gar um das Kollektiv der Werktätigen, von dem auch nur Profit bleibt oder  eben Autos und Kohlebrocken, wo bleibt da die Würde? Der abgekürzte sarkastische Gedanke: Wenn die Bergleute weiter so handeln, dass ihre Ergebnisse die Kraftwerke heizen, dann können sie vielleicht sich selbst oder ihren Kindern beim Ersticken zusehen? Nicht doch – was können die Kinder für Engheit ihrer Eltern und der IGBCh? Und die Kumpels sollen nicht schlimmer am Klimawandel leiden als die RWE und andere Aktionäre.

Daszwischen lese ich Konrad Schullers Reportage „Proschim und die Malediven“ (FAS 20.2019, 5). Da geht es primäre nicht um den Arbeitsplatz, sondern um Heimat gegen Heimat. Diese Begriffe werden politisch, wenn sie Lebenswelt beschreiben. Man sollte sie nicht zuordnen, bevor der Kontext klar ist. Dazu hat Robert Habeck ein großartiges, kleines Buch geschrieben: Wer wir sein könnten. Ein Buch über Sprache und Politik, nicht eines über Programme und Ideologie. In dem Artikel von Schuller ist alles drin, was wir zur Politik gegen die Kohle, gegen die blinden Herrscher über die Energie brauchen. Kohleausstieg – wie auch Verkehrsbeschränkungen und andere klimaschonende Maßnahmen – sind nicht von einer Komplexität, zu deren Reduktion es übermenschlicher Anstrengung bedarf. Das machen uns nur die Glückaufhampel vor. Wenn sie dir dein Dorf zerstören, weil ihnen der Wasserspiegel der Malediven so egal ist wie dein Garten, dann verdienen sie Reduktion, nicht das Problem. Heimat gegen Heimat ist dennoch kompliziert. Wer aus den falschen Gründen für den Dorferhalt ist, macht es nicht besser als beim Arbeitsplatzerhalt.  Der eine scheint von rechts zu kommen, der andere scheinbar von links. Sie sind nicht gleich, aber gleichartig zu kritiseren und zu bekämpfen; zumal wenn sich der Arbeitsplatzinhaber im Dorf befindet, das ihm unter dem Hintern weggesteuert wird. Mit Subventionen in die Phantasielandschaft der Arbeitsplatzretter, seien das Ministerpräsidenten, Gewerkschafter oder Arbeitsgläubige.

Fahrt mal in die Lausitz.

Und wenn ich umgekehrt sage, dass Arbeit nur dann Würde verleiht, wenn etwas vernünftiges unter würdigen Bedingungen hergestellt wird, dann setzt das nicht nur Gerechtigkeit voraus, sondern auch ein menschenwürdiges Arbeitsumfeld.  Würde trotz Sklavenarbeit? Würde trotz Zwangsarbeit? (die Würde der KZ Häftlinge, Arbeit macht frei! Die Würde von Ivan Denissowitsch im Gulag, die Würde von Onkel Tom? Nicht die Arbeit, sondern die Umstände bestimmen den Grad an Menschenwürde, der aus ihr kommt -und dann bekommt die Arbeiterbewegung und ihre Filiationen einen Anteil an der Würde durch Arbeit. Aber, siehe oben, keinen übergroße und keinen absoluten).

Den Kohleausstieg hinauszögern, damit wir alle früher sterben, ist ein zu hoher Preis für die Verlängerung der Fristen des Kohleausstiegs. Schellnhuber vom PIK oder die Grünen gehören zu den wenigen, die das wissen und vertreten. Und wo bleibt die Würde der Kumpel und ihrer Familien? Sofort aufhören, Kohle zu schürfen, morgen. Die einen sollen die montan zerstörten Landschaften restaurieren, hohe Stundenlöhne, immer über den Sicherheitsleuten im Flugverkehr. Die andern auf ihre Mindestsicherung setzen, 3000 € im  Monat netto mindestens, bei den paar Tausend Bergleuten und Zulieferern fällt das nicht ins Gewicht, auch nicht über 10 bis 15 Jahre. Rechnet das mal zusammen….). Die Gesamtsumme erreicht bei weitem nicht die Gesamtheit aller korrupten oder unnötigen Beraterverträge der Koalition.

Wir haben so etwas schon mehrfach erlebt, mit dem Umbruch in der chemischen Indust rie, wo eine neue Generation die Kenntnisse der alten nicht mehr brauchte; mit der Digitalisierung; mit dem Verschwinden des Setzkastens bei den Druckern…aber die Symbolkrakeeler von Kohle (und Stahl?) bekommen einen Bonus. Der wird bei einem Abflauen der Konjunktur verschwinden, aber die Zechen werden nicht mehr aufgemacht.

Wie asozial, knurrt Herr Vassiliadis, im Chor mit den Glückauf-Männchen. Es gibt kein Zurück, nicht für die Lausitz, nicht für das rheinische Revier, nirgends. Ohne Kohleimport können wir das schnell schaffen.  Schnell, wenn wir ganz viel unsinnige Energieverschwendung stoppen. (Analogien: Autoindustrie, Binnenflugverkehr, Klimaanlagen, Lieferschleifen usw.).

Wir büßen als Individuen einiges an tradierten Gebrauchswerten ein, mehr noch an Tauschwerten (auch Status, Bequemlichkeit, Adipositas und Trendhörigkeit gehören dazu…). Mir geht es aber um die Bergleute und ihre Familien. Sind die denn so verrottet, dass die die Argumente nicht hören wollen, oder steht das blödere Deutschland zu ihrer Befestigung Spalier?

Nein, ich habe nichts gegen die Hammer&Schlägel-Helden, die Steiger und Obersteiger, die Geretteten der Grubenunglücke. W ichtige Arbeit war das, aber kein gute. Über Jahrtausende. Auch die Würde der Vergangenheit darf gegenwärtig und politisch genutzt werden. Zukünftig gibt es da nichts würdiges, auch nicht ehrenvolles, nur die Mahnung umzukehren.

*

Das Arbeitsplatzargument ist unsinnig. Output-orientiert können Zwangsarbeiterarbeitsplätze vielleicht mehr einbringen als tarifgebundene, so wie nicht nur früher Schichtarbeit sich dem Maschinentakt unterworfen hatte, und heute die Freiheit des vagierenden Lohnabhängigen, der überall erreichbar sein muss, als Freiheit verkauft wird. Die Abtrennung der Ökonomie von der Politik, wie sie auch von Vertretern der Lohnabhängigen im Einzelfall, zB. bei Branchenverhandlungen usw. eingebracht wird, schafft keine Würde, sie untergräbt sie.

Privilegiert alle Bergleute, die ihre Jobs morgen verlieren müssen.  Bezahlt sie gut und achtet sie. Aber lasst sie nie mehr mit Kohle Kohle machen.

Rechte Justiz gegen den Rechtsstaat

 

  1. Gumbel

https://www.zeit.de/2012/07/Gumbel/komplettansicht

Lest erst einmal über EMIL JULIUS GUMBEL, einem Wissenschaftler, der den Nazis entkommen war, überlebte und in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg totgeschwiegen wurde.

Fazit eines 1922 erschienen Buches zum politischen Mord:

„354 politische Morde von rechts; Gesamtsühne: 90 Jahre, 2 Monate Einsperrung, 730 M. Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft“; dagegen: „22 Morde von links; Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre, 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen.“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14336404.html)(13.1.2019).

  1. Gumbel und ich

Als ich gerade ein paar Tage Universitätspräsident war, 1986, feierte Heidelberg, Gumbels alte Universität,  ihr Jubiläum – 600 Jahre. Alle deutschen Rektoren und viele ausländische Universitätsleitungen waren eingeladen, jeder (es waren fast nur Männer) durfte zwei Minuten reden. Ich erwähnte Gumbel als einen der Sterne am akademischen Himmel von Heidelberg. Mein Beitrag war der einzige, der in der Festschrift nicht gedruckt wurde. (Damals Rektor: Gisbert Gans Freiherr von Putlitz).

  1. Berlin ist nicht Bonn ist nicht Weimar

Der Rechtsstaat der Bundesrepublik hat sich nach 1949 konsolidiert. Die meisten Gerichte, Staatsanwälte, Polizisten, Sicherheitsdienste im staatlichen Bereich tun ihre Pflicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Das gilt auch für das vereinigte Deutschland. Das ist sozusagen die Normalität  der quantitativen dritten Säule des Rechtsstaats.

Aber wir wissen, dass viele Gerichte, Staatsanwälte wie Richter, und dass viele Sicherheitsorgane eine rechte Kumpanei pflegen, die vom Rechtsbruch bis zum offenen Faschismus reicht. Die Summe aller Einzelfälle ist eindeutig rechtslastig. Das fällt nicht nur mir auf, natürlich. Wir wissen das, alle können das wissen.

Lest heute die Süddeutsche Zeitung online:

  1. Januar 2019, 09:34 Rechtsextremismus Wenn rechte Gewalt zur Normalität wird

Die SZ ist nicht verdächtig, Sprachrohr linksextremer Systemkritik zu sein. Lest den ganzen Artikel.

URL: https://www.sueddeutsche.de/politik/rechtsextremismus-sachsen-anhalt-prozess-justiz-1.4280352

Copyright: Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH

Quelle: SZ.de/ghe/mane/cat

 

Es ist klar: es sind gehäufte Einzelfälle, so wie die hessischen Polizisten, sowie die Nazis in der Bundeswehr, so wie die Versprecher des NRW-Innenministers zum Volksempfinden, so wie…es gibt zu wenige Wissenschaftler wie Gumbel, die das aufzeichnen, verifizieren und auswerten.

 

  1. Die deutsche Juristenausbildung

 

Ungehindert konnten viele deutsche Juraprofessoren nach 1945 ihre Nazijurisprudenz in Westdeutschland fortsetzen, und die DDR hatte ihre Verlängerung dieser Justiz ja unter Beweis gestellt. Vieles hat sich gebessert, und die „Furchtbaren Juristen“ sind weniger geworden, gestorben, und teilweise vergessen. Aber die nächsten Generationen von Juristen und Sicherheitsbeamten haben eben nur in der Mehrzahl, aber nicht zur Gänze, diesen Habitus der Inklination gegen links, gegen die Demokratie abgelegt. (Ingo Müller: Furchtbare Juristen, 1987, 7. Auflage 2014 (https://de.wikipedia.org/wiki/Furchtbare_Juristen). Lest den SZ Artikel noch einmal.

 

Umkehr: im Großen  und Ganzen können wir uns auf die deutsche Rechtsprechung, ja auch auf die Polizei verlassen. Aber dass den konservativen Regierungen und Parlamenten da etwas mulmig ist, kann man an den neuern Polizeischutzgesetzen sehen.

 

Vielleicht wird jetzt deutlich, warum ich gestern in meinem Blog über das gefährliche Wissen und die Universität geschrieben habe. Wir können uns auf die Juristenausbildung, auf das Sicherheitstraining oft weniger verlassen als auf die Produkte dieser Ausbildung. Aber wir müssen hinschauen. Staatsanwälte kumpeln gerne mit Polizisten, wenn die wegen Amtsmissbrauchs, Gewalt oder Schlimmeren angezeigt werden – sie brauchen diese Polizisten ja für ihre Ermittlungen.  Also Vorsicht. Richter versetzen sich bei politischen Prozessen gerne in die Volksstimmungen und oft werden ihre Rechtsauslegungen zwar als skurril empfunden (s.o. Rostock), aber kaum korrigiert.  Kritik ist nicht illoyal, sondern muss sein, auch an den Säulen des so genannten Rechtsstaats. Und um sie üben zu können, muss man etwas wissen, was einem kein Repetitor bei den studienfernen Juraausbildungsgängen beibringen kann; auch so ein Kapitel von Missbrauch, die Repetitoren.

 

  1. Hütet euch vor den furchtbaren Juristen und ihren neunköpfigen Nachkommen.

 

Wenn die Justiz weiter einseitig für die Rechten Partei nimmt, wird sie zum Obejkt der Beobachtung durch Demokraten; das ist gut. „Die Justiz“ – ich weiß, es ist nur eine Minderheit in der Justiz, aber die treiben ungehindert ihr Spiel, so wie es ja nicht nur autoritäre Polizist*innen gibt. Aber wer legt dem Polizeigewerkschhafter Wendt die Zunge in Zaum? Loyalität kann es nur aus kritischer Grundhaltung geben, solange nicht genügend Vertrauen erworben wurde. Und diese Grundhaltung kann jeder lernen, man kann sie sogar studieren…die  „hergebrachten Grundsätze“ des Beamtentums, in Variationen der Justiz, sind ungenügend.

 

 

Wissen vom Untergang

So hieß eines meiner ersten Bücher, Büchlein eher: Das Wissen vom Untergang – Wissenschaft braucht Macht und muß sie wollen. Frankfurt/M., VAS[1]. Jetzt könnte ich mich zurücklehnen, mein Finis terrae Motiv ist damals im Vorwort präzis beschrieben, noch vor dem Klimathema, und ich verbinde es mit dem Problem, wo denn wie das richtige Wissen herkommen und angewendet werden soll. Ich bin über mich selbst erstaunt, wie langsam ich seit dem vorwärts gekommen bin. Aber auch: wie richtig ich ohne Prophetie und Kassandrismus in vielem gelegen habe. Und warum die Universitätsreform kein Politikfeld neben anderen ist.

*

Viele Gegenwartsdiagnosen sind eng geführt, um den Fokus auf etwas Wichtiges, Relevantes und Nachhaltiges zu lenken. Sie beruhen auf einem Wissen, dass globalisiert auch zu Differenzierungen führt, die früher – noch nicht so lange her, weniger deutlich waren. Dichotomien wie Klima vs. Wetter, Gefahr vs. Risiko, Realität vs. Diskurs etc. waren natürlich vor 30 Jahren so bekannt wie heute, aber nicht in der massenhaften Verbreitung präsent; Das Vertrauen in positive Befunde der Forschung, empirische zumal, war größer; Fake-news und subjektive, individuelle Meinung spielten zwar immer eine Rolle, aber heute sind sie wirkungsvoller und v.a. schneller am Tatort.  Und das Wissen ist viel weniger an traditionelle Institutionen gebunden als noch damals: wo etwa die Universität als Ort, wo relevantes Wissen generiert wurde, noch viel wichtiger war als heute; als der Prozess der Kommunikation über neues Wissen nicht in sekundenschneller Echtzeit vor sich ging wie der elektronische Börsenhandel. Heute sind der Zugang zu Wissen und seine rasche Umsetzung ein Kriterium für weltweite Märkte und Arbeitsteilung, auch nichts wirklich neues, und doch – durch die Digitalisierung und neuartige Prozesse der Ordnung von Wissen ziemlich relevant. Oft schaffen es auch große Universitäten nicht mehr, alle an einem Problem zu beteiligenden Wissenschaften adäquat zu versammeln – Probleme wie HIV oder das Klima oder die globale Migration müssen in der Synergie der Forschung selbst die globale Kommunikation suchen. Und die wiederum wird nach wie vor durch Macht und eine spezielle Governance gesteuert und strukturiert.

Die Suchmaschine hat sich in die Prozesse des gefährlichen Wissens eingeschoben, sie ist das relevante Dazwischen. In ihr manifestiert sich, was ich 1990 das gefährliche Wissen genannt habe. Ein Wissen, dessen sich die Herrschaft bedienen muss, das sie aber in ihrer Aneignung und schon gar nicht in den Erkenntnisprozessen und in der Wissensgeneration gar nicht mehr übersehen und kontrollieren kann. Das ist in der Wissenssoziologie nicht besonders originell, aber in der alltäglichen Politik, Wirtschaft und Kultur schon wichtig, weil es ja auch darum geht, ein bestimmtes Wissen anzuwenden, wenn es notwendig ist – und was notwendig ist, bestimmen verschiedene Herrschaften…

*

Es ist naheliegend, dieses Thema mit der Situation von Daten(un)sicherheit und der ungeschützteren Verbreitung des Wissens über einander zu verbinden. Was wissen Eltern schon von ihren Kindern, was wissen Menschen über ihre Nachbarn, was was wissen Laien über Experten und die Bevölkerung über ihre Politiker? Und was müssen sie wissen, und was brauchen sie nicht zu wissen?

Bei diesen Fragen und ihren Antworten geht es immer um Macht im sozialen Raum. Relevante ökonomische Theorien argumentieren mit asymmetrischem Wissen über Prozesse und den Markt, Naturwissenschaften haben lange über das Anwachsen des Nichtwissens mit dem zunehmenden Wissen gespielt, und das Aushebeln von evidenten Befunden durch die herrschenden Autokraten – eben die Fake-News als empirische Größe der Herrschaft – erzeugt das fundamentale Misstrauen gegenüber allem, was man weiß oder zu wissen meint.

Antworten auf diese Fragen sollte man lernen, und dazu wäre meine Antwort früher gewesen: dazu sind Universitäten da, oder – weiter – dazu ist ja die öffentliche, gleiche, zugängliche Bildung da. Ich bin mir heute nicht mehr sicher. Universitäten sind in immer geringerem Maße die Orte, an denen die Schnittstelle zwischen dem relevanten und dem nicht wichtigen Wissen und Nichtwissen ausgedeutet wird, an denen Wissen gespeichert, geordnet, bewahrt oder auch abgelegt wird.

Deutlich wird das nicht nur an der Verschiebung von Wissen zur Kompetenz. Deutlich wird das an einem ständig härteren Druck auf die Universitäten, anwendbares Wissen & Fertigkeiten & kommunikative Eigenschaften in Tätigkeiten einzubringen, die oft nur mehr am Rande etwas mit den früheren Berufen zu haben – oder gerade erst recht diese Form beibehalten. Über das Verhältnis von Wissen zu Tätigkeit und von Tätigkeit zu Beruf ist die Bildungspolitik längst hinweggeschritten oder noch nicht dort angekommen.

Ich habe die Universität und Universitätspolitik auch resigniert verlassen, weil die Marginalisierung der Institution, ihre Entpolitisierung und ihre mangelnde Bedeutung für die Wissensgesellschaft mich ermüdet, ja frustriert hatte. Studiert man der Universität, um zu überleben, genauer: um das Überleben der Gattung und der zivilisierten Beziehung von Mensch und Natur zu lernen? Kann man das lernen?

Man kann, und das heißt Politik machen, um das Wissen richtig einzusetzen, um das richtige Wissen –  d.i. ist immer kritisch, dazu hier kein Exkurs, – und das bedeutet, den Kreislauf des gefährlichen Wissens zu unterbrechen. Mit den studentischen Forderungen nach Verstärkung ihrer Privilegien geht das nicht[2]. Mit der Isolation des Professoriats vom Studium der ihnen anvertrauten – Ihr habt richtig gelesen. „anvertrauten“ – Studierenden auch nicht[3]. Mit der Digitalisierung und Individualisierung des Studierens, wie es HRK-Präsident Alt vorschlägt, erst Recht nicht.

Die Disziplinen brauchen die Universitäten immer weniger, und ihre Wissensverknüpfungen sind in dem noch immer herrschenden Organisations- und Strukturkonservatismus der Universitäten nicht mer unterzubringen (was früher anders war). Das Wissen in und um die Universität konkurriert zunehmend mit dem Wissen außerhalb ihrer Sphäre und – kann vielleicht sogar die Spaltung in eine wissende Elite und einen dummen Pöbel reduzieren. Der „dumme Pöbel“ wird mit Ergebnissen abgespeist, nicht mit dem Wissen. (das können ganz kluge, phantasiebegabte, denkwendige Menschen sein – wenn sie von den Tresoren des Wissens ferngehalten werden, damit andere diese Zugänge behalten können, werden sie so behandelt als wären sie nichts als dummer Pöbel. Wen es trifft, dürft ihr raten.

Und jetzt zu Finis terrae. Was muss man wissen, um dagegen anzuleben? Zunächst, dass das gefährliche Wissen Gegenstand der politischen Arbeit werden muss, um die Herrschaft der Herrschenden über die Wissensgeneratoren ebenso in Frage zu stellen wie die Tatsache, dass nur kritisches Wissen diese Herrschaft in Frage stellen kann. Warum wissen wir mehr über die Rückseite des Mondes als … (setzt doch selbst ein, worüber wir nichts oder zuwenig wissen)? Warum wissen wir nicht genug darüber, warum sich Menschen willig den Besitzern des gefährlichen Wissens überantworten, durch Wahlen, Loyalitätsübungen, Unterwerfung? Wir dürfen nicht immer erst lernen, was es zu wissen gilt, wenn es zu spät ist.

 

 

[1] 60 Druckseiten, Kleinstformat. ISBN 3-88864-108-X, DM 5,00….sic transit gloria mundi.

[2] Dazu demnächst ein längerer Essay zur Unmöglichkeit, zugleich keine Gebühren, keine zeitlichen Beschränkungen, keine höheren Leistungen und privilegierte Bezahlung und Alterssicherung einzufordern.

 

[3] Damit meine ich, dass sich Berufungen und Reputation auf veröffentlichte Forschungsleistungen gründen, diese Forschung an Universitäten aber schlechtere Bedingungen hat als im außeruniversitären Bereich, und dass die Professor*innen sich noch stärker vom Studieren abwenden müssen, um ihren Status zu erhalten.

Keine Opferstatus für die AfD!

Wir Daten

Da wurden Adressen, Chats, Passwörter usw. gehackt. Na und?

Der zuständige, wie zu erwarten minderbemittelte, Leiter des zuständigen, wie zu erwarten Seehofer unterstellten Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, erklärte, man sei nicht dazu da „abzuwehren“, sondern zu „reagieren“. Na und?

Man wolle die NSA bei der Aufklärung um Hilfe bitten. Jene National Security Agency, die Merkels Handy gehackt hatte und eigentlich nur illegale und oft kriminelle Aktionen setzt. Aber warum nicht, wir setzen ja auch kriminelle V-Leute ein. Was nutzt es, wenn wir die Täter finden? Prozess, Verurteilung, das will das empörte Volk. Ja schon, aber…

Wir geben unsere Daten freiwillig und dauerhaft Preis, manchmal müssen wir es. Meistens müssen wir es nicht. Keiner muss Payback-Karten benutzen (darüber werden Einkaufsverhalten und Lebensgewohnheiten ausgeforscht und werbewirksam weiter verarbeitet). Wie oft drücken wir auf OK, wenn auf Cookies hingewiesen wird, die bei Infoanfragen vorgeschaltet sind? Wie oft geben wir in sozialen Netzwerken das Preis, das wir geschützt wissen wollen, wenn es zu uns zurück kommt? Keine Klage: unser schlechtes oder unvorsichtiges Verhalten rechtfertigt die globale Bewegung zu totaler Überwachung keineswegs.

(Schnitt: zu diesem Thema sind die Medie3nmeldungen gestern und heute voll. Kann man alles im Detail nachlesen. Mir geht es darum:  der Mensch als Datum, als Nummer, als Zahl).

Das ist nicht neu. In ihrem wichtigen Buch Erstickte Worte, Wien 1988, beschreibt Sarah Kofman, der Vater in Auschwitz ermordet wurde, die Verwandlung des Häftlings in eine Zahl, in ein Datum, ganz im Kontext der Sprachlosigkeit.

„Mein Vater: Berek Kofman, geboren am 10. Oktober 1900 in Sobin (Polen), am 16. Juli 1942 nach Drancy gebracht. Gehörte zum  12. Deportationszug vom 29. Juli 1942, einem Zug mit 1000 Deportierten, 270 Männern und 730 Frauen (zwischen 36 und 54 Jahren): 270 Männer mit Matrikelnummern von 54.153 bis 54.442, 514 für die Arbeit selektionierter Frauen mit den Nummern 13.320 bis 13.833, 216 anderen Frauen, die sofort vergast wurden“ (S.28, Quelle u.a. Serge Klarsfeld).

Seit damals beschäftigt mich die Verwandlung der Opfer in Zahlen (Jenseits der Sprachanalyse, mit der Kofman nicht alleine steht). Erst Sarah und Israel als Mittelname zur „Erkennung“ der jüdischen Menschen und dann die Nummer. Bei den Deportierten aus Drancy der übersetzte Begriff „Matrikelnummer“, der in ziviler Form auch zur Erkennung von Studierenden heute dient.

Wenn wir heute in die Algorithmen aller möglichen Informationspolitiken eingebaut werden, geht es nicht um Transportnummern in den Tod, sondern als Ortung von Objekten der Werbung, Überwachung, Manipulation etc. Das kann zu Tod und Verfolgung führen, wie die chinesischen Sozialüberwachungssysteme, die nach den digitalen Erkenntnissen die Daten zurück in den zu verfolgenden, maßzuregelnden Menschen verwandeln; gibt es anderswo auch, vielleicht weniger explizit und nachvollziehbar. China first. Das kann auch zur Lebensgestaltung und zu den Bedingungen der Reproduktion eines Arbeitslebens führen, wie die Digitalisierung der Publikationsmerkmale (z.B. Citation Index) für die Laufbahn ganzer Generationen und Individuen in der Wissenschaft.  Wieder tausende Beispiele, und wieder höchst variable Spielräume für die Individuen, ob sie ihre Daten preisgeben oder nicht.

Wie oft spiele ich das Spiel mit? Täglich, denke, mehrmals, selten überwiegen die bewussten Entscheidungen, ok zu drücken.

Anfangs war ich überrascht, wie gerade meine besten und Freunde hier viel gelassener waren als ich, obwohl sie genauso politisch, öffentlich, kenntlich sind. Ihr Argument: was hindert mich am Sagen und Leben der Wahrheit, wenn andere das beobachten, verfolgen, speichern und in ihre Handlungsschemata einspeisen. Wenn sich diese Verarbeitung unserer digitalen Existenz auswirkt, wir also bestraft, gelenkt, behindert werden, muss man sich wehren, aber bis dahin ist der Aufwand, gegen jedeweder Art der Überwachung sich zu wappnen, größer als der Effekt im Einzelfall. Genaugenommen haben sie Recht. Als Einzelner kann ich nur ganz beschränkt meine Verdatung behindern, die daraus erfolgenden Sanktionen sind größer als der Anlass rechtfertigt. Dieser Appell an Gelassenheit ist die eine Seite der Medaille.

Die andere ist, für uns selbst zu entscheiden, was ohnedies öffentlich sein kann, darf, soll. Immunisierung der Privatsphäre durch Öffentlichkeit? In diese Richtung gehen viele meiner Überlegungen. In den 68er verwendeten wir etwas präcox die Losung: das Private ist öffentlich/politisch. Wir meinten unter anderem, dass der „Besitz“ an Privatem der Öffentlichkeit nicht entzogen werden sollte. Das ging bis Reduktion der Intimität beim Herstellen von Orgasmen, oder auch die „Veröffentlichung“ von Lebensgewohnheiten usw. es  wurde über die Öffentlichkeit kleinlich, aber genauer nachgedacht als darüber was privat bedeuten sollte, und ob privat auch persönlich sein soll. Für mich ist heute u.a. die Frage, wo meine Menschenwürde anzusiedeln sei. Und welche zu Unrecht angeeigneten Daten gefährden diese Würde? Die Häftlingsnummer ist die ultima ratio der Entwürdigung, wer Nummern tötet, tötet schon keine Menschen mehr. Die politische Frage ist, mit welchem Recht Daten geteilt werden und wieweit wir selbst da gleich mitportioniert werden. Hier sind wir Demokratien weit hinter der Praxis aller Diktaturen und auch verselbstständigten Datenkraken von NSA, CIA, FSB usw. – das stärkt unsere Würde und unsere Verwundbarkeit.

Wenn ich möchte, dass z.B. eine bestimmte Habitusgemeinschaft (politisch, aber auch einfach im Sportverein oder Literaturklub) etwas über mich weiß, dann nehme ich ein bestimmtes Mitlesen, Mitwissen in Kauf, und wenn da die Falschen dabei sind, gilt meine Güterabwägung. Wenn ich den Innenminister wegen seiner unmenschlichen Deportationspolitik angreifen will, dann müssen das Menschen auch ohne die Habitusaffinität auch erfahren, und dann riskiere ich Gegenwehr. Nicht einfach na und?, sondern Risikobewertung.  Wenn ich bestimmte Daten und persönlichen Qualitäten partout bei mir behalten will, muss ich sie nicht über die Sozialen Medien meinen dort sich tummelnden „Freunden“ mitteilen, Unbefugte lesen immer mit. Und so weiter…das kennen wir doch? Aber es gibt Gründe, es nicht zu beherzigen. Es gibt auch Gründe, warum Menschen trotz der Krebsgefahr weiter rauchen oder Trinken. Die Wahrnehmung dieser Gründe liegt immer an der Wasserscheide zwischen Privat und Öffentlich. Und so kann sein, dass die Öffentlichkeit unsere Privatheit schützt, indem sie bestimmte Dinge einfach für sich nicht in Anspruch nimmt.

Die Passwörter meiner Menschenwürde müssen gut geschützt sein. Das kann ich trotz China, NSA, BMI, Google etc. weitgehend, nicht gänzlich, selbst entscheiden, einschließlich bestimmter Einschränkungen im täglichen Leben. Dass das Konstrukt der Ehre jedes Menschen durch die Verdatung besser und wirkungsvoller angreifbar wird, wissen wir auch. Aber es ist eben politisch, nicht jedes Konstrukt als relevant anzusehen und wenn nötig abzuwehren.

Womit wir bei der Sorge um uns selbst (Foucault) und bei der Genauigkeit der Wahrnehmung dessen angekommen sind, was um uns und mit uns geschieht. Große Philosophie – mag sein, aber vor allem kleine, alltägliche Korrekturen. Seit man die Bahncard durch ein Lesegerät in der Lounge ziehen muss, werden offenbar Bewegungsprofile von Bahnreisenden angelegt. Na und? Wenn sie mich nicht aus anderen Gründen suchen, sollen sie weiter solchen Unsinn machen. Seit ich weiß, wie Payback-Karten bei Rewe und anderswo für direkte Werbeansprache verwendet werden, benütze ich keine mehr. Na und? Und auch hier: und so  weiter, den ganzen Tag…Die Reduzierung der Zahl dieser Entscheidungen und die hinterlistige Erzeugung falscher Daten, wenn uns das nur immer gelänge, ist auch ein Teil gelassener mit wichtigen Problemen umzugehen. Wichtig ist es, öffentlich zu leben, um ein Stück Privatheit zu schützen.

An meine Blog-Leser*innen!

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Followers!

Alles Gute im Neuen zu wünschen bedeutet, Ihnnen und euch ein friedliches Jahr inmitten von Unfrieden und Unsicherheit zu wünschen, anders als im oft missverstandenen Sprichtwort gibt es ein richtiges Leben im falschen.

Dieser Blog möchte euch und Ihnen heute ein paar Formalia servieren, bevor es morgen weiter geht mit finis terrae und den gegenwartsdiagnosen des ironischen Weltblicks.

Generell und ohne Abstriche bedeutet Datenschutz in diesem Blog, dass ich keinen Kommentar ohne Zustimmung des Autors bzw. der Autorin weitergebe. Hier gilt die Widerspruchsregel. Da ich diesen Blog mit keinem sozialen Medium verlinkt habe, erscheint er auch nicht auf facebook etc. Hinweise, dass es den Blog gibt, erfolgen über die Angabe der blogadresse http://michaeldaxner.com  .

Was ich mir von Ihnen und euch wünsche:

  • weil ich nicht über die gängigen sozialen Medien kommuniziere, wäre eine Verbreitung meiner Basis durch Sie und Euch für mich sehr erfreulich. 2018 ist nun das dritte Jahr, danke für die steigende Frequenz der Insights. Höhepunkt 2018 war der Blog zur Garnisonkirche. Wenn jeder Leser und jede Leserin einen Follower animiert, bin ich dankbar. Gebt die Blogadresse weiter, ausdrücklich keine Beschränkung meinerseits.
  • Schreibt mehr Kommentare, bitte. Manche sind sehr hilfreich, auch Korrekturen kommen an, die werden dann in die Updates eingearbeitet.
  • Bitte sagt auch, wenn thematische Interessen zu stark oder oder zu wenig bedient werden, natürlichgibt es auch bei mir Konjunkturen aus aktuellem Anlass, zB. in der Asylpolitik oder beim Antisemitismus

Ansonsten bleibst dabei: DANKE AN DIE TREUE UND KRITISCHE LESER*INNEN – GRUPPE:

Mit allen guten Wünschen Michael Daxner

p.s. mein sehr verkürzter Wikieintrag wird demnächst erneuert, und meine WordPress-Eingangsseite wird ständig upgedatet.

Schiebt Seehofer nach Bayern ab

Es gibt keine Ruhe. Ein deutscher Täter muss schizophren sein, wenn er Ausländer, Migranten gar, töten will. Ein afghanischer, irakischer, syrischer Jugendlicher greift gesund und wahrscheinlich längst erwachsen deutsche und ? andere Menschen an, verletzt sie: er ist von vornherein voll schuldfähig, weil er ja aus unserem deutschen Wohlwollen überhaupt nur hier ist, und wir nehmen keine pubertierenden Jugendlichen, schizophrenen, traumatisierten Flüchtlinge auf, bestenfalls Arbeitskräfte.

Das Strafrecht, auch die Trennung von Polizei und Gericht, kommen den abseitigen Politikern, nicht nur Seehofer oder Reul, abhanden. Das wissen wir. Aber man muss es täglich wiederholen. Seehofer, getrieben von Schuldgefühlen (Familienpolitik und -beschädigung, Beleidigung der Kanzlerin, Verarschung der Bevölkerung) will in seiner Angstblüte noch einmal er selbst sein – sein CSU Kollege Schuster hat die oben angesprochenen Vorfälle gelassen und klug dorthin befördert, wo sie hingehören, zu Polizei und Justiz (DLF 3.1., 7.15).

Ich würde Seehofer aus vielen Gründen gern vergessen. Sich an einem Fossil reiben, macht so viel Spaß wie an die Aschermittwochzeltwand der CSU pinkeln. Aber dieser Mann ist so genannter Innenminister in einer nicht nur so genannten Demokratie. Da muss er haften.

Was die beiden Vorfälle von Amberg und Bottrop betrifft, sind sich alle vernünftigen Menschen quer durch die Parteien einig: beide Vorfälle eignen sich nicht als Präzedenz für neue politische Kontroversen. Bei schweren Straftaten war mein Motto immer, sperrt die Täter ein, aber schiebt sie nicht ab.

Bei Seehofer kommt etwas anderes hinzu. Viele der zu Recht oder Unrecht Abgeschobenen kommen wieder, als Gefährder,  unerkannt, getarnt und voller Vergeltungsdrang. Dann geht’s es dem Innenminister direkt oder indirekt an den Kragen. Das ist nicht zu wünschen, aber kein unrealistisches Szenario: warum sollen Herkunftsländer die Abgeschobenen wegen Taten foltern, die in Deutschland begangen wurden (sie foltern sie ohnedies, weshalb sie ja früher geflohen; und „Folter“ kann durchaus durch andere Vokabeln ersetzt werden, in diesem Fall). Dazu kommt etwas ganz anderes. Ausgerechnet der bayrische Übeltäter argumentiert, dass man ja von Asylbewerbern besondere moralische Verantwortung und ein dem Aufnahmeland konformes Verhalten erwarten müsse.

Um es  klar und fast aggressiv zu formulieren: Asyl wird nicht gewährt, wenn und weil es mit Dankbarkeit und Unterwerfung gekoppelt ist – der oder die Geschützte kann dankbar sein, aber er und sie müssen es nicht. Aus Zeiten voraufgeklärter Huldbezeugung sind wir raus.

Es gibt einen berühmten Fall eines Auschwitzüberlebenden. Der Unternehmer wurde massiv wegen seines Verhaltens angegriffen („…nach dem, was er erlebt hatte, müsste er doch anständiger sein…“). Das “Müsste“ könnte auch „Sollte“ lauten, um den moralischen Standpunkt der Kritiker deutlich hervorzuheben. Der Mann wurde im Fernsehen angegriffen, erst KZ-Opfer, und jetzt hartherziger Kapitalist…da entblößte er seinen Unterarm, deutete auf die Häftlingsnummer und meinte, niemand brauche ihm Moral beizubringen. Richtig und falsch zugleich.

Millionen Flüchtlinge, nicht erst seit 2015, haben schrecklichstes durchgemacht. Nach dem, was sie durchgemacht haben, müssten sie doch dankbarer sein…oder williger, sich zu integrieren…oder wenigstens respektvoller zu den Deutschen…Richtig und falsch zugleich. Zunächst schulden wir ihnen Respekt, dass sie nicht ertrunken sind, dass sie die Grenzen überwunden haben, dass sie endlich im Schutz des Art. 16 GG angekommen sind. Respekt, dass sie überlebt haben. Wer kennt die Opfer, die sie dafür gebracht haben, nicht nur das aufgewendete Geld. Familien, die sich nie wieder sehen werden; im Stich gelassene soziale und kulturelle Umgebungen; und was wissen wir, welche Traumata zu Neurosen und Psychosen geführt haben, alle der Flucht geschuldet, oder der Entscheidung zu ihr, oder dem Leiden am Überleben. Nicht nur Deutsche werden irrsinnig, um strafmindernd bewertet zu werden.

Aber niemand, auch nicht die grassesten Asyl- und Ausländerfreunde, hat je gefordert, diese Asylanten und Ausländer sollen als Straftäter nicht zur Verantwortung gezogen werden, und da kommt es wieder zu auf Seehofer, wie auf seinen Vorgänger, wie auf die Vorfeldorganisationen der Rechtsradikalen im Polizei- und Justizapparat…Ich sage immer, sperrt die deutschen und nichtdeutschen Straftäter nach den selben Kriterien ein und analysiert die Umgebung der Taten bei allen Menschen gleichmäßig.  

Abschiebungsverschärfung ist der infantile Sadismus eines überflüssigen Politikers. Nur ihn selber können wir nicht abschieben, ein anderes Land nimmt ihn nicht auf, in eine Diktatur dürfen wir ihn nicht schicken (obwohl er in Ungarn oder Brasilien gut aufgehoben wäre), und nach Bayern? Jetzt, wo die Bayern gerade vom Fluch des Horst befreit werden, sie wieder ins moralische Elend stoßen…Also was jetzt? Vielleicht doch Bayern, soll er doch im Kloster Seeon bleiben, und bis zu seinem seligen Ableben glauben, die ersten drei Buchstaben seien ihm gewidmet.

 

Das war 2019

Propheten sagen nicht die Zukunft voraus. Sie geben eine Gegenwartsdiagnose, der die wenigstens glauben wollen, weshalb man sich für die Zukunft wappnen will – entweder die Propheten verbrennt, oder Gegenmaßnahmen ergreift. Jede Diagnose enthält im besten Fall auch einen Ausblick auf die Folgen des Handelns in der Gegenwart – wenn das Zukunft sein soll, bitte. Bestes Beispiel im Kleinen: Feuerwerke in der Silvesternacht. 25% des Verkehrsfeinstaubs in ein paar Stunden. Beispiel im Großen: Trump und die Mauer zu Mexiko. Ein nationales Regierungssystem in die Erosion treiben für einen unrealistischen (und bezahlbaren, aber undurchführbaren) Plan.

Das Kalenderjahr hat begonnen wie das letzte geendet hat.  Mit phrasenhaften Vorsätzen (die werden übrigens merklich weniger, je weniger die Menschen ihren eigenen Fähigkeit glauben, dass sie sich ändern wollen und können), mit hohlen Ermahnungen und mit Neujahrsempfängen (die hießen im Dezember noch Rückblicke).

2019 also, 5779 im jüdischen, 1440 im islamischen und xyzxyz in vielen anderen Kalendern. Über Jahres- und Lebenszyklen schreibe ich im nächsten Blog, das ist eine Ankündigung, keine Prophezeiung. Also: wie wird 2019 gewesen sein?

(Auszüge aus einem berühmten Lied von Georg Kreisler: Dreh das Fernsehen ab…[1](1963).

Man verbot jetzt April und Musik in A-Dur
Und begoss uns’re Straßen mit Leim –
Jeder Bürger erhält eine goldene Uhr
Doch das Wetter bleibt weiter geheim
An der Staatsgrenze streicht man die Schlagbäume weiß
Und man muss jetzt die Semmeln verzoll’n –
Unser Nachbar bekam einen Förderungspreis
Damit Andere auch einen woll’n!

Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Auf den Feldern reift das gestrige Gemüse
Die Antennen wachsen langsam durch die Wiese
Wer noch jung ist, wird schon jede Woche zäher
Und die Tränenlieferanten kommen näher
Irgendwer schreit, irgendwer flieht –
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!

So ist es, so wird es kommen?

Die Wahrnehmung der Umstände, die sich nicht nur abzeichnen, sondern schon da sind, nur noch nicht voll und gleichzeitig entfaltet,  ist die Voraussetzung von politischem Handeln, von Agieren in einer Umwelt, die einem das Handeln gerne zugunsten der Herrschaft ersparen möchte oder muss.

Das sieht Hans-Joachim Schellnhuber genauso (DLF 31.12.2018). Er ist optimistisch, nicht wegen der miserablen Klimapolitik, sondern wegen der Wahrnehmung der Klimakatastrophe durch immer mehr Bürger*innen. Zwischen den Zeilen höre ich eine Kausalkette: Realität à Angst à Handlungsdruck à Politik. Das ist eine reale Angst vor Zuständen, wie sie Robert Habeck als worst case gezeichnet hat  (siehe den letzten Blog (31.12.)). Und nicht die Angst vor der Angst (auch ein Liedzitat von Kreisler), eines der stärksten Motive der Realpolitiker gegen die Realisten. Hoffnung auf die neue Generation? In gewisser Hinsicht ja, weil sie des Geschichtsfatalismus müde ist. Der ist ein Element der Wohlstandsverwahrlosung in den reichen Ländern, also bei uns, und der Hoffnungslosigkeit in den armen Ländern (warum wählen Menschen Duterte oder Bolsonaro?).  Das Ersetzen von Realitätskonstruktionen durch die Wirklichkeit kann erst den Realismus zum Bestandteil von Politik machen. (N.B. Hier hinkt die Sprache, weil Realität eben eine Konstruktion ist, die Wirklich zwar wirklich, aber als solche nicht unmittelbar zu erkennen – weshalb nicht  nur die Lügner, sondern die Fake-Produzenten, Ideologen usw. Hochkonjunktur immer hatten, Trump ist nur das letzte, aber nicht einzige Beispiel).

Das andere Beispiel ist der Krieg, der längst im Gange ist, zugleich sich ankündigt, zugleich unendlich fern erscheint, je nachdem, wo wir gerade sind, wie wir ihn uns denken oder vorwegnehmen. Für mich ist die Variation des Vorkriegs, konkret in unserer Gegend analog zur Periode 1918-1938, die passende Schablone. Dass das alles nicht genauso abläuft, ist so klar, wie dass die Analogie besonderen wert auf die Unterschiede legen muss, geschenkt.  Wenn dann an einem bestimmten Punkt ein Krieg ausbricht, ist er längst im Gange gewesen. Das ist ein Problem des „Anderswo“. Aber territorial sollte man im Zeitalter der Globalisierung nichtdenken, das haben sich die Globalisten selbst zuzuschreiben. Denkt doch an die vielen wohlständigen Urlauber, die ungerührt in kriegführende Länder zur Erholung und zum Baden reisen oder auf ihren Kreuzfahrtschiffen munter von kriegführender Diktatur zur nächsten gondeln…nein, die sind nicht kriegsblind, die sind nur „Realisten“, weil ja überall Teile dieses Kriegs anzutreffen sind.

Das ist allerdings eine Problematik der rückwärtsgewandten Wahrnehmung von „Krieg“, die immer die Erinnerung und das kollektive wie kulturelle Gedächtnis bemühen muss, um Krieg sich vorstellen zu können – die subjektiven Narrative rennen oft gegen diese Erinnerungen erfolglos an, manchmal erfolgreich.

Auch bei der Wahrnehmung der Klimakatstrophe ist diese Wahrnehmung darauf gerichtet, die Frage zu beantworten, wie es dazu gekommen ist und warum wir/man/ich/ nichts dagegen tun. Was (wahrscheinlich) kommt, ist sozusagen konsekutiv in den Film eingespannt, der immer vor dem Heute beginnt. Vorkrieg ist in den meisten Fällen schon Krieg, nur nicht ausgebrochen.

Der Golfkrieg war ausgebrochen, als Irak Kuwait überfiel, und dann die USA den Irak angriff. Krieg. Als die Russen die Krim überfielen und dann die Ostukraine, wurde dies kein Krieg, sondern wie eine eingekapselte Sicherung von Interessenssphären aus dem Westen betrachtet. Kein Krieg? Bürgerkrieg ist nur Krieg, wenn die Fronten nicht unsere ideologischen Lager durcheinander bringen.

Was unterscheidet den „Frieden“ vom Vorkrieg?  Das ist eine Auseinandersetzung der Geschichtsbücher. Der nicht ausgebrochene Krieg wird Frieden genannt; der wirkliche Frieden ist kein stabiler Zustand, der Vorkriegsfrieden ein Aufschub.

2019 also ein Kriegsjahr im Vorkrieg. Soviel erscheint mir sicher. Der Rest: wie umgeht man die Angst vor der Angst?

*

Die übrigen Prognosen sind mühselig gestückelte Allgemeinplätze (Aktienkurse),  Gewaltandrohungen (der Angstblütler Seehofer), und ein Weiter so. Das letztere verurteile ich nicht, denn „Nichtweiterso“ würde ja Selbstaufgabe, Revolution oder wenigstens Handeln verlangen.

Vorschlag: Sammelt Prognosen der mandatierten Volksvertreter und Ammtsträger und Pundits. Bei zu großen Abweichungen von den Vorhersagen zur Jahresmitte überlegt euch Variationen von naming&shaming, einschließlich Strafandrohung bei allzu blödsinnigen Vorhersagen. Das entlastet und regt die Phantasie an.

*

Klima und Krieg.

Was fällt euch dazu ein?

 

[1] https://genius.com/Georg-kreisler-dreh-das-fernsehn-ab-lyrics 2.1.2018

Wenn niemand nachfragt…

Wovon reden wir, was interessiert, wenn einem die Jahresrückblicke und der sanfte Blödsinn des abzählbar endlichen Repertoires an Jahresendzeitwitzen auf die Nerven gehen, aber man dennoch nicht so tun sollte, als ob der Jahreswechsel (bei uns, jedenfalls) so gar nichts bedeute. Ich bin arg verkühlt, habe auf „Gesellschaften“ wenig Lust und auch nicht auf die Theorie, was solche Gesellschaften mit der Gesellschaft zu tun haben (Das war mein Einstieg in die Grundvorlesung „Einführung in die Soziologie“, wer geht heute schon auf eine Gesellschaft, gibt gar eine, oder protestiert gegen eine solche durch eine Gegenveranstaltung, sowie die Stunksitzung gegen die Prunksitzung in Köln gestellt wird, und  die Gegengesellschaft ja nicht einfach Chillen ist).

Der Stapel ungelesener Bücher und nicht gehörter DVDs und CDs ist gewaltig. Mein Husten lässt mich wenigstens lesen, ich habe die neuen Bücher zur Seite gelegt, um das neuaufgelegte Buch „From Here to Eternity“ von James Jones genau zu lesen. (From Here to Eternity, Open Road Media 2011, Restored Version). Keine Rezension, Ihr werdet gleich verstehen warum. Aber erst einmal Daten: James Jones 1921-1977. Seiten 40er Jahren schrieb er an dem Roman, der auf Hawaii spielt, unmittelbar vor Pearl Harbor. Ein frühes Opfer von PTBS…1951 erscheint das Buch, auf Deutsch „Verdammt in alle Ewigkeit“. 1953 – McCarthy Zeit,  wird der Film gedreht[1], mit Montgomery Clift, Burt Lancaster, Deborah Kerr und Frank Sinatra. Was für mich außergewöhnlich wichtig war: das Buch stand, auf Deutsch, in unserm Bücherschrank, und sollte mich seit 55 Jahren begleiten. Was ich nicht verstand, beim ersten Kontakt, die Verschränkung von amerikanischer Militärgeschichte, der politischen Ökonomie der US Army nach der Depression und im New Deal, die Verbindung von militärischem Habitus und Sexualität, und eben dieser Habitus im Zentrum eines Buches, dessen Originalfassung ich jetzt endlich auf Englisch lese; den Film kenne ich natürlich in Originalsprache, aber erst diese unzensierte und wiederhergestellte Fassung fesselt mich erneut. Es gibt kein Thema, das heute aktuell ist, das in dieser Vorkriegsgeschichte nicht vertieft oder wenigstens gestreift wird, es gibt keine politische Korrektheit, und da ich in den letzten Jahren viel zu Veteranen gearbeitet habe: Hier wird die Statuspassage beschrieben, aus der Veteranen – oder Kriegsopfer hervorgehen;  aus der individuelle Persönlichkeiten erstehen oder untergehen.

Da sind mehr als ein Seminar und eine Metadiskussion drin. Und es müsste niemanden interessieren, wie sehr dieses Buch mich beeinflusst, geprägt und weiterhin beschäftigt hat, gäbe es da nicht die erschreckende thematische Problemliste, die so aktuell ist, als wäre sie nicht am Vorabend eines großen Krieges verfasst – und die heutige ist im Vorfeld der nächsten Kriege nicht so strukturell anders.

Es gibt in Deutschland eine schwindsüchtige Friedensbewegung, die Empathie und analytische Distanz zu Streitkräften und Krieg mit allen Mitteln verhindern möchte. Empathie mit Veteranen wurde mir zum Publikationsverbot, obwohl die Analyse eher kritisch war und ich gar keinen Grund hatte, Stellung für Bundeswehr oder ihre Veteranen zu nehmen. Das ist ein Beispiel für diese Schwindsucht, ich kenne viele. (Empathie mit Sympathie zu verwechseln, ist allerdings ein Problem des deutschen Bildungswesens und nicht des Militärs).

Zurück zum Buch. Militär als soziales Aufstiegsmedium einerseits,  Klassenkampf und -habitus zwischen Offizieren und Mannschaften, Funktion von flachen und steilen Hierarchien und ein soziales Feld, in dem die Koordinate Krieg nicht vorkommt, wohl aber Gewalt und Regelverletzung in jeder Hinsicht.  Die Protagonisten im Buch reden vom kommenden, wahrscheinlichen Krieg, und der bedeutet für sie fast immer – sterben. (Nicht kämpfen, der Heroismus im Vorkrieg beschränkt sich auf oft sehr gewalttätige Sportarten als Grundlage für Status innerhalb der Kaserne).

(Als ich mir vor zwanzig Jahren in Oldenburg im Programmkino Verdammt in alle Ewigkeit als Wunschfilm zeigen ließ, gab es bitteren Protest von feministischen Wissenschaftlerinnen über die anscheinend altmodischen Rollen- und Geschlechtszuteilungen. Es hatte schon damals wenig Sinn, gegen die Subtexte in Film und Wahrnehmung eine Form korrekter Mittelschichtattitüde anzunehmen, in der so etwas wie Liebe x Sex weder in der Kombination Hure-Soldat noch Unteroffizier-Frau des Vorgesetzten keinen Platz hatte („den Männern geht es nur um Sex“). Ich war ziemlich sauer, denn so schwer ist der Film nicht zu verstehen. Gerade nicht „nur“, und in diesem Buch gerade viel weniger als in Mainstream Hollywood. Das Militär wird transparent, es erlaubt den Blick auf die amerikanische Gesellschaft, auf die White Anglosaxon Protestants, und die Außenseiter, Jewboys, Italiener, Chinesen, Hawaiianer; die „Nigger“ sind noch nicht die Vorkriegsrekruten. (Gerade jetzt wird eine multinationale Bundeswehr diskutiert. Nichtdeutsche kämpfen dann nicht für „ihr“ Vaterland, sondern professionell als Soldaten).

Also bitte, schaut euch den Film an oder lest gar das Buch.

Warum aber gerade an Silvester? Mir sagt das Datum wenig positives,  ich mag die scheinheilige Jahreswende nicht, aber sie darf sein, natürlich, wenns zum Brauchthum gehört, und kann ja auch sehr lustig, animiert oder nachdenklich sein. Aber es ist ein Datum erhöhter Aufmerksamkeit, auch was die eigene Zeit angeht.

Frag nach, ob es 2019 Krieg geben wird, d.h. konkret einen Krieg, an dem Deutschland oder die EU über bisherige Interventionen hinaus beteiligt sind. Ob es vielleicht gar auf dem Gebiet des Landes Krieg geben wird. Ob wir Veteranen der Bundeswehr produzieren oder immer mehr solche aus der private Security. Ob wir weiter die Klimakatastrophe so lange wie möglich anderen aufbürden und die daraus sich zwangsweise ergebenden Flüchtlingsmengen umlenken. Diese Nachfragen führen bei den befragten Politiker*innen zu Ungeduld. Man hats ja tausendfach gesagt, oder? Diese Nachfragen haben eine reflexive Seite, wir befragen uns auch selbst, über unsere Rolle im politischen Raum, in der Öffentlichkeit.

Diese Seite wird in allen Parteien, in einzelnen Gliederungen auch bei uns Grünen vernachlässigt. Da gibt es -einige, nicht viele, aber lautstarke – die in den Vorkriegsszenarien immer binäre Figuren drehen (Beispiel: Putin-Assad sind besser als Trump, Erdögan-Putin sind eine bessere Allianz als Türkei in der NATO, aber zugleich „die armen Kurden“ usw.). Das hat nichts mit grün zu tun, natürlich, aber die Hauptsache es geht gegen den Westen, und die Leier kennen wir. Ich sagte: in allen Parteien.  Bei den andern wundert und wurmt es mich nicht so sehr. Aber was könnte aus der reflexiven Seite herauskommen?

Zunächst Klimapolitik, die die Klimakriege vorhersehbar, erwartbar, aber auch präventiv abwehrbar machen kann. Und welche Rolle spielen wir, nicht nur als Bürger*innen, sondern im militärischen Vorfeld. Wie wird ein Klimakrieg aussehen? Je nachdem, wo gekämpft wird. Das muss nicht im völlig ariden Niemandsland sein. Es kann um die von Habeck vorausgesagten überfluteten Städte und Inseln gehen, um fruchtbare und nicht verwüstete Böden, um festen Boden unter Flüchtlingsfüßen.

Aber daran schließt sich unmittelbar der Widerstand gegen die Arbeitsplatz-Philosophie der Gewerkschaften, Sozialdemokraten und scheinheiligen Unternehmer an: dieser Widerstand ist Politik, indem es keinen Arbeitsplatz „an sich“ zu geben hat, sondern dort,  wo er gebraucht wird.

Das kann, um nicht auszuufern, auch das Militär sein.  Im Vorkrieg ist der Satz „Frieden schaffen ohne Waffen“ wohlfeil. Was sagt er? Nicht viel, den „Schaffen“ beinhaltet schon Aktion, Gewalt gegen die Gewalttätigen, die Tyrannen, die Autokraten.  Auch die passive Resistenz ist Gewalt und wird mit Gewalt beantwortet. Das  bedeutet für Demokratien eine andere Form von Militär, eine andere Form von Drohung mit Waffen und Intervention, und eine Politik, in der das Volk nicht einfach „zu den Waffen gerufen werden“ kann, schon gar nicht für Gott, Führer, Vaterland und andere Schmonzes. „Verteidigung“ klingt ja gut, besser als Angriff, aber was verteidigt, wer sich auf den Verteidigungsfall vorbereitet? Dies ist die Nachfrage, die mir fehlt, schmerzlich fehlt. Wie kann eine Armee Demokratie verteidigen, wie kann sie republikanisch sein (Putin), wie kann sie die Schutzmacht für Flüchtlinge werden (Assad), wie kann sie Abholzung des Urwalds mit Gewalt verhindern (Bolsonaro), wie kann sie dem unzivilisierten Pöbel Einhalt bieten (Trump), wie kann sie Theater und Zeitungen schützen (Orban), wie kann sie die Selbstbestimmung von Frauen über ihre Schwangerschaft bewahren (Kaczinsky)…? Die Namen stehen für Systeme, die wir ja nicht wollen, weil unser System ein anderes ist, weshalb sich unsere demokratischen Parteien erlauben können, als „Systemparteien“ die Nazis auszugrenzen und ansonsten eben diese Fragen zu beantworten, nicht immer gleich auf das Militär schauend, aber es auch nicht vergessend. Das ist vereinbar mit Abrüstungspolitik, mit Rüstungskontrolle, aber nicht mit der unbewaffneten Märtyrerpose des „Kannst eh nix machen“.

Der Soldat, meist „er“, nicht „sie“, ist aktiv indem er kämpft, tötet, getötet oder verwundet wird; aber er ist passiv indem er diese Aktivität tut oder nicht tut. (System!). Wenn in der Kaserne darüber nachgedacht und geredet wird, klingt das anders als bei Seminaren des BMVg oder in der Ausbildung. Aber könnten wir, als eine Art Vorsatz, darüber nachdenken, ob wir die Diskurse in und außerhalb des Militärs als kritische einander annähern, nicht den Staat im Staate, nicht den Diskurs in seinem Extrazimmer, fördern, sondern ihn übersetzbar erhalten?

Wer den Krieg voraussieht, will ihn meist verhindern. Wer ihn als Soldat voraussieht, sieht sein eigenes Sterben voraus, unabhängig vom Töten anderer. Das ist die Einseitigkeit, in der und von der die gesellschaftlichen Todestriebler ihre Macht beziehen. (Ernst Jünger z.B., auch ein Goethepreisträger (1982) und Pour le Mérite Ausgezeichneter)[2]. Wer nicht töten will, stirbt trotzdem – als Soldat. Für die Lebenstriebler ist es schwieriger, für den Frieden zu reden trotz Krieg (Remarque[3] ist da mein Vorbild, er will sich auch „unpolitisch“ verstanden wissen, setzt sozusagen die Menschlichkeit vor die Politik. Was seine Beschreibung des Kriegs nicht weniger drastisch macht, aber auch weniger naturgesetzlich und kalt, bei aller Distanz des Beobachters. Und jetzt stellt euch vor, wie die, die in der Armee ihre – zeitgemäß ausgedrückt – Grundsicherung erfahren haben, den Krieg antizipieren. Wenn der Soldatenberuf vor 80 Jahren die Rettung vor dem Staat war, der niemanden mehr retten konnte in Armut und Klassen-Rassenkampf, so ist das heute anders. Also geht man mit Verantwortung da hinein, nicht nur für Deutschland, sondern auch für sich selbst. Ich gehe nicht zur Bundeswehr um getötet zu werden, und um zu töten schon? So einfach ist es nicht, aber das eine geht dem andern voraus. DESHALB ist der Werbeslogan doppelt falsch, wenn nicht peinlich: Wir.dienen.Deutschland. Am peinlichsten sind die Punkte – Der Punkt lässt Optionen offen. Peinlich aber auch, weil es nicht um Deutschland geht.

Siehe oben.

Friedlicher kann 2019 werden. Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Krieg gibt es und kann es vielleicht mehr oder weniger geben. Aber nicht fürs Vaterland und andere Phantasmagorien. Jetzt setze ich die Punkte. Bis zum Neuen Jahr Alles Gute.

[1] www.youtube.com/watch?v=nvbRdxVLC7I; https://www.youtube.com/watch?v=utJbl6Um9aY; haltet euch nicht bei einem der berühmtesten Strandküsse auf, DER gehört zum Widerstand. Die gut recherchierte Vita des Regisseurs bzgl. Geschichte und Kriegsveteranen gehört dazu, wenn man verstehen will, warum der Film das Buch so gut umsetzt: https://en.wikipedia.org/wiki/Fred_Zinnemann

[2] https://www.youtube.com/watch?v=8RP6LhjQoq4 . Jünger und Remarque werden einander so oft gegenübergestellt, dass man sich vor Gemeinplätzen hüten sollte und vor Instrumentalisierung. Ich erinnere, dass mein Freund Erich Fried einmal sagte, Jünger sei kein Nazi gewesen, aber ein schlechter Schriftsteller. Und wahrscheinlich war er mehr „Soldat“ als Antithese zum „Zivilen“ als gesellschaftlichem Prinzip (wozu dann der renommierte Käferforscher nicht passt, oder doch?).

[3] Den muss man selbst recherchieren, weil über seinen Pazifismus höchst kontroverse Ansichten bestehen, und weil diese „Lebenstrieb“-Metapher von mir aus der Verlegenheit verwendet wird, jede sozialdarwinistische Funktion von Militär/Soldat abzuwenden. https://de.search.yahoo.com/search?fr =mcasa&type= E111DE1268G0&p=remarque+k%C3%A4mpferischer+pazifismus .Da ich viele Jahre in Osnabrück gearbeitet habe, kannte ich die Anfänge der Remarqueforschung (Tilmann Westphalen) recht gut, und auch der entzieht sich der Vereinnahmung durch eine politische Richtung der Friedensbewegung.