Neuer ANFANG: fast schon vorbei

Ich habe zwei Wochen keinen Blog geschrieben. Ich werde mich heute – und ab heute – wieder regelmäßig im Blog äußern, allerdings – siehe den letzten Blog – nur selten analytisch oder gar belehrend zu Ukraine und Covid. Warum das mir wichtig ist, erkläre ich und bitte euch, wieder regelmäßig zu diesem Blog zu greifen. Am besten den letzten vom 22. Februar als Vorwort lesen.

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Angst, Betroffenheit, Aktualität und medial überaus wirksame Ereignisse erzeugen Laienexperten (bewusst in der männlichen Form, das sind fast immer Männer, man möchte sie in „“ setzen…). Das ist so beim Terrorismus, bei Covid, und beim Krieg, vor allem aber an Politiken, die entweder schwer verständlich sind oder mit denen wir BürgerInnen anscheinend zu wenig zu tun haben (–> Elitendiskurs, –> abgelegt, abgehängt werden, o wir Gelbwesten und Neoliberale Überflieger….).

Natürlich verfolge ich Ereignisse, kontroverse Deutungen und Beobachtungen, bin oft nahe an Gefühlen oder Wutausbrüchen oder Resignation, ABER das bringt mich gerade dazu, mich nicht oder selten oder nicht-öffentlich zu äußern. Und zwar nicht, weil meine Meinung zu den Aktualitäten falsch oder dumm wäre, sondern weil sie mitwirkte das zu verdecken, das AUCH da und wichtig und aktuell ist, und von Putins Krieg und dem Covidchaos in den Subtext, ins Unterbewusste abgedrängt wird.

Klimaschutz, Syrien, Afghanistan, Mozambique und x+1 andere Kriegsländer, Hunger, Klassenspaltung…war da was? vielleicht, aber wenn man die Nachrichten seziert, kommt all das fast nur mehr als Funktion des Ukrainekriegs vor. Das ist brandgefährlich und beruhigt nur die Autoritären und die Neoliberralen, die jetzt schon daran denken, wie sie aus der Krise aussteigen werden, sie, und nicht die vielen Menschen. (Doch zwei Beispiele: Weizenknappheit bei uns wird die Preise steigen lassen, bei uns, was ist mit den armen Ländern? Die Freiheit von Maske und Regeln wird mehr Menschen sterben lassen oder Long Covid verbreitern, aber die gesunden Marktdödis stört das nicht, der Tod gehört zu ihrer Risikorechnung).

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Dreht die Sache einmal um: wer kann mitreden, wenn es um Ursachen und Auslöser des Kriegs geht, und um die Intervenierenden Variablen dieser Situation. Manche Experten und mehr Expertinnen (siehe oben) gefallen sich darin, Verantwortliche zu identifizieren. Die ganz Dummen mit dem Singular: Der Westen ist schuld. Oder: Putin ist geisteskrank (Analogien zu Hitler und Stalin tunlichst abgebogen). Oder es geht um Aufarbeitung einer Geschichte, wonach die Ukraine russisch wäre – oder eben nicht (der letzte Punkt verführt mich zu galliger Historiographie: Schlesien ist unser! Wer sind wir – Österreicher, Tschechen, Deutsche, Geflüchtete…mehr noch gefällig). Fazit dieser Umkehrung: Der Kontext der Schuldzuweisung incl. der Mitschuld und Mit²schuld bestimmt den Diskurs, und was zur Seite abfällt, verdrängt wird, dem Vergessen anheimfällt – kommt hier nicht vor. auch in den guten Medien unterbelichtet. Einigung besteht nur, die Nebenwidersprüche einmal beiseite zu schieben, die polnische Unrechtsjustiz, den ungarischen Regierungsfaschismus, … , der Kontext macht tolerant.

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Die scheinbare Einigung der EU ist doch etwas Gutes im Schlechten? Ja, momentan. Schon beim Erdgas und beim EU Beitritt zerfällt sie, ? Nebenwiderspruch ?

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Individuelle, sozio-psychologische Analogien sind oft in der dogmatischen Politikwissenscht verboten. Schon deshalb ein Versuch, dagegen zu halten. Stellt euch eine Person (m,w,d etc. egal), die hochemotionale Beziehungen in Masse gehabt hat und sich spontan „verliebt“. Wie diese Person meint, mit Haut und Haar (und der, die, das muss es sein). Ich bin versucht, ES zu schreiben, wie bei Faust in Bezugs schöne Gretchen. Nun sagt die allgemeine Meinung, in solchen Situationen wird nicht mit früheren Liebschaften verglichen, jetzt ist alles anders. Was aber geschieht, wenn die Erinnerung an alle diese Liebschaften „davor“ nur im Unbewussten darauf lauern, verglichen zu werden? auch die neue Verliebtheit geht den Weg aller vorherigen.

Davor: DDR, Ungarn, Afghanistan, Georgien, Krim, Donbass; Davor: Vietnam, Afghanistan, Lateinamerika.

Noch weiter davor die Vergleiche von Hitler mit Stalin, von beiden mit Putin, mit Hintersassen wie Erdögan, Kadyrow, etc.

Noch weiter davor: ethnische Überlegenheit und Unterlegenheit als – oft kirchlich gesegnete – Schicksalsgemeinschaft.

Sonst noch was?

Das Unbewusste und das Unterbewusste tauen beide auf, drängen sich ans Licht. Davon haben die, die jetzt leiden, getötet werden, töten müssen dürfen sollen können nichts, vieles vom deutschen Bildschirm aus dem warme Caféhaus und der expertoaffinen Gesprächsrunde heraus. Empathie und Sympathie einfach einmal nicht auf Staaten verteilen, sondern auf Gesellschaften, und da auf Menschen. Einfach? Schon kursiert wieder „Der“ Russe.

Nachwort: versteht das nicht falsch. Ich habe eine eindeutige MEINUNG zu den Ereignissen, aber eine Meinung wird nicht durch Verbreitung zur WAHRHEIT, sondern durch PRAXIS, z.B. Spenden, Unterkunft öffnen, und vor allem sich darüber im Klaren sein, was man beiseite legen muss, oder nicht, um aus der Meinung Politik zu machen.

Terror der Aktualität – Angst vor der Wirklichkeit

Oft zitiere ich Jeran Améry mit dem Terror der Aktualität; was allzunahe liegt, verdeckt, was vielleicht wirklich wichtiger oder auch bedrohlicher. ist Die rhetorischen Kriegsvorbereitungern zur Ukraine decken sich nur teilweise mit wirklichen Interessenkonflikten, und wer sich ein wenig distanziert von der auch voyeuristischen Hysterie wird die Gefahr nicht leugnen, aber sich nicht der Risikoprognose hingeben. Im Schatten dieser Krise verblassen die Klimagefahren, die Risiken, dass es uns in zwei, drei Generationen so nicht mehr geben wird, und das „anders Geben“ vielleicht unlebbar wird…auch verdceckt diese Krise andere Gefahren, die ebenfalls hunderttausende Tote bedeuten können – ich greife nur heraus: Das Verhungern von Menschen in Afghanistan, im Jemen. Das menschliche Hirn ist noch nicht so entwickelt, sich von der instinktiven Befassung mit dem Naheliegenden, mit der anscheinenden Aktualität, zu lösen.

Die Gleichzeitigkeit der Themen und Probleme überfordert, und so wird symbolisch gereiht. Das entfernt uns von der Wirklichkeit. Oft sind die privaten Meinungen zu Krieg und Frieden ähnlich unsinnig wie die Covidleugnung oder die – im größeren – die Klimablindheit und die Insensibilitätä gegenüber Korruption und Lüge.

Wenn wir die Interessenkonflikte im Fall der Ukraine analysieren, dann gibt es kaum einen Bereich, in dem die internationalen Akteure nicht alle entweder wirtschaftiche und machtpolitische Interessen durch scheinbare moralische und ideologische, auch nationalistische oder bündnissorientierte durc h Überdecken (coating) aufsetzen. Wir haben den Diktaturen – und Russland ist eine Diktatur – nichts als eine brüchige Demokratie entegegnzusetzen, und die ist der Fokus. Das gilt auch für die angemessene Distanz zu den USA, die ja leicht reden haben jenseits des Atlantik, und das gilt in Zuzkunft auch für die NATO, der wir eine europäische Vergteidgung entegensetzen müssen, die wird auch teuer, und kostet mehr als 2%. Aber man kann nicht alles haben. Jetzt aber steht nur eines an: Helsinki II.

Ich mache keine Prognosen, ob und wann welche Annektionen geschehen, wann und wie welche Drohung wirkt, wann und wie welches Unternehmen seine Dividende über die Menschenrechte durchsetzt (scheinheilig sind sie alle). Aber ich bekämpfe die Hysterie aus politischer Aktualität, in mir und und um mich herum. Das politische Coronavirus ist gefährlicher als Covid.

Komm, süßer Tod, und stirb nicht.

So ein trauriger Titel…? Nein, gar nicht traurig. Wenn jemand stirbt, ist es für diesen Menschen fast immer nicht besonders schön, nur selten eine Erleichterung oder eine Erlösung, und für die anderen meist etwas, das man so genau nicht wissen will. Deshalb hat man ja den Tod. Den gibt es zwar nicht, aber füllt die Gedichtsammlungen, Romane, Religions- und Gesetzestafeln, die Bildergalerien und vieles im Alltag, bis hin zur Todesstrafe (obwohl man gerade den Tod nicht bestrafen kann).

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In diesen Tagen der reifen Covidpolitik geht es den meisten Politikern, aber auch den Impfgegnern und Verschwörern, und schon gar dem protestierenden Pöbel nicht ums Sterben, also nicht um das Leid konkreter Menschen, das sie mitverursachen (ob sie das so wollen oder nicht, hat wenig zu sagen). Längst hat der Diskurs abgehoben und lungert über uns herum wie eine große, graue Wolke. Eines macht mir, wenn ich das schreibe, Sorge: was immer man dazu sagt, knallt wie eine Schleuder zurück, und sagt man nichts, gilt es als Einverständnis mit sehr viel dummen Sprüchen. Die ich längst nicht mehr sammle…

Nun wird von einem weiteren Tod gesprochen, der auch näher an ein massenhaftes Sterben heranrückt, hinter einem Vorhang, auf dem Kriegsgefahr grell aufgemalt ist. Man soll nicht so tun, als wäre der Aufenthaltsort von hunderttausenden Soldaten der Russen und zehntausenden des Westens weit ab von jeder Gefahr, solange sie jeweils dort bleiben, wo sie sind. Denn in fast jedem denkenden Menschen gibt es hier Assoziationen, aus den Geschichtsbüchern oder aus der Erinnerung, und wenn es bei den Zeitzeugen, den wenigen, dann noch Erleben war…1914, 1939, 1968, oder ganz einfach bestimmte „Ereignisse“, die wahlweise als Krieg, Gegenwehr oder Ordnung bezeichnet werden. Auch eine Assoziation kann Gewalt vorbereiten oder zurückdrängen, es kommt also darauf an, in welchem Kontext man sie durchdenkt.

In manchen Diskursen erkenne ich die moderne Fassung des gordischen Knotens: Lieber Krieg und die Entscheidung über Leben und Tod anstatt unentwegt vor sich hinzu dümpeln, zu atmen, aber ausweglos unlebendig nicht zu tun, was zur Entscheidung ansteht. Das war vor dem ersten Weltkrieg ganz häufig angesagt und später immer wieder…meistens, aber nicht immer ganz rechts oder ganz philosophisch verbrämt.

Es ist der Tod der tröstet und belebt · In dem wir einzig ziel und hoffen sehn …“ übersetzt Stefan George Baudelaire, 1901…Viele haben sich von der Todesattraktion abgewandt, als sie mit dem Sterben, und davor mit Hunger, Not und Unterdrückung konfrontiert waren.

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Im Tod eine Hoffnung zu sehen, weil man nicht tut, was man weiß, dass es notwendig ist, oder weil man sich nicht entscheiden kann, das zu tun, was am nächsten oder am Übernächsten liegt. So einfach machen es einem nur die Philosophen nicht, aber in der Politik wäre das schlimm genug; ist es.

Um den Tod zu umzirkeln, solange er nicht massenhaft da ist, Seuche oder Krieg, redet man sich die Kehle von Freiheit(en) heiß, die man nicht mehr begründen kann (lächerlich, sie mit Masken in Verbindung zu bringen oder mit der Entscheidungen des Einzeln, ob er andere anstecken, also töten, will oder nicht; oder auch, ob man den Krieg heranzieht, weil er ein freies Vorfeld für neue, frische Entscheidungen schafft – so oder so: lächerlich, Nordstream 2 noch im Gefangenenlager behalten zu wollen).

Das Sterben wird verdrängt, abgeschoben, auch, weil man weiß, es ist ein Weg ohne Umkehr, während der Tod ja als Murmeltier immer wieder aufgerufen werden kann, von den Jenseitsschwurblern und den Heldengedenksteinsetzern … nur die Toten können sich nicht wehren, die Sterbenden schreien wenigstens noch oder seufzen…

Oder einfach einmal das pathetische Gebrabbel der vernünftigen Praxisverweigerung abschalten; am besten beides.

Es ist den geneigten LeserInnen nicht entgangen, dass es in diesem Blog einen thematischen Bruch gibt. Mir geht es nicht um Covid oder die Ukraine, d.h. es geht mir schon um beides, aber dazu reicht ein momentaner Blog nicht. Mir geht es darum, dass mir bestimmte brandgefährliche Diskurse und Diskussionen auf die Nerven gehen, weil sie reale Gefahren schon als Farce abbilden, bevor die Wirklichkeit uns keine Wahl lässt.

Dazu gehört auch das Geschwätz von Freiheit, das den Begriff und seine Bedeutung auf das Ebene von Discountern und Pöbel herunterstuft. Da kann man gut nachhören, wie dem zu begegnen ist, – Lindner und der AfD zum Trotz.

Schale Freiheit – Nachdenken über einen zerfledderten Sachverhalt von Jean Pierre Wils, DLF 13.2.2022 9.30

Ernste Lage, sehr flach

Beim Diktat kommt es darauf an, dass die Schulkinder auch das schreiben, was angesagt wird.

Wenn eine Diktatur noch so viele Befehle erteilt, heißt das noch lange nicht, dass sie befolgt werden. Darum muss sie aufgerüstet sein, um ihre Befehle durchzusetzen – auf das Ergebnis der Befolgung hat sie nicht so viel Einfluss, da muss noch etwas dazukommen: die Nachhaltigkeit der Unterdrückung. Irgendwann geht diese in die Normalität über, ein wichtiges Forschungsgebiet und eine ständige Beunruhigung derer, die noch nicht in der Diktatur überleben. Oder der Widerstand zeigt sich erfolgreich, und dann wird die Diktatur (zu) schnell vergessen, man fühlt sich ja frei.

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Auf den Inhalt der erlassenen Dekrete kommt es nur marginal an. Auch die Festigung der Gewaltherrschaft kann nicht auf rationale Maßnahmen verzichten (es gibt leider Ausnahmen, die Enden in Massensterben, Verhungern und Auslöschung). Das rechtfertigt keineswegs „mildere“ Diktaturen, die mit einfacherer Unterdrückung ihre Ziele erreichen.

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Wenn bei uns Populisten und radikale an den Rändern und in der Mitte der Gesellschaft, also nicht nur die Nazis von der AfD, von Diktatur faseln und ihre Freiheit eingeschränkt sehen, wenn sie eine Maske tragen müssen, ist das eine Vorstufe einer anderen Art von Gewaltherrschaft, die im Ergebnis nichts anderes sein würde als die behauptete Diktatur.

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Dem treten wir entschieden entgegen. Die Leitung der Regierung unter Helena Lindenschloz hat den Streit, ob Hunde und/oder Katzen in die Covidregeln eingeschlossen werden sollen genutzt, um dem Bundestag ein 3monatiges Moratorium aufzuerlegen und die Demokratie, die ja nicht nur aus Wahlen, sondern auch Maßnahmen besteht, wieder zu beleben. Die Regierung erlässt 10 Dekrete, deren Reihenfolge nicht nummeriert ist, damit Verschwörer keine Hierarchie herauslesen können.

  • Die Einreise von US Republikanern, Angehörigen des KuKluxKlan, HipHop, und einer Gruppe geheimer Deutschenhasser, und von Familienmitgliedern von Donald Trump wird verboten.
  • Russische Bankkonten werden eingefroren, zur Hälfte gehen ihre Aktiva in Bundesbesitz über. Der amerikanische Dollar und die Feinunze Gold werden nicht konvertiert, sondern zwangsumgetauscht in Groschen, Piaster und DM.
  • Chinesische Muslime erhalten kostenlose Imamausbildung für beide Geschlechter an deutschen Hochschulen. Die dazu nötigen Stellen werden aus der Moscheesteuer bezahlt.
  • Das Heimatland jedes ausländischen Hackers wird mir sofortigem Handelsembargo für 6 Monate bestraft, unabhängig von der Auslieferung der Schuldigen. Diese werden zum biologischen Ernteeinsatz herangezogen. Damit weiß man auch gut marxistisch, dass Hacken von der Handarbeit im deutschen Boden kommt.
  • Motorboote auf Binnenseen, Einfamilienhäuser und Storchenfleisch werden verboten. Hingegen werden Paddelbretter, Holzhochhäuser und vegane Steakmenus subventioniert.
  • Die katholische Kirche muss den Zölibat aufrechterhalten, weil nur so der Spaß an der Unkeuschheit für die Kleriker gewahrt bleibt. Gleichzeitig wird der Ausschank von Most und Mate in Beichtstühlen verpflichtend gemacht.
  • Nordstream 1 + 2 werden zum Export von überschüssiger Biogülle umgepolt; Russland darf als Kompensation Gulagtränen in Matrioschkas senden. Natürlich darf die Gülle auch in die USA und Liechtenstein transportiert werden.
  • Das chinesische Sozialpunktesystem wird kopiert, aus Gründen der Transparenz werden die Punkte offen an der Kopfbedeckung getragen, aus Gründen des Datenschutzes darf man keinen Personalausweis mehr bei sich tragen, und aus Gründen der Überprüfung muss jederzeit das Handy mit einem Link zum Personenbegleitamtsschutzbeauftragten eingeschaltet bleiben.
  • Die Genderparität bei allem anstehenden Wahlen ist HLGBTY 3:3:1:1:1:1 bei den Kandidaturen einzuhalten. Ausnahmen werden durch das geheim tagende IFABRUMLYZ-Gremium betroffen (Preisfrage: wer weiß, wo die Abkürzung herkommt?)
  • Zu Cancel Culture, Woke und anderen Kulturerrungenschaften kommt noch das wichtigste: um Missverständnissen vorzubeugen, ist Lachen oder Lächeln über etwas verboten. Wer hingegen bei nichtlustigen Ansagen ernst schaut, begeht eine Ordnungswidrigkeit.

Alle demokratischen Parteien haben diesem Vorhaben begeistert zugestimmt und fühlen sich von der Nachdenk- und Abstimmpflicht befreit. Die nichtdemokratischen Parteien zitieren das Grundgesetz und schauen von der Tribüne zu.

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Aufgewacht, sehe ich die 10 Erlasse und drehe mich zur Seite. Wie sagen die Wiener: a so a Schaaaß. Dann sagen sie: Da muas was gescheng. Und dann: Konnst eh nix mochn.

Mein Gegner – kein Feind

Schon wenn man nicht reagieren muss, verliert der Terror der Aktualität (Améry 1971) an Macht. Ob ich heute nicht wahrgenommen werde oder erst morgen, ist keine ironische Selbstverkleinerung, es ist ein Kompromiss zwischen narzisstischen Phantasien des Ego und einer realen Aufmerksamkeitslücke zwischen mir und der Welt. Kompromiss, natürlich hat man etwas zu sagen, aber keine Macht darüber, von wem gehört und bedacht zu werden.

Wäre es doch nur eine Rezension zu Eva Menasses „Gedankenspiele über den Kompromiss“ (Menasse 2020), dann könnte man dieses kluge schmale Bändchen zerlegen, empfehlen und die verarbeitete Literatur (v.a. Margalit) weiterverfolgen. Genug, ich empfehle es  Was mich in diesen Tagen umtreibt, ist die kompromisslose Rhetorik der politischen und ideologischen Protagonisten, die reale Konflikte erst imaginierten, um sie dann mit Drohungen und Warnungen in die Wirklichkeit zurückzuholen.

In diesen Spielen haben Diktaturen und Mächtige mit Drohpotenzial (Atomwaffen) immer bessere Positionen als abwägende und angriffsschwache Beobachter oder Seitenakteure – was nichts darüber aussagt, welche Akteure in welcher Konstellation Recht haben und welche Unrecht. Das weiß man, oder man kann es wissen, und deshalb besteht das diskursive Spiel aus der Schuldzuweisung an die, die mit diesem Wissen nichts anfangen können. Eine Variation von Biedermann oder Die Brandstifter.  Dass die normale Stärke der Demokratien in der Schwäche liegt, diesen Schuldzuweisungen nicht ohne Selbstbeschädigung Kontra zu bieten, kann man an der EU im Verhältnis zu Ungarn, Polen, Slowenien, u.a. sehen. Diese Normalität gegenüber Diktaturen (Russland, China) und geschwächten Demokratien (USA) ist nicht haltbar, wenn es um die Lebenswirklichkeit der jeweils in diesen Ländern lebenden Menschen geht. Natürlich lebt es sich im Westen im Durchschnitt besser als in den genannten Diktaturen, und zwar nicht nur statistisch. Aber die Marginalisierten, die Ausgegrenzten, die in ihren wirklichen Freiheiten Behinderten bieten den Diktatoren Angriffspunkte, deren Objekte nicht zu widerlegen sind; während umgekehrt von außen, also von uns aus, der Angriff auf die Diktatur nur strukturell, „ganzheitlich“ erfolgen kann, wenn es z.B. um Meinungsfreiheit, Gulag, kriminelle Justiz usw. geht. Die einflussreichen „Influencer“ der Diktatoren benutzen die Meinungsfreiheit, um die Bedrohung denen zuzuschreiben, die sich gegen die Diktatur wehren – auf zwei Ebenen: in jedem Einzelfall der menschenunwürdigen Politik des Westens wird dies zum System verallgemeinert (Guantanamo, Republikanische Partei). Und die eigene Wirklichkeit wird verdeckt, geleugnet oder ignoriert (Uiguren, Memorial, Nawalny, Gulag, Donbass). Das ist eigentlich das Bild des Kalten Kriegs, das wir überwunden glaubten. Es funktioniert immer zugunsten der Diktaturen, weil wir uns nicht mit den gleichen Mitteln wehren können. Eine Erklärung ist nicht angenehm zu durchdenken: Die neoliberale Verkürzung der Freiheitsrechte auf die Bedürfnisse von einzelnen Menschen, die es sich leisten können, ist nicht die Freiheit, die man sich nehmen muss, weil sie einem niemand geben kann. Das Bündnis der Neoliberalen mit den Rechtsradikalen ist unausweichlich sichtbar, auch wenn man sich abwenden möchte.

Eine zweite Erklärung ist komplizierter. Norbert Frei hat die freien Angriffe des Antisemiten Reinhard (4.2.2022 SZ) gegen die Erinnerungskultur an die Shoah attackiert, öffentlich, mehrfach, auch bei honorigen Bildungseinrichtungen. Dahinter steckt nicht nur das Paradigma „Deutsche gegen Juden“, das bis heute fortlebt, sondern ein Strukturmerkmal übergreifender Art, das über Frei hinausgeht: Das Verlangen nach einer autoritären Ordnung gegen die Optionen und Kompromisse der Demokratie; bei all jenen, die sich in ihrer selbstischen Individualität eingeschränkt oder gehindert fühlen, und das als gesellschaftlichen, ja politischen Makel empfinden. Die Kompromisse der Demokratie sind aber kein nettes Treffen „in der Mitte“ der Auseinandersetzung (Alexander Kluge: „In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod“). Sondern es geht erstmals darum, genau zu erkennen, wer oder was Gegner sind – und wer oder was Feinde. Und mit Gegnern kann und muss es Kompromisse geben, weil sie auf Augenhöhe der eigenen „Nichtabsolutheit“ (mein schlechtes Wort, pardon) agieren und ihre Diskurse jeweils alternativlos angeben (Menasse). Ich könnte das jetzt am Beispiel der EU Taxonomie entfalten, worin Deutschland eine wichtige Rolle spielt: das geht es aber nicht einfach um die Mehrheit für oder gegen Kernkraft, für oder gegen Gas; da geht es auch um die Macht dieses EU Mitglieds, um Herrschaftsansprüche auf dem Markt und die moralische Blödheit zu glauben, dass die eigene Überzeugung rational alle anderen mit Reue oder Unterwerfung ergreift, nur weil man selbst richtig liegt. Hier liegen komplexe Gegnerschaften vor, die eben moralisch kaum, und politisch nur mühsam auszugleichen sind. Es gibt im Konflikt mit Gegnern keine Alternativlosigkeit.

Menasse greift zurecht das Modell der „Farm der Tiere“ von Orwell als Beispiel der Gewalt durch Sprache auf, die Ungleichheit ontologisiert, zur unveränderlichen Seinswirklichkeit gewaltsam erklärt (Putin: „feindliche Agenten“). Die globale Konstellation erinnert an einen anderen Orwell: 1984, wo in jeder der drei Diktaturen schon kleinste Abweichungen brutal geahndet werden, wie wir das heute u.a. im wohlständigen China ja als normal erfahren. Sie erinnert, aber da haben sich gegenüber dem Modell Dinge verändert: Diktaturen wie Russland und China im Großen, gewalttätige Regime in Ost und West, Schwellen zur Diktatur in unserer unmittelbaren Nähe und innenpolitische Feinderklärungen haben ein anscheinend unübersichtliches Chaos geschaffen, das zu ordnen ebenso anscheinend ein Bedürfnis wie scheinbar eine Unmöglichkeit außerhalb gewaltsamer Eliminierung ist. Das kann man anhand der Ukrainekrise bis ins Detail verfolgen. Die Sprache der meisten Akteure geht dem Sterben voraus.

Sagt der Mensch am Schreibtisch: sind die alle wahnsinnig und drohen mit Atomkrieg, wo die Klimakrise ohnedies mit ihren Kindern, spätestens Enkeln aufräumt? Das ist logisch, aber nicht SO vermittelbar. Auch ein Problem. Die diskursive Abschwächung der Differenz von Gegnern und Feinden ist ein beliebter Trick von Scheinkompromissen.

Eine Anekdote, verkürzt, die Urheberin kann ich nicht mehr rekonstruieren. Eine junge Frau war sexuell bedrängt und vergewaltigt worden. Sie versucht sich wieder zu stabilisieren und macht einen Karatekurs zur Stärkung ihrer physischen Abwehrkräfte. Ihr Vergewaltigter verklagt sie als Bedrohung seiner Unabhängigkeit.

Klar?

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In der Globalpolitik wäre es angebracht, die eigene Selbstgewissheit, z.B. „zum Westen zu gehören“, oder sich wechselseitig Vertragsbruch und Angriffsvorbereitung vorzuwerfen, etwas abzurüsten. Die paar NATO-Militärs, die nach Osteuropa verlegt werden, können natürlich gegen die Russen nichts ausrichten, wenn die wirklich die Ukraine überfallen oder sich, wie die Krim, ein Stück Land aneignen. Die amerikanische Konferenz von 2021 hat natürlich keinen Zusammenhalt von Demokratien gegen den Westen bewirkt, – wenn man bedenkt, wer dabei war und wer nicht eingeladen war. Die olympischen Spiele sind nicht einfach eine chinesisch-russische  Showeinlage, peinlich genug, sondern auch Spielfeld für kriminelle Organisation wie das IOC, den teutschen Bach an der Spitze. Das letztere bedeutet für Deutschland u.a. sich von diesem Verein auch materiell zu distanzieren, also von der Gegner- zur Feinderklärung. Das ist kein Sprachspiel. Man tut es so wenig wie die sog. „Wirtschaft“ sich nicht aus den Uigurenprovinzen zurückzieht. Die EU weiterhin sollte sich von den USA als untergebenes Machtrevier lösen: die werden keine Feinde, sind aber vielfach Gegner, und keineswegs unsere Verbündeten in einem sicherheitspolitisch definierten Westen. Darum übrigens bin ich für eine europäische Verteidigungsgemeinschaft, und kein weiteres Ausbreiten der NATO….Die Botschafter von Putin nutzen genau diese Komplikation aus, das kann man im Schulterschluss der west-kritischen sogenannten Linken mit dem alten rechten Modell Kultur versus Zivilisation von vor hundert Jahren sehen (ha, da werden einige schreiben: Beweis! Beweis!). Ich halte dem entgegen: Nachdenken.

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Eine der Konsequenzen dieser Gedanken. Es kann und darf keine Symmetrie zwischen Demokratien und Tyranneien geben, seien die einen noch so defizitär, und hätten die andern nicht scheinbare Inseln der Freiheit, (die zB. in Belarus mi tausenden Toten und Häftlingen bezahlt wurden – o, ihr im Grundgesetz eingehüllten Kritiker des Westens und Freisprecher der Diktaturen). Man wünscht dieses Gesindel so wenig auf Urlaub in den Gulag, wie man Impfverweigerer nicht unbehandelt lassen möchte, aber genau diese Begründung wird unbarmherzig ausgenützt.

Deshalb hat der Kompromiss mit Feinden wenig Sinn.

Namenskrieg

Namenskrieg

  1. Einleitung: Ein Vorwort ist notwendig, denn ich will hier nicht die wissenschaftlichen Abhandlungen fortsetzen, die ich 1974 begonnen und dann abgebrochen habe. Die Onomastik wird viel seltener erwähnt als die meist biologische Nomenklatur, und sie hat ihren Platz in praktisch allen Sozialwissenschaften, aber auch in Spezialdisziplinen wie den Jüdischen Studien oder auch der Theologie. Wer trägt warum welchen Namen, der ja mehr als nur eine Bezeichnung ist, sondern oft eine Bedeutung, die oft nicht mit dem Träger identisch ist (Der Name der Rose), manchmal aber darauf genau abzielt: Michael = Wer ist wie Gott? Ich bin die Frage, nicht die Antwort. Da die Menschen sich und Dinge benennen können, die teuflischen Geister aber nicht, liegt es nahe, dass sich Gott ein Stück Ebenbild angeeignet hat. Darum geht es hier nur sehr am Rand, aber immerhin…
  2. Die Geschichte eines Ärgers: Namensgebung hat eine gesellschaftliche Geschichte, in die der Staat zunehmend eingegriffen hat und fast ein Monopol auf diesen Akt hat (ich erinnere mich nicht mehr an meine Namensgebung, als ich 5 Jahre alt war, und einen Namen an einen anderen abgeben musste). Namensgebung ist niemals nur privat. Am Namen erkennt man bestimmte Menschen, und wenn man sie kennt, kann man sie mit ihrem Namen ansprechen. An der Schnittstelle zur Öffentlichkeit werden Namen plötzlich politisch, historisch bedeutungsvoll, sie sind mehr als „sprechend“, sie sagen uns etwas, das die Straßenbehörde, meist nach Rats- oder Versammlungsbeschluss sagen will (sehen wir einmal von den langweiligen Vorstadtgassen ab, die dann Rosengasse, Lilienweg oder Eichenstraße heißen).

Straßennamen sind Teil einer politischen Erinnerungskultur. Der Ärger beginnt schon sehr früh. Straßennamen – da gab es eine Roonstraße  – Roon war Kriegsminister im 19. Jahrhundert. Jahnplatz – Jahn war ein Antisemit, auch schon als Turnvater. Karajanplatz – Karajan war ein Nazi (2x Parteimitglied) und ein guter Dirigent. Hunderte Beispiele in allen Gesellschaften. Mein Ärger: Sowohl die Geschichte der Namensgebung als auch der Kontext des Verlangens ihrer Tilgung werden kaum vermittelt. Wenn eine Gruppe oder Partei einen Namen tilgen möchte, kann das sehr vernünftig oder blödsinnig sein, wenn eine andere Gruppe oder Partei auf einem Namen besteht, kann das blödsinnig oder sehr vernünftig sein.

  • Zentralrat der Juden schaltet sich in Streit um Straßennamen ein: Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat sich in den Streit um einen Straßennamen in der brandenburgischen Stadt Oranienburg (Oberhavel) eingeschaltet. Am Dienstag traf sich die Straßenbenennungskommission der Oranienburger Stadtverordneten und beriet darüber, ob eine Straße in einem neuen Wohngebiet weiterhin nach Gisela Gneist benannt wird. Ergebnislos, wie der Tagesspiegel in den späten Abendstunden erfuhr: Die Kommission fand zu keiner Einigung und keinem Kompromiss. Jetzt sollen die Stadtverordneten befinden. Gisela Gneist war nach 1945 in einem Speziallager der Sowjets interniert, von Mitte der 1990er-Jahre bis zu ihrem Tod 2007 Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950“ – bewegte sich aber auch im Umfeld von Rechtsextremisten und diffamierte Historiker antisemitisch. „Alle Beteiligten sollten sich noch einmal zusammensetzen, um offen und sachlich über alternative Namensgeber zu diskutieren“, sagte Schuster dem Tagesspiegel. (Tagesspiegel online 19.1.2022)
  •  „Alternative Namensgeber“, Schuster meint sicher auch „Namensgeberinnen“, das sind solche die allgemein anerkannt werden. Sagt mir mehr als zehn, die allgemein jenseits aller Kritik, aber auch Verblödelung durch Kleinreden (Veilchenstraße oder Tannenweg, das kann man ja machen, unter den Linden). Alternative Namensgeber setzen auf andere politische Mehrheiten. Das kann, muss nicht, ein Indikator sich ändernder Erinnerungskultur und von Zustimmungs- und Ablehnungshierarchien sein.
  • Die Feuerbachstraße in Potsdam ist nach dem Maler Anselm F., und nicht nach dem Philosophen  Wenn man die Biographien, Beziehungen der beiden, Wirkungen studiert, kann man sich fragen wie? Warum? Der Eine ist nicht der andere. So ist das bei der Namensgebung immer. Bei der Müllerstraße ist das noch häufiger so. Manchmal wird das an Ort und Stelle erklärt, gut so, aber eben nur manchmal, zu selten.
  • „Umbenennung oder Kontextualisierung? Antisemitische Bezüge bei 290 Straßen und Plätzen in Berlin. Es ist der erste systematische Überblick über problematische Straßennamen. Berlins Antisemitismusbeauftragter hofft auf eine konstruktive Debatte“. (Tanja Kunesch) (Tagesspiegel 13.12.2021). Gute Überschrift. KONTEXTUALISIERUNG.
Wir kommen zur Liste der 290 Berliner Straßen und Plätze, deren Namen einen antisemitischen Bezug haben (Q: Studie von Felix Sassmannshausen für den Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn). Empfehlungen zur Umbenennung sind gefettet, bei den anderen Namen wird zu weiterer Forschung bzw. einer Kontextualisierung geraten (etwa mit einer Erläuterung am Schild). Heute: Lichtenberg und Marzahn Hellersdorf. Wissen Sie, wo Sie wohnen? Lichtenberg:
Dönhoffstraße (August Graf von Dönhoff war Mitglied der antisemitischen Konservativen Partei); Eitelstraße (Wilhelm Eitel Friedrich Christian Karl von Preußen war Mitglied im antisemitischen Stahlhelm und in der antisemitischen Harzburger Front); Hauffstraße; Junker-Jörg-Straße (benannt nach Luther, verfasste antisemitische Schriften); Oskarstraße (benannt nach Oskar, Prinz von Preußen, Mitglied im antisemitischen Stahlhelm und in der antisemitischen DNVP); Rienzistraße (benannt nach dem Antisemiten Richard Wagner); Roedernstraße; Tannhäuserstraße (siehe Wagner); Waldowallee; Walkürenstraße (siehe Wagner).

Marzahn-Hellersdorf:
Cecilienplatz (benannt nach Cecilie, Kronprinzessin von Preußen, Schirmherrin des antisemitischen Bundes Königin Luise); Cecilienstraße (siehe Cecilienplatz); Eitelstraße (siehe Lichtenberg); Fritz-Reuter-Straße; Herderstraße; Jahnstraße (benannt nach Friedrich Ludwig Jahn, Elemente eines frühantisemitischen Weltbildes); Lohengrinstraße (siehe Wagner); Lutherstraße (siehe Junker-Jörg-Straße); Melanchthonstraße; Pestalozzistraße; Roedernstraße; Roseggerstraße; Strindbergstraße; Sudermannstraße.
  • Kontextualisierung zu fordern, ist richtig. Aber auch hiergelten Regeln, und gibt es Fallen.
  • Es kommt nicht unbedingt darauf an, wie man selbst die Namen auf Straßen und Plätzen findet. Geschmack muss man nicht immer begründen, aber wenn man ein historisch/politisch/soziales Urteil zu einem Namen hat, kann das relevant sein, zumal wenn der Name „prominent“ ist, d.h. über eine Gruppenanerkennung hinaus mit bestimmten Qualitäten assoziiert wird. Diese Assoziationen bedeuten bei manchen berühmten Namen, dass sich die Gesellschaft oder die Politik oder der Staat oder „alle“ mit ihnen assoziieren, ja, identifizieren. Bei anderen fragen sich viele: Wer? Oder, reflektiert, warum der oder die? Oder sie hängen gleich ihr Wissen und ihre Ressentiments an die Ablehnung oder Zustimmung. Hat diese private Meinung Folgen? Z.B. ich will nicht in der Hindenburgstraße wohnen, obwohl das Haus schön und die Miete niedrig ist? .
  • Aber so einfach ist es nicht. Nach wem werden Straßen in Israel benannt,  z.B. Rehov Heinrich Heine 94 Ma’Arav Yerushalayim? Und warum ist das im Kontext wichtig, mir zumindest?
  • Jüdisch sein, jüdisch leben ist ein ASPEKT in einem Leben, das niemals nur EINE Identität haben kann. Namensgebungen, zumal öffentliche, können gar nicht anders als einen wichtigen Aspekt herauszuheben, man kann ja nicht bei jedem Straßennamen alle Identitäten auflisten, wenn man sie denn kennt. (Dies eine Ermahnung an den Zentralrat). Und wie seltsam wäre es, Orte, Straßen, Gebäude nur nach Opfern zu benennen, oder auch nach abgeurteilten Tätern, oder nach den Namen, die zur E Literatur und Musik gehören, und manchmal doch zur U….Sinnvoll ist es, anstatt blind zu gendern, wirklich mehr Frauen als Namensgeberinnen wirken zu lassen, aber auch hier: Kontext und viele Identitäten.
  • Wer sich also (kultur-)politisch zu solchen Namen äußert, muss sich der Verallgemeinerung der vordergründigen Identität stellen. Mir wäre es wichtig, wenn alle Namensgebung immer mit Erklärungen versehen würde, Stolpersteine über und für alle Identitäten.

Lust vor dem Ende

Es gibt einen umstrittenen großartigen neuen Film bei Netflix: DON’T LOOK UP, mit Meryl Streep, Leo di Caprio, Jennifer Lawrence und Kate Blanchett und vielen anderen guten SchauspielerInnen. Es geht um das Verhalten von Menschen und Gruppen angesichts der drohenden und schwer abwendbaren Auslöschung der Menschen auf dieser Erde. Der Film ist groteske Übertragung der US-amerikanischen Wirklichkeit, hier nicht auf den Klimawandel, der gemeint ist, sondern auf seine symbolische Abwendbarkeit (ein Komet (!)…). Lest Bitte: Spektrum.de/…1967161 und spiegel.de/wissenschaft/don-t-look-up/-auf-netflix… das reicht erstmal.

Johann Nestroy: 1833

…Da wird einem halt angst und bang,
Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang, lang, lang, lang. …

Drum sag’ i, aus sein’ Gleis’ wird erst dann alles flieg’n,
Wenn Sie Ihre Nachsicht und Huld uns entzieh’n.
Da wurd’ ein’ erst recht angst und bang,
denn dann stund’ d’Welt g’wiß nicht mehr lang.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Kometenlied#Text)

Die Nachsicht und Huld wäre im Film die Anstrengung, national-übergreifend den Kometen abzufangen und aus der Zielbahn auf die Erde zu entfernen. Schwierig, aufwändig, aber möglich…das Gegenstück heißt Politik, eigentlich unverbundene Politiken einer ambigen amerikanischen Präsidentin, konkurrierender medialer und geschäftsmäßiger Profis und Betrüger, Influencer, Beziehungen, Wissenschaftler. Die eigentlichen Entdecker (ein Professor und seine Assistentin) und ein ganz kleiner Kreis erkennen die Unabwendbarkeit ab einem bestimmten Augenblick. Das letzte Abendmahl ist so beeindruckend wie die abstruse Wiederankunft der nackten Präsidentinnencrew, die sich kryomäßig ins Weltall gerettet hatten und nach ihrer Rückkehr, mehr als 20000 Jahre später, im Paradies landen, wo sie von Dinosauriern verspeist werden. Der letzte Überlebende twittert diese Tatsache in sein Handy…ok? So wird es kommen, WENN.

WENN

…die Klimapolitik nicht an der Lausitz und im rheinischen Kohlerevier zur Seite rückt

…keine Kernkraftwerke mehr gebaut werden

…keine Kriege mehr die Politik aufhalten

…der Hunger nicht vorher beseitigt wird.

DIE LITANEI KENNEN WIR

Die Diktatoren, die Neoliberalen, die Populisten dieser Welt finden immer die Brücken zu einer Realpolitik, die die jeweiligen Systeme weiterexistieren lässt und so tut, als fände man sich im Einklang mit den Notfallstrategien, nur etwas langsamer, etwas wirtschaftsfreundlicher, etwas sozialer, ja, auch das ist plötzlich ein Argument der Verzögerer. („Man muss die Dinge ändern, damit sie die gleichen bleiben“, sagt Lampedusa). Verzögerung heißt aber, dem eigenen Ende gelassen bis gleichgültig, hedonistisch bis resigniert entgegensehen – oder sogar die letzten Barrieren zivilisierten Verhaltens kündigen, weil ohnedies alles keinen Sinn hat. Zur Sinnlosigkeit gehört übrigens die Litanei.

Die autoritären Staatstrottel, die neoliberalen Markttrottel, die populistischen Befindlichkeitstrottel etc., die auch ich öffentlich nicht SO anspreche, natürlich nicht, also diese Typen gehören in den Bereich einer Weltanschauung, in der es zwar einen (kollektiven) Tod gibt, in der aber die Privilegierten, die ihn denken, nicht sterben, und wenn, dann sofort ausgeblendet werden (so, wie ja Covidleugner, die statistisch zu Recht von der Seuche getötet werden, sofort ausgeblendet werden von denen, die noch leben und leugnen. „Statistisch“ meine ich ernst, wir können die Kranken und Sterbenden nicht nur nach ihren Kriterien behandeln…aber die einseitige Ethik der Populisten aller Lager zerstört die Denkstruktur des Möglichen, auch beim Klimaschutz, auch beim Friedensprozess, auch beim Hunger.

*

Robert Habeck hat einen kleinen Sturm ausgelöst, als er weniger erfreuliche Lebensumstände vorausgesagt hatte. Dabei war er noch zurückhaltend und höflich. Wer, wie im Film übrigens, die Wahrheit und die Wahrscheinlichkeit gleichermaßen sieht, also dem Sterben der Enkel und Urenkel und vielleicht dem eigenen ins Auge schaut, wird nicht freiwillig sein Konsumverhalten aufgeben, wenn es ihm als Endzeitlebensform noch von den jetzt Regierenden angeboten wird.

*

Wenn wir vom Film in die Wirklichkeit springen, gibt es nur wenige Optionen, lokal, national, global:

  • Entweder die Politik verblödelt weiter die möglichen Aktionen und Neustrukturierungen – weltweit und lokal – und verhält sich „wie im Film“. Dann wird das Ende jäh eintreten, die Verhaltensweisen werden sich entsprechend ausdifferenzieren, aber „Zukunft“ wird kein Begriff mehr sein. (Wenn z.B. die Erderwärmung noch in diesem Jahrhundert über 2,5° sein wird)
  • Oder es wird die pragmatische Lösung zur Befriedigung der meisten Bedürfnisse der größtmöglichen Zahl sein, dann bedeutet Zukunft immer schlechteres Leben für immer mehr Menschen (was automatisch eine Verklärung von Vergangenheit mit Auswirkungen auf die Politik hat). Der Bezug zu früher wird eine autoritäre Abschottung der privilegierten Herrschenden bewirken, und alles versinkt in ungleichmäßiger Verteilung der Ereignisse…bis zum Ende.
  • Oder ABER es wird so gehandelt, wie wir WISSEN, dass wir HANDELN müssen. Dann handeln wir innerhalb der Bewährungsfrist, und die muss nicht, kann gar nicht philosophisch oder moralisch begründet werden. ALLES zu tun um das 1,5° Ziel zu erreichen, bedeutet ALLES  dieser Politik unterzuordnen.

Nun ja, gut gebrüllt, Daxner. Und wer folgt dir? Mir niemand. Darum geht es nicht. Je mehr Menschen die drei Optionen verstehen, sich klar machen, was sie für sich und die Nachkommen bedeuten, desto einfacher wird es sein, sich zu entscheiden. Übersetzt Nestroys Nachsicht und Huld in Wiedergutmachung denen gegenüber, denen wir so geschadet haben, dass sie aus eigener Kraft keine der drei Optionen in Angriff nehmen können. Und für sich und ihre Umgebung bedeutet es, das zu tun, was WIR BEREITS WISSEN.

(Man könnte das auch Bildung nennen).

*

Ich habe diese sehr einfache, fast flache Überlegung deshalb geschrieben, weil die Komplexität, die im Handeln liegen wird, aus einer nicht sehr komplexen Entwicklung als Folge der Erderwärmung hervorgeht. Deshalb auch der Bezug zum Film. Handeln heißt, sich Pflichten auferlegen, die keineswegs daran hindern, zusammen gut und vernünftig zu leben. Dass das der Fall sein kann, ist Aufgabe der Politik, genauer: der Demokratie.

Wenn „links“ rechts ist, wird es nicht besser

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

(Ernst Jandl)

Neujahrsgrüße kommen später, erfreuliche Berichte aus dem warmen Winter am Ende des koalitionären Wonnemonds ebenfalls, jetzt einmal ein spitzer Fokus. Der mich seit längerem verfolgt, aber letzthin zu massiv wurde, als dass ich ihn wie so vieles abgetan hätte als Geschwätz unreifer Marginalisten.

Die alte Diskussion um die Unschärfe der links-rechts-Dimension, die kein tragfähige Koordinate (mehr) ist, eröffne ich gar nicht neu. Natürlich gibt es auch auf der Linken, der Grünen, der Liberalen und anderen Flachländern esoterische, rechte, nationale und identitäre Einsprengsel, die meisten davon blödsinnig, manche aggressiv und einige bedenkenswert. Also keine Verallgemeinerung – und ich nenne im folgenden auch keine Namen von kritisierten Personen und Institutionen, um die Kontroverse einaml im Grundsätzlichen zu lassen.

In der Frage, ob und wie der Nationalsozialismus und der Stalinismus sich prinzipiell unterscheiden, welches die Vergleichskriterien sind und vor allem, wie man mit den Resultaten umgehen soll, ist vieles offen, solange man nicht auf dem Standpunkt steht, dass man die beiden nicht vergleichen KANN, was allerdings nicht nur randständig ist (sondern z.B. der Mainbstream der linken Sozialisation meiner Studienjahre, wenn es um die Geschichtsaufarbeituzng in beiden Sphären – dem Westen und der sowjetischen Sphäre – ging. Diese Diskussion aus der Mitte des Kalten Kriegs lasse ich weit hinter mir. Es geht mir um die Gegenwart, die auch ihre Vergangenheitsdimension hat.

Die derzeitige russische Politik und ihre Narrative setzt viele Maßnahmen der stalinistischen und der post-stalinischen Politik sowie ihrer Unterbrechungen fort. Konkret, was die politische Justiz, die Straflagerverbringung und die offiztiellen Legitmierungen betrifft, an markanten Beispielen wie Nawalny oder Memorial oder der Unterstützung für Lukashenko demonstriert (was bedeutet, dass es sehr viele nicht-demonstrierte Fälle natürlich auch gibt, die mehr oder weniger glaubwürdig berichtet werden. Eher mehr…).

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen der westlichen Aufarbeitung der NS-Untaten und der stalinistischen Ist, dass Russland die meisten Belege für den stalinschen Terror nicht freigibt und deshalb Herkunft und Form vieler Narrative sich von der westlichen Beschäftigung mit dem Thema unterscheiden, auch im Grad der subjektivierten Quellen. Aber diese Quellen werden beharrlich und präzise immer wieder aufgebracht und reproduziert, und hier geht es wahrlich nicht nur um ein NICHT VERGESSEN, sondern um die Wiederkunft der Vergangenheit, um die PRÄSENZ des Gulag. Mir geht es nicht darum, die Unterschiede herauszuarbeiten, die lassen sich beschreiben und belegen. Mir geht es darum, Elemente des Vergleichs und des Vergleichbaren umso mehr zu sichern, je weniger Überlebende Zeitzeugen es gibt (aus den Nazi-KZs natürlich noch weniger als aus dem Gulag). Und es geht mir gegen eine gewisse „linke“ Attitüde, die Grauen des Gulag den Grauen der NS Lager unterzuordnen (wobei es in beiden Fällen um die Überlebenden geht, die Millionen Getöteten auf beiden Seiten konnten ja nicht berichten.

*

Quelle: Ruth Franklin „The Lucky Ones“, NYRB 21.10.2021, S. 59-62. Rezensiert werden drei Bücher über die polnischen Überlebenden des Holocaust – Überlebende im Gulag, wohlgemerkt (Autoren: Mikhal Dekel, Eliyana R. Adler und Julius Margolin (letzterer schrieb seine Reflexionen 1946, und ist besonders einprägsam kommentiert von Timothy Snyder)). Ein Fazit vorab: diese Leidens- und Überlebensgeschichten sind viel weniger präsent und im heutigen politischen Alltag diskutiert, bewertet und umgewertet als die Narrative des Holocaust. Das liegt auch an der linken Unvergleichlichkeitsthese. Der stellte ja schon 1951 Hannah Arendt die These von vom symmetrischen Phänomen der totalen Vernichtung/totalitären Vernichtungsmaschinerie entgegen. Timothy Snyder behauptet, das sowjetische System sei „älter, umfangreicher, haltbarer“ als das Nazisystem gewesen, bis auf letzteres aber kann man sehr vieles schlicht nur indirekt erschließen. „But we cannot assess, what we don’t know. Until the KGB archives are fully open to researchers, Stalin’s crimes will remain incompletely examined“ (Ruth Franklin). Recht hat sie vor allem aber mit der Bemerkung, dass es (im Westen? in den USA? nicht unerhebliche Differenz) gegenüber den russischen Unterdrückungspolitiken eine ähnliche Blindheit wie gegenüber dem Gulag gäbe. Das entschuldigt oder relativiert nichts an den Nazi-Verbrechen. Wenn nun scheinbar linke Positionen die sowjetischen Grausamkeiten und oft auch chinesischen mit den Ereignissen im US System vergleichen und eben relativieren, dann wird hier sehr viel mehr als eine Verfälschung der Geschichte betrieben.

Ich hatte mehrfach beschrieben, wie diese Haltung eine dringend nötige Kritik an den USA und Teilen des Westens erschwert, weil der Vergleich so grotesk ist, dass man die diskursive Auseinandersetzung nicht führen kann. Man muss diesen Konflikt aber führen, sonst arbeitet man denen zu, die eine ständig erneuerungsbedürftige Demokratie gern gegen eine machtregulierte Funktionalität eintauschen möchten.

*

Nun ging es im vorliegenden Fall vor allem jüdische Polinnen und Polen. Man kann sagen, die waren zwischen allen Fronten. Soll man diese Fronten nicht vergleichen dürfen, weil sie die jeweils andere Seite rechtfertigen helfen?

Nun sagt die von mir eingangs kritisierte, aber nicht genau benannte Linke, dass die Fehlhandlungen der Russen und Chinesen ja auf die Fehler zurückzuführen sind, die die USA mit ihren Verbündeten – die meinen auch uns! – begangen hätten und weiter dadurch begehen, dass sie die Opfer dieser Fehler wegen ihrer Retourkutschen weiter kritisieren, im Namen der Menschenrechte und Freiheiten, die dort Missbrauch der legitimen Ordnung genannt werden. Der einfache Test, diese linken Kritiker in Moskau und Peking schreiben zu lassen, kann ihnen sogar gelingen, weil sie mit ihrer engen Denke und Schreibe diese Regime unterstützen. Aus dem Gulag klänge es anders. Und dies wiederum machen sich die autoritären Kräfte, die gegen die Demokratie anarbeiten, im Westen zunutze, um ihre objektive Balance mit den östlichen Diktaturen unter Beweis zu stellen.

Wer an dieser Schraube weiterdreht, hat nicht nur rechts-links verspielt, sondern bald seine eigene Freiheit.

Der Riss geht durch die Kontakte

Der Riss zwischen Deutschland und Österreich, zum Beispiel. Wie im letzten Blog (Wien weint anders) beschrieben. Und es ist nicht so, dass das jeweils andere Land das bessere oder schlechtere ist, je nachdem, wo ich mich gerade aufhalte. Dazu sind die Unterschiede zu subtil und zu groß, gleichzeitig.

Ich kann nur andeuten, was mich seit drei Tagen beschäftigt, Arbeit und an ihrem Rand Kommunikation mit Freunden und Bekannten. Dabei wird, nicht zufällig, die zwar unterbrochene, vielleicht auch gebrochene, Kontinuität des Faschismus in Österreich aufgezeigt, bisweilen bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das ist nicht banal, weil der Austrofaschismus des jetzt wieder exhumierten Dollfuss (+ 1934, von den Nazis ermordet) offenbar kaum entstaubt werden muss, um als solcher bekannt und erkannt zu sein. In vielen Diskussionen sehe ich mich bestätigt, dass a) Faschismus und Nationalsozialismus nicht deckungsgleich sind, und der erstere viel weitere Spielräume eingenommen hat, dass b) das Überwechseln von Austrofaschisten zu den Nazis und das Rückwechseln zu den Konservativen (nicht nur in der ÖVP) die Aufarbeitung und reale demokratische Umkehr geradezu blockiert hatte, weshalb c) meine subjektive gute Erfahrung mit 68, Kreisky, Firnberg usw. in vielen Fällen nur Milderungen und illusionäre Verallgemeinerungen waren, und ich mich heute freue, wenn es noch einige unangetastete Idole gibt. .

Natürlich sprechen viele Fakten und Erscheinungen der Politik, Nachkrieg, Nach-68, gegen diese Sicht. Nach-89 hingegen macht sie wieder diskursfähiger, schaut euch doch Kurz, Nehammer & Konsorten an. Aber das wäre zu personalisiert, zumal das faschistoide Rhizom auch bei den Sozialdemokraten durchaus seine Organe gefunden hatte und hat. Bei den Nazis von den Post-Nazis von der FPÖ ist es komplizierter, weil da noch die Spaltung in deutsche und österreichische Faschisten, in den retro- und den präsenten Faschismus eine Rolle spielt. Aber zurück zum Hauptstrang.

Warum, fragen meine klugen, traurigen, entmutigten Freunde, warum hat sich das so gehalten, wo doch eine nicht nur intellektuelle Opposition dagegen, vor allem in Wien, glaubwürdig dagegen aufgestanden ist und weiterhin die Stimme erhebt? Und warum ist es so, trotz der Belege für das andere, das demokratische, das nicht auf eine Ethnie geschrumpfte Österreich?

*

Ich würde gerne die Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich weiter ausdifferenzieren: warum eigentlich? Naja, der doppelte Staatsbürger hat gestern im Erdgeschoss des herrlichen Schlosses Mirabell seine Personaldokumente unbürokratisch, schnell und kostspielig erneuert; das herrliche Schloss, natürlich für eine Freundin eines Bischofs etwas zu groß, war auch Schauplatz meiner Hochzeit vor zehn Jahren; bei früheren Hochzeiten war ich auch schon dagewesen, und es steht, was Lokalität und Ambiente betrifft, 1:0 für Österreich. Danach laufe, ich, Bekannte, Freunde, Nachtquartier aufzusuchen, und trotz aller Gewichte der Erinnerung (da war ich so oft, so lange, und die Sommer waren damals viel länger…., und die Wochenenden), trotz aller Regression nutze ich den langen Fußweg, in drei Etappen 8 km, zum Bedenken des anderen, gegenwärtigen Drucks auf mir. Wenn das Thema „rechtsradikales Erbe“ aufkommt, fallen zwar die negativen Vergleiche leicht, aber die Verdrängung dessen, wovon man weiß, dass es unter der dünnen kultivierten Oberfläche ganz wach ist, ist so unvollkommen, dass man auch von der Verdrängung weiß.

Da sage ich einmal, beiläufig, dass ich einige Gedichte von Weinheber gut gefunden habe, wurde zurechtgewiesen, ein Nazi. Unerträglich. Heute lese ich, dass das in einem neunen Buch (Einem kultivierten Wienführer: Ilsa Barea, Wien. Edition Atelier 2021. In den konservativen Salzburger Nachrichten wird eben dies gerügt, dass Weinheber hochgelobt wird, aber seine NS und antisemitische Vergangenheit abermals unterschlagen wird. Diese Routine, nicht nur anhand W., wird von meinen GesprächspartnerInnen am schärfsten gerügt, es hat sich so wenig geändert. Und ich könnte n+1 Beispiele bringen, sie sind übrigens bestens dokumentiert (da nehmen sich die beiden Länder nichts), aber etliches ist „anders“. Darum geht es mir auch und zuvörderst. Die Österreicher, bis auf einen kleinen Nazirest innerhalb der Rechten) wollen sich ja nicht „deutsch“ verstehen, während die Deutschen Rechten und nicht nur die, ganz deutsch sein wollen. Das Vielvölkergemisch  der alten Habsburgermonarchie hat einiges an nationalen und nationalistischen Identitäts- und Authentizitätspirouetten geschlagen, aber man wollte nicht sein, was man nicht sein konnte (kulturell, genealogisch) und durfte (Deutsch-Österreich nach 1919). Das hat erstaunlich Progressives hervorgebracht und fürchterlich Faschistisches. Aber das Eine hebt niemals das Andere auf, und es gibt auch keinen Durchschnitt. Da unterscheiden sich die beiden Länder erheblich.

Egal, könnte man sagen, wenn eine dritte Dimension, also weder D noch A, dazukommt: dass in allen Gesellschaften Residuen von Faschismus aufzufinden wären, dass sie wie Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, religiöse Intoleranz etc. nicht auf die ethnische Zusammensetzung und kaum auf das gesellschaftspolitische Modell zutreffen bzw. aus ihm abzuleiten sind. Sozusagen eine Konstante, die überall auftreten kann, über all auftritt, nur unterschiedlich wirkungsvoll, intensiv und erkennbar.

Zu diesen Thesen habe ich mehrere Regalmeter zuhause, auch viele digitale Quellen und noch mehr Gespräche, und es ist alles, auch im besten Fall, unabgeschlossen. Der Faschismus ist langlebig und ubiquitär, wie ein Spötter in meiner Jugend sagte, wie der Fußpilz. Also, folgert der Berater, keine übergreifenden Theorien, in der Praxis und im Konkreten reagieren.

Ein schwerbehinderter Sterbender sagte seinem Sohn kurz vor dem Tod, dass er, wäre er kein Krüppel gewesen, auch Nazi hätte werden können – er war zeitlebens ein linker Widerstandsgeist, kein Held. Eine Tante sagte mir, dass jeder von uns auch ein Faschist hätte werden können, wenn wir nicht ohnedies jüdisch gewesen wären[1]. Davon gibt es  unzählige Varianten. Ich nähere mich dem Unbehagen dabei aus der Perspektive, dass ich das in immer neuen Varianten über die Vergangenheit so sagen kann, aber wenn es um die Zukunft geht, wird es heikler: können Sie sich vorstellen, in Zukunft Faschist zu sein? A so a Bledsinn, sagt ein österreichischer Freund. Ich kenne aber Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, Konversion vom Faschismus zur demokratischen Praxis, auch in der anderen Richtung.

Und obwohl ich den größten Teil meines erwachsenen Lebens, also vor allem meines Berufslebens, in Deutschland und als Deutscher gelebt habe, erkläre ich mir dieses Phänomen in Österreich viel aufwändiger und mühseliger. Wie sind die mehr oder weniger offenen Faschismen der Naziparteien AfD oder FPÖ und der mit ihnen affinen Ränder demokratischer Parteien zu erklären, zusätzlich zur intellektuellen und moralischen „Rückständigkeit“, die ja auch der Deutung harrt. Bildung ist nicht alles.

Wie ich dazu komme, das jetzt, heute, in der coronaschwätzigen Vorweihnachtszeit, zwischen D und A reisend, hautnah zu bedenken? Eine kurzfristige Erklärung wäre, dass das Gleiche in den beiden Ländern doch sehr unterschiedlich in die Gesellschaft hineingetragen wird, Diskurse und Narrative prägt, mit einem Wort, derselbe Faschismus tritt gut verkleidet jeweils an die ihn umgebende Kulisse angepasst auf.

Eine Antwort ist so trivial, wie für die Differenz absolut bedeutsam. Dass Österreich zwei Faschismen hintereinander durchlebte, und dass der Austrofaschismus und die Nazis zwar kontrovers und konflikthaft, aber ideologisch nur teilweise antagonistisch waren, erklärt vieles, das man sonst nicht verstehen kann.

Dass der radikale Umschwung westlicher Lagermentalität vom glaubwürdigen Antinazismus zum ambigen Antikommunismus im Kalten Krieg das neutrale Österreich besonders erwischt hat, darf man ebenfalls nicht vergessen. (Im hervorragenden Sammelband zur Amerikanisierung/Verwestlichung Österreichs von Bischof und Pelinka 2004[2] wird dieser Aspekt so gut wie nicht bearbeitet, am ehesten noch kulturell, aber dann nicht explizit – für Außenstehende also rätselhaft.

Eine dritter Aspekt ist geradezu schmerzhaft präsent: die dünne Haut des Verdrängens und Vergessens wird andauernd und teilweise brutal aufgerissen, auch wenn wenig realer Anlass besteht: die Ursachen sitzen tief, ein unvollkommen eingehegtes Geflecht nicht absterbender Vergangenheit, Präterito-Präsens. Das kann man gut am neunen Innenminister Karner, einem Lokalpolitiker der dritten Reihe mit einem wenig erbaulichen Lebenslauf studieren: dass er aus dem Dorf des Dollfuss-Museums kommt, das er von seinem Vorgänger übernommen hat und sogar modifizieren wollte, zählt nicht. Dollfuss ist wieder da, obwohl er nie weg war[3]. Wie nun die Faschismen zusammenhängen, ist eine Frage; die andere ist, was die unbewältigte Vergangenheit bis heute transportiert, abgesehen von der föderalen Opposition gegen das „rote“ Wien allenthalben, v.a. aus Niederösterreich – ein Nebenstrang, eine Angina politica.

Die vierte Frage weckt nur bei den Älteren Aufmerksamkeit. Österreich war einmal ein sehr katholisches Land, anders als Polen – hier wären Vergleiche interessant, wieder eine Differenz. Die katholische Erbschafdt des Austrofaschismus wiegt wirkungsvoll schwerer als die des österreichischen Katholiken Adolf Hitler (Friedrich Heer), der darüber sich weniger definieren lässt als durch andere Attribute. Aber da habe ich selbst die Spaltung bis in die Schulen, Universitäten erlebt, vom Kardinal König bis zum abtrünnigen Adolf Holl, den ich noch ganz gut kannte, und bis zum Neuen Forum des Günther Nenning, wo ich eine Zeitlang arbeite und eine frühe Alice Schwarzer und Ivan Illich und die tschechischen Demokraten von 1968 kennenlernte… (hier hängt alles mit allem zusammen). Zwar hat sich die Mitgliedschaft der Kirche halbiert, vor allem wegen Missbrauchs, aber das katholische Substrat ist nach wie vor in dieser Gesellschaft wirksam, Mainstream und Widerstand. Wie es in meiner Jugend gewirkt hat, konnte mich zwar nicht langfristig prägen, aber es hatte mich beeinflusst – und damals den Faschismus ausgeklammert. Der kam später ins Bewusstsein, zugleich mit dem realen und nachgeholten Jüdischen. 

Diese Fragen beantworte ich nicht, schon gar nicht hier im Blog. Aber die Differenz zu Deutschland wird schon an der faschistischen Doppelgeschichte deutlich, im basso continuo der völlig anders gestrickten Sozialdemokratie, nach dem Ersten Weltkrieg, fast bis heute. Dass es diese Fragen gibt, wirkt aber in die Politik hinein, einschließlich meiner Erinnerung von früher Kindheit an, einschließlich Kardinal Innitzer, studentische Widerstandsrhetorik auf der Linken, unverschämte Offenheit der Rechtsradikalen, von den Burschenschaften bis hin zu den Freiräumen, die dem verhüllten Faschismus gewährt wurden, weil und obwohl wahrscheinlich die kulturelle Opposition in Österreich viel aussagestärker war als in Westdeutschland, und sich auch vom vereinten Deutschland unterscheidet – Thema für viele wissenschaftliche und kulturelle Arbeiten.

Aber im Kern quält mich die Beobachtung, dass sich auch ansonsten eher vorbildliche Sozialdemokraten lieber mit Ex-Nazis verbündeten um gegen die Ex-Austrofaschisten zu arbeiten. Und dass der Austrofaschismus natürlich von Seipel vorbereitet und von Dollfuss initiiert und von Schuschnigg exekutiert wurde, aber viel weiter zurück wurzelt in der Monarchie in all ihren kontroversen Stadien – das wissen wir alles, und doch folgt so wenig daraus. Obwohl, und das ist mir wichtig, ich kaum eine bessere und kritischere und genauere Aufarbeitung aus der Sicht demokratischer Politik und Kultur kenne als in Österreich (Befreundete Namen nenne ich hier nicht, um niemanden wichtigen auszulassen).

Obwohl, so müsste ich diese Überlegungen übertiteln.

Hier liegt das Unbehagen daran, dass und was ich an Österreich um so viel besser, nicht nur anders, als in Deutschland empfinde – und wenn ich es nenne, kommen die VertreterInnen des Obwohl zum Vorschein und sagen mir: der war doch auch…

Aber das war auch: nach 1933 und vor dem Anschluss (nicht sog. Anschluss, angeschlossen werden…1938) fanden viele jüdische Deutsche wenigstens zeitweilig eine Bleibe in Österreich, auch unter den Austrofaschisten. Also mitten in einem konkreten Antisemitismus, der bloß kein überwiegend naturwissenschaftlich gestützter war. Wie das? (Und vergessen wir nicht, in beiden Ländern diffamieren jüdische Extremisten jeden Kritiker der korrekten Position als Antisemiten, weil das alles in der Israelkritik und der Religionskritik und der Kritik als Vernunft ja so angelegt ist, als wäre die Wirklichkeit eine jüdische Erfindung…schön wär’s).

Dann die letzten Jahre, erst beherrscht von SPÖ Medien-Untergebenen wie Klima, Faymann, und dann der schreckliche ÖVP-türkise Sebastian Kurz, der solange es ging mit den Faschisten von der FPÖ zusammenregierte, und dann…türkis-grün ist schwer zu vermitteln, ich weiß, Obwohl. Jetzt ist wieder die Rückschwärzung im Gange. Vergleiche dazu die erste Bilanz des Kanzlers Nehammer, nach einer Woche: Karl, der Nächste[4].

*

Werte LeserInnen dieses Blogs: fragen Sie sich, was ich mit diesem Blog „eigentlich“ sagen wollte? Als Gegner der Eigentlichkeit wohl eher die spracharme Erkenntnis, dass die Rhizome des Antisemitismus, der faschistischen, also gegendemokratischen Weltanschauungen sich in Österreich ganz anders gehalten haben als in Deutschland (von der Differenz bin ich ja ausgegangen), und dass mich das seltsamerweise ermutigt, nicht resignieren lässt, weiter auch hier in Österreich in Projekten, Diskussionen und mit Freundschaften zu arbeiten, die dieses absurd nie-abschließbare, unabgeschlossene Kapitel eines Landes, das nie Staat, Nation oder Volk war noch sein wird, weiter einzuschreiben, auch in meine Biographie. *

Drei Tage zu früh für Festtagswünsche, und wer weiß, was dazwischen noch alles geschieht.


[1]  Ein Pendant sagte noch deutlicher, dass die Austrofaschisten schlimmer gewesen seien als die Nazis, wenn es die Shoah nicht gegeben hätte. Hier die Begründung zu suchen, nicht den unsinnigen Satz selbst zu dekonstruieren, ist wie ein klimatischer Wind, der durch Österreich weht.

[2]  Bischof, Günther und Pelinka, Anton (eds.): The Americanization/Westernization of Austria. Contemporary Austria Studies, Vol. 12, New Brunswick 2004

[3] https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/2000131835189/rot-gruener-druck-auf-innenminister-karner-wegen-dollfuss ¸ https://zackzack.at/2021/12/19/die-oevp-und-der-austrofaschismus-karner-und-dollfuss/ (alle 20.12.2021 u.v.m.)

[4] Klenk, Florian und Toth, Barbara: Karl, der Nächste. Falter 49/21, 12

Wien weint anders…

Nicht zufällig bin ich gerade in Wien, zwei Projekte führen mich für eine Woche her, und ich leide darunter, dass mir kaum Zeit bleibt, die Menschen auch nur anzurufen, die mich mit dieser Stadt noch, wieder, seit damals verbinden; nicht erst neuerdings. Kein Gejammer allerdings, ein paar Besuche sind möglich, und ein langer Weg von Freunden zu meinem Domizil beim Freund und Forschungspartner. Anders als bei der letzten Parisreise sehe ich in Wien fast alles von Außen, und die Erinnerung muss dichtes Gewebe von Vergessen und Verschieben durchbrechen, um dann wie gegenwärtig zu erscheinen. Straßennamen, unzählige, drücken mir die Hand und erinnern mich daran, was hier, oder auf dem Weg oder von jemandem an dieser oder jener Ecke sich ereignet hatte oder gerade nicht, wenn es doch erhofft war…nichts davon heute. Schnee liegt, wenig Schnee, es ist kalt, nicht sehr kalt, der Himmel ist klar, die Restaurants und Cafés sind geschlossen, nur die take aways und Dönerbuden und Weihnachtshütten sind offen, womit man eine ethnische Vielfalt in Augenschein nehmen kann, die sonst nur in bestimmten Gebieten anzutreffen ist, jetzt anscheinend eine Mehrheit: bei einem Flüchtlingsfeind als neuem Bundeskanzler und einem Dollfuss-Wiederbeleber als neuem Innenminister und dem CoVid-Genesenen Anführer der Nazipartei als Anführer großer Demonstrationen…von all dem bekommt man in der großen Stadt nichts mit, wenn man nur von der Senke des 6. Bezirks am Wienfluss durch den leicht ansteigenden 5. Bezirk (Margareten) zum Gürtel hochgeht, und von dort steiler ansteigend den Schüsselrand der Großstadt bergauf nach Hause läuft: Längst sind die bürgerlichen Mietshäuser durch die Gemeindewohnungen und Genossenschaftsblöcke ersetzt, früher war der 10. Bezirk wirklich rot, heute schweigen wir darüber, und die vielen Ausländer sind daran nicht schuld, dass sich das alte, das rechte Österreich im linken, im besseren Wien ausbreitet wie eine neue Variante politischer Infektion. Wie gesagt, in dieser einen Stunde 6-5-10 habe ich von Politik wenig mitbekommen, kaum Sprays und Plakate, aber mehr Einzelhandelsgeschäfte auf diesen drei Kilometern als in ganzen deutschen Großstädten, und mehr Einblicke in das, was „urban“ heissen kann, im Alltag als in Berlin (Außerdem wird eine neue U-Bahn gebaut, heute….). Ich muss also bei den Abendnachrichten die Politik nachholen, kommentieren mag ich sie so wenig wie die deutsche, in langsamen Wellen bricht sie sich am Sandstrand der schnellen Vergänglichkeit; wenn mich nicht nur dauernd die Mails aus Deutschland für die afghanischen Flüchtlinge erreichten, wo immer ich gehe. Es sind die Fliegen der Tragödie, wenn ihr wisst, was ich meine.

Das müsste ich nicht im Blog berichten, wenn nicht die Wirklichkeit die Nostalgie des Wieners erodieren ließe (ich bin ja einer der wenigen Wiener, die wirklich hier geboren wurden; schon die Umstände dieses Zufalls binden mich an diese Stadt). Also mache ich heute früh einen PCR Test, weil ich morgen einen Krankenbesuch im Haus der Barmherzigkeit machen will: Man registriert sich (mehr Umsicht und Datenschutz, nichts für Analphabeten, schade), folgt der Gebrauchsanweisung, vom Gurgeln ins Röhrchen, von da ins größere Gläschen, verschließen, codieren, abgeben, und sechs Stunden später sind alle Befunde im Mail, wehe dem, der kein Handy hat, da wird es zwar auch möglich, aber komplizierter. O schönes negativ, aber ab morgen wird „gelockert“…

Natürlich frage ich nach den alten Bekannten, die am Anfang meines beruflichen Werdegangs standen, der mich ja aus der Uni Wien herausgelöst hatte, bevor andere noch sich entscheiden konnten für oder gegen Wissenschaft oder Lehramt. Die mich damals dirigierten, sind alle um die 85 oder gar älter, und die gleichaltrig Gedachten sind zehn Jahre jünger als ich und bereiten sich auf die Pension vor. Viele der Wohnviertel, Caféhäuser, Treffpunkte verbinde ich nicht mit diesen Menschen, sondern umgekehrt: plastisch treten Orte und Ereignisse vor mein Gedächtnis, und die Personen, die einen so verschwunden wie die andren, nur wenig Schwankungen in den Emotionen, keine Zeit für den Realismus der Vergangenheit, eher für die Abstraktion. Nur vergessen sich die meisten Namen nicht so massiv wie die jüngst abgelegten…auf diese Weise rekonstruiert sich Wien anders als andere Städte, die ich/=man dann doch erinnern muss. die wichtigen oder beiläufigen Menschen formen den fliegenden Teppich, auf dem man sitzt oder durch die Gassen läuft und weiss, man wird nicht mehr erleben, dass sie endgültig der Zeit zum Opfer fallen. Wenn Freunde mir heute erzählen, was sie in letzter Zeit gehört oder in der Oper genossen haben, was die Theater natürlich nicht mehr so hergeben wie früher, dann werde ich nicht nostalgisch, sondern fühle mich eher jünger als die so viel Jüngeren. Getraut Jesserer ist gestorben, verbrannt in ihrer Wohnung, Ernie Mangold lebt noch, ein paar ganz Gute sind jetzt in Berlin, aber das ist schon alles: hier wird gespielt und gesungen.

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Von meinem Krankenbesuch mag ich nicht erzählen, und dieser Widerwille unterscheidet mich von vielen österreichischen Schriftstellern, die solche Gelegenheiten zum Ausbreiten ihrer Philosophie benutzten. Nur so viel, auf dem Weg zum und vom Krankenhaus kann man eingehend studieren, wie in einem Mischgebiet auf der einen Straßenseite noch die kleinbürgerliche Ärmlichkeit hinter ganz schönen Fassaden der Gründerzeit verbergen, während gegenüber die Gemeindebauten der Nachkriegszeit glatt und stereotyp die Wiener Variante der wirtschaftlichen Stabilisierung zeigen, nicht annähernd so schön wie die Bauten der Zwanziger Jahre, aber „sozial“ hatte damals schon seinen verständlichen Sinn und macht Wien heute zur Ausnahme in der postmodernen Wohnungsnot. Ich wandere auch an Sozialeinrichtungen vorbei, die gibts in Deutschland auf), aber hier sind sie offen, erkennbar, oft schäbig, aber frequentiert, wie die Wärmestube.

In der Straßenbahn nach Hause bin ich für einige Zeit der einzige Wiener deutscher Muttersprache, umso bemerkenswerter die Wiener Familien balkanischer und türkischer Herkunft in einer Normalität, die ich in Berlin vermisse. Das ist keine Idealisierung, weil zu dieser Normalität die austrofaschistische Neigung der „Anderen“ gehört, die contra Rationen zu zehntausenden gegen die Coronamaßnahmen demonstrieren, gewaltbereit die Saat aufgehen lassen, die durch Jahre hindurch im schwarzbraunen Populismus angelegt wurde. Jetzt, ja jetzt, ist man dagegen, sieht aber keinen Zusammenhang wischen der Flüchtlingspolitik, der Nähe der Innenpolitik zum deutschen Seehofer, einer immer schon dagewesenen Ethnophobie im kleinsten sozialen Maßstab neben der oben zurecht gelobten Normalität. Bei meinen deutschen Freunden, engsten und diskutierenden ferneren, stößt das „Österreich ist anders“ von mir auf eine seltsame Abwehr, als ob die scheinbar gleiche Sprache Deutschösterreich wahrscheinlicher machte als ein Riss zwischen zwei Kulturen. In Gedanken mache ich eine Stadtführung…

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Eines unserer Projekte führt mich in ein Kreativzentrum, wo Versammlungen, Workshops und Projektunterstützung zusammenkommen. Das wird nicht öffentlich gefördert….bietet aber trotzdem eine synergetische Zusammenarbeit…so steht im Hof des Gebäudes, einer ehemaligen Schule, ein Modellholzhaus für ökologische Demonstration…Wir besprechen und bearbeiten unser Startup-Projekt (nicht wir sind ein Startup, sondern versuchen, solche mit etablierteren Unternehmen zusammen in eine neue Form von geteilter Ausbildung zu organisieren (in Ö heißen die Lehrlinge noch nicht Auszubildende, sondern Lehrlinge…). geht man aus dem Gebäude raus, erkennt man schnell die „Dialektik“ des 3. Bezirks, der hat eine feinere Seite, Botschaften rund ums Belvedere, Konzertsäle, oberes Bürgertum, und Richtung Osten alte Industrie, jetzt überbaut durch Bürohochhäuser; seltsamerweise denke ich an ähnliche Konglomerate in Queens, es passt zusammen, was nicht zusammenpasst und -gehört.

Die Abendnachrichten ernüchtern. Corona, Omikron, Skifahren, Rechtslastigkeit und Augenreiben der Kultur…immerhin fordert eine konservative Zeitung Gegendemonstrationen der Geimpften und eine Eröffnung der Dollfuss-Debatte. Gar nicht schlecht, Geschichte aus den Subtexten zu holen.

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Macht es Sinn, die Unterschiede zwischen den beiden Gesellschaften aufzuspüren, zu analysieren, und auszuwerten? Sicherlich, weil man beiden Differenzen verpflichtet ist, nicht nur als Doppelstaatsbürger, sondern auch wegen der durchaus umbalancierten Bezugsschaukel: nicht ich allein „pendle im Bewusstsein“ zwischen Wien und Berlin…im Alltag sind das Trivialitäten. Was ist wo „besser?“. In Wien die Öffis, die Bundesbahn, die Wohnbaustruktur,…aber um etwa die Wohnungspolitik der Hauptstadt zu erklären, bedarf es vieler geschichtlicher, ethnischer Rückblicke, bis weit ins späte 19. Jahrhundert zurück. Und dann wird es sofort politisch, weil man sich schon des staatlichen Vorzugs der Donausmonarchie vor dem deutschen Reich nach 1871 bewusst sein muss, um zu erklären, was wo jeweils wie geworden ist und was eben nicht.

Unser Entwicklungsprojekt „Wohnen im Alter“ nimmt mit dem Abschlussbericht an die auftraggebende Landesregierung von Niederösterreich konkrete Formen an (dann erst kommen die wirklichen Mühen der Ebene, Ergebnisse „Vor Ort“ umzusetzen. Und was das „Alter“ mit den Zeitläuften, vom Klimawandel bis hin zur rasanten Veränderung der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung zu tun hat, fasziniert mich – auch wegen der Unterschiede zu Deutschland.

Aber erst einmal unterbreche ich diese Arbeit, fahre zu meinem Verlag, überquere die Hohe Brücke an der Wipplinger Straße, die ich als Kind schon kannte, weil es dort die Lotterie-Agentur gab mit dem Rauchfangkehrer als Symbol der Glücksbereicherung durch die Klassenlotterie. Später wurde der Wortwitz der Linken mit dem „Klassenlos“ daraus.

Und wieder fahre ich durch die Stadt und lerne mit jedem Blick auf ihre Geschichte auch ein Stück meiner Geschichte. Beruhige mich, dass ich nicht berühmt bin; wäre ich es, würde Wien erst nach meinem Tod etwas für mich tun.

(Übrigens muss ich ja übermorgen nach Salzburg, weil ich dort gemeldet bin und neue Papiere rauche. Zu Salzburg fällt mir diese Geschichte nicht ein, ob eine andere sich mit mir so verbindet ist wahrscheinlich…).

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Zu den Unterschieden zählen auch Gestalt und Vermittlung der Abendnachrichten im Fernsehen. Hier geht es nicht um besser oder schlechter. Aber weil Österreich nicht so wichtig ist wie Deutschland, erfährt man hier mehr von der Welt – und von lokalen Ereignissen.