Antisemitismus im Diskurs

Ich halte mich daran, die Situation nach dem 7. Oktober nicht direkt zu kommentieren. Ich bereite Vorlesungen und Seminare dazu vor, aber ich bin kein tagesaktueller Journalist und schon gar kein Meinungsinfluencer. Aber ich muss eine Auffälligkeit vermitteln, die mir größere Sorgen macht als der Kampf der Kommentare um die Meinungshoheit.

Es gibt kaum eine öffentliche Stimme, die den Angriff der Hamas am 7.10.2023 nicht kritisiert, oft verurteilt und seltener erklärt. Das gehört schon zur kulturellen Staatsräson….äh? Aber jeden Tag sind die Medien voll von dem, was Israel im Gaza soll, darf, kann, tut oder nicht tun soll. Wer hier die einzelnen Meinungen und Analysen kritisiert, dem wird entgegengehalten, man hätte natürlich den Angriff der Hamas schon hinreichend negativ bewertet, jetzt gehe es um die Antwort und die Folgen.

Kein Zweifel: Man kann die Politik und Kriegsführung Israels, Netanjahus, der IDF usw. erklären, kritisieren, relativ gutheißen oder ablehnen. Nur: der Anlass geht im Diskurs verloren, geht unter in der Ausbreitung der Reaktion. Das hilft sowohl den Antisemiten als auch denen, die diesmal nicht sicher sind, ob das demokratische Israel diesen Krieg übersteht. Die Familien der Geiseln sind die Minderzahl derer, die Ursache, Wirkung und Kontext verbinden können – und es teilweise auch tun.

Sie tanzen auf der braunen Scholle

Wenn die rechtsradikalen oder bloß pöbelnden Typen, von Aiwanger über Söder bis zu dem Bauerngesindel in Biberach sich die Grünen als Objekt des nationalen Hasses ausgesucht haben, hat das zwei Seiten:

Negativ zeigt es das Übergreifen des antidemokratischen Volkstums gegen Staat und Verfassung, aber auch gegen die praktische Vernunft.

Positiv zeigt es, dass die Rechten begriffen haben, wie richtig die Grünen handeln und argumentieren.

Abwägende Journalisten und Kommentatoren reden von den „Fehlern“ der Partei, die sich jetzt auswirken beim so genannten Volk. Also ob die CDU unter ihrem Flachhirn Merz oder die antideutsche Söderkoalition nicht m9it „Fehlern“ ausstopfte…auch Fehler gehören zur Demokratie. Aber darum geht es NICHT. Wenn der Pöbel angreift, sind das Vorbereiten eines weiteren Ausbreitens von Faschismus, der sich auch in der eigentlich nichtpassenden Kooperation von Partikularinteressen ausdrückt, und im Bewusstsein der Erdklumpen im Hirn, nur keine Minderheit zu sein, nur keine Kompromisse, nur kein Nachgeben – bis hin zum Kampf der Bauern gegen Wildtierschutz und Artenvielfalt (Diese Bauern hasben ohnedies keine Nachkommen, die daran verrecken, sondern solche, die sich von ihnen abwenden….zumindest mehrheitlich).

Die Grünen können gar nicht anders als sich der bräunlichen Flut entgegenstemmen und weiter ihrem Programm folgen. Ob Merz oder Lindner dagegen anpöbeln…vergiss es. Denn Umwelt und Kriegsgefahr engen die Spielräume ohnedies ein, und dann ist demokratische und ökologische Einigkeit gefragt. Die erreicht man nicht, wenn aus der Hauptstadt der Bewegungt und aus der dampfenden Scholle die uralten teutschen Keulen ausgegraben und gegen die Zukunft geschwungen werden. Die ist grün, nicht braun.

Nazi, Faschisten, … Wortpolizei?

Putin bezeichnet die Ukraine als faschistisch und begründet seinen Krieg gegen das Land damit, die Nazis dort vernichten zu wollen.

Der bayrische AfD Politiker Protschka bezeichnet die Montagsdemonstration gegen den Faschismus der AfD und anderer Rechtsradikaler als faschistisch. (DPA 14.2.2024)

… mehr Beispiele hat jede Leserin und jeder Leser.

Der Begriff hat sich in der Alltagssprache eingewohnt und wird als scheinbar ultimatives Schimpfwort gebraucht, nicht hintergehbar. Das Wort war schon während der Herrschaft der Nazis abgenutzt, so hielt David Ben Gurion den Revisionisten Jabotinski für einen „faschistischen Satan“ oder ein britischer Besatzungspolitiker „verglich die hebräische Erziehung mit der der Nationalsozialisten“ (beide Zitate aus Tom Segev: es war einmal ein Palästina, Berlin 2005).

Der Begriff liegt sozusagen zur Hand, weil das allgemeine Schlechte in der Politik – Faschismus – mit seiner nicht-übertrefflichen Besonderheit – Nationalsozialismus – verbindet. Ein allgemeines Schimpfwort, jeder analytischen Qualität entkleidet.

Man soll sich also zurückhalten, meinen viele, nicht nur moderate, Diskutierwillige. DAS IST DIE EINE SEITE. DIE ANDERE SEITE aber verlangt geradezu den Gebrauch der Begriffe. Die AfD ist nicht einfach eine „rechte“ Partei, oder radikal-konservativ oder extrem, sie IST faschistisch. Und man sollte die Qualifizierung auch auf bestimmte ihrer Mitglieder und ExponentInnen anwenden. Wenn wir sie so bezeichnen, ist es ja kein „brandmarken“, sondern eine Identifikation. Die im Übrigen Konservative, ja manche Reaktionäre, doch von ihnen unterscheidet – aber man braucht den Begriff, um die jeweilige Nähe oder Entfernung beschreiben zu können.

Faschismus ist in allen politischen Systemen als Gegenpol zur Demokratie möglich, auch partiell. Wir haben davon etliche Spielarten in Europa, in den meisten Ländern – Faschisten an der Regierung, in Koalitionen oder machtvoll in den Parlamenten, auch auf lokaler Ebene.

Der Nazivergleich ist nur dann sinnvoll, wenn man die Entwicklung der NSDAP aus faschistischen Wurzeln kennt und wenn man den Vergleich nicht nur auf die Zeit nach 1933 anwendet. Dazu muss man etwas wissen, Faschismus zu ahnen, ist gefährlich. Ich habe Putin mit Hitler und Stalin verglichen, und wenn er den Nazivergleich bringt, zeigt er nicht nur auf sich selbst. Er immunisiert den hochprekären Wortgebrauch gegen seine Wirkung. Darauf sollte man nicht hereinfallen.

Fasching lebe hoch, Karneval verzieh dich

Ich habs schon früher gesagt: so sehr ich den Fasching bei uns zuhause in Oberösterreich (Ebensee) seit früher Kindheit mochte und mag, so sehr wende ich mich, nicht entrüstet aber fadisiert, vom rheinischen u.ä. Karnevalen ab. Auch wenn der Abschied vom Fleisch, carne, vale! lustig ist.

Es ist nicht nötig, das zu erklären oder zu rechtfertigen, soll sich vor dem Aschermittwoch doch ver- und begnügen, wer wie will. Aber die Härte der verkleideten Vorwürfe, unerfüllten Begehren, Hoffnungen und Enttäuschungen beim Fetzenzug am Montag sind schon ein Erlebnis, das unter die Haut geht. Man kann sozusagen eine Jahresgeschichte auch hinter der Verkleidung, den Masken, auch den Handlungen – manche unnötig brutal, viele symbolisch – nachzeichnen, und all das wird abgekehrt von der eigenen Psyche. Ich bezweifle, dass die religiöse Tradition des nach Vergebung und Fast vergeblich und fast wirkenden Aschermittwoch noch im Bewusstsein ist, aber es wird wie ein Katechismus aufgesagt.

https://www.meinbezirk.at/salzkammergut/c-freizeit/fasching-2024-in-ebensee_a6505954

man kann viel mehr dazu im Netz sehen und schöne Bilder dazu, aber mir geht es um etwas anderes:

Ereignisse, die immer wiederkehren, wie traditionelle Rituale (in Ebensee der Glöcklerlauf am 6. Januar oder der Fetzenzug) lassen andere hinter sich, man – ich – erinnert sich nicht einfach an die Stunden auf den Straßen, sondern an die eigene Kindheit und vor allem Jugend, für die solche Rituale den Rahmen geboten haben. Bis zum Aschermittwoch werden Regeln außer Kraft gesetzt (wirklich? nicht wirklich, aber….), und dann wird’s wieder normal, einschließlich oft handfester Buße und Reue, das spielt in Beziehungen, Zeugungen, aber auch Beleidigungen, Anwürfe und bisweilen Gewalt hinein. So wollte es das Kirchenjahr und der jahreszeitliche Gewissenskalender. Säkular ist das wie ein Aufbruch in die zeitweilige Enthaltung von Alkohol oder Süßigkeiten, aber heute doch nicht mehr richtig, die meisten wissen gar nicht mehr, was fast bedeutet. Oder man hält sich ohnehin – eh! – nicht dran.

Worum es mir geht? Es gibt Erinnerungen, die sich im Gedächtnis verknüpfen sollen oder können, verknüpfen mit Ereignissen, mit lokalen Ereignissen und Erscheinungen, die durch den Fetzenzug oder ähnliches nur reanimiert werden. Was hat der Fasching vor 80 Jahren bedeutet, dann vor 60, dann vor Kurzem? Und für wen? wer hat sich politisch draufgesetzt?

Wenn ich an meinen Kindheitsort Ebensee denke, kann ich das heute nicht nur landschaftlich (zB. Rudern im Traunsee, Schwimmen, Gipfel, Wald, Kyrill 2008), sondern muss die Industriegeschichte, die KZ Geschichte, die Eiwanderungsgeschichte, die Abwanderungsgeschichte mitdenken, gerade weil ich ja nicht mehr da bin. Nur der Fetzenzug bleibt…

(und warum das im rheinischen Karneval anders ist, weiß ich nicht. Egal.

Fastnacht in Basel ist in bester Erinnerung, das ist wieder anders).

Augen auf. Ein Krieg? Krieg dich ein.

So schaut doch hin.

Ich wiederhole meine Grundthese: wenn wir in der Friedenslogik argumentieren, kommen andere Forderungen und Vorstellungen zustande als wenn wir in der Kriegslogik argumentieren. Entscheidend sind nicht Meinungen oder von uns vorgebrachte Wahrheiten, es zählt die Wirklichkeit.

Was ich möchte, ist nur begrenzt wichtig, was ich sage, hat kaum Wirkung. Aber was ich über die Wirklichkeit denke, ist mit entscheidend für mein Leben.

Innerhalb der Friedenslogik muss ich fordern: den Krieg sofort beenden. Welchen Krieg? Ich behaupte, wir sind im Krieg und es gehört nicht zum Frieden, seinen Ausbruch zu verhindern, weil er ja da ist. Weltweit, global, unterschiedlich lokalisiert. Den Krieg beenden, bedeutet, Politik. Es bedeutet, nicht nur für die eine Seite auf Sieg und die Andere auf Niederlage zu setzen, sondern die Auseinandersetzung zu beenden. Und das ist etwas anderes als der dauernd vorgebrachte, vorgezogene Kompromiss. Wie eine Einigung aussieht, kann man vorher schlecht vorhersagen. Ich muss nicht begründen, warum ich das Ende des Kriegs will. Menschenleben, Soziales, Kulturelles und Ökologisches sind imperativ. Frieden ist kein Zustand, sondern ein Prozess.

Innerhalb der Kriegslogik muss ich Partei ergreifen, muss den einen den Sieg, den andern die Niederlage wünschen. Das zu begründen, kann die Friedenslogik hemmen oder befördern. Aber eines ist klar: die Kriegslogik folgt nicht den Friedensvorstellungen. Wenn ein Friedensforderer Verhandlungen verlangt, muss nicht jede Seite verhandeln wollen oder können. Das macht das Friedensverlangen innerhalb der Kriegslogik schwierig. Krieg ist kein Prozess, sondern ein Zustand.

Deshalb brauchen beide Logiken das(den(die DRITTEN. Die stark genug sind zu verhandeln – dazu kann u.U. auch gewaltsam demonstrierte Stärke gehören – und auch stark genug sind, das Militär durch Politik zu ergänzen, gar zu ersetzen. (Wir haben das vor etlichen Jahrzehnten Friedensbewegung genannt, das hieß auch, die Menschen jenseits der herrschenden Politik für den Frieden sich einsetzen zu lassen). Das, was sich gegen die AfD abzeichnet, kann sich auch für den Frieden abzeichnen, aber macht euch keine Illusionen, weil Krieg IST, weltweit, kann man ihn nicht verhindern, bestenfalls seine weitere Ausbreitung. Ihn einzudämmen, braucht Prinzipien, machtvolle Praxis, keine schönen Worte. Manche Prinzipien sind nicht verhandelbar, aber das bedeutet unter Umständen auch Gewalt auf der eigenen Seite.

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Liebe Leser*innen, ihr braucht mein pazifistisch-bellizistisches Argument nicht. Ich schreibe diese wenigen Zeilen a( aus Überzeugung, das wir etwas TUN können, und b) dass man nicht fordern sollte, was der Wirklichkeit nicht stand hält (etwa mit Verhandlungsunwilligen verhandeln). Was können wir tun? immer die unterstützen, die im Krieg die Friedenslogik nach wie vor vertreten, in der Ukraine, im Sudan, in Afghanistan, in Israel, im Nahen Osten…es gibt sie, und dazu muss man, müssen wir uns informieren. Das kann schon ein wichtiger Schritt sein, zu wissen wen man wie unterstützen kann, und warum, und das nicht auf seine Meinung allein aufbauen. Manchmal ist Information schon Praxis, bisweilen sogar gefährdend. Aber diese Praxis kann auch befreiend wirken, damit wir wissen, welcher Logik wir uns wirklich anschließen.

Lindners Kampf gegen Deutschland

Lindner und seine kleine Sportwagen-Luxusressort Partei, genannt FDP, machen Deutschland in der EU und im eigenen Land lächerlich. Das kann Berechnung oder ein verzweifelter Schaden sein, dessen Körperteil ich nicht benenne.

Wäre die Situation nicht so schlimm – der globale Krieg an vielen Orten, die Unfähigkeit der deutschen Bürokratie, das Wegschauen des Pöbels von der Wirklichkeit und die Zögerlichkeit der Demokrat*innen, dem Pöbel die Stirn zu bieten – dann könnte man die FDP bei 3,5 % vergessen. So wird sie zum gesellschaftlichen Gegner.

Wenn schon Bündnis von Demokratie oberhalb der Parteienebene, dann ein Bündnis, kein Huckepack für die Gauner vom Hindenburgdamm.

Juden, nicht alle Jüdisch

Ich begebe mich auf schwankenden Boden. In einer Zeit der Kriege und Gewalt, der Fake News und der Ausweichpolitiken, in einer Zeit der Verschiebung wichtiger Grundlagen nach Rechts, - in so einer Zeit muss man auch sich selbst- in die Kälte der unabgeschlossenen Überlegungen begeben. Die großen Proteste gegen Rechts sind wichtig, aber sie genügen nicht, zumal wenn keine positiven Antworten auf die Frage: was tun? erfolgen. Nur gegen Rechts sein, ist so wenig hilfreich, wie nur ein Antifaschist zu sein (Erich Fried), da dämmert schon die Wahrheit herauf…

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Die Herkunft der Juden als Ethnie ist gut erforscht, sie ist nicht zu bezweifeln, und sie ist bestens verpackt, nicht nur in die biblischen Geschichten. Erst als Hebräer, dann als Juden. Aber schon bei Abraham beginnt eine Spaltung, die man ruhig —-eine interne nennen kann. Unendlich ist die Literatur über Hagar und Ishmael, und später über Sarah und Itzhak. NUR: um das zu verstehen und zu deuten, braucht man Religion und Religionsgeschichte und nicht nur so sehr Ethnologie, Stammesgeschichte und Historiographie. Oder umgekehrt, oder beides, oder gar nichts, wenn man die Gegenwart anschaut?

Lacht nicht. Ich habe zur Zeit auch wichtigeres zu bedenken als Religion, Religionsgeschichte und die Differenz zwischen Religion und Glauben. Und ich kenne mich da einigermaßen aus. Was mich aber umtreibt, ist die Ansicht von Juden, man möchte fast sagen: die Fernsicht auf Juden, auch aus unserer Gesellschaft (Darum verwende ich hier auch nicht Juden und Jüdinnen, sondern den eingeführten Volkscode, z.B. Deutsche UND Juden, wir vs. ihr, die vs. jene…Wo diese Ansicht, wo diese Fernsicht umschlägt, als hielte man das Fernglas verkehrt, wo man die Bilder aus Israel erhält, die hier weniger beachtet und bekannt werden, auch wenn man sie genauso gut sehen kann, da wird es schwierig. Was sind das für Juden, die faschistische, religionsfanatische, Gewaltausscheidungen von sich geben, die sich so auf die Bibel und die von ihnen nicht verstandene Shoahgeschichte beziehen, anstatt ehrlich ihren imperialen, arroganten Herrschaftsanspruch so offen auszudrücken, dass die Kritik auch eine Basis erhält und nicht mit der vor-rationalen Nebelbildung kämpfen muss. Ich nenne sie “nicht jüdisch“…. geht das?

Fangen wir an: David Shulman: A Bitter Season in the West Bank, NYRB 21.12.202320-22. Eine klare Absage an die Hamas, ohne wenn und aber oder historische Relativierungen. Aber dann die Frage: was, wenn die Gangster Erfolg haben und die Hamas aus dem Gaza vertrieben haben – „mehr Siedlungen, mehr Rassismus, mehr Jüdische Überlegenheit („Supremacy“), mehr tädliche Gewalt, mehr moralische Korruption. mehr antidemokratische Legislative, mehr Bürgerkrieg, mehr Netanjahu, mehr Hass“ (meine Übersetzung). Natürlich ist Schulmann für Verhandlungen und eine Verhandlungslösung. Und die darf ebenso natürlich den 7. Oktober nicht auslassen, und auch das kann jeder Mensch in Deutschland wissen: „Der Der Tag, der nicht enden will“, Autorenkollektiv Kai Biermann und 11 andere, ZEIT 6, 1.2.24, 11–12.

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Ich sage es einfach: so wenig wie man die ethnische Herkunft und Gegenwart leugnen, verschieben oder verbergen soll, so wenig darf man die gesellschaftliche und d8ie persönliche Ethik, die eine Ethnie auch zusammenhält oder verwässert, aus dem Blick verlieren. Was an Netanjahu und den Ultras in Israel ist „jüdisch“. Jüdisch ist eines von vielen Attributen oder Prädikaten, die jeder Jude, jede Jüdin bei sich haben, und es kommt oft darauf an, wie weit oben, wie wichtig „jüdisch“ ist. Dafür gibt es Regeln, eine Geschichte, Kritik, Veränderungen wie für alle anderen Attribute, aber innerhalb zweier Grenzen: der ethnischen, und der menschlichen im Allgemeinen.

Netanjahu und seine Gefolgschaft sind dabei, die Demokratie der Juden und Jüdinnen in Israel schwer zu beschädigen, dagegen gibt es Gottseidank Protest und Widerstand. Diese Rechten sind aber auch dabei, die menschliche Kommunikation mit den Palästinensern zu zerstören, jenseits der Kriegsrechts, des Völkerreichts, der Moral. Dafür müssen wir uns bemühen, die Kritik nicht nur aus menschlicher, auch aus jüdischer Sicht zu formulieren und öffentlich, nicht nur privat zu sagen. Wir…jüdischen Menschen mit einem Berg weiterer Eigenschaften. Nur Jüdisch kann niemand sein. Das wissen alle.

Naht sie, die Revolte gegen die Demokratie?

Jetzt sind sie wieder zusammen: „Landwirte, Mittelständler, Rentner, Handwerker, Mütter“, wie Markus Huber sie angekündigt hatte, einer der Organisatoren.“ (msn.com, 28.1.2024).

Wie die gesellschaftlich zusammenpassen, ist keine komische Frage. Schauen wir uns die Überschneidungsmengen an, dann ist die Herkunft einer gemeinsamen Protestideologie nicht ganz leicht herauszufinden. Die Gewinner der Wirtschaftskrise (Handwerker) und die von ihr Bedrohten (Landwirte), Mittelständler – wo sind die Armen? – und Rentner passen nicht zusammen, und Mütter, naja, im Land der Über-Zeugung protestieren sie wogegen? Dieser ganze Pöbel (das sind die, die heute Protest schreien, nicht etwa die demokratischen Bayerinnen und Bayern) schreit gegen die Bundesregierung, gegen die demokratischen Parteien – CSU und Freie Wähler sind schon fast KEINE demokratischen Parteien mehr, aber sie dürfen bei der Protestprozession zuschauen. (Lest zum Gesamtproblem Stefan Kornelius, SZ 29.1., S.2 „...Es gehört zu den kulturpessimistischen Phänomenen einer Erregungsdemokratie, dass die eigene (wirtschaftliche) Lage in der Regel als gut oder zumindest zufriedenstellend eingeschätzt wird, während der Republik der Niedergang prophezeit und den Parteien Unfähigkeit attestiert werden„)

Ich halte mich seit längerem mit eingängigen Beschimpfungen zurück, weil die Faschisten diese erwarten. Aber die, die diese Protestaktionen organisiert haben, nenne ich Faschisten. Ich will diesen Pöbel provozieren, sich gegen diesen Vorwurf zur Wehr zu setzen, ich möchte die Argumente hören, warum diese Politik, die sie gegen die Demokratie reiten, nicht oder weniger faschistisch sei. Da es unbestritten ist, dass sich faschistische Bewegungen und Machtzentren in Deutschland, Europa, weltweit vermehren und ausbreiten, wollen wir doch aus dem Bundesland der „Bewegung“ hören, wo sich die Agitatoren selbst sehen. Ach, ihr randalierenden Mütter…, ihr Handwerker am Hungertuch, ihr Bayrischen Rentiers, …was hält euch zusammen, außer der maßlose, irrationale Hass auf eine Regierung, die nicht nur an die Bayern, sondern alle Menschen im Land ihr Augenmerk richtet? Ich wills wissen, bevor ichs bewerte, ablege oder angreife…aber so einfach kommt ihr nicht davon.

Ganz was andres…

Ich will dem Tunnelblick entkommen, der mich fast überwältigt. Immer nur das denken, was einem die Wirklichkeit aufträgt, Afghanistan, Ukraine, Israel, oder hier AfD, Antisemitismus, Altersarmut…Da resigniert, wer weder Widerstand noch Überblick entwickelt hat. Widerstand ist klar, aber Überblick?

Nur, wenn man Zusammenhänge erkennt oder auch weiß, wo es keine gibt, kann sich eine Position erarbeiten, aus der heraus man weiter handeln kann. Das muss ich selbst mit jeden Tag sagen, weil ja die Situation nicht angetan ist, kurzfristige Entlastung zu erfahren. Zwei Varianten:

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WIR SIND IM WELTKRIEG. der sieht nicht so aus, wie die pathetischen Filme der Vergangenheit. Wenn man alle Kriegs“schauplätze“ (Medienschwurbelwort) zugleich auf die innere Landkarte setzt, ist das so unerfreulich wie eine Landkarte der wirklichen Diktatoren, Selbstherrscher oder faschistischen Führer, incl. der Vorboten auf weitere. Zur Weltkriegsvariante gehört auch die Vorahnung, dass der Verbrecher Trump die USA in die Dreistaatenlösung von „1984“ (Orwell führen wird, von etlichen Gefolgschaften unterstützt. Weltkrieg heißt heute auch, dass man nicht einfach oder mit Mühe ein friedliches, friedlicheres Land aufsuchen kann, relativ ruhig ist es ja bei uns noch. Auch im Dreißigjährigen Krieg hat es immer irge4ndwo ruhigere Inseln gegeben. Wichtige Lektion: Wenn wo nicht gekämpft wird, heißt das noch lange nicht, dass „Frieden herrscht“. Manche, auch meiner Freunde, meinen, da müssen diese Insel verhandelt werden, das hülfe auch denen, die gerade angegriffen werden, sich verteidigen oder auch präventiv kämpfen. Ja, fände man einen Verhandlungspartner oder könne man solche Verhandlungen erzwingen, dann meist auch nicht friedlich. Also: Umbruch alle sicher geglaubten Linien, Grenzen, Sicherheiten, und wie sich alles neu ordnet, wird der Wettlauf mit dem umweltbedingten Ende der Zivilisation zeigen.

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WIR SIND NICHT IM WELTKRIEG, woher denn? X Gewaltnester entwickeln sich kontingent. Geeint werden Menschen durch die Umweltkrise, die wird lokal verdeckt, solange die Diktaturen noch kriegsfähig sind, aber jeder Konflikt kann herunterverhandelt werden, einen Frieden vor Augen, der uns ökologisch zusammenarbeiten ließe. Nicht schlecht. Dieses friedliebende Modell beantwortet die Frage nicht, ob das demokratisch anzugehen und zu verwirklichen ist, – das fragt sich im Krieg nicht, der ist nicht demokratisch. Der global sich ausbreitende Faschismus, auch bei uns, lässt eher nicht-demokratische Varianten wahrscheinlich werden. Natürlich unterscheiden sich die Faschismen kulturell und sozial, aber es eint sie, dass sie nicht demokratisch sind.

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Man kann beide Varianten „quantenmechanisch“ zusammenbringen, je nachdem, wo man gerade lebt, wie man gerade handelt. Nur eines darf man nicht: sich der Illusion hingeben, der Frieden sei für die herrschenden Diktatoren und ihre Gefolgschaft die angemessenere, oft auch kostengünstigere Variante, dagegen bringen die Faschismen hinreichend viele nationale, ethnische und erzwungene Argumente vor – wo sind schon die Medien derer wirklich frei?

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Jetzt fragt ihr euch, warum ich das unter dem Titel schreibe: Ganz was andres… Es gibt immer zwei Varianten von Widerstand: den öffentlichen u8nd den privaten. Der erstere ist politische Praxis (nicht „Meinungsbildung“), Demonstrationen, Verweigerung von Geld und Leistung, Zerstörung etc. ohne Ironie: Man kann auch (in der) Demokratie aufrüsten und sich wappnen. Das zweite ist privat im Sinne von persönlich: ich muss auch in der Lage sein, jede, aber wirklich jede subjektive „Pause“, jeden Spalt im Krieg zu nutzen für mich, für Kunst, Kultur, Liebe und Nachdenken, auch für Natur und „Frei-„Zeit. Dass und wie das geht, haben Vorbilder in der Nazizeit, im Stalinismus und anderen Zwangsperioden uns geradezu ins Bildungscurriculum geschrieben. Oft sind diese Praktiken, ich nenne sie die wirklich friedlichen, auch die gewesen, die das Überleben eher gesichert hatten…was aber heißt, dass wir ohne Risiko nicht frei sein können, weil die Befreiung immer der Freiheit vorausgeht. Freiheit kann nicht verhandelt werden, Befreiung muss verhandelt werden, aber mit wem und unterwelchen Umständen…?

Das also beschreibt den Alltag in beiden Varianten der Wirklichkeit. Politisch kann das praktische Folgen haben, z.B. Abkoppeln von Trumps Amerika oder mehr und aufwändigere Unterstützung der Ukraine gegen Russland oder Schaffung einer glaubwürdigen Instanz für eine Zweistaatenlösung oder ….Privat hat es auch andere Konsequenzen: sich weniger hinter dem zu verstecken, was so erwartet wird, sich wegducken und säuseln.

„Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht….“ singt Georg Kreisler. Wie bekommen wir die Mehrheit der AfD weg? Keine Fangfrage: was tun, wenn wir uns nicht wegducken? Schreien? Oder mal etwas ehrlicher: wir wissen in vielen Fällen, was zu tun ist, auch unpopulär. Dazu aber brauchen wir Kraft und Risikobereitschaft. Und die müssen wir uns immer wieder aneignen, so wie die Giganten die Erde berühren mussten, um stark zu werden und zu bleiben. Und dazu wiederum müssen wir unsere Lebendigkeit und Aufmerksamkeit für unsere Bedürfnisse behalten und mit anderen teilen.

Ist das fromm? Unsinn, es ist praktisch. Was machst du, wenn du das liest? auf die Demo gehst und dann nach Hause? Wählst und dich wählen lässt, aber in den Argumenten zitierst, was du liest? Faschisten versuchen, dich von dir abzulösen („Du bist nichts, dein Volk ist alles“). Dreh den Satz um.

Tun statt schauen…

 

[1] Ijoma Mangold: Das Ende von Woke. Die ZEIT, #4 2024, 18.1., S.41

Hat mich ermuntert: Im Krieg und trotzdem für Dialog – Der israelische Reservist Nir Cohen. Kitzler, Jan-Christoph | 20. 1. 2024, 08:25 Uhr

 

Man kann gegen die Terroristen von Hamas kämpfen und trotzdem in stabiler Opposition gegen den ablösbaren Premier Netanjahu sein, wie ganz viele westlich Demokrat(i)en. „Man kann“, eigentlich: es gibt konkret mehr oppositionelle Menschen, die gegen die illusionäre rechtsradikale Regierung Israels agieren, lange vor dem 7. Oktober und weiterhin. Das ist auch dokumentiert, wenn auch nicht in allen Medien und nicht überall korrekt. Die Episode Netanjahu und seiner rechtsradikalen, teils faschistischen, teil ultra-orthodox religiösen Koalition ist schrecklich, sie gefährdet die Existenz Israels, nicht nur des demokratischen Israel. Aber es gibt eben sachliche Opposition, im eigenen Land, und weltweit. Eva Menasse ist bei uns deutlich: „Wir müssen immer moralisch eindeutig sein, wenn es gegen unschuldige Menschen geht. Und deswegen kann ich gegen Hamas sein, aber auch gegen die faschistischen Anteile in der derzeitigen israelischen Regierung. Das widerspricht sich überhaupt nicht. „Alles und nichts sagen“ – ttt – titel, thesen, temperamente – ARD | Das Erste“ (12.11.2023). Es widerspricht sich nicht, ist eben aber auch nicht auf derselben Ebene, das macht den Diskurs schwieriger, und es geht um auch um den Begriff „unschuldig“, nicht zuletzt, wenn es um Netanjahu und seine Politik und um die Menschen im Gaza vor dem 7.10. geht. Zu Netanjahu lest einmal das Pulitzerpreis-Buch von Joshua Cohen: The Netanjahus, NYRB 2021

 

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Dazu habe ich einiges gesagt, aber ungern geschrieben, weil die Vermehrung von Meinungen nicht mein Anliegen ist. Aber ich möchte es mit einer Analyse des von mir geschätzten Autors Ijoma Mangold verbinden, wonach Woke nach dem 7. Oktober besonders zerbricht[1]. Die „postkoloniale Israel-Gegnerschaft“ zerbricht. Der „radikal postkoloniale Flügel (verbat) sich jedes Mitgefühl für die israelischen Opfer“, während im „universalistischen Lager…Terror Terror war“. Ich füge dem hinzu, dass Faschismus und Terror eine Überschneidungsmenge haben, nicht deckungsgleich und identisch sind.

 

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Die Zerstörung des moralischen Universalismus ist ein Rückschritt der Entwicklung von Menschen. Wenn man jedem Stamm, jeder Ethnie, jeder mit anderen geteilten Besonderheit eine eigene identitäre Moral zugesteht – warum auch immer – dann teilt man die Gesellschaft in Gruppen ohne Brücken zueinander. Andererseits ist man natürlich persönlich froh darüber, mit bestimmten Gruppen schon deshalb nichts in der Wirklichkeit zu tun zu haben, weil sie anderen Habitus haben, einen anderen Geschmack, eine andere Moral. Aber damit sperrt man sich bei sich selbst ein, wenn man sich vor dem Konflikt mit dem Anderen in der gleichen Zelle sperrt. Dann lieber den Konflikt austragen. Das ist unbequem. Aber einfacher als Hitler, Stalin, Putin und ihre Gefolgschaften die Regeln bestimmen zu lassen, unter denen Menschen miteinander verkehren dürfen, wenn sie es noch können. Die Gefolgschaften sind nicht das, aber ein Problem: wir können oft nicht ohne sie, die NATO nicht ohne Erdögan, die EU nicht ohne Orban, die USA nicht ohne Trump etc. bis ganz nach unten, in die nächste Nachbarschaft. ABER: Wir können doch auch Widerstand leisten? Können kann Sollen, kann Müssen, kann Dürfen bedeuten. Das lasse ich mir von den TV-Philosophen so wenig ausreden wie von den Parteitagsrednern, aber ich muss meine Praxis nicht anpreisen oder verkaufen.

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Zurück zum Anfang. Wer gegen schwarz-weiß redet und meint, es gäbe immer Zwischentöne muss nicht, aber kann Recht haben. Wer meint nur die Zwischentöne sagen etwas über die Wirklichkeit aus, hat wahrscheinlich eher die Wahrheit auf seiner Seite. Die Wirklichkeit lässt sich von beiden nicht beeinflussen. Jetzt gegen die Hamas kämpfen und dennoch Netanjahu und seine Gefolgschaft und sein Wahlvolk be-kämpfen. Darin kann eine Wirklichkeit sich verändern, und die Wahrheit wird nicht verschleiert.