Glück und Industrie

Spielt Ihr Tarock? Die schwächste Karte – II – trägt das Symbol „Industrie und Glück“, manchmal mit dem Doppeladler. (informiert euch oder schaut euch selbst nach älteren Tarockkarten um, wirklich schön… https://de.wikipedia.org/wiki/Industrie_und_Gl%C3%BCck). Der Zusammenhang der beiden Begriffe ist durchaus historisch, Industrie ist ja früher an den Eifer gebunden gewesen, und Glück…na, das wisst ihr selbst.

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In diesen Tagen versucht die etwas rechtslastige deutsche Koalition, die beiden Begriffe wieder zu realisieren, die Umwelt zurückzudrehen und das deutsche Volk glücklich zu machen. Unter anderem mit Industrie…halbwegs gefördert, aber nicht wirklich strategisch, außer bei den kolonial erzwungenen Gasimporten aus USA. Ob die Lenzregierung Spielkarten auf dem Kabinettstisch verteilt, anstatt in einem Kabinett einmal Tarock zu spielen? (Erinnerungen schneiden in mein Bewusstsein ein, einmal habe ich bei einer Partie Möbel gewonnen, damals war ich knapp über 20…danach nicht mehr).

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Ein wenig macht mir dieser Rückblich Spaß, weil er einen Augenblick lang die politische Lage verschleiert, und man nicht dauernd Nachrichten hören muss, die die imperialen Anmaßungen von Pmurt und Nitup sich zum Leitfaden nehmen. Oder unseren Blick auf eine Innenpolitik wenden, die ihren Gegenstand nicht so richtig darstellen kann: WAS soll denn mit den Wahlgruppen von AfD und anderen geschehen, wenn endlich richtig regiert wird? Umweltpolitik runterfahren, Soziales, Kulturelles, demontieren? Da macht mir das Abschiedsinterview von Robert Habeck mehr Freude: Nicht nur gegen Klöckner und andere schwer erträgliche Ausraster, sondern so selbstbewusst wie selbstkritisch (https://taz.de/Robert-Habeck-tritt-zurueck/!6106347/). Dass wir auf absehbare Zeit einen guten Politiker verlieren, ist eine andere Frage…dafür geht er nach Berkeley, was mir wiederum gute Assoziationen an eine bessere Zeit in den USA vermittelt…Zugleich aber die schmerzhafte Gewissheit, dass man diese Art von Uhren nicht zurückdrehen kann, und ich damals vieles in den USA auch nur halb wahrgenommen habe. Die Karten werden überall neu gemischt.

Wenn man sich aufrafft, auf Politik politisch, d.h. nicht nur mit Meinungen und immer wiederholten Kommentaren zu den Diskursen, aber nicht zur Wirklichkeit zu reagieren, dann braucht man immer längere Anlaufstrecken, um sich nicht im Dickicht zu verheddern (die Extremen auf beiden Seiten und die Populisten wissen darüber Bescheid und faszinieren den Pöbel mit einfachen, geradlinigen Lösungen für Probleme, die sie gar nicht lösen wollen oder können…das Problem ist, dass „Probleme“ nicht einfach da liegen und man sie aufhebt und eben löst. Wissen wir, trotzdem schwierig). Dazu sollte man wissen und erkennen wollen und sich nicht mit Antworten bedienen lassen, deren Herkunft oft absurd ist – die aber nicht nur Diktatoren gerne benutzen, auch Aufsteiger in der Demokratie und erst recht Absteiger). Politik und nicht (nur) Meinungen zu vertreten, erfordert schon, dass man sich auf diese Situation einlässt. Und wir brauchen Menschen, die uns anhören, zuhören, widersprechen oder zustimmen – das ist meine Kritik an den endlosen Kommentaren zu durchaus realen Problemen, die nur nicht auf das Diskursinteresse stoßen, das sich hinter jeder Wiederholung versteckt).

Wolkenloser blauer Himmel, fortschreitende Trockenheit, Kälte von schmelzenden Nordeisen…zu den Schwächen der Schöpfung gehört, dass wir uns nicht zeitweilig absetzen können, um aus dem Nichts hinunter auf die Erde zu schauen, was dort für Gewirr herrscht. Nicht ironisch: Lest in Ovids „Jahreszeiten“ den Unterschied bzw. Übergang des dritten ins vierte, letzte Zeitalter. Da sind wir jetzt…zu unseren Stärken gehört, dass wir nicht auf Hilfe von außen, oben oder unten warten können, sondern noch nicht erstarrt sind. Auch wenn wir in einer langen Pause Tarock spielen. Industrie und Glück passen nur in wenigen Koalitionen zusammen, sollten aber.

Lechts Rinks Ittem – was habt ihr denn erwartet

Ìn Zeiten um sich greifender faschistischer Amtsanmaßung ist es selbstverständlich, dass auch auf das Bewusstsein normal denkender Menschen zugegriffen wird. Wenn eine AfD Politikerin, Nicole Höchst, sagt: „„Hitlerjugend kämpfte gegen Rechts“ Katja Thorwart FR 17.8.2025 :“https://www.msn.com/de-de/politik/beh%C3%B6rde/afd-bundestagsabgeordnete-h%C3%B6chst-hitlerjugend-k%C3%A4mpfte-gegen-rechts/ar-AA1KFTa1?ocid=msedgntp&pc=U531&cvid=46eb16bb079c4941a30336daf9226202&ei=13,

…dann ist das auf unangenehme Weise NORMAL. Denn Faschismus passt seit jeher nicht in das Rechts-Mitte-Links Schema. Manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein llltum, sagt schon Ernst Jandl. Aber ebenso ernsthaft: Warum heißt die NSDAP so wie sie heißt? Das R-L-Schema hatte eine gewisse Berechtigung für die Arbeiterklasse, aber im 20. Jahrhundert wurde es durch komplexe Beziehungen, durch die Politisierung der (konstruierten, fiktiven „Mitte“) und durch eine Reihe anderer Dimensionen des Faschismus mit dem Populismus überholt (nicht einfach abgelöst). Deshalb ist die oben zitierte Kritik an Nicole Höchst verständlich, geht aber neben die Tatsache.

„Natürlich“ haben die Nazis andere rechte Bewegungen ebenso wie linke bekämpft, weil die ideologische Ausrichtung andere Dimensionen hatte. Dazu braucht man teilweise komplexe Programm- und Literaturkenntnis zu den verschiedenen Faschismen (wie viele verwenden den Begriff Linksfaschismus, ohne genau zu wissen, was sie, richtig oder falsch damit meinen). Und man braucht vor allem empirische Einsichten, was Faschismen tatsächlich ummodeln, zerstören, aufbauen und vernichten. Der Plural „Faschismen“ ist wichtig, weil er die Bandbreite seiner Aneignungen und Gegnerschaften aufzeigt.

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Darüber habe ich schon oft geschrieben, immer wieder die Theorien und Fakten zu den Faschismen erwähnt, und es ist und bleibt auch eine Frage der Allgemeinbildung, wieweit das im politischen Bewusstsein sich ausdrücken und entgegen wirken kann.

Nicole Höchst repräsentiert geradezu die Attraktivität von Faschismen, die nicht selten die Brüchigkeit überkommener politischer Bestimmungen ausgenutzt haben – und dann, scheinbar oft demokratisch – dieser Brüchigkeit ihren Herrschaftsanspruch entgegengesetzt haben. Das ist Teil – nur ein Teil – des populären Aufstiegs der AfD in der Gegenwart. Und scheut euch die Faschismen in Europa an: sie verfahren fast alle so.

Wie kann man sich dagegen wehren? Zunächst, wie immer und überall, die eigenen Positionen – theoretisch, praktisch, dialogisch begrifflich – daraufhin überprüfen, ob sie nicht nur wahr sondern auch real sind. Und dann: bei den Faschisten und nicht nur bei denen überprüfen, was eigentlich die Folge ihrer Positionsbestimmungen sein kann. Wenn der Kampf der Hitlerjugend gegen andere rechte Organisationen gepriesen wird, dann wird das ja nachträglich am Erfolg der NS gemessen. Schaut in Deutschland auf die überall sich entwickelnden faschistischen Nester und bedenkt über die Kritik hinaus, was man denn alternativ tun kann, soll, möchte.

Und dann muss man die ideelle Mitte verlasse4n, Man wird zum WIR.

Unehrlich ins Desaster

Nach dem lächerlichen Ineinanderkriechen zweier Diktatoren, Pmurt und Nitup, in Alaska, sind die Kommentare der meisten unserer Politiker so peinlich, dass man Pmurt in seiner Egozentrik und Nitup in seinem Stalinismus ja recht geben muss: vor Europa müssen beide nicht spontane Befürchtungen haben. Natürlich geben viele Kommentatoren uns vor, sich Pmurt zu fügen, er ist der nukleare Herrscher Nr.1 und zugleich endlich mit Nitup zu sprechen und zu verhandeln, er bedroht ja Europa und Pmurt wird uns nicht schützen. Gleich aufgeben? Aber ja, Untergebene haben ihre eigenen kleinen Spielräume, wenn sie nur unterwürfig sind…

Einige wenige Politiker und Politikerinnen sagen nicht nur die Wahrheit, sondern raten auch zum Widerstand. Der ist nicht so kompliziert: In Europa sich für die Ukraine auch praktisch, d.h. ggf. militärisch einsetzen, und für die Rüstung und Kampfbereitschaft selbst zahlen. Haben wir ja bisher nicht wirklich gemacht. Rüstung ist sehr viel mehr als Militär, Kampfbereitschaft ebenso, beide sind auch gesellschaftlich, sozial, kulturell – und das wird kosten, das wird so teuer, dass unser Wohlstand auch darunter leidet. Wir werden nicht verarmen, aber unsere Lebensstandards werden nicht steigen, sondern stagnieren oder sinken. Wer soll denn unsere Rüstung gegen die Russen und ohne die USA bezahlen? Und dass wir Waffen eher in den USA kaufen als sie selbst herzustellen, ist sekundär in diesem Kontext.

Alternativen? Sagt doch, wie man Frieden aushandelt, wenn man nichts anzubieten hat als Geld und Unterwürfigkeit. Und das Geld…ach ja, da gibt es mehr als eine Geschichte nach 1945.

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Nein, ich nehme keine Kriegspartei an, sowenig wie flachen Pazifismus. Ich habe sogar Vorbilder in meiner Meinungsbildung, vor allem -aussage. Karl Kraus, Thomas Bernhard. Und was den Frieden angeht, sind sie alle Israelis: Oz, Shalev, Yehoshua, Horvilleur, Boehm, und andere und gegenwärtig vor allem David Grossman. „Frieden ist die einzige Option“, Hanser 2024. Nicht zitieren, lesen. Warum die Friedensdiskurse um Israel für mich so wichtig sind, hat mehrere Gründe, dass ich ein jüdischer Jude, bin ist nur einer davon. Wichtiger aber ist die Entwicklung bzw. das Auseinanderdriften der möglichen Kompromisspartner, die so aber die Voraussetzung für vertrauensvolle Friedensverhandlungen wären. Und da waren sie alle negativ von außen beteiligt, um von innen Unfrieden zu stabilisieren, die Westmächte, die USA, Russland, auch Deutschland….Wenn man Grossman liest, versteht man, wie sorgfältig nicht die scharfkantigen Abgrenzungen zu verhärten sind, sondern wo man die Übergänge findet, wenn es keine Realpolitik geben kann. Und für mich kommt dazu, dass ich den Juden Netanjahu eben als einen nichtjüdischen Faschisten mit seiner Kamarilla erkenne. Und wie er und Pmurt harmonieren und sich von einander abhängig machen ist eine Blaupause für Nitup und Pmurt, wobei letztere der Stärkere, ersterer der Klügere ist.

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Michael Roth hat heute (15.8.) unter anderem Josef Braml kritisiert und eine mutige, schwierige deutsche Position skizziert, die von uns mehr als nur Bekenntnisse zugunsten der Ukraine erfordert. Dass ausgerechnet Roth von seiner Partei eher ausgesondert wurde, ist kein Zufall. Noch hat die Wirklichkeit das Bewusstsein der meisten deutschen Politiker:Innen nicht wirklich erreicht.

Zur Logik gehört, dass man nicht binär vorgehen darf. wenn man gegen Nitup agiert, bedeutet das nicht, dass man automatisch für Pmurt sich unterwirft. Ich weiß schon, dass wir NATO-unterworfen sind, dass wir von starken US Ein- und Angriffen, aber auch Wirtschafts- und Kulturdiktaten abhängig sind, ABER das bedeutet ja nicht Bündnis. Selbst in der Gegnerschaft kann es Verträge geben. Dass wir auf mittlere Sicht unterlegen sind, wissen wir. Nur spricht niemand über die Folgen.

Mit Feinden gibt es kaum Verträge, obwohl selbst da: Geiselaustausch, Toten-Übergabe…..Mit Gegnern muss es Verträge geben können. Auch wenn Pmurt so stark ist, und wir in der gegenwärtigen Konstellation schwach sind, ist er nicht allmächtig und wir sind nicht ohnmächtig. Rütte darf kein Vorbild sein. Zur Demokratie gehört Resilienz – und nicht nur gegebenenfalls, sondern sicher auch Abstriche im sozioökonomischen Wohlstand.

Manche Beispiele – Ukraine? – sollten uns doch ermutigen. So, wie wir von Pmurt vertriebene Wissenschaftler:Innen aufnehmen, so müssen wir weiter und ausgreifend agieren. Unsere Kinder werden es uns danken, nein, eher unsere Enkel.

Trocken vor der Dürre

Es ist ein trockener Hochsommer, und wenn der Himmel blau ist oder leicht bewölkt, tröstet das die Bäume und Gärten nicht, die um ihr Überleben kämpfen. Noch tagelang kein Regen in Aussicht. Nicht so schlimm wie in Italien, Spanien und anderswo, aber schlimm genug.

Die Dürre, die sich abzeichnet ist nicht natürlich. Sie ist auch nicht politisch korrekt. Die bewohnbare Erde wird zunehmend unbewohnbar, weil ihre BewohnerInnen sich an ihr vergreifen. Politik sowieso, aber auch die einzelnen Menschen – die Begründungen halten fast nie stand. Klima ist der Rahmen.

Das Bild, das sich abzeichnet, tritt in den letzten Wochen und Monaten immer stärker hervor. Das Bild der Erde, die heute nicht mehr ganz die „Welt“ ist, umso eher greift ein künftiger 3. Weltkrieg über die Erde hinaus. Die Frage ist nicht abstrakt, ob die Umwelt der Selbstvernichtung großer Teile der Menschheit zuvorkommt, oder ob der Weltkrieg uns auslöscht, bevor wir richtige Maßnahmen gegen den Klimatod hätten treffen können (mit geringer Wahrscheinlichkeit, aber immerhin).

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Ich bleibe dabei. Das Modell ist 1984 von Orwell.

Drei große Mächte, USA, China, Russland stehen einander, atomwaffen-gerüstet, gegenüber. Wer meint, Trump sei weniger menschheitsgefährdend als Putin oder Xi, hat nichts verstanden oder nimmt nicht genug Wirklichkeit wahr. Die Gefolgschaften kriechen den jeweils unterwerfenden Diktatoren in die Abhängigkeiten. Dass das bei uns in der EU, in Deutschland, anders aussieht als in Nord-Korea mit Russland oder in asiatischen Ländern mit China, weiß ich auch, und eine Metapher unterliegt nicht der Realpolitik.

Aber bei UNS zum Beispiel: nur weil Meloni außenpolitisch die Ukraine unterstützt, kann Merz doch nicht an ihrer Innenpolitik vorbeisehen, die das demokratische und kulturell wichtige Land verzerrt, vor allem sozial. Oder bei UNS: die Kultur dreht nach rechts, weil der Rechtsstaat nicht stark genug ist, sie zu schützen. Das ist NOCH nicht so schlimm wie in den USA oder Israel (die gehören ja denen, zu denen wir gehören!).

So, wie vor dem morgigen Treffen der beiden Diktatoren in den Medien diskutiert wird, sind WIR noch sehr FREI, gut so. Aber was der NATO Sekretär Rutte sich beim Kriechen in den Trump erlaubt, zeigt nur, dass meine Eingangsthese stimmt. Wenn er sich durchsetzt, wird die Russenlinie gegen den Westen durch die Ukraine oder an ihrem Westrand gehen. Ich fürchte schlimmeres. Aber weiterhin: ich bin weder Experte noch spreche ich für politische Oppositionsstrukturen. Ich spreche für meine Kinder, Enkel, Freunde, und um hier nicht abseits zu geraten, informiere ich mich schon: bei Familie und Freunden in (und aus) den USA, Israel, der Politik hier und in Brüssel und….Und diese Information treibt mir oft den Schweiß an die Stirn, wenn ich unsere Staatspolitiker höre und ihre Gefolgschaften, und die Opposition von rechts und oft von links, die gegen die Demokratie und gegen den Frieden anreden.

Ich bin zu alt, als dass ich mich in die wirksame politische Stimme einschaltete. Ich denke, analysiere, schreibe, diskutiere, aber unterhalb der allgemein akzeptierten politischen Ebene.

Ein Sarkasmus: ich habe zweimal das Wort „Gefolgschaft“ verwendet, das ein Nazibegriff ist. Ich muss meine Ironie nicht rechtfertigen, aber ich muss doch lachen, dass der Plural „Gefolgschaften“ vom Computer als Rechtschreibfehler angezeigt wird….

Zurück zu den ersten Hauptthesen: WENN ich nicht recht habe, umso besser. WENN es aber stimmt, wenn die drei Diktaturen sich die Staatenwelt aufteilen, dann ist der Dritte Weltkrieg wahrscheinlich früher real als der Zusammenbruch der Umwelt (schaut euch nur die Verbrecher der Plastikkonferenz an…).

Das schreibe ich hier außerhalb der politischen Diskussionsrunden. Die haben die Verfassungsgerichtspleite, die Grenzdiktatur, die Sozialsystemschwäche usw. durchaus zum Thema, aber Merz und Spahn und Klöckner …. regieren nach Rechts in der Hoffnung, den Demokratieabfall zu überbrücken, bis es niemand mehr merkt. Dann sind wir allerdings dran – und in einer nahen Zukunft, die die soziale und kulturelle Verarmung wohl mit sich bringt. Ob das schon Teil des Kriegs oder sein Vorfeld, könnt ihr selbst bewerten. Nur: alternative Voraussicht möchte ich erst sehen, bevor ich Abstriche mache.

Kosovo – gerade zurück

Vom ersten bis zum fünften August war ich mit einem Freund im Kosovo, nach 25 Jahren haben wir Erinnerungen aufgefrischt, Veränderungen und Wiederholungen beobachtet und uns biographisch arrangiert. Über diesen Aspekt werde ich hier nicht ausführlich schreiben, sondern über die Eindrücke einer kurzen Reise durch ein kleines Land, mit einem mehrschichtigen Anlass nicht nur der Reminiszenz, sondern auch der Innovation. Reminiszenz wäre der Rückblick auf unsere Zeit bei UNMIK, Innovation war der erste Besuch bim Filmfest in Prizren, das es schon einige Jahre gibt, und zu dem uns ein Freund aus Deutschland animiert hatte. Schaut in die letzten beiden Abschnitte zu den nicht biographischen Eindrücken…

1.

Ankunft in Pristina. So hätte man sich diesen Flughafen nicht vorgestellt, zwar nicht unendlich groß, aber so modernisiert, wie kaum erwartet, von einem Parkplatz- und Mietwagenmeer umgeben und, paradox?, gesichtslos wie alle Flughäfen dieser Art, man muss schon wissen, WO man ist. Wiedererkennen des Antennenbergs gegenüber, in dem die langen Tunnels sind, in denen die MIGs verborgen waren. Haben wir nie betreten dürfen.

Wir können nicht mit den Bekannten nach Prizren fahren, deren Mietwagen ist schon voll, und glücklicherweise bekommen wir nach mehreren Abfuhren wegen Ausbuchung bei einem kleinen Unternehmen einen Leihwagen, Peugeot, sehr in Ordnung, fünf Tage Bequemlichkeit. (Überquellendes Benzin beim Tanken schafft nur kurzfristig Besorgnis).

Erste Verunsicherung. Fährt man aus dem Flughafen hinaus, sieht es wie früher aus, zwei Kilometer, denn sehen wir die Autobahn, Ost-West, offenbar neu. Wir wollten die alte Bundesstraße von Pristina nach Süden fahren, aber nach Durchfahrt durch die heute noch eher scheußlichen Vorstädte sagt man uns: kehrt um, nehmt die Autobahn. Ja, das tun wir, eine sehr neue, breite Autobahn, die weit nach Westen ins schwach besiedelte Gebiet ausholt, und dann nach Süden abbiegt. Gut befahren, aber nicht so voll wie alle anderen Straßen. Also auch nicht verstopft. Nach einer Stunde in Prizren, überlaufen und sehr kompliziert, zur Garage des Hotels zu kommen, dauert eine Stunde, obwohl wir ungefähr wissen, wo es ist: aber ein Straßen- und Einbahngewirr. Dann sind wir da. Das Auto in der Tiefgarage, wir wissen schon, dass man nicht so einfach wieder herauskommt. Das Hotel „Centrum“ sehr typisch, zwei Gebäude, durch ein weiteres Hotel getrennt, alles gehört zusammen und den Eigentümern, die teilweise auch selbst dort die ganze Zeit arbeiten, wir haben eine Suite aus zwei Einzelzimmern mit einem supermondänen Bad, dessen Armaturen wir eher nicht benutzen. Alles schön, sauber und in kleinen Aspekten schon defekt…Wir flanieren in die Fußgängerzone im Zentrum und treffen dort, „natürlich“ auf Hörschelmann, seine Begleitung zweier deutscher Offiziere i.P. Bernhard Grigoleit und Rolf Damke. (Pardon, in der ersten Fassung hatte ich hier einen falschen Namen angegeben)) und eine lokale, also deutsche, kosovarische, Journalistin aus der Region, die in Potsdam auch mit den Grünen arbeitet. Das sind echte Zufälle und keine verdeckte Planung. Man kann auch sagen, typisch für Kosovo insgesamt, oder überhaupt? Keine Philosophie bitte dazu. Eher das Wiedererkennen der abendlichen Lebendigkeit ab 20 Uhr…die Stadt ist übervoll: zu den ca. 40.000 Einwohnern viele Besuche, v.a. aus Deutschland – Ferienbesuche, dann die Zuschauer für das Filmfest, dann die Motorradtruppe – siehe die kommenden Tage, und Touristen, nicht so viele. Aber wir werden erst an den folgenden Tagen diese Struktur der kulturell und historisch wohl spannendsten Stadt Kosovos kennen lernen. Unsere Erinnerung über Ereignisse ganz am Anfang unserer Arbeit für UNMIK Spätherbst 1999 bis 2003 ist nicht intensiv, vieles erkennt man wieder, aber wir haben hier ja nicht gelebt (Die Einbahnstraße am Flussufer war ein frühes Ergebnis der militärischen Besatzung, bis heute sinnvoll). Sonst schon stark modernisiert. Wir erhalten eine Vorschau auf das Filmfest.Und es wird spät….wann schlafen die alle eigentlich? Von unserem Hotelfenstern aus sieht auf eine Baustelle, wo ein Haus im alten Stil, Fachwerk, wieder aufgebaut wird. Viele Stunden am Tag Arbeit, die am frühen Morgen beginnt.

2.

Erkundung nach dem Frühstück. Eine orthodoxe Klosterkirche, neugestaltet nach den Angriffen von 2004, da waren wir schon nicht mehr im Land, aber das Ereignis ist noch im Bewusstsein, weitere Vertreibung der Serben auch von hier. Wie überall im Land, viele neue Moscheen neben den alten, wenig besucht…wir erfahren, dass die Saudis Islamisierung betreiben, die vielen männlichen Kinder zT. schulisch befördern und den Frauen dafür die Schleier verpassen. Viele, aber nicht ganz die Hälfte. Den Hang hinaufsteigen, gut gepflastert, wo die Stadt das Sagen hat, sind die Mülleimer geleert, ansonsten Müllhaufen und Flaschenberge. Zunehmend schöner Rundblick über die Stadt, das Kloster auf halber Höhe kann man nicht betreten, oben auf der Festung das Zeichen der APK – und schon eine große Festung, man kann das nachvollziehen, wie sie das Tal beherrscht hat, man sieht weit. Wenige Touristen. Im großen Innenhof wird eine Musikbühne mit vielen Lautsprechern aufgebaut, wir erfahren hier, dass die Motorradfahrer hier ein Fest am nächsten Tag haben werden, dabei haben wir die meisten von ihnen ja nicht gesehen – kommt noch. Wir steigen nicht weiter, aber genießen den Rundblick, bis zum Scharr und hinüber nach Djakovica und in die Stadt hinein. Dicht. Runtergehen im steilen Gelände, ein Espresso nach dem anderen, in der Innenstadt auf das andere Ufer. Dort knickt die Hauptstraße an der Steinernen Brücke ab, und da stehen wir und sehen mindestens 200 Motorräder vorbeifahren, diszipliniert, viele haben die Maschinen aus Deutschland gebracht, Teil einer Lebensstandard-Manifestation, ebenso wie Investitionen in teure Privatautos und Eigentumswohnung in der Stadt, die die meiste Zeit leer stehen und nicht vermietet werden. Viele Bettler, angeblich alle Roma. Geht man diese Straße weiter, die Ausfallstraße nach Nordwesten, denn kommen wir an einer sehr großen Anzahl von Goldjuwelieren vorbei, später dann auch Silber. Soviele wie nirgendwo anders als in Dubai oder NY…wieviel die wem verkaufen ist genauso ein Rätsel wie, woher das Gold kommt. Gegenüber ebenso lang Brautkleider, Brautkleider und Hochzeitsgewänder, Nagelstudios. Zurück in die Stadt.

Der Abend gehört der Eröffnung. Axel von Hörschelmann agiert als einer der Hauptakteure mit den Einlassprozeduren, kennt auch viele. Viele Menschen stauen beim Einlass auf die Leinwandinsel, einer der acht Veranstaltungsorte, auch ganz nahe der Innenstadt. Erst warten alle auf Kurtti, den Präsidenten, als er nicht kommt, eine kurze Begrüßung, dann ein palästinensischer Vorfilm, ok, und der erste Film:  „Opening Ceremony“, with invitation only, ca. 300 Menschen auf der Tribüne. The Helsinki Effect, ein finnischer Film von großer dokumentarischer Qualität darüber, wie es zu den drei Körben von Helsinki gekommen ist, viel Breschnew und USA und gute Kommentare. 2025: Regie und Drehbuch: Arthur Franck, Besetzung: Bjarne MädelArthur FranckUrho Kekkonen . Als der Film zu Ende ist, steht der Premierminister Kurti auf und verlässt gut bewacht die Arena, wir sehen ihn und erinnern uns daran, wie er uns nach seiner Rückkehr aus dem Gefängnis in Jugoslawien im Kosovo besucht hatte – heute der wichtigste Politiker. Keine Brücke zu dieser Vergangenheit, oder nur ein Steg.

3.

So animiert, erkunden wir am nächsten Tag weiter die Stadt, kaufen Tickets und schöne T Shirts, besuchen das Postamt und eine Kunstgalerie, die doch wichtige zeitgenössische Kunstwerke ohne Kitsch präsentiert. Dann beginnt der Filmmarathon. Erst 11 Kurzfilme, davon vier hervorragend, über soziale Unterschichten in Deutschland, Serbien, und viele eher zweitrangige Versuchsmodelle. Dann drei sehr gute und einen schlechten Kurzfilm, die drei sind auch länger und international gut. Der negative Höhepunkt war ein Film über die Entdeckung des Coronavirus. „The Blame“. Blame (2025) | Film-Rezensionen.de Die richtige Kritik an Trump und Kennedy reicht nicht, die Realität ist durch den Regisseur und die Argumente zu sehr schwarz-weiß. Forget it, schade. Insgesamt ist das Programm sehr detailgenau und umfangreich, oft kann man sich gar nicht entscheiden, wo man was sehen will. Das ist gut so. Und dass es keine rahmensprengenden Reden gegeben hat, ist auch gut.

4.

Am nächsten Tag brechen wir zeitig, nach aufrichtiger Verabschiedung und dem letzten Frühstück im Hotel auf. Wir verabschieden uns von unserer deutsch-kosovarischen Kollegin in Gjakova/Dakovica. Haben viel vom binationalen Verhältnis und von Details erfahren, die schon wichtig sind nach 25 Jahren. Weiter nach Nordosten, wenig bearbeitetes Agrarland, nicht wirklich neuartig, hingegen retro-aktiv Zufahrt und Eintritt ins Kloster Decan, Pass abgeben, italienische NATO und alles wie früher. Auch, dass ich diese gut renovierte Klosteranlage nicht so richtig einatme, anders als Gracanica, denn hier hatte ich nichts zu tun gehabt. Kunsthistorisch eine gute Stunde. Weiter nach Norden, die Straße ist schon stärker bebaut, aber „normal“, und das Gebirge links ist einfach schön. Bis vor Pec. Da quält man sich schon zum Beginn der Auffahrt zur Rugovaschlucht ganz schön stockend, und dann fährt eine Schlange hinein und eine kommt uns entgegen. Wir parken früh (klug) und wandern die Straßem entlang hinauf (ungut), bis zum Eingang in die wirklich tiefe Schlucht, gegenüber dem Felsen, wo wir unsere Freunde haben klettern gesehn und wo mitten aus der glatten Felswand eine Quelle entspringt (überall sehr wenig, zu wenig Wasser). Eine kleine Betonaussichtsplattform und eine Eisenleiter zum Flussabstieg sind neu, sonst schaut es aus wie früher. Wir essen zwei Maiskolben, es gibt keine wirkliche Touristik. Wir wandern an der Straße zurück, nach wie vor viel Verkehr, Rückblenden: Manche Wochenenden hier oder weiter im Tal, man kann nicht „normal“ über die Grenze nach Mazedonien fahren, das haben wir mehrmals auf der nationalen Grenzstraße über den Pass gemacht, ich einmal anonym im Bus. Zurück in Pec, Cafe und Eis und alles wie vorher, nur viel Verkehrsumleitung, weiter Richtung Prishtina. Wir nehmen Nebenstraßen, teilweise durch sehr schöne Hügellandschaften, aber auch viel Zersiedlung. Entgegen der Landkarte schaffen wir es, wieder auf die Hauptstraße zu kommen und dann auf der Autobahn Richtung Prishtina. In dessen näherer Umgebung, etwas abseits vom Hauptverkehr, suchen wir vergeblich nach Unterkunft, dann aber am Ende der Stadtautobahnzufahrt ein gutes Hotel Star Hill für zwei Nächte, direkt am Kreuzungspunkt. Hier ist eine Typische Neubausiedlung mit 8-12 stöckigen Mittelstandshäusern, mit keinen besonderen Lokalen, die bis auf eines ohnedies am Sonntag nur Getränke ausgeben. Dann essen wir halt Reis bzw. Pasta. Soziodiagnose der Umgebung verrät wenig über Pristina. Ökodiagnose: die Autobahnen und Zufahrten weit hinaus ins Land gesäumt von Industrie, Handel, Großhandel: das ist die Fortsetzung der Moderne, die wir am nächsten Tag als Kapitalismus ohne Sozialrahmen diagnostizieren.

5.

Der letzte Tag. Im Bus 7c ins Zentrum von Prishtina. Sozusagen Wiedererkennen plus neue Strukturen plus zerstörtes Älteres. Ich kann das alles nur zusammenfassend darstellen, es zerfällt in viele erinnerte und viele konstruierte Schichten, und zu zweit schaffen wir eine weitere Erinnerungsebene, die viel mit unseren tatsächlichen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten damals zu tun hat. Der Bus hält fast genau vor meinem früheren Ministerium, einem dunklen Hochhaus, umgebaut und uninteressant. Gegenüber das Rektorat, wir gehen in den Garten, der Wächter will uns raushaben, als ich ihm aber sage, wo ich einige Zeit das Sagen hatte, ist er überfreundlich. Das Haus steht noch immer im gleichen Garten, dahinter die unverständlich heruntergekommene Bibliothek, damals ein wichtiger und repräsentativer Bau. (Da gehen wir erst bei der Abfahrt über den Campus). Vieles ist popularisiert, was Geschäfte usw. angeht, die orthodoxe Kirche schräg gegenüber ist fast fertiggestellt. Die alte oberhalb des Campus nach wie vor zerfallend. Wir gehen zur Mutter-Theresa-Straße, die jetzt von Ministerien gesäumt ist, eine schöne Allee – an einige der randständigen Geschäfte erinnern wir uns, aber nicht viel. Das Grand Hotel, da haben wir wirklich Geschichte(n), ein nach wie vor düsterer und nichteinladender Eingang. Am Ende der Straße Jahrmarktbuden, von Raiffeisen gesponsert, das war gestern und vorgestern, noch nicht weggeräumt, auch die Bühne quer zur Straße noch da. Das Regierungsgebäude fast klein neben dem Hochhausneubau, und einem Zubau: alles Parlament. Wir gehen herum, und da sieht es doch noch erinnerbar so aus wie damals. Auf der anderen, der Hügelseite, auch, und als wir uns ein Eis kaufen, kommen noch andere Erinnerungen auf. Wir helfen uns aus mit Namen und Erinnerungen, aber es ist nicht tiefgreifend. Wir gehen an den Geschäften zurück, viele Ministerien, auch als wir richtung Sportpalast abbiegen. Den haben wir zwei Tage lang brennen gesehen, er ist wohl wieder intakt, mit erstaunlich brüchigen Treppen und Zugängen, im Untergeschoß Modegeschäfte, „wie üblich“. Keine großen Erinnerungen. Auch gehen wir nicht an die erste Unterkunft jenseits des Flusses und fahren auch nicht zu unserer Wohnung im westlichen Hügelbereich. Die Stadt bleibt, wie sie war, und wir sind „nicht mehr“ an sie gebunden, auch nicht wirklich durch Erinnerung. Spannend sind Kleinigkeiten, wie alte und neue Denkmäler (viele), eine Art Großstadtnormalität, aber die Stadt ist nicht wirklich groß. Ein typisch zweitklassiges Mittagessen unter der Hauptstraße, dann kommt unser Bus nicht. Wir fahren mit einem Taxi nach Hause, dessen Fahrer seit 25 Jahren aus Deutschland zurück ist, Gespaltene soziale Reaktion bei uns, weil er bedauert, dass er nur Taxi fährt. Es regnet. Wir fahren gleich los, über viele Baustellen und Staus Richtung Gracanica, dem serbischen Ankerplatz, teilweise durch wirklich gigantische Neubaugebiete mit Wohnhochhäusern, neben dem subproletarischen Stadtrand…Das ist gegenwärtig, nicht vergangenheitsbezogen, alles spannend, aber nicht ständig interessant. Gracanica: Das Kloster innerhalb der Mauer, mir hat es immer besser gefallen als andere, auch wenn ich einmal eine Neujahrsmesse eineinhalb Stunden dort stehend verbringen musste. Wir haben die serbische Schublade unserer Erinnerung aufgezogen, aber es war nicht tiefgehend. Über den südlichen Stadtrand in unsere Stadtautobahn zurückgekehrt, mich erinnert das ganze an die Wiener Triesterstraße vor 20 Jahren. Mühselig ein Abendlokal gesucht, um endlich eher durchnässt im Nachbarhaus Ceasar Salad und Burger zu essen, an den Nebentischen sprechen die kosovarischen Familien halb deutsch, halb eben kosovarisch.

Was ich hier nicht beschreiben kann, wollte ich es denn, sind die kleinen Elemente, die ebenso kleine Erinnerungen produzieren, die leuchten kurz auf, verschwinden. Die wirkliche Nacharbeit kommt noch: was haben wir dort gesehen, das wir viel früher gesehen haben, und wie hat sich nicht nur Prishtina verändert, sondern wie haben wir uns geändert? Naja, wir haben schon einiges geleistet, dass das jetzige Gebilde stabiler und dynamischer sich hält als eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Aber solche Wahrnehmungen darf man m.E. nicht gleich politikwissenschaftlich kartieren, sondern muss die Auseinandersetzung mit den eigenen Erinnerungen führen, die haben uns ja schon auch geprägt. Freundschaften, Gegnerschaft, Koalitionen, Politik, Kultur und – eine Lebenswelt, deren späten Rand wir jetzt noch einmal gesehen haben.

6.

Das alles lohnt für einen Post? Ja, doch, aber nicht unmittelbar. Reisebeschreibungen haben selten Novellenform, weil das besondere Ereignis und eine unerwartete Handlung im Vordergrund stehen. Hier nicht, andererseits sind die Eindrücke des Filmfests – jahrgangsübergreifend, vergangen, gegenwärtig, zukünftig – und die Motorradshow schon hinlänglich thematisch spannend; aber sie waren nicht der Grund unserer Reise aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Eine mehrjährige Erfahrung (1999-2003) in der Politik der Führung durch UNMIK im Zeitraum der beginnenden Wiedergewinnung kosovarischer Souveränität nach dem kriegerischen Höhepunkt der Auseinandersetzung mit den serbischen Gewaltherrschern davor prägte unsere Aktivität in Pris(h)tina, der Hauptstadt des Kosovo – und im ganzen Land, das ja klein ist. Über meine Rolle damals habe ich kurz nach meiner Rückkehr aus dem Kosovo ein Buch geschrieben[1]. Jetzt war das nicht wichtig, sondern wie man sich an das erinnert, was vor 25 Jahren für das eigene Leben und seine berufliche wie persönliche Zukunft wichtig war und WIE man was erinnert. Wenn man an seine politische Tätigkeit zurückdenkt, geht das nicht ohne Nachdenken über die gesellschaftliche, soziale, kulturelle Umgebung der politischen Aufgabe, die man damals erfüllte, und dieses Nachdenken verbindet natürlich objektive und subjektive Ereignisse. Ein Beispiel: eines Abends erschien Albin Kurti zum Essen, kurz nachdem er aus serbischer Haft entlassen war – lest nach, wer er 1999 und danach war (Studentenführer) und wer er heute ist (Premierminister) Albin Kurti – Wikipedia (9.8.2025). Wie erinnert man das, was sagt es heute? Wie sieht man Gebäude, urbane Landschaften, serbische und kosovarische Kultureinrichtungen, wie verarbeitet man die Konflikte zwischen kosovarischen Albanern und albanischen Albanern, zwischen serbischen und nicht serbischen Slawen, unter den drei ziganen Volksgruppen? Und zwar in der Erinnerung, nicht durch erneutes Wiederaufleben. Die Reise durch das Land, die Gespräche sind sozusagen Trigger der Erinnerung, und sie helfen dem Gedächtnis, Lücken zu füllen, und das ist gut für Menschen unseres Alters. Mehr aber auch nicht. Auch ist es spannend, was von den Bewertungen unserer politischen und halbpolitischen Umgänge mit kosovarischen, manchmal serbischen, Menschen geblieben ist, wo es abgeflacht und wo es nach wie vor aktuell ist…nur mehr im Erinnerungsdiskurs.

7.

Hat man keine persönlichen Reminiszenzen, kann die Reise nach Prizren und durch den Kosovo doch auch in anderen Perspektiven interessieren. Z.B. der Fahrzeughype der aus Deutschland und der Schweiz eingereisten Kosovaren, hochklassige Modelle, Autos oder auch Motorräder, die etwas vom Status und weniger vom Bedarf oder tatsächlichen Vermögen zeigen (sollen). In Prishtina sehen wir dann viel häufiger kleinere und billigere Fahrzeuge lokaler Besitzer. Übrigens: wenig Gehupe, eher zuvorkommendes Fahren und kein unangenehmer Verkehr, dafür viele endlose Staus auf den Stadtzufahrtstraßen. ? Produkt der Modernisi8erung der Strukturen ?

Fährt man Überland, dann fallen die großen Reklametafeln auf und vor allem, dass doch fast alle damals im Rohbau befindlichen Häuser verputzt sind, außer hinterlassene, von Serben verlassene. Die Ungleichzeitigkeiten sind deutliche Zeichen der Entwicklung des Landes: hier die neue, großzügige Autobahn, da die Reparatur einer seit den Konflikten beschädigten Brücke, hier Gewächshäuser, da verkommene nicht genutzte Agrarflächen. Auf der Fahrt abseits der Hauptstraßen kommt man durch etliche Streudörfer, die gut anzusehen sind, aber: wie lebt man hier, wie kann man das? Die gleichen Fragen wie bei uns, und die Stadtland-Differenz spielt schon eine Rolle. Vor allem in Prizren, aber auch in Pristina und Pec, haben wir in den Einkaufsstraßen doch die Ungleichzeitigkeiten der sozialen und der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen, die Schmuck- und Modeläden sind ebenso zeitlos wie eine (minderheitliche) Gruppe wie früher be- und verkleideter Menschen. Aber auch die Sozialstruktur zu erkunden, macht auf eine Reise Sinn.

8.

Woher kommt das Filmfest, wie kann es so gut und vielfältig ausgestattet sein, und wie wird es weitergehen? Viel haben wir von Axel Hörschelmann und aus dem Katalog erfahren. Aber die Integration und Akzeptanz in der Stadt sind schon besonders, und die schlanke uneitle Umrahmung. Keine großen Reden und Vorstellungen. Beeindruckend die Sponsoren, neben Banken und Unternehmern die Botschaften von Schweden, England, Österreich, Italien, der Schweiz, Deutschlands, auch der EU, des British Council,  von UNDP…neben vielen bekannten europäischen und lokalen Firmen, natürlich Red Bull darunter. Wir sind jetzt bei Edition XXIV gelandet „Endless Greed Mental Void“ (was sich dahinter auch als Kritik verbirgt, mag man erkennen). Die uneitle Selbstdarstellung und die Praxis der Durchführung der unendlich vielen Filme sind erstaunlich. Wie überhaupt die Kultur in Prizren besonders deutlich die Stadt durchwirkt. Das merkt man auch an den (wenigen) Buchhandlungen, in denen es auffällig viele Übersetzungen ins Kosovarische gibt – und eine bemerkenswerte Vermarktung englischsprachiger Bücher der besten Kategorie und Übersetzungen (ich finde Orwell und Sigmund Freud neben vielen anderen), – natürlich neben Schmonzes und Kitsch. Und überall Espresso und Café und … nicht, dass das etwas „Besonderes“ ist, aber es ist hier schon besonders, denkt man an die Zeit vor einem Vierteljahrhundert zurück.

Viel zur Besonderheit trägt dazu bei, dass nichts touristisch überhäuft ist, und die Verbindung der zeitweise zugereisten Kosovaren und der Lokalen eine besondere Stimmung erzeugt. Und wie überall, außer in Deutschland und teilweise Österreich, wie überall sind die Kinder lange wach und dabei, und die Innenstädte belebt bis Mitternacht.

Viel Lob? Ja, und hinreichend Kritik zum aufgeblühten Kapitalismus ohne viel soziale Abfederung.

Anmerkung: wer dorthin fährt, sollte sich von Anfang an um zeitnahe Landkarten bemühen, nicht so häufig zu bekommen, am besten in Touristenbüros.

9.

So, das war es. Die nächste Ausgabe dieses Berichts wird mit Bildern kommen, das braucht noch etwas Zeit.

Fragen und Kommentare herzlich willkommen.


[1] Ohne Alternative. Mein Bericht vom Planeten Kosovo. Oldenburg 2004 (BIS). Insgesamt habe ich ca. 20 Texte zu meiner Arbeit im Kosovo veröffentlicht, viele längere Zeit nach meiner Rückkehr im Vergleich zu anderen Interventionsstaaten.

Judenstaat? Jüdisch? Fragen

In letzter Zeit steigen die die Auswanderungszahlen von jüdischen Israelis. Hier zunächst keine Begründungen.

Die Zahl der Israelis, die ihr Land verlassen, nimmt zu. Im Jahr 2023 waren es 24.900, im Vorjahr waren es 17.520. Dem entgegen kehrten im Jahr 2023 nur 11.300 Israelis zurück. (https://www.israelnetz.com/israelis-wandern-vermehrt-aus/ . Interessante Begründungen: Nicht der Krieg, sondern der Premierminister…

Andere Statistiken gehen bis auf 35.000 in 2023 und über 50.000 in 2024 hoch

Egal. Es geht nicht um Quantität, sondern darum, dass viele Menschen in Israel den jüdischen Staat in einen Judenstaat zurückdrehen wollen, und das ist keine Entwicklung.

Man muss aber die Entwicklung vom Judenstaat zum jüdischen Staat kennen, um zu wissen, wie sehr die jetzige, teilweise faschistische Regierung diese Entwicklung umkehrt, vor allem mit den meisten Siedlern, den meisten ultra-orthodoxen Religiösen, den meisten Gefolgschaften für Netanjahu.

Und man hat offiziell vergessen, dass Netanjahu die Hamas im Gaza gefördert hatte, damit die zivile Regierung in den palästinensischen Gebieten geschwächt wurde. „Laut der rechtskonservativen Website Mida hat Netanjahu seiner Likud-Partei 2019 erklärt, man müsse zulassen, dass die Hamas finanzielle Unterstützung aus Katar bekomme – das sei ein Schlüsselfaktor dafür, einen palästinensischen Staat zu verhindern. „Das ist Teil unserer Strategie: Eine Trennung zwischen den Palästinensern in Gaza und im Westjordanland herbeizuführen“, sagte er.“ Man kann das zurück und weiterverfolgen, der 7.10. schafft eine weitere Wende nach einer insgesamt negativen Entwicklung (Netanjahu wollte Palästinenser spalten – und spaltete Israel: Felix Tamsut, 21.01.2024, und in DW mehrfach).

Ich werde jetzt und an dieser Stelle nicht die Entwicklung seit der Entstehung des Zionismus und seit dem wichtigen Wechsel vom Judentstaat zum jüdischen Staat nachzeichnen. Aber dies ist der Auftakt zur Rekonstruktion einer Entwicklung, in der viele jüdischen Menschen in Zukunft den Judenstaat des Trumpnetanjahu weniger als ein jüdisches Leben außerhalb Israels bevorzugen werden.

Fortsetzung folgt.

Klima und Krise

Die Wolken türmen sich. Gleich geht der Starkregen wieder los. Die Pfützen sind breit und tief, eigentlich eine schöne nasse Landschaft in einer Saison großer Trockenheit. So ist es häufig: was nicht regelmäßig eine Situation, eine saisonale Witterung, eine politische Erwartung beherrscht, erfährt mehr Aufmerksamkeit und manchmal unerwartetes Lob. So, wie Klima und Wetterbefund nicht dasselbe sind, aber sich gut vermischen lassen, so geht es überall: ein guter Konservativer findet plötzlich Aufmerksamkeit, wo die Mehrheit dieser Rechten eher Abwendung erfährt; auf der Linken nicht anders, in der Mitte auch so, nur, dass man nicht so genau weiß, was die Mitte ist.

*

Das Wetter, das wir früher erlebt haben, wird heute verklärt. Die Politik unserer Jugend war auch nicht gut, aber durchschaubar – und wir konnten eingreifen. Davor auch wieder nicht. Beziehungen waren….naja, nicht eindeutiger als heute, aber auch durchschaubarer. Alles haben wir damals durchschaut und können es heute so wenig wie wir den Jungen diese Fähigkeit zutrauen, etwas zu durchschauen, zu erklären und es dann ändern oder beibehalten zu wollen. Lamento senile…Diese Generationenhaltung ist nicht neu, und viele Pädagogen, Blogger, Gurus verdienen mit ihr gutes Geld. Aber einen Nachteil haben diese Diskurse, sie verdecken, was sich wirklich ändert, nicht nur von Generation zu Generation, sondern von gestern bis heute.

Wer eine Zeitenwende behauptet, nimmt meistens wenigstens einen nachweisbaren Veränderungsfakt als Ausgangspunkt. Wer sie leugnet, versucht den zu dekonstruieren. Und altmodische Geschichtsredner denken nur in Zeitenwenden, die immer näher aneinanderrücken, bis die gesamte Geschichte nur mehr eine Wende ist, die keine bestimmte Zeit braucht. Soweit, so banal. Aber wenn eine Zeitenwende lange stabil gehaltene und fest geglaubte Tatsachen destabilisiert, was dann, o Bewusstsein?

Also: das alles hat wenig mit dem Alter der Betrachter zu tun, viel mehr mit selektiver Erinnerung. Manchmal aber hatte sich die Zeitenwende angekündigt, lange bevor sie eingetreten war. In Israel z.B. schon 1948, oder jedenfalls 1973, oder wann – sicher nicht am 7. Oktober 2023, da war sie schon eingetreten, und wieweit sie eingetreten gewesen ist, beschäftigt mich heute fast noch mehr als die richtige Kritik an Hamas und Netanjahu, die in gewisser Weise unmenschlich zusammenwachsen. Und das ist eine Kritik unter vielen, und wenn sie auch nicht alle auf einer Ebene sind, sie dürfen nicht abgelegt werden. Denn wenn man sich aussucht, was man historischer Kritik für sich beansprucht und was man dem „Man“ allgemein überlässt, macht man sich nicht nur vor anderen verdächtig, auch vor sich selbst.

*

Auf diese Weise wird man zu einem Menschen, der in den Abständen zwischen Laien und Profis, zwischen subjektiven Selbsteinschätzungen und der objektivierenden Tätigkeit des sich in die Kommunikation Einschaltenden bewegt (Was für Satz-Gethüm, geht mir nicht besser). Die Wahrnehmung der Abstände wird von vielen verdrängt, dann kann man sich am besten „raushalten“. Das aber soll ja wirklich nicht sein, auch wenn es – oder genauer: wenn man – nervt.

Darum denke ich, dass wir nerven müssen, wenn es um die Abwehr der rechtsradikalen Subfraktion geht, Klöckner, Spahn, Dobrindt & al., auch wenn sich viele mit der Normalisierung der Rechten noch zufrieden geben. Diese Normalisierung geht aber eher der Festlegung als der Veränderungsdynamik entgegen. Veränderung ist nicht an sich gut, sondern braucht Inhalte und Formen, und die sind z.B. bei den Kritiken . siehe oben . wichtig. Beispiel: auch wenn es evident ist, Israel kann man nicht kritisieren, wenn der Bezug zu Hamas nicht genannt wird. Übrigens reicht der innerhalb der Kritik nach beiden Seiten. Ähnliches gilt für jede Kritik, und man darf das nicht verwechseln damit, dass „alle“ irgendwie schuldhaft an „allem“ beteiligt sind. Sind sie nicht, und wenn, muss das Wort „irgendwie“ getilgt werden.

Das schlechte Wetter hält irgendwie weiter an, aber es ändert am Klima nichts.

Sommerflucht in die Resilienz

Ich laufe vor der Wirklichkeit davon. Stellen Sie sich vor, wie man über Israel und den Nahen Osten unaggressiv, „cool“, sachlich und wirksam schreiben kann; wie man über Trump und Putin ohne bissige Charakteristika schreiben kann; wie man über das absurde Regierungstheater Merz schreiben kann, ohne weniger Schuldige zu beschweren und wirklich Schuldige zu entlasten; wie man die nächsten zehn Krisenherde global und die nächsten sozialen Widersprüche bearbeitet, so dass es Wirkung bei den LeserInnen, also bei Ihnen zeigt; und reagieren Sie auf die Kulturzerstörung, die uns sehr schnell den unkultivierten Durchschnittsgesellschaften angleicht. Stellen Sie sich das alles vor der zweiten Tasse Café am Morgen vor, denken Sie ruhig darüber nach, atmen Sie tief ein – und

WAS TUN SIE DANN?

Sagt jemand: Nichts. Und jemand sagt: weiß nicht. Sagen viele, wir schichten erst einmal ab und nehmen uns das Wichtigste vor, aber was wird das sein? Sagt jemand: ich verstärke meinen Widerstand.

Wie kann man Widerstand (aus)üben, wenn die Objekte unerreichbar oder nah, aber diffus und schwammig sind?

(Der normale Rat dieses Blogs wäre, sag erst einmal nichts, denk nach, bevor deine Meinung zu weiterer Untätigkeit führt. Aber darum geht es heute nicht).

NICHTS IST AUCH ETWAS

Aber ja. Wenn man uns vorwirft: „Ihr tut ja (auch) nichts“, muss man das nicht einfach so hinnehmen. Wie im physikalischen Quanten Modell, muss sich der Widerstand auch bündeln, kräftig werden, aber dann, wenn er losgeht, schwer zu bremsen oder zu steuern.

Das meinte ich immer einmal mit der Ablehnung der meisten sofortigen Reaktionen auf falsche oder widerwärtige Angriffe. Ohrfeigen und Rücken-Zuwenden geht im Privaten, aber nicht im Gesellschaftlichen. Wie lange musste die Ohrfeige für Kiesinger vorbereitet werden – und was waren ihre Nachwirkungen? (https://www.deutschlandfunkkultur.de/beate-klarsfeld-ohrfeigt-1968-kanzler-kiesinger-eine-100.html).

Oder ganz anders: gesellschaftlich ist unmittelbarer, wirksamer Widerstand eher eine Ausnahme; hingegen wirkt organisierter und andauernder Widerstand oft, nicht immer, nachhaltig. Trivial? Angesichts der oben au8fgemachten, nicht abschließbaren Liste vielleicht doch nicht. Fragen wir einfach: wie organisieren WIR den Widerstand gegen Merz, Söder, Spahn, Dobrindt & Co.? Wir, nicht „man“.

Mit wem? und vor allem: Im Hinblick worauf?

Widerstand? Was ist das im Frieden? Haben wir überhaupt Frieden? Erstmal sollten wir uns vor Angriffen schützen. Wie schwer das ist, sehen wir jetzt im Konflikt um die Verfassungsrichterin.

Und jetzt machen wir erstmal Kraftsport und Bewegungsübungen.

Postkolonial? Begriff & Morast

Der Titel soll euch nur aufmerksam machen. Es geht um sehr viel, nicht nur mir. Israel und Gaza. Das ist kein Pünktchen auf der Weltkarte. Es geht um Antisemitismus, Antiislamismus, Islamismus, ja, und um Geschichte, auch unsere – Unsere Geschichte, das ist eine nationale, manchmal auch jüdische Geschichte. Zuviel um einfach zu sein.

Mein Fachblatt SOZIOLOGIE, Jg. 54, Hefte 2 und 3, befasst sich mit der Wissenschaft Soziologie und dem Antisemitismus, und dabei gibt es von einem Symposion mehr oder weniger klarstellende Artikel. Am letzten habe ich mich festgehakt: Jens Kastner: Widerstand gegen Weiße: Zur Thematisierung von Israel/Palästina in der dekolonialistischen Theorie 314-319. Ein deutlicher, nicht aggressiver Artikel gegen die Kolonialansicht von Israel durch propalästinensiche Wissenschaft, konkret Vergues 2024 und Grosfoguel 2009. Propalästinensisch ist „mein“ vager Begriff, denn oft wird eine Ideologie auch bloß als muslimisch, bloß als arabisch, bloß als „palästinensisch“ verwendet. Kastner ist glaubwürdig und vielseitig (https://de.wikipedia.org/wiki/Jens_Kastner). Worum es mir geht, da ich ja in letzter Zeit so viele Blogs und einige Vorträge zum Thema gehalten habe? Das Unwissen über Israel, auf das auch Kastner anspielt, ist eine Waffe, nicht nur des Antisemitismus.

Ich denke, man muss hier weiter ausholen. Weil und wenn die jüdische Besiedlung Palästinas zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht kolonial war, so hatte sie doch viele Merkmale der Nationalitätsgründung vieler anderer Länder. Und alle, ausnahmslos, haben das Problem gehabt, Verdrängung und Integration handhaben zu müssen. Dabei spielte in Palästina eine Rolle, dass es bis 1918 unter Türkischer, danach aber unter Britischer Herrschaft stand, und die Engländer eine erhebliche, heute beiseite geschobene Kolonial- und Besatzungspolitik ausgeübt hatten, teilweise in Bürgerkriegen, mit und ohne Intervention weiterer Mächte. Aber die jüdischen Einwanderer und -innen waren jedenfalls nicht kolonial, und nach Gründung des Staates Israel 1948 muss man die Geschichte von Gaza genau verfolgen, damit man bei diesem Votum bleiben kann. Nun zu einem schmalen Detail: Wer waren und sind die Palästinenser? Die Antwort darauf ist kompliziert und widersprüchlich, aber ohne die Frage zu stellen, ist der Kolonialvorwurf an jüdische Israelis nicht nur falsch, sondern auch pervers.

Ich gebe hier bewusst keinerlei Literaturhinweise, weil diese so vielfältig sein müssten, um Kastner zu ergänzen und zu erweitern. Aber ich rate, auch den Wissenschaftler:Innen und Interessierten, die ganze Geschichte zu erkunden und sich eine Zusatzfrage zu stellen: ob der Antisemitismus, welchen Alters auch immer, nicht vorrangig durch den Israelbezug erklärt werden kann. Für Diskussionen und Hinweise dazu stehe ich zur Verfügung. Für die Soziologie als Wissenschaft und institutionell ist das ein wichtiges Thema, für das man danken kann, weil es sich öffentlich darstellen lässt.

Aufregen und ruhig bleiben

2 Träume, in kurzen Abständen. Ich sollte mehr im Regen spazieren gehen, als unter dem Schirm träumen. Aber die Wirklichkeit frisst sich ins Unterbewusste, wie der Wolf in die Schafherde

VARIANTE 1

Regt euch nicht so auf. Die Weltpolitik war NIE gut für alle, es hat immer Gewinner und Verlierer gegeben, und das natürlich auch vor Ort.

Zur Zeit ist eben eine konservative Korrektur einer nicht wirklich erfolgreichen linken Politik, und die Übertreibungen in der sozialen und ethischen Politik und vor allm in der Umwelt unterschätzen die Selbsthilfekräfte des Volkes, die ja auch die Demokratie korrigieren.

Der Republikaner Trump korrigiert überall, innen und außen, die liberalen Übertreibungen, die an der konservativen Volksmehrheit vorbei agieren. Der Diktator Trump lässt dauernd unliebsame arme Einwohner abschieben, am besten werden sie mit Gewalt in andere Länder gebracht. Das Oberste Gericht gibt endlich unmenschliche, aber rechtsmäßige Urteile ab. „Oberstes US-Gericht macht Weg für Trumps Massenentlassungen frei“ (reuters, 9.7.2025)

Der gestrenge Putin korrigiert den anarchischen Verlust der russischen Machtposition, die allein zu weltweiten Verhandlungspositionen führen.

Der weitsichtige Chinese Xi schafft mit China ein gutes Gegengewicht gegen den arroganten Westen und formiert seine Staatsbürger zu einer konfliktarmen Einheit.

Wirtschaftliche Abhängigkeiten führen oft zu mehr sozialen und politischen Freiheiten im eigenen Land, und das ist ja wohl das Wichtigste. Und strenge Verhaltensregeln im eigenen Land, wie von Frau Klöckner angeordnet, machen uns eindeutiger, ebenso wie der symbolische, wenn auch aufwändige, Grenzverkehr von Dobrindt endlich wieder nationales Selbstbewusstsein schafft. Und wenn die Bürger, d.h. das Volk, die Umweltpolitik reduzieren, dann leben sie dafür ihre Freiheiten länger und besser aus, und sie werden schon sehen, wie sie als Alte behandelt werden – menschlich, sagt der Aktionär.

VARIANTE 2

Der Diktator Putin lässt dauernd unliebsame hochrangige Gegner ermorden, am besten werden sie aus dem Fenster gestoßen. Und die Ukraine wird vernichtet, was regt sie sich auf?

Der Diktator Trump lässt dauernd unliebsame arme Einwohner abschieben, am besten werden sie mit Gewalt in andere Länder gebracht. „Das Oberste Gericht gibt endlich unmenschliche, aber rechtsmäßige Urteile ab. Oberstes US-Gericht macht Weg für Trumps Massenentlassungen frei“ (reuters, 9.7.2025)

Der Diktator Xi lässt dauernd fast die gesamte Bevölkerung überwachen und reguliert auf diese Weise das regierungstreue Verhalten. Dafür kann diese große Volkswirtschaft auch geordnet angeleitet werden, KI endlich praktisch gegen Individualismus eingesetzt.

Drei Diktatoren, die von ihren jeweiligen Gefolgschaften natürlich nicht so bezeichnet werden, sondern vielmehr umschmeichelt. Jeder Diktator hat sein Gefolge.

INTERMEZZO

Trump wird von Netanjahu umgarnt, einem israelischen Diktator und Anführer einer teils faschistischen, teils ultrareligiösen Regierung. Die Vorstellung, dass er Trump für den Friedensnobelpreis nominiert hat, ist so satirisch komisch, dass man ihn nur beglückwünschen kann. Unjüdischer, dümmer geht es nicht, das weiß auch Trump. Aber es nützt ihm. Umgekehrt sind Trumps Pläne für Gaza erstmals kurzfristig für Netanjahu hilfreich. Als ob die Hamas dem Trump etwas eingeflüstert hätte, bevor sie sich auflöst. „US-Medien meinen, der Friedensnobelpreis sei zu Trumps „ultimativer Fixierung“ geworden, die er für seine Bemühungen um die Beendigung von Konflikten in der ganzen Welt, einschließlich des Krieges zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen, für wohlverdient halte.“ (msn 8.7.2025)

Bei den letzten Sätzen müsst ihr nachdenken. Sind die logisch, sind sie haltbar? Ungefähr so wie das Bündnis zwischen den beiden. Solche Dualpartnerschaften haben Putin und Xi nicht, die müssen anders handeln. Trump braucht das nicht. Netanjahu scheinbar auch nicht.

VARIANTE 3

Wir von unten, am Rande, nicht so im Zentrum der globalen Machtbalance.

Und wie geht Deutschland damit um? DAS beschäftigt mich, nicht vorrangig? die tyrannischen Tatsachen der Weltherrscher.

Ich werde der Bundestagsdebatte nicht vorgreifen. Erst analysieren, dann Thesen aufstellen. Variante 3 kommt demnächst. Ich hoffe, die Träume bleiben konkret.

ZWISCHENBILANZ

Leider hat die Debatte zu keinem Urteil gereicht, wie eine Variante 3 aussehen könnte. Fast alles, das von den Parteien heute, am 9.7., vorgetragen wurde, hätten wir vorhersehen können, und die selbstbewusste Arroganz von Frau Klöckner ist schon eine Vorstadtbühne wert…

Variante 3 kommt noch