Oz, Berest, vorgestern und heute

Autobio Biofiction Biojüdisch

Zwei Bücher haben mich animiert, biographische und jüdisch-israelische Themen zu verbinden. Keine Rezension, allerdings, sondern Wirkungsgeschichte und ihre Folgen.

(Oz 2016, Berest 2023) :Amos Oz: Eine Geschichte lon Liebe und Finsternis, Ffm 2016, Suhrkamp; Anne Berest: Die Postkarte. Berlin 2023, Berlin Verlag

Oz`Buch erscheint 2002, da ist er 53 Jahre alt, und der Schwerpunkt des Buches ist seine Familiengeschichte und seine Kindheit und Jugend. Da ich viele Bücher von ihm kenne und gelesen habe, ist sowohl die Retrospektive (alle Großeltern und ihre Geschichte, die Verwandtschaft) ebenso wichtig für mich wie der Einblick in die wirkliche Geschichte Israels vor und nach der Unabhängigkeit. Und die Tatsache, dass viele Textstellen heute zugerechnet werden können.

Anne Berest ist 1979 in Paris geboren, ihr Buch ist einer der autofiktionalen Romane, die die Biographie verdichten und auf die wirkliche Geschichte hin verdichten. Hier liegt eine Beziehung zu Oz`Kultur, und für den Leser ist es wichtig, auf beiden Ebenen beider Texte zugleich zu sein: einer jüdischen Familiengeschichte, incl. der Frage, was ist jüdisch?, und die Frage, was mich/jemanden an der Gesellschaftsgeschichte interessiert, warum und vor allem wie.

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Oz schreibt sein Buch mit 52, seine Lebensorte waren Jerusalem, Kibbuz Hulda und Arad, und er geht von seiner Kindheit aus, um die Geschichte seiner Großeltern und des Rests der Familie und näheren Bekannten zu rekonstruieren, oft mit genauen Details, aber nicht als Dokumentation, sondern es hat immer etwas zu tun mit seiner Lebensgeschichte und ihrer (ersten?) Revision, eingebettet in die Geschichte Israels, dessen Staatsanfänge er ja als Kind miterlebt. Er ist klug, frühreif, und agiert als Kind, mit und zwischen Vater und Mutter nicht nur wie Kinder agieren, sondern wie er selbst mehr als 30 Jahre später dies im Kontext von Familie, Gesellschaft bewertet. Von hier versteht man den Titel, und „Liebe und Finsternis“ sind keine übertriebenen oder pathetischen Worte, wobei die Finsternis tiefe Schatten auf die Liebe wirft, sie aber nicht auslöscht; umgekehrt kann die Liebe die Finsternis nicht aus dem wirklichen Leben vertreiben, wenn Oz genial die Beziehungen der Familienmitglieder und anderer Konstellationen beschreibt, aber nicht glättet. (Zur Geschichte des berühmten Onkel Joseph Klausners müsste ein eigener kritischer Artikel geschrieben werden, da bin ich noch nicht). Nicht parallel, sondern verbunden damit ist die Entstehung des Staates Israel, seinen Vorgeschichte in vielen Fächern der Familie, aber auch deren Vorgeschichte in einer Welt, von der wir heute keine Vorstellung mehr haben, und die Oz 2001 auch nur rekonstruieren kann.

Oz erklärt, als wäre es heute. Seine Abwendung von den revisionistischen Zionisten und Menachem Begin ist beeindruckend gegenwärtig. Aber auch: es gibt natürlich keine eindimensionale Geschichte des Zionismus, und rechtslinks ist die zweifelhafte Dimension, ebenso wie Religion und Abstammung, Sepharden vs. Ashkenasim. Und das alles vor 25 Jahren, seine Geschichte geht also mehr als 50 Jahre zurück. Und er bleibt Zionist, und da kann die gegenwärtige Diskussion viel lernen, aber auch die Übernahme der Geschichte in all ihren Dimensionen, und nicht nur in den glättenden, opportunen (Vgl. Amos Oz – Wikipedia , die kurze Biographie lohnt wirklich).

So berühmt, vielfach geehrt und rezipiert, bedarf es keiner Metarezension. Sondern vielleicht einer Wahrnehmung, die sich an die Regel hält, sich als Leser mit dem Text und nicht mit dem Autor zu verbinden. (Oz S. 54ff.) Was mir unter anderem auffällt, sind viele Analogien der Verwandtschaft (inclusive der seltsam genauen Übereinstimmung von familiären Geburtsdaten der Großeltern und nahen Verwandten: S. 288: Familiendaten der Mutter Fania. Analog zu meiner Familie), aber keine der Biographie selbst, jedoch wiederum etliche der Reflexion auf diese Biographie, Jahrzehnte später. Die nachholende Festlegung von Wirklichkeit, die man nachträglich ohnedies nicht ändern kann, ist beeindruckend, wenn es um wirklich tragische persönliche Ereignisse geht, aber auch positive Zustände in einer komplexen Situation. Mich fasziniert auch die Erzählung der Familiengeschichte in zweiter und dritter Dimension, etwa von seiner Tante Sonja, der Schwester seiner Mutter. Die Verbindung zur Politik wird früh sichtbar, als gäbe es keine nichtpolitische Herkunftsgeschichte, und das wird später aufgegriffen: (z.B. 314 f. Nationalismus der Jugendlichen damals. Wichtig „Das hatte sehr, sehr viel Ähnlichkeit mit dem, was man heute hier bei den Palästinensern erlebt, nur ohne das Blutvergießen, das sie anrichten. Bei den Juden sieht man heute kaum noch solches Nationalbewusstsein“. (Erzählt Tante Sonja über Rowno, ihre Herkunft – 20er 30er Jahre)). Aber all das ist von einem überragenden Autor komponiert, so dass man unterhalb der bewussten Ereignisse Einblick in die Existenz der Betroffenen hat, die immer beides ist: persönlich und gesellschaftlich).

Hier kann ich eine Brücke auch zur Lektüre von Berest einrichten, für die es ja Hier kann ich eine Brücke auch zur Lektüre von Berest einrichten, für die es ja weitgehend um einige Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geht, als rekonstruierter Rückblick, und vielfach hat ihre Mutter die Rolle von Oz‘ Tante Sonja. Für mich als Leser ist einer Unterschiede, dass ich bei Berest keine Vergleiche mit meiner Biographie anstellen kann (außer in der Frage, was eigentlich ist, wenn man „Jude ist“), während die Differenz zu Oz‘ Biographie sich ja wie ein alternative Text, wie eine andere Melodie liest und man schon seine Interessen an seiner Geschichte bei sich überprüfen muss. Und eine wichtige Frage: was wissen WIR von Israel, auch was wissen WIR von Frankreich, wirklich? Und wieweit glätten wir, was wir wissen, um unserer Anschauung willen, um der Wahrheit, nicht der Wirklichkeit willen?

Sein Buch ist natürlich nicht nur die Geschichte der Kindheit und Jugend, vom 50jährigen erzählt und reflektiert und nach weiteren 25 Jahren gelesen und kommentiert. Aber diese Geschichte muss sein. Ergänzt durch Berest, aber Oz nimmt mich retro auf, in Arad, dann sprechen wir über die Kindheit und ihre Politik und dass es nicht möglich ist, irgendetwas aus dem Kontext „wieder gut zu machen“, so gut wie nichts.

Am Freitag 23.5.2025 äußerte sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Gegenüber der „Kronen Zeitung“ sagte er, dass zwischen einer „unverrückbaren Haltung zum Staat Israel“ und der Kritik an der aktuellen Regierung des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu „speziell im Fall Gaza“ unterschieden werden müsse. (ORF 23.5.2025). Es ist erstaunlich, wieviel Oz vorhergesehen hatte, und wie er manche seiner Positionen im Lauf seines Lebens und seiner Reflexionen änderte oder korrigierte, aber immer seiner politischen Ethik und Kritik treu blieb. Vielleicht ist es das, was mich zum zweiten Mal und ausführlich diesem Buch von Oz zugetrieben hatte. Ich habe gelernt und korrigiert. Zum Beispiel die Lektüre von Samuel Agnon. Und da treffe ich mich mit der jugendlichen Selbstdarstellung des Oz: die kann man als Erwachsener zurücknehmen…

Und zur heutigen Debatte über das Verhältnis Israels zu Deutschland, zum Reparationsabkommen zwischen Adenauer und Ben Gurion. Es wird zwar dauernd zitiert, aber es fehlt etwas – dass Israel die Zusammensetzung der deutschen Regierung, Justiz unter den Umständen deutscher Reparationen akzeptiert. Das sagt in Deutschland heute niemand in der Politik, obwohl wir alles wissen könne, zu Globke (Adenauers rechte Hand), und vgl. Stein/Zimmermann, ZEIT 8.5.2025). Dazu S. 807f. bei Oz.

Und wir können nicht anders als die Beziehung zu Israel, die Wertung des Kabinetts Netanjahu und seiner rechtsradikalen, zT. faschistischen und rechtsreligiösen Kabinettsmitglieder und Gefolgschaft auch mit den Kriterien zu messen, die Oz ein Leben lang in einem Korridor von Wertungen entwickelt und vertreten hat. (Nur Zyniker können dem vorwerfen, man würde Palästinenser bewusst ausklammern und verkleinern im Vergleich zur Kritik an Israels Regierung. Immer die Geschichte der Hamas zeitgleich mit der Geschichte Israels im richtigen Kontext bemessen(.

Ich empfehle beide, Oz und Berest.

Für meine Freunde in Israel

Jüdisch versus Israel?!(!)

Fangen wir einfach an: „Wissenschaftler bekennen sich zu Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus: „Antwort auf die Mängel““ (FR 16.5.2025). Es liegt schon lange in der Luft bzw. in den Diskursen, jetzt geht die FR einen Schritt weiter. Sie veröffentlicht eine Stellungnahme für die Jerusalemer Erklärung JDA, gegen die ältere IHRA Stellungahme. Ich gehe jetzt nicht wieder einmal auf die Unterschiede zwischen beiden Resolutionen ein, beide verweisen auf die schwierige Überlagerung von Israel durch das Judentum. Ich gehe auch nicht darauf ein, dass viele Regierungen und Politiker eher die IHRA unterstützen, zum Teil autoritär, und dass die meisten Intellektuellen und WissenschaftlerInnen )die meisten, nicht alle) eher zur JDA neigen. Mir geht es um etwas anderes.

Fangen wir nochmal an. Amos OZ hat 2002 seine gewaltige autobiographisch-essayistische „Geschichte von Liebe und Finsternis“ geschrieben, viele Auflagen und Übersetzungen. Auf den ersten 100+ Seiten (von mehr als 800) beschreibt Oz seine Kindheit und vor allem die Begegnung mit Joseph Klausner, dem Onkel. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Klausner). Schon hier erfährt man viel über die Richtungen des Zionismus, und man wird über Klausners philosophische, literarische und politische Karriere noch viel erfahren. Auch, dass es zwischen der intellektuellen Superiorität und einer national-liberalen Einstellung, incl. zu Menachem Begin, durchaus Brücken gab, ist spannend. Mir geht es aber darum, Klausner in der Vielfalt des Zionismus zu erkennen und darin, dass Amos, vor 25 Jahren schon, folgendes in seine damalige Geschichte einschreibt: “ In Vaters Jugendzeit stand an jeder Wand in Europa „Juden, ab nach Palästina„. Fünfzig Jahre später, als mein Vater Europa wieder besuchte, schrieb es von allen Wänden „Juden raus aus Palästina“. (S.113). Das war 2002. Und Oz klärt auch auf, warum und wie seine Familie sich damals zu Jabotinsky und Menachem Begin wandten (was man heute schwer versteht, aber verstehen muss, sonst ist es schwierig, über den wirklichen Zionismus der damaligen Zeit kein idealisiertes, sondern ein vielschichtiges Urteil zu haben. – Ich schreibe das hier, um zu zeigen, wieviel man wirklich an Geschichte wissen muss, um das heutige Judentum in Israel wenigstens teilweise zu verstehen – hier aus der Analyse des Zionismus. Es gibt noch mehr.

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Zurück zu den Manifesten: worüber sollen wir jüdischen Menschen, wo auch immer wir sind, im Kontext Judent(tum) und Israel, uns auseinandersetzen? Es gibt viele Menschen, einige von ihnen sind Jüdinnen und Juden. Den Satz umzudrehen, ist entweder blöde oder faschistisch.

Es gibt viele Jüdinnen und Juden, die ein gespaltenes Verhältnis zu Israel haben: das Land, ja; die Regierung, nein. Die finale Heimat, ja. Eine Gesellschaft von Mehrheiten für Siedler, Faschisten und Ultrareligiöse eher nein, wenn man befürchten muss, dass eine Rückkehr zur Demokratie wenig wahrscheinlich ist.

Der ethnische Zusammenhalt erscheint umso enger, je kleiner und gefährdeter eine Ethnie ist – trivial, nachprüfbar. Aber die Konflikte innerhalb des Judentums, und je zeitnäher umso mehr, lassen sich nicht mit einer erpressten Außenverteidigung zudecken.

(Nebenaspekt: Hier zeigen sich Analogien zur Erscheinungsform der Palästinenser, aus ganz anderen Gründen als denen des Judentums).

Es gibt gute Gründe, warum sich Israel dagegen verwahrt, ins Meer getrieben und ausgelöscht zu werden. Netanjahu beschädigt diese Gründe erheblich, und wenn sie nicht ausreichen, wird Israel für Juden und Jüdinnen viel weniger erheblich sein. Keine gute Voraussicht. Aber wer weiß, Judentum ist auch ein Symbol und eine Hoffnung für Widerstand.

Soweit also, wenn es um „Juden“ geht, also den Stamm der Jüdinnen und Juden. Was aber bedeutet „jüdisch“? Da möchte ich strenger sein als die oberflächliche kulturelle Selbstbeschwichtigung. Jüdisch bedeutet nicht mehr und nicht weniger als jedes ethnisch-kulturelle, ethnisch-soziale und ökonomische Attribut, das als zentral für die eigene Zugehörigkeit, sozusagen die innere Heimat in der Hierarchie der Identitäten verstanden wird. „Verstanden“, das heißt nicht nur gefühlt, sondern durchdacht, abgewogen, für uns selbst geformt. Und hier gibt es Maßstäbe, historische, kulturelle, religiöse, lebenspraktische – und nicht alles, was hinter der Bezeichnung stehen kann, ist schon deshalb akzeptabel.

Was sicher Ärger macht, ist die Behauptung, dass jüdisch und faschistisch durchaus zusammengehen können, aber dann eben nicht das „Jüdische“ sind, das ich meine, wenn es um das Weiterleben, Überleben des Jüdischen und damit des Judentums geht. (Hier könnte ich scharfe Kritik an einebnenden Vermittlungen, sozusagen Judaism light, üben; mache ich aber nicht, lenkt ab). Aber Jüdisch kann auch mit ganz anderen Anschauungen, Kulturen etc. zusammengehen, im Übrigen ist deshalb der Jüdische Staat und nicht der Judenstaat die richtige Hoffnung gewesen, ist es hoffentlich weiterhin. Jüdisch ist an den Humanismus gebunden, und nicht an den Judaismus. Das ist eines der wichtigsten Kriterien, welche Position man einnimmt, z.B. zur Frage Antisemitismus, siehe oben.

Zerstörung des Wissens – Trump gegen Harvard & andere Unis

Die Anlässe brauchen uns nicht zu wundern. Es ist schwierig, pro-palästinensische Studierende an guten Universitäten vorab zu identifizieren und zu isolieren, gar rauszuwerfen. Was im übrigen nicht kausal zum Schutz jüdischer Studierender beiträgt. Natürlich ist der Antisemitismus-Vorwurf von Trump eine Lüge (vgl. den Hinweis im Blog 5.4.2025 Trump Antisemit &, und vor allem die Hinweise von Christopher Browning ebendort. Trump und seine rechtsradikalen Hilfstruppen, auch ultrareligiöse Vernunftleugner und auch katholische Retro-Politiker einigen sich für ihn hilfreich bei der Attacke seines politischen Lagers auf die Universitäten. Darum geht es und nicht um Juden in Amerika.

Kein Zweifel: Es gibt einen von von Nahost Herkommenden Antisemitismus, auch an Universitäten. Den gibt es weltweit, auch bei uns. Dieser zielt stärker auf Israel als auf das „Judentum“, hat generationenalte Wurzeln und ist schwer zu begrenzen, solange z.B. Religion – in diesem Fall islamische, aber auch konträr jüdische und christliche – aus vielen Gründen aus der rationalen Kritik ausgenommen wird. Dazu ein anderes Mal. Zurück zu Trump.

Der Kampf der amerikanischen Alternative Truths and Facts Politik ist seit langer Zeit aufgebaut und hat mittlerweile einen soliden Sockel in der Masse der desinformierten, ungebildeten Bevölkerung – und durchaus, v.a. neuerdings in der retro-nationalistischen Kulturszene. Gegen die Wissenschaftsfreiheit zu sein, ist geradezu ein Erkennungsmerkmal für nationalistische vertikale Herrschaftsstrukturen. Diese sind in der Spitze durchaus gut gebildet und wissen, wie man den Pöbel instrumentalisiert.

Dass sich das insgesamt gegen BILDUNG richtet, kann erklärt und analysiert werden. Dass Universitäten, auch und v.a. in USA, immer ambivalente Politik ausgestrahlt haben, ist ein weites Feld nicht nur für die Bildungsforschung. Für die derzeitige Trumpregierung ist Rationalität für die professionelle nächste Generation mehr als nur eine Bedrohung. Kritik an der Wirklichkeit einer um sich greifenden Diktatur ist nur ein Element akademischer Unabhängigkeit, genauer der Wissenschaftsfreiheit. Darum greift Trump, mit falschen Argumenten, aus seiner Sicht zu Recht diese Freiheit an, denn sie produziert und reproduziert mehr als nur Wissen: sie erzeugt das kritische Substrat einer freien Gesellschaft. Hier ist Trump nur das exzessive Extrem einer Auseinandersetzung zwischen Staat und Wissenschaft, die es seit jeher gibt, ja geben muss, in den USA wie überall. Wissenschaftsfreiheit gilt für private wie staatliche Hochschulen. Wenn aber besondere Universitäten, Harvard, Columbia und verwandte, angegriffen und gedemütigt werden, führt das nicht nur Abwanderung der wirklichen Eliten der Wissenschaft, z.B. nach Kanada oder Europa. Es führt zu einem rapiden Absturz von Qualität und eben jener kritischen Substanz, die für die Gesellschaft so wichtig ist.

Selbstbezogener und selbstkritischer Einschub: Da Hochschulwissenschaft zu meinen wissenschaftlichen Kernthemen gehört, hatte ich schon nach meiner Unipräsidentschaft einen sehr US-bezogenen Artikel geschrieben: „Eliten, Gemeinschaften, Aggressionen“ geschrieben (Vorgänge 1/2000, 11-18. In der Zwischenzeit hat sich vieles radikal verändert, und die alten anti-amerikanischen Vorurteile sind durch relativ neuartige Bewertungen, stärker gegen Trump, aber schon davor, ersetzt. Der obige Aufsatz ist im Schwerpunktheft „Linker Antiamerikanismus“ erschienen, heute würde seine Fortsetzung unter dem Titel „Demokratische Kritik an den USA“ schreiben.

Zurück zum Thema: Die Abwanderung der weltweiten Spitzen aus den USA hat also begonnen. Dass eine Universität wie Harvard vom Staat beschädigt werden kann, obwohl sie gerade nicht staatlich ist, liegt wie weltweit daran, dass die Wissenschaftsfreiheit in vielen Bereichen auf staatliche Forschungsförderung und Lehrunterstützung angewiesen ist, elitär oder „normal“. Doch auch deshalb, um den Einfluss interessengeleiteter Projektfinanzierung und Ausbildungsschwerpunkte (z.B. religiös) zu verkleinern. Das geht aber nur, wenn der Staat nicht durch Diktatur „privatisiert“ auftritt, wie bei den Diktatoren Putin oder Trump. Universitäten, je besser umso deutlicher, sind demokratische Widerstandskerne gegen jede politische Vereinnahmung künftiger Generationen von Gebildeten durch alternative Wahrheiten.

Was nicht bedeutet, dass es interessengeleitete Nester in allen Universitäten gibt, und dass Kritik an elitären Selektionsprozessen nicht auch angemessen wären. Aber gerade diese Kritik darf nicht aus dem Wissen der Politik kommen, das Wissen aus der gesellschaftskritischen Wahrheitsperspektive und ihrer wirklichkeitsorientierten Umsetzung einzutauschen gegen vernunftlose Herrschaftsunterstützung. Ich weiß ganz gut, wie das letzte Argument in der institutionellen Kritik der Hochschulforschung immer schon eine Rolle gespielt hat. Aber gerade Unis wie Harvard haben durch ihre Zulassungserweiterung und Fach- wie Forschungsschwerpunkte eben ihre institutionalisierte Gesellschaftskritik jenseits der Personalisierungen aufrecht erhalten.

Was sich in den USA zur Zeit abspielt, kann auch gute und kritische Geister in unsere Hochschulen spälen – chapeau. Aber es macht die USA nicht besser. …

Weiterlesen: SZ 15.4.25: „Der ganze Sektor wird sich brutal verändern“: Aids, Tuberkulose, Impfungen: Die USA streichen ihre Zuschüsse für Tausende lebensrettende Projekte weltweit. Was das für Folgen hat. Berit Uhlmann; https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/us-universitaet-harvard-konfrontation-trump-100.html; https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_100679646/harvard-andere-beugen-sich-universitaet-widersetzt-sich-donald-trump.html; https://www.tagesschau.de/ausland/us-universitaeten-trump-100.html; https://www.sueddeutsche.de/kultur/trump-vs-us-universitaeten-christopher-browning-gastbeitrag-li.3227567 u.v.m. Für individuelle Berichte und Erfahrungen bin ich dankbar und werde sie in den Blogs miteinbauen. Danke

NACHTRAG. Haàretz 17.4. Ben Samuels:

 It is becoming increasingly clear that the White House’s effort to reshape higher education is focused on issues that go beyond antisemitism 

Die antisemitische Ausrottung der Vernunft richtet sich gegen die Juden auch, die Trump scheinbar in seinem verlogenen Kampf gegen den Antisemitismus missbraucht.

Trump Antisemit &

Das der Diktator Trump keine Adjektive mehr bekommt, ist wichtig und richtig: ein Diktator kann sich mit allen negativen Eigenschaften bedecken, es kommt nicht darauf an, welchen Aspekt man seiner Herrschaft besonders ankreidet – er ist ein Diktator.

Ich bestehe weiter darauf, dass Putin und Trump „verwandte“ Faschisten sind, natürlich mit neuen, zeitgemäßen Formen. Es gibt keinen Grund, Trump für einen partiell näher stehenden Verbündeten vorzuziehen, nur weil wir in der NATO und auf dem Weltmarkt zur Zeit von ihm mehr abhängig sind. Uns es kann immer mehr als einen Diktator geben, den man ablehnt.

Mein Vorbild Prantl schreibt über Jazz vor hundert Jahren und macht einen Sprung in die Gegenwart: Manches, nicht zuletzt die Eskapaden der damals Reichen, erinnert an die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts. Vieles, und das ist jetzt meine subjektive Sicht, auch nicht. Damit meine ich nicht das Politische, denn das wiederholt sich nicht. Die Autoritären des Jahres 2025 sind nicht wie Mussolini, Hitler oder Stalin. Es reicht schon, dass Putin wie Putin ist und Trump wie Trump. (Prantl, SZ 4.4.25). Man beachte das „wie„. Das heißt ja nicht, dass es keine Analogie der heutigen Faschisten zu früheren gibt, sondern nur, dass sie ihre eigene Prägung haben (und nicht zuletzt deshalb von vielen ihrer unterstützenden Volksmassen gegen deren Lebenseinschränkung hoch gelobt werden). Trotzdem bestehe ich auf der Analogie.

Dass Faschisten und andere Diktatoren oft ihren Antisemitismus hinter scheinbarer Judenfreundlichkeit verbergen, ist fast logisch. Wenn wir heute den Juden Netanjahu, der nun wirklich nicht jüdisch ist, als Freund und Verbündeten von Trump und Orban haben, wenn Musk die deutsche Nazis umgarnt, dann ist das bedrohlich genug. Dass Trump das mit der Demolierung der US Wissenschaft auf die Spitze treibt, muss nicht verwundern, ist aber noch komplizierter, weil es dabei auch um die Verfolgung nicht-weißer Gegner (Orientalen) an amerikanischen Universitäten geht. Dazu muss man die Geschichte des weißen Rassismus in den USA kennen.

(Einschub: zufällig in der gleichen Ausgabe der NYRB wie die folgende Berichterstattung über Christopher Browning ein Rezension von Miri Rubin: Christian Hair, über Magda Teters „Christian Supremacy: Reckoning with the Roots of Antisemitism and Racism“, Princeton. Das ist deshalb so wichtig, weil in den USA Juden und Schwarze durch die weiße „Christian supremacy“ besonders betroffen sind. „In the autumn of 2024 anti-Black and anti-Jewish were by far the most common categories of hate crime in the US. Christian supremacy helped make such suffering possible„. O ja.)

Also zurück zu Trump, dem Antisemiten, und seinen faschistischen Untergebenen: Der Kampf der rechtsreligiösen Amerikaner gegen die Wissenschaft ist schon alt, und breitet sich aus, je schwächer die Demokratie ist. Denn man muss ja die alternativen Wahrheiten verbreiten dürfen. Und wenn man an der Se4ite Netanjahus die arabischen Studierenden der USA demütigen oder verjagen kann, gelingt das umso leichter, wenn man sich als Faschist für die Juden bzw. für Israel einsetzt – wie Trump. Man muss Christopher Browning genau lesen: Trump, Antisemitism & Academia. (NYRB 10.4.2025, S. 42). Trump benutzt einige antijüdische Vorfälle „while openly advocating criminal violence against Palestinians. His campaign against campus antisemitism is simply a hypocritical pretetx for his aussault on American higher education„. Das hat natürlich folgen. Immer mehr Hochschullehrende verlassen US-Unis und gehen in demokratische Länder. „Was hier geschieht, ist Faschismus“ von Frauke Steffens (FAZ 4.4.2025 beschreibt, wie ein Professor aus Yale (immerhin eine der besten Unis der Welt) nach 12 Jahren die Hochschule verlässt und nach Kanada geht (wo man ihn „natürlich“ gern empfängt). Auch Timothy Snyder macht das und andere…auch wir müssen sie aufnehmen und pflegen – die USA lassen das

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Nochmals. Trump ist ein Diktator, deshalb ornieren wir ihn nicht mit Adjektiven. wissenschaftliche Denken fallen. Das man oft in der Politik taktisch mit ihm umgehen muss, ist angesichts seiner Macht wohl unumgänglich, in Grenzen, aber es gibt keine positive Verbindung – wie man das früher mit dem Westen wohl getan hat, es gibt keine Dankbarkeit gegenüber den USA, es gibt nur die Pragmatik des Schwächeren gegenüber einem Diktator. Das entlastet unser Verhältnis zu Putin nicht. Ein Diktator relativiert nicht einen anderen.

Und wenn die Israelische Politik (Botschafter) in die jüdische Meinu8ngsfreiheit in Deutschland eingreift, muss uns klar sein, dass nicht jeder Jude (Netanjahu) auch jüdisch ist. Darüber kann, muss man streiten. „Jüdisch“ ist nicht nur ein Adjektiv. Es ist eine Bezeichnung, die sowohl historisch, religiös und/oder ethisch als auch politisch auf einer Überlebensmoral beruht, die mit dem Judentum mehr zu tun hat als mit der derzeitigen israelischen Regierung.

Bleibt das Judentum? Das Jüdische?

Seit langem forsche ich, und lerne ich die Differenz zwischen dem ethnischen und dem ethisch-kulturellen Judentum differenziert kennen. Es gibt da viele Facetten. Eine hat mich gestern aufgeschreckt:

So etwas lese ich häufig, ärgere mich über die doppelbödige DEUTSCHE Reaktion und viele Brücken nach Israel, nicht alle gut und richtig. Aber gestern hat mich meine Vergangenheit eingeholt:

DPA 28.3.2025

Mit einer Mahnwache soll an den Brandanschlag auf die Oldenburger Synagoge vor rund einem Jahr erinnert werden. «Wir wollen gemeinsam dafür einstehen, dass Menschen aller Religionen und Weltanschauungen hier bei uns in Frieden zusammenleben», meint Organisatorin Kathleen Renken. Der Arbeitskreis Religionen Oldenburg, die Kirchen und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Oldenburg laden um 19.30 Uhr zu der stillen Kundgebung an der alten Synagoge in der Petersstraße ein.

Ein junger Mann soll am 5. April 2024 einen Brandsatz gegen die Eingangstür der Oldenburger Synagoge geworfen haben. Zwei Hausmeister eines benachbarten Kulturzentrums entdeckten das Feuer und löschten die Flammen. Niemand wurde verletzt. Der Anschlag löste bundesweit Entsetzen aus. Die Polizei bildete nach dem Vorfall eine Ermittlungsgruppe unter Leitung des Staatsschutzes.

Nach der Ausstrahlung des Brandanschlags in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY … Ungelöst» nahmen die Ermittler Ende Januar einen Verdächtigen fest. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft legte der Mann aus dem Landkreis Vechta ein Geständnis ab. Er sitzt in Untersuchungshaft.“

Auf den ersten Blicken wie immer, wie überall. Immer meine Fragen: was haben vorherrschende Religionen mit Antisemitismus zu tun und was nicht, was isoliert die kriminellen Attacken in der Aufklärung und Strafverfolgung bei der Justiz, was berührt mich besonders, wenn es um das Allgemeine geht?

Das letztere ist wichtig. Das Allgemeine – klar gegen Ausländer, gegen Juden, gegen die „Anderen“. Was mich stört ist die doppelbödige Diskurswirklichkeit der Religionsgemeinschaften. Christlich-Jüdisch, Christlich-Jüdisch-Muslimisch etc. Drei konkurrierende Monotheismen und mit anderen Religionen, die sich seit langem nichts geschenkt hatten, haben, schenken. Und doch reflektieren sie nicht, wie die Religion die ethnische Realität – Antisemitismus der arabischen Welt, Antipalästinensismus der israelischen Regierung, islamisch-hinduistische Kontroversen in Asien, Vereinnahmung des Christentums durch die Faschisten um Trump etc. – unterwandert, untergräbt, an den Rand drückt.

Im Konkreten kenne ich die Synagoge in Oldenburg, die jüdische Gemeinde, ihre Entstehung, ihr Wachstum, ihre Praxis, seit 40 Jahren, die Rabbinerinnen, die Rabbiner, Ein- und Austritte, die Veränderung durch die osteuropäische Einwanderung, v.a. Juden aus der Ukraine und aus Russland, schon bevor die beiden getrennt waren…Und einerseits war es eine der am wenigsten kontroversen jüdischen Gemeinden in Deutschland, auch dank Sarah Schumann, Bea Wyler, Alina Traiger, mit einer interessanten Verbindung zur Universität Oldenburg und den dortigen Protestantinnen v.a. Andrea Strübind, aber andererseits ist das Judentum nicht durch Religion allein auch nur beschreibbar, erklärbar…

Was mit der Einwanderung in Deutschland geschehen ist, war und ist bislang weitgehend politisch richtig, kulturell, ideologisch und sozial aber weitgehend einseitig, teilweise falsch.

Auch wenn man den islamischen Antisemitismus erklären kann, versteht man ihn nicht und kann auch nicht gegen ihn vorgehen, wenn man sich die religiöse Engführung nicht kritisch vornimmt. Hier kann man empirisch und auch theoriegeleitet in die Details gehen, aber vom Allgemeinwissen sind die meisten weiter entfernt als selbst in ihrer religiösen Grundkenntnis.

Mich schmerzt das Oldenburger Ereignis, aber mehr noch die Tatsache, dass die Diskurse um die antisemitische/antijüdische/anti-israelische Wirklichkeit zu sehr an religiöse Wahrheiten und Tabus gebunden sind. Augen auf, kann ich da nur sagen.

Oldenburg macht mich retrospektiv etwas betroffen. Ich bin ja nicht mehr dort, Sara Ruth Schumann ist schon lange tot, Alina Treiger ist in Hamburg, die Gemeinde hat sich gewandelt (ich kenne sie genau genommen kaum mehr, und ich kann auch nicht russisch/ukrainisch). Generell betroffen macht mich die zähe, fast endlose Schleife des spezifisch deutschen Antisemitismus.

Verzeiht die Analogie: so wie die Demokratien heute gewaltsam unter Druck stehen, als Demokratien, nicht als Wirtschafts- und Militärmächte, so steht das Judentum unter Druck, als Verbindung ethnischer und religiöser jüdischer Entwicklung nicht nur über die Zeiten hinweg, auch ganz und gar gegenwärtig. Wenn wir uns nicht weiter entwickeln, verschwinden wir.

P.S. werte LeserInnen, wer hierzu in Dialog treten will, ist besonders willkommen. Ich mag hier den persönlichen Dialog lieber als den institutionellen

Antisemitismus nachgelegt

Ihr wisst, dass ich seit Jahren den Antisemitismus, den offenen und den verdeckten, angreife, bloßlege, kritisiere. Und dass das gerade nicht entlang der offiziellen und wahrnehmbaren Konfrontationslinien erfolgt, weil die verschiedenen Positionen sich zu sehr verabsolutieren.

Dass die Auseinandersetzung zwischen Israel und Hamas zu den absurdesten, teilweise den Konflikt antreibenden Realitäten zählt, habe ich schon beschrieben. Und dass es bei der Kritik an Netanjahu (Regierung) nicht um eine Kritik an der Existenz des Staates Israel (Nation) geht, ist ein Teil meiner Überzeugung und der intensiven Forschung zur Geschichte des Staates Israel. Zu der zählt auch das Hereinholen der wichtigsten Verbündeten gegen die einseitige Verteidigung Netanjahus, zB. Grossmann, Oz, Leshem und deren Hintergrund (Vgl. den Blog „Israel, Palästina.“ 27.12.2024 mit ausführlichen Literaturangaben). Auch verweise ich immer häufiger auf die neuesten Untersuchungen und Kommentare von Delphine Horvilleur und, im Kontext, von Eva Illouz. Besonders deren 2023 geschriebenes und erschienenes Buch „Undemokratische Emotionen“, mit Avital Sieron (Suhrkamp). Und jetzt, zum Jahreswechsel den kurzen Essay „Völkermord? Im Ernst?„, SZ 29.12.2024. Hier werden mit atemberaubender Genauigkeit der Unsinn des Völkermord-Vorwurfs durch Südafrika und andere, sowie die teilweise langfristigen Vorgehensweisen der UN und des internationalen Gerichtshofs beschrieben, die es durchaus erschweren, Kritik an Kriegsverbrechen Israels und an der teilweise kritikwürdigen Reaktion auf den Angriff der Hamas vom 7.10.2023 zu üben und auszuführen.

Wenn ich sage, der kurze Essay wirkt befreiend auf mich, soll das kein Missverständnis hervorrufen. Aber in einer zutiefst zerfurchten, mehr als gespaltenen jüdischen Diskussion, hier (Deutschland) wie dort (Israel, USA vor allem) und der oft schwer erträglichen Metadiskussion aus der nicht-jüdischen Politik und Reflexion, ist der kurze, klare Essay von Illouz eine echte Stütze. Man liest, was man weiß, in der vielleicht klarsten Variation.

Dass und wie man Israel aus der Wirklichkeit vieler Völkermorde zu Unrecht herausisoliert, ist bekannt und belegt. Es führt aber doch auch dazu, dass wir die UN, die internationale Justiz und das komplexe Gebilde der globalen Diskurserneuerung des Völkermords ebenso kritisch und mit Priorität behandeln sollten wie unsere Kommentierung der Vorgeschichte, des Faktums und der Wirkung des 7. Oktober 2023.

Israel, Palästina

Israel, Palästina. Dieser Essay wird demnächst in etwas erweiterter Form veröffentlicht. Für Rückmeldungen und Kritik bin ich aufgeschlossen.

   Michael Daxner

Essay, auf Basis eines Vortrags vom 13.12.2024 an der Universität Innsbruck

                                                                                                              Für Marion Näser-Lather und

                                                                                                              Tom Koenigs

 „Inter- und Transkulturalität“ war der Vortragstitel am 13.12.2024[1] in Innsbruck, er verweist schon auf einen Hauptstrang der Argumentation in diesem Essay. Große Übereinstimmung mit Marion Näser in Wissenschaft und Kommunikation, und sehr komplizierte Umgangsprobleme mit dem Thema haben mich seit Monaten mit Blick auf diesen Essay beschäftigt. Im Sommersemester habe ich ein Seminar zur Geschichte Israels von 1895 bis zum 6. Oktober 2023 mit einer Handvoll Studierender durchgeführt, davor hatte ich im Februar einen Vortrag zum Thema in Wien gehalten[2] und mich in meinem Blog[3] mit den Problemen auseinandergesetzt, ohne mich in die dauernde Kommentierung der Kommentare einzubringen. Mit den wenigen noch lebenden Freundinnen und Freunden in Israel bin ich in ständigem Kontakt[4], und mit etlichen jüdischen Kontakten in Deutschland und Österreich bin ich ebenso zum Thema verbunden wie kontrovers im Diskurs, mit nichtjüdischen Menschen selbstverständlich auch. Diese Diskurslandschaft allein wäre schon ein wichtiger Rahmen oder aber der Inhalt für den Essay, und den zur Grundlage dienenden Vortrag. Ich könnte aber auch die Einleitung des Essays damit anlegen, die Ursachen, Anlässe und Gründe für die gegenwärtige Situation übersichtlich aufzuzählen und kurze Hinweise auf Zusammenhänge, Kontingenzen und Personalisierung geben, spannend genug. Beides für sich und gemeinsam würde aber dem Essay und dem zugrunde liegenden Vortragfür das Seminar nicht gerecht und man bräuchte ein Zeitmaß wie das von Karl Kraus, um das Thema zu bewältigen. In diesen Tagen über Israel und den Nahen Osten zu sprechen, ist ein eigenes wissenschaftliches Feld, und wollte man zu Definitionen und Ausgangspositionen kommen, die auf Verständnis und Interesse stoßen, müsste man schon deshalb weit ausholen, weil viele etwas wissen und nicht vieles wissen, und das ist eine wirkliche Hemmschwelle für den Diskurs. Obwohl es gar nicht nur um Wissen geht.

Einfache Fragen, schwierige Antworten

Können wir erklären, warum es den Schritt vom Judenstaat zum Jüdischen Staat gegeben hatte, und was das nicht nur impliziert, sondern auch bewirkt hatte?

  • Natürlich gibt es dazu eine Unmenge Literatur. Aber schon von den Begriffen können wir verstehen, dass es in einem Judenstaat nur Juden gibt, im Jüdischen Staat aber neben der jüdischen Mehrheit auch nichtjüdische Minderheiten. Zugegeben, das ist eine retrospektive Erklärung. Außerdem war der Judenstaat eine nicht verwirklichte Vision, und den Judenstaat gibt’s lange Zeit nur als Planung, verwirklicht aber erst seit 1948, und dann sollte man „Staat“ betonen, „Jüdisch“ ein auswechselbares Attribut, das aber die Rhetorik der rechtsradikalen Regierungspartner heute in Richtung auf „Juden-“Staat bestimmt. Ungefähr so, wie viele Gegner Israels die Vorstellung haben, wenn man die Israelis=Juden ins Meer treibt, wird ein arabischer/muslimischer/ palästinensischer Staat/Staatsteil entstehen. Bleiben wir bei den Juden. In meiner Auslegung, v.a. der Wissenschaft, sind Juden/Jüdinnen ein ethnologischer Begriff, und „jüdisch“ ein interpretierbares moralisches, kulturelles, letztlich auch politisches Attribut. Wenn ich die jüdische Religion meine, muss ich das dazu sagen. Es gibt hier keinen Automatismus der normalisierten[5] Religionszugehörigkeit. Hier gibt es übrigens viele Analogien zwischen religiösen Juden und Arabern.

Wer sind die Juden, um die es geht? Wer sind die Palästinenser?

  • Dass nicht alle Israelis jüdisch sind, wissen mittlerweile viele, nicht alle. Um welche geht es – um die israelischen Staatsbürger jüdischer Abstammung, jüdischer Religion, oder um zugeordnete Personengruppen? Nicht lachen bitte: Seit langer Zeit gibt es jüdische Untergruppen, die anderen die Zugehörigkeit zum Judentum absprechen[6] …aber im Alltagsdiskurs ist die Frage, wer ist Jude, noch verwirrender, also wird sie geglättet.

Welche Rolle spielen die Religionen, die Weltanschauungen, die politischen Rahmenbedingungen? Welche Rolle spielen Zionismus, Antizionismus, Revisionismus, allein fürs Judentum?[7]

  • Diese Fragen kumulieren in allen möglichen Diskussionen zum Thema und entheben die jüdischen Menschen und das Judentum der Realitätsverpflichtung solcher Diskurse. Viele Vorurteile, nicht nur im Antisemitismus, entstehen durch die Ungenauigkeit der Vermeidung von Festlegungen, wonach „man wirklich frägt“. Ich kann das an einem Beispiel zeigen: anstatt von „jüdischen Deutschen“ zu sprechen, sagen viele „deutsche Juden“. Damit wird eine Eindeutigkeit simuliert, die es (natürlich) nicht gibt. Das hat über lange Zeit Kultur, Politik, Alltagsverständnis stark beeinflusst. Es kommt auch nicht zufällig , wird aber im Alltag nicht oberflächlich, schon gar nicht analytisch erklärt. Ich gehe auf keine Fragen und Begriffe ein, die sollten zusammenhängend erklärt und verstanden werden. Ganz einfach, zu einfach: Videos von jüdische Deutsche – deutsche Juden, bing.com/videos (17.12.2024).

Ich habe diese Fragen an den Anfang gestellt, um eine Brücke zwischen Alltagsfragen und Expertenantworten zu schlagen und deutlich zu machen, dass es hier um wichtige Aspekte geht und nicht einfach um den Konflikt zwischen Laien und Experten. Aber man kann natürlich auch anders fragen, man sollte nur immer deutlich machen, was das Thema der Fragestellung ist. Antisemiten nützen jede Unschärfe dieser Fragen aus, um ihr Judentum zu erschaffen.

Autobiographischer Einstieg

Es gibt vielfältige Zusammenhänge zwischen intellektueller und emotionaler Konstruktion der eigenen Identität. Ich komme später noch ausführlicher auf Eva Illouz zu sprechen, die das gut erklärt. Zunächst geht es mir aber darum deutlich zu machen, warum ich so und nicht anders das Thema behandle, nicht zuletzt, weil sich mein Judentum nicht als Selbstverständlichkeit in und aus einer unhinterfragten sozialen Struktur entwickelt. Dass ich als Jude zum Judentum übertreten musste, um jüdisch zu werden und so zu erscheinen, ist paradox. Gerade diese Paradoxie aber hat viele Jahrzehnte meines Lebens geformt. Darum möchte ich auch nicht in die thematisch variationenreiche jüdische Biographik einsteigen, die sich immer analog, manchmal sogar spannend, liest. Vielleicht sehen andere dies auch nur als Variation. Aber mir geht es um etwas anderes: was ich wurde und was mich heute kennzeichnet, ist nicht unwesentlich über die späte Akquisition meines Judentums entstanden, und ohne die nachaltige Bearbeitung der jüdischen Identität hätten andere Identitäten mehr Macht über mich bekommen. Ich beschreibe zunächst einige Aspekte aus meiner Biographie: Mein Großvater[8] Sigmund Berger (1885-1943) mütterlicherseits um die Jahrhundertwende jüdisch, er heißt ja auch Sigmund, studiert Pharmazie, konvertiert katholisch, um in Apotheken-Lizenz und Ehe mit einer christlichen Wienerin einzusteigen (1908), keine auffällige Religionsumwertung bei ihm. Konversion nützt ihm 1938 nichts, seine Geschichte ist einen Roman wert. Aber nach seiner Migration und seiner Misshandlung durch die Briten stand weniger das Judentum als seine Sicht familiärer Probleme im Vordergrund. Meine Mutter (1927-2022) hatte, ohne selbst aktiv katholisch zu sein, die Religiosität des Großvaters ebenso hervorgehoben wie der Familienhistoriker, mein Halbbruder Martin. Fragen: was ist ein Jude, war der Großvater jüdisch?

Die gleiche Frage an meinen leiblichen Vater: Itzhak, später Fritz Weimersheimer (1922-2011), ich frage auch nach seiner jüdischen Lebensqualität. Manche Biographien blenden sein Leben in Palästina und Österreich 1940-1948 aus[9], gerade diese Zeit aber ist entscheidend nicht nur für meine Existenz, sondern vorher für sein Überleben und die Geschichte meiner Nachkriegsfamilie[10]. Darüber schreibe ich jetzt nicht, aber die amerikanische Geschichte meines Vaters kenne ich sehr gut, war viel mit ihm und seiner dortigen Familie zugange, und das war so ein anderes „Jüdisch“ als in Europa in vielen Schichten gewesen, dass die Frage hier schon gesagt werden muss: was ist jüdisch?

Ich kann die Frage auch mit Namen beantworten, die mich über lange Zeiträume immer wieder begleiten: Hannah Arendt, Primo Levi, und mit ganz anderen Einsichten Jean Améry[11].

Aber bleiben wir bei einigen einfachen persönlichen Prämissen. Niemand hat nur eine Identität, und ob die jüdische wichtiger oder weniger wichtig gereiht wird, hat mit dem Lebenslauf der Person, ihren Aktivitäten und mit dem Druck, der auf sie ausgeübt wurde, zu tun. Unsinn, was Religion oder auch Rassismus verlangen, dass aus dem Judentum (oder einer anderen Ethnie) alle anderen Identitäten abgeleitet werden können und sollen. Das aber ist eine harte Barriere gegen die Freiheit – und ein Freibrief für eine Spielart des Antisemitismus, der sich zu entziehen für Betroffene schwierig ist.

*

Wenn Sie fragen, was das mit der Geschichte Israels zu tun hätte, haben Sie mit der Frage Recht. Mein Großvater ist paradigmatisch einer jener jüdischen Österreicher, die an Emigration oder Flucht vor 1938 gar nicht dachten – andere schon, da kann man historisch differenzieren. Und mein Vater durchlebte Palästina und das britische Mandat und die Realität vor der Staatsgründung und den Krieg gegen die Deutschen, bis er im wieder selbstständigen Österreich ankam: und da ist Geschichte drin, die heute kaum und schon gar nicht im Detail für Schulen, Gebildete, Zeitungsleser etc. zugänglich ist. Und dann will man den 7. Oktober 2023 verstehen.

Bevor man sich zur Geschichte Israels wendet

Aus vielen Gründen habe ich schon seit langem die Bücher der israelisch-französischen Wissenschaftlerin Eva Illouz gelesen und geschätzt. Sie ist jetzt aktuell mehrfach und bedenkenswert aufgetreten, aber mir geht es um besonderes Buch.[12] 2022 – also ein Jahr vor dem 7. Oktober 2023, erscheint ihr Buch „Undemokratische Emotionen“, und auch es wurde übersetzt vor diesem Datum. Mit einer im politischen Diskurs wie in der Wissenschaft seltenen Klarheit handelt sie die schrecklichen Bedingungen für die ebensolche Entwicklung von Netanjahu und seinen Faschisten ab, aber ohne übersteigerte subjektive Gefühlsausbrüche: das ist Wissenschaft, nicht politische Parteinahme. Sie handelt den Populismus Israels anhand von vier bestimmten Emotionen ab: „Angst, Abscheu, Ressentiment und Liebe“ (S.22). Sie handelt diese vier Phänomene wissenschaftlich ab, und die Einleitung davor ist die Lektion für alle, die sich ihrer Beurteilung der Situation zu sicher sind. „Wissenschaftlich“ heißt in diesem Fall auch eine nachvollziehbare Angabe von Quellen und Vorgaben. Ich habe das Buch in Ergänzung zu Delphine Horvilleur gelesen, die ihre persönliche Wandlung und Entwicklung seit dem 7. Oktober gut beschreibt: (Horvilleur 2024). Aus ihrer Praxis der rabbinischen Kommunikation kommt nach dem Ereignis ein Satz, den ich mir selbst überziehen kann: „Ich sage ihnen (Gesprächspartnern, MD) nicht, wie stark meine Paranoia geworden ist oder weshalb ich überall nur noch „Juden“ sehe. Keine jüdischen Menschen, sondern das Wort „Juden““(S.29). Wenn viele Intellektuelle und Politiker den 7. Oktober „für sich“ als Basis ihrer Kommentare nutzen, verstehen sie so gut wie nichts von der Geschichte, die zu diesem Moment der Weltgeschichte geführt. Aber lassen wir das einen Nebenschauplatz sein. Die vier Kategorien von Eva Illouz sind auf den ersten Blick verständlich, oder? Angst, Abscheu, Ressentiment…damit können wir unmittelbar etwas anfangen. Aber Liebe? Sie meint Liebe zu Israel, aber das ist nur ein Fragment. Der Topos geht auf das lateinische Amor patriae zurück, die Liebe zum Vaterland und die Liebe des Vaterlands zum Subjekt, zum „Staats-“Bürger. Israel musste erst ein Heimat/Vater/Mutter-Land werden, das diese Zuneigungsdialektik produzieren kann – andere waren da schon früher dran. Diese Amor patriae überbrückt tiefgreifende Differenzen, zwischen säkularen und religiösen, aschkenasischen und sephardischen, weltbürgerlichen und lokalwurzelnden „Juden“, die nicht durch eine bestimmte Definition von „jüdisch“ verbunden sind, sondern durch die Liebe zu Israel. Diese Liebe kann die Beziehung zwischen Menschen stören und zerstören. Und wenn jemand die vier Kategorien ausnützt, dann Netanjahu und seine Truppe.

Diese Argumentation ist übrigens nicht unmittelbar auf die arabischen oder palästinensischen Israelis und die nichtjüdischen Bewohner der Region zu übertragen, deren einigendes Band ist anders gestrickt, zum einen in der essentiellen Abneigung zu Israel (den Juden) nach der Nakba und den Kriegen, zum anderen nach den unscharfen religiösen und herkunftsbezogenen Abgrenzungen. Aber Amor patriae gilt auch dort.

Vor dem 7. Oktober

Nun ist es schon ein Jahr her, dass die Hamas Israel überfallen hat, dass Israel darauf geantwortet hat, und die Eskalation seither kennen Sie ja alle. Auch wissen Sie, dass in den meisten Ländern der Antisemitismus zugenommen hat und dass die Ursachenforschung bzw. ihr journalistisches Äquivalent für die gesamteuropäische Entwicklung von Faschismen ihre ersten Produkte auf den Markt bringt, wieder ein Berg an Literatur und Gedanken.

Mir ist die Vorgeschichte des 7.10.2023 wichtig, je nach Blickwinkel und Vorurteilen beginnt sie vor 4000 Jahren oder 1896 oder 1948 oder mit dem Aufstieg von Likud und Netanjahu … Man könnte auch verschiedene Ausgangspunkte für wahr nehmen und ihre Verknüpfungen beschreiben, und diese Wahrheiten – im Plural – sind dann nicht der höchste Maßstab unserer Bewertung. Beim Philosophen Omri Boehm ist es die Gerechtigkeit[13], aber insgesamt wird die Staatsgründung Israels auffällig anders gesehen als die meisten Staatsgründungen, v.a. die nach dem Zweiten Weltkrieg. Hat das etwas mit „den Juden“ zu tun? Jedenfalls waren die Vision und Initiative zur Staatsgründung des Judenstaates/jüdischen Staates erheblich älter die Shoah, obwohl diese seit den 50er Jahren als wichtig(st)es Element der Staatsgründung weit verbreitet ist. Andererseits ist die dauernde Umdeutung der Gründungsgeschichte nichts außergewöhnliches, denkt nur an Deutschland seit 1871 oder an Österreich nach 1918 bis zur Besetzung durch die Nazis und dann wieder nach 1945.

Was seit den ersten zionistischen Akten deutlich wird, sind drei Fakten:

  • Der zunehmende Konflikt zwischen jüdischer Einwanderung und Festsetzung vor allem mit den palästinensischen Bewohnern;
  • Die permanenten Interventionen kolonialer und postkolonialer (Welt)mächte in die vorstaatliche und staatliche Realität Israels;
  • Die nichthomogene Struktur sowohl des Judentums als auch der anderen Ethnien auf dem Gebiet von Palästina und Israel.

Alle drei Aspekte sind empirisch gut erforscht, reich an internen Widersprüchen und so differenziert, dass die jetzigen aktuellen Israel/Nahostdiskurse geradezu platt erscheinen, was taktisch schon wieder von vielen Akteursgruppen ausgenutzt wird.

Interne Widersprüche aller Gruppen müssen wenigstens in einigen Aspekten präsent sein, damit wir verstehen können, welche Kräfte sich wie durchsetzen: ich bleibe zunächst im Land und in der Region.

Die Jüdische Dimension:

  • Der staatszentrierte, überwiegend zionistische Grundansatz setzt sich, vor allem seit 1917, gegenüber dem soziokulturellen Ansatz der Revisionisten vor und nach der Staatsgründung durch und wird erst im Zuge der Auseinandersetzungen in den Kriegen und der Änderung der jüdischen Ethnizität schwächer, bis er sich auflöst;
  • Die überwiegende aschkenasische Dominanz in Politik, Ökonomie und Kultur wird erst spät durch die sephardischen Mehrheiten abgelöst, was wiederum mit dem Abbau des Zionismus korreliert; auch die Folgen weiterer Einwanderungen sind hier zu wenig konnotiert;[14]
  • Damit einher geht eine religiöse Radikalisierung, die mit der Umschichtung der Bevölkerung einhergeht. Das hat gegenwärtig starke Folgen für Politik, Kriegsgeschehen und interne Diskurse von Siedlern und Religiösen.

Die Palästinensische Dimension:

  • Andauernde Selbstdefinition in der Krise, v.a. ob der souveräne Staat Israel überhaupt als solcher anerkannt wird;
  • Analog zum jüdischen Israel wachsende Konflikte zwischen säkularer politischer Identität und wachsendem religiösen Einfluss, der Israel nicht anerkennt und sich auf die Folgen des Kriegs von 1948 und späterer Kriege beruft; Konflikt zwischen PLO und Hamas[15], Retrospektion der beiden palästinensischen Gebiete;
  • Zunehmende geschlossene Frontstellung gegen Israel, ob als Antwort oder genuin oder beides.

Übergreifende Akteure und Schauplätze:

  • Ohne die Kolonialgeschichte seit der türkischen Herrschaft, dann britischen Kolonialzeit und der jeweiligen externen Unterstützungen bzw. sekundären Feindschaften mit jüdischen Israelis und dem Staat Israel bzw. Muslimen, Palästinensern u.a. kann man den jetzigen Zustand nicht erklären, wobei die Abhängigkeit von Israel und den USA wechselseitig ist.
  • Die Achse Iran, Hizbollah, Huthi und der Schauplatz Libanon müssen sowohl zusammenhängend als auch kontingent analysiert werden;
  • Die internationalen Verbindungen sowohl pro- als auch anti- israelischen/palästinensischen/jüdischen/muslimischen/christlichen Akteursgruppen und ihrer Aktionsgebiete müssen genau differenziert werden. Viel Anti-Israelisches ist antisemitisch, aber nicht alles, und viel Arabisches ist auch antisemitisch, aber nicht alles, und hier findet ein internationaler Konflikt auf einer Metadiskursebene statt, besonders in Deutschland und Österreich, aber auch in den USA.

Es gibt zahlreiche zusätzliche Variablen, lassen wir sie jetzt einmal vor. Die Wirkung des 7. Oktober hat in diesem Jahr 2024 ein Aufbrechen der Diskurse erzeugt, die teilweise erschreckende, aber viel realistische Kritik an den wirklichen Ereignissen öffentlich gemacht hat.[16] Lange war die Vorgeschichte des 7.10. in Deutschland tabuisiert bzw. der Parteinahme untergeordnet. Deshalb ist es unerwartet wirkungsvoll, wenn im SPIEGEL vom 5.10. Thore Schröder die israelische Meinungsforscherin Scheindlin zitiert und anmerkt:

„…Scheindlin sagt, nach dem 7. Oktober habe Netanjahu zunächst geschockt gewirkt. Das Massaker nicht verhindert zu haben, war auch sein Versagen. Er hatte jahrelang Gelder aus Katar an die Hamas passieren lassen. Die stabile Herrschaft der Terrororganisation in Gaza war für ihn und seine rechtsextremen Partner eine Möglichkeit, die gemäßigtere Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland zu schwächen. Im März 2019, bei einem Treffen seiner Likud-Fraktion, soll er sinngemäß gesagt haben: „Wer die Gründung eines palästinensischen Staats verhindern will, muss die Unterstützung der Hamas und den Geldtransfer an die Hamas unterstützen.“ (Schröder 2024)[17]

Das ist ein Grund, warum Netanjahu bislang eine Untersuchung des Sachverhalts verhindert hat. Aber es ist auch ein Grund, warum die deutsche Quellenzurückhaltung und besondere Lagerbildung stattfinden: weil man als „Deutsche“ die Differenzierung zwischen der schutz- und anerkennungswürdigen Nation Israel und einer durchaus kritikwürdigen Regierung verweigert, was gerade an diesem Tag aufgebrochen wird. Die besondere Position Deutschlands und Österreichs mit Blick auf die NS-Vergangenheit und damit eine Begründung der Staatsgründung ist hochkontrovers, weil die Shoah zu Beginn des Staates Israel gerade nicht diese kausal abgeleitete Rolle gespielt hatte.[18] Und gerade, weil und wenn man, wie ich, die Existenz Israels als notwendig, vielleicht lebensnotwendig? erachtet, kann man sich nicht von den Schrecken abwenden, die im demokratischen Staat viel weniger ihren Platz haben als bei den Terroristen, z.B. beim grausamen Umgang der Israelis mit palästinensischen Gefangenen. Das ist schwer zu ertragen (Neier 2024),[19] aber man kann es nicht umgehen. Was die Hamas am 7. Oktober angerichtet hat, wird nicht verkleinert oder gegengerechnet. Das muss man nicht wie eine Gebetsformel dauernd vor sich hertragen und -sagen.

*

Ich hatte ja deutlich angekündigt, die Herkunft der jetzigen Situation zu thematisieren, das bedeutet mehr als nur das Geschehen auf der Zeitlinie darzustellen. Heute fällt es vielen oberflächlichen Beobachtern nicht schwer, die Bruchstellen der Entwicklung schon im Programm der frühen Zionisten und schon vor Balfour 1917 aufzuzeigen. Aber was es bedeutet, wenn sich die eine, erstmals stärkere westliche Gruppe aus der nicht erfüllten Emanzipation und Integration in einer Nation befreien wollte, und wenn sich die andere vor allem aus dem Osten kommende Gruppe der Identitätsbildung ohne Unterdrückung widmen wollte, das sollten wir schon rekonstruieren, nicht als Ausgangspunkte, sondern als Etappen einer Entwicklung, die zu keinem Zeitpunkt bruchlos und ohne Widerspruch sein konnte – wenn bedenkt, dass hier Weltkriege, Kolonialismus, Kulturkämpfe, ethnische, religiöse, kulturelle, ökonomische Konflikte stattfanden, die ja mit der Staatsgründung nicht in den Geschichtsbüchern kodifiziert wurden. Diese, teilweise weit zurückgehenden Überlegungen münden in die vier Qualitäten des Populismus, die ich bei Eva Illouz oben beschrieben habe. Nun bleibt Netanjahu nicht beim Populismus stehen. 

In vieler Hinsicht unterscheiden sich die Staatsgründungen der Neuzeit in wesentlichen Aspekten weniger als die nationalen Geschichtspolitiken behaupten. Denken wir doch daran, wie sich das Deutsche Reich nach 1871 entwickelte, festigte und selbst nach 1989 noch nicht als wiedervereinigtes Deutschland gänzlich zur Ruhe gekommen ist. Dagegen ist Israel eine junge Staatsnation, mit der Besonderheit, die einzige nationale Heimstatt für jüdische Menschen zu sein anzustreben. Die dahinter stehenden Vorstellungen sind idealistisch und politisch (vgl. Jukic 2024)[20]. Meine Zusammenfassung dazu ist, dass damit „civic“ (i.S. von bürgerlich-republikanisch) und „ethnic“ Qualitäten über das Judentum verbunden würden.

Diese Besonderheit hatte lange Zeit eine Mehrheit in der zionistischen Staatsideologie gefunden, die seit Anbeginn Nebenwidersprüche bekämpfen oder marginalisieren musste. Nach der Staatsgründung allerdings zählten die globalen Bedingungen demokratischer Staatlichkeit mehr denn je.

Gerade seit dem 7. Oktober 2023 bringt diese Geschichte alle Facetten wieder zum Vorschein, und es kommen damit die Widersprüche vor und nach der Staatsgründung wieder zu Wort. Damit auch die in verschiedenen Gesellschaften und Staaten unterschiedlichen anti-israelischen, antisemitischen, anti-arabischen etc. Vorurteile, die übergeordneten politischen Interessen eingeschrieben werden.

*

An dieser Stelle hätte ich eine Schlussformel zum Ende des Essays eingefügt.  vorgetragen. Nun wurde die Vorlesung aber von Anfang Oktober auf Mitte Dezember verschoben, und es ist die Gegenwart der Konfrontationen nicht beendet. Und seit einigen Tagen hat sich die Situation im Nahen Osten massiv verändert, Syrien ist nur das Zentrum einer weiter ausgreifenden Entwicklung. Ich enthalte mich in diesem Essay, wie auch im Vortrag, der Kommentierung von allzu gegenwärtigen Ereignissen und Handlungen. Das ist kein Zurückweichen vor Einsichten, Interpretationen und Vermutungen. Ich behaupte, dass man politisch nicht wirklich absehen kann, was jetzt wie sich entwickelt. Dass die Türkei an Gewicht und Macht gewonnen hat, Russland und der Iran diese verloren haben, Israel sich den Golan weiter aneignet, die Kurden unter Druck stehen, sind Splitter einer Installation, die noch in ihren Einzelteilen auf Eingriffe, Zugriffe, Aktion und Reaktion von sozialen und kulturellen Gruppen usw. warten bzw. diese selbst vorbereiten oder bremsen. Die demokratische Zuversicht mag größer sein als bei gescheiterten Demokratisierungen im Nahen Osten, aber wie gesagt, man sollte nicht spekulieren, wo das Bewusstsein und die Fakten schwanken. Dies ist ein Angriff der Wissenschaft auf die mediale Meinungsmache. Und deshalb an dieser Stelle angebracht, weil es zum Beispiel unsinnig und bösartig war, vor wenigen Wochen in Deutschland (CDU) die „Rückführung“ von Syrern zu fordern…Zurück zum Thema. Die Rolle von Israel, innen- wie außenpolitisch, wird sich verändern (müssen), aber wir wissen noch nicht wie.

Ich will als Überleitung eine mögliche Abschiedscoda einbauen. Viele Bekannte, Profikolleginnen und -kollegen, Freundinnen und Freunde kritisieren die Kritik an Netanjahu als unpassend oder unverhältnismäßig. Ich habe diese Kritik so zurückgewiesen, wie ich auch die Gleichsetzungen von Hamas, Islam, Palästinensern für unzutreffend halte. Aber ich will einer Kritik eine konfrontative Frage stellen: nehmen wir an, es hätte seit Jahren, jedenfalls seit länger als 2023, in Israel eine durchweg demokratische Regierung gegeben, mit der Avoda als stärkster Partei, mit Ha‘aretz als Leitmedium, mit engen Beziehungen zum demokratischen Westen und mit der historisch begründeten Abneigung gegen alle Staaten, die Israel als Staat nicht anerkennen und gar zerstören wollen. Wenn wir das annehmen und alle Vorgeschichte ausblenden: wie hätte eine demokratische Regierung nach dem 7. Oktober 2023 reagiert und wie wäre die Geschichte bis heute weitergegangen? Ich stelle diese Frage, ohne sie im Detail selbst zu beantworten. Ich will in die Blase der unscharfen, vorurteilsbehafteten Israelansichten hineinstechen, um zu zeigen, wieviel Vorurteil, Antisemitismus, Israelkritik und Palästinenserabwehr, aber vor allem wieviel Halbwissen die Diskurse gerade zu Israel bestimmen. Wissen ist auch Politik. Die Differenz der Antworten zu den Geschehnissen seit dem 7. Oktober macht unsere moralische und politische Verpflichtung gegenüber Israel aus, und sie geht über Meinungsvielfalt hinaus.

Die Ereignisse Oktober-November bis 13. Dezember 2024 kommentiere ich jetzt und in absehbarer Zukunft nicht, angesichts der syrischen Dynamik und der Neuaufstellung der teilhabenden Super- und Minimalmächte schon gar nicht. Natürlich sind weder Netanjahu noch Hamas „besser“ geworden, aber die Umgruppierungen von Macht geben andere ausnutzbare moralische und politische Perspektiven – vor denen ich kurzfristig absehe.

Studentische Fragen von Bedeutung

Im Vorfeld meines Vortrags in Innsbruck haben Studierende Fragen bei Marion Näser eingereicht, die ich vorab teilweise beantwortet habe. Sie waren alle sinnvoll, hier gebe ich nur drei vollständig wieder, weil sie die diskussionsfähige Version des Essays stützen. Auch die restlichen Fragen sind und waren sinnvoll.

  • Inwieweit beeinflussen die innenpolitischen Entwicklungen in Israel und

Palästina den Verlauf des Konflikts und die Friedensverhandlungen?

Grundsätzlich ist hier eine Trennung von Innen- und Außenpolitik nicht sinnvoll. Nachdem Israel unter Netanjahu die Zweistaatenlösung ebenso ablehnt wie die Hamas, handelt es im Kern um eine grundsätzliche regionale Konfrontation mit vielen innenpolitischen Aspekten und einigen außenpolitischen Interventionen für beide Seiten. In Israel gibt es zudem den innenpolitischen Kernkonflikt zwischen dem Regime von Netanjahu und seiner teilweise faschistischen Koalition, in Palästina ist ein analoger Konflikt schwieriger zu orten, weil das Verhältnis der nicht Hamas-nahen Bevölkerung zur Kriegsführung weniger offen liegt. Dazu kommen auf beiden Seiten die sekundären, teilweise heftigen innenpolitischen Konflikte, in Israel zB. um die Störung von Justiz und Presse und die Geiselproblematik, in Palästina und der Westbank der Kampf um die politische Deutungshoheit.

  • Wie können zivilgesellschaftliche Initiativen und der Dialog zwischen

den Bevölkerungen des Israel-Palästina-Konflikts unter Berücksichtigung

der objektiven politischen und geostrategischen Realitäten des Konflikts

zur Deeskalation beitragen, ohne die grundlegenden Machtstrukturen und

Interessenskonflikte zu ignorieren?

Die Antwort liegt in dem letzten Satzteil. Die Machtstrukturen in Israel und Palästina kann nur ignorieren, wer von außen ein- und angreift, und zu den Interessenkonflikten gehört auch, dass sie Israel innerhalb eines verfassungsmäßigen, bedrohten Staates stattfinden – prekär und gefährdet – , während Hamas nicht mit dem palästinensischen Staat (proto-Staat PLO) oder einem vergleichsweisen politischen Gebilde gleichzusetzen ist.

  • Welche Rolle spielen internationale Akteur: innen und deren

Einflussnahme in der Region?

Eine vielfältige und in sich kontroverse Rolle. Israel kann und muss sich auf die USA verlassen (können), aber natürlich auch politisch sich teilweise deren Diktat beugen (da spielen die Kontroversen in den USA eine Rolle). Die EU hätte hier eine möglicherweise noch zu verstärkende friedensstiftende Rolle, Deutschland ist in einer zwiespältigen Rolle (das muss man diskutieren). Die Rolle des Internationalen Straf-Gerichtshofes ist ambivalent.

Regional sind die Einflussnahmen entlang der Linien Hamas-Hizbollah-Iran, Hizbollah – Syrien, Iran-Saudi.Arabien, Russland, Türkei, Kurden, auch in Bezug auf das Kriegsdreieck Libanon-Huthi-Israel und die Ausweitung in Syrien kompliziert und teils widersprüchlich. Alle internationale Nahostpolitik steht unter dem ungeklärten und zweifelnden Einfluß der künftigen US Politik unter Trump und der Bindung wirkungsvolle russischer Unterstützung von Syrien durch den Ukrainekrieg.

Ich hätte die Diskussion gerne weitergeführt. Nicht nur aus didaktischen Gründen. Viele Studierende sind nicht infiziert von der geschichtsverdrehten Vorsicht und vorurteilsbehafteten Urteilsbereitschaft meiner Generation, in allen Schattierungen – Sie seien an die vielen „Pro-„ und „Anti-„ Stellungnahmen erinnert. Aber es war ein guter Nachmittag an der Universität Innsbruck, und nicht von sinnlosen Kontroversen überschattet.

Coda

Zum Abschluss möchte ich keine umfassende Stellungnahme abgeben, die alle Zuhörenden gleichermaßen beruhigt; das ist weder möglich, noch halte ich es für sinnvoll. Ich denke daran, welche Vorbilder der intellektuellen und zeitgeschichtlichen Bewertung ich mir aussuche, um die vielen angegebenen israelischen und anderen zu ergänzen: das ist ja nicht nur intellektuell, auch emotional, denn Vorbild ist etwas anderes als Referenz. Sie haben schon bemerkt, wie sehr ich mich auf Hannah Arendt beziehe, und da war vor kurzem eine recht gute ergänzende Sendung: „Was würde Hannah Arendt heute dazu sagen? | Gert Scobel – YouTube (aufgerufen am 21.10.2024). Es waren Hinweise auf Arendts direkte Beziehung zur innerisraelischen und palästinensischen Konfliktsituation, die sie 1958 gegeben hatte. Sie hatte sich frühzeitig auf die Schlüsselfunktion der 1948 geflüchteten Palästinenser bezogen. Es hätte auch eine Vorschau auf die Gegenwart sein können. Vgl. auch die späten Nachdenklichkeiten von Hannah Arendt.  (Arendt 1970, Arendt 1991). Andere Bezüge werfen meine Gedanken immer in historische Ringe, die weit vor der Gegenwart liegen, nicht nur bei den wichtigen israelischen Quellen – wir haben ja hier in Europa auch Primo Levi und viele andere – sondern für die eigene Entwicklung bedeutsam. Da kommt bei mir Jean Améry sehr früh und wirksam vor: Die politischen Aufsätze (Améry 2005) und der „Terror der Aktualität“ (Améry 1971). Ich habe es versäumt, ihn vor seinem Freitod 1978 kennenzulernen, das bedaure ich bis heute. Aber es geht nicht primär um die Rahmung meiner Gedanken für die heutige Vorlesung. Im Grunde ist es für alle, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, eine Herausforderung, sich aus dem binären politischen Denken zu befreien und für die eigene Gesellschaft und für die Menschen in anderen Gesellschaften vergleichbare und wirksame Einstellungen, Empathie und Rationalität zu entwickeln. In diesen Zeiten besonders.

22.10.2024/26.12.2024

Literatur

Soweit unmittelbar zitiert.

Améry, J. (1971). Terror der Aktualität. Widersprüche. J. Améry. Stuttgart, Klett: 7-20.

Améry, J. (2005). Aufsätze zur Politik und Zeitgeschichte Stuttgart, Klett-Cotta.

Arendt, H. (1970). On Violence, Harcourt, Brace & World, Inc.

Arendt, H. (1991). Israel, Palästina und der Antisemitismus. Berlin, Wagenbach.

Avineri, S. (1998). Zionism and the Jewish Religious Tradition: The Dialectics of Redemption and Secularization. Zionism and Religion. S. Almog, J. Reinharz and A. Shapira. Hanover, NH, Brandeis UP: 1-9.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Brenner, M. (2002). Geschichte des Zionismus. München, Beck.

Croitoru, J. (2024). Die Hamas – Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel. München, C.H.Beck.

Deutscher, I. (2023). Der nichtjüdische Jude. Berlin, Wagenbach.

Harkabi, Y. (1979). Das palästinensische Manifest und seine Bedeutung. Stuttgart, Seewald.

Hertzberg, A. and A. Hirt-Manheimer (2000). Wer ist Jude? München, Hanser.

Herzl, T. (1985). Der Judenstaat. Königstein, Athenäum.

Horvilleur, D. (2024). Wie geht’s? Miteinander sprechen nach dem 7. Oktober. München, Hanser.

Illouz, E. (2023). Undemokratische Emotionen. Berlin, Suhrkamp.

Jukic, L. I. (2024). „The Forging of Countries.“ aeon.

Link, J. (2009). Versuch über den Normalismus. Wie Normalität erzeugt wird. Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht.

Neier, A. (2024). „Torture in Israel’s Prisons.“ NYRB LXXI(16): 26-29.

Schröder, T. (2024). „Das Prinzip der Gewalt.“ SPIEGEL(41): 8-12.

Segev, T. (2001). One Palestine, complete. Jews and Arabs under the British Mandate. London, Abacus.

Trepp, G. (2024). Wer ist Jude? Berlin, Hentrich & Hentrich.

Prof. Dr. Michael Daxner

Feuerbachstraße 24-25  und Auffenbergstraße 4

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[1] Eingeladen von Prof. Marion Näser, mit der ich seit Jahren zusammenarbeite, und ursprünglich für Oktober 2024 ausgearbeitet, sollte der Vortrag in eine Zeit heftiger Auseinandersetzungen um die Situation im Nahen Osten fallen. Er war in jeder Hinsicht friedlich und konstruktiv, und vor mir lag auch noch eine Frageliste von Studierenden der Ethnologie bei der Kollegin Näser, die ich in den vorliegenden Essay teilweise einarbeite. Die Kooperation mit Marion Näser-Lather und Dietger Lather, Oberst a.D., hat sich als sehr transdisziplinär und produktiv erwiesen.

[2] Vortrag Wien: Israel. 17.1.2024

[3] Blogs michaeldaxner.com 2.1., 20.1., 26.8.,8.10., 12.10. 2024

[4] U.a. in Israel Familie des 2011 verstorbenen Aron Ronald Bodenheimer, Psychiater und Autor, und Irit Salmon, über viele Jahre führende Kuratorin des Israel Museums.

[5] Mit diesem Begriff verweise ich auf den Normalismus, dass viele, auch nichtjüdische Menschen, die Zuschreibung des Jüdischseins automatisch mit der Religionszugehörigkeit verbinden. Einige Aspekte habe vom Normalismus aus der Theorie von Jürgen Link entnommen: Link, J. (2009). Versuch über den Normalismus. Wie Normalität erzeugt wird. Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht.

[6] Abgesehen von Israel-bezogenen Ablehnungen des Judentums z.B. in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen, gibt es gewichtige Konflikte, die sich auch stark gegen unzutreffende „linke“ Verengungen richten: z.B. Deutscher, I. (2023). Der nichtjüdische Jude. Berlin, Wagenbach.

                Vgl. dazu Isaac Deutscher – Wikipedia . Dazu Oliver Tolmein: Der nichtjüdische Jude | taz.de 2.7.1988. Ich umschreibe das so genau, weil hier viele gegenwärtige Probleme gut angesprochen werden.

[7] Herzl, T. (1985). Der Judenstaat. Königstein, Athenäum.

                , Avineri, S. (1998). Zionism and the Jewish Religious Tradition: The Dialectics of Redemption and Secularization. Zionism and Religion. S. Almog, J. Reinharz and A. Shapira. Hanover, NH, Brandeis UP: 1-9.

                , Segev, T. (2001). One Palestine, complete. Jews and Arabs under the British Mandate. London, Abacus.

                , Brenner, M. (2002). Geschichte des Zionismus. München, Beck.

                , Die umfangreichen Aufarbeitungen der Schriften Herzls mit widersprüchlichen Kommentaren sind ein eigenes, kompliziertes Kapitel der Aufarbeitung: Herzl, T. (1985). Der Judenstaat. Königstein, Athenäum.

[8] Arisierung der Schutzengelapotheke und Curriculum des davon betroffenen Apothekers Mag.pharm Sigmund Berger (memorial-ebensee.at), teilweise problematisch: „strenggläubiger Katholik“? Diernesberger Eleonore – biografiA (sabiado.at), Berger_Sigmund.pdf (ku-linz.at),

[9] So z.B. Franz-Josef Wittstamm (April 2024): Weimersheimer Fritz – Spuren im Vest; mein Vater Hertzberg, A. and A. Hirt-Manheimer (2000). Wer ist Jude? München, Hanser.

                 selbst hat mir zu Lebzeiten eine umfangreiche Autobiographie in vielen Variationen gegeben, in der aber entscheidende Perioden (Nordafrika, Ankunft in Österreich) fehlen oder unscharf sind.

[10] Meine private Nachkriegsgeschichte hat hier nur einen Randplatz. So viel aber ist wichtig, dass ich erst sehr spät mit den realen Details konfrontiert wurde, die je nach familiärer Auskunftsperson widersprüchlich und bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind. 

[11] Eine späte, äußerst komprimierte Selbstdarstellung ist Jean Améry: „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“, dem letzten Kapitel eines 1966 erschienen Buchs, dessen Titel schon einiges aussagt: “Jenseits von Schuld und Sühne – Bewältigungsversuche eines Überwältigten“. Irgendwie altmodisch, aus der Zeit gefallen erscheint die geschichtsorientierte Zusammenfassung, deren Titel schon „alles“ sagt und wegdrückt: Wer ist Jude? München, Hanser. Die regressive, letztlich katechetische Rückkehr zur einseitigen Bestimmung findet sich religionsorientiert mit dem gleichen Titel bei Gunda Trepp: Trepp, G. (2024). Wer ist Jude? Berlin, Hentrich & Hentrich.

[12] Illouz, E. (2023). Undemokratische Emotionen. Berlin, Suhrkamp.

[13] Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

[14] Einwanderung in Israel: Historische Entwicklung der jüdischen Einwanderung | Israel (2008) | bpb.de: Hier wird die Dimension der Sepharden nicht ausgeführt. Einwanderungsland Israel – Israelnetz (14.10.2024). Schon konkreter: Äthiopier in Israel: Nur am Rande des Gelobten Landes – Politik – SZ.de (sueddeutsche.de) (2.8.2022). Statistik: https://www.jewishvirtuallibrary.org/immigration-to-israel-graph-1948-2010?utm_content=cmp-true (14.10.2024). Mit vielen Verweisen Sephardim – Wikipedia (14.10.2024) . Das soziale Problem der sephardischen Einwanderung wird selten direkt angesprochen, ist aber essentiell. Vgl. Carlo Strenger: Das verdrängte Geheimnis der israelischen Gesellschaft | NZZ 15.3.2018

[15] Vielfältige und kontroverse Literatur, große Unterschiede in der deutschen und internationalen Bewertung.

PLO — Zwischen Terror und Diplomatie | APuZ 50/1979 | bpb.de . Palästinensische Befreiungsorganisation Palästinensische Befreiungsorganisation – Wikipedia . Dokumente (tendenziöser Kommentar):  Harkabi, Y. (1979). Das palästinensische Manifest und seine Bedeutung. Stuttgart, Seewald.

                Zur Hamas: Croitoru, J. (2024). Die Hamas – Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel. München, C.H.Beck.

                Was ist das Westjordanland, wem gehört es und was hat es mit dem Nahostkonflikt zu tun? (rnd.de) (14.10.2024). Westjordanland – Wikipedia (14.10.2024).

[16] DLF Kontrovers 7.10.2024, 10.00-11.30, mit Trittin (Grüne), Hardt (CDU), Lüders (BSW). Eine typische, ganz gute Diskussion, die ein wichtiges Zweitthema für Interessierte aufscheinen lässt: den Unterschied des Diskurses in Deutschland und Österreich im Vergleich zu fast allen, vor allem demokratischen Diskursen in Europa und den USA (Nicht demokratische Länder sind hier ausdrücklich nicht relevant für die Diskurskritik).

[17] Übrigens irrt Schröder, wenn er den 7.10. als Infragestellung des Zionistischen Israelprojekts notiert. Das ist viel früher geschehen, mit der Übernahme der Regierung durch den Revisionisten Menachem Begin 1977 und damit dem Ende der zionistisch-sozialdemokratischen Regierungsperiode (Vgl. Menachem Begin – Wikipedia). Wichtige Namen vor 1977 waren natürlich Ben Gurion, Golda Meir, Ygal Allon und Jitzhak Rabin (alle Mapai oder Awoda).

[18] Vorgeschichte der Republik: Die Vorgeschichte Israels bis zum 14.5.1948 ist gekennzeichnet durch eine dominante zionistische Argumentation. Die Überlebenden der Shoah spielten nach 1945 bei der Einwanderung schon eine Rolle, aber der Holocaust wurde erst später, in den 50er Jahren und immer stärker zum Gründungsmythos. Sehr komplizierte Beziehung zur langdauernd starken sozialistischen Regierungsdominanz (Mapai, Awoda), die aber abnahm, auch und weil zunehmend Einwanderung aus nichteuropäischen Gebieten zunahm. Erste und umfassende Informationen Die Gründung des Staates Israel | Israel | bpb.de, (9.10.2024) (Angelika Timm); umstritten, lang und literaturvoll: History of Israel – Wikipedia (9.10.2024); ob der Holocaust die Staatsgründung beschleunigt hat, ob die nach-Shoah-Einwanderung eher durch die Überlebenden oder durch jüdische Einwanderung aus Osteuropa beschleunigt hatte etc. sind historisch kontroverse Themen. Insgesamt gibt es eine unübersichtliche Vielzahl deutschsprachiger Geschichten Israels und der Palästinenser. Ich empfehle weiterhin Tom Segev, Moshe Zimmermann, Yuval Harari, Saul Friedlaender, Gudrun Kraemer u.a. mit durchaus nicht deckungsgleichen Ansätzen.

[19] Vgl. B’Tselem – Wikipedia, vgl. Katja Belousova: Warum die Verwaltungshaft in der Kritik steht (ZDF 6.12.2023, incl. Hinweise auf Kritik an B’Tselem). Man sollte Aryeh Neier genauer nachverfolgen: auch seine Funktionen im Menschenrechtsdiskurs sind wichtig (Aryeh Neier – Wikipedia), und die Kritiklinien in Israel selbst.

[20] Jukic bezieht sich ausführlich auf Kohn, Hans (1962): Die Idee des Nationalismus. Ursprung und Geschichte bis zur Französischen Revolution. Frankfurt am Main, Fischer. Kohn selbst hat sich präzise auf Palästina bezogen, bevor er in die USA ging. Dank an Jochen Fried für den Hinweis. Eine wichtige Zusammenfassung, die ich ausführlich wiedergebe, im Anhang.

Israel, jüdisch und anders. Deutsch?

Diesen seltsamen Titel habe ich gewählt, weil mir im derzeitigen Konflikt der Diskurse keine geradlinige Ansprache einfällt. Der Konflikt der Diskurse ist nicht der wirkliche Konflikt, und dieser ist eine Summe von Konflikten. Ich wiederhole: Pro-Israel, Anti-Israel, Pro-Palästina, Anti-Palästina sind moralisch und intellektuell verbotene Vereinfachungen. Wenn man für die Einen ist, ist man nicht automatisch gegen die Anderen bzw. für Beide und gegen Beide geht so auch nicht.

Da ich in Deutschland lebe, als Jude, Deutscher und Österreicher, sage ich einigermaßen bitter: Deutsche, wenn ihr nicht jüdisch seid, haltet euch zurück und aus manchen Diskursen raus. Eure Geschichte mit den jüdischen Menschen, vor 1933, nach 1933, nach 1945, nach 1989 bis heute wird durch zu viele teils arrogante, teils wehleidige Selbstpositionierungen verzerrt. Wir sind wieder in der Situation, dass viele hier sagen Deutsche und Juden, dass man jüdischen Menschen rät, mal ohne Kippa in einem Berliner Bezirk zu gehen oder dass man bei „pro-palästinensischen“ Demonstrationen nicht weiß, wer oder was Palästinenser, Araber, Muslime, sind wer woher kommt und wer wofür steht. Deutschland (und teilweise Österreich) haben hier eine besondere historische, moralische, kulturelle Selbstbezogenheit, die nur teilweise etwas mit dem Holocaust, teilweise mit der Nachkriegszeit, teilweise mit der Zweistaatenrealität vor 1989, teilweise mit dem vereinigten Deutschland zu tun hat, teilweise auch mit einer Kulturgeschichte im Verhältnis zu jüdischen Menschen, die ans Paradoxe grenzt: Deutsche und Juden seit 1700 Jahren…sagt man, aber seit wann gibt es „Deutsche“?

Ich verweise hier nicht auf meine Forschungen, auf meine Schriften und Reden. Nicht auf meine jüdischen und nicht-jüdischen Freunde und Bekannten hierzulande oder in Israel oder in Palästina oder in den USA. Ich verweise auf niemanden, mit dem ich nicht direkte Kommunikation pflege. Was ich aber nicht ertragen will, dass es eine Art von deutscher Besserwisserei gegenüber „den Juden“ gibt, die in der Tat zu Spaltung und menschlicher Differenz führt.

Um es klar zu sagen. An der Politik der Regierung Netanjahu und seinen Faschisten habe ich seit langem offen Kritik geübt. An dem Recht des Israelischen Volkes an seinem Staat habe ich nie gezweifelt, das sind mehrheitlich Juden und andere Menschen. An der Zweistaatenlösung oder einer Föderation halte ich fest, auch wenn vielleicht eine Einstaatenlösung besser gewesen wäre.

Um es auch klar zu sagen: Schuldzuweisungen darf und soll es weiterhin geben, wobei die Schuldigen nicht notwendig zu einander positiv stehen. Schuldvermengungen wie durch den Europäischen Gerichtshof, die einen Staat und Terroristen gleichsetzen, darf es natürlich so wenig geben, wie die Einen den Anderen menschlich vorziehen.

Was sich in den letzten Monaten an sekundärer und tertiärer Kommentierung der Probleme hier abspielt, lässt einen oft an der Evolution von Vernunft (ver)zweifeln. Dass sich Politik vieler Staaten jeweils in die Politik von Israel und der weiteren Region einmischt, darf und muss genauso kritisiert werden wie die Haltung extremer religiöser Akteure.

Nur, bitte denkt daran, wenn der Antisemitismus jüdische Menschen wieder und wieder vertreibt, dann sollte doch Israel die sichere, demokratische Zuflucht als letztes Ziel sein können. Daran können alle arbeiten.

7. Oktober III

Martenstein rezensiert Ron Leshems Buch Feuer. Um dieses Buch geht es mir jetzt nicht. Es geht Martenstein aber in erster Linie um eine Wahrheit, die man den Relativierern des Kriegs in Nahost nicht oft genug sagen kann. Martenstein schließt seine Rubrik mit den Worten: „Der erste Krieg aber, den Israel verliert, bedeutet sein Ende. Keine Waffen mehr? Bilder, die man am 7. Oktober tausendfach gesehen hat, wird die Welt dann millionenfach sehen. Haben alle Juden den Tod verdient, zur Strafe für Netanjahu? Das kann nicht euer Ernst sein?“ Für sich ist dieser Absatz schon schwer gewichtig. Aber er kommt dazu mit einer Beschreibung, die noch schwerer wiegt und nicht hintergehbar ist, dazu später mehr. „Ich glaube, es ist unmöglich, sich zu diesem Krieg eine Meinung zu bilden, ohne ein paar Details zu kennen, auch wenn sie schwer auszuhalten sind. In Israel kennt sie jeder. Man kann sehen, dass die Mörder Frauen vor den Augen ihrer Kinder wieder und wieder vergewaltigen, bevor alle erschossen wurden, man weiß, dass Opfern bei lebendigem Leib die Brüste abgeschnitten wurden. Sie zwangen Familien, dabei zuzusehen, wie dem gefesselten Vater die Augen ausgestochen wurden oder das Genital abgeschnitten wurde…Es ging darum…dass niemand, der damit zu tun hatte, je in der Lage sein würde, zu vergessen und zu vergeben. Das Kriegsziel hieß: unendlicher Hass. Es wurde erreicht“. Das ist keine wilde Phantasie, keine Übersteigerung der Wirklichkeit, es ist zunächst eine Beschreibung dieser Wirklichkeit, die als Reaktion meines Erachtens Empathie vor Politik setzt, Mitleiden vor Analyse und Reaktion. Empathie in dem Sinn, dass wir den Opfern, Geiseln, Mitbetroffenen dieser Wirklichkeit mehr als nur Mitleid oder Parteinahme zuwenden, sondern wenigstens am Rande unserer Vorstellungskraft nachvollziehen, was dort tatsächlich geschehen ist.

Man kann, in Grenzen, unterschiedlicher Meinung sein, wie „es“ dazu gekommen ist. Man kann das, was am 7. Oktober 2023 geschehen ist, nicht an diesen Grenzen relativieren.

Ich wiederhole meine Frage von letzthin: wenn es nicht Netanjahu und seine rechte Regierung gewesen wäre, sondern eine demokratische, humanitäre Regierung: wie hätte sie auf den 7. Oktober reagieren können und sollen? Das widerspricht nicht meiner Auffassung, dass Kriegsführung und Diplomatie anders hätten sein können und heute sein sollen. Hier geht es um die Reaktion auf das, was wirklich vor aller Wahrnehmung geschehen ist.

Ein seltsamer Gedanke schleicht sich ein: wenn wir dieses Geschehen auch in die Herkunft und Geschichte der Wirklichkeit des 7. Oktober „einpacken“, dann wird es dadurch bereits relativiert, aber noch lange nicht behandelbar und verhandelbar? Andererseits ist die Geschichte nicht abzustreifen wie eine un-denkbare, un-bedenkbare Vergangenheit, aber was sie bestenfalls erklärt, hat mit dem 7. Oktober wenig zu tun, und mit seiner Verkleinerung durch Israelgegner und Antisemiten schon gar nicht. Hier setzt zu Recht die Kritik an den anti-israelischen, pro-palästinensischen Demonstrationen an: Was wird da demonstriert, gezeigt, hochgehalten?

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Mich lässt das Geschehen nicht in Ruhe. Der 7. Oktober hätte Freunde treffen können, er hat tausende Menschen und ihre Angehörigen wirklich getroffen, und die Wellen breiten sich so aus wie der Stein, ins Wasser geworfen, sie ausbreitet. Lest die Rezension: Buchkritik: „Feuer. Israel und der 7. Oktober“ von Ron Leshem (7.6.2024 Hueck, DLF) und dann das Buch. Man kann auch viel mehr und anderes dazu erfahren, Nichts wissen gilt nicht.

Ich arbeite zur Zeit an der Geschichte Israels bis zum 6. Oktober 2023. Diese Geschichte wird von vielen, den Meisten, nur bruchstückhaft wahrgenommen, gewusst oder (un)bewusst verdrängt. Es geht um jüdische Menschen, aber nicht nur um sie. Das ist nur scheinbar trivial, aber es hilft erklären, warum es keinen Judenstaat, sondern einen jüdischen geben sollte. Ich habe bewusst die Ereignisse des 7.10.2023 so gut wie nicht kommentiert, werde es auch nur in ganz engen Maßen tun. Das hat auch etwas mit dem Vorrang von Mitgefühl vor der Politik zu tun.

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Der Nachsatz klingt banal: ausgerechnet eine Kolumne in der ZEIT ist hier der Anlass zu diesem Post. Martenstein hat eine Tür geöffnet, die ohnedies nicht verschlossen ist.  Ich habe also doch zum 7. Oktober geschrieben.

Schuldig? Böse? Trotz und Rotz.

Manchmal kann man in und an Deutschland (ver)zweifeln. Wäre man anderswo, würde man dort verzweifeln, aber jetzt bin ich hier.

Wenn ein Migrant ein Verbrechen begeht, ist das böse, er ist schuldig. Wenn ein Deutscher das Gleiche tut, ist das auch böse, und er ist auch schuldig – nachdem alle entlastenden sozialen und psychischen Probleme geprüft wurden.

Wenn ein Migrant ein Verbrechen begeht, stärkt das die nicht-empathischen ausländerfeindlichen Deutschen. Denen kann ich zunächst nur wünschen, dass sie nicht mehr von Nichtdeutschen ärztlich behandelt, ernährt, betreut werden. Warum sollen Migranten keine Verbrechen begehen? sind sie bessere Menschen als die Deutschen? sind sie klüger? sind sie darauf angewiesen, gut zu sein?

Wir haben alle Antworten auf diese Fragen. Die Faschisten in AfD und BSW haben andere Antworten, aber dass die Demokraten drauf reinfallen und die Kluft zwischen Deutschen und migrierenden Menschen erweitern ist böse und wird weitere Folgen haben – weniger Zuwanderung, weniger Arbeitskräfte, weniger Betreuung, dafür werden die Deutschen noch deutscher – und gottseidank weniger.

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Ersetzt das Wort Migrant durch das Wort Jude.

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Warum sollen Juden klüger sein als alle anderen Menschen, warum sollen sie besser sein, warum sollen sie bestimmte Dinge nicht sagen, tun, denken und wahrnehmen dürfen? Das hat schon speziell mit der deutschen Geschichte, nicht nur 1933-45 zu tun, aber nicht nur. Um dieses Nichtnur geht es mir.

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Ich schreibe gerade ein Buch, in dem es unter anderem um die Differenz zwischen dem ethnologischen Begriff Jude und dem sozialen Begriff jüdisch geht. Das ist langwierig und komplex und hat viel damit zu tun, wann sich wer und wie mit „den“ Juden befasst hat und die sich mit ihm. Aber dieses große Thema hat wenig mit meiner alltäglichen und genervten Kritik zu tun, dass man es sich mit der Umkehrung der Verallgemeinerung von Migranten und Juden aufgrund besonderer Wahrnehmung zu einfach macht und damit radikalisiert.

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Ich habe in diesem kurzen Statement nur männliche Formen und keine „“Anführungszeichen bei Juden und jüdisch verwendet. Überlegt, warum? und jetzt ein Labyrinth. Seit vielen Jahren erkläre ich, warum man nicht von deutschen Juden sprechen soll, sondern von jüdischen Deutschen. Warum die Juden nicht automatisch begrifflich erklären was jüdisch und was nicht jüdisch ist. Das kann man auch auf die Migranten übertragen.

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Was ich hier schreibe, gilt mit kleinen Variationen auch für Österreich. Und: wenn ich mich für Migranten einsetze, bedeutet das nicht, dass ich sie nicht kritisieren darf und kann. Wenn ich bestimmte Juden kritisiere, bedeutet das nicht, das ich antisemitisch bin. Wenn ich jüdisch argumentiere, steckt dahinter Kultur und Moral. Wenn ich mich für Flüchtlinge einsetze, oder Migranten, steckt dahinter Empathie, nicht das Verlangen, dass sie sich besser verhalten sollen und können, als die Deutschen. Es gibt eben nicht „Die Deutschen“. „“ „“ „“ !