Faschismus diffus, aber real

Der Titel sagt, was ich denke: dass Faschismus sich längst global verbreitet hat, weil er ja seit mehr als hundert Jahren nie verschwunden war und derzeit beste Rekonvaleszenz erfährt, je weniger sich Demokratie verteidigt oder gar in die Zukunft verfestigt.

In Deutschland ist das schwieriger als anderswo, weil Faschismus über die NS Realität 1933-45 verengt und „absolut“ definiert wird – und so ,paradox`, die Faschismen in der Gesellschaft eher minimiert als konkretisiert. Faschismus war eine Entwicklung, die einen von vielen Wegen aus dem Faschismus mit schrecklichen Folgen entwickelt hatte (lange vor 1933 begonnen), aber das macht die Faschismen (historisch am DEUTLICHSTEN um 1910 beginnend nicht harmlos oder auch nur ungrausam – aber immer undemokratisch9.

Widerstand kann und soll sich auch immer verständlich und verfolgbar äußern, in den demokratischen Diskursen, auch in den Medien. Ein Beispiel HEUTE. In meiner täglichen Tageszeitung SZ (Süddeutsche) zwei wichtige Artikel und ein starker Kommentar. Der erste Artikel versucht zu erklären, warum Michel Friedman aus Bayreuth wieder ausgeladen wurde – er wollte Wagners Antisemitismus darstellen. Moritz Baumstieger „Wer soll diese Begründung bitte glauben?“ SZ 17.6.2026. S.9. Der zweite kritisiert den Umgang mit dem Denkmal von Karl Lueger in Wien: Verena Mayer: „Antisemit in Schieflage“ SZ 17.6.2026 S.13. In beiden Fällen ist der Antisemitismus nur ein Rahmen, kein Topos, er zeigt wichtige nationale Diskursunterschiede, aber er ist präsent. Das macht ihn zu einem wesentlichen Element der Faschismen, aber leider auch mit einer Brücke in viele Demokratien hinein.

Zentral für Bayreuth und die Absage an Friedman: „Ein kleines Störfeuer der Reflexion zum Auftakt der Feierlichkeiten, kritische Selbstbetrachtung in Bayreuth: Zu dieser Entscheidung hätte man der Festspielleitung nur gratulieren können. Gerade weil sie auch unbequem war. Man kann sich sicher sein, dass ein Redner wie Michel Friedman den Organisatoren um Katharina Wagner und auch dem Publikum es nicht erspart hätte, ein paar deutliche Worte zur späteren Haltung zu diesen Themen zu sagen, die lange Zeit vor allem aus Schweigen und Verdrängen bestand“. Mir gefällt die Wahrheit als Störfeuer. Das stört ja nicht nur die Ideologen, auch das eigene unkritische Selbstbewusstsein, das bei guten Themen oder Aufführungen gerne die Aspekte des Rahmens oder Nebenimpulse ausspart. In Bayreuth so wichtig wie in Wien.

Dort wissen sie Menschen mit ihrem großen Bürgermeister der letzten Jahrhundertwende schon etwas anzufangen, der Vergleich mit Wagner ist gar nicht so schlecht. Wer nichts von ihm weiß Karl Lueger – Wikipedia, und dort im Eingang: „Karl Lueger  (* 24. Oktober 1844 in Wieden, heute Teil von Wien; † 10. März 1910 in Wien) war ein österreichischer Politiker, Gründer der Christlichsozialen Partei (CS) und von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister. Als Bürgermeister war er bedeutend für die Entwicklung Wiens zu einer modernen Großstadt. Seine Rolle wurde allerdings durch den von ihm aufgebauten und geförderten Kult um seine Person überhöht. Lueger war bekennender Antisemit und trieb den politischen Antisemitismus entscheidend voran.“ Das Wort „allerdings“ ist genau die notwendige Brücke, ebenso wie zur Analogie des Wagnerschen Antisemitismus. Nun geht Wien anders mit dem Problem um als Bayreuth, das Denkmal wird schief erneuert, leider auch erneut imposant, und warum man es braucht ist umstritten. Die Erinnerung an die Geschichte verschwinden zu lassen ist so problematisch wie sie schlecht erklärt zu behalten. Das gilt seit jeher und heute umso mehr, als die verkürzte mediale Darstellung häufig die Erklärungen hinter den Fakten verdeckt oder weglässt. Stimmt das so: „Die zuständige sozialdemokratische Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler begründet ihre Entscheidung für die „Schieflage“ damit, dass es niemandem helfe, wenn man historische Tatsachen einfach ausblende: „Über Leerstellen kann man nicht sprechen.“ Die Statue in der jetzigen Form sei ein Mahnmal. Man solle „bei jedem Schritt“ daran erinnert werden, „was hier an Hass möglich war“.“ Oder hat der Innsbrucker Professor recht? „Der Historiker Dirk Rupnow, der an der Universität Innsbruck als Professor für Zeitgeschichte lehrt, schrieb 2023 in einem Aufsatz, dass die gekippte Statue 2010 sicherlich Avantgarde gewesen wäre. Jetzt aber reiche derartige Subtilität nicht mehr aus. Die Stadt Wien finde sich vielmehr in der Rolle des „Nachzüglers“ und „Bedenkenträgers“ wieder und sei in Sachen Erinnerungskultur nicht auf der Höhe des Diskurses. Denn warum, fragt sich Rupnow, soll ein Denkmal, das noch dazu an den von Lueger selbst praktizierten Personenkult anknüpfte, bis heute „unantastbar“ sein?“. Ich neige eher zur Wiener Erklärung, aber da ist schon etwas drin, was die Faschisten insgesamt ablehnen: Dialektik. Es geht nicht um rechthaben. Es geht darum, jenseits von Meinung sich Bewusstsein zu bilden. (Ich denke immer daran, dass meine jüdischen Vorfahren, wie viele, durchaus Richard Wagner Fans waren, siehe oben).

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Bernd Dörries nennt Israel auf S. 4 (Politik/Meinung) „Land ohne Frieden“. Um zu verstehen, was sich dort abspielt, muss man die Geschichte der letzten 140 Jahre, der letzten 100 Jahre, der letzten 60 Jahre, der letzten 4 Jahre, die Geschichte der letzten Monate herausarbeiten, damit sie nicht Geschichte bleibt, sondern Wirklichkeit für uns lebende Menschen wird. (Ich würde nicht, wie manche, 4000 Jahre zurückgehen, und ich würde bei den Palästinensern auch nur bis zur türkischen Herrschaft rückblenden). Das erfordert mehr als Nachdenken, man muss lernen, was man so einfach nicht wissen kann. Ich habe das an die beiden Faschismen oben angehängt, denn wir müssen uns, auch als Juden, kümmern: um die Ideologie und Haltung der israelischen Regierung und Teile des Volkes in Israel, jüdische und palästinensische). Und mehr als gedankliche Brücken bauen zwischen den Ereignissen, die keine Inseln sind.

Rechtslinks Judejüdisch Wahrfalsch

  1. Banal? „Ich bin ein nichtjüdischer Jude“, ein berühmter Satz aus Daniel Cohn-Bendits neuem Buch[1]. Wenn man die autobiographische Wirklichkeit des 80-Jährigen liest, reicht schon das Vorwort, um zu verstehen, dass man Jude sein kann, und zugleich nicht jüdisch. Und nicht nur bei Cohn-Bendit geht es auch darum, jüdisch sein zu können, wenn man vielleicht kein „Jude“ ist. Ein Thema vieler meiner Blogs. Hier verläuft ein Canyon, der nicht trivial ist. Die FAZ, also eine sehr konservative Presse, stellt fest: „Warum die Rechtsradikalen Daniel Cohn-Bendit brauchen[2]. Das Thema ist nicht trivial, liest man sich ein, ist „Jude“ ethnisch“, aber jüdisch, wie nicht nur ich es vertrete, ist ethisch, moralisch, sozial, … offen.
  2. Banal? Rechts – Links ist keine politisch oder ideologisch gerade Linie zwischen den Linken und den Rechten, und schon gar nicht mit einer ausgleichenden durchschnittlichen Mitte. (Über diese Abirrung der 0,8 Bundesregierung argumentiere ich hier nicht, kommt wieder…). Aber dass sich im etwas überkommenen Hufeisenmodell[3] die äußersten rechten und linken Positionen nahe sind, kann man täglich wahrnehmen.
  3. Es ist nicht trivial, dass wir täglich miterleben, wie sich Parteien, Politiker, Medien eher gegen die rechtsradikalen Gegner der Demokratie abgrenzen, als sich der Demokratie und ihrer möglichen Entwicklung zuwenden. Nicht zufällig verweise ich auf Haaretz, wo die liberale europäische Demokratie im tödlichen Absturz begriffen sein kann[4], und wo Frankreich, England und andere europäischen Länder, natürlich mit Italiens „neo-fascist right“ als Beispiele gelten. Ha’aretz deutet natürlich auch auf die Entwicklung in Israel, von der ich behaupte, dass sie durchaus faschistisch sein kann, weil Juden Faschisten sein können, ohne dass Israel weiterhin mehrheitlich jüdisch im obigen Sinn verbleibt…
  4. Wenn die Eingangsthese von 3. zutrifft, dann versteht man doch noch nicht, warum – zum Beispiel – in Deutschland die Normalisierung der AfD so heruntergespielt wird[5] und wie Normalisierung der AfD auch mit der Jugend zusammenhängt[6]. In den letzten Tagen hört man, wie die AfD die studentischen Verbindungen in ihre Konzepte einbaut, nach dem Vorbild Österreichs[7] aber schon länger.
  5. So wie Italien unter seiner faschistischen Regierung oft aus dem Blick gerät, sind die USA vielfach noch nicht das, was sie immer mehr sind: eine gewalttätig gegen die Demokratie angehende Republik. Da treffen plötzlich bei uns seltsam verzerrte Positionen aufeinander, die nur zeigen, wie wenig der Begriff der „Mitte“ Sinn macht: Das Beispiel Kiesewetter versus Trittin ist nicht links-rechts. Sondern betrifft unterschiedliche US-Wahrnehmungen[8].
  6. Zurück zu meiner These 1. Geht es um Juden und die Differenz zu jüdisch, wenn wir über Israel und Palästina nachdenken? Wie müssen über beide zugleich nachdenken, unabhängig, welche Position wir zu … ja, zu wem? – einnehmen. Die Geschichte der „Juden“ ist einfach insofern, als wir 4000 Jahre, oder 2000, oder 120 oder 80 zurückgehen. „Jüdisch“ bedeutet, jedenfalls seit der wirksamen Aufklärung schon etwas nicht in der Geschichte festgelegtes, „jüdisch“ hat sich entwickelt und kann eigentlich nicht vor diese Entwicklung zurückgehen, wie denn?

Aber darum geht es mir in diesem Blog nicht. Mir ist wichtig, wie man sich der eigenen Emanzipation zuwendet, anstatt ständig sich in der Abwendung von den Gegnern derselben aufzureiben. Und das geht unter anderem nicht einfach über Theorie, sondern durchaus angestrengt über Praxis, über Lebenspraxis und über politische Praxis, und die hat immer mit Freiheit, und eben mit dem zu tun, was jüdisch ist, ob es nun mit den Juden konform geht oder nicht.

  • 7. FORTSETZUNG FOLGT

[1] Erinnerungen eines Vaterlandslosen, 2026 Jacoby & Stuart.

[2] Christian Geyer: Cohn-Bendit und <Compact>, FAZ

[3] Hufeisenmodell: Was ist die Hufeisentheorie: Definition und Kritik ; ich verwende den Begriff alltagsrhetorisch und nicht hochwissenschaftlich. Wichtig: wenn „Rechtsradikale“ und „Linksradikale“ das Gleiche sagen, heißt das noch nicht, das sie das Selbe meinen. Vgl. aber auch WD-1-007-20-pdf-data.pdf . Natürlich bin ich auch gegen „Gleichsetzung“. Aber wenn es die Bedeutung identisch ist, kann man sie nicht durch seine Priorisierung verändern.

[4] Joshua Leiffer nach dem Verlust Orbans in Ungarn: Ha’aretz today 20.5.2026

[5] Robert Pausch und Bernd Ulrich: Sie wollen ein anderes Land. ZEIT #54 2025, vgl. meinen Blog 20.12.2025

[6] Simon Schnetzer „Mit Protest hat das nichts mehr zu tun“, ZEIT #14, 26.3.2026

[7] Lucia Heisterkamp u.a. : Rechte Reserve. SPIEGEL #42/2025

[8] Kiesewetter vs. Trittin: Ist das auch unser Krieg? ZEIT #12, 2026

Der Bund: Sozialistische Weltbürger, konkret

Ein Rezension und meine Gedanken

So einen Titel möchte ich gerne meinem Wissen geben, aber das wäre etwas übertrieben. Was weiß ich schon vom „Bund“?

Der Begriff ist scheinbar ungenau. Es lohnte, seine Geschichte erstmal zu lesen, als weniger gegenwärtige jüdische Erinnerung und Gegenwart. Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund – Wikipedia . Man, d.h. ich, wusste    schon einiges, professionell, akademisch und über jüdische Schnittmengen, aber genau und politisch war es nicht mein Thema. Nun gibt es in letzter Zeit zunehmend Kritik am jüdischen, bzw. israelischen, Zionismus, dazu habe ich schon einiges geschrieben. Aber die Abwehr des Zionismus durch den Bund hat mir einen aktuellen Druck versetzt. In einer Rezension beginnt die Beschreibung eines wichtigen Textes mit einer sehr aktuellen Beziehung, der zwischen „Shoah“ und „Nakba“. Adam Hochschild schreibt eine Rezension: Molly Crabapple Here Where We Live is OUR Country: The Story of the Jewish Bund. One World 2025. („A Dream of a Socialist Commonwealth“. NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue 9). Auf den ersten Blick nur eine Ergänzung dessen, was ich schon wusste. Aber extrem klar und deutlich: unter anderem ist die Verbindung zwischen Holocaust und Nakba nicht zu trennen, wie Omer Bartov meint, und es verstärkt meine, unsere, Kritik am Umgang des heutigen Israel mit den Palästinensern. Aber dieser Aspekt gewinnt erst an Gewicht durch die Kritik an der antisemitischen US-Einwanderungspolitik nach dem Ersten Weltkrieg, also vor 100 Jahren, in die USA, gut belegt, und dem unangenehmen Riss in der jüdischen Gemeinschaft der USA: „Astonishlingly, a Fortune poll that same year (1939, MD) showed that 25,8 percent of American Jews opposed increasing the tiny quota for refugees, because thez feared it would provoke antisemitism“. Über den letzteren, v.a. nach dem Krieg, habe ich öfter geschrieben. Vgl. auch den konservativen Bernard Lewis 1999_ Semites and Anti-Semites. An Inquiry into Conflict and Prejudice oder Nathan und Ruth Perlmutter: Antisemitism in America 1982, u.a. eine Menge eigener Erfahrung. Wenn man die heutige Politik der israelischen Regierung historisch analysiert, etwas mehr als 100 Jahre zurückgeht oder in die Zeit vor 1947 und die Zwischenkriegszeit, dann muss man bedenken, dass der Bund damals überall wirken wollte, wo Juden eine Heimat hatten, also nicht Palästina…das wird hier erklärt, aber auch die politische Kultur des Zionismus in Opposition zur jiddischen Kultur des Bundes „In the society the Bund envisaged, everyone would have the right to speak their own language“ )ich teile das nicht, aber diese Kritik am Hebräischen geht weit zurück…auch zum Zionismus und zu Herzl). Völlig korrekt beschreibt der Rezensent, dass der Bund, was die Klassenpolitik betrifft, letztlich versagt hatte, aber weniger „Ist members fought for their egalitarian, secular, profoundly cosmopolitan vision in the very darkest of times and places“. Tja, das kann man Netanjahu entgegenhalten – und den Palästinensern, die keine friedliche Vereinbarung mit den Zionisten vor 1948 eingegangen sind, warum ist übrigens auch wichtig, aber soll hier nicht ausgebreitet werden – außer in dem Aspekt, dass gerade heute die interne Kritik des Zionismus bis zu seinen Wurzeln, also auch Herzl, Antworten auf der Unverständnis geben kann, sagen wir Teilantworten, warum der Zionismus von den rechten bis rechtsradikalen Israelis praktisch abgesetzt worden ist.

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Ich könnte mich hier an die mittlere und spätere Hannah Arendt halten, an meine Freunde in Israel, an meine jüdischen Freunde usw. Aber wichtiger scheint mir, auch diesen Aspekt der jüdischen Geschichte wirklich aufzublättern, nicht zuletzt, was die USA betrifft. Ich stimme mit der Kritik am Zionismus nicht weitgehend überein, aber an der Realität seiner Durchsetzung sieht man schon die Alternativen, die nicht eingetreten sind, während den Gegnern des weltoffenen jüdischen Kosmopolitismus Tür und Tor geöffnet wurden. Dazu muss man sich auch politisch und kulturell verhalten.

Jüdische Kritik notwendig, depri.

Israels teilfaschistische Regierung hat ein Todesurteilsgesetz gegen Palästinenser durch die Knesseth gebracht, mit einer peinlich großen Mehrheit (68 Stimmen), rassistisch, wie nicht nur die Opposition sagt. „Zivilisatorischer Rückschritt“: Scharfe Kritik an Israel wegen Todesstrafe – news.ORF.at; Israel Passes Bill Mandating Death Penalty for Palestinians Convicted of Lethal Acts of Terrorism – Israel Political News etc. Es gibt im Land Kritik, mäßig? und international folgenlose Ablehnung. Israel ist der globale Sonderfall, scheinbar begründet, und die deutsch-israelische Selbstbindungen – kennt ihr die Gründe? – ist geradezu peinlich – für uns Juden, und für andere Menschen. Es geht Israel nicht darum, Terroristen zu bestrafen, abgesehen von der Unsinnigkeit der Todesstrafe, es geht darum, die Zweistaatenlösung zu verunmöglichen und womöglich die Palästinenser zu vertreiben, ebenso wie die Menschen aus dem südlichen Libanon. Israel ist nicht jüdisch, in dem Sinn, dass jüdisch nicht rassisch, sondern moralisch-kulturell definiert ist, historisch und gesellschaftlich. Die Differenz zwischen Juden und jüdisch bestimmt auch mein Bewusstsein, und damit Teile meines Lebens und der Geschichte, wie es dazu kam.

Israel und Palästina sind so wenig im Zentrum meines Alltags wie der Zionismus, die Kritik daran, und der Antizionismus, aus dem auch Netanjahu kommt. Aber das reicht nicht. Und es zerteilt und zerfurcht mein jüdisches Selbstbewusstsein, das ja zum Lebensvollzug gehört. Ich bin da nicht allein, berufe mich nicht nur auf Hannah Arendt und meine Familiengeschichte und auf Erfahrungen in Österreich, Deutschland und Israel, auf Freunde und Gegner.

Dany Cohn-Bendit schreibt: „Ich empfinde zutiefst die Legitimität sowohl der Israelis als auch der Palästinenser, und mit Sorge stelle ich fest, wie völlig abgeschottet sie gegeneinander sind. Auf beiden Seiten ist jeder am Ende einer „Die-oder-wir“-Logik angelangt., bei der es nur noch darum geht., sich für eine Seite zu entscheiden. Niemand hört mehr zu, niemand will sich überhaupt noch verständigen. Und ich, ich fühle mich eingekeilt zwischen diesen beiden Denkweisen, die beide, die eine wie die andere, gleichermaßen legitim wie verrückt sind und miteinander kollidieren“ (Cohn-Bendit 2026, 12-13; lest den ganzen Absatz davor). Hinweis auf Omri Boehm, auf die israelische Opposition, auf die Geschichte und Entwicklung des Zionismus, und auf uns jüdische Juden, deren Eltern und Großeltern den Faschismus, den Weltkrieg, Gulag überlebt hatten.

Israelkritik reicht nicht. Die Staatsräson, der Zentralrat, Ron Prosor, die Hamas, … all das sind Ergebnisse, nicht Gründungspotenziale falscher Politik und Ideologie. Ebenso wenig reichen die Erklärungen und Marginalisierungen der antisemitischen, antiisraelischen, rassistischen und oft islamistischen und propalästinensischen Agitation und Demonstration. Und gerade in Deutschland fehlt nicht nur Wissen, fehlt Bildung, fehlt auch die Identifikation mit einem Humanismus, der nicht gerade die deutsche Geschichte zum Leitbild hat.

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Was tun? richtig gefragt. Es geht nicht nur um das Bedenken, um die Kritik, sondern um das lebendige Handeln als jüdische Menschen, nicht einfach als „Juden“. Dazu habe ich jahrelang geschrieben, vorgelesen, gehandelt und mich mit meinen Freunden in Israel auseinandergesetzt, das heißt überwiegend zusammengesetzt. Auch mit meinen jüdischen Bekannten in Deutschland und Österreich, auch mit den palästinensischen Bekannten, die ich eben kenne. Aber im Kern bedeutet Israelkritik auch Kritik an der Geschichte des Landes, das erst 1948 ein Staat wurde. Und das ist nicht die Geschichte des verschnürten britischen Koloniallandstrichs, sondern beides: Weltgeschichte und Geschichte der jüdischen Selbstbefreiung (nicht ganz allein….) aus dem Antisemitismus, der Unterordnung unter die landlose Menschlichkeit, und der Deutung, Entwicklung, Stärkung und Schwächung von Zionismus.

Literatur dazu findet ihr vorletzte Woche im Blog Israel, Gaza, Zionismus, – und wir?

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Als Jude kann man sich vom Judentum nicht befreien. Aber ob und wie man jüdisch lebt, kann man schon entscheiden. Darum werbe ich meinem Blog nicht. Die Hinweise können reichen, euer und ihr Bewusstsein zu schärfen und zu stärken. Die paar Zeilen von Dany Cohn-Bendit sind wie ein Eintritt in eine Welt, deren Spaltung wir nicht mit einfachem Willen aufheben können.

Israel, Gaza, Zionismus, – und wir?

Die gegenseitigen Kontroversen sind eine Sache, in die ich hier nicht einsteige. Die Geschichte und die Auswirkungen auf die Politik, Kultur und unser Verhältnis zu Israel ist eine andere Sache, auf die ich schon hinweisen muss, teils professionell, teils als jüdischer Mensch, teils als Kosmopolit. Deshalb ein kleiner Ausschnitt aus einem sehr komplizierten Patchwork.

Angestoßen und aufgeregt haben mich die Zionismusabgesänge der derzeitigen Regierung, die Politik der Regierung Netanjahu, die Politik der Hamas und der arabischen Verbündeten, und, nicht paradox, die Unterstützung der USA durch Israel im Krieg gegen Iran – werte LeserInnen: lassen wir einmal die Realität der Kämpfe und gewaltreichen Konfrontationen, der Verwundeten und Toten beiseite, und konzentrieren wir uns auf die Diskurse dahinter.

Lange Zeit haben bestimmte dogmatisierte Bilder der Zionismus, der Geschichte des Gebiets von Palästinensern und Juden (und Drusen und…etc.) anscheinend ausgereicht, um das besondere Deutsch-Israelische Verhältnis über das Jüdisch-Deutsche Verhältnis zu stülpen, das aber wiederum die deutsche Sichtweise von anderen deutlich unterscheiden lässt.

Dazu kann ich sehr zwiespältige professionelle Auskünfte und Schlussfolgerungen geben, d.h. ich könnte, mache ich aber nicht, weil es eine zweite Ebene gibt, die nicht einfach subjektiv ist, sondern gespalten: Als Jude habe ich eine genaue Vorstellung dessen, was jüdisch ist, und wenn ich sage, dass nicht alle Juden jüdisch sind, und dass Israel nicht implizit jüdisch ist, dann folgt aus diesem Indikativ die Konsequenz, meine!, dass ich keine Lösung in der Politik finde, je mehr ich von dem begreife, was seit mehr als hundert Jahren, mehr als 3000 Jahren, mehr als 50 Jahren auf der Landbrücke sich ereignet.

Warum ich mich dann öffentlich äußere? wenn Sie wollen, aus didaktischer Aufklärung, wenn Sie wollen, aus Korrektur der Korrekturen meiner professionellen Bearbeitung von Israel und Palästina, wenn Sie wollen, um die Differenz zwischen dem Judentum in Deutschland und dem in Israel und dem in Europa order global zu beleuchten. Das alles zusammen würde eine noch umfangreichere Dramaturgie als die „Letzten Tage der Menscheit“ von Karl Kraus brauchen, und wenn ich die „Letzten Tage des Judentums in Israel“ so nenne, kann ich ohnedies nicht zurück – es bleibt also bei der unvollstän-digen Einleitung, sozusagen einem Prolog zu dem, was ich ohnedies nicht schaffen kann. Aber immerhin, die These ist ja schon deutlich.

Einfacher kann ich es auch einleiten. Ich halte mich erstmal an Amos Oz, an David Grossmann, an eine Reihe durchaus kontroverser Historiker wie Tom Segev oder Benny Morris, und bin aufgeschreckt durch neuere Literatur, die ich zum Teil schon kritisiert habe.

Die Einsicht gebe ich jetzt, wobei natürlich die Liste nicht das ist, was ich alles gelesen habe, sondern was zu dem gehört, worüber ich mir jetzt den Kopf zerbreche:

Evil in the Westbank
D. Shulman
NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue #4 Pages 10-11

`Dirty Work
N. Thrall
`NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue 5 Pages 28-30

Benny Morris: 1948 and After. Oxford UP, 1994

Benny Morris: Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems., Berlin 2025

Joseph Croitoru: Die Hamas.. München 2024

Ron Leshem Feuer. Berlin 2024

ZEIT Geschichte: Israel und Palästina 1/2026 –: sehr problematisch wegen der vielen historischen Leerstellen, aber in einigen sehr guten Artikeln hilfreich

Und natürlich unverzichtbar: Amos Os: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Suhrkamp 2008, Orig. 2001. Dass darin der junge Netanjahu vorkommt, ist nicht nebensächlich, aber Oz ist viel mehr: die Dialektik der Ansicht Israels aus der kritischen Wahrnehmung der Heimat. Dazu passt als schmaler Ausschnitt: Joshua Cohen: The Netanyahus, NYRB 2021. Und natürlich Grossman: Der gelbe Wind. Kindler 1988, über den Krieg 1967

Über weitere Literatur gebe ich gerne Auskunft. Wichtig sind mir auch Eva Illouz, von ihrem Anfang an, und die Rabinerin Delphine Horvilleur. Und ich bin nicht wirklich befreit, die vielen weiteren Namen hier nicht aufzuzählen. Denn um meine Bildung geht es hier nicht, es geht um die Einbildung eines möglichen Ende jüdischer Hoffnung, gloabl und kosmopolitisch mit Israel als als einem Ort der Hoffrnung.

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Über die jüdische Geschichte und Gegenwart, vielleicht Zukunft, entsteht sozusagen als vorausblickendes Gedankenexperiment eine Hoffnung, bei der es so wenig um das eigene Erleben geht wie die Frage, ob der in der Wirklichkeit auftretende Messias schon der richtige sein kann. Dazu kann ich immer wieder schreiben, nie ein weiteres Kapitel, immer wieder den Absprung wagen.

Aber es kommt noch etwas als Gegenpol zum global sich ausbreitenden und auch bei uns sich wurzelnden Faschismus? Die Verbindung wundert euch weniger als die meisten. Aber sie zieht den Schleier von den Augen.

Juden, Jüdisch, und.

Ich habe mehrfach beschrieben wie man die anthropologische, ethnische Bezeichnung „Jude“ (incl. Jüdin“) vom Adjektiv bzw. Adverb „jüdisch“ trennen kann, manchmal muss. Eine These war, dass viele Juden nicht jüdisch sind. Diese Feststellung beruht darauf, dass es zu den jüdischen Erscheinungs- und Haltungsformen ethische, kulturelle etc. Entwicklungen des Bewusstseins gegeben hat, während man ja an seiner ethnischen Abstammung individuell so gut wie nichts ändern kann.

Diese Überlegungen haben zu Beginn des Zionismus schon eine Rolle gespielt, sie sind immer schon kontrovers im ethnischen, im religiösen, im kulturellen, im sozialen…also im politischen Sinn. Darüber lohnt es, nicht nur zu beobachten und zu kritisieren, sondern auch Schlüsse auf die eigene Haltung zu ziehen. Wie man da einsteigen kann? Von überall her: Ashkenasen versus Sepharden, in Israel, weltweit; politische Ausrichtung, je nach Situation in der eigenen Gesellsch; aft und der Position innerhalb des soziopolitischen und soziokulturellen Netzes etc. Ich beziehe mich soziologisch stark auf Bourdieu, und jüdisch historisch…naja, da kann ich ja meine Literatur- und Diskursliste endlos aufblättern, aber es lohnt sich hier einzulassen.

Ich schreibe das, weil mich zum einen der Singular ärgert: „der Jude“ ist, handelt, denkt, verhält sich, erscheint … Wenn es also um Moral, Kultur, Politik geht, ist der Plural, die Jüdinnen und Juden, notwendig. „Also“ bedeutet, dass ich denke, worum es in erster Linie geht, also nicht gleich um Religion, die kann auch dazutreten.

Zum anderen gibt es, nicht nur in und aus Israel, jüdische Stimmen, die Verallgemeinerungen zum Judentum in der Gegenwart, vor allem in Politik und Kultur, sich anmaßen, und damit für nichtjüdische und manche jüdischen Beobachter eine allgemeine Richtigkeit anstatt einer differenzierbaren und kritisierbaren Meinung ausdrücken. Sich dabei auf Pressefreiheit, aber auch auf Überzeugungen berufen, die von den nichtjüdischen Leserinnen und Lesern spontan schwer zu analysieren sind )obwohl das schon möglich ist). Zur Zeit geht es natürlich darum, dass solche Stimmen zum Beispiel meinen, wer Netanjahu kritisiert, stehe auf der Seite von Hamas (grausiges Beispiel ist Korenzechers „Jüdische Rundschau“ (Monatszeitung); subtiler, aber auch einseitig etwa der Botschafter Ron Prosor, der sich schon von seinen Vorgängern unterscheidet usw. Mein Problem ist, dass diese Linien es nicht zulassen, wenn wir beide Seiten, Hamas und Komplizen und Netanjahu und Komplizen kritisieren, und auch die Verbindungen der beiden in naher Vergangenheit deutlich benennen. Wenn ich als jüdischer Jude den israelischen Premier als Chef eines teilweise faschistischen Kabinetts bezeichne, kann ich doch mit gleichem Vokabular die Hamas als faschistisch bezeichnen? Oder? Meinetwegen in umgekehrter Reihenfolge. Aber mir geht es darum, dass Israel zur Zeit, hoffentlich nicht mehr lange, eine peinliche und teilweise rassistische Untergebenenrolle bei Trump und in außenpolitischen Aktionen wie in antijüdischer Siedlerpolitik spielt – und dass die Hamas, die lange Zeit von vielen offen oder verdeckt gefördert wurde, zur Zeit weniger anerkannte Sponsoren und Hilfsherren hat, aber natürlich auch weiter gefährlich ist. Nicht nur für uns jüdische Menschen.

Das ist schlecht für jüdische Menschen in Israel, im Nahen Osten, weltweit, also auch für uns. Und es besch#digt beides: Bild und Kritikfähigkeit von Juden und der Qualität von „jüdisch“. Intern und nach außen.

Verzieht nicht euer Gesicht, wenn ich einen Ratschlag gebe: studiert einmal die Geschichte der jüdischen Siedlung seit 1906. Und vor und nach 1948, und während der britischen Besatzung und mit und nach der Staatsgründung Israels. Es geht hier nicht (nur) um Kriege. Es geht auch darum, wie wir im Kontext weiter hier und dort jüdisch sein können, also auch kritisch und selbstkritisch, und eben jüdisch, und nicht als der Jude uns den falsch-Autoritären unterwerfen dürfen.

Der Plural, Jüdinnen und Juden hat schon seine Bedeutung. Im übrigen: Eco, Horvilleur, … das geht schon.

POSTSCRIPTUM – wichtig:

Bitte lest „Transitionen und Transition“ von Monika Wohlrab-Saar in SOZIOLOGIE 2026, # 1, v.a. S. 10-14 über den Umgang mit Irsael und den Palästinensern, v.a. mit den Folgen für Wissenschaft und Kultur, also für Menschen, die sich der Realität wissenschaftlich annehmen. Ich zitiere hier nichts, weil der Text sehr dicht und kontextreich ist, aber ich empfehle ihn, nicht nur für die Wissenschaft. Doch, eines muss ich erwähnen: Ich schätze Eva Illouz (israelisch-französische Wissenschaftlerin) sehr und kenne viele ihrer Werke aus den letzten Jahrzehnten. Hier steht, „…sie wurde wegen ihres Protests gegen die Behandlung von Palästinensern in der Westbank der Israel-Preis verweigert“ (S.13). Das schmerzt, pars pro toto. Zum Abschluss schreibt die Autorin: „Wie müssen vom „ja, aber“, das das „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält“ (S.14). Ja.

Gedenken, Bedenken und Heucheln. Heute.

Überall in Demokratien gedenkt man der Opfer des Hamas Überfalls vom 7. Oktober 2023.

Das ist richtig so – und hinterlässt doch mehr als nur ein unruhiges Gefühl. Wie ist es zu diesem grausamen, kaum je erlebten Massaker gekommen?

Ich frage mich selbst, warum mich die Vorgeschichte des 7. Oktober so wenig verlässt wie mein eigener, wirklicher Schrecken. Warum diese Geschichte auch nur andenken, wenn Netanjahu die Macht über Gaza und die Hamas entglitten war?

Lest erst einmal: https://en.wikipedia.org/wiki/Israeli_support_for_Hamas (7.10.2025). Unschärfe und Details möglich, die Hauptlinie stimmt. Aber dann muss man auch untersuchen, warum und wozu viele konservative, nationalistische und ultra-religiöse israelische Strömungen den Likud (Partei) und andere Entwicklungen schon lange vorher betrieben haben. Lest auch die Geschichte der Gaza Verhandlungen 1948f. (Ich gehe nicht in die Vorkriegszeit zurück, aber meine Kritik am britischen Kolonialismus bleibt bestehen). Wiederum: es muss nicht alles im Detail mitgetragen werden, aber man muss das Zwischenkapitel: „Das Gaza-Plan-Zwischenspiel“ im 10. Kapitel „Lösung des Flüchtlingsproblems…“ bei Benny Morris genau lesen, um etwas von der Vorgeschichte zu verstehen (Benny Morris: Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems, Hentrich&Hentrich 2024, original 2004, überarbeitet). Und dazu gehört natürlich eine Vorgeschichte seit der letzten Jahrhundertwende und vor allem ab 1936, und dazu gehört die Selbstständigkeit des Staates Israel und der freimachende Krieg 1948, und dazu gehört die Vorgeschichte der jüdischen Gegner des Zionismus und der britische Kolonialismus, und dazu gehört….

Wenig davon erklärt oder gar begründet die unmenschliche Grausamkeit der Hamas am 7. Oktober 2023 und die Vorbereitung darauf.

Die fatale Täter-Opfer-Rotation der Kritik an Hamas und an der israelischen Reaktion darauf verkürzt nicht nur Wissen und Bewusstsein, sondern auch die moralischen und ethischen Positionen, die nicht mit einer Wahrheit umgehen dürfen, ohne Gerechtigkeit – für alle Situationen und nicht linear – an die Begründung der eigenen Position und Interessen zu stellen. Dazu reicht Benny Morris natürlich nicht aus, da muss man schon tiefer in die Geschichte des Zionismus in allen Spielarten, der Gegner des Zionismus etc. graben – und die Geschichte der Palästinenser genauso genau verfolgen, wenn man es aufgrund der zugänglichen Quellen so genau kann.

Wiederum: Wenig davon erklärt oder gar begründet die unmenschliche Grausamkeit der Hamas am 7. Oktober 2023 und die Vorbereitung darauf.

eine Überschrift bedeutet keine Leerstelle: Gedenken hat nur Sinn, wenn es wirkliche Menschen und die Ursache und Folgen ihres Leidens und Sterbens betrifft. Strukturelles Gedenken ist eine gängige, oft folgenlose politische Entmenschlichung. Die Bedenken sind zahlreich, etwa die Kritik an oder Erlaubnis zu Demonstrationen der propalästinensischen Aufmärsche, die sich auch antisemitisch ausbreiten, und mit dem antisemitischen, genauer, judenfeindlichen Substrat der Geschichte zusammengehen. Auch die ambivalente, doppeldeutige, manchmal -züngige jüdische Position zur Situation des Kriegs von Netanjahu (cum et sine Trump) und seiner teils faschistischen, rechtsradikalen Regierung kann man nicht geglättet als Reaktion auf den 7. Oktober einfach hinnehmen. als jüdischer Mensch kann ich das nicht, als Jude bleibt mir nichts anderes übrig?! Diese Differenz bestimmt zur Zeit viel an meinem Denken, Fühlen und also Leben.

Und so würde ich mir heute wünschen, dass die Menschen bevor sie öffentlich werden, nochmal Amos Oz, David Grossmann, Zeruya Shalev, aber auch Omri Boehm, Tom Segev, Ron Leshem, Joseph Croitoru, und auch Herzl und seine Tagungen lesen (ich weiß schon, das geht nicht an einem Tag, aber doch?!). Zu manchem Leid kann man nur Schweigen. Und darf nicht heucheln. Das gilt auch für jeden von uns selbst, gar nicht so einfach.

Postkolonial? Begriff & Morast

Der Titel soll euch nur aufmerksam machen. Es geht um sehr viel, nicht nur mir. Israel und Gaza. Das ist kein Pünktchen auf der Weltkarte. Es geht um Antisemitismus, Antiislamismus, Islamismus, ja, und um Geschichte, auch unsere – Unsere Geschichte, das ist eine nationale, manchmal auch jüdische Geschichte. Zuviel um einfach zu sein.

Mein Fachblatt SOZIOLOGIE, Jg. 54, Hefte 2 und 3, befasst sich mit der Wissenschaft Soziologie und dem Antisemitismus, und dabei gibt es von einem Symposion mehr oder weniger klarstellende Artikel. Am letzten habe ich mich festgehakt: Jens Kastner: Widerstand gegen Weiße: Zur Thematisierung von Israel/Palästina in der dekolonialistischen Theorie 314-319. Ein deutlicher, nicht aggressiver Artikel gegen die Kolonialansicht von Israel durch propalästinensiche Wissenschaft, konkret Vergues 2024 und Grosfoguel 2009. Propalästinensisch ist „mein“ vager Begriff, denn oft wird eine Ideologie auch bloß als muslimisch, bloß als arabisch, bloß als „palästinensisch“ verwendet. Kastner ist glaubwürdig und vielseitig (https://de.wikipedia.org/wiki/Jens_Kastner). Worum es mir geht, da ich ja in letzter Zeit so viele Blogs und einige Vorträge zum Thema gehalten habe? Das Unwissen über Israel, auf das auch Kastner anspielt, ist eine Waffe, nicht nur des Antisemitismus.

Ich denke, man muss hier weiter ausholen. Weil und wenn die jüdische Besiedlung Palästinas zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht kolonial war, so hatte sie doch viele Merkmale der Nationalitätsgründung vieler anderer Länder. Und alle, ausnahmslos, haben das Problem gehabt, Verdrängung und Integration handhaben zu müssen. Dabei spielte in Palästina eine Rolle, dass es bis 1918 unter Türkischer, danach aber unter Britischer Herrschaft stand, und die Engländer eine erhebliche, heute beiseite geschobene Kolonial- und Besatzungspolitik ausgeübt hatten, teilweise in Bürgerkriegen, mit und ohne Intervention weiterer Mächte. Aber die jüdischen Einwanderer und -innen waren jedenfalls nicht kolonial, und nach Gründung des Staates Israel 1948 muss man die Geschichte von Gaza genau verfolgen, damit man bei diesem Votum bleiben kann. Nun zu einem schmalen Detail: Wer waren und sind die Palästinenser? Die Antwort darauf ist kompliziert und widersprüchlich, aber ohne die Frage zu stellen, ist der Kolonialvorwurf an jüdische Israelis nicht nur falsch, sondern auch pervers.

Ich gebe hier bewusst keinerlei Literaturhinweise, weil diese so vielfältig sein müssten, um Kastner zu ergänzen und zu erweitern. Aber ich rate, auch den Wissenschaftler:Innen und Interessierten, die ganze Geschichte zu erkunden und sich eine Zusatzfrage zu stellen: ob der Antisemitismus, welchen Alters auch immer, nicht vorrangig durch den Israelbezug erklärt werden kann. Für Diskussionen und Hinweise dazu stehe ich zur Verfügung. Für die Soziologie als Wissenschaft und institutionell ist das ein wichtiges Thema, für das man danken kann, weil es sich öffentlich darstellen lässt.

Juden, jüdisch – Klug und dumm?

Vorspiel: Dummheit und Faschismus

„Der Faschismus entsteht immer aus einem Geist der Provinz, einem Mangel an Kenntnis der wahren Probleme und der Ablehnung der Menschen, sei es aus Faulheit, Vorurteilen, Habgier oder Ignoranz, um ihrem Leben eine tiefere Bedeutung zu verleihen. Schlimmer noch, sie prahlen mit ihrer Ignoranz und suchen Erfolg für sich selbst oder ihre Gruppe durch Anmaßung, unbegründete Behauptungen und falsche Darstellung guter Eigenschaften, statt an echte Fähigkeiten, Erfahrung oder kulturelle Reflexion zu appellieren

Faschismus kann nicht bekämpft werden, wenn wir nicht erkennen, dass er einfach die dumme, erbärmliche und frustrierte Seite von uns selbst ist, für die wir uns schämen müssen. “
(Federico Fellini: Im Gespräch mit Natalia Ginzburg., dankbar von Edith Pedevilla am 7.7.25 übermittelt).

Es geht um die Verbindung von Faschismus und Dummheit. Ergänzt meine Blogs der Vergangenen Tage. Und erweitert den Hinweis auf DUMMHEIT in einem besonders peinlichen Fall, ja, Syndrom.

  1. Akt: Dummheit entfaltet

Der von mir seit Jahrzehnten unverändert verehrte und gelesene Robert Musil (Törless, Der Mann ohne Eigenschaften u.v.m.) hat im März 1937 zweimal auf Einladung des österreichischen Werkbunds einen Vortrag über die Dummheit gehalten (Österreichischer Werkbund – Wien Geschichte Wiki). Zweimal, das kann also schon beim ersten Mal gewirkt haben, schwierig zu lesen, die Ironie muss wienerisch und nicht norddeutsch verstanden werden – und sehr aufschlussreich, wie die Dummheit über alle Gebiete und Sphären aufgegliedert und verstanden wird, und keineswegs der Klugheit oder Intelligenz im Weg steht. (Musil, R.: Über die Dummheit. Hamburg 2022, Nikol). Ich habe mich eher durchgebissen als den Essay überflogen, nichts geht ohne die Dummheit, die Weisheit schon gar nicht. Warum ist das wichtig? Weil viel in dem, was wir andenken oder anvisieren, widersprüchlich ist, und deshalb braucht es dieser Dialektik, um überhaupt zu verstehen.

  • Akt: Juden müssen nicht jüdisch sein

So, wie Kluge oder Gescheite auch dumm sein können, so wenig sind alle Juden jüdisch. Ihre ethnische Herkunft kann man nicht ändern, aber ihre soziale Qualität und ihr Verhalten, also jüdisch zu sein, zu leben, sich jüdisch zu verhalten, ist nicht festgelegt. Und je dogmatischer sie vorgeblich dargestellt wird, desto mehr sollten wir zweifeln.

Die meisten antisemitischen Vorurteile gelten formal den „Juden“, beziehen sich aber auf das, was den Judenfeinden am Jüdischen nicht gefällt oder nicht passt. Das heißt natürlich, dass ich das Jüdische verteidige, gegen Antisemiten und gegen den Missbrauch des Jüdischen durch bestimmte Juden. „Bestimmte“? Ja, nicht alle, und schon gar nicht „Die Juden“ an sich. Mit anderen Worten: es kommt darauf an,  „Jüdisch„ zu definieren, für sich in Anspruch zu nehmen und den Begriff nicht einfach allen anderen zu überlassen, vor allem nicht denen, die damit das Judentum herunterwirtschaften, geistig und materiell. Die sind meistens antisemitisch, manchmal aber auch Juden.

  • Akt: Wie komme ich jetzt dazu?

Wir befinden uns in einer ziemlich schrecklichen Situation, weltweit. Mit einem aggressiven Kern, neben anderen, von unauflösbarer Gewalt im Nahen Osten, sagen wir in Israel und Palästina. Dazu habe ich seit langem viel geschrieben, gesagt, nicht nur Richtiges und Kluges, aber doch meist glaubhaft. Und viele äußern sich dazu, und man kann gut nachweisen, dass es ein begriffliches Dreieck gibt: „Israel-Juden-Antisemitismus“ – jetzt kommt es darauf, wer welchen der drei Begriffe wie, positiv oder negativ, verwendet und wie die drei verknüpft sind. Wer immer einen direkten Bezug zum Antisemitismus aufgrund der Juden in Israel vornimmt, aufgrund bestimmter Juden, wohlgemerkt, verwechselt die ethnische Herkunft mit dem Verhalten. Und wenn das verabsolutiert wird, dann meint es genau das Jüdische, das seit ewigen Zeiten für den Antisemitismus steht. Und wie komme ich jüdischer Mensch dazu, mich darüber auszulassen? Wieder einmal?

  • Akt: Dummheit antisemitisch, schwer aufzulösen

Alle möglichen Gründe für die israelische, die palästinensische, die arabische, die globale Nahostpolitik werden dauernd herausgebracht, und sie werden mit jeder Drehung antisemitischer (so als würde man immer auf den eigenen Spuren im Kreis reiten und meinen, man käme dem Ziel näher). Welchem Ziel? Frieden? Völkerrecht? Überleben der Palästinenser? Auslöschung der Hamas? Zweistaatenlösung? Machtzuwachs für Netanjahu, damit er nicht vor Gericht muss? Vernichtung Israels von der Wüste bis zum Meer? Ein floridierender Strand für Trump? Ich habe noch mehr ???

Warum antisemitischer? Weil man die Vorurteile gegen die Juden, also antijüdische, als Ausgangspunkt der Analysen und politischen Meinungen (Gemeinplätze) verwendet und so tut, als könnte mit diesem Fixpunkt die Realität erklärt werden. Das ist dumm.

  • Akt: Der Fixpunkt ist falsch. Das Judentum entwickelt sich weiter

Es kann sein, dass Netanjahu für einige Zeit die Oberhand behält. Dass viele kritische, intelligente, religiöse Jüdinnen und Juden das Land Israel verlassen, dass nicht nur der Zionismus gescheitert ist, sondern Israel als letzter Zufluchtsort für alle Juden. Was dann bliebe, ein gewalttätiges Land von Siedlern und Ultrareligiösen, die sich mit anderen, z.B. arabischen Ultras in der Umgebung irgendwie einigen oder auch nicht, aber jedenfalls ein weiterhin ungesichertes Ziel von jüdischen Menschen abgebaut wird. Wer weiß, für wie lange, wer weiß, mit welchen Folgen für jüdische Menschen an anderen Orten der Erde, in einer zunehmenden Rückkehr nicht nur des Antisemitismus. Auch Israel würde dann nicht mehr das Land sein, in das man sich gerne begeben würde, sei es aus Wertschätzung oder aus Fluchtgründen. Wenn das zuträfe, dann wäre Israel nicht mehr „jüdisch“, und die Juden, die dort lebten, wären es auch nicht zur Gänze.

Und wir, die das Jüdisch sein weiter und immer weiter entwickeln, müssten schon überlegen, wann und wie wir nach Israel, mit Israel weiterleben, und viele von uns IN ISRAEL.

Ist das so unwahrscheinlich angesichts der Realität, nicht der Ideologie? Und den Hinweis auf Dummheit habe ich unter anderem gebraucht, damit wir Juden nicht abwechselnd als klug und dumm zugleich missachtet werden – und weil Musil schon Recht hatte.

Hannah Arendt & Dorothy L. Sayers – In Potsdam

am 3. Juli fand im Rahmen des Literaturfestivals Potsdam ein Doppelabend statt: Zunächst

Anpassung oder Autonomie? Thomas Meyer: Hannah Arendt: Die Biografie, Über Palästina von Hannah Arendt Natan Sznaider: Die jüdische Wunde. Lesung und Gespräch Moderation: Miryam Schellbach

Nach einer Pause: Dietmar Bär liest Dorothy L. Sayers Moderation: Denis Scheck​.

Da ich kein Literaturkritiker bin und nicht in der Lage, die Kritik der kritischen Kritik zu AutorInnen und ihren Interpreten anzubringen, wozu schreibe ich dann dazu? DAS IST ES, spannend, wie man so einen Doppelabend verarbeitet, ich sage nicht verdaut. Hannah Arendt beschäftigt mich seit Jahrzehnten, und schon deshalb hatte mich der Dialog zweier Autoren interessiert. Die Bücher:

Thomas Meyer: Hannah Arendt: Die Biographie. Piper 2023

Natan Sznaider: Die jüdische Wunde. Hanser 2024

Beide Autoren sind gut besprochen, in den entsprechenden intellektuellen Blasen. Meyers Buch überrascht mich, denn es gibt viel Biographisches zu Hannah Arendt, und da ist der Titel schon anmaßend. Beide Bücher sind interessant. Und die Diskussion? Darüber habe ich während und danach schon nachgedacht, was einem an Form und Inhalt des Dialogs (gut moderiert) wie interessiert hat. Ich bin kein Arendt-Experte der ersten Reihe, aber ich bin gut mit denen vernetzt, die da wirklich sind – deren Erwähnung hat mir sehr gefehlt: vor allem Antonia Grunenberg, aber die 10 Autorinnen zu Arendt in meiner Bibliothek hätten schon neben den Piper-Namen ihren Platz haben sollen…aber gut, das ist ja auch eine Buchvorstellung. Inhaltlich fand ich das ganze eher gut, ob alles verstanden wurde, wenn man Arendt nicht genauer kennt, weiß ich nicht, aber es war schon von beiden gut zusammengefasst. Es ging letztlich darum, wie und warum jüdische Menschen (Juden also) beides sein wollten und konnten: universalistisch, human, aufgeklärt, und menschlich wie alle Menschen, und partikularistisch, also „Juden“, trotz allem, wobei das Alles natürlich nicht breit ausgeführt werden konnte. Hätten wir das diskutiert, wären wir schnell zu meinem Thema gekommen, der Differenz zwischen Juden und jüdisch, ethnologisch vs. kulturell und moralisch. Dass die Religion draußen blieb, war richtig, paradoxerweise hätte man es begründen können.

Die Diskussion, v.a. Meyer bezieht sich an das frühe Werk von Arendt zu Rahel Varnhagen. In der lexikalischen Beschreibung finden sich alle die Bezüge, die mir, siehe oben, gefehlt haben (https://de.wikipedia.org/wiki/Rahel_Varnhagen_(Arendt)). Aber die Weiterentwicklung der Konzepte in den 30er Jahren sind schon von großem Interesse für einen Einstieg in die Werksgeschichte von Arendt, die ja teilweise mit einem fatalen Missverständnis „nach Deutschland“ zurück charakterisiert wurde (Das war auf dem Podium gut dargestellt).

Also? Solche Veranstaltungen sind wichtig und sinnvoll. Mehr davon, und am besten mit Fragen und Diskussionen mit den Zuhörerinnen und Zuhörern. Mehr von Arendt.

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Nach einer Pause, mit Sonnenlicht, Wein und Begegnungen, dann Dorothy Sayers. Wer sie nie gelesen hat, hat von dieser Vorlesung von Bär nicht so viel, aber es ist schon spannend, wie vor hundert Jahren in die Krimiwelt eine andere Form von Klassenironie einzieht, als man gemeinhin gewohnt war und ist. Ich hatte Sayers gelesen, als ich vor mehr als 60 Jahren Bücher für meine Großmutter aus der Bibliothek holte. Die theatralische Beschreibung der britischen Klassenstruktur hatte sich lang anhaltend eingeprägt, seltsam nur, dass ich das alles nie als „Krimi“ verstanden habe. Zu langer Abstand zurück.

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Das reicht nicht, für mehr als einen Hinweis. Die Diskussion um Hannah Arendt hat mich weit in die Vergangenheit geführt, nach Freiburg und Marburg, und die frühe Begegnung mit Arendt war eine mit dem Namen, ich hatte begonnen, über Ernst Bloch zu dissertieren, und die Beziehung von Bloch zu Arendt wird später eine wenn auch marginale, so doch wichtige, als ich begonnen hatte, mich mit Arendt auch zu beschäftigen. Angeregt durch Antonia Grunenberg, die später nach Oldenburg kommen sollte, durch das Archiv, durch die amerikanischen Schlüsselorte (Bard College, New York). Aber ich habe eben in den letzten Jahren (Jahrzehnten) immer mehr von Arendt gelesen, manchmal auch etwas dazu geschrieben, und was mich an ihr bis heute fasziniert, ist eine Metapher, der Zwischenraum, zwischen zwei Polen, Thesen, Entwicklungen – und die Intensität, mit der sie Themen zu Begriffen machte, nicht selten contra der hauptsächlichen Auffassung. Natürlich der Eichmann-Prozess (Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, 1963). Die Kontroverse dauert bis heute. Aber für mich noch wichtiger ihre vielfältigen Auseinandersetzungen mit dem Antisemitismus, sekundär mit Israel (vgl. Israel, Palästina und der Antisemitismus, 1991; u.v.m.). Es beschäftigt mich bis heute – und lernen kann und will ich natürlich von ihrem Denktagebuch 1950-1975: aus diesen vielen Seiten kann ich immer wieder lernen, – und das führt mich zur Diskussion in Potsdam: es geht nicht darum, was sie denkt und sagt, sondern wie sie denkt. Ich habe auch viel darüber gelesen, wie sie mit und gegen Heidegger gedacht und gelebt hat, aber das muss und soll nicht im Vordergrund stehen, wenn sie vorgestellt wird und gar, wenn man sich mit ihr beschäftigt. Der Abend in Potsdam war sinnvoll um Menschen anzuregen, sich auf Arendt einzulassen, weil sie ja nicht über Klappentexte verstanden werden kann. Viele ihrer Freunde und Bekannten, Jaspers und McCarthy und… kann man (kann ich) von ihr aus besser verfolgen als im direkten Zugang. Jetzt stehen sie beide in meinen Regalen, Bloch in der Philosophie und sie in der Politik (sie wollte keine Philosophin sein), aber das ist fast trivial, beide waren fast alles.

Als der Abend an der Potsdamer Orangerie vorbei war, da klang sie nach und entfaltete Erinnerung an Texte (hätte ich sie doch in ihren letzten Jahren in New York kennengelernt, passé…), und was ich heute noch für mich ganz wichtig erachte, war ihre Wahrnehmung des Nachkriegs, NachNS, Deutschlands, das sich in früh schon, bei aller Entwicklung, den Illusionen auch hingab, die die heutige Debatte zu Israel so unerträglich schwierig macht.

P.S. Sayers wirkte anders nach: wie denkt man nach mehr als 60 Jahren an (zu) frühe Lektüre? Das hat mehr mit früher Biographie und wenig mit Text zu tun…