Gott blau-weiß

Eine schwierige Übung: ein Übermaß an Assoziationen, die ein einziges Foto und ein guter Zeitungsartikel ausgelöst haben, einzufangen in eine sehr spontane Improvisation zu einer ganzen Bibliothek. Impromptu.

Ein Bild: Dobrindt, Stoiber, Seehofer, Strauß-Angehörige…in der Kirchenbank knieend, verinnerlicht, die Augen offen oder weit gesenkt („eyes wide shut“). 2013, in Rott am Inn beim Gottesdienst zum Gedenken an F.J. Strauß (Die ZEIT #16, S. 43-44). Nun, was diese Menschen in jenem Augenblick glauben, ist unzugänglich, geht mich nichts an. Glaube ist unverfügbar. Aber so, wie sie da knien, verkörpern sie auch etwas anderes, Öffentliches, Religion. Die ist ein gesellschaftliches Ordnungssystem, wie Familie, Militär oder Finanzverwaltung, die ist verfügbar und geht mich, geht uns etwas an.

Ein Text: wie häufig, schreibt Thomas Assheuer dazu einen gut belegten Artikel. Seine These, den Unionsparteien, der CSU zumal, ist das Christentum ein Hindernis, eine Barriere auf dem Weg einer erneuten konservativen Wende zu einer ebensolchen Realpolitik. Mit einem Wort: diese Herrschaften können sich auf konservative, reaktionäre, bisweilen faschistische Texte berufen, aber nicht auf das neutestamentarische Christentum (jedenfalls in den meisten Fällen).

Da sich fast alle Religionen auf einen Gott, manche auf mehrere Götter, seltener auch Göttinnen berufen, muss man deren Existenz – und Existenzberechtigung – in Zweifel ziehen, wenn man ihre Herde betrachtet; da Gott (ich lass es beim Singular) die Konstruktion von Menschen ist, muss man fragen, welcher Gott sich solche Anbeter gefallen lässt. Die Antwort: jeder, solange seine Gefolgschaft genügend Herrschaft ausübt, um ihre Gegner auch im Namen dieses Gottes zu unterdrücken.

Keine Angst: die Theologie überlasse ich hier anderen, und über bestimmte Auswüchse des Christentums habe ich mich schon zur Garnisonkirche ausgelassen. Mir ist die öffentliche Ausstellung von Frömmigkeit durch die CSU Granden eher ein Anlass zu einer Reflexion, warum die Bayern sich einen so kleinen, blau-weißen Gott ausgesucht haben. Ich bin über das Bild nicht hinweggekommen.

Das Umfärben Gottes hat eine lange Tradition. Auch das nationale Bemalen der angeblichen Quelle aller gesellschaftlichen oder politischen „Werte“. Die Trias „Für Gott, Kaiser und Vaterland“, von der Potsdamer Garnisonkirche bis zu den Hackfleischfratzen der chargierten Verbindungsbrüder ist ein Hinweis auf die Einbindung Gottes. Und jetzt schaue ich da auf die knieenden Statthalter der Reaktion, wie sich vor aller Augen – mit eigenen gesenkten oder auf Fernsicht gestarrten Augen – präsentieren. Zu Ehren eines verstorbenen Menschen, der jedenfalls was seine erfahrbare Geschichte angeht, nicht aus Frömmigkeit der Politiker war, der er wirklich war. Sind es seine Werte, die mit dem christlichen Anstrich den hier ausgestellten Bayern Anerkennung und Autorität verleihen sollen?

Was kümmerts mich, den nicht-christlichen jüdischen Spötter? Es bekümmert mich tatsächlich, dass die heruntergekommene religionsaffine Verhaltensweise dieser Leute einer nicht kleinen Öffentlichkeit demonstrieren soll, hier säßen noch Repräsentanten von echter, nachvollziehbarer Frömmigkeit, durchdrungen von den richtigen Werten. (Ein kleiner Hinweis zu Assheuer: oft verweist er auf das Evangelium mit seinen Werten, wo aber Tugenden gemeint sind, und gerade an denen fehlt es ja den Dobrindts und Seehofers…). Mich kümmerts, weil das christlich-jüdische Abendland in Stellung gebracht wird gegen die Umvolkung durch Islam und andere, nicht christliche Einwanderer. (Der Flüchtling, der hier ankommt, ist kein Flüchtling mehr, seine oder ihre Flucht sollte hier zu Ende sein!).

Es ist eben nicht richtig, wenn sich Glaubensüberzeugung und Realpolitik gegenüberstehen, und letztere gewinnt, gewinnen muss…oder aber, wie beim Schwangerschaftsabbruch oder Beschneidung oder bei der Auslegung der Samstag/Sonntagsruhe, unmenschliche Züge im Namen von Grundüberzeugungen annimmt, die man gar nicht hinterfragen kann.

Politik kann, darf, soll mit Glauben nichts zu tun haben. Sie kann, darf, soll Religionsausübung in die Freiheitsrechte hineinnehmen, aber nirgendwo von ihr geleitet werden. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber bei uns seit der ewigen Zahlpflicht aus der Enteignung von Kirchengütern schon ganz schön verschwiemelt.

Die Tugenden, die aus dem Glauben kommen (können), sind bei vielen Politikern in ihrer Praxis präsent und bemerkenswert. Die dahinter stehenden Werte sind, ähnlich wie bei Glaubensüberzeugungen, kaum direkt abfragbar, aber doch genauer zu hinterfragen.

Warum lassen sich die frumben Bayern beim Gedenken so fotografieren, wie sie es getan haben? Weil sie Politik machen, die den toten FJS ohnedies nicht erreicht. Weil sie sich auf Kataloge beziehen, die dem Volk, wenn nicht egal, so doch zweitrangig sind, wenn es um das richtige, das gute Leben geht.

Dazu wird der bayrische Gott blau und weiß umgefärbt, der gesamtdeutsche Gott ist da etwas komplizierter. Europa, das ist eben nicht das Abendland, und die Farbe seiner Götter hat eine andere Geschichte – und vor allem Zukunft.

Eine seltsame Auffälligkeit: wenn wir die nationalistische Kurzformel der Erklärung 2018 genau besehen, ist sie keinem christlichen Wert und keiner daraus abgeleiteten Lebenstugend zuzuordnen. „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“ https://www.erklaerung2018.de/[1] Nein, die bayrischen Beter haben das nicht mitverfasst; viele von ihnen sind mit der konservativen CD/CS-Fraktionierung vielleicht auch nicht einverstanden. Aber dann sind da die Grenzen unseres Landes, also auch die bayrisch-tschechische, bayrisch-österreichische Abfanglinie, die ja wahlkampftaktisch eine eigene Truppe fordert, damit „die rechtsstaatliche Ordnung“ wieder hergestellt wird. Die längst von den frommen Betern angegriffene Deformation des Rechtsstaats wird in der Kirche von Rottach nicht gerechtfertigt. In der bayrischen Praxis, im „Volk“, werden die Menschenrechte und die Geflüchteten oft viel besser behandelt als die gen Himmel gedrehten Augäpfel der CSU Granden und ihres Patrons befürchten lassen. Das lässt hoffen, dass der Gott der CSU mit dem Abendland und Europa doch nichts zu tun haben will, und Grenzen schon gar nicht.

Was hat das mit dem Bild zu tun?

Wie gesagt, dieser Blog ist auch ein Impromptu. Aber das kommt nicht aus dem Vagen, Ungefähren, sondern ist schon fundiert. Damit ein Foto mich rührt und berührt, bedarf es einigen Inhalts und einer starken Rezeption. Die betenden Christsozialen rühren mich nicht. Aber schon 2013 betreiben diese Charaktermasken eine Art christlicher Selbst-Bildstockisierung, in Österreich sagt man „Marterl“ dazu.  Ich würde meiner Abneigung gegen den bayrischen Sonderweg nicht weiter nachgeben, diese Grenzgänger zur AfD und anderen Rechtsextremen kann eine Demokratie schon verkraften…hoffentlich. Nun ist aber der fremde Blindgänger Seehofer Innen- UND Heimatminister, und schon droht er mit Lagern für Flüchtlinge. Und da platzt mir der Kragen: heute früh im DLF konnte man empathische, mitleidige, praktische und einfach verantwortliche Bayer*innen (zum Thema Bamberg) hören, die für die Linie der Landesregierung und des Bundesministers wenig Verständnis haben und sehr kundig in den Details der Situation sind. Die haben einen andern, einen besseren Gott als die Knieenden.

Das Bild wird sich einprägen. Der Kontext wird dynamisch bleiben. Und FJS wird aus dem Nirgendwo nichts  hinzufügen, das die Liddeckel klappern lässt.

[1] Die Gegenerklärung findet sich im Blog „2018 – Konfrontation und Antwort“ vom 12.4.2018: Die Menschenrechte enden an keiner Grenze dieser Welt. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Armut in unserem Land Zuflucht suchen, und wenden uns gegen jede Ausgrenzung.

 

 

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