Finis terrae XXII: Ökologische Diktatur oder demokratischer Untergang?

erst habe ich mich umgebracht.

dann bin ich wieder aufgewacht.

dann habe ich mich umgebracht.

dann bin ich wieder aufgewacht.

dann habe ich mich umgebracht.

dann bin ich wieder aufgewacht.

 

dann habe ich mich umgebracht.

(Ernst Jandl 1964)

 

Eines meiner wichtigsten Gedichte. Und eine Vorausschau auf Politik und Wirklichkeit, nur ein halbes Jahrhundert später.

*

Wir bringen uns um und gewöhnen uns an das Wieder-Aufwachen. Ihr erinnert euch, warum ich Teile meines Blogs „Finis terrae“ nenne. Es gibt keinen hinreichenden Grund anzunehmen, dass die Menschen den Planeten überleben oder ihm aussterben. Es gibt gar keinen Grund, ein Jenseits zu unterstellen, das nach dem Sterben eine andere Form bewussten und personifizierten Weiterlebens erwartbar macht. Aber es gibt einen Grund zu wollen, dass unsere Kinder und Enkel, vielleicht noch Urenkel, ein gutes Leben zu Ende leben. Ob es danach weitergeht, kann uns bekümmern, muss aber nicht – würde die Enkel bekümmern, wenn die Kinder hätten usw. Aber bleibt auf dem Boden.

Wir bringen uns um.  Ob das so ist, weil uns unsere Produkte überholen – kann sein. Viele haben das durchdacht, Thema mit Variationen – die gleiche Antwort: so ist es. (Jürgen Mittelstrass, Yuval Harari, Bruno Latour). Die Methoden dieser Vorschau sind unterschiedlich. Andere hoffen auf Zeitgewinn durch Anpassung. Das mag relativ funktionieren, aber in unumkehrbar kurzen Zeiträumen.

Die Klimaveränderung bringt uns um, das ist sicher. Wir könnten uns auch anders umbringen, durch einen Atomkrieg oder globale Krisen, die Hunger und Gewalt in eine unhaltbare Entwicklung gebracht.

Nun können wir sicher an der Verlangsamung der Folgen des Klimawandels mitwirken, wobei das individuelle Verhalten einen kleinen Sektor gegenüber dem großen Sektor der Politik ausmacht. Individuell bedeutet das eine Remoralisierung des subjektiven Verhaltens und einen Eindruck auf die politische Ethik.

(Wenn solche Verhaltensänderungen in großem Stil, also landesweit, vielleicht EU weit kämmen, wäre das noch immer zu wenig, aber es hätte mehr als symbolische Wirkung:

  • Keine Binnenflüge
  • Kein PKW, der schneller als 110 km/h fährt
  • Sofortige Abschaltung aller fossilen Energieproduktion

Wir kennen die Liste, und wenn sich die Regierung, Lobbys, große Teile der Industrie und Wirtschaft, auch der Gewerkschaften verhalten, als wäre das alles „kompromissfähig“, dann ist es als würde nichts geschehen).

Die beiden Einwände sind schlicht dumm und sollten politisch bekämpft werden:

  • Innenpolitisch ist das Argument „Arbeitsplätze“ so blödsinnig, dass man darauf nur mit Verve reagieren kann. Die Arbeitsplätze der umweltvernichtenden Produktion sind in Summe so wenig, dass ihre Umverteilung kein wirkliches Problem darstellen. (Selbst in der Autoindustrie). Und dass das Überleben der nächsten Generationen auch davon abhängt, dass zum Beispiel der PKW Export auch auf die Kinder und Enkel der Arbeitenden durchschlägt, steht außer Frage).
  • Außenpolitisch ist das komplexer: wie kann ein Land etwas bewirken, wenn es alle anderen Länder nicht machen? Zum einen machen es doch viele Länder gegen ihre Zentralregierungen (California gegen Trump…), und starke Volkswirtschaften ziehen hier schwächere mit sich. Aber das ist natürlich ein Problem, wie man Paris und Nachfolgeabkommen stärkt.

 

Entscheidend ist nicht nur Verhalten der Individuen. Auch ihre politische Aktivität ist maßgeblich, Wahlen, Volksentscheide und vor allem Interventionen in den öffentlichen Raum hinein. Manche Parteien machen das besser als andere, manche Regierungen, Unternehmen auch.  Dazu gibt es ein „grünes“ Umfeld, nicht einfach eine grüne Partei, eine gesellschaftliche Bewusstheit des sich abzeichnenden Endes. Apokalypse ? Mag sein, wenn meine Prämissen stimmen, ist das egal. Danach kommt gar nichts mehr. Was mich interessiert, ist etwas anderes: wenn, nur wenn,  wir die Zeit zum finis terrae nutzen können, für unsere Kinder und Enkel, was wollen wir,  dass die erleben können, was sollen sie noch sehen, das wir gekannt haben, was müssen sie wohl abschreiben und in die Legenden verlagern, was ist unerlässlich? Diese Fragen führen in einen ambigen Konflikt: wenn wir uns über die Umweltpolitik einig wären – was möglich und vielleicht wahrscheinlicher wird – wie handeln wir dann, ohne unsere demokratischen und republikanischen Grundrechte, Freiheiten und Menschenwürden zu gefährden? Lässt sich die Abwendung von Klimawandelfolgen demokratisch und im gesellschaftlichen Konsens durchsetzen, oder muss es erzwungen werden?

Stellt euch einmal die illiberale ökologische Demokratie modo Orban oder Trump vor.

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