Tot, gestorben, Tod, weg…

Jetzt kommen sie, die Feiertage der KONSTRUKTIVISTEN. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, Volkstrauertag, … nur keine  Panik. Hä – Konstruktivisten? Was soll denn das?

Ich sags ja immer: der Tod ist eine Konstruktion, nur das Sterben ist wirklich.

Zur Einstimmung:

„Zu Allerheiligen gedenken viele der Verstorbenen, an den eigenen Tod denken die meisten Menschen aber nur ungern. Israelische Forscher haben nun sogar herausgefunden, dass uns das Gehirn davor schützt, zu sehr über das eigene Dahinscheiden nachzudenken“ (https://orf.at/#/stories/3142789/) 1.11.2019

Das ist ja richtig: wie man unsägliche Schmerzen, absurde Halluzinationen, Verblendungen gegenüber dem eigenen Körper und eine finale Unerträglichkeit durchlebt, stellt man sich ungern vor. Aber drüber nachzudenken, wie man den Gestorbenen nachtrauert, wie sie einem fehlen werden oder wie froh man ist, dass wenigsten sie nicht mehr leben, – darüber hat sich unsere Kultur in Jahrtausenden entwickelt. Ohne Liebe und Tod gäbs kaum lesenswerte Literatur oder Kunst oder Themen, die das Leben begrenzen oder seinen Rahmen füllen.

Kennen wir alle, und gehen damit nicht allzu unterschiedlich um. Die große Spaltung allerdings gibt es wirklich: die einen glauben daran, dass „Tod“ der Begriff ist, der dieses Leben von einem künftigen scheidet; d.h. dass es ein Weiterleben, verklärt, als Wurm, als erlöster verklärter Leib oder als gemarterter Körper, als Seele, als Widergeburt, etc. geben wird. Und die anderen glauben, dass Tod eine Gleichung ist: Tod=Nicht, Tod=Nichts, jedenfalls Tod=aus.

In der Schule erklärte uns ein Lehrer, dass Tod noch irgendwie lebt, bei tot ist man wirklich tot, gestorben. Darum gibt es so viele Personifikationen des Todes, v.a. im religiösen Bereich, in der Kunst. In Österreich allerdings unterscheidet man im Alltag nicht zwischen t und d…da ist man nie wirklich tottt.

In diesen Tagen gibt sich die Medienlandschaft todes- und friedhofsaffin, Philosophinnen werden bemüht, uns die Vergänglichkeit und das „Respice finem“ (denk an das Ende) wieder näher zu bringen, weil wir es so gerne verdrängen? Ich glaub das nicht, wir verdrängen  nur ganz hauchdünn unter der empfindlichen Lebenshaut, und es bräuchte mein Finis terrae nicht, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass der Tod der Spezies den milliardenfachen Sterben der einzelnen Menschen durchaus nicht fern liegt.

Ihr merkt, ich bin genervt. Im Jüdischen gibt es wenigstens vor und nach Yom Kippur freudige und hoffnungsvolle Feste, in unserem Kulturraum herrscht die reaktionäre Anschauung vor, dass, wenns draußen kalt und neblig ist, man ruhig auch Einkehr und Besinnung auf sein Ende pflegen dürfte, nichts da, munterer Gesell im Everyman, im Jedermann, Tänze auf dem Vulkan und Orgien kurz vor Morgengrauen, bevor der Henker kommt.

So sind wir also.  Der Völkermörder Erdögan lässt in Syrien sterben, sein Kontrahent ist ein Verbündeter beim Morden, Assad, seine Protektoren sind Verbündete von Russland bis zu den USA. Da tut es offenbar gut, hinter dieser großen, globalisierten Wirklichkeit das Sterben in der Familie, am Ort, im Umkreis einer Lebenswelt aufzusuchen, quasi als Trost: irgendwann stirbt auch Trump (hoffentlich) und alle seine Spießgesellen (hoffentlich). Eine politische Litanei zu Allerheiligen könnte statt der kalendarisch nicht erfassten Seigen und Heiliggesprochenen eine Liste derer herunterklagen, deren Ende man sich sehnlicher herbeiwünscht als das aller anderen Menschen. Die Politik des Sterbenlassens um der Prinzipien der Machterhaltung willen ist so furchtbar wie die Haltung des Sterbenlassens, um den eigenen Lebensstil, um seine Haltung zu bewahren. Ihr merkt, ich bin genervt.

Die christlichen Kirchen gedenken der Toten, schön unterschieden in Märtyrer, Kriegstote, Alltagstote usw. um den noch Lebenden klar zu machen, ohne Vorstellung von ewigem Leben hat dieses rituelle Brimborium  schon gar keinen Zweck mehr, Leben  aufs Totsein hin, und selber aufwecken kann sich ja keiner. Dass da noch eine unordentliche Gerichtsbarkeit eingefügt wird – dies irae, dies illae… – kommt noch dazu, man muss sich jetzt schon fürchten vor dem, was kommt, weil man sich ja sicher in der Mehrzahl der Verdammten weiß. Modernistische Kirchenmenschen haben das natürlich im Seminar längst überwunden, aber das kommt beim Ritual noch lang nicht an.

Mir ist das ewige Leben aller mit, neben, vor mir Lebenden in der Erinnerung lieber, die Gedächtnisleistung, die auch nicht so einfach zu erbringen ist (Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist….einmal anders). Das ist insofern nicht trivial, weil wir uns am Grab noch so tränenreich das Niemals-Vergessen zusichern, um es doch mehr oder weniger schnell in unser Weiterleben einzubauen. Zu den Selbstmördern sagt Améry (Jean): Recht haben die Überlebenden. Wir.

Wir haben Recht, damit aber müssen wir denen, die das Überleben gefährden oder unmöglich machen, Widerstand entgegensetzen. Moralisch ist das einfach. In der Politik kann man leider nicht all diesen Mördern das Gespräch verweigern oder die Drohung, nur darf man nicht in einen gleichberechtigten Dialog mit den Trumps, Putins und Erdögan eintreten, man muss ihnen als Überlebende gegenübertreten, ihnen, die schon Zombies sind. Das ist im Privaten leichter, zugegeben. Aber wenn die Politik vor den mächtigen Henkern sich beugt, bitte nicht: hündisch, auch wenns den Eindruck macht, siehe den letzten Blog, und wenn sie auf die formale Beziehung verweist, weshalb sie nicht schärfer vorgeht, dann ist das wie bei einer Ehe, die längst entzweit ist, aber man lebt noch im gleichen Haus und benützt das gleiche Klo…G 20 zum Beispiel, oder NATO oder…

Ich habe jedes Jahr um diese Zeit die gleichen Gedanken, und an den Gräbern der Kriegstoten spaltet sich die Erinnerung so auf wie beim Gedenken an die verstorbenen Menschen, die man gekannt, geliebt oder gehasst hatte. Es ist so ähnlich, wie man auch seine Elternbeziehung nicht auf den Muttertag oder den besoffenen Vatertag reduzieren kann, oder wie wenn man an Yom Kippur das Ende des Versöhnungstags nicht abwarten kann, um wieder zu…leben, wie es ein Witz sagt.

Also, Friedhöfler aller Länder und Varianten, lasst mich in Ruhe mit den Gräberfahrten, gerade an den angezeigten Tagen, und denkt an Catull: „Vivamus, mea Lesbia, atque amemus…“ Für meine Übersetzung dieses Gedichts hatte ich in der Schule eine schlechte Note und beinahe eine Ohrfeige bekommen, aber ich lebe.

 

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