Abwesende Götter

Habt ihr gestern, 5.1. ferngesehen. Donald Trump mit geschlossenen Augen betend? (Bill Clinto hinter ihm – das ist ein anderes Kapitel). Zwischen zwei Tweets vorgeblich zum Herrn gebetet. Entweder jeder ist das Ebenbild Gottes, dann auch er, oder keiner, der nicht Gott konstruiert aus seinen eigenen Eigenschaften.

Geduld.

Es ist ein alter Hut, dass Gott nie dort war, wo man ihn am flehendlichsten angerufen hat, wo man gebetet und gehofft hatte, ER oder meinetwegen SIE würde eingreifen, wenn alle menschliche Vernunft und Handlungsfähigkeit am Ende ist. Der Alte Hut verbirgt sich über Turban, Kippa und Käppi, über Nikab und Kopftuch, über jeder Glatze.

Beginne ich das neue Jahr der Christen mit einer Gottesverunglimpfung, kann ich mich noch immer darauf hinausreden, Rosh Hashana, und alle andern Neujahre fallen auf andere Tage. Und warum auch den Hut aufwärmen, schlechte Metapher und sinnlos verengter Zugang zu einem Thema. Das mehr ist als ein Thema.

Spotten kann man leicht, wenn es nichts mehr ändert: Der Körper bricht zusammen oder wird zusammengebrochen. Und bleibt, als große Zahl von Molekülen überall verteilt. Nicht die so genannte Seele oder der so genannte Geist sind ewig, sondern unsere Grundbestandteile.

               Das war Nachhilfe in Gottesleugnung auf niedrigem Niveau und in einfacher Sprache.

Wozu ich das mache?

Die Abwesenheit Gottes in Auschwitz – pars pro toto, KZ, Gulag, etc. – hat den Glaubensfundamenten noch mehr geschadet als jeder Religionskrieg. Denn Auschwitz war wirklich. Deshalb ist es wirklich, weil erinnerte Wirklichkeit, deren Verdrängung sich noch deutlicher hervorbringt als jede „Leugnung“, eben nicht vergeht.

Wozu ich das mache?

Normaler Atheismus oder Agnostizismus sagt, es rettet uns kein Gott, noch Kaiser, noch Tribun. Er sagt, dass wir letztlich für alles verantwortlich sind, weil Gott bestenfalls richtet, aber nicht eingreift (so sie an Gott glauben). Auch führt die soziale Ordnungsmacht Religion Kriege, aber sie beendet sie nicht.  Nun sagt aber auch die weltliche Vernunft, dass wir Menschen fähig sind, kontra-faktisch, unethisch, amoralisch und einfachdumm und falsch zu handeln. Die Anthropologie und die Wissenschaft von den Motiven unserer Handlungen können das, auch in einfacher Sprache, dar- und auseinanderlegen.   

Das wird keine Predigt und keine Theo-Logik. Das wird Politik.

In diesen Tagen frage ich mich immer wie wir mit ambigen oder mehrdeutigen Situationen umgehen können und sollen? Nicht nur als Analysten und Zuschauer einer Politik, die wir nur indirekt beeinflussen können.

Erdögan unterstützt die von den VN und uns anerkannte Regierung in Lybien. Er wird darob aber nicht gelobt, weil er jetzt Truppen zu ihrer Unterstützung sendet; der Insurgent Haftar wird von Frankreich, Russland und Ägypten unterstützt. Erdögan fährt eine ambivalente und höchste einseitige Flüchtlingspolitik. Erdögan kauft wichtige Waffen bei den Russen und nicht im Westen. Erdögan hat die türkische Justiz ziemlich ruiniert, untergräbt die demokratischen Grundrechte und beschädigt den säkularen Staat. Die Türkei ist deutscher Verbündeter in der NATO.

Man braucht keinen Gott um festzustellen, dass diese Gemengelage nicht linear und eindimensional aufzulösen ist. Aber Erdögan beruft sich auf seine Gottesvariante und findet damit teilweise Anklang.

Die Muslime in Myanmar werden von den Buddhisten grausam verfolgt. Die Buddhisten sind nur in westlichen Esoterikerkreisen als durchgängig friedlich gepriesen und haben eine lange Geschichte religiös inspirierter Grausamkeit bzw. Indifferenz. Die Muslime werden auch zunehmend von Modis nationalistischer Hindupartei in Indien unterdrückt, die Religion dient zur Absicherung absolutistisch werdender Herrschaftsansprüche.

Die Islamisten sind doch Muslime? Sie instrumentalisieren berechtigte Ansprüche der Palästinenser, verfolgen Christen und Abweichler in Pakistan, sind bis zum Exzess unduldsam im Konflikt Schi’a und Sunniten, und versuchen in Deutschland, unter Hinweis auf Religionsfreiheit, die Grundregeln des gleichberechtigten Zusammenlebens zu destabilisieren.

Nun müssen  wir zugunsten Muslime in Myanmar und Indien Politik machen, und wir müssen ebenso, und mit den gleichen Argumenten, den Exzeptionalismus islamistischer Ansprüche in die Schranken des Rechtsstaats weisen (aber nicht mit den diskriminierenden Argumenten der nationalen und ausländerfeindlichen Rechten)

Man braucht keinen Gott, um diese Ambiguität zu verstehen. Aber wie sie auflösen?

Das Argument der Ambiguität kann ich auch auf die ultra-orthodoxen jüdischen Israeli oder die klerikofaschistischen Polen oder den kreuzkerzenschwingenden Putin mit seiner Orthodoxie anwenden. Es gibt überall Kritik an und Widerstand gegen diese Fundierung von Politik durch Religion, aber auffällig ist, dass die Vorsicht bei der Religionskritik sehr viel größer ist als bei säkularen Ideologien, obwohl die Wirkungen der Religion oft viel nachhaltiger und tiefer greifend sind als die anderer Dogmen (Nebenargument: Zivilreligiöse Ideologien).

In diesen Tagen ist Gott allen und allem ungefähr gleich fern: den Buschfeuern in Australien, von Premier Morrison und seinesgleichen indirekt selbst gelegt, wenn auch nicht entzündet; den Überschwemmungen in Indonesien; dem hoffnungslosen Aufbegehren der Protestierenden in HongKong (wobei dort der Stern der Hoffnung USA heißt, kann man s ihnen verdenken?). Die Liste ist endlos. Gesellschaften und Journalisten unterscheiden sich in unterschiedlichen Gewichtungen der Situationen, aber nicht oder selten in ihrer Wahrnehmung.

Iran, Trump, Irak…da muss man genauer hinschauen, nicht zum augenschließenden Nariss beim Gebet, sondern auf die Geschichte der drei Mächte in den letzten Jahrzehnten, Schicht für Schicht.

Zuvor eine etwas härtere Attacke: die deutschen Politiker und Medien verschwenden wenig Zeit auf den Konflikt, sie wollen partout die USA nicht herausfordern. Im Klartext: eine Diktatur wie der Iran wird angegriffen (mit besseren und schlechteren Argumenten), eine im Absturz befindliche Demokratie wird nicht kritisiert, sondern im Vertrauen auf ihre Übermacht geschont. Das setzt – Frau von der Leyen! – also Trump mit Solimani gleich, und seine Unmoral mit dessen Unmoral. Das dürfen Gesundbeter tun, aber keine PolitikerInnen. Nur zur Erinnerung: es war Trump, der das Atomabkommen zerstört hat, und wenn er jetzt nicht versteht, warum der Iran sich aus diesem Abkommen total zurückzieht, dann spricht das eben für sein pathologisches Nicht-Denken. Aber die Pathologie eines Einzelnen erklärt nur einiges, nicht alles. Wer die Anhänger Trumps bei seinem gestrigen Auftritt gesehen hat, muss Analogien zu den Kundgebungen in Teheran und Bagdad wenigstens überprüfen.

Und wen stellt Gott auf die Probe?

Ich möchte ja nur erreichen, dass Widerstand sich regt gegen die Einbeziehung Gottes als eines unsichtbaren und unempirischen Spielers in einigen der Big Games. Das ist natürlich zunächst eine Frage des Diskurses und hat wenig damit zu tun, was einzelne Akteure bzw. ihre Machtinstrumente tatsächlich tun, wie sie handeln. Mit dem Bezug zu Gott wird nämlich eine „Unbekannte“ in alle denkbaren Formeln eingebracht, die den Einbringer schon vor der Handlung entlastet. Aber denken wir an die Slogans seit den Kreuzzügen…da nehmen sich die Gottredner nichts. 

*

Da Gott bei allen Katastrophen der Menschheit nicht anwesend, nicht aktiv war, sollte man ihn/sie nicht jetzt anders als den Begriff bestimmter Diskurse bedenken. Dann kann man die religiöse Fassade der Nationalismen und der ethnozentrischen Ungleichbehandlungen leichter zerlegen, was dringend notwendig ist. Die Hypothese ist, dass Friedensdiskurse wahrscheinlicher sind, wenn der Bezug zum Absoluten nicht mitverhandelt wird.

Glauben kann jeder weiterhin, was er oder sie will.

Nachsatz: wann beginnt die jetzige Krise mit und um den Iran? Fangen wir doch bei Mossadegh an, und analysieren wir die Strategien der Spieler seither.

Nachsatz: wann beginnt Erdögan und die AKP sich von der Integration nach Europa abzuwenden? Fangen wir bei der Ablehnung christlicher Volksparteien gegenüber einer Mitgliedschaft der Türkei in der EU an.

Das geht bei allen Konflikten, in denen es keinen Sinn macht einen weiteren Spieler aufs Feld zu schicken, der doch nur unser Ebenbild ist.

3 Gedanken zu “Abwesende Götter

  1. Ich stimme Dir voll zu, Michael. Es gibt eine Ausnahme, wo Gott unbedingt in Betracht gezogen werden muss: Im Fußball. „Die Hand Gottes“ – la mano de Dios“ hat Diego Maradona zu einem Tor verholfen.
    Rainer

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  2. Aber wie kommen die Menschen an solche Metaphern? Wenn wir nicht an uns selbst glauben, dann schieben wir es auf ein Wunder. „Will kein Gott auf erden sein / sind wir selber Götter“ (Müller, Schubert in der Winterreise)

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  3. Ein guter Freund hat sich mit dem Problem der Kontingenz der Welt und der Sinngenesis befasst und ist dabei bei J. Habermas auf eine einleuchtende Formulierung gestoßen, wie man Welt und Geschichte ohne Gott verstehen kann:
    „Wenn die natürliche Welt, in der die menschliche Gattung ihr Leben erhält und führt, als ganze kontingent ist und ihren Logos nicht sprachlos in sich selber hegt, ist die Geschichte in der Tat der Prozess einer nachgeholten Schöpfung: auf dem Boden der Natur, in der natürlichen Welt über sie hinaus ist sie die Bildung der Menschenwelt durch die Hand des Menschen selbst….“ (J. Habermas 1967).
    Da ist in der Tat kein Platz für einen Gott – und „wir selber“ auch keine „Götter“!
    Aber solange der Staat die politische Ordnung von Gesellschaften ist, in denen Religionen glaubensmächtig sind und große Teile der Gesellschaft im Griff haben, wird die sehr sinnvolle Forderung von Friedensdiskursen ohne den Bezug zum Absoluten in diesem Laboratorium möglichen Heils (oder Unheils) eine schale Hoffnung bleiben.

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