Anlass und Ergebnis: Paris

Ein Reisebericht

Paris: 60 Stunden, Anlass und Ergebnis

1.

Der deutsche ICE beschleunigt nach dem Grenzübertritt auf 320 km/h, was man sich im eigenen Land nicht zutraut. (Auf der Rückfahrt ist die Verlangsamung kurz vor Saarbrücken besonders auffällig). Ansonsten habe ich an der Fahrt im vollbesetzten Zug fast nichts auszusetzen, was meinen Freund Tom verwundert, weil ich Pofalla für den Schreckens des deutschen Verkehrs halte…

La douce France, kaum Dörfer, endlose Landwirtschaft, kaum Wälder. Man kann auch von hier die EU-Agrarpolitik bereden. Irgendwann beginnen die Vorstädte von Paris, es ist der Eintritt in eine andere Welt. Keine Phrase, denn: schlagartig sind die Erinnerungen an die 1970er, 80er Jahre wieder da, als ich oft, meist beruflich in Paris war, aber auch das Umland kennengelernt hatte, und die schattigeren Seiten dieser Stadt. Davon jetzt nichts, nur wenig ist sichtbar.

II.

Warum jetzt nach Paris? Wie viele andere wollten wir den verhüllten Arc de Triomphe sehen. Und wir wollten die Sammlung Morozow sehen, die im Museum der Stiftung Louis Vuitton gezeigt wird. Vorab: das zweite Erlebnis übertrifft für mich den ersten Anlass bei weitem, das war nicht zu erwarten gewesen, aber gut so.

Wir kommen kurz nach 18 Uhr an der Gare de l’Est an, es ist noch hell, wir gehen ein paar Kilometer zu unserem Quartier, man durchquert einige soziale Zonen im weißeren Teil von Paris, aber auch hier unvergleichlich mehr Nichtweiße und eine uns weniger bekannte Normalität. Für mich ein sehr gutes Gefühl des raschen Wiedererkennens bestimmter urbaner Perspektiven, die nicht benannt werden müssen, um zu wirken. Das Gelände steigt zur Place Pigalle an, von dort keine hundert Meter steil den Montmartre hinauf in der rue Houdon zu unserem Hotel. „Luxelthe“, Billig, sehr sauber, sehr einfach, mehr braucht man ja nicht, ruhig, vom Treiben auf der „sündigen“ Meile ist so wenig zu hören wie vom Balkon zu sehen. Nicht nur Covid hat das früher hektische Viertel beruhigt, wie wir spät abends merken, als wir von der ersten Inspektion des verhüllt Arc de Triomphe zurückkehren. Dahin fahren wir gleich nach Ankunft mit der U Bahn (2), nicht sehr weit, und schauen uns die Verhüllung bei Nacht an. Seltsam klein kommt einem das Monument am Rand der Schüssel – links gehen die Champs Elysées bergab, rechts geht’s runter zur Defense, steht schon gut in der Perspektive, aber eben, verglichen mit dem verpackten Reichstag, klein…Wir werden kontrolliert, wie überhaupt die Covidkontrollen recht dicht und die Menschen diszipliniert sind, fast überall…Ja, also Christo hat das gut gemacht, aber es dringt nicht ein. Dann wandern wir erst die Champs hinunter, so richtig exklusiv wird’s erst in den Nebenstraßen, die wir allmählich in unsere Richtung gehen, es dauert schon eine Stunde, rue de Rome, St Lazare, bvd. Clichy. Rund um die Place Pigalle hat kurz vor Mitternacht schon vieles geschlossen, Auch die zweite Vorstellung des Moulin Rouge ist vorbei. Aber man kann gut draußen sitzen und die Buntheit genießen.

III.

Die Stadt erwacht zwar früh, aber unsere Schicht gehört schon zur zweiten Schicht. Das klar definierte Frühstück, erstmal Sonne, und bergab geht’s in die teuren Viertel, ziemlich gerade zur Concorde und zur Oper. Mich freut es immer, wenn es kleine Geschäft in große Zahl gibt, erinnert eher an Wien als an Berlin, und mich wundert die rasante Fahrt der vielen e-Bikes, Vorsicht. Wir müssen im Louvre kaum anstehen, Wir konzentrieren uns auf die griechischen Skulpturen, v.a. die Nike von Samothrake, und die italienische Malerei, weiter Bogen um die Mona Lisa, da staut es sich. Caravaggio, Cellini. Der Endlosigkeit dieses Schlosses und seiner Sammlungen muss man sich entgegenstellen, nach zwei Stunden wieder raus, man geht da durch eine integrierte Einkaufspassage zur Pyramide zurück. Jetzt den Arc de Triomphe bei Tageslicht, gefällt mir besser, verführt aber nicht zu weiteren Interpretationen. Wir bekommen mehrere Quadrate des Verpackungsstoffes geschenkt, sehr massives Plastikgewebe. Weiter Richtung Defense, an der rue d’Orleans essen wir einen Snack und im anströmenden Regen geht es zum Bois de Boulogne, zur Avenue Ghandi, wo die Stiftung Louis Vuitton ihr neues Museum hat. Man kommt an einer Art Wurstelprater für Kinder vorbei und geht am Rand des Bois einen guten Kilometer. Die Karten sind bestellt, man steht eingeteilt in der Schlange und wird mit einem Schirm bedacht (die meisten Pariser haben ihren dabei), es schüttet. Pünktlich kommen wir hinein…Bevor ich das großartige Gebäude von Frank Gehry beschreibe, eine ideale Hülle für die Ausstellung, zu den „Icones de l’art moderne“, wie die Collection Morozow betitelt ist. https://www.fondationlouisvuitton.fr/en/programme : 8, Avenue du Mahatma Gandhi Bois de Boulogne, 75116 Paris,

Wenn man nach mehreren Stunden rausgeht, muss man wohl den 4 kg schweren Katalog mitnehmen…Die meisten der Bilder hat man nie gesehen, oder nur in Kunstbüchern. Es ist die Sammlung der beiden Brüder Ivan und Michael Morozow, (beide geboren 1870 bzw. 1871 und gestorben 1903 bzw. 1921); wirklich gesammelt und in ihren privaten Häusern präsentiert, die Revolution überstanden, heute verteilt auf die Museen Tretjakov, Eremitage und Puschkin. Bestens beschildert und kommentiert. So, das ist der Rahmen. Es war nicht überüberfüllt, man konnte alles in Ruhe anschauen. Und sollte es.

Was heißt schon „Impressionisten“. Einen besonderen Platz hat Pierre Bonnard, der auch einzelnen Räume gestaltet hatte. Monet, Sisley, Cezanne, ein paar Picassos, Matisse, Corot, Pissaro, Degas, Renoir … was so außergewöhnlich ist: die fast durchgängig besondere Qualität, man kann auch über der den Geschmack der beiden reichen Brüder nachdenken, die durchaus mit der Sammlung auch der Zeit etwas vorausgeeilt waren. Und ihre französischen Bilder und Skulpturen mit den zeitgenössischen russischen konfrontiert haben, die meistens nicht so gut waren, bis auf Ausnahmen, aber auch interessant im Kontrast. So, hier keine Kunstgeschichte, ich weiß nur als ersten Eindruck, dass mich die Bilder den ganzen Abend und die halbe Nacht nicht verlassen haben. Und – was ich nicht immer mache – den Katalog werde ich genauer studieren. Da kann man sich auch auseinandersetzen, was „sammeln“ und präsentieren bedeutet, und wie Stalin und die frühe SU damit umgegangen ist (Die „westliche“ Kunst…) und wie sich das alles erhalten hat:

Bei Gallimard, ISBN9782072904585, englisch oder französisch.

Das Gebäude der Stiftung hat durchaus rechteckige und quadratische Räume in einem sechsstöckigen Innenraum, der aber von einem Gespinst aus filigranen Stahl- und Holzkonstruktionen überbaut wurde, mit Gewicht und Gegengewicht, ein breiter stufenförmiger Wasserfall führt ins Gebäude hinein und man steigt von der Ausstellung im Souterrain systematisch nach oben, bis man im Freien steht und in die Konstruktion und die Umgebung schauen kann, selbst bei Regen schön.

https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Frank+Gehry+Louis+Vuitton , https://www.bauwelt.de/themen/bauten/Die-Konstruktion-der-Foundation-Louis-Vuitton-Frank-Gehry-Paris-2445253.html

Es lohnt, sich die Details und auch die Kritik des 2006 geplanten Gebäudes anzuschauen. Also, das war schon einmal ein guter Tag. Und die Tour ist durchaus weiter zu empfehlen, Bis zum Januar ist die Ausstellung zu besichtigen.

Naja, jedenfalls war das eine verdiente Müdigkeit, und der Regen hat auch aufgehört.

Das war die Reise mehrfach Wert. Regennass um die Ecke eingekehrt (Auffallend, wie stark das Bier den Wein zu Tisch verdrängt hat…), gutes Essen, aber ein wenig marginal unter der Wirkung der Ausstellung.

IV.

Am nächsten Tag steigen wir direkt von unserem Hotel den Berg hinauf, mit jedem Schritt mehr ins überlieferte Touristenmilieu von Montmartre und Sacré Coeur, man kann dem leicht entkommen. Es gibt eingesprengte kleine Parks, die Kirche St. Jean ist 1904 ein Unikat – das an die Kirche am Hohenzollerndamm in Berlin erinnert und nicht wegen der Schönheit, sondern wegen der Undefinierbarkeit interessiert. Natürlich teuerste Geschäfte, Gentrifizierung und Widerstand nebeneinander, viele Menschen schlafen auch hier auf der Straße und an den Stiegen, ein Zelt mit herumgeordneten Ausstellungsstücken gemahnt an Vernon Subutex (Und ich kenne von früheren Besuchen die Hinterseite nach Norden mit allen sozialen Problemen). Der Ausblick ist bestens, in die Kirche geht man besser nicht, und die vielen Hinweisschilder auf die öffentliche Toilette sind ein Irrtum: das schöne Häuschen ist geschlossen. Kaum ist man den Hauptwegen entkommen, noch immer sehr schön. Wir wandern weiter nasch Süden, die rue des Pyramides hat soviele gute Schokolade- und Käsegeschäfte, soviele Fleischereien, man möchte den ganzen Tag hier einkaufen, und wäre. Wir laufen den ganzen Weg, teilweise die rue Lafayette entlang, und vor dem Bahnhof genießen wir ein Kunstrasengärtlein – der ICE rast aus der Stadt, als hätte er eilig uns zuhause zu deponieren.

Ein Gedanke zu “Anlass und Ergebnis: Paris

  1. Moin Dax,
    Dein Reisebericht hat mir eine Riesenfreude bereitet. Vielen Dank für die Inspirationen, Verweise und vor allen Deine vor Neugier, Begeisterung und Genuß „funkelnden Reiseaugen“, die anstecken, selbst die Koffer zu packen… Erinnerungen an meine Erkundungen im 19. ARR., das in Nachbarschaft von „Utopia“ la Vilette reizvoll nach Umbruch stank… — der Parc des Buttes-Chaumont in Ruinenarchitektur vergangener Zeiten neben Postmodernem, Rottig neben poliert Modern, Arm und Reich in 1000 verschiedenen Farben, Formen und Sprachen. Eine Vielfalt an Gerüchen, Getön und Geschmäckern… Spannend wars, immer neue Erinnerungen erwachen.
    Kann es sein, dass der Arc aufgrund seiner vergleichsweise einfachen Form nicht die Wirkung wie z.B. auch die Pont Neuf erzielt? Die Brücke ist filigraner, sie hat mich damals totaaal beeindruckt, zumal das Verpackwerk begehbar war und man so drauf und so auch drin, damit Teil desselben, der Kunst sein konnte.
    Museen, die selbst Kunstwerke sind, finde ich sehr spannend. Oft sind sie allerdings für Kuratoren eine große Herausforderung, weil Außen- und Drinnenkunst in unerträgliche Konkurrenz zu geraten drohen. Danke deshalb für den bauwelt-Link.
    Ich habe schon einige Zeit Lust auf Paris, nicht zuletzt wegen der mutigen fahrradfreundlichen Bürgermeisterin! Du hast mich mit deinem tollen Bericht verstärkt in die Spur gebracht!
    Dicken Ostseegruß
    Gux

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