7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder
Schaut erstmal nach, mit religiösen oder ganz säkularen Gefühlen, immerhin: DER Feiertag. Nachdenktag.
Jom Kippur – Wikipedia; Jüdisches Lexikon Bd. III, Frankfurt/M. 1987, S. 310ff: Jom kippur;
Entscheidend in der Geschichte dieses Tages ist, dass ein Schulderlass durch Gott erst auf die Versöhnung der Menschen miteinander folgen kann und darf. In vielen Variationen.
Der Jom kippur-Krieg (6.-25.10.1973) begann am Feiertag. Auch hier kann man anfangen nachzudenken, was dieser Tag auf sich hat. Wer an diesem >Tag angreift, kämpft, sich verweigert.
Der 7. Oktober 2023 hat eine tiefe Kerbe gegraben. Zum Jom kippur bewegen sich auch andere mit aufklärenden Ideen, z.B. (New Israel Fund: Zu Yom Kippur: Rückblick auf den Jahrestag des 7.10. & Einladung zu zwei Veranstaltungen) und viele andere.
Aber das muss ich euch und Ihnen ja nicht erklären. Nur: heute kann man nicht darüber hinwegsehen, ohne an diesen Tag zu denken, wenn man schon an ihn gedacht hat.
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Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen des konkreten Feiertags gehört, ordentlich und kritisch zu unterscheiden: Judentum, Staat Israel, israelische Gesellschaft, Regierung, Zionismus, Palästina…Begriffe sind nicht einfach wegweisende Aufschriften. Wenn man hier nicht genau ist, versteht man den 7. Oktober nicht. Das Verbrechen der Hamas wird durch Einsicht in die Wirklichkeit nicht geringer. Auch die Vorgeschichte, die mehrere Schuldige kennt, entschuldigt nichts. Aber sie lässt uns verstehen, wie und warum es zu diesem Verbrechen gekommen ist, und Verstehen ist immer an Kritik und Selbstkritik gebunden.
(Hier gibt es eine Linie zu Jom kippur: wenn ich mich in der Familie, meinem persönlichen und sozialen Umfeld ent-schuldigen soll, dann fragt sich schon, wofür).
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Netanjahu, die Geschichte des Likud, die Zusammensetzung der israelischen antizionistischen Politik seit 1978, die faschistischen und ultrareligiösen Politiken der Siedler und Ultraorthodoxen gehören zusammen und sind nicht als weißer Elefant im Laden zu verkleinern. Sie sind teilweise, aber eben nicht kausal und dominant für die Verbrechen und Aktionen der Israelfeinde mit verantwortlich. Das ist auch Politik, und solange man es nicht weiß, kann man es nicht verstehen. Man muss es aber verstehen, um die Politik Netanjahus zu begreifen, der ja als kleiner Rechtsbrecher nicht einfach Weltpolitik machen konnte, auch wenn er das wollte.
Die Vorgeschichte und Erklärung des Handelns der Hamas, der Muslime in Israel und im Westjordanland, in den umgebenden Staaten, vor allem in Syrien, im Iran, auch das Handeln der Hisbollah wird, fatal und zu Unrecht, der Israelkritik eingeschrieben, weltweit, oft bei den UN, oft aus Halbwissen. Schon die Verlegung des Staates Israel und der Terrororganisation Hamas auf eine diskursive Ebene ist grauenvoll und teilweise wirklich ein Schutzschild für den Antisemitismus.
(Jom kippur: schau genau, wer woran wirklich schuld ist, und dort verhandle, bevor du die Überzeugungen verfestigst, wenn du dich in Schuldfrage plötzlich selbst siehst, als Einzelner, als Staatsbürger, Religionsmitglied, Überzeugungstäter usw. Das ist schmerzhaft).
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Ich schreibe das heute. Mit der aktuellen Geschichte und Politik Israels setze ich mich seit Jahrzehnten auseinander, seit einem Jahr ist das noch schwieriger geworden als es immer war, und jetzt geht es um noch mehr als je zuvor: nämlich die Existenz Israels und die jüdische Unversehrtheit. Warum es mich interessiert und betrifft, ist heute nebensächlich, aber ich arbeite schon länger daran. Das ist der eine Fokus, der andere ist die Empathie für alle betroffenen Menschen, da tritt das Jude/Jüdin-Sein hinter die Menschlichkeit. Die und Empathie müssen eine Waffe gegen den Antisemitismus sein.
(Jom kippur: Buße und Versöhnung. Beides hat wenig mit Glauben zu tun und wird von der Religion nur so gefasst, wie eben die Gemeinschaftsbildung es möglich macht, mit Grenzen zu sektiererischen Extremen. Entscheidend ist die Praxis und nicht die Hoffnung auf eigene Rettung durch den richtigen Glauben).
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Heute wie an kaum einem anderen Tag wiederhole ich: Das teuflisch falsche Quadrat pro-Israel, anti-Israel, pro-Palästinenser, anti-Palästinenser kann sich nicht einen Moment lang begründen. Allein die intervenierenden Akteure (=Variable!) verzerren jeden Blickpunkt von einem Standpunkt aus. Aber auch für uns ist das alles nicht eindimensional: wenn Israel das letzte Rückzugsland auf Erden bleiben soll, dann darf es nicht vernichtet werden. In meinen Augen sollte das weniger eine nicht mehr realisierbare Zweistaatenlösung ergeben, sondern eine Föderation (wie das z.Zt. Omri Boehm vorschlägt, oder wie sich das Tony Judt vor Jahrzehnten gedacht hatte). Dafür kann darf soll man sich einsetzen, öffentlich und laut und vor allem präzise. Und wenn Israel erhalten bleibt, dann muss es eine Demokratie und eine friedliche Nation (wieder) werden, sonst vernichtet es sich selbst.
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לשנה טובה תכתבו ותחתמו das kann man so UND so wünschen für ein gutes Leben, über das Jahr hinaus.
Vielen Dank für die nachdenklichen und immer wieder anregenden Texte!
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