Vorsicht bei Rücksicht!

Warum soll man Faschisten nicht als Faschisten bezeichnen, sondern um sie herumreden? Warum soll man Kriminelle nicht als Kriminelle bezeichnen, wenn man ihre Taten auch je nach Gewicht einschätzt? Warum soll man derartige Aussagen nicht öffentlich machen, wenn man sie nicht im Stil der Kritisierten macht, sondern in zivilen, wenn auch harten Umgangsformen?

Eine Antwort ist: aus Angst. Man fürchtet, dass der oder die so Bezeichnete(n) gewalttätig oder heimtückisch zurückschlagen. Man fürchtet das zu Recht, und Beispiele gibt es genug, vor allem in unseren gefährdeten Gesellschaften (Dass Diktatoren zurückschlagen, sollte uns klar sein, wenn wir sie treffen – was ja meist nicht der Fall ist).

Eine andere Antwort ist komplizierter: wie komme ich dazu, meine persönliche Meinung zu veröffentlichen, also tendenziell politisch zu machen? Ist meine Meinung nicht geschützt? In solchen Fällen meist nicht. Aber auch zu fragen: wer bin ich, dass ich mich zu den Diktatoren, Faschisten, Verbrechern, Gaunern und Dummköpfen äußere? Die spießbürgerliche Antwort wäre, dass man dabei immer auch auf sich selbst zeigte, und die ehrlichere ist, ja, das ist so, man ist einbezogen in eine Auseinandersetzung, die man hätte privat vermeiden können.

Diese Überlegungen gehen mir durch den Kopf nach Trumps neuen Ankündigungen, nach den Umgarnungen von und für Erdogan, nach vielen Einzelvorfällen. Ich muss mich nicht zu allem äußern, das vergessen viele – man ist kein Radarschirm, der nicht aufhört sich zu drehen. Wenn aber richtige Aussagen gefährlich sind, muss man entscheiden, ob man das Risiko eingeht. In der Diktatur kostet es das Leben – Russland. In schwankenden Demokratien ist es unsicher – bei uns oder in den USA. Sicherheit für die Wahrheit hat es nie gegeben, gibt es nicht. Aber es kann Sicherheit schaffen, deutlich die Unsicherheit selbst in Kauf zu nehmen, da ist man noch lange kein Opfer oder Märtyrer. „In Gefahr und größter Not / bringt der Mittelweg den Tod“ (Kluge). Also wird man vom Rand her deutlich. Darum geht es.

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