Der Wahlkampf steht an der Schwelle zum Neuen Jahr. Fast alle Parteien, die rechtsradikalen sowieso, aber auch die Demokraten, überbieten sich mit fremdenfeindlichen, abschiebesüchtigen Forderungen, die populär und meist unsinnig bis gefährlich sind. Es geht NICHT UM DIE KRIMINELLEN, das sind ganz wenige, und deren Rückführung hat mit ABSCHIEBUNGEN nichts zu tun.
Deutschland hat keine Außengrenzen der EU. Die meisten umgebenden Länder haben ähnliche Probleme. Erst nimmt man Geflüchtete auf – aus empathischen, karitativen, asylrecht-bezogenen Normen, dann versorgt man sie, danach beginnen die Randgruppen der deutschen Kernbevölkerung auf die Nerven zu gehen, und von da ab versucht man sie loszuwerden und keine neuen AsylantInnen dazuzubekommen.
Was am internationalen Asylrecht zu verbessern wäre, ist eine Sache. Was am Prinzip, der humanitären Politik gegenüber den Geflüchteten und Schutzsuchenden, weiterhin zu gelten hat, muss auf die eigene Sozio-Ökonomie nicht so verrechnet werden, dass wir bei den humanitären Akten nicht unseren Wohlstand usw. teilweise verringern müssen und – können.
Die Syrer zurückschicken – das möchte den sogenannten Christen von CDU und CSU so gefallen. Die, die es können und wollen, die gehen ohnedies, keine Sorge.
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Mir geht es um etwas anderes. Wer erinnert sich an die Schutzbegehren der vor den Nazis geflohenen Menschen, nicht nur jüdischen. Kaum jemand, aber die Quellen sind überreichlich und traurig, dokumentiert und in der Literatur.
Wer erinnert sich um die Aufnahme von afghanischen Geflüchteten. Schaut nach:
Weltweit: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942830/umfrage/anzahl-der-fluechtlinge-aus-afghanistan-weltweit/ , aber ganz anders in Deutschland: https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/afghanische-fluechtlinge . Wie und warum sie in Deutschland seit langem leben wollen, seit wenigen Jahren leben müssen, und seit kurzem bleiben müssen – das sind Fragen an die Ethik und an die Politik. Wir können sie innerhalb kurzer Zeit beantworten und längerfristige Strategien dazu vorschlagen – was wir aber nicht können ist, das Vergessen von Afghanistan und den afghanischen Geflüchteten umzukehren.
Nach Afghanistan Syrien, nach Syrien die Ukraine, nach der Ukraine Gaza, nach Gaza wieder Syrien, dazu Kongo, Sudan etc.
Die Aufmerksamkeit und das persönliche wie das kollektive Engagement nimmt entlang einer linearen Zeitentwicklung erst zu, dann stagniert es, kehrt sich um, und wird vom nächsten Zyklus überlagert.
Zugleich wissen wir, wie stark wir von eingewanderten und VON UNS ausgebildeten und beschützten Immigrantinnen und Immigranten – Asyl und nichtasyliert – abhängig sind, dass unsere älteren und hungrigen 7und pflegebedürftigen Menschen versorgt werden. Wir wissen das, aber die faschistischen Parteien AfD und BSW und viele andere Gruppen können sich gar nicht vorstellen, nur von Inländern humanitär und gesundheitsorientiert und überlebensklug unterstützt zu werden – trotzdem gewinnt der Pöbel mit ausländerfeindlichen Parolen die Wahlen. Warum wohl?
Solange die Herkunft und nicht die auf die Zukunft gerichtete Lebenspraxis ideologisch im Vordergrund einer „Heimat“-Ideologie bleibt, wird die Kluft in der Bevölkerung immer größer. (Wo kommen denn die her, die sich jetzt so „deutsch“ gerieren?). Und wie geht es weiter?
Bildung, Ausbildung, Fürsorge – wissen wir, wird aber wahltaktisch und auch aus deutsch-identitärer Überzeugung (von vielen, NICHT allen) nicht richtig gefördert. Aber alle diese Reformen, die viel weniger kosten als Bundeswehr, Sozialhilfe und IT, all diese Reformen verfehlen ihr Ziel ohne empathische Politik für Ankommende, wie auch immer Ankommende, die bleiben. Wollen und Sollen, oft Müssen.
Gehen wir 120 Jahre zurück. Georg Simmel, wohl der beste deutsche Soziologe dieser Zeit, schreibt in seiner Soziologie (1908, hier Frankfurt 1992, Suhrkamp) einen Exkurs über den Fremden (S. 764-771). Dieser Exkurs, neben zwei weiteren über die soziale Begrenzung und die Soziologie der Sinne, kommt spät, im 9. Kapitel über den Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft. Manches darin könnte heute aktuell sein, so die Objektivität des Fremden (766f.), und eine nicht banale Feststellung: „Der Fremde ist uns nah, insoferne wir die Gleichheiten nationaler und sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden. In diesem Sinne kommt leicht auch in die engsten Verhältnisse ein Zug von Fremdheit“ (769).
Liest man den ganzen Exkurs, dann sieht man auch was man hätte über Jahrzehnte und aus vielen Erfahrungen hätte besser lernen können, bzw. was manche wirklich gelernt haben. Es gibt ja die vielen NGOs und Einzelpersonen und -gruppen, die mit den Fremden (konkret hier: den Asylsuchenden) menschlich umgehen und nicht die Andersartigkeit, „Fremdheit“ konstruieren, um sie auf Abstand zu halten oder zu entfernen. Implizit bedeutet das übrigens auch eine Entsprechung im Bewusstsein und der Wahrnehmung der Fremden, was „uns“ betrifft. Wo stoßen die Fremden auf eine Gesellschaft und nicht auf lauter Einzelpersonen?
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Ich mache hier keinen Übergang in eine Soziologie-Seminar. Aber wenn man liest, wie früh sich Vergesellschaftung als Zielpunkt gesellschaftlicher Analyse herausgestellt hat, dann fragt man sich schon, wie es zu den unterkritischen Diskursen um Ausländer und Geflüchtete kommen konnte und kann, gerade bei denen, die menschliche Hilfe jetzt schon brauchen und brauchen werden, und von sog. „Deutschen“ gar nicht bekommen können.
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Habt einen guten letzten Tag im Jahr. Jede(r) ist für andere fremd oder nicht.
du sprichst mir aus dem Herzen, lieber Michael.
Ich wünsche dir für 2025 alles Gute, viel Gesundheit und viele lesenswertes Beiträge in deinem Blog. Dafür brauchst du natürlich auch Gesundheit.
wir sollten uns doch mal treffen im nächsten Jahr. Nein in diesem Jahr.
klaus
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Lieber Klaus, deine Wünsche werden herzlich erwidert und wir werden uns in diesem Jahr sicher sehen. Kontakt ab Februar herzlich erwünscht, und schon bis dahin alles Gute, Michael Dr. Michael Daxner Professor of Sociology and University President emeritus U Oldenburg Honorarprofessor U Potsdam michaeldaxner@yahoo.com http://www.michaeldaxner.com +49 174 1805837
Recent publications:- Jüdisch in Oldenburg. In: Hübner/Strübind (Hrsg.) Entgrenzungen. Dunker&Humblot, Berlin 2023, 513-522. Daxner, Harms, v.Hoerschelmann, Jakobs, Seemann (Hrsg): Gut : Gegangen – Der Abzug der sowjetischen/russischen Streitkräfte 1990-1994. Strauss Edition, Potsdam 2024. Israel, Palästina. Essay auf Basis eines Vortrags an der Uni Innsbruck 2024. Blog http://www.michaeldaxner.com – Flanieren im Mythos – Sexualität und Gewalt, edition splitter, Wien 2023, € 26,00 . IN DEUTSCHLAND BITTE BEI MIR BESTELLEN
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