Ich habe mehrfach beschrieben wie man die anthropologische, ethnische Bezeichnung „Jude“ (incl. Jüdin“) vom Adjektiv bzw. Adverb „jüdisch“ trennen kann, manchmal muss. Eine These war, dass viele Juden nicht jüdisch sind. Diese Feststellung beruht darauf, dass es zu den jüdischen Erscheinungs- und Haltungsformen ethische, kulturelle etc. Entwicklungen des Bewusstseins gegeben hat, während man ja an seiner ethnischen Abstammung individuell so gut wie nichts ändern kann.
Diese Überlegungen haben zu Beginn des Zionismus schon eine Rolle gespielt, sie sind immer schon kontrovers im ethnischen, im religiösen, im kulturellen, im sozialen…also im politischen Sinn. Darüber lohnt es, nicht nur zu beobachten und zu kritisieren, sondern auch Schlüsse auf die eigene Haltung zu ziehen. Wie man da einsteigen kann? Von überall her: Ashkenasen versus Sepharden, in Israel, weltweit; politische Ausrichtung, je nach Situation in der eigenen Gesellsch; aft und der Position innerhalb des soziopolitischen und soziokulturellen Netzes etc. Ich beziehe mich soziologisch stark auf Bourdieu, und jüdisch historisch…naja, da kann ich ja meine Literatur- und Diskursliste endlos aufblättern, aber es lohnt sich hier einzulassen.
Ich schreibe das, weil mich zum einen der Singular ärgert: „der Jude“ ist, handelt, denkt, verhält sich, erscheint … Wenn es also um Moral, Kultur, Politik geht, ist der Plural, die Jüdinnen und Juden, notwendig. „Also“ bedeutet, dass ich denke, worum es in erster Linie geht, also nicht gleich um Religion, die kann auch dazutreten.
Zum anderen gibt es, nicht nur in und aus Israel, jüdische Stimmen, die Verallgemeinerungen zum Judentum in der Gegenwart, vor allem in Politik und Kultur, sich anmaßen, und damit für nichtjüdische und manche jüdischen Beobachter eine allgemeine Richtigkeit anstatt einer differenzierbaren und kritisierbaren Meinung ausdrücken. Sich dabei auf Pressefreiheit, aber auch auf Überzeugungen berufen, die von den nichtjüdischen Leserinnen und Lesern spontan schwer zu analysieren sind )obwohl das schon möglich ist). Zur Zeit geht es natürlich darum, dass solche Stimmen zum Beispiel meinen, wer Netanjahu kritisiert, stehe auf der Seite von Hamas (grausiges Beispiel ist Korenzechers „Jüdische Rundschau“ (Monatszeitung); subtiler, aber auch einseitig etwa der Botschafter Ron Prosor, der sich schon von seinen Vorgängern unterscheidet usw. Mein Problem ist, dass diese Linien es nicht zulassen, wenn wir beide Seiten, Hamas und Komplizen und Netanjahu und Komplizen kritisieren, und auch die Verbindungen der beiden in naher Vergangenheit deutlich benennen. Wenn ich als jüdischer Jude den israelischen Premier als Chef eines teilweise faschistischen Kabinetts bezeichne, kann ich doch mit gleichem Vokabular die Hamas als faschistisch bezeichnen? Oder? Meinetwegen in umgekehrter Reihenfolge. Aber mir geht es darum, dass Israel zur Zeit, hoffentlich nicht mehr lange, eine peinliche und teilweise rassistische Untergebenenrolle bei Trump und in außenpolitischen Aktionen wie in antijüdischer Siedlerpolitik spielt – und dass die Hamas, die lange Zeit von vielen offen oder verdeckt gefördert wurde, zur Zeit weniger anerkannte Sponsoren und Hilfsherren hat, aber natürlich auch weiter gefährlich ist. Nicht nur für uns jüdische Menschen.
Das ist schlecht für jüdische Menschen in Israel, im Nahen Osten, weltweit, also auch für uns. Und es besch#digt beides: Bild und Kritikfähigkeit von Juden und der Qualität von „jüdisch“. Intern und nach außen.
Verzieht nicht euer Gesicht, wenn ich einen Ratschlag gebe: studiert einmal die Geschichte der jüdischen Siedlung seit 1906. Und vor und nach 1948, und während der britischen Besatzung und mit und nach der Staatsgründung Israels. Es geht hier nicht (nur) um Kriege. Es geht auch darum, wie wir im Kontext weiter hier und dort jüdisch sein können, also auch kritisch und selbstkritisch, und eben jüdisch, und nicht als der Jude uns den falsch-Autoritären unterwerfen dürfen.
Der Plural, Jüdinnen und Juden hat schon seine Bedeutung. Im übrigen: Eco, Horvilleur, … das geht schon.
POSTSCRIPTUM – wichtig:
Bitte lest „Transitionen und Transition“ von Monika Wohlrab-Saar in SOZIOLOGIE 2026, # 1, v.a. S. 10-14 über den Umgang mit Irsael und den Palästinensern, v.a. mit den Folgen für Wissenschaft und Kultur, also für Menschen, die sich der Realität wissenschaftlich annehmen. Ich zitiere hier nichts, weil der Text sehr dicht und kontextreich ist, aber ich empfehle ihn, nicht nur für die Wissenschaft. Doch, eines muss ich erwähnen: Ich schätze Eva Illouz (israelisch-französische Wissenschaftlerin) sehr und kenne viele ihrer Werke aus den letzten Jahrzehnten. Hier steht, „…sie wurde wegen ihres Protests gegen die Behandlung von Palästinensern in der Westbank der Israel-Preis verweigert“ (S.13). Das schmerzt, pars pro toto. Zum Abschluss schreibt die Autorin: „Wie müssen vom „ja, aber“, das das „ja“ sofort entwertet, zum „ja, und“ kommen, das beide Seiten aushält“ (S.14). Ja.