Alles hängt von der Klasse, der Schicht, den Umständen des Aufwachsens ab, fast alles. Wo man nicht reich, aber gesettelt war, konnte Bildung einen Aufstieg befördern, und das musste früh beginnen. Ich hatte da Glück und deshalb wurde früh und viel gelesen, von mir, nicht vor-gelesen. Und natürlich zählte schon früh die Lyrik zum Einstieg, bei mir waren es Rilke und Trakl und erst später Brecht, und eine frühe Abneigung gegen Goethe. Auf den Rilke will ich zu sprechen kommen. Denn so gut ich ihn schon früh gelesen hatte und nachahmen wollte, so wenig ist mir seine wirkliche Biographie eingegangen, aber es gehörte auch zur „Bildung“ etwas über Worpswede, Paris, Rodin, Russland zu erfahren…In Soglio saß ich an seinem Schreibtisch, zu seinem Grab bin ich nach der Alpenüberquerung später gewandert, aber da hatte ich auch schon seine komplizierte Biographie etwas genauer gelesen und gekannt, seine Anbiederung an den Faschismus in Italien, und ganz neu war mir, aus anderen Biographien entnommen, Heideggers Verbindung mit Rilke.
Das hat mich – wie auch anderswo – durchaus gelehrt, zwischen dem Lebenslauf und dem Werk zu differenzieren, und es gilt natürlich immer.
Warum schreibe ich das, und hier? Weil mir auffällt, dass auch in der Kunst, aber vor allem in der Politik, die Vermischung von Persönlichkeit und Produkt seltsame Auswüchse erzielt, vor allem, wenn einem Politiker/innen unsympathisch sind, dann können sie oft gar nicht richtig handeln, und bei beliebten Angehörigen dieses Berufs sind viele Entscheidungen, auch wenn sie erkennbar falsch oder unsinnig sind, schon akzeptiert. Die populistische Abkehr von der Politik, die dann weitgehend, aber nicht nur, ins rechtsradikale Lager führt, verallgemeinert die Antipathie zu scheinbar politischen Entscheidungen.
Warum ich mich damit auseinandersetze, ist klar: Die Qualität von Arbeit, Politik, Literatur etc. wird unmittelbar an die Produzentin oder den Akteur gebunden, und dann kommt der Kurzschluss: der schlechte Politiker ist dümmer oder bösartiger als – „ich“, „wir“. Man hat nur dann Schwierigkeiten, wenn ein verachteter, böser etc. Politiker oder Künstler doch etwas unablehnbar gutes produziert, das man auch dann anerkennen muss, wenn man den Produzenten ablehnt. Übrigens, im Nebensatz: das funktioniert im etwas anachronistischen Links-Rechts-Bewusstsein am schnellsten und wirksamsten. In der Literatur ist das mittlerweile nicht nur bekannt, sondern wird auch kritisch und mit Varianten bearbeitet. Aber in der Politik hat man den Eindruck, als drifteten die Positionen und damit die persönlichen Zuordnungen immer weiter auseinander. Das bedeutet nicht, dass die richtige Politik immer schon mit einem Durchschnittskompromiss gemacht werden soll. Es bedeutet, dass zustimmende und abgelehnte Ansichten auch dann Kommunikation und weitere politische Praxis bedeuten, mwenn man nicht jedes Ergebnis in Macht und Dominanz umdeuten kann. Ein negatives Beispiel dafür ist die FDP in der alten Regierung, die sich weder in den Kompromiss noch in ihre Herrschaftseinbindung einbringen konnte und wollte. Aber auch andere Parteien geben genügend Beispiele dafür her. Und es profitieren immer die radikalen Randparteien, die sich nur aus der negativen Bewertung des Vorherrschenden entwickeln.
Ein politischer Freund, der hier eine präzise und wirksame Position dagegenhält, ist Daniel Cohn-Bendit, jetzt schon über 80, der daran festhält, dass und wie man nie mit einem Kompromiss zu verhandeln beginnt, sondern ein Ergebnis braucht, das dann natürlich meist die eigene reine Lehre nicht abbildet.
Und an den denke ich auch, wenn ich das mit Rilke begonnen habe. Dessen Lyrik wird für mich vielleicht differenzierter aber nicht schlechter, wenn ich seine politischen Verknotung auch aufnehme, die ich früher nicht gekannt habe.