Frühlingsdepression

Wenn man vieles durchschaut, manches besser weiß als andere, wieder manches gar nicht kritisieren möchte, mit einem Wort – wenn man ein wacher, kritischer Mensch mit entsprechenden Wahrnehmungen ist, wie kann man sich schützen vor der Abschleifungen durch immer das Falsche, das Schlechte, das unangreifbar Unsinnige`? Darauf will ich hinaus: dass man nur kritisieren soll, was man kritisieren kann. Aber kann man den rechten Flügel der Bundesregierung kritisieren? Ich bin ganz seriös, wenn ich sage, dass ich nicht kritisieren will, wen ich verachte, und dass ich niemanden verachte, der eine reale politische Rolle zu spielen vorgibt. Das ist ein logisches Dilemma. Dem ich nicht entkomme. Aber ich schreibe es euch, weil ihr vielleicht aus der Zwickmühle rauskommt. Ich könnte natürlich die verachtenswerten Gestalten aufwerten, dann kann ich in Widersprüchen sie kritisieren und alles wäre ok…hab ich probiert, und es wurde lächerlich, hat mich befleckt und niemanden beruhigt. Also zieh ich mich zurück und widme mich den Frühlingswinden und den frühen Blüten und der Täuschung, man könne die Natur noch retten und sich damit auch. Probiert das einmal, geht spazieren. Dann hört ihr die Vögel, der Tau liegt auf dem Gras, das Reh beäugt euch und der Habicht schaut. Natürlich wehrt sich der Realismus gegen diese Simplizität, aber lasst das einmal zu.

Wenn man abstumpft, weil man ständig bei wiedreholter Wahrnehmung die Kommentare auch wiederholt, dann ist eine Alternative, sich zurückzuziehen. Philosophisch einfach, real und politisch schwierig. Der Wal erregt mehr Aufsehen als die Verhungerten im Sudan, das ist ein richtiges Beispiel. Ich bin nicht allein mit einem Begriff, der um sich greift: Biedermeier. Hat natürlich kulturelle Folgen, gute wie schlechte, soziale ohnedies. Politik gibt es da nicht so direkt, was ich von Merz sage, ein 0,8 Politiker, gilt irgendwie für das System. Die Innenpolitik regiert die Kultur, Außenpolitik gibt es für die Abhängigen ohnedies kaum, und Soziales kommt mit der stagnierenden Wirtschaft ins Rutschen. Nebbich, so ein negatives Szenarion, bleibt einem ja nur die zerstörte Hinwendung zur Kultur. Das ist eine Wiederholung früher Reaktionen der Grünen: ohne Gewalt und Gegen-schläge auf eine zu große Barriere zu reagieren. Ich nenne das produktives Aushöhlen: wenn diese Staatsform gewinnt, kann niemand sagen, über wen und was sie gewonnen haben wird. So drehen sich auch Demokratien in Richtung Diktatur. Und wer aushöhlt, leistet den Widerstand für morgen, nicht für heute. Am Ende des Biedermeier steht die Revolution, man weiß nicht, ob sie erfolgreich ist. Aber was ich weiß: die Wappnung gegen die depressive Unterwerfung ist wichtig. Im Privaten wie im Öffentlichen: wenn man schon sterbenskrank ist, soll man sich dem Leben, dem Lebendigen zuwenden. „Pathetische“ Worte, aber ja, da kann ich ironisch sein. Nur nicht 0,8.

Zurück zum Naturerlebnis. Umwelt als (einzige?) Hoffnung für das Agieren von Politik. Das ist kein Ausweichen. Die 0,8 er, nicht nur bei uns, zerstören schon die Zukunft unserer Enkel, schon in diesem Jahrhundert. Am Beispiel des Waldiskurses kann man das durchexerzieren. Unsere Kinder und Enkel werden noch leben müssen und lernen können, wie man die jetzigen Wohlstandskoordinaten verändert, sie haben nicht viel Wahl. Und da ich sonst nichts prophezeie, wirklich nicht: lest zurück, dann wenigstens dies: es wird größere Völkerwanderungen geben, weg von Hunger und Dürre, auch weg von Diktatur, die durch die 0,8 Politik, auch der EU, nicht aufgehalten werden kann (ich war vor 40 Jahren in Kairo, damals lebten da 5 Millionen, heute sind es 25…). Europa ist nicht Karthago, aber zwischen dem 2. und 3. Krieg wird der kontinentale Abstieg um sich greifen. Man kann dagegen etwas tun. Politik als Herstellung von Freiheit. Der Kreis schließt sich, die Umwelt als Anregung die Welt zu retten.

Das waren auch einmal GRÜNE Diskussionen. Können wieder kommen. Es hat wenig Sinn, sich am verachtenswerten Wirklichen abzuarbeiten, wenn der Widerspruch ins Leere verpufft, so wie eine Rakete ins Weltall. Aber wir dürfen das Ganze ja nicht vergessen, um den richtigen Augenblick, politisch zu agieren, nicht zu verpassen.

Kein Entkommen…

„Er schon wieder“, ein guter Titel für einen Essay über Carl Schmitt, seit 40 tot, aber noch ganz aktiv in der rechten Hirnhälfte, neuerdings in USA, aber immer schon bei uns, obwohl die linken Hirnlappen da auch zugeneigt waren (Alexander Camman in der ZEIT #19, von dieser Woche). Dieses Feuilleton empehle ich, weil es die zählebige Präsenz der deutschen Rechten belegt, denen die Demokraten leider ausweichen anstatt sie zu konfrontieren.

In der gleichen Zeitung, Abteilung Geschichte, schreibt Claus Leggewie über den „Kaiser von Amerika“, und viele assoziieren sofort Trump, aber so einfach ist es nicht, Joshua Norton (1818-1880) war der Kaiser, den Namen kennt ihr alle nicht, und damals hat man so einen Monarchen in der Republik eben auch kaisern lassen – wenn heute in Deutschland die absurden Neomonarchisten vor Gericht stehen, fehlen die Satiriker. Leggewie schreibt aber zentral: „Wie die laufende Realsatire im Weißen Haus ausgehen wird, ist offen. Fest steht: Man kann nicht von Joshua Norton sprechen, ohne an Donald Trump zu denken. Seine monarchischen Allüren, wiederholte Anspielungen auf eine in der Verfassung untersagte dritte Amtszeit, seine dynastischen Ansprüche, und vor allem die Drohung, demokratische Wahlen zu ignorieren, die ihn nicht im Amt bestätigen, haben ihm zu Recht den Ruf eines <Neo-Royalisten> eingebracht„. Das Begräbnis von Norton war gewaltig besucht, man kann sich das bei Trump wünschen, aber noch lebt er und ist tatsächlich mächtig, mit Nuklear, Armee und Millionen entgeistigter Follower – da ist ein Unterschied zu Carl Schmitt, keine Millionen, aber dafür in der rechts-intellektuellen Szene und nicht nur dort hat Schmitt einen Platz, vor allem mit Freund/Feind und mit dem Ausnahmezustand. Und mit Peter Thiel, dem reichen Wortführer der Rechtsradikalen in USA, der sicher nach Trumps Tod nur ein harmloser Intellektueller gewesen sein will, und all das wird gut hier beschrieben. Anlass für den kurzen Essay sind die geöffneten Kriegstagebücher von Schmitt, nichts wirklich neues. Aber: was hat so viele Linke zu ihm gezogen? Dass er gescheit war, dass ihn also die gescheiten Demokraten ernst nehmen sollten, sagt zu wenig. Ich behaupte, dass er genau den Rand der rechten Theorie – praktisch war er nicht mächtig – so präzise darstellt, dass es eine enge Naht zur linken Demokratie gibt, aber entscheidend ist der Kontext, den man ihm von links nicht aufsetzen kann. Das wäre das Ende, hätte er nicht posthum so viel Einfluss in den USA – und könnte man diesem Einfluss besser und ernsthafter begegnen (wir, ich, können das schon, aber innerhalb der Elitenblase dreht sich vieles in seine Richtung. Meloni, nicht die AfD).

Vom Gegner lernen, das geht schon, aber bei Schmitt nicht wirklich, will man ihn nicht ikonisieren. Aber dem Kaiser von Amerika kann man schon entgegentreten. Nicht als Thronanwärter, sondern demokratisch, republikanisch, und nicht so ernst, wie die Presse Trump nimmt, weil sie ihm Macht unterstellt, die er schon hat, aber nicht so ganz…wie sie alle post mortem sagen werden und lachen an seinem Grab. Seine Opfer werden dann nicht um den Sarg stehen, aber seine Familie wird weiter Geld bearbeiten. Leggewie zeigt genau, mit Namensnennung, wer aller in die royalen Erscheinungsformen getreten ist. Und es bleibt nicht bei Erdögan und desgleichen. Auch bei uns, in einer noch echten Demokratie stecken solche Royalismen, damit man nicht ermüdet…und dann ist es vorbei.

Lest die beiden Artikel. Dann braucht es keiner Metatheorie. Da ist schon viel Realität drin, und Erinnerung, nicht nur bei Schmitt.

Demokratie verspiegelt, keine Alternative?

Als Jugendlicher wäre ich gerne nach Elmau eingeladen worden, ein sehr exquisiter Treffpunkt von Eliten, nicht nur vom Kapital, auch von Kultur und sozialen Ansprüchen. Jetzt weiß ich zwar, warum ich nie dorthin eingeladen wurde, aber es ist ja nicht ganz auf der andern Seite, wie die Juwelen und Handtaschen im SPIEGEL #18 „Die Luxusfalle“. Aber mit dem SPIEGEL hat es zu tun, ich hab ihn sogar hier gelobt, vor allem wegen der Diskussion in Elmau: „Verdient es die Demokratie, dass sie überlebt? Ja, aber…“, verfasst von Lothar Gorris, der auch dort diskutiert hat (SPIEGEL 17a, 21.4.2026, 8-21). Ich hatte vor ein paar Tagen diesen Bericht in meinen Blogs gelobt, jetzt kommen ein paar Details.

Elmau, das kann sich leisten, wer seine Zugehörigkeit zu einer oder mehrerer Eliten nicht verdecken will, ein anderes Thema. Ivan Krastev, ein Bekannter aus seiner Befestigung als einer der gescheitesten unabhängigen Intellektuellen, jetzt gerade 60, dirigiert eine weitgehend anerkannte Runde von Intellektuellen zum Thema Demokratie, wir können uns testen, wie viele der im Bericht zitierten Diskutanten wir namentlich und vielleicht inhaltlich gekannt haben, und als Auftakt ein Name, der querliegt, querliegen soll: Curtis Yarvin, lest erst, was im SPIEGEL über ihn steht, und dann mehr über ihn (Curtis Yarvin – Wikipedia, *1973, jemand zu J.D.Vance und Peter Thiel gehört….). Wurde er als Provokateur, als Provokation oder als Vertreter einer Wirklichkeit eingeladen, die mit unserer vielleicht nicht deckungsgleich sein kann oder soll? Er passt irgendwie zum Elmauer Szenario, so als würde dort wichtiges und wirkliches durchaus von sich gegeben, aber irgendwie auch „gespielt“. Ich denke an Casanova.

Ausführlicher wird über Krastev eingeführt, und dann sind da benannt Timothy Garton Ash, Mark Leonard, Peter Sloterdijk, David Runciman, Avril Haines, Lothar Gorris, Natalia Tocci, Alex Soros, vielleicht noch mehr? und Eva Illouz. Die nenne ich als letzte, weil sie sich als Einzige so verhält, wie wir uns vorstellen könnten, nicht in Elmau zu sehr verpuppt zu sein. Weil ich kein neidischer Junger, auch kein Jünger bin, aber auch kein abgeklärter Alter, stelle ich mir die Diskussionen rund um die gute Ernährung und Betreuung irgendwie so vor, wie ich sie aus anderen Zeiten und Umgebungen kenne, mit der Erwartung, dass nicht viel aufregend Neues, aber nicht nur breitgetretener alter Quark herauskommt. So gesehen, richtig.

Mit einigem Abstand frage ich mich, was tragen wir davon, jetzt schon, wird sicher veröffentlicht? Ich sehe einen Widerspruch: die Diskutierenden schauen irgendwie „von oben auf die Demokratie, sie analysieren sie aber, als würde sie in der Wirklichkeit, meinetwegen, „unten“ angekommen sein und – gar nicht so die Beste (relativ Beste) sein, ach ja, dann gibt es Alternativen, – für uns gegenwärtig, vielleicht verständig, die italienische MP Meloni, vielleicht aber ganz viel härtere Diktaturen.

Die meisten politischen Vorschläge kann man schon liberal, nicht neo-, einordnen, und rechts-links ist ohnedies keine Bruchstelle. Aber Demokratie weiter um-, neu- anders bauen, das wissen wir ja. Wenig lernt man, wie man die retrovitale Angst der Betroffenen beseitigt, damit sie endlich etwas tun und nicht nur reflektieren, das wäre ja in Krastevs Sinn, nur wie? Weil wir ja da auch, ehrlich!, mitbeteiligt sind.

Leider ist es nicht nur „natürlich“, dass wir Jarvins zehn Punkte ablehnen, aber unter anderem auch, weil wir uns unser Leben in der Diktatur nicht gut vorstellen können, da wir nicht die gescheite Elite sind, sondern „zu blöd für Demokratie“. Gut, dass der SPIEGEL das ungeschönt wiedergibt. Klar, einiges von vielen kann man durchaus als restaurativ für eine zukunftsorientierte Demokratie herauspicken.

Wenn die liberale Demokratie wirklich gescheitert ist, was ja wohl ein Grundton des Essays ist, dann muss man etwas erfinden, schaffen, experiemntieren, das durchaus demokratisch sein sollte, aber eben keine Demokratie ist, sondern das, was unsere Zukunft hält und die Zukunft unserer Kinder. Mir fielen dazu nur starke ökologische Strukturen ein, die nicht im herkömmlichen Sinn demokratisch und egalitär sein können, und mir fielen schon Geschwisterlichkeit über dem egalitär Konstruierten (dazu wird zu wenig geschrieben, wäre aber nahe liegend). Und Eva Illouz, die der Anbetung der materiellen Strukturen die Funktion und Option der Emotionalität entgegensetzt. Eben nicht wie Trump und Yarvin auf dem Kopf gehen, und von dort Gefühle austeilen, oder deutlicher: Hass und Verachtung, sondern Zuneigung und Achtung . Das ist eben nicht reaktionär, aber es grenzt auch nicht aus, wovor wir uns auch fürchten: dass gleiche Ziele angestrebt werden mit anderen Mitteln, als wir sie zu haben meinen.

Ich hätte mit einigen schon mitdiskutieren wollen, mit anderen vielleicht nur das Dessert teilen. Aber Krastev hatte schon irgendwie recht, den Feind als gleichberechtigt auftreten zu lassen, denn nur dann kann man er nicht sich als Opfer der abgeschotteten Oberschicht inszenieren. Die sind wir ja nur in seinen Augen. „Wir“, auch nir in Trumps Augen…Das ist auch mein Punkt: die Auseinandersetzung, den Streit ohne Gewalt, wieder einzuüben. Dazu muss man nicht nur kämpfen, sondern sich schon klar sein, worum es „eigentlich“ geht. Endlich passt das Wort

Deutsches Widerstreben – der Aprilscherz

Ich bin nicht nur Österreicher, auch Deutscher (Staatsbürger), aber im Prinzip Kosmopolit und kein Nationalist. Diese Bemerkung ist wichtig, weil die Kritik am Neu-Nationalismus vieler auch europäischer Staaten viele Gründe haben kann. Alles Mögliche an der 0.8 Regierung des Merz kann einem die Galle hoch treiben, aber man bleibt der Demokratie loyal, dann erst kann Kritik Fuss fassen. Mit dem Sonderheft des SPIEGEL kann man sich auseinandersetzen, da geht es weder um Zustimmung noch um Ablehnung. Die Demokratie zu thematisieren, anstatt an der Oberfläche der AfD herumzukratzen, ist schon wichtig. Und die rechts- wie linksradikalen Hufeisenschlüsse auch in den anderen Parteien nicht nur sichtbar zu machen, sondern einzuordnen in die eigene Position, gehört eben nicht einfach zum Privaten. Eine mir wichtige These: alle Aussagen – von Parteien, PolitikerInnen und Medien, dass es einen demokratischen Zusammenschluss aller in der Mitte geben müsse, um gegen die radikalen Ränder zu agieren, sind, wenn nicht falsch, so irreführend. Denn was die Mitte ist, kann nicht ideologisch fixiert werden und ist nicht besser oder schlechter als irgendeine Position auf der Achse des längst fragil und unrealistischen Rechts-Links-Schemas.

Warum ich das heute schreibe, wo ich doch „eigentlich“ über den Frühling, also nicht Merz, sondern April schreiben möchte? Das Problem ist u.a. daß „eigentlich“ das verfremdende Adverb ist, wenn man eigentlich etwas anderes denkt oder sagen will, aber da hin getrieben wird…zum Beispiel durch die Nachrichten oder aus heftigen Diskussionen, nicht zwischen Gegnern, sondern unter Freunden und Genossen. Die Frage war, was wir „eigentlich“ machen würden, wenn z.B. die AfD verboten würde, oder wenn sie an der Regierung deutscher Staaten beteiligt wäre, oder wenn ihr radikalerer Flügel weiter politische und kulturelle Erfolge verbuchen könnte. Soll man die Faschisten verbieten? Es gibt Gründe dafür und dagegen, aber eines ist klar, die Bewegung lässt sich schwerer ausschalten als eine politische Partei altmodischen Musters, wie CDU/CSU SPD FDP und teilweise GRÜN. (Ich erinnere mich an Gründungsdiskussionen der Grünen bei beginnendem Aufstieg, 1980 + , ob Partei oder Bewegung der richtige Ansatz sei…, deshalb „teilweise“; vgl. auch zur AfD Zur Debatte um das AfD-Verbot – wie gefährlich ist die AfD in Niedersachsen? – GRÜNE Braunschweig es geht da nicht um Zustimmung oder Kritik).

Was sich aus den rechtsnationalen, rechten und teilweise faschistischen Elementen innerhalb der demokratischen Parteien doch deutlich erkennen lässt, ist die gewollte und offene Umordnung von Kultur und Sozialsystem. Das ist in der CDU deutlicher als bei den anderen, aber nicht monopolig. Zugleich dient die Politik dieses Flügels, nicht der ganzen Partei!, dazu, die kommende34 soziale Verarmung und kulturelle Einengung sozusagen um die Ecke vorzubesprechen, „eigentlich“ geht es um etwas anderes. Und das meinte ich mit meinem Blogtitel. Noch ist unser Land so wohlständig, dass wir noch immer nicht der Realität ins Auge schauen können und wollen, umgeben von den Rauchwolken des selbst fragil gewordenen politischen und kulturellen Systems. Dazu muss man schon etwas denken, wenn wir die Demokratie erneuern wollen und uns nicht vom Blick auf die Faschisten erstarren lassen.

Deshalb der Hinweis auf den SPIEGEL. Und noch etwas typisch „Deutsches“ Der Umgang mit den Juden, mit Israel, mit der Differenz von Juden und jüdisch, ist hier so anders als in allen anderen Ländern, und im Gegensatz zur Rhetorik ist das nicht mit der deutschen NS Geschichte, nicht mit der Shoah zu begründen, sondern mit der Herstellung eines dazu passenden panzerigen Selbstbewusstseins nach 1945, das allen Angriffen standhält…die Erklärung, warum das so ist, beschäftigt nicht nur mich, sondern die ganze Forschung der deutsch-jüdischen Geschichte seit Jahrzehnten und weiterhin. Und paradoxerweise hängt auch das zusammen mit der „eigentlichen“ Distanz zur demokratischen Weiterentwicklung, die ja auch Geschichte implizieren muss. Warum? Schaut darauf, wie die Sichtweise der israelischen und palästinensischen Politik von der 0,8 Regierung eingeengt wird, und schaut, wie die Kultur durch diese Regierung eingeengt werden will, ohne dass es den Hinweis auf Selbstkritik und eigene Veränderung wirklich gibt – das wäre auch eine Aktion in der Demokratie und nicht einfach gegen d8ie AfD und andere Faschisten.

Dazu demnächst ein zweiter Teil, konkreter und analytisch. Aber heute schon: die nachweisliche Abwendung von der Umwelt, die ja „eigentlich“ im Zentrum des Überlebens steht, gibt dauernd, auch heute, die Themen vor.

Hoffnung schillert durch den Nebel

Natürlich: die Ungarn Wahl, man kann und soll sich freuen, aber Vorsicht: auch hier siegt die konservative Demokratie über die „illiberale Demokratie“ des Faschisten Orban. Warum sollte es auch einen „linken Durchbruch“ geben, wenn einfach nur Demokratie angesteuert wird, und die ist nicht originäre links oder rechts.

Die Wucherungen faschistoider Einbrüche in scheinbar sichere demokratische Strukturen sind gefährlich, oft nicht erklärbar, und je weniger sicher die Demokratie erscheint, desto weniger sicher ist sie. Das ist kein Paradox. Die oft schwer erträgliche Diskussion um die gefährdete demokratische Struktur behandelt die Demokratie oft als Ideal, oft aber auch als beschädigte Realität, in beiden Fällen statisch. Das ist meine Kritik am Diskurs.

Zu keinem Zeitpunkt war Demokratie optimal und/oder für alle Menschen die fraglos beste Lösung. Sie ist „nur“ das beste Herrschaftssystem, verglichen mit anderen, aber nicht das beste an sich. Und sie bleibt nur das beste System, wenn sie sich immer weiter entwickelt. Das ist trivial, ich weiß. Ich will aber hier nicht auf die endlose oder endgültige D-Theorie hinaus, sonsern auf eine bestimmte Wahrnehmung: dass zum Beispiel das besondere an der demokratischen Republik, nicht irgendeiner anderen, so schwer diskutiert wird – da hat Ungarn uns einen Anstoß gegeben. Oder dass Demokratie im Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit nicht die Lösung in sich trägt, sondern die Ausgangsdifferenz, der Konflikt muss gesellschaftlich immer wieder gelöst werden, das ist Politik. Und nicht die Berufung auf die jeweiligen zehn Gebote der Politik als Religion der hoffnungsvollen, friedlichen Vorstellung. Die sollen wir schon haben, aber nicht als Fundament unseres Realismus.

Worauf ich hinaus will, ist etwa anders, verschoben. Vieles, nehmen wir einmal Deutschland, wird von einer 0,8 Regierung mit einem doch radikal rechten – (noch) nicht faschistischen Flügel – gegen die Einsicht sowohl des liberalen Kapitalismus als auch des sozial- und kulturpolitischen Widerspruchs gegen den Schrebergarten der oberen Mittelschicht, gar der Oberschicht, durchgesetzt (wie das teure und sinnlose Verbrennermotorevangelium der Großen Koalition). Die Ärmeren und Armen werden in nächster Zeit durch diese Politik viel verlieren – in Gesundheit, Bildung, Sozialsicherung – und das zu reparieren braucht es mehr als eines punktuellen Wahlerfolgs. Es braucht eine Weiterentwicklung der Demokratie – und eine Kritik am Faschismus dort, wo er wirklich faschistisch ist und nicht dort, wo er auch nur eine Variante der o,8 Politik verbreitet.

Seltsam: wenn und wo immer ich diese These verbreite und diskutiere, wird sie eher zustimmend akzeptiert, aber offiziell, d.h. staatlicher und parteipolitischer Seits, ist sie eher neblig verhüllt. Aber man sagt mir schon, ich sei seltsam. In diesem Fall hilft es mir, die Abwehr der Faschismen zu begründen und zu sagen, wo reden allein nichts nützt, man muss auch handeln. Demokratie tun heißt sie weiter zu entwickeln.

Meloni wankt? Weimer schwankt?

Unsinn mit Hintergrund:

„…Now Ms. Meloni’s authority is suddenly in question. Voters on Monday rejected her plan to overhaul Italy’s judiciary — after a referendum race in which she had seemed so confident of victory that, until just weeks ago, she left most campaigning to allies. Italy’s disorganized opposition now senses a moment to regroup, while the national press describes a newly hobbled government.“ (Motoko Rich, NYT 24.3.2026). Sowenig, wie punktuelle Abenteuer private Beziehungen grundsätzlich beschädigen, sowenig ruiniert ein Ereignis ein Regierungssystem. Klar, eine Delle, eine akute Beschädigung. Und klar, die Italiener sind alerter als viele andere. Aber jetzt Schadenfreude, und von welcher Seite?

Und bei uns:

„Auf Kritik am Kanzler folgt der Förderstopp: Geldentzug für ein Berliner Demokratieprojekt: Straft das Innenministerium unliebsame Meinungen ab? „ (SZ 26.3.2026). Natürlich ist der Innenminister, natürlich der Kulturminister, natürlich die Regierung nicht am kulturellen Fortschritt interessiert. Wundert das? Und wenn ja, wen und warum?

Warum sollten Alleinherrscher wie Trump auf unsere Gerechtigikeitsideen eingehen?

Warum soll eine faschistische Politikerin sich demokratischen Regeln unterordnen, wenn sie die grundsätzlich nicht anerkennt?

Warum will eine deutlich rechtslastige Regierung in der Demokratie nicht ihre Position und Verankerung rechts von der bisherigen politischen Verhaltensgeschichte verbessern?

Das Problem der Antworten ist die seit Jahren erfolgende Infiltration faschistischer und populistischer Gegenpolitiken in Demokratien, auch wenn sie weder die Regierungsmacht noch die antidemokratische Volksmehrheit haben. Wenn die Faschisten regieren, ist es noch einmal anders, da versuchen sie oft, eine Anhaftung an Demokratien für ihre Anerkennung zu demonstrieren. Dazu muss man auch die Geschichte der Faschismen ein wenig genauer studieren…

Das gilt für die EU, für die meisten europäischen Staaten, also auch für uns. Dass es eine besondere Kommunikation zwischen den christsozialen und -demokratischen Parteien zu den Faschisten gibt, ist nicht neu, auch die Differenzen und Brüche sind bekannt. Dass es zur Zeit mehr faschistische als demokratische PolitikerInnen gibt, die wahrhaftige und überzeugende Verhältnisse auch persönlich repräsentieren, ist ein besonderes Problem, für mächtige Staaten wie Deutschland mehr als für kleine Länder. Meloni muss man als politische Person jedenfalls ernster nehmen als die deutsche 0,8 Politik…dazu später einmal.

*

Selbst wenn man all das akzeptiert, sollte man einsehen, dass das demokratische Überleben und die Reduzierung der Abhängigkeit von Diktaturen nicht ohne eigene Beiträge gehen kann, und ob ich sie Opfer oder Investitionen nenne, ist eine ideologische, keine reale Frage. Befreiung ohne eigenen Beitrag wird wohl nicht gehen. Einer der ersten Schritte sollte das Selbst-Bewusstsein der eigenen Realität und der Vernachlässigung in der Vergangenheit der letzten Jahrzehnte sein, noch vor einer ohnedies weltweiten Kritik an den drei Nukleardiktatoren. Darum beschimpfe ich den Diktator Trump, unseren Zügelhalter, auch schon lange nicht mehr, er ist ein Selbstherrscher, der über unsere politischen Grenzen verfügt, – auch wenn uns das nicht passt. Aber um uns weiter zu befreien, müssen wir schon etwas tun.

Opposition gegen die Regierung ist dabei nur eine Facette. Wir werden und sollen nicht wiederholen, wie absurd die Pronomina ich und wir in der 68er Politik waren, und wie gescheit Dany Cohn-Bendit das von heute aus beleuchtet (Cohn-Bendit and Van Renterghem 2026). Aber die eigene Widerstandskraft gegen die Faschisten muss doch vor allem auf der intra-rationalen Identifikation mit einer weiter zu entwickelnden Demokratie bestehen, und nicht auf Kompromissangeboten als Ausgangspunkt der Auseinandersetzung. Natürlich kann, aber muss nicht, eine Reihe von Kompromissen als Ergebnis von Politik sich entwickeln. Da können wir besser sein als die Faschisten, aber dazu müssen wir etwas einsetzen, nicht erwarten.

*

Vor drei Monaten am 20.12.2025 hatte ich in einem Blog darüber geschrieben, wieso und wie sich die AfD normalisiert, um ein „anderes Land“ von innen her zu erobern )ZEIT 17.12.2025). Mittlerweile nimmt die Normalisierung der Faschisten zu. Mittlerweile ist die Einsicht schon präziser und härter, bleiben wir bei der liberalen ZEIT: „Mit Protest hat das nichts mehr zu tun“ – Die politische Mitte verliert, die AfD gilt vielen als normal, man zieht sich zurück. Das zeigt die neue Jugendstudie (Simon Schnetzer, 20.3.2026, ZEIT #14).Mir scheint, dass die Vieldeutigkeit der Mitte ein Problem ist: wenn sie als Kompromiss vor dem Konflikt angeboten wird, kann sie nicht gewinnen, sie kann ein Ergebnis sein.Mitte ist auch nicht ein ideologischer oder gar liberaler Punkt zwischen „rechts“ und „links“, weil diese beiden Begriffe ja immer weniger bedeuten, siehe oben. Aber man wird Einzelpersonen und Gruppen daran messen, wie sie mit der normalisierten Faschistenpartei umgehen. Und dabei soll man nicht beiseite sehen, warum es mit diesem Umgang geht. Wenn sich Demokraten mit Faschisten über die Wetterprognose oder die Höhe von Wohnhäusern austauschen ist das etwas anderes als Rassismus, Faschismus und vertikale Herrschaftsansprüche. Eigentlich wissen wir das ja, aber in der Kommunikation tritt oft das Nebensächliche, der Rahmen, hervor und nicht das Bild.

Manchmal braucht man Anleitungen zum kritischen Diskurs, Habermas, Kluge werden jetzt vielleicht auch genauer gelesen, Auf die letzten Kapitel bei Cohn-Bendit weise ich hin, immer weiter auf Hannah Arendt, aber auch auf die Wahrnehmung der Entschleierung der selbst-täuschenden deutschen Wahrnehmung von Politik im Globalen (lest mal Peter Sloterdijk, „Der Rückfall in die Seriosität wird schrecklich sein“, ZEIT 24.3.2026, #14). Aber ja, wenn sich der Nebel aus dem Bewusstsein schleicht, wird die Welt nicht schöner. Aber man bekommt Boden unter den Füßen.

Cohn-Bendit, D. and M. Van Renterghem (2026). Erinnertungen eines Vaterlandslosen. Berlin, Jacoby & Stuart.

Der Lenz des Faschismus + Ergänzung

Über den Frühling zu schreiben, ist vielfach attraktiv. Beim Anblick des trockenen, schon tagelang blauen Himmels kann man die Politik verdrängen, man kann die Klamotten austauschen gegen luftigere, und irgendwie ist es doch gut, dass es früher hell wird, auch unromantisch. Und wenn schon politisch, so muss man ja nicht in die dumpfen Gesänge vernebelter Retromanie verfallen.

Fangen wir bei einfachen Fakten an. Dem Absturz der SPD in Baden-Württemberg, 5,5%, kann man nicht kommentieren. Den Absturz in Rheinland-Pfalz kann man schon kommentieren, nach 25 Jahren mag es einen demokratischen Machtwechsel ja schon geben. Aber ich halte mich an einem spannenden, oder eher: peinlichen Fakt fest: Die Statistik bestätigt, was die SZ so sagt: „Arbeiter haben in Rheinland-Pfalz eher AfD als SPD gewählt“ (SZ, 23.3.2026, S.6). Das kann man verallgemeinern, in Deutschland, ich denke, in Europa, vielleicht global.

In Tschechien sind jetzt die Faschisten an der Macht. In Ungarn schon länger und wirkungsvoll (Illiberale Demokratie!?), in der Slowakei…aber nicht nur erklärbar, aber widerlich, im Osten, auch in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas haben die Faschisten starke Positionen gegen die demokratische Herrschaft, oder sie regieren mit, oder sie regieren. Mir ist wichtig, dass weithin vergessen wird, wie die Demokratie auch als Befreiung vor 30 Jahren Europa und uns bewegt hat. Warum ist das ins Gegenteil gekippt?

Als Gegner der Demokratie breitet sich Faschismus, ergänzt durch andere rechts- und linksradikale Bewegungen aus. Dazu drei Vor-Sätze:

  1. Trotz mehrfacher Aufforderung haben viele meiner LeserInnen keine alternativen Begriffe zum Faschismus angeboten, obwohl sie das Wort als zu weitgreifend kritisieren.
  2. Deutschland und teilweise Österreich spielen eine Sonderrolle, weil sie Faschismus eingeengt aus der Ableitung des Nationalsozialismus (NS) 1933-1945 sich definieren und dann jede Faschisierung jenseits der faschistischen Parteien strikt von sich weisen. Mit anderen Worten: sie wollen Faschismus nicht verstanden haben.
  3. Faschismus folgt weniger einem Parteien- als einem Bewegungskonzept. Das hat erhebliche Folgen für die Verortung der faschistischen Bewegungen innerhalb eines eher altmodischen RechtMitteLinks-Schemas, wenn das jemals wirklich so gegolten hat.

Wenn wir uns die Realität des Vor- und Durchdringens von Faschismus anschauen, dann fällt eines auf: es geht nicht um eine Partei, sondern um viele, oft einander teilweise bekämpfende Bewegungen. Aus der reichhaltigen politischen und kulturellen Definition des Faschismus wähle ich als Grundlage die kurze Festlegung von Eco „Der ewige Faschismus“, ursprünglich 1995 auf English an der Columbia gehalten (Eco 2020). Die zusammenfassenden Thesen auf S. 30-40 geben mehr her als viele Theorien zum Faschismus. Aber wir müssen auch verstehen, dass und wie der Faschismus als Grundlage für durchaus widersprüchliche politische und kulturelle Praktiken sich verwirklicht hat, z.B. zwischen Österreich und Deutschland 1933 – 1938. Das ist noch heute, nicht nur in Österreich, wirksam, wenn man die kulturpolitische Bewertung von Faschismus und NS nach 1945 verstehen will, und natürlich deren Vorgeschichte. Das ist mir wichtig, wenn es z.B. darum geht, warum die sog. Arbeiterklasse die sozialistische Partei – im Westen, bitte! – zugunsten der Faschisten verlässt, und wo z.B. in Italien die Grundlagen für Mussolini herkommen (Bach and Breuer 2010). Zu Mussolini hilft die frühe linke Biographie von Saager (Saager 1931). Aber wenn man nicht in die antike Herkunft des Begriffs und seiner Symbole (Fasces – Wikipedia) einsteigt, sondern die Entstehung des konkreten Faschismus genauer anschaut, dann hilft der Fall Dreyfus (spannend bei (Begley 2009), gut bewertet vom Faschismusforscher Robert Paxton). Und mit einer sehr aufregend ganz aktuellen Beschreibung incl. Beziehung zu den USA Ende des 19. Jahrhunderts durch Mark Lilla – Der Blick auf Trump nicht nebensächlich, aber marginal (Lilla 2026).

Also die sicher nicht erwartete Zusammenfassung: Man sollte die Faschismen ernsthaft studieren, um ihre Angriffe auf die Demokratien (Plural!) nicht einfach abzuwehren, sondern zu verstehen, was man da abwehrt, wie eine lernäische Schlange mit vielen Köpfen.

Noch eine weitere These, muss hier nicht ausführlich diskutiert werden: die globalen Diktatoren Trump, Putin, Xi, sind keine Faschisten, sie sind in ihrer Struktur „offene“ Diktatoren, die sich aller Varianten annehmen können, aber von Faschisten aller Art unterstützt werden und letztlich auch die Demokratien, die von ihnen abhängen, bekämpfen.

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Nach Deutschland: Ich hatte schon früher von einem faschistoiden Flügel innerhalb der demokratischen Parteien, vor allem der CDUCSU geschrieben. Dass die konservative Partei nicht fortschrittlich ist, gehört zur Bandbreite der Demokratie. Dass sie unterwandert wird, ist nicht automatisch „konservativ“. Dobrindt, Klöckner, Weimer u.a.gehören dazu. Interessant und auch historisch unterlegt, dass rechte Politiker wie Markus Söder sich von der AfD und den Faschisten scharf abgrenzen, das erinnert an den rechten Gegner früherer faschistischer Parteien, ein Gärungs- und Klärungsprozess. Um es klar zu machen. Nur die AfD und kleine lokale Gruppen sind Faschisten. Aber es ist nicht zu leugnen, dass der Faschismus und faschistische PolitikerInnen in die demokratischen Schwachstellen, ich nenne sie einmal „Dünnhäutigkeit“, eindringen und dort agieren.

Weimer agiert um das kulturelle Eck herum: er will mit einer Fülle von Drohungen, Diffamierungen und finanziellem Druck die Freiheit der Kultur in der Demo0kratie beschränken und die Kultur autoritär verändern. Adresslisten, Namenslisten sind da mindestens so gefährlich wie der verlogene Bezug zum Verfassungsschutz bei Buchhandlungen. Interessant sind die liberalen Kommentare der Süddeutschen Zeitung vo vom 21.3.: „Die Rache der Buchbranche“ und „Extremisten überall“, S.9. Es geht um mehr als um Rüpeleien. Und in Bezug auf unterschiedliche Handlungskonzepte kann man ja die Kulturpolitik von Mussolini vor Hitler mit der von Hitler und mit der anderer Staaten damals wie heute vergleichen. Aber lasst euch nicht davon täuschen, dass Weimer nur zum rechtlich einwandfreien konservativen Kulturschwenk der Regierung Merz zählt. Hier kann viel an Lebensumwelt zerstört werden.

Ergänzung;

Sehr aktuelle Faschismus-Überlegungen hat Prof. Rainer Mühlhoff, Philosoph an der Uni Osnabrück, auch im Zusammenhang mit A1 geleistet. Wichtig, weil zu wenig im Vordergrund der kritischen Überlegung (DLF 22.3 8.3.)

Und: erstaunlich, wie wenig die Menschen hier über die Unterordnung deutscher Politik (Bundesländer, wahrscheinlich bald auch Bundespolitik) unter Palantir wissen (Home | Palantir). Sein rechts–libertärer Industrieller, deutsch-amerikanischer Unternehmer und Mythologe Peter Thiel hat erheblichen Einfluss, auch wenn er angeblich nicht bei Palantir eingreifen wird Peter Thiel – Wikipedia, Palantir: Warum die Firma von Peter Thiel so umstritten ist ; https://www.focus.de › wissen › der-unterschaetzte-milliardaer-hinter…

F-Wort. Auch wichtig

Der Faschismus hat nicht am 8.5.1945 geendet und er hat nicht 1933 mit Hitlers Machtübernahme begonnen. Dazu habe ich viele Blogs geschrieben und es treibt mich um. Auch weil Kritiker meines Gebrauchs des F-Wortes seit langem keine Alternative entwickeln oder zur Anwendung empfehlen. F bleibt also, und die F-Ableitungen aus der späten NS-Herrschaft sind auch einseitig bzw. verkürzt, Faschismus ist breiter, und anders.

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Ich bleibe dabei, dass ein Teil der 0,8 Regierung von Merz einen F-nahen Flügel hat. Das können wir im Detail diskutieren, und ich spreche von einem Teil, nicht der Hauptlinie. Auch gibt es „Rechte“, die keine Faschisten sind. Man muss schon genau sein. Mein Problem ist Wolfram Weimer, Staatsminister. Er unterscheidet sich von Weimar wie Lenz vom Frühling, also keine Wortwitze. Ich bringe ihn mit F in Verbindung, und da muss man schon etwas zurückgehen, in die Nachkriegszeit und in Zeit vielfältiger Faschismen, in Italien, in Österreich, fast überall in Europa. Weimer geht mit der Kultur ein wenig um wie Mussolini vor der Unterwerfung durch Hitler. Das ist ein ambivalentes Urteil, kein einfacher Vorwurf. Die Faschisten haben damals gegen die demokratische Kultur gearbeitet, politisiert, teilweise gewütet. Aber sie haben nicht die s-w-Politik der NS angewendet, haben oft Überleben unter sträflichen Bedingungen erlaubt, waren überhaupt vorsichtiger und wahrscheinlich weitsichtiger. Das entschuldigt so gut wie nichts. Aber es erklärt einiges.

Weimer hat viele Institutionen gefördert, hat sie aus engen Zwängen befreit, und sie sich zum Teilabhängig gemacht, (noch) nicht unterwürfig. Aber in letzter Zeit wird deutlich, dass seine Strategie anderswohin zielt. Die ZEIT titelt zu Recht „Und wo bleibt die Freiheit?“ Balzer u.a.,# 12, 12.3.2026. Nehmen wir nur die Fälle gegen Tricia Tuttle und gegen die Jury in der Buchhandels-Unterstützung, ich sage dazu noch den gestoppten Bibliotheksausbau in Sachsen. Die Kulturschaffenden sind etwas ratlos, so etwas geht, aber „So werden viele, die von Zuwendungen abhängig sind, zusehends vorsichtiger und mutloser. Und sie fragen sich: Welchen Künstlern kann man noch Preise verleihen?“

Dazu muss man keine Meinung beschließen, man sollte sich vorher genauer umsehen. Beispielsweise wie die Kultur sich zur Politik verhalten kann, darf und soll. Man will ja weder die staatlich Kulturdominanz noch die private bzw. privatisierte Förderung der Kulturverbreitung. Schon allein das muss Widerspruch, Kritik, Alternativen, Zuspruch und Abwendung ertragen, vertragen, aber die Politik darf hier nicht verbietend eingreifen bzw. die Förderung von Unterwerfung abhängig machen. Ist es denn so weit? Man muss, ich will, hier äußerst sensibel und vorsichtig sein, denn wenn das Misstrauen einmal verankert ist, wird Kulturförderung schwierig. Würden Sie in eine Jury gehen, die ein Minister in ihren Beschlüssen beschneidet? Im konkreten Fall geht es um „verfassungsgemäßes“ Misstrauen gegen die Jury, gar nicht schon gegen die Geförderten.

Man muss den Faschismus in seiner Doppelstruktur als Partei und Bewegung – da steht er nicht allein, auch heute nicht – verstehen. Er hat immer vor allem die an sich gebunden, die sich von den Parteien nicht vertreten oder auch gewürdigt gefühlt haben, natürlich auch dank Ideologie und Populismus. Aber seine Herrschaft kommt nicht aus dem Populismus, sondern der Demokratiefeindlichkeit – Hier kann man viele Einsichten in die gegenwärtige Situation und ihre Genese erwerben, bevor man zu Schlüssen kommt: Zum Einstieg empfehle ich: Umberto Eco: Der ewige Faschismus (Hanser 2020), Bach & Breuer: Faschismus als Bewegung und Regime (VB 2010). Man kann auch unangenehme Biographien dazu nehmen, wie Curzio Malaparte {Donadio, 2026 }. Besonders wichtig erscheint mir, dass man vom alt-linken Sprech abgeht, bei dem der Faschismus einfach rechts ist, und der Antifaschismus also links. Die DDR war dafür ein besonders schlechtes Beispiel, aber Westen und die BRD nach 1945 auch.

Und das alles zu Wolfram Weimer? Ja, weil man durch ihn hindurch zu den Macht- und Ideenstrukturen hinter ihm schauen muss. Vor allem: so wenig wie die meisten wichtigen Politiker: er ist nicht dumm, im Gegenteil. Aber das waren die wichtigsten Faschisten auch nicht. Und ihre Handlanger und Pundits konnten ruhig dumm sein, wenn sie nur die Ideologie der Herrschaft vertreten und umsetzen konnten.

Dazu kann man ja Analogien zur Gegenwart ziehen. Mir geht es auch darum, den Diktatoren in der Politik und den Influencern der Kultur und Zivilisation gleichermaßen keine Adjektive umzuhängen, denn es gehört zur Machtausübung, seine Erscheinung beliebig zu verändern. Wen hat Mussolini, Goebbels, Stalin, …aber auch Trump und Xi und Putin „zufällig“? gefördert, begnadigt, fliehen gelassen oder eben nicht verfolgt?

Und da ist ein wichtiger Unterschied für uns, konkret für uns in Deutschland, im meisten Teil der EUÖ wer können und sollten diese Frage nicht so stellen. Das ist in den Diktaturen anders. Deshalb: Dem Wolfram Weimer kann man schon ein paar Eigenschaften zusprechen, aber versucht es mal aufrichtig? Gar nicht so einfach. Noch hat er sich nicht durchgesetzt, aber mit ihm und anderen untergräbt die Lenzregierung das Vertrauen der Kultur in die Politik und vice versa. Das ist auch wichtig.

Hinweis: «Deutschland verrecke bitte» – Bremer Buchhandlung in Kritik

Früh gelernt, spät erkannt

Alles hängt von der Klasse, der Schicht, den Umständen des Aufwachsens ab, fast alles. Wo man nicht reich, aber gesettelt war, konnte Bildung einen Aufstieg befördern, und das musste früh beginnen. Ich hatte da Glück und deshalb wurde früh und viel gelesen, von mir, nicht vor-gelesen. Und natürlich zählte schon früh die Lyrik zum Einstieg, bei mir waren es Rilke und Trakl und erst später Brecht, und eine frühe Abneigung gegen Goethe. Auf den Rilke will ich zu sprechen kommen. Denn so gut ich ihn schon früh gelesen hatte und nachahmen wollte, so wenig ist mir seine wirkliche Biographie eingegangen, aber es gehörte auch zur „Bildung“ etwas über Worpswede, Paris, Rodin, Russland zu erfahren…In Soglio saß ich an seinem Schreibtisch, zu seinem Grab bin ich nach der Alpenüberquerung später gewandert, aber da hatte ich auch schon seine komplizierte Biographie etwas genauer gelesen und gekannt, seine Anbiederung an den Faschismus in Italien, und ganz neu war mir, aus anderen Biographien entnommen, Heideggers Verbindung mit Rilke.

Das hat mich – wie auch anderswo – durchaus gelehrt, zwischen dem Lebenslauf und dem Werk zu differenzieren, und es gilt natürlich immer.

Warum schreibe ich das, und hier? Weil mir auffällt, dass auch in der Kunst, aber vor allem in der Politik, die Vermischung von Persönlichkeit und Produkt seltsame Auswüchse erzielt, vor allem, wenn einem Politiker/innen unsympathisch sind, dann können sie oft gar nicht richtig handeln, und bei beliebten Angehörigen dieses Berufs sind viele Entscheidungen, auch wenn sie erkennbar falsch oder unsinnig sind, schon akzeptiert. Die populistische Abkehr von der Politik, die dann weitgehend, aber nicht nur, ins rechtsradikale Lager führt, verallgemeinert die Antipathie zu scheinbar politischen Entscheidungen.

Warum ich mich damit auseinandersetze, ist klar: Die Qualität von Arbeit, Politik, Literatur etc. wird unmittelbar an die Produzentin oder den Akteur gebunden, und dann kommt der Kurzschluss: der schlechte Politiker ist dümmer oder bösartiger als – „ich“, „wir“. Man hat nur dann Schwierigkeiten, wenn ein verachteter, böser etc. Politiker oder Künstler doch etwas unablehnbar gutes produziert, das man auch dann anerkennen muss, wenn man den Produzenten ablehnt. Übrigens, im Nebensatz: das funktioniert im etwas anachronistischen Links-Rechts-Bewusstsein am schnellsten und wirksamsten. In der Literatur ist das mittlerweile nicht nur bekannt, sondern wird auch kritisch und mit Varianten bearbeitet. Aber in der Politik hat man den Eindruck, als drifteten die Positionen und damit die persönlichen Zuordnungen immer weiter auseinander. Das bedeutet nicht, dass die richtige Politik immer schon mit einem Durchschnittskompromiss gemacht werden soll. Es bedeutet, dass zustimmende und abgelehnte Ansichten auch dann Kommunikation und weitere politische Praxis bedeuten, mwenn man nicht jedes Ergebnis in Macht und Dominanz umdeuten kann. Ein negatives Beispiel dafür ist die FDP in der alten Regierung, die sich weder in den Kompromiss noch in ihre Herrschaftseinbindung einbringen konnte und wollte. Aber auch andere Parteien geben genügend Beispiele dafür her. Und es profitieren immer die radikalen Randparteien, die sich nur aus der negativen Bewertung des Vorherrschenden entwickeln.

Ein politischer Freund, der hier eine präzise und wirksame Position dagegenhält, ist Daniel Cohn-Bendit, jetzt schon über 80, der daran festhält, dass und wie man nie mit einem Kompromiss zu verhandeln beginnt, sondern ein Ergebnis braucht, das dann natürlich meist die eigene reine Lehre nicht abbildet.

Und an den denke ich auch, wenn ich das mit Rilke begonnen habe. Dessen Lyrik wird für mich vielleicht differenzierter aber nicht schlechter, wenn ich seine politischen Verknotung auch aufnehme, die ich früher nicht gekannt habe.

Krisenmenu und Fastenpolitik

Olympia ist vorüber. Der Stammtisch und die halbfertige Politik brauchen neue Diskussionsformate…Wenn es so einfach wäre (Stammtisch) oder so pragmatisch (Politik). Hinter diesen Plakaten verbergen sich Angst, Unsicherheit, und sehr viel Gleichgültigkeit – aber die nicht aus Charakterschwäche, sondern aus einer scheinbaren Einsicht, dass man ohnedies nichts mehr machen kann. Die Umwelt wird unumkehrbar dem Wirtschaftswachstum, der weltweiten Kriegen und der persönlichen Lebensführung der Gegenwart geopfert und marginalisiert. Die Demokratie wird nicht weiterentwickelt, sondern auf lokale Wahlen in der Umsetzung auf Politik reduziert und macht zunehmend Platz für faschistische und populistische Eroberungen. Über Widerstand und demokratische Selbsteinbringungen – aktive Beteiligung! – wird zwar diskutiert, aber zu wenig getan, oft nicht, weil man nicht will, sondern weil man nicht weiß wie. Ist das alles grausig? Ja, ist es – und doch wieder nicht.

Man kann, wir können, das alles auch ganz anders sehen. Nicht etwa, dass sich bei Ökologie, Ökonomie, Frieden etc. doch etwas zum Guten wendet, vor unseren Augen, und ohne unsere Hände, sondern, paradox, dass der Abbruch der Zivilisation vielleicht doch in einer zivilisierten, humanen Weise geschieht. Human, nicht gerade humanistisch, was man sich wünschen könnte. zum Guten kann ja vieles bedeuten.

Ich denke, dass mit Blick auf unsere Kinder und Enkel, aber auch auf unsere Einwanderer die Politik eine Haltung des „Als Ob“ einnehmen sollte, als ob wir die Zukunft noch wirklich gestalten könnten und nicht in der Opiumhöhle gegenwärtiger Passivität angstvoll betrachten. Gehen wir einmal vom Niedergang Europas, weltpolitisch, klimatisch sozial, aus – so sagen es die Wissenschaften und die Politik der anderen Kontinente voraus, dann ist die Alternative ein neues Fahrenheit 451, eine Form von kulturellem Überleben, die uns – Abstieg oder nicht – am aktiven Leben hält. Das bedeutet auch den Widerstand gegen die kapitalistische Gegenwartsanbetung und gegen die Diktatoren, deren Tod wir ja gar nicht befördern müssen, die sterben von alleine, und da ist etwas wichtig: nicht schon jetzt ihre Nachfolger, die neun Köpfe der lernäischen Schlange, so zu behandeln, als wären sie schon an der Macht und würden uns ähnlich beherrschen wie die jetzigen Diktatoren. Anders als diese müssen wir auf eine Zukunft setzen, siehe oben: Kinder, Enkel, Immigranten. Das können die Selbstherrscher nicht. Auch nicht mit Robotern, Algorithmen und Unterdrückung: sie sind an ihre Gegenwart gebunden. Und wir haben zur Zukunft auch noch eine Vergangenheit, die wir in unsere Gegenwart einbringen können. Kritisch bitte, nicht planierend.

Ich sags ironisch: wenn man schon eine Alternative zur humanen Phase des Abgleitens sucht, dann keine spirituelle oder pessimistische. Das geht nur moralisch und politisch, nicht unbedingt mit der Konfrontation der pragmatischen Politik mit einer unpraktischen Moral. Klingt nach Philosophie, meint aber Überleben für die nähere Zukunft – siehe oben. In meiner 68er Jugend hätte man gesagt: nicht der Ideologie anhängen, sondern die eigene Realität einbringen. Das musste ich mühsam lernen, andere auch.

Ich hoffe darauf, dass unsere Lebenspraxis eine Überlebenspraxis wird, die nach uns noch Chancen eröffnet, nicht schon heute einengt. Überleben kostet Anstrengung, vielleicht Opfer, sicher auch Selbstkritik – und den Kampf gegen die Beruhigungsstrategien der Weltwirtschaft im Kleinen, im Persönlichen. Widerstand hilft auch gegen Angst, man muss sie nur orten und erkennen können.